Marya Konopnicka ∈ Ksawery [Xavier dt.] ∈ 1902

Portret_Marii_Konopnickiej-Maria Dulębianka (1861-1919)Ich kann nicht sagen, daß er ein Idiot gewesen wäre; immerhin aber hatte er viel weniger Verstand, als sonst die Leute auf dem Lande zu haben pflegen.
Ja, noch mehr, dieser Verstand war von einer ganz anderen Gattung! Vielleicht schlechter, vielleicht besser – das ist schwer zu sagen; sicher ist, daß er daraus weder eine große Hilfe, noch eine große Freude im Leben gewann.
Er konnte zum Beispiel lesen und das nicht nur in der Bibel, sondern im Evangelienbüchlein und in den Legenden der Heiligen. Er verstand das Geschriebene, konnte das Ministrieren von a bis z so gut, daß er auch, sei’s um Mitternacht, sei’s mit geschlossenen Augen wußte, wo ein Amen, wo etwas anderes hingehörte. Alle Lieder, von den Rorategesängen bis zu den Osterliedern traf er auswendig und wenn’s auf das Weihbecken ankam, so hatte er einen »Strich« als sei er zum Mesner geboren. (mehr …)

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Hans Christian Andersen – Das Glück kann in einem Holzstückchen liegen

Carl B. Lorck's Verlagshaus in Leipzig: Gesammelte Märchen. Mit 112 Illustrationen nach Originalzeichnungen von V. Pedersen. In Holz geschnitten von Ed. Kretzschmar, veröffentlicht Dezember 1848

trennlinie2Jetzt will ich eine Geschichte vom Glück erzählen. Wir alle kennen das Glück: einige sehen es jahraus, jahrein, andere nur in gewissen Jahren, an einem einzelnen Tage, ja, es gibt sogar Menschen, welche es nur ein einziges Mal im Leben sehen; aber sehen tun wir es alle.

Nun brauche ich nicht zu erzählen, denn jeder weiß es, daß unser Herrgott das kleine Kind bringt und es einer Mutter in den Schoß legt; das kann in dem reichen Schlosse und in der Wohnung des Wohlhabenden geschehen, aber auch auf freiem Felde, wo der kalte Wind weht – aber nicht jeder weiß, und dennoch ist es gewiß, daß unser Herrgott, wenn er das Kind bringt, auch eine Glücksgabe für dasselbe mitbringt; aber diese liegt nicht in die Augen fallend neben ihm, sie liegt irgendwo auf der Erde, wo man sie am wenigsten zu finden erwartet, und doch findet sie sich immer; das ist das Erfreuliche. Sie kann in einen Apfel gelegt sein, und sie war es für einen Gelehrten, welcher Newton hieß. Der Apfel fiel, und da fand er sein Glück. Kennst du die Geschichte nicht, so bitte den, der sie kennt, sie dir zu erzählen; ich habe eine andere Geschichte zu erzählen, und das ist eine Geschichte von einer Birne. (mehr …)

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Edgar Allen Poe – Wassergrube und Pendel – Verbrechergeschichte

Felix Vallotton - Edgar Allen Poe - 1895 - Art Nouveau (Modern)
Felix Vallotton – Edgar Allen Poe – 1895 – Art Nouveau (Modern)

trennlinie2Ich war krank – erschöpft und todkrank infolge der langen Todesangst –, und als man mir die Fesseln löste und mir erlaubte niederzusitzen, fühlte ich, daß mir die Sinne schwanden. Das Urteil, das entsetzliche Todesurteil war der letzte Ausspruch, den meine Ohren deutlich vernahmen. Hiernach schmolzen die Stimmen der Richter in ein traumhaftes, ununterbrochenes Summen zusammen, das in meiner Seele die Vorstellung eines Kreislaufs erweckte – vielleicht weil es an das Sausen eines Mühlrades erinnerte. Das dauerte nur kurze Zeit, denn bald hörte ich nichts mehr. Doch sah ich noch eine Zeitlang – aber in welch seltsamer, schrecklicher Verzerrtheit erschien mir alles! Ich sah die Lippen der schwarzgekleideten Richter. Sie erschienen mir weiß – weißer als das Blatt, auf das ich diese Worte schreibe – und dünn bis zur Groteske; dünn und grausam fest geschlossen, dünn in unbeweglicher Härte, in strenger Verachtung aller Menschenleiden. Ich sah, daß Aussprüche, die mein Schicksal bedeuteten, noch immer über diese Lippen kamen, sah, wie sie sich im Sprechen des Todesurteils verzerrten. Ich sah sie die Silben meines Namens bilden, und ich schauderte, weil kein Laut zu hören war. Ich sah auch für ein paar Augenblicke wahnsinnigen Schreckens das leise, kaum wahrnehmbare Schwanken der schwarzen Stoffe, mit denen die Wände des Gemachs bekleidet waren; und dann fiel mein Blick auf die sieben hohen Kerzen auf dem Tisch. Zuerst blickten sie mitleidig drein und glichen schlanken weißen Engeln, die mich retten würden. Doch dann – ganz plötzlich – wurde mein Geist todmüde, jeder Nerv in mir erbebte, als hätte ich den Draht einer galvanischen Batterie berührt; die Engelsgestalten wurden gleichgültige Gespenster, deren Kopf eine Flamme war, und ich sah, daß von ihnen keine Hilfe kommen konnte. Und dann stahl sich in meine Seele gleich einem vollen tröstenden Akkord der Gedanke, wie köstlich die Ruhe im Grabe sein müsse. Der Gedanke kam sanft und verstohlen, und es dauerte lange, bis er in voller Klarheit vor mir stand; doch gerade, als mein Geist ihn ganz begriff, ihn gleichsam innig fühlte, verschwanden wie durch Zauberschlag die Richter vor meinen Blicken; die hohen Kerzen versanken ins Nichts, ihre Flammen loschen aus; schwarze Finsternis siegte; alle Empfindungen gingen unter in einem tollen, rasenden Sturz – als falle die Seele in den Hades. Dann war meine Welt nur Schweigen und Stille und Nacht. (mehr …)

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Bjørnstjerne Bjørnson – Der Vater – Eine Erzählung

Foto: Erwin Raupp - Kristiania 1908
Foto: Erwin Raupp – Kristiania 1908

Der Mann, von dem hier erzählt werden soll, war der mächtigste im ganzen Gau; er hieß Tord Øverås. Eines Tages stand er kerzengrade und mit gewichtiger Miene vor dem Pfarrer in der Studierstube. »Mir ist ein Sohn geboren, und ich möchte ihn taufen lassen.« »Wie soll er heißen?« »Finn, nach meinem Vater.« »Und die Paten?« Er zählte sie auf; es waren Verwandte von ihm, die angesehensten Männer und Frauen des Gaus. »Ist sonst noch etwas?« fragte der Pfarrer und sah auf. Der Bauer zögerte. »Ich möchte gern, daß er allein getauft würde,« sagte er dann. »Also an einem Werktag?« »Nächsten Sonnabend mittag um zwölf.«
»Ist sonst noch etwas?« fragte der Pfarrer. »Weiter nichts.« Der Bauer drehte seinen Hut, als wollte er gehen. Da erhob sich der Pfarrer, ging auf Tord zu, nahm seine Hand und sah ihm in die Augen; »gebe Gott, daß das Kind Dir zum Segen werde!« Sechzehn Jahre nach diesem Tag stand Tord wieder vor dem Pfarrer in der Stube. »Du hast Dich gut gehalten, Tord,« sagte der Pfarrer, weil er ihn ganz unverändert fand. »Ich habe ja auch keine Sorgen,« antwortete Tord. Da schwieg der Pfarrer; nach einer Weile aber fragte er: »Was hast Du denn heut für ein Anliegen?« »Ich komme wegen meines Sohnes, der morgen konfirmiert wird.« »Es ist ein braver Junge.« »Ich möchte den Herrn Pfarrer erst bezahlen, wenn ich weiß, der wievielte der Junge in der Kirche ist.« »Er wird Nummer eins sein.« »Schön, – hier sind auch zehn Taler für den Herrn Pfarrer.« »Ist sonst noch etwas?« fragte der Pfarrer und sah Tord an. »Sonst nichts.« – Tord entfernte sich. Wieder gingen acht Jahre dahin; da war eines Tages vor dem Arbeitszimmer des Pfarrers großer Lärm, und herein kamen viele Männer, an ihrer Spitze Tord. Der Pfarrer sah auf und erkannte ihn gleich. (mehr …)

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Hanns Heinz Ewers – Schlangenanbeter und Schlangenbeschwörer – Erzählung

Der Schlangenanbeter auf dem Marktplatz in Theben, 1912. Tusche, Buntstifte, collagiertes Silberpapier,- Franz Marc Museum, Kochel a. See. Franz Marc Stiftung, Schenkung Stiftung Etta und Otto Stangl; © Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2
Der Schlangenanbeter auf dem Marktplatz in Theben, 1912. Tusche, Buntstifte, collagiertes Silberpapier,- Franz Marc Museum, Kochel a. See. Franz Marc Stiftung, Schenkung Stiftung Etta und Otto Stangl; © Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2

Es gibt keine Religion auf Erden, in der die Schlange nicht eine Rolle spielte. In der jüdischen Religion – und mit ihr sowohl in der christlichen wie der mohammedanischen – ist sie ein Bild des bösen Prinzipes, des Teufels. Sie reicht der Eva mit süßen Worten im Paradiese den gefährlichen Apfel, und nach Tausenden von Jahren erfüllte der Nazarener das Wort: er wird ihr den Kopf zertreten, aber sie wird ihn in die Ferse stechen. In der christlichen Kunst ist dann die Schlange ein sehr beliebtes Objekt geworden; allein die Bilder des ersten Sündenfalles zählen nach vielen Tausenden. Im Buddhismus gilt die Kobra als heilig und wird immer wieder mit Buddha abgebildet; meist ist die Szene gewählt, wo der Erleuchtete mit untergeschlagenen Beinen dasitzt, während die große Brillenschlange, um ihn vor der Sonne oder auch vor dem Regen – die Legende wird verschieden erzählt – mit ausgebreitetem Schirme zu schützen, sich hinter ihm hoch aufrichtet. Hat doch der Hindu von alters her die Nagas verehrt, die Schlangengötter, die zuerst Buddha nachstellten, dann aber von ihm bekehrt zu sehr eifrigen Anhängern werden. Eine Menge von afrikanischen Negervölkern erweist ebenso der Schlange göttliche Verehrung, dasselbe finden wir bei vielen Kanaken, Papuas, Melanesiern und Polynesiern. Der Vaudouxkult der christlichen Haitineger verehrt die Schlange, ›houdon badagri‹, als Johannes den Täufer; ihr – oder ihm – werden die Opfer des »ungehörnten Bockes«, d. h. die Kindesopfer, gebracht. Sehr stark ist die brahmanische Religion mit dem Schlangenkult durchsetzt, wie denn auch Indien das Stammland aller Schlangenbeschwörer und Schlangengaukler ist. (mehr …)

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Bjørnstjerne Bjørnson – Eine hässliche Kindheitserinnerung

Foto: Erwin Raupp - Kristiania 1908
Foto: Erwin Raupp – Kristiania 1908

…Ich entsinne mich noch deutlich, wie die Nachricht kam; es war, wie gesagt, an demselben Sonntagnachmittag, als sie am Vormittag ermordet worden war, mitten im schönsten Sommer, in vollem Sonnenschein und in voller Freude auf dem Hofe….

Ich mochte so ungefähr sieben Jahre alt sein, als sich eines Sonntagsnachmittags im Pfarrhofe das Gerücht verbreitete, zwei Männer hätten am gleichen Tage, da sie am Buggestrand in Eridfjord vorübergerudert waren, dicht über dem Meeresspiegel, halb liegend, halb hängend, ein Weib gefunden, das über einen steilen Fels hinabgestürzt war. Sie hatten sie nicht angerührt, bevor sie aus ihr herausgebracht hatten, wer es getan habe. (mehr …)

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Marie-Luise Weissmann – Das Gottesauge – Erzählung

Helix Nebula taken by the Spitzer space telescope - Comets Kick Up Dust in Helix Nebula
Helix Nebula taken by the Spitzer space telescope – Comets Kick Up Dust in Helix Nebula

Der Polizeibericht nannte ihn einen Gewerbetreibenden. Aber er hatte die Schlüssel seines kleinen und armseligen Lädchens in der Vorstadt schon vor zwei Jahren einem Nachfolger übergeben und der sie wieder dem seinen; denn es war kein Geschäft zu machen in dieser Gegend zwischen den Filialen der großen und angesehenen Firmen, die so billig waren. So daß, wenn der Sechsundsechzigjährige von der Schlafstelle, die er bei entfernten Verwandten innehatte, die Straße entlang kam, den einen Fuß nicht vom Pflaster erhebend, sondern in einem leise schlurrenden Geräusch vor sich hinschiebend, denn die Kniekehle schmerzte unter einer ständigen Entzündung: daß er da also nicht einmal wußte, wer hinter der Tür mit den von ihm dort einmal angenagelten, nun abgestoßenen Emailschildern, wer hinter dem Ladentisch das Mehl auswog und die Bonbons für zwei oder drei Pfennig in die schmierigen Hände der Kinder schob. (mehr …)

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Michail Kusmin – Ein Ehebruch – Eine Erzählung

Ein Ehebruch

Den 5. Juli.

Felix Vallotton - Nicht wieder gutzumachen (Intimitäten Blatt 10) 1898 - Graphische Sammlung der ETH Zürich
Felix Vallotton – Nicht wieder gutzumachen (Intimitäten Blatt 10) 1898 – Graphische Sammlung der ETH Zürich

Der Traum der letzten Nacht rief in meiner Erinnerung wieder alles wach, was ich so gerne vergessen möchte. Will ich es denn auch wirklich vergessen? Ganz gewiß, und doch denke ich seit drei Jahren an nichts anderes. Das ist beinahe mein Lebensziel. Wie seltsam: mein Lebensziel ist etwas, was ich für immer vergessen will! Ja, eben weil ich es wissen will, weil es meine Ruhe und mein Gewissen verlangt. Ich rufe jenes seltsame und unangenehme Gefühl tagtäglich in meinem Gedächtnisse wach, um mich gleichsam für immer davon zu befreien. Es ist sehr grausam gegen mich selbst, aber ich kann nicht anders. (mehr …)

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