Zwölf ungerechte Richter – Ostfriesische Erzählung

Zwölf ungerechte Richter

Westfaelischer Friede inMuenster - Gerard Terborch 1648
Westfaelischer Friede inMuenster – Gerard Terborch 1648
trennlinie2In einem ostfriesischen Dorf ging einst der Küster um Mitternacht beim Mondenschein über den Kirchhof. Da hörte er in der Kirche einen Lärm, als würde dort eifrigst gekegelt. Eilends lief er zum Pastor und meldete seine Wahrnehmung. Der Pastor aber lachte ihn aus und schickte ihn weg. In der folgenden Nacht hatte der Küster wieder vor der Kirche zu tun und hörte den gleichen Lärm. Er berichtete es wieder dem Pastor. Dieser konnte nicht mitgehen, weil er sich unpäßlich fühlte, beauftragte aber den Küster, in der kommenden Nacht wieder hinzuhören. Am dritten Abend aber war um Mitternacht der Mond noch nicht aufgegangen, es blieb alles ruhig.

Beim nächsten Mondschein um Mitternacht aber hörte der Küster den Lärm von neuem und weckte den Pastor. Dieser ging diesmal mit und nahm den Lärm ebenfalls wahr. Nun schauten Pastor und Küster durch das Schlüsselloch in die erleuchtete Kirche hinein. Dort sahen sie zwölf schwarzgekleidete Männer, von denen sechs mit Totenköpfen kegelten, während die anderen sechs sich bückten und die Kegel aufstellten. Um ein Uhr war alles wieder vorüber.

In der folgenden Nacht ging der Pastor mit dem Küster früher an die Kirchentür. Da sahen sie, wie die zwölf Männer einen Sarg hinter dem Altar hervorholten, die Gebeine und zwei Totenköpfe herausnahmen und nun mit diesen kegelten. Das Spiel dauerte wieder bis ein Uhr.Nun befahl der Pastor, der Küster möge dort, wo die Kegel standen, einen Kreis ziehen, darin einen Tisch und einen Stuhl stellen, auf dem Tisch drei Lichter anzünden und zwei Schwerter kreuzweise übereinanderlegen. Dann solle er eine Bibel nehmen, sich während der Geisterstunde auf den Stuhl setzen und im Evangelium des heiligen Johannes lesen. Dies tat der Küster.

Als es Mitternacht schlug, kamen die zwölf schwarzen Männer, holten die Gebeine und die Totenköpfe hervor und wollten kegeln. Aber sie konnten nicht über den Kreis treten und stellten deshalb die Kegel außerhalb des Kreises auf. Doch einmal rollte ein Totenkopf in den Kreis hinein. Die Kegler baten den Küster, ihn herauszugeben. Dieser aber sagte : »Holt ihn doch!« Dreimal baten die Männer, doch der Küster gab keine Antwort mehr. Mittlerweile schlug es ein Uhr und alles war vorüber.

Am andern Tag ließ der Pastor den Sarg öffnen. Darin fand sich eine Rolle. Auf dieser stand geschrieben :

»HIER RUHEN ZWEI UNSCHULDIG GERICHTETE MÄNNER, UND DIESE SIND BEI GOTT. DIE ZWÖLF RICHTER JEDOCH, DIE SICH HABEN BESTECHEN LASSEN, EIN UNGERECHTES URTEIL ZU FÄLLEN, SOLLEN SO LANGE BEI MONDENSCHEIN MIT DEN KÖPFEN DER BEIDEN MÄNNER KEGELN, BIS SIE DURCH GOTTES WORT VERSCHEUCHT WERDEN.«

Und so geschah es. Wo aber die Seelen der ungerechten Richter, hingekommen sind, das weiß kein Mensch.

Seit dieser Zeit ist von mitternächtlichen Geräuschen in der Kirche nichts mehr zu hören.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!
%d Bloggern gefällt das: