Auf Zehenspitzen

Auf Zehenspitzen durch die Schmerzen anderer Menschen gehen.

Mein Körper weiß alles. Ihre Fähigkeit, Gefühle wie Liebe, Schmerz und Reue zu beschreiben, ist einzigartig. Banan Yoshimoto neigt dazu, sehr feinfühlig und schlicht zu wirken, wenn sie Ereignisse und Gefühle enthüllt, als ob sie sich auf Zehenspitzen in das Leben ihrer Figuren schleicht und schweigend beobachten würde. Ihr Tiefgang dabei beeindruckt mich immer wieder.

Cover | Diogenes Verlag

“Mein Körper weiß alles” ist ein eindringlicher Titel, der zum Ausdruck bringt, dass alles, was wir leben, ziemlich viszeral ist und nicht nur mit unserem Geist, sondern auch mit unserer Körperlichkeit verbunden ist. Wenn uns zum Beispiel etwas Trauriges oder Freudvolles widerfährt, spürt unser Körper dies in Gänze, und teilt dies mit uns. Sie kennen das.
Und so ergeht es auch den Protagonisten der Geschichten, die das Gefühl quälender Schmerzen gemeinsam haben, die sich schließlich als heilsam erweisen werden. Der Schmerz als ein Durchgang, manchmal auch ein Tunnel, durch den man gehen muss, um zu verstehen, was man von seinem Leben erwartet oder auch umgekehrt. Dann: Eine Art Wiedergeburt. Das Erblühen. Wie die Blume, die einen strengen Winter überstanden hat.

Diesen Szenarien widmet sich Banana Yoshimoto:

  • Der grüne Daumen: Der Verlust eines geliebten Menschen, der einen auf den richtigen Weg zurückführt.
  • Ruderboote: Traumatische Erlebnisse, die sich den Weg zurück an die Oberfläche bahnen. Quälende Erinnerungen, die die Protagonistin dazu bringen, sich ihrer Vergangenheit bewusst zu werden. Hier wird die Bedeutung der Familie, der Identitätsfindung durch Erziehung, unterstrichen.
  • Abendsonne: Eine Liebe, die auszehrt, die man nur schwer loslassen kann, aber im Inneren entwickelt sich ein neues Bewusstsein, für das Sie kämpfen müssen.
  • Der schwarze Schwalbenschwanz: Wenn man es schafft, Schmerz und Traurigkeit zu vertreiben, ergibt sich eine Leichtigkeit, die sich wie eine neue Freiheit anfühlt.
  • Herr Tadokoro: Die Qualität der Güte, des Respekts und der Geduld, die schwer zu finden und zu respektieren sind, wenn sie einer Person innewohnen, die für die Gesellschaft scheinbar nutzlos ist.
  • Mein kleiner Fisch: Diese Angst vor Veränderungen, die Eigenheiten und persönliche Fehler zu akzeptieren, drei Aspekte, die zusammengenommen zu Konflikten führen können. Lassen Sie sich vom Titel nicht täuschen, es handelt sich nicht um eine Geschichte mit Tier in der Hauptrolle.
  • Mumie: Das Makabre und die Vorliebe für das Verbotene vermischen sich zu einem Wirbelsturm der Begierde und des Deliriums zwischen zwei Liebenden.
  • Heiterer Abend: Über die Fähigkeit zu helfen und dankbar zu sein.
  • Die Wahrheit des Herzens: Die Stimme, die uns anleitet, die richtigen Entscheidungen zu treffen. So schmerzhaft sie auch sein mögen.
  • Blumen und Sturm: Der Tod und die Nähe zu denen, die wir lieben.
  • Papas Spezialität: Liebe, Streit und der Geruch von gutem Essen als Grundlage des Familienalltags.
  • The Sound of the Silence: Im Rhythmus dieses alten Liedes umreißt es die Mutter-Tochter- und Schwester-Schwester-Beziehungen.
  • Das rechte Maß: Über die Familienbande, in der gegenseitige Wertschätzung eine tragende Säule ist und Lebenswege bestimmt.

Ich sehe darin Geschichten über Selbstheilung und den stetigen, intensiven Dialog zwischen Körper, Geist und Seele.

Das nehme ich mit: Kleine, beständige Gesten. So einfach und scheinbar belanglos sie auch scheinen mögen: wählt man die richtigen aus, können sie eine größere Wirkung entfalten, als dies so manches gesprochene Wort erreichen mag.

Es ist ein Buch über Frauen für Frauen. Zumindest nehme ich das so wahr. Das ist für mich als lesender Mann ein kleiner Wermutstropfen: ich schaffe es nicht, die Figuren nah genug kommen zu lassen. Und das Abstrahieren schmälert ein wenig meine Lesevergnügen. Dennoch: ich freue mich über die Lektüre.

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