Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Schauspieler • Dichter • Sänger • Prosa-Schriftsteller

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Ein Porträt

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki (am 25.01.1938 in Moskau geboren, am 25.07.1980 in Moskau verstorben) war ein sowjetischer Schauspieler, Dichter, Sänger, Prosa-Schriftsteller und Gewinner des „UdSSR – Staatspreises“.

Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor. By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 - Foto: Igor Palmin - http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ - CC BY-SA 2.0
15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 – Foto: Igor Palmin – CC BY-SA 2.0 – http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/

Seine Mutter, Nina, hat die Moskauer Universität der Fremdsprachen absolviert und arbeitete als  Übersetzerin / Dolmetscherin der deutschen Sprache in der Auslandsabteilung der „Zentralen Gewerkschaften“, später war sie als Reiseleiterin bei „Intourist“ tätig. In den frühen Jahren des Krieges arbeitete sie im Büro der Transkription von der Hauptabteilung für Geodäsie und Kartographie des Innenministeriums der UdSSR.Sie schloss ihre Karriere schließlich als Leiterin des Büros für Technische Dokumentation ab.

Sein Vater, Semjen Wyssozki, war Veteran, Inhaber von mehr als 20 Auszeichnungen und Medaillen, Ehrenbürger der Städte Kladno und Prag.

Der Großvater väterlicherseits, nach dem er benannt wurde (Wladimir Semjonowitsch Wyssozki, geboren in Brest, später nach Kiew gezogen), wuchs in der Familie von Russischlehrern auf und bekam drei Universitätsabschlüsse. Er war Jurist, Betriebswirt und Chemiker.

Nach der Trennung der Eltern im Jahr 1947 zog Wyssozki zu seinem Vater und seiner zweiten Ehefrau Eugenia, die er sehr schätzte und sogar „Mutter“ nannte. 1949 lebte die Familie aufgrund vom Dienst des Vaters in Deutschland, Eberswalde, wo Wyssozki Klavier spielen lernte.

1949 kehrten sie nach Moskau zurück. Im Jahr 1953 fing Wyssozki an,  zu dichten. 1955 beendete er die Schule und begann daraufhin, in der Schauspielschule des Moskauer Kunsttheaters zu lernen, wo er seine erste Frau Isa Schukowa kennenlernte.

Bereits zu seiner Lehrzeit im Jahr 1959 fiel er durch sein Talent im theatralischen Schauspiel sowie einer Rolle in einem Kinofilm auf. 1960 absolvierte er die Schule und wurde gleichzeitig zum ersten Mal namentlich in einer Kulturzeitschrift erwähnt. Es erschienen seine ersten Lieder.

1961 führte er bereits ein Lied vor. In dieser Zeit lernte er seine zweite Frau Ljudmila Abramowa kennen. Er schrieb ebenfalls Lieder zu Filmen. Leider wurde die „Diebesthematik“ in der Schaffung des talentierten Dichters zu seinem Verhängnis.  Bereits 1968 entstand eine heftige Kritik in den Zeitungen  an seinen jungen Liedern, die ihn später sein Leben kosteten. Nichtsdestotrotz erschien im selben Jahr seine erste Platte mit den Liedern aus dem Film „Vertikal“.

Iris ‚Vladimir Vysotsky‘. From the collection of the Botanical Garden of Moscow State University (main area on the Sparrow Hills). – Foto: Andrey Korzun – CC BY-SA 3.0

Er arbeitete im Moskauer Dramen – Theater „Puschkin“, spielte in Märchen mit, später  in vielen weiteren Theaterstücken. Seine bekanntesten Rollen waren Shakespeares „Hamlet“, „Galilei“ im Stück „Das Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht und „der ehemalige Leibeigene“ sowie „Kaufmann Lopachin“ aus dem „Kirschgarten“ von Tchechov. Doch man erinnert sich an ihn vor allem als Sänger seiner eigenen Lieder, die er begleitend von der Gitarre vorführte. Wyssozki gab mehr als 1000 Konzerte und das nicht nur in der UdSSR, sondern auch im Ausland. Auch in Deutschland genießt er einen gewissen Bekanntheitsgrad. Das DKP veröffentlichte in den 1980ern und 1990ern einige LPs mit seinen Liedern.

Das große Talent half ihm jedoch nicht wegen seiner kritischen Einstellung zur sowjetischen  Macht, am Leben zu bleiben. So erging es vielen Anderen talentierten Menschen auch, die ihre Meinung laut äußerten. Wyssozki fiel  immer weiter in Ungnade des Regimes. Man versuchte ihn, heimlich aus dem Weg zu räumen.

Am 18. Juli 1980 fand sein letzter öffentlicher Auftritt in der Rolle von Hamlet statt.  Einige Tage später, am 25. Juni, starb der Dichter (man sagt an Herzleiden) in seiner Moskauer Wohnung.  Seinen Tod erwähnten die sowjetischen Medien nicht. Die Nachricht verbreitete sich unter der Bevölkerung jedoch schnell, am Tag seiner Beerdigung brach die größte, nicht staatlich verordnete Demonstration aus, die es in Moskau jemals gegeben hat.  Zu sehr wurde er geliebt und geschätzt. Begraben wurde im Kostüm von Hamlet.

Als öffentlichen Todesursache nannte man später zu viel Alkohol und das Rauchen, welche die Gesundheit des Dichters nach und nach überbeanspruchten.

Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.
Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.

In Vergessenheit wird Wyssozki nie geraten. Im Jahr 2010 belegte er nach einer Umfrage den zweiten Platz (nach Juri Alexejewitsch Gagarin)  in der Liste der Idole des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Name war 98% der russischen Bevölkerung bekannt. 70% der Russen hielten sein Schaffen für eine wichtige kulturelle Erscheinung des zwanzigsten Jahrhunderts.

Er war nicht nur ein Dichter, sondern ein fabelhafter Philosoph. Er schrieb Lieder über die einzig wahren menschlichen Qualitäten wie die Fähigkeit dazu, den wahren Freund zu erkennen, er schrieb und sang über das Lästern und die Liebe. Er kritisierte den Antisemitismus. Das Lied darüber, wie viele andere von ihm auch, enthält sehr viel Ironie, sodass man trotz der Melancholie, über die Parodie auf bestimmte Menschen nur lachen kann.

In seinem Lied und dem gleichnamigen Gedichtband „Ich mag nicht…“ öffnet Wyssozki seine Seele und zeigt, wie viele Arten der menschlichen Niederträchtigkeiten und damit charakterlichen Schwächen es gibt, die einem vielleicht gar nicht bewusst sind.

Gern möchte ich das oben erwähnte Lied  “Ich mag nicht…“ mit einer sehr gelungenen Übersetzung, wie ich finde, von Frank Viehweg vorstellen. Einige Passagen wurden von mir etwas verändert.

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Ich mag nicht…
Wladimir Semjonowitsch Wyssozki
(übersetzt von Frank Viehweg)

Ich mag nicht dieses schicksalhafte Ende. Noch immer fängt das Leben gerade erst an.
Ich mag auch keine Jahreszeitenwende, wenn ich hier keine Lieder singen kann.
Ich mag nicht diese kalten Sticheleien. Glaub keinem, der im Lobgesang zerfließt.
Ich mag nicht dieses Drängeln in den Reihen und wenn ein Fremder meine Briefe liest.
Ich mag nicht diese ewig halben Seiten und wenn man plötzlich nicht mit mir spricht.
Ich mag auch keine Hinterhältigkeit und gleichfalls keine Schläge ins Gesicht.
Ich hasse die Gerüchte und Gewehre, die Ordensgrade nur vom falschen Spaß.
Dass immer nur gegen das Fell gestrichen wäre und das Geräusch vom Eisen überm Glas.
Ich mag nicht dieses satte Wohlbehagen, schon besser, wenn die Bremse mal nicht greift.
Ach, Ehre ist ein Wort aus fernen Tagen, worauf die Lüge unverhohlen pfeift.
Wenn sich verrückte Ehren  – Flügel brechen, scheint mir das alles höchst lächerlich.
Ich mag Gewalt nicht und auch keine Schwächen. Nur Jesus am Kreuz bedaure ich.
Ich mag mich selbst in meiner Angst nicht leiden. Es kränkt mich, wenn ein Unrecht keinen juckt.
Wenn andere sich an meinen Schmerzen weiden und wenn mir jemand in die Seele spuckt.
Ich mag den Zirkus nicht und die Arenen, wo ein Idiot dir sonst etwas verspricht.
Das immer nur nach besseren Zukunft Sehnen. Das mag ich heute und bis ans Ende nicht.

Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas - CC-BY-SA 4.0 - http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg
Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas – CC-BY-SA 4.0 – http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg

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 Mehr Informationen finden Sie hier:

Webseite des Moskauer Wyssozki-Museums

Viele Lieder in deutscher Übersetzung zum Anhören

Deutsche Website mit sehr guten Übersetzungen und Audiodateien

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Randbemerkungen

Wyssozkis Sohn ist der Drehbuchautor Nikita Wyssozki (* 8. August 1964)

Literatur: Wladimir Wyssotzkij: Wolfsjagd. Gedichte und Lieder / russisch und deutsch. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main, 1998, ISBN 3-8015-0210-4 (herausgegeben und eingeleitet von Brigitte van Kann)

Ein Zitat: 
„Hamlet hasst Rache und Gemeinheit, aber er kommt davon nicht los, er macht alles, wie die Menschen, gegen die er kämpft, obwohl er glücklich wäre, es nicht zu tun. Er möchte nicht töten, aber er wird töten und weiß das. Er kann diesen Kreis nicht verlassen, kommt nicht los von den Gesetzen und Konventionen, die seine Umgebung anbietet. Deshalb ist er verzweifelt, deshalb verliert er den Verstand!“

– Wladimir Semjonowitsch Wyssozki: Über Hamlet, Programmheft des Hamlet im Burgtheater, Wien 2013

„Unsere Gehirne sind aus Watte“. – Zur Lage der UdSSR

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Die Filmdoku:
Regisseur Pjotr Buslow entwickelte mit dem Nikita Wyssozki eine Filmbiografie: Wyssozki – Danke, für mein Leben. Die Doku kam im Winter 2011 in die deutschen Kinos. Zu sehen ist der Film in voller Länge dort: https://www.youtube.com/watch?v=XPu1lcHgkiI

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