Ich wünsche Ihnen besinnliche Weihnachtstage

Liebe LeserInnen und AutorInnen,

welchen Glauben Sie auch in sich tragen: ich wünsche Ihnen Muße die Weihnachtstage besinnlich, friedlich und genussvoll zu genießen.

Ebenso möchte ich mich bei Ihnen für Ihre Lesetreue und die vielen Anregungen und Beiträge bedanken. Im neuen Jahr warten viele Neuerungen auf Sie.

Oliver Simon

Nun eine Weihnachtsgeschichte von Herman Löns. Mal etwas anderes.

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Puck Kraihenfoot • Hermann Löns.

Ganz hinten in der Heide, wo sich Fuchs und Has im Mondschein begegnen, liegt ein ganz barbarischer Heidberg.

Oben auf seinem Kopfe steht eine großmächtige Fuhre, die größte weit und breit. Man kann sie weit sehen, und die Bauern richten sich nach ihr, wenn sie über die Heide fahren.

In ihrer Krone horstet der Rauk, der große Rabe, in ihrem Stammloch brütet der Schwarzspecht, unter ihren Wurzeln hat die giftige Schnake ihr Schlupfloch. Und da wohnt auch Puck Kraihenfoot.

Puck Kraihenfoot ist ein einschichtiger Schwarzelb. Er ist einen Fuß hoch, hat ein grünes und ein rotes Auge, gelbe Mausezähne, einen langen, flechtenfarbenen Bart, eine Nase wie eine Hagebutte, Finger wie ein Kateiker und Füße wie eine Krähe.

Er trägt einen knallroten, etwas verschossenen Mantel mit hoher spitzer Kapuze, der ihm bis auf die Vogelfüßchen reicht. Die Füßchen aber sieht man nicht, denn er schämt sich sehr darüber und trägt im Winter lange Stiefel und im Sommer Schuhe und Gamaschen.

Im Sommer hat er es gut. Da sitzt er auf der mittleren Fuhrenwurzel, die er schon ganz blank gescheuert hat, spielt auf einer Flöte, die er aus einem weißen Hasenknochen gemacht hat, ganz merkwürdige Weisen, oder er schmökt aus einem Krähenschädel, in dem ein Reethalm steckt, getrocknete Postblätter.

Wenn er Besuch von anderen einschichtigen Elben bekommt, zum Beispiel von Niß Pogg vom Steingrab ober von Peter Wipp aus dem Dübelsmoor, dann läßt er etwas draufgehen. Dann müssen die Grillen fiedeln. Die Glühwürmer illuminieren die Wurzelstube, die Heidlerchen tragen Lieder vor, die Poggen bilden den Chor, und Puck Kraihenfoot und seine Gäste dudeln sich im süßen Bickbeermost und herben Moorbeersekt ganz gehörig einen an.

Im Winter aber wohnt Puck nicht unter der hohen Fuhre am hellen Berge. Er ist alt und etwas frosterig, und dann ist es ihm auch zu langweilig da. Er zieht dann zu einem Bauern. Hat er es da gut, dann kann der Mann sich freuen. Dann bollwerkt im Sommer darauf der Buchweizen nur so, der Roggen trägt doppelt, die Immenstöcke laufen über, keine Kuh verkalbt und kein Schwein kriegt das wilde Feuer.

Sind die Leute zu ihm aber nicht gut, dann geht es ihnen leege. Dann dreht er den Hühnern und Gänsen den Kragen um, ängstigt das Vieh im Stall, bis es sich kaputtschlägt, bläst die Pferde an, daß sie die Brustseuche kriegen, läßt die Bruten im Immenstock faulen, peitscht nachts den Buchweizen, bis er braun wird, knickt die Bodenleitern ein, streut der Katze glühende Kohlen in das Fell, daß sie vor Angst in das Heu läuft, und macht sonstigen Unfug.

***

Nun ist es Wintertag. Auf der Heide liegt der Schnee. Die Machangelbüsche sehen wie lauter Schneemänner aus, und die Fuhren haben weiße Hemden an. Die hohe Fuhre auf dem hellen Berge sieht aus wie ein großer weißer Schirm.

Es ist Mittagszeit, aber es ist schneidend kalt. Der Wind steht von Nordost. Auf der weißen Heide ist ein dunkler Fleck sichtbar. Das ist der Fuchs, der will zum Dorfe, vielleicht daß es ihm glückt, einen alten Knochen oder einen Heringskopf zu erwischen. Er schnüffelt auf dem Schnee herum, da, wo er die Geläufe einer Krähe sieht. Aber da fährt er zurück, sein Rückenhaar sträubt sich, und mit eingeklemmter Rute schnürt er zum Holze zurück.

Es war nämlich Puck Kraihenfoots Spur, in der Reinecke herumgeschnüffelt hatte, und die hat eine Witterung, die kein Tier verträgt. Das ist noch schlimmer als Franzosenöl.

Ja, Puck Kraihenfoot ist heute vom Dorfe gekommen, und fuchsteufelswild war der Kleine. So wild, daß er ganz vergessen hatte, seine Stiefel anzuziehen, die er in die Haferlade gelegt hatte, in der er nachts schlief.

Es war einmal wieder zu schlimm gewesen auf Thormanns Hof. Der Bauer hatte in einem fort gelärmt und geknurrt, und die Guste hatte vor sich hingeweint. Das ging nun schon wochenlang so, und wenn Puck die Guste nicht so gern hätte leiden mögen, dann wäre er schon wo anders hingezogen.

Die Guste hatte einen Liebsten, einen jungen frischen Kerl, und der Alte wollte, sie sollte einen Witwer heiraten, der einen ebenso großen Hof hatte wie Thormann. Und deswegen gab es nun Tag für Tag Ärger im Haus.

Puck Kraihenfoot saß brummig auf der hohen Fuhre, rauchte seinen Post aus dem alten, schön angebräunten Krähenschädel und überlegte, was sich machen ließe. Mit Gewaltmaßregeln, das sah er ein, war hier nichts zu machen. Der Alte war hart wie ein eichener Klotz. Puck hatte ihm neulich ein Bein gestellt, und der Alte war mit dem Kopfe an den Dössel geschlagen, daß es nur so brummte, aber als er wieder zu sich kam, hatte er nur noch mehr spektakelt.

Der Kleine seufzte. Dann faßte er in die Tasche seiner Kutte, holte eine Flöte heraus, aus dem Reißzahn eines Dachses gemacht, und pfiff zweimal darauf. Dann setzte er sich wieder hin und wartete.

Nach einigen Minuten tauchte links ein hellblauer Punkt auf und rechts ein gelber. Die kamen näher, und es waren Niß Pogg und Peter Wipp. Ernst und gemessen näherten sie sich ihrem Freunde, verbeugten sich, reichten ihm die Frosch- und Maulwurfshände, sprachen erst vom Wetter, von dem hohen Schnee, von ihren Winterquartieren bei den Bauern und fragten schließlich Puck, weshalb er sie gerufen habe.

Da erzählte er ihnen die Geschichte von Guste Thormann und Hinrich Grönebusch und fragte sie, was er machen solle. Ganz ausführlich legte er ihnen alles dar und schloß seine Rede: »Leewe Frünne, hört to, ick roope: Wo kreeg ick de beiden Minschen tohope?«

Peter Wipp legte erst das Maulwurfshändchen an die spitze, schnüffelnde Nase und überlegte. Dann senkte er die gelbe Kapuze und sah auf seine Entenfüße. Endlich sprach et: »Min leiwe Fründ Puck Kraihenfoot, hör too, wat ick segg, min Rat is got. Breck ehm den Kragen, smit em up’n Schragen. Is de Ohle weege, kümmt alles in ne Reege.«

Niß Pogg nickte, daß seine blaue Kapuze hin- und herwippte, schlug sich mit den Froschhänden auf die Knie und rief: »Peter Wipp sin Snack is got, is de Ohle erst kalt und dod, is de Ohle weege, kümmt alles in de Reege.«

Puck Kraihenfoot aber schüttelte seine rote Kapuze und erwiderte: »De Snei is witt und Bloot is rot, und witt und rot dat lät nich got.«

Da saßen sie wieder lange Zeit und überlegten. Und schließlich kam ihnen ein Gedanke. Sie standen auf, zogen ihre Kappen herunter, und der Platz unter der Fuhre war leer.

***

Auf Thormanns Hof ging der Bauer in der Dönze auf und ab und sah ab und zu grimmig nach seiner Tochter, die mit rotverschwollenen Augen Kartoffeln schälte. Ihm war recht ungemütlich zu Sinne. Brummig ging er an das Bört, langte seine Pfeife herab und ging nach dem Fenster, wo der Tabakskasten stand. Als er danach griff, hörte er leise etwas kichern, und der Tabakskasten fiel vom Fensterbrett und gerade in den Eimer, in den Guste die Kartoffeln tat.

»Dübel,« rief der Bauer, »nu mott ick noch in‘ Kraug, dat is all wedder de ohle Puck wesen.« Er setzte die Mütze auf, nahm seinen Stock und ging ab. Als er über den Hof ging, hörte er es über sich lachen. Da saß Niß Pogg, sein Hauspuck, in der Giebelluke, schlenkerte mit den rotbestrümpften Beinen und rief vergnügt: »Hie Niß‘ eene Been, da Niß‘ annere Been.«

Zu derselben Zeit saß Hinrich Grönebusch zu Hause und stützte den Kopf in die Hand. Seine alte Mutter sah ihn mehrmals von der Seite an, sagte aber nichts. Der Tranküsel schwelte. Da stand Mutter Grönebusch auf und langte nach dem Ölkrug. Als sie ihn eben in der Hand hatte, fühlte sie einen kurzen kalten Schlag auf der Hand und ließ den Krug fallen.

»Wat hebb ick mi verjaget,« rief die Frau. »Hinrich, du schast man beeten na’n Krauge gahn, dat du up annere Gedanken kummst. De Kräuger kann mi dör sine Lüttje ook’n Pott Ölje schicken.«

Hinrich zog die Jacke an, setzte die Mütze auf und ging auf den Hof. Er wollte die Lüttjemagd nach dem Kruge schicken. Er selbst hatte keine Lust. Aber als das Mädchen eben fort war, hörte er sie kreischen, und sie kam, weiß wie ein Laken, herein und sagte, sie ginge nicht, Peter Wipp sei ihr als feuriges Rad über den Weg gelaufen und habe gerufen: »Gahste Mäken, den Hals schaste breken.«

Da ging Hinrich Grönebusch selber, und in der Giebelluke saß Peter Wipp, bummelte mit seinen grünstrümpfigen Beinen und rief: »Hie Peters eene Been, da Peters annere Been.«

Im Kruge ging es hoch her. Thormann war da. Hausteufel, Wirtschaftsengel, konnte man von ihm sagen. Hatte er zu Haus Ärger gehabt, dann gab er einen aus. Bei ihm saß der Schneider und trank schon den achten Kümmel.

»Süh, Thormann, da kümmt din Swiegersohn,« lachte der Schneider.

»Swiegersohn? ick fleitje up so’n Swiegersohn. Eh’r nich be grote Fuhre vom hellen Berge up min Hofe steiht, kümmt de nich als Swiegersohn rup.«

Grönebusch hatte eine heftige Erwiderung auf der Zunge, aber da hielt ihm etwas Kaltes den Mund zu, und eine Stimme, die genau so wie seine eigene klang und von der man nicht wußte, ob sie von dem Boden oder aus dem Keller kam, rief: »Schall dat’n Wort sin?«

»Wisse,« rief der Bauer, »wenn Wihnachten de grote Fuhre up min Hofe wassen deiht, schall Grönebusch use Guste hebben,« und dabei streckte er die Hand hin.

Dem jungen Bauern paßte der Scherz nicht. Aber eine unsichtbare Gewalt riß seine Hand nach vorne und drückte sie in die harte Hand des Alten. Der Schneider schlug durch und rief: »Da lur up,« bekam aber in demselben Augenblick einen so furchtbaren Nasenstüber von unsichtbarer Hand, daß er ganz nüchtern wurde und schleunigst abschob. Hinter ihm her aber rief aus dem Giebelloch eine dünne Stimme: »Snider, Supuus, wut du woll to Hus.«

***

Am hellen Berge war die Nacht ein seltsames Leben. Das Rotwild, das aus der Forst auf die Feldmark austreten wollte, verhoffte und sicherte, denn ein seltsames Klingen kam durch die Luft. Und von allen Ecken kamen heran die Pucks aus Moor und Heide, Geest und Bruch, in gelben, weißen, blauen, roten, grauen, grünen, schwarzen Kutten, und ihre Enten- und Krähen- und Gänsefüße traten sonderbare Spuren in den Schnee.

Unter der großen Fuhre aber stand Puck Kraihenfoot und rief: »Ick mot trecken, helpet mi, Wenn ju treckt, bün ick ok d’bie.«

Da faßten sie alle zu, der Schnee knirschte, die Eiszapfen rasselten von den Zweigen zu Boden, und dann hörte man es rauschen und schleifen, und eine große Schneewolke zog vom hellen Berge nach Thormanns Hof.

Auf dem Hofe aber verkroch sich winselnd mit eingezogener Rute Wasser, der Hund, in seiner Hütte. Denn es war da ein Gewimmel und ein Rennen kleiner Leute, daß es ihm unheimlich war.

Als morgens der alte Futterknecht über den Hof ging, um Wasser aus dem Soot zu pumpen, lief er gegen etwas an. Er sah an dem Baum in die Höhe, rieb sich die Augen, brummte und weckte dann den Bauern. Der stieg trotz seines schweren Kopfes eiliger als sonst in die Hosen, zog die Jacke über und ging auf den Hof. Als er den Baum sah, der da schwarz in der grauen Dämmerung stand, fröstelte ihn, und er sah ängstlich nach der Giebelluke. Da saß Puck Kraihenfoot, bummelte mit den langbestiefelten Beinen und rief mit seiner dünnen Junghahnenstimme: »Verwett‘ is verwett‘, steiht min Bom da nich nett? Bur, dat is kin Drom, dat is de Guste ehr Weihnachtsboom!« – –

Das ist lange her; aber heute noch ist Thormanns Hof in der ganzen Heide der einzige, dessen Hofbusch aus Fuhren besteht. Auf allen anderen stehen Eichen. Und die Hausmarke der Grönebuschs genannt Thormanns ist der Krähenfuß im Dreieck. Das Dreieck aber soll die Tarnkappe Kraihenfoots sein.

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