Zustände sind das | Von Durstfrei, Jägersoße & Hühnerstil

Der Tag, an dem meine Welt zu einer anderen wurde, begann damit, dass meine Frau und ich ausgiebig frühstückten. Mit Croissants und Lachs und so. Nach dem opulenten Mahl bemerkte ich beiläufig, dass ich satt sei und keinen Bissen mehr herunter kriege. Ich wollte nach der Zeitung greifen, um mich in der Welt zu orientieren – am Abend hatte ich das Spiel des FC Bayern München verpasst -, als meine Frau erklärte, sie habe genug getrunken und sei nun nicht mehr durstig. «Welches Wort beschreibt diesen Zustand?» fragte sie und sah mich prüfend an. «Nun», sagte ich geistesabwesend (ich wusste immer noch nicht, wie die Bayern gespielt hatten!), «wahrscheinlich spricht man in diesem Zusammenhang am besten von <durstfrei> oder <durstlos>; auch die Kreation <odu> könnte ich mir gut vorstellen.»
Ich war zufrieden mit mir und wollte mich endgültig den wichtigen Dingen des Lebens widmen. Meine Frau aber widersprach: «Nein! Die deutsche Sprache kennt kein Wort für das Gegenteil von <durstig> analog zu <hungrig-satt>.» Meine Frau bevorzuge die Worte «quell» und «losch», wenn auch die indogermanische Wurzel «leuk» durchaus in Betracht zu ziehen sei. «Du also bist <satt>, erklärte sie abschließend, «und ich bin <quell>.»
Verwirrt, aber noch ungebrochen machte ich mich auf einzukaufen. Ich sagte der Dame im Lebensmittelgeschäft, dass ich eine Hühnersuppe brauche, eine, die wirklich nach Huhn schmecke. Die Verkäuferin schien beleidigt: «Selbstverständlich schmecken unsere Hühnersuppen nach Huhn, der Name sagt es ja schon aus!», erklärte sie. Während sie sprach, bemerkte ich in der Auslage Jägersoßen. Es sollten doch nicht etwa…!? Die Verkäuferin sah mein Befremden und beruhigte mich. Der Name «Jägersoße» meine «im Jägerstil», so wie es Jäger eben gerne mögen würden. Ich war unsicher: Wer garantierte mir, dass nicht auch die Hühnersuppe nur im Hühnerstil schmeckte, so wie es Hühner eben gerne mögen?
Gedanken versunken verließ ich das Geschäft. Ein Konfirmand hatte unsere Diskussion im Laden gehört und sprach mich an: Er habe mich fragen wollen, weshalb es eigentlich «Katholikentag» heiße und «Bischofskonferenz». In beiden Fällen seien doch mehrere Personen gemeint; ihm leuchte nicht ein, weshalb im einen Fall die Mehrzahl und im anderen die Einzahl verwendet wurde: «Das, ähm, hat mit Dogma zu tun», stotterte ich, «und mit dem Papst.» Ich war konsterniert. Was ist das für eine Welt, in der nicht einmal mehr auf die Sprache Verlass ist?
Während ich verzweifelt um mich blickte und in dieser, unserer, wahnwitzigen Welt irgendwo Halt suchte, klangen  mir noch die Worte in den Ohren, die mir jener Schüler zum Abschied zurief: «Don’t worry! See you!» – «Vielleicht», flüsterte ich ergriffen, «ist das die Lösung für die Unzulänglichkeiten der Sprache: Die Ergänzung des Deutschen durch Englisch.»
Für einige Sekunden schien die Zeit stillzustehen. Doch dann hob ich an und sprach: «Manchmal, du tust nicht verstehen, auch nicht. Aber wenn die Probleme von der Sprache sind machen einsam dich, tue nicht hängen herum. Vielleicht du kennst ein Ort zu gehen zu wo sie verstehen dich. Das ist tröstlich, ist es nicht?»


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