Chor der Toten – Conrad Ferdinand Meyer

Wir Toten, wir Toten sind größere Heere Als Ihr auf der Erde, als Ihr auf dem Meere! Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten, Ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten, Und was wir vollendet und was wir begonnen, Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen, Und all unser Lieben und Hassen und […]

Marie-Luise Weissmann – Das Mädchen spricht

EINS Es spürt mich Einer in allem Rosenduft, Ahne ich manchmal. Und er sucht mich auch In Fliederblüten und den blauen Glocken. Aber ich weiß mich selber nicht. Ich will ihm gerne beide Hände reichen; Nur meine Glieder sind so unbeschwert, Daß ich mir immer wie ein Wind entgleite. Ich glaube, daß ich noch nicht […]

Hinwenden oder Ausbrennen

Die gerade glasklare schnelle Autobahn Verlockend Das Ziel vor Augen Die Strecke kennend Auf der Strecke bleiben Die Leistung badet im Erfolg Die Seele kracht ans Ziel Nicht ihr Ziel Ich werde das dann schon schaffen Nur noch das nächste Ziel Danach wird es besser Sagt das Ich Gewiss Die weiche atmende unübersichtliche Seele Flehend […]

Liebe – Erich Mühsam

Die Männer, welche Wert auf Weiber legen, tun dieses leider meist der Leiber wegen. Man wollte sie zu zwanzig Dingen in einem Haus in Danzig zwingen. Da war das Fräulein Liebetraut, das an den Folgen einer Traube litt. Quälend rumorten ihre Triebe laut, weshalb sie schnell in jene Laube tritt. Dem Mädchen in der Bäckerei […]

Clara Müller-Jahnke – Glut

Mit roten Kressen hatt‘ ich mich geschmückt – du hast sie jäh an deiner Brust zerdrückt. Mit bleichen Wangen bot ich dir den Gruß – in Flammenwogen tauchte sie dein Kuß. Mit ruhigem Herzschlag trat ich zu dir her, – und nun, und nun: ich kenne mich nicht mehr…. Nun lachst du mich verstohlen an […]

Max Dauthendey – Holzflöße

Es sind Holzflöße den Fluß herabgekommen, Die sind über die Spiegelbilder der Ufer geschwommen. Es sind tote Wälder, die den Fluß hinabgleiten, Schiffshölzer, die bald in die Salzmeere reiten, Tote Leiber, um die einst grüne Kleider gehangen, Über deren Falten die Sonne streicheln gegangen. In ihren Brüsten sangen die Vogelscharen, Und ihre Brüste voll singender […]

Christian Morgenstern – Einen Freund trösten

Einen Freund über seinen Liebeskummer zu trösten Wir müssen immer wieder uns begegnenund immer wieder durch einander leiden,bis eines Tages wir das alles segnen. An diesem Tage wird das Leiden weichen,das Leiden wenigstens, das Blindheit zeugte,das uns wie blinden Wald im Sturme beugte. Dann werden wir in neues Ziel und Lebenwie Flüsse in ein Meer […]

Joachim Ringelnatz – Ritter Sockenburg

Joachim Ringelnatz – Ritter Sockenburg Wie du zärtlich deine Wäsche in den Wind hängst, liebes Kind vis a vis, diesen Anblick zu genießen, geh ich, welken Efeu zu begießen. Aber mich bemerkst du nie. Deine vogelfernen, wundergroßen Kinderaugen, ach erkennen sie meiner Sehnsucht süße Phantasie, jetzt ein Wind zu sein in deinen Hosen-? Kein Gesang, […]

Bretter, die die Welt bedeuten & Schillers "An die Freunde"

Diese Formulierung stammt aus Friedrich Schillers Gedicht An die Freunde:     „Sehn wir doch das Große aller Zeiten Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, Sinnvoll still an uns vorübergehn. Alles wiederholt sich nur im Leben, Ewig jung ist nur die Phantasie; Was sich nie und nirgends hat begeben, Das allein veraltet nie!“ Mit diesen […]

Joachim Ringelnatz – Nie bist du ohne Nebendir

Eine Wiese singt. Dein Ohr klingt. Eine Telefonstange rauscht. Ob du im Bettchen liegst Oder über Frankfurt fliegst, Du bist überall gesehen und belauscht. Gonokokken kieken, Kleine Morcheln horcheln. Poren sind nur Ohren. Alle Bläschen blicken. Was du verschweigst, Was du den andern nicht zeigst, Was dein Mund spricht Und deine Hand tut, Es kommt […]