Titelfoto: Shift and Sheriff via pixabay

Zehn Tage schweigen

Zehn Tage Schweigen. Zwischen Himmel und Hölle in einem Meditationszentrum.
Unser Zeitplan für die Vipassana-Retreats war an der Wand ausgehängt:
10 Stunden Sitzmeditation jeden Tag: von 4:30 Uhr und 21:30 Uhr.
Darüber hinaus gibt es kein Reden, kein Telefon, kein Internet, keinen Alkohol, keine Bücher, kein Schreiben. Warum habe ich mir das nur angetan?

Vipassana ist eine Form der buddhistischen Meditation, die in Ostasien ihren Ursprung hat und sich in den letzten 30 Jahren in der ganzen Welt verbreitet hat.  Vorreiter war dabei ein burmesischer Geschäftsmann, der sich zum Guru gewandelt hat und S.N. Goenka  genannt wird. Dieser erlernte die Meditation von einer burmesischen Klosterlinie und bot später eigene Kurse in seinem Zentrum in Indien an. Seine zehntägigen Kurse zogen in den 1970er Jahren viele westliche Rucksacktouristen an, von denen einige später zu Leitfiguren im westlichen Buddhismus wurden, wie Jack Kornfield und Ram Dass. Sie brachten Vipassana in die USA, wo es die Achtsamkeits-Bewegung inspirierte – als eine weltliche, nicht-buddhistische Technik, die auf Wohlbefinden und Entspannung ausgerichtet war (im Gegensatz zur Befreiung vom Ego).
In den letzten Jahren hat es einen enormen globalen Boom an Achtsamkeit gegeben – achtsame Therapien, achtsame Trainer, achtsame Apps, achtsame Ernährung, achtsame Strickerei, achtsame Farbgebung, was auch immer.
Aber fortgeschrittene Praktizierende bestehen darauf, dass man, wenn man wirklich Fortschritte in der Praxis machen will, sich auch in sich zurückziehen muss.

Wir waren etwa 60 Teilnehmer, je zur Hälfte Männer und Frauen, die in zwei verschiedenen Hallen schliefen und sich mehrmals täglich in der Dharma-Halle versammelten. Jede(r) von uns hatte seine eigene Matte und Kissen. Und in den zehn Tagen haben die Leute aufwändige Kissenschlösser gebaut, um es sich möglichst bequem zu machen. Das Kloster befindet sich in einer kleinen Anlage mit Wald im Hintergrund. Wenn wir nicht meditierten, wanderten die Menschen ziellos im Hof herum, oder gingen im Wald spazieren. Oder starrten auf Bäume, auf den Mond, durch den Zaun an der Straße draußen. Wirklich, es gab überhaupt nichts zu tun, außer zu meditieren. Die Matte und die Kissen waren der Ort, an dem alles passierte. Es war ein Tor zum Himmel oder auch zur Hölle.

So ziemlich das einzige Geräusch was zu hören war, abgesehen von der Glocke die Mahlzeiten ankündigte, war die Stimme von S.N. Goenka. Und das trotz der Tatsache, dass er bereits 2013 gestorben ist. Der gesamte Kurs basiert auf Audioaufnahmen und Videos von ihm, die in den 1990er Jahren entstanden sind, so dass wir sein Gesicht und seine Stimme schnell verinnerlicht haben. Er ist, oder war, ein fröhlicher burmesischer Geschäftsmann, gut gekleidet, ein wenig geschwätzig, mit tiefem Bariton, der vibriert, wenn er am Anfang und am Ende jeder Meditation singt. Jeden Abend sahen wir ein Video mit einem Dharma-Gespräch von ihm. Ansonsten gab es einen „Assistenzlehrer“, der den Fortschritt der Schülerinnen und Schüler kontrollierte und, wenn er etwas gefragt wurde, in der Regel mit „weitermachen“ antwortete.
Also, was ist nun Vipassana? Der Geist von S.N. Goenka sagte uns, dass es auf drei Dingen basiert, die alle notwendig sind:

Erstens: sila oder Moral.
Wir alle gelobten, während der 10 Tage nicht zu lügen, zu trinken, weder Fleisch zu essen oder zu reden. Er bestand darauf, dass man meditieren kann, ohne sich Gedanken über das „richtige Leben“ zu machen, aber es würde nicht wirklich vom Ego befreien.

Zweitens: samadhi, oder Konzentration.
Für die ersten drei Tage des Kurses haben wir unsere Aufmerksamkeit trainiert, indem wir uns einen Tag lang auf unseren Atem, einen Tag lang auf unsere Nase und einen Tag lang auf unsere Oberlippe konzentriert haben. Uns wurde gesagt, dass wir alle Sinnesempfindungen in unserer Oberlippe wahrnehmen sollten, so subtil sie auch sein mögen. Es mag sein, dass es bessere Möglichkeiten gibt, zehn Stunden zu verbringen, aber tatsächlich, nach dem ersten Tag, hat sich mein Verstand beruhigt. Ich schaffte es eine einstündigen Sitzung zu beenden, ohne zu sehr abgelenkt zu sein, und ich fing an, die Reize in und auf meiner Lippe wahrzunehmen.

Die letzte der drei Komponenten ist prajña, oder Weisheit.
Am vierten Tag wurde uns die richtige Vipassana-Technik beigebracht. Im Grunde geht es darum, seinen Körper von oben bis unten zu scannen, und dann von unten bis oben. Wir wurden aufgefordert, alle Empfindungen mit Gleichmut zu beobachten und uns selbst daran zu erinnern, dass sie, ob sie nun „subtil“ oder „grob“, angenehm oder schmerzhaft sind, dem ewigen Gesetz der anicca oder der Vergänglichkeit unterliegen. Keine dauerhafte Existenz – alles verändert sich, verwandelt sich. Deshalb macht es keinen Sinn, sich zu sehr an angenehme Empfindungen zu binden oder zu sehr gegen schmerzhafte Empfindungen zu wehren.

Die Meditationspraxis ist darauf ausgerichtet, uns von unseren ichbezogenen Gewohnheiten der Bindung und Abneigung auf einer sehr tiefen Ebene zu befreien – auf der Ebene des körperlichen Unbewussten‘. Dies wird einen tiefen Einschnitt in Ihr Unterbewusstsein machen“, sagte Goenka uns und warnte uns, dass es schmerzhaft sein könnte und schwierig.

Persönlich fand ich den Kurs fast unerträglich schmerzhaft. Ich hatte mich dummerweise dazu entschlossen, im Schneidersitz zu praktizieren, obwohl ich selten in dieser Haltung sitze und ziemlich steif bin. Wir wurden ermutigt, während der stundenlangen Sitzungen zu versuchen, uns überhaupt nicht zu bewegen. Meine Beine waren schnell einschlafen, was ziemlich schmerzhaft, aber erträglich war, und dann nach etwa 30 Minuten begannen sich Schmerzen in Knien, Oberschenkeln und meinem Gesäß zu entwickeln. Nach 45 Minuten war es absolut qualvoll. Einmal schaffte ich es, die Stundenmarke zu knacken, ohne meine Beine zu entfalten, aber ich dachte, ich wäre krank von den Schmerzen und der Anstrengung.

Und dann, am siebten Tag, hat sich etwas verändert. Es dauerte etwa 45 Minuten – ich war wieder einmal in Qualen – setzte sich die Erinnerung durch,  dass Empfindungen vergänglich sind, und dann war es buchstäblich so, als ob in mir Licht dämmerte. Die starken Schmerzen in meinem Oberschenkel und die stechenden Schmerzen in meinem Knie lösten sich auf, eine Welle vibrierende Kühle durchströmte meinen Körper, und plötzlich fühlte ich mich großartig und wusste, dass ich leicht eine Stunde oder länger sitzen bleiben konnte. Danach hatte ich immer noch schwierige Sitzungen, aber es war viel einfacher – es war, als hätte sich die Qualität meiner Aufmerksamkeit verbessert, und das veränderte die Qualität meiner körperlichen Erfahrung.

Was habe ich in diesem Retreat gelernt? Ich habe gelernt, inwieweit unser Geist und unsere Emotionen mit unserem Körper und unseren physischen Empfindungen verbunden sind, obwohl viele Psychotherapien (wie die Kognitive Verhaltenstherapie) den Körper völlig ignorieren. Ich habe gelernt, dass wir uns der automatischen Gewohnheiten des Verlangens, des Stresses oder der Defensivität, die wir in unserem Körper mit uns herumtragen, oft nicht bewusst sind. Ich habe gelernt, dass wir unsere körperliche Erfahrung transformieren können, indem wir Aufmerksamkeit und Gelassenheit in unseren Körper bringen.

Am Ende des Kurses habe ich mit einigen anderen Teilnehmern gesprochen. Für die meisten von ihnen war es ein außergewöhnliches Erlebnis. Einige empfanden eine Art glückselige Verzückung. Ein Mann hatte sich plötzlich in einem Raum mit brillantem, weiträumigem Licht wiedergefunden. Jack Kornfield führte dazu 1979 eine Studie durch, in der festgestellt wurde, dass 40 Prozent der Teilnehmer auf einem zweiwöchigen Retreat über Erfahrungen von Glückseligkeit oder Verzückung berichteten. Wir wurden gewarnt, uns nicht an die Gefühle zu binden, sondern unsere Gelassenheit zu bewahren. Aber viele berichteten auch über schwierige Erlebnisse, insbesondere über die Rückkehr verdrängter Erinnerungen und Emotionen. Mein Mitbewohner zum Beispiel sagte, er habe sich „fast psychotisch“ gefühlt, als die Angst vor seiner Jugend plötzlich flutend zurückkam. Für einige Teilnehmer kann diese Art des Retreats sehr viel unbewusstes Material an die Oberfläche bringen. Das kann wirklich unangenehm sein.

Ein Teilnehmer sagte mit zitternder Stimme zu dem Assistenzlehrer: „Ich dachte, Meditation sollte entspannend sein!“
Nicht wirklich. Es wurde entwickelt, um dich von deinem Ego zu befreien. Ich ging nach Hause und fragte mich, wie ich meine Erfahrungen integrieren und wie ich leben sollte. Uns wurde gesagt, wenn wir weiterhin Vipassana praktizieren wollen, sollten wir zwei Stunden am Tag praktizieren und auf Fleisch und Alkohol verzichten. Es gibt wenig aktuell wenig Anhänger, und nicht viel Vipassana-Gemeinschaft jenseits der Exerzitien.
Es zeigte sich wie schwer es ist, sich von der Routine zu lösen – in den folgenden Monaten ging meine Praxis von zwei Stunden, über eine Stunde, bis zu 30 Minuten, bis zu 15 Minuten. Und die Qualität meiner Aufmerksamkeit wurde immer schlechter.

Kann man wirklich ernsthafte Meditation außerhalb eines Klosters praktizieren, fragte ich mich? Ich habe mir auch Sorgen um diejenigen gemacht, die nach den Retreats Erfahrungen mit Problembewältigung gemacht haben. Ich habe nach dem Retreat angefangen, mich mit einem Therapeuten zu treffen, nicht weil ich krank war, sondern weil ich denke, dass es sicherer ist, fachkundige Unterstützung zu haben, wenn man sich auf einer eigentlich recht gefährlichen Reise befindet. Auch wenn ich ein wenig das Gefühl habe, dass beide Seiten wenig miteinander anfangen können bzw. sich blockieren. Aber ich werde auf andere Meditations-Retreats gehen, die vielleicht etwas weniger Hardcore sind. Wo man sprechen, lesen und Gehmeditation praktizieren kann.

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Anike Pool

über

Anike Pool, 34, stammt aus Kaiserslautern und wohnt derzeit in Utrecht, Niederlande. Sie arbeitet in einer Buchhandlung nahe der Uni. "Als die Idee entstand etwas über Mannsbilder im Magazin zu machen, fand ich dies zunächst amüsant. Denn ich bin das, was man landläufig als lesbisch bezeichnet. Vielleicht liegt darin aber auch wieder ein Reiz, denn ich finde Männer unästhetisch. Sie locken mich nicht. Daher habe ich vielleicht einen anderen Blick. Männer, die ich ausgewählt habe, finde ich nicht schön; es ist eher die Bildsprache. Ich bin selbst gespannt, wohin das Experiment führt."

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