René Schickele• Zitto war lange Zeit ein Religionsfeind • Eine Erzählung • Kunst: Maurice Denis

L'Enfant au tablier ou La Petite Fille a la robe rouge - Maurice Denis, 1899
L’Enfant au tablier ou La Petite Fille a la robe rouge – Maurice Denis, 1899

***

Zitto
I

Zitto war lange Zeit ein Religionsfeind. Ich merkte es zuerst bei der Geschichte mit dem Spitz.

Der Spitz gehört einem freundlichen Konsistorialrat, der sich zur Ruhe gesetzt hat. Es war der erste andersrassige Hund, den Zitto, ein Airedaleterrier, zu Gesicht bekam, und er faßte gleich eine leidenschaftliche Zuneigung zu ihm. Wenn er ihm begegnete, trieb er ihn vor sich her in den Wald, um Gelegenheit zu finden, ihn vor Rehen und andern Raubtieren zu schützen. Er war so besorgt um ihn, daß er ganze Nächte in der Hütte des Kleinen verbrachte.

Sei es nun, daß er ihn auch gegen seinen Herrn verteidigen wollte, sei es, daß dieser Anstoß an der Hundefreundschaft nahm und dagegen einschritt – Zitto brauchte des Konsistorialrats nur ansichtig zu werden, um sofort den Schwanz einzuziehn und wie ein Löwe zu knurren.

Den Spitz selber beachtete er längst nicht mehr, seitdem er entdeckt hatte, daß es fast ebenso viel fremdartige Hunde gab wie Häuser.

Etwas später fiel mir auf, daß mein Hund ohne jeden Anlaß den schwarzen Kutten der katholischen Schwestern aus dem Wege ging. Ich predigte ihm Toleranz, und tatsächlich nahm Zitto sich zusammen, einmal beschnupperte er sogar eine kleine Schulschwester, unverkennbar in der Hoffnung, Geschmack an ihr zu finden.

Schon im nächsten Augenblick aber ließ er den Kopf sinken und schielte vorwurfsvoll zu mir hin. Er tat, als ob er niesen müßte, schnaufte mächtig durch die Nase, immer noch den Blick ernst und traurig auf mich gerichtet, ohne sich von der Stelle zu rühren . . . Auf einmal sauste er los, die Böschung hinab, in die Wiese. Dort wälzte er sich minutenlang im Heu.

Er kam wieder, von Frische duftend, mit dem zufriedenen, ein wenig trägen Gang der Kurgäste, wenn sie, das gerollte Frottiertuch unterm Arm, vom Markgrafenbad ins Hotel zurückkehren.

Damit man aber nicht meine, Zitto sei ein Unmensch, will ich ihn von einer besseren Seite zeigen.

Ich saß am Schreibtisch, als ich aus dem Garten ein klägliches Wimmern vernahm, das sich vom Wimmern eines Säuglings nur dadurch unterschied, daß mir beim ersten Laut Todesangst aufs Herz fiel.

Ich stürzte hinaus und fand Zitto, wie er mit einem jungen Hasen im Rachen herumgaloppierte. Das Häschen schrie um sein Leben, was Zitto natürlich nicht verstand.

Manchmal legte er das Tierchen ab, ließ es springen und versuchte, mit ihm zu spielen, als wäre es ein junger Hund. Wenn er sah, daß der Kerl sich noch immer nicht auf das Spiel einließ, schnappte er ihn wieder und zeigte ihm, wie man springt, indem er mit ihm durch die Rabatten jagte und verschiedentlich auch über den Gartenzaun setzte. Als es mir endlich gelang, ihm das Häschen abzunehmen, war es zwar ganz naß vom Speichel des Hundes, aber völlig unversehrt.

Es lebt heute noch, ist groß und gewitzigt und sehr schnell und fürchtet sich so wenig vor dem Hund, daß es mit seiner Familie im Dahlienbeet wohnt, zwanzig Schritte von der Hundehütte.

Da war ein weißer Pudel, der regelmäßig zu Besuch kam. Er war der Spielgefährte und intimste Freund Zittos. Der Airedaleterrier lehrte den Pudel, was Laufen heißt, und der Pudel lehrte Zitto, mit eingezogenen Vorderläufen auf dem Gesäß hocken und um ein Stück Zucker bitten (das Zitto, der nur kräftige Kost schätzt, nach Empfang dem Pudel überließ).

Eines Morgens wurde der Pudel, als er mit Zitto auf der Straße spielte, von einem Auto überfahren. Zuerst stellte Zitto lebhafte Wiederbelebungsversuche an, und als sie erfolglos blieben, wurde er nachdenklich. Es war das erstemal, daß er auf den Tod stieß. Er brauchte lange, bis er verstand. Er verstand mit der Nase. Die Art, wie seine Nase immer langsamer über den Pudel hinstrich und sein Schwanzstummel immer tiefer sank, drückte die ganze Erschütterung aus, die eine solche Entdeckung hervorruft.

Die nächste Zeit kam Zitto regelmäßig zur Dichterin Annette Kolb, der Herrin des Pudels und legte sich unter den Flügel. Das war der Lieblingsplatz seines weißen Spielkameraden gewesen.

Später suchte er einen Ersatz bei den Dahlienhasen. Aber durch ihre unredliche Art, beim Wettlauf Haken zu schlagen, verstimmten sie ihn derart, daß er sie ein für allemal aus seinem Leben strich.

II

Zitto hat eine Freundin, eine Wolfshündin, die er zur gegebenen Zeit besucht. Sie wohnt eine Stunde weit weg, und niemand weiß, wie er ihre Bekanntschaft gemacht hat. Da er der einzige Airedaleterrier in der Gegend ist, wurde er gleich erkannt und bei uns verklatscht.

Um Ostern brachte er einen jungen Fuchs aus dem Wald heim. Er zeigte ihn vor, ließ ihn unter seiner Aufsicht ein bißchen im Hof herumkriechen, worauf er ihn wieder ins Maul nahm und mit ihm verschwand.

Er brachte ihn, wie wir bald erfuhren, seiner Freundin, die gerade ihre Jungen stillte. Die Hündin nahm den Fuchs ohne weiteres an Kindesstatt an. Sie ließ ihn mittrinken und paßte auf, daß er nicht in das nahe Kellerloch fiel.

Nachts schliefen die Hunde im Freien, während der Fuchs es sich im frischen Stroh der Hütte bequem machte. Im geschlossenen Raum ertrugen die Hunde seinen Geruch nicht.

Wir wetteten, in welchem Hühnerhof er zuerst auftauchen werde. Leider starb er an einer Gehirnerschütterung, die er sich zuzog, als er, vom Höhlenhaften angezogen, dann doch ins Kellerloch stürzte.

III

Zitto stand in der Wiese, ermüdet oder vielmehr gelangweilt von der vergeblichen Anstrengung, einen Maulwurf auszugraben. Er schnupperte nach neuer Beschäftigung und sah, wie eine Heuschrecke ein Zittergras ansprang.

Das Zittergras geriet in furchtbare Aufregung.

»Gottogottogott! Ich tu‘ dir ja nichts!« sagte die Heuschrecke und sprang weiter.

»Aber, bitte, meine Nerven!« schrie das Zittergras zurück.

Hier beschloß Zitto, die beleidigte Unschuld zu rächen. Er machte einen Satz und zerbiß die Heuschrecke. Dabei schürzte er vorsichtig die Lippen, und als das Tier zu Boden fiel, brachte er mit dem verzwickten Tanzschritt, den die Hunde bei solcher Gelegenheit anwenden, nach den Lefzen auch noch seine Pfoten in Sicherheit. Vermutete er bei seinem Opfer einen Giftstachel wie bei Wespen und Hornissen? Oder tat er nur so, um sich vor dem Zittergras aufzuspielen?

IV

Die Stelle, wo er kürzlich von einem Auto angefahren wurde, nennen wir den Weg nach Damaskus. Der Unfall hat ihm körperlich nicht geschadet, er war nur zwei Tage marode.

Aber seine Jugend ist hin.

Er schielt so lange nach einem Eichhörnchen, bis es auf und davon ist. Er duldet die Vögel auf der Terrasse. Er verwandelt sich sogar in Bronze, um nicht zu stören, wenn wir sie füttern. Stundenlang weicht er mir nicht von der Seite. Er springt nicht mehr durch offne Fenster, um tagelang wegzubleiben. Die Vertreter der verschiedenen Konfessionen erfahren nicht mehr seine Verachtung. Statt mich auszulachen, wenn ich ihm etwas befehle, hört er mich geduldig an, und meistens gehorcht er. Er gehorcht, ohne mit den hübsch gerollten Brauen zu zucken, obwohl er sehr gut weiß, daß dies Zucken ihn unwiderstehlich macht.

Und oft kommt er mit blutender Schnauze heim, weil er in seiner Askese so weit geht, nur noch mit Igeln zu spielen.

trennlinie2

René Schickele – Himmlische Landschaft
Erstveröffentlichung: 1933
Oase Verlag – Badenweiler – 1995

Die Rechtschreibung wurde beibehalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!
%d Bloggern gefällt das: