Walter Flex: Wolf Eschenlohr – Die Wunschbüblein – Ein Märchen

Fee auf einem Gemälde von John BauerDie Wunschbüblein
Ein Märchen

Eine Witwe hatte zwei schöne Knaben, ungleich an Art und Alter. Der ältere war zwölfjährig, hatte schwarzes Haar, graue Augen und eine schöne klare Stirn. Der jüngere aber zählte kaum sieben Jährlein, hatte weiches, lockiges Blondhaar und blaue Augen und lachte den ganzen Tag wie ein zwitscherndes Vöglein.

Eines Morgens, als die Frau in ihr Gärtlein trat, sah sie in Tau und Blüten ein Nestlein aus wilden Rosenblüten, ein zartes, rosa Vogelbettlein. Darin lagen zwei Eier, kaum größer als Dohleneier, eins blau wie der Himmel, eins grau wie eine Wolke.

Während die Frau noch auf ihren Knien kauerte und das holde kleine Wunder bestaunte, hörte sie ein klares, helles, singendes Tönen in den Lüften. Sie sah auf und gewahrte einen großen Vogel, der schön wie ein leuchtender Traum durch das feuchte Blau des Maimorgens zog. Er rührte seine regenbogenfarbenen Schwingen kaum sondern hielt sie ausgebreitet, und die reine, klare Sonnenluft sang in ihnen wie in den Saiten einer Windharfe.

Da erinnerte sich die Frau einer Ammenweisheit aus Kindertagen: Wer die Eier des Vogels mit den Regenbogenschwingen in seinem Garten auf einem Nest von frischen Rosenblättern finde, könne leicht sein Glück machen. Die Eier seien Wunscheier, und was einer träume, während der Vogel brüte, das schlüpfe aus den zarten Schalen, sobald sie brächen. (mehr …)

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Mkwule – Die zwei ersten Menschen – Legenden und Märchen aus Afrika

Mkwule
Die zwei ersten Menschen

Libestanz: Kau-Nyaro Nuba
Libestanz: Kau-Nyaro Nuba

Oben bei Gott waren viele Menschen. Gott sprach: »Auch auf Erden sollen viele Menschen sein«, und schleuderte zwei reife Menschen herab. Einer war Mann, der Gefährte Weib. Er warf sie herab mit geringem Samen jeglicher Art und einem Körnlein zur Nahrung. Gott sprach zu ihnen: »Mahlt ein Körnlein Getreide, verdeckt es mit der Schwinge.« Als sie diese abhuben, fanden sie viel Getreide, sich zwei Tage zu sättigen. Zuspeise war ihnen Spinat, Kürbis und Bohnen. Gott gab ihnen auch zwei Fische. Sie setzten diese in das Wasser, worin die Fische ihnen zur Nahrung sich vermehrten.

Die Unschuld

Im Beginn wußten sie nichts vom Zeugen. Eines Tages sprach die Frau zum Manne: »Eine Wunde trage ich im Leib, siede Wasser sie zu waschen.« Er sott, wusch, wusch. Die heilte nicht. Er sprach: »Was ist dies, die Wunde schließt sich nicht.« Gott sah die Menschen, was sie taten und sprach: »Einfältig sind sie, auf daß ich ihnen den Sohn der Weisheit sende, sie zu lehren.« So schwoll das Knie des Weibes, schwoll, schwoll. Eines Tages kam ein Kind hervor. Der Weise, der Kennende. Da er auf Erden fiel, begann er zu sprechen: »Was du wäschst, ist nicht Wunde. Erkenne das Weib, daß es einen Menschen gebäre.« Der Mann ging, erkannte sein Weib, das ein Mädchen gebar. (mehr …)

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Weiberworte trennen Fleisch und Bein – Märchen aus China

Charles Maurice Detmold (1883-1908) - Vogel Rokh - 1924
Charles Maurice Detmold (1883-1908) – Vogel Rokh – 1924

Es waren einmal zwei Brüder, die wohnten in demselben Hause. Der Große hörte auf die Worte seines Weibes und kam darob mit seinem Bruder auseinander. Der Sommer hatte angefangen, und es war Zeit, die hohe Hirse zu säen. Der Kleine hatte kein Korn und bat den Großen, ihm zu leihen. Der Große befahl seinem Weib, es ihm zu geben. Die nahm das Korn, tat es in einen großen Topf und kochte es gar. Dann gab sie es dem Kleinen. Der Kleine wußte nichts davon, ging hin und säte es auf seinem Felde. Da aber das Korn gekocht war, kamen die Halme nicht hervor. Nur ein einziger Same war noch nicht gar gewesen; so wuchs ein einziger Halm in die Höhe. Der Kleine war arbeitsam und fleißig von Natur, darum begoß und behackte er ihn den ganzen Tag. Da wuchs der Halm mächtig wie ein Baum, und eine Ähre brach hervor wie ein Baldachin, so groß, daß sie einen halben Morgen Landes beschattete. Im Herbste ward sie reif. Da nahm der Kleine eine Axt und hieb damit die Ähre ab. Kaum war die Ähre auf den Boden gefallen, da kam plötzlich ein großer Vogel Rokh rauschend heran, nahm die Ähre in den Schnabel und flog davon. Der Kleine lief ihm nach bis an den Strand des Meeres. (mehr …)

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Daumesdick – Ein Märchen aufgezeichnet von den Brüdern Grimm

Daumesdick - Otto Ubbelohde
Daumesdick – Otto Ubbelohde

Es war ein armer Bauersmann, der saß abends beim Herd, und schürte das Feuer und die Frau saß und spann. Da sprach er: »Wie ist’s so traurig, daß wir keine Kinder haben! Es ist so still bei uns und in den anderen Häusern ist’s so laut und lustig.« »Ja,« antwortete die Frau und seufzte, »wenn’s nur ein einziges wäre und wenn’s auch ganz klein wäre, nur Daumens groß, so wollt ich schon zufrieden sein; wir hätten’s doch von Herzen lieb.« Nun geschah es, daß die Frau kränklich ward und nach sieben Monaten ein Kind gebar, das zwar an allen Gliedern vollkommen, aber nicht länger als ein Daumen war. Da sprachen sie: »Es ist wie wir es gewünscht haben und es soll unser liebes Kind sein,« und nannten es nach seiner Gestalt Daumesdick. Sie ließen’s nicht an Nahrung fehlen, aber das Kind ward nicht größer, sondern blieb wie es in der ersten Stunde gewesen war; doch schaute es verständig aus den Augen und zeigte sich bald als ein kluges und behendes Ding, dem alles glückte was es anfing. (mehr …)

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