Peter Jensen | Über unsere falschen Vorstellungen von Erlebnissen

Wo vorher nicht war, herrscht jetzt ein Begriff | Über falsche Vorstellungen. die wir uns von Erlebnissen machen.
Wir haben weniger Erlebnisse, als wir meinen. Wenn wir Erlebnis wie folgt definieren: dass ein Geschehen von jemandem in einer bestimmten Weise als beeindruckend empfunden wird.

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Scan: Oberholster Venita

Fragt man die Leute: Was ist Dein größtes Erlebnis?, so geraten sehr viele – die keine Kriegserlebnisse in sich tragen – in eine Art Verlegenheit. Entweder schieben sie die einfachen Dinge mit den einfachen Namen ein: Tod, Geburt, die Stellen, an denen das biologische Brett durch das Daunenkissen des Alltags sticht, oder es kommen – ganz umgekehrt – winzige Details zum Vorschein, in ihren Einzelheiten rätselhaft fixierte Nichtigkeiten.
Es regnet auf die Dächer von Venedig, ein grüner Baum steht mit roten Beeren verziert an einer Wegkehre, im Kindergarten hat einer einen runden Reifen senkrecht zwischen zwei Sitzbänke geklemmt und fühlt sich dahinterstehend als Graf Zeppelin. Das Erlebnis wird gemessen an einer Memoriearbeit, die völlig irrational ist. Jede Person lässt sich als ein Gefüge von Punkten und Rastern denken, die, auf die Unendlichkeit der Welt gelegt, mit den Figuren der Welt nur da und dort zur Deckung kommt und an ein paar seltenen Stellen gleichsam Moiré-Strukturen wie beim Clicheur ergibt; diese Moiré-Strukturen sind die Erlebnisse. Sind es Punkte, an denen man seine Identität entdeckt, sich als definiert begreift, das heißt: sich endlich als objektive Singularität erkennt?

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Moiré-Effekt bei Überlagerung zweier Punktmuster gleicher Teilung, gegeneinander verdreht

Man kann auch ein anderes Spiel treiben: Statt sich zu fragen, welches Erlebnisse gewesen seien, fragt man einander, was man am liebsten getan hätte. Man nimmt die Geschichte als einen Katalog erstaunlicher Taten, wählt daraus aus. Man darf kein Schicksal und keine Biografie wählen, sondern ein Werk. Es gilt also nicht zu sagen: Ich wäre gern Rubens oder Alexander der Große oder Helmut Schmidt gewesen; aber man darf sagen: Ich hätte gern Cosi fan tutte geschrieben oder den Eiffelturm gebaut.

Auch bei diesem Spiel sieht man die Leute zögern; fürchten sie, geheime Absichten bekannt zu haben? Oder versuchen in Windeseile alle Konsequenzen abzuwägen? Ich habe auch erst zu fragen begonnen, als ich mir meine eigene Variante ausgedacht hatte: Ich hätte gern das metrische System erfunden. Es muss eine rare Genugtuung gewesen sein, die Dimensionen der Länge, des Raumes und des Gewichtes in eine Konkordanz gebracht zu haben. Ich erinnere mich an das Vergnügen, das ich empfand, als ich in einem Laboratorium sah, wie die Laboranten des Ausdruck cc (cubic centimeter) verwendeten, obwohl er in ihrem anderen Maßsystem Importware war. So in sich überzeugend ist die völlig künstliche Ordnung des metrischen Systems – man bedauert fast, dass sie nicht auch auf die Dimensionen der Zeit und des Winkels angewendet wurde.

Der Reiz, das metrische System erfunden zu haben, läge darin, Urheber einer Ordnung zu sein, einer Ordnung höheren Ranges, die bisher unabhängige Größen in Relation bringt. Materiell ereignet sich nichts in der Welt, weder werden die Tische höher noch die Birnen schwerer; nur die Einsicht macht einen Sprung. Es wird eine Lücke überdeckt, es wird eine Kette geschlossen; wo vorher nichts war, herrscht jetzt ein Begriff.

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