Sokrates und sein Prozess – Felix Pirner

Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)
Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)

Nach dem Peloponnesischen Krieg fragten sich die Athener, wer das Land derart in Not und Niederlage gebracht habe. Die schuldigsten erschienen ihnen jetzt die beiden, denen sie vordem am lautesten zugejubelt hatten: Der nichtsnutzig verwegene Alkibiades und der brutale Kritias, einer der Dreißig Tyrannen. Beide waren freilich schon tot, beide aber auch Schüler dieses Sokrates, der noch immer auf allen Gassen stand und den biederen Bürgern seine Redensarten anhing. Man warf ihm vor, er treibe es nicht anders als die Sophisten. Und den Sophisten war nichts zu groß, nichts zu alt, heilig und ehrwürdig, dass sie nicht ihr freches Wort dagegen warfen, die Jugend zu gleichem Frevel verführten und so allmählich die Grundlagen des Staates unterwühlten. (mehr …)

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Der Prozess der Sokrates – Kapitel 1: Der Philosoph – Felix Pirner

Sokrates - ProzessUnter den tausendmal tausend Halmen der Wiese blüht immer wieder eine seltene, einzigartige Blume. So auch ersteht inmitten der Menschen immer wieder ein stiller, nachdenklicher Mann, ein Weiser, ein Philosoph. Er braucht nicht gelehrt zu sein, kein Examen zu bestehen, keinen großen Geldbeutel zu besitzen. Auch ist er an kein Volk, keine Zeit und an keinen Stand gebunden. So war im alten Rom der gewaltige Heerführer und Kaiser Marc Aurel ein begnadeter Philosoph, aber der arme schlesische Schuster Jakob Böhme, der vierzehnhundert Jahre später lebte, war es nicht minder. Wie ein granitenes Mal steht immer wieder ein Weiser auf dem Jahrmarkt des Lebens. So vielgestaltig die Welt des Philosophen sich auch darbietet, so einheitlich blieb sein Gesicht von der fernsten Urzeit bis in unsre Tage: Der Philosoph erfährt Lust und Leid, Sehnsucht, Liebe, Geburt, Tod, Irrtum und Wahrheit in und um sich wie jeder andere. Er weicht dem Leben nicht aus, er geht auch nicht darin unter. In aller wirren Vielfalt sucht er die Einfalt und das Gesetz. Zu lauschen, zu schauen ist ihm gegeben. Wo andere nur obenhin sehen und hören und weiter rennen, verweilt er und forscht hinter den blinkenden Schein und drängt zum Grund aller Wesen. Auch beugt er sich zum Staub und hebt auf, was keinem sonst des Aufhebens wert scheint. Und was er so aufhebt, erlauscht, erschaut, das trägt er zusammen in sein Innerstes. Wie auf Dürers Bild „Hieronymus im Gehäuse” lebt der Philosoph in der Geborgenheit seiner Seele, indes hinter den bunten Butzenscheiben draußen das Leben tobt, indessen Löwe wie Hund, Leidenschaft, Gier und Wildheit eingeschlafen liegen. Er sitzt und knüpft das Getrennte zusammen, ordnet und windet den Kranz um die Stirne der Gottheit. Und diese Stille und Geborgenheit, sein „Gehäuse”, trägt der Philosoph dann überall und immer mit sich. Die um ihn leben, wissen es nicht und spüren doch die Wohltat. Denn es ist gut mit ihm leben, man meint sich irgendwie gehegt und geborgen und trägt leichter, was man zu tragen hat. Nicht verstoßen, verfluchen, verzweifeln ist seine Art, sondern trösten, beistehen, aufrichten, das liegt ihm an. Erfolgreich im kaufmännischen Sinne, also reich an münzbaren Erfolgen wird der Philosoph nicht sein. Dafür beschäftigt ihn zu viel, was nur der Seele dient. Er wird aber auch niemand zur Last fallen, oder, wenn er schon eines andern Brot isst, wird er königlich dafür bezahlen mit einem Geschenk aus seiner Seele. (mehr …)

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