Ein Roadtrip ins Outback mit Kamikaze-Emus

Heimat unheimlicher Geisterstädte, Kamikaze-Emus, geradliniger Einheimischer und karger Autobahnen: das Outback Queenslands ist unglaublich anmutig & erdend.

Haben Sie auch schon bemerkt, dass heutzutage jeder versucht, ein echter Abenteurer zu sein? Vom Leben abseits des Stromnetzes, in einer Gemeinschaft von Schamanen im abgelegenen Amazonasgebiet bis hin zum Reiten auf wilden Pferden, die auf einem Vulkan in Island barfuß angetrieben werden, gibt es die verrücktesten Auswüchse in der Form des Reisens. Eher durch Zufall habe ich für mich entdeckt, dass Australiens Hinterhof die Heimat von wilden Orten ist, die reif für ein Abenteuer sind. Ein Roadtrip durch das Outback Queenslands liefert einen zutiefst befriedigenden Realitätscheck, dass Australien mehr zu bieten hat als glanzvolle Städte, Ayers Rock und überlaufene Strände.

Willkommen in Windorah

Eintausend zweihundert Kilometer westlich von Brisbane: die abgelegene Western Queensland Stadt Windorah ist eine willkommene Abwechslung  nach ein paar Tagen Fahrt durch ein Gelände, das dem Set von Mad Max entsprungen sein könnte. Unterwegs begegnen Sie Emus mit einer gewissen Todessehnsucht, die diese direkt zu Ihrem Auto führt; wilden Herden von abtrünnigen Rindern, die Sie abfällig anstarren und sich hartnäckig weigern, von der Straße zu verschwinden. Zudem wahnsinnigen Mengen an überfahrenen Tieren in verschiedenen Stadien der, von Maden betriebenen, Zersetzung und dem blauesten blauen Himmel, bevölkert von Keilschwanzadlern, die ihn mit müheloser Anmut tranchieren.
Heimat für 150 Menschen ist Windorah die Art von Ort, wo die Menschen Ihnen in die Augen schauen, wenn sie mit Ihnen sprechen. Wahrscheinlich auch, weil es dort weder Wi-Fi noch Handy-Signal gibt. Und es ist auch die Art von Ort, an dem eine Dose von Queenslands Finest Beer – draußen vor der Tür des einzigen Pubs der Stadt verzehrt – das Beste ist, was man tun kann, nachdem oder bevor man ein paar Münzen in die Telefonzelle eingeworfen hat, um nach Hause zu telefonieren.

Ein weiteres Highlight: Mit Sonnenschein in Hülle und Fülle ist es kein Wunder, dass diese verbrannte Ecke Australiens auch der Standort eines ziemlich spacigen Solarparks ist. Es ist irritierend, solch einen futuristisch anmutenden Sonnenteppich am Rande eines winzigen „Kuhdorfs“ zu sehen. Wi-Fi? Nein. Handy-Signal? Nein. Innovativer Multimillionen-Dollar Solarpark? Aber ja.

Einwohnerzahl: Null

Etwa vier Autostunden von Windorah entfernt, offenbart sich die wahre Bedeutung  von „das hinterletzte Kaff“. Mit einer Einwohnerzahl von Null, ist Betoota gruselig wie die Hölle. Wahrhaftig ein Geisterstadt, maßgeschneidert als Kulisse für einen Horrorfilm, den Sie mit den Händen vor den Augen anschauen. während diese vor Schrecken zittern.
Betoota ist die einzige Ortschaft, um auf der 400 km langen, roten, staubigen und holprigen Straße zwischen den Städten Windorah und Birdsville anzuhalten. Betoota ist im Grunde genommen nur ein verlassener Pub, der einst als abgelegener Außenposten für Truckies und Reisende diente, die auf ein kühles Bier und ein Plausch vor der Weiterfahrt nach Windorah, Birdsville, Wolf Creek oder darüber hinaus. Geführt wurde er früher von einem tapferen, zuletzt achtzigjährigen Zöllner. Er verstarb 2004, nachdem er fast 50 Jahre lang der Wirt war. Heute ist die Kneipe eine Zeitkapsel, mit einer verrosteten Zapfsäule an der Vorderseite, an der Preise kleben, die seit Jahrzehnten nicht mehr auf dem Markt zu finden sind.
Eine knarrende Fliegengittertür führt direkt zu einem großen Nostalgietrip: einer alten Küche voller Gerätschaften, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Staubige Arbeitsplatten sind mit Gläsern voll versteinerter Essiggurken und verblichenen Dosen mit ranzigen Gemüsesorten geschmückt. Nach der Durchquerung eines pechschwarzen Ballsaals, der von den Geistern promilleseliger Zeiten der Vergangenheit bevölkert scheint, kommt die Bar in Sichtweite. Und wie erwartet, besitzt sie die seltene Art von gruselnder Atmosphäre, die nur ein verlassener Pub mitten im Nirgendwo bieten kann:
Batterien von billigem Champagner, der mit Wüstenstaub bedeckt ist, säumen die Wände, und die unbeaufsichtigte Bar fühlt sich an wie Lust auf einen Ort, an dem die geisterhafte Erscheinung des Barkeepers aus dem Schatten heraustritt.

Auf der Rückseite steht resigniert ein rostiger, gelber Doppeldeckerbus mit kaputten Fenstern herum, während Unkraut seine metallene Leiche erwürgt und Reptilien sich darauf sonnen. Die sinnbefreiten Worte „keep out“, die auf ein Stück Wellblech aufgesprüht wurden, haben nichts dafür getan, um neugierige Menschen davon abzuhalten, in einer der kleinsten Geisterstädte Australiens anzuhalten. Man kann sie dafür nicht wirklich schelten – Betoota ist wunderbar. Und abgesehen davon: es gibt sonst nirgendwo etwas wo man sich aufhalten kann, ohne geröstet zu werden).

Aus Liebe zu Birdsville

Birdsville, Heimat von etwa 115 Menschen, ist nicht weit von den Grenzen Südaustraliens und des Northern Territory entfernt, aber es ist Queensland durch und durch. Und noch einmal ist das Herzstück des Ortes eine Kneipe. Am Rande der Simpson-Wüste gelegen, bietet das Birdsville-Hotel seit 1884 Reisenden, Viehhaltern, Wanderern und Outback-Legenden Schäumereien an. Heute ist es eher  Gastgeber für Touristen, die den Outback-Loop durchqueren oder die ikonische Düne der Simpson-Wüste besuchen, die liebevoll Big Red genannt wird.

Birdsville ist ein Ort, an dem man das Wort der Einheimischen respektiert. In der Kneipe warnen Schilder die Gäste davor, dass jeder, der mit seinem Smartphone erwischt wird, vom Barkeeper angemahnt wird und zwangsweise ein paar Münzen in die Sammelbox des Royal Flying Doctor Service einzuwerfen hat. Dieses Szenario funktioniert recht gut und sorgt dafür, richtig guten, altmodischen Spaß zu haben:  echte Gespräche mit Fremden & Einheimischen sowie ungeschickten Singspielen am Klavier. Ja, das ist immer noch eine große Sache in Birdsville.

Während die Kneipe das unumstrittene Epizentrum der Stadt ist, sind Kamele ebenfalls ein integraler Bestandteil der Identität von BirdsviIle. Was Sie mit diesen „Schiffen der Wüste“ erleben wollen, liegt ganz bei Ihnen: Entweder Sie reiten die Hauptstraße hinauf und wieder hinunter oder Sie stecken sich in der Birdsville Bakery in ein großes Stück Kamelkuchen in den Mund. Alternativ gehen Sie einfach mal aufs Ganze und machen beides gleichzeitig).

Ein Ort wie Birdsville stellt viele Fragen an seine Bewohner; tiefe, verwirrende Dilemmata wie:
Was passiert, wenn der Laden kein Cola-Eis mehr hat und die nächste Lebensmittellieferung erst in einer Woche erwartet wird?
Wie überleben die Einheimischen die knackigen 5O-Grad-Sommer?

Während Sie auf der Veranda mit einer Bierdose von XXXX sitzen, beobachten Sie, wie Flugzeuge auf der Landebahn fahren, die auf der anderen Straßenseite liegt, während Scharen von flammenden Rosakakadus in der Ferne kichern.
Sie haben vielleicht nicht die Antworten auf diese Rätsel, aber eine Sache ist sicher: dass Sie nicht in einer Welt ohne Birdsville leben wollen.

***

Titelbild: Ian Cochrane via flickr.com (CC BY 2.0)

Kategorien unterwegs Welt im Wort entdecken
Winfried Zurborg

Winfried Zurborg ist pensionierter Lehrer, in Brandenburg & unterwegs lebend. Er versucht sich im Verfassen von Reiseberichten im Stile von Roger Willemsen, Alistair McLoad & Nicolas Bouvier. Er fotografiert auf seinen Reisen nicht. Seine Beiträge in "der blaue ritter" sind seine ersten Veröffentlichungen. Das Profilfoto hat Winfried selbst vorgeschlagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!