Was wird aus der Literatur wenn der Wahnsinn fehlt? – Eine Kolumne von Jonas Rehbaum

Historische Fotografie - Künstler und Opfer unbekannt

Etwa 200 Jahre ist es her, da schimpfte Goethe auf die Romantiker und nannte ihre Werke „Lazarett-Poesie“. Sie sei kränklich, kraftlos und sie erschien ihm irgendwie irrsinnig.

Und in der Tat: Clemens Brentano schmuste mit seinem „Bruder“ Wahnsinn, Novalis ersann eine komplette Krankheitsphilosophie, Hölderlin schrieb im Wahn seine „Turmgedichte“, Friedrich Schiegel spielte mit seinem „Igel“ (also dem Fragment) und predigte die Ironie, und E.T.A Hoffmann stürzte sich in ein Doppelgängertum, auch „chronischer Dualismus“ genannt, und ließ die Narrheit als „wahre Geisterkönigin“ mit einem „glühenden Lockeneisen“ die Gedanken krümmen.

Was passierte da? Zu eng waren dem romantischen ICH die Konventionen des Spießbürgers, zu beschränkt die Ästhetik des Bürgerlichen, zu trocken die vernunftgesteuerte Aufklärung: und so ein phantastisches Sich-Sehnen, ein Weinen, ein Klagen, aber auch ein Lachen, der Suff, ein Tollen und Raufen ein, um Freiheit vom Korsett zu erlangen.

Der Wahnsinn
Die deutsche Romantik war zugleich die Wiege der literarischen Moderne: Charles Baudelaire verdanken wir die Ästhetik der Fäulnis; er liebte zudem die groteske Komik Hoffmanns. Der Lyriker Guillaume Apollinaire übersetzte Brentano. Auch die französischen Surrealisten beriefen sich auf die deutsche Romantik. Der romantische Wahnsinn als Statthalter der Phantasie und Improvisation war eine mächtige Kraft, die bis in dieses Jahrhundert hinein wirkte.

Dann erwachte in Deutschland ein ganz anderer, alles vernichtender Wahnsinn: der Nazi-Wahn. Nach dem Krieg war es vor allem für die Deutschen unmöglich, romantische Lieder anzustimmen. In den nachfolgenden Jahren, bis in die 1980er hinein, war Politik ein zentrales Thema der Literatur. Dann hat sich der romantische Wahnsinn zurückgemeldet. Man denke an Rainald Goetz mit deinem Werke „Irre“ oder die Werke des Österreichers Thomas Bernhard. Dort findet sich ein letztes Auflodern moderner Subjektivität; ein letzter Versuch zu schockieren und zu irritieren.

Und heute? Heute hat der Wahnsinn ausgedient und kommt wahrscheinlich auch nicht wieder. Die Perversionen, die sich im Internet finden, die Pornografie, der Horror, haben die literarischen Irritationen verschluckt. Der Irrsinn ist kein Provokateur mehr, sondern lediglich fruchtloser Bestandteil der Massenkultur.
Wo die Kunst des Wahnsinns sich noch einmal ereignet, da gehorcht sie – so scheint es zumindest – dem Gesetz des Marktes. Was auch für die stetig wachsende Zahl der Selfpublisher gilt. Zudem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der fortwährende Diskurs um Psychotherapien und die – empfundene – Normalität der Therapiebedürftigkeit der Provokation Wahnsinn das Wasser abgegraben hat.

Wenn nun mit dem Wahnsinn auch die Inspiration des modernen Subjekts ausstirbt, was wird dann überhaupt aus der Literatur? Wird sie nur noch aus „potentiellen“ Drehbuchvorlagen für die Masse und postmodernen Sprachspielen für einen kleinen Kreis bestehen? Es sieht danach aus. Leider.

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