Hanns Heinz Ewers – Schlangenanbeter und Schlangenbeschwörer – Erzählung

Der Schlangenanbeter auf dem Marktplatz in Theben, 1912. Tusche, Buntstifte, collagiertes Silberpapier,- Franz Marc Museum, Kochel a. See. Franz Marc Stiftung, Schenkung Stiftung Etta und Otto Stangl; © Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2
Der Schlangenanbeter auf dem Marktplatz in Theben, 1912. Tusche, Buntstifte, collagiertes Silberpapier,- Franz Marc Museum, Kochel a. See. Franz Marc Stiftung, Schenkung Stiftung Etta und Otto Stangl; © Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2

Es gibt keine Religion auf Erden, in der die Schlange nicht eine Rolle spielte. In der jüdischen Religion – und mit ihr sowohl in der christlichen wie der mohammedanischen – ist sie ein Bild des bösen Prinzipes, des Teufels. Sie reicht der Eva mit süßen Worten im Paradiese den gefährlichen Apfel, und nach Tausenden von Jahren erfüllte der Nazarener das Wort: er wird ihr den Kopf zertreten, aber sie wird ihn in die Ferse stechen. In der christlichen Kunst ist dann die Schlange ein sehr beliebtes Objekt geworden; allein die Bilder des ersten Sündenfalles zählen nach vielen Tausenden. Im Buddhismus gilt die Kobra als heilig und wird immer wieder mit Buddha abgebildet; meist ist die Szene gewählt, wo der Erleuchtete mit untergeschlagenen Beinen dasitzt, während die große Brillenschlange, um ihn vor der Sonne oder auch vor dem Regen – die Legende wird verschieden erzählt – mit ausgebreitetem Schirme zu schützen, sich hinter ihm hoch aufrichtet. Hat doch der Hindu von alters her die Nagas verehrt, die Schlangengötter, die zuerst Buddha nachstellten, dann aber von ihm bekehrt zu sehr eifrigen Anhängern werden. Eine Menge von afrikanischen Negervölkern erweist ebenso der Schlange göttliche Verehrung, dasselbe finden wir bei vielen Kanaken, Papuas, Melanesiern und Polynesiern. Der Vaudouxkult der christlichen Haitineger verehrt die Schlange, ›houdon badagri‹, als Johannes den Täufer; ihr – oder ihm – werden die Opfer des »ungehörnten Bockes«, d. h. die Kindesopfer, gebracht. Sehr stark ist die brahmanische Religion mit dem Schlangenkult durchsetzt, wie denn auch Indien das Stammland aller Schlangenbeschwörer und Schlangengaukler ist. (mehr …)

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