Wilhelm Scherer • Walther von der Vogelweide • Ein Porträt

Wilhelm Scherer  • Walther von der Vogelweide

Walther_von_der_Vogelweide_Weingartner_HandschriftEin reisender Bischof schenkte am 12. November 1203 in Zeißelmauer an der Donau dem Sänger Walther von der Vogelweide eine Summe Geldes zur Anschaffung eines Pelzrockes. Ein italienischer Domherr, der sich in deutscher Poesie versuchte, Thomasin von Zirclaria, stellte im Jahre 1215 denselben Walther als einen Volksverführer hin, der mit einem seiner Gedichte Tausende betört und ungehorsam gegen Gottes und des Papsts Gebot gemacht habe.

Wir blicken in das Leben eines wandernden Spielmannes, und doch wird die Stimme dieses Menschen weit in Deutschland gehört; man sieht ihn als einen mächtigen Feind an, und gewiß war er ein gesuchter Freund. Er lebte zu einer Zeit, in welcher die Dichtung eine Macht war. Seine Lieder flogen in die Welt, wie eine Broschüre, die jedermann liest, oder wie eine glänzende Rede, die alle Zeitungen unverkürzt abdrucken. Walther hatte eine öffentliche Laufbahn. Er war vermutlich in Österreich geboren und fand an dem Babenberger Herzog Friedrich dem Katholischen einen Protektor. Als dieser im April 1198 in Palästina starb, blieb Walther von Wien fort und versuchte sein Glück als politischer Sänger. Er sang für Philipp von Schwaben; er sang für Otto den Vierten; er sang für Friedrich den Zweiten: von 1198 bis 1227 können wir ihn verfolgen, und spätestens seit 1187 hat er überhaupt gedichtet. Wichtige Momente unserer Geschichte begleitete er mit seinem Liede. Über seinen politischen Gesinnungswechsel, den Übergang von einem Kaiser zum anderen, können wir nicht urteilen; für Zeiten der Bürgerkriege, die nur um den Besitz der Macht gekämpft werden, fehlt aus der Ferne jeder sittliche Maßstab. Persönliche Vorteile gehörten allerdings zu Walthers Motiven. Es liegt in der Naivität der Zeit, daß solche egoistische Interessen offen eingestanden werden. Ohne Scham bittet, mahnt, fordert, dankt Walther für empfangene Geschenke. Wie würde ein heutiger Dichter ersten Ranges der Welt glückstrahlend verkündigen, daß er das große Los gewonnen! Für Walther war ein eigener Herd das große Los. Er stand nicht bloß zu den Kaisern, sondern auch zu vielen deutschen Fürsten in persönlicher Beziehung; in Österreich, Thüringen, Meißen, Bayern, Kärnten, Aquileja hat er am Hofe zeitweilig Aufnahme gefunden; von der Seine bis zur Mur, vom Po bis zur Trave ward er umhergetrieben; aber nirgends konnte der Wanderer festen Fuß fassen; keiner jener Fürsten und Protektoren schuf ihm ein Haus; der größte Sänger der Zeit war lange verurteilt, ein Vagabund, ein Bettler zu bleiben. Kaiser Friedrich der Zweite endlich befriedigte seine Sehnsucht. Er gab ihm ein kleines Lehen, vermutlich in Würzburg. Da brach der arme Schelm in Jubel aus: »Ich hab‘ ein Lehen, alle Welt, ich hab‘ ein Lehen!«

Wenn nun der wandernde Spielmann, der von der Gnade seiner Gönner lebte und kaum lebte, unter dem Drucke der Not die Partei wechselte, soweit es sich um Personen handelte, so hat er doch niemals die Partei gewechselt, soweit es sich um Prinzipien handelte. Er war stets ein guter Patriot, ein frommer Mann, ein Feind des Papstes.

Er liebte und bewunderte sein Vaterland, das er in einem berühmten Liede pries: nirgends hat es ihm so wohl gefallen, deutsche Sitte geht allen vor; wohlerzogen sind die Männer, wie die Engel sind die Frauen beschaffen. »Wer Tugend und reine Minne suchen will,« ruft er aus, »der soll kommen in unser Land: da ist Wonne viel: möcht‘ ich lange darin leben!« Und war es ihm nicht vergönnt, diese glückliche Ansicht der ihn umgebenden Welt festzuhalten; kamen böse Jahre, in denen der Verfall des höfischen Lebens über Deutschland hereinbrach; mußte er sich fragen, ob sein Leben ein Traum war, ob nicht alles, was er glaubte, was er für wirklich hielt, ein Nichts gewesen: so hören wir in der rührenden Elegie, worin er den Schmerz über sein verwandeltes Vaterland ausspricht, doch immer den begeisterten Patrioten reden; seine Trauer fließt aus der Liebe; sie verbindet sich mit Frömmigkeit, und seine Sehnsucht steht nach dem Heiligen Lande. Gleich einem älteren ungenannten Spielmanne, der wie Walther sein Elend bejammerte, ein eigenes Haus wünschte, seine Gönner lobte und daneben persönliches Schuldgefühl aussprach, sich mahnend an die Zeitgenossen wandte, alle großen heiligen Gegenstände der christlichen Lehre besang und dergestalt ganz auf die geistliche Weltanschauung einging, hat auch Walther in feierlichen Weisen seinen Glauben und ein Sündenbekenntnis abgelegt, die heilige Dreieinigkeit, die Jungfrau Maria, Christi Kreuzigung besungen, alle die für Toren erklärt, die nicht von der Jungfrau und ihrem Sohne das zeitliche und ewige Heil erwarten, und jede Spekulation über das Wesen Gottes als vergeblich abgewiesen. In einem kindlich frommen Morgengebete ruft er den Segen des Himmels über sich herab. Gottes Huld und Ehre erscheinen ihm als die höchsten Güter; und er klagt sich der Selbstsucht an, weil er seine Feinde nicht zu lieben imstande sei. Von dem Leichtsinne des Erzpoeten ist er weit entfernt. Die Trunksucht hat er in besonderen Gedichten bekämpft. Mit sittlichem Ernste dringt er auf das rechte Maß in allen Dingen. Wer sich selbst beherrscht, ist ihm der wahre Held, der schlägt den Löwen und den Riesen. Des Mannes Gesinnung soll fest sein wie ein Stein und in der Treue glatt und blank wie ein Silberstab. Walther eifert gegen die Zweizüngigen, die Lügner und Betrüger. Er weiß, was Freundschaft wert ist und schätzt sie höher als die Verwandtschaft: »Freundes Lächeln«, sagt er, »sei wahr und ohne Falsch, lauter wie das Abendrot, das schönen Tag verkündet.« Walther hebt hervor, wie das Streben nach Geld und Gut, wie übergroßer Reichtum und übergroße Armut den Menschen demoralisiere. Im Alter wirkt er für den Kreuzzug Friedrichs des Zweiten und dichtet fromme Marschlieder für das Heer. Er wendet sich von der irdischen Liebe zur himmlischen und nimmt Abschied von der Frau Welt, der er so lange gedient.

Aber alle Frömmigkeit hindert ihn nicht, sich auf einen freien menschlichen Standpunkt zu stellen und das Christentum von seinen offiziellen Trägern zu unterscheiden. Der heimatlose, weitumgetriebene Spielmann ist ein aufgeklärter Apostel der Humanität und Toleranz; er weiß und verkündet, daß Herr und Knecht vom Tode gleich gemacht werden, daß Christen, Juden, Heiden einem und demselben Gotte dienen. Er verspottet den Glauben an Träume, verlangt milde Erziehung, hält den Fürsten ihre Pflicht vor und ist ein Tribun der Deutschen gegenüber Rom. Er führt den Bürgerkrieg in Deutschland auf päpstliche Machinationen zurück. Er will nicht, daß deutsches Geld nach Rom fließe. Er nennt den Papst den neuen Judas und stellt ihn als einen Diener des Teufels hin, dem er die ganze Christenheit ausliefern wolle. Er erinnert ihn an den Fluch, den er über die Feinde des Kaisers bei dessen Krönung gesprochen: er habe sich selbst verflucht. Walther streitet gegen die Einmischung der Geistlichen in weltliche Angelegenheiten überhaupt. Er zieht das Gleichnis vom Zinsgroschen herbei: gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes. Er sieht die weltliche Macht des Papstes für ein Gift an, das in die Kirche gefallen. Das Christentum liegt, wie er meint, im Krankenhaus und wartet vergeblich auf einen Labetrunk von Rom. Der Papst selbst mehrt den Unglauben; er führt die Geistlichen an des Teufels Seil; sie sind lasterhaft; sie tun nicht, was sie lehren; und wer nur Christ mit Worten, nicht mit Werken ist, der ist ein halber Heide.

Alle die Gedichte, mit denen Walther ins öffentliche Leben eingreift oder seine Grundsätze ausspricht, pflegt man »Sprüche« zu nennen. Sie sind sämtlich kurz und leicht zu behalten: Gesänge von einer Strophe, die gewiß mit einer gefälligen, faßlichen Melodie versehen waren. Sie konnten sich von Mund zu Mund verbreiten, wie eine Anekdote oder ein Epigramm. Sie sind interessant wie eine Fabel, prägnant wie ein Sprichwort und oft ganz auf populäre Wirkung berechnet. Sie lassen sich dann mit einer raschen Volksrede vergleichen, die zündend in eine große Versammlung fliegen soll. Da fällt jede feinere Gedankenentwicklung fort; der Stil muß lapidarisch sein; für Schmuck und Formenspiel ist kein Raum; in dem nackten Gedanken, in dem einfachen Wort entfesselt sich das Pathos. Viele lassen sich auf einen Hauptsatz zurückführen, der eigentlich das ganze Gedicht enthält. Zuweilen bleibt es bei der Behauptung; zuweilen wird ein summarischer Beweis geliefert. Zuweilen steht der Satz an der Spitze, zuweilen ergibt er sich als Folgerung erst am Schluß. Ein Gedicht für die Wahl Philipps von Schwaben gipfelt in der Aufforderung an das deutsche Volk: »Dem Philipp setze die Krone auf!« Es hält aber folgenden Beweisgang ein: alle Kreatur hat ihr festes Regiment; in Deutschland fehlt es; nur Philipp ist geeignet, es herzustellen. Der Gedanke kleidet sich in eine möglichst sinnliche Form, und um diese herzustellen, scheut der Dichter auch die Übertreibung nicht. Seelische Vorgänge werden durch die körperlichen Symptome ausgedrückt. Anstatt zu sagen: »Ich empfand Trauer«, sagt Walther: »Meine hochfältigen Kranichsschritte wurden schleppende Pfauentritte, den Kopf ließ ich hängen bis auf die Knie.« Die allgemeine Wahrheit wird womöglich auf eine individuelle Erfahrung, das vielfach Bewährte auf einen einzelnen Fall reduziert. Anstatt zu sagen: »Kein Nachdenken lehrt, wie Ehre, Reichtum und Gottes Huld zugleich erworben werden können«, führt er sich selbst als Nachdenkenden ein, und zwar wieder körperlich in der typischen Stellung des Nachdenkenden: »Ich saß auf einem Steine und deckte Bein mit Beine, darauf setzt‘ ich den Ellenbogen; ich hatt‘ auf meine Hand gestützt das Kinn und eine Wange: da dacht‘ ich sorglich lange dem Weltlauf nach.« Einige Sprüche sind rein episch, indem ein Vorgang um seiner selbst willen erzählt wird, wie König Philipps Weihnachtsfest zu Magdeburg, oder indem ein solcher Vorgang um seiner symbolischen Bedeutung willen erzählt wird, wie Christus mit dem Zinsgroschen. Aber in manchen Sprüchen schlägt nur der Eingang einen epischen Ton an und macht ein Gedicht dadurch populärer, wie das eben angeführte »Ich saß auf einem Steine« ober »Ich hört‘ ein Wasser rauschen« oder »König Konstantin, der gab so viel«. Oder das epische Element verbindet sich mit einem dramatischen: Personen werden redend eingeführt. Um nicht selbst über den Papst zu klagen, legt er in einem seiner älteren Sprüche die Klage einem Manne in den Mund, an dessen Frömmigkeit kein Zweifel sein konnte: »Ich hörte fern in einer Zelle lauten Jammerruf; da weinte ein Klausner, er klagte Gott sein Leid: Weh uns, der Papst ist zu jung; hilf, Herr, hilf deiner Christenheit.« Dramatisch wirkt auch die unmittelbare Anrede, mit der er sich an den Kaiser, den Papst, die Fürsten oder andere Personen oder selbst Personifikationen wendet. So redet er Frau Welt an; so hat er die Opferstöcke personifiziert, in denen Innocenz der Dritte für den Kreuzzug sammeln ließ, indem er sich gleichsam vor einen derselben hinstellt und ihn wütend anfährt: »Sagt an, Herr Stock, hat Euch der Papst zu uns gesandt, daß Ihr ihn reich macht und die Deutschen plündert?« Der Spruch faßt seinen Inhalt in dem Schluß zusammen: »Herr Stock, Ihr seid zum Schaden hergesandt, daß Ihr in Deutschland suchet Törinnen und Narren.« Das Kühnste an Dramatisierung aber hat Walther geleistet, indem er es wagte, den Papst inmitten seiner Welschen darzustellen, wie er die Deutschen lachend verhöhnt und sich seiner klugen Politik rühmt: »Ich hab‘ es gut gemacht! Ich hab‘ zwei Deutsche unter eine Krone gebracht, daß sie das Reich verwüsten und zerstören. Unterdessen füllen wir die Kassen. Die Deutschen müssen zum Opferstock, ihr Gut ist alles mein, ihr deutsches Silber fährt in meinen welschen Schrein. Ihr Pfaffen, esset Hühner und trinket Wein und laßt die deutschen – fasten.« Es fehlt hier ein Schimpfwort, das der Papst gegen die Deutschen gebraucht und das offenbar so stark war, daß es die patriotischen Schreiber unserer Handschriften nicht wiederholen wollten. Bei dieser Szene aus der Residenz des Papstes hat glühender Haß den Griffel geführt. Es ist wohl nie ein aufreizenderes Epigramm gedichtet worden. Hier wird der Volksrichter in der Tat zum Volksführer oder zum Volksverführer, wie jener Domherr sagte: der Spielmann wird Demagog.

Reiht sich dergestalt Walther mit seinen Sprüchen den Spielleuten an, indem er eine Stellung erringt, wie sie nie ein Spielmann vor ihm oder nach ihm besessen; so verleugnet er in seiner Liebeslyrik nirgends den Edelmann. Und die Eigenschaften, die ihn im Spruch auszeichnen, finden sich, soweit es der Stoff und die Kunstform gestatten, zum Teil auch im Liede wieder. Er ist lebhaft, anschaulich, zuweilen derb, wird zornig und flucht, weiß epische und dramatische Mittel in Bewegung zu setzen und zeigt sich in allen diesen Zügen als ein rechter Sohn des bajuvarischen Stammes.

Der adelige Minnesang ging in Österreich und Bayern aus dem volkstümlichen Liebesliede hervor. Noch heute zeichnen sich die Bewohner der bayerischen und österreichischen Alpen durch die Gabe der kecken Improvisation im Gesange aus. Wir dürfen darin eine Erbschaft der Urzeit erblicken. Kurze Liebeslieder waren den alten Ariern und den Germanen so wenig fremd wie den übrigen, auch den niedrigsten Völkern der Erde. Gelegenheitsgedichte blitzen im Liebesverkehre wie Funken auf; und sind sie in ein glückliches Bild gefaßt, auf einen prägnanten Ausdruck gebracht, so dauern sie über die Jahrhunderte hin. »Du bist mein, ich bin dein«: wie oft mag das der Liebende der Geliebten, die Liebende dem Geliebten zugesungen haben. »Du bist verschlossen in meinem Herzen, verloren ist das Schlüsselein, nun mußt du immer drinnen sein«: diese hübsche Wendung können wir im 12. Jahrhundert wie in heutigen Volksliedern nachweisen. Die populären Liebesweisen flogen wie Sommerfäden von den grünen Wiesen, auf denen die Bauern tanzten, in die Schlösser des Adels. Aus den unbeachteten Gelegenheitsscherzen einer früheren Zeit wurden im 12. Jahrhundert kleine Lieder, welche das erwachte Selbstgefühl der aristokratischen Gesellschaft bewunderte und festhielt, um auch den edlen Lebensschmuck der Poesie nicht zu entbehren. Ein Ritter Kürenberg aus der Nähe von Linz an der Donau erfand eine vierzeilige Strophe von bequemem Bau, welche zur Modeform für solche Improvisationen wurde und längere Zeit an den Ufern der Donau so beliebt blieb, daß auch die Verfasser der Nibelungenlieder nach ihr griffen. Später sang ein Burggraf von Regensburg ähnlich einfache Lieder in verwandten Strophenformen. Andere Dichternamen kennen wir nicht, und wenig ist uns erhalten aus dieser Frühzeit des aufblühenden nationalen Minnesanges, aber das Wenige gehört zu dem Schönsten der mittelalterlichen Lyrik und greift uns mit schlichtem Worte noch heute unmittelbar ans Herz, ohne daß es einer künstlichen Vermittelung bedürfte, ohne daß wir uns in die konventionellen Formen des ritterlichen Verkehrs hineinzudenken brauchten.

Frauenempfindung stellt sich in diesen Liedern ganz anders dar, als was die Männer zu sagen haben. Noch ist die gesellschaftliche Herrschaft der Damen nicht anerkannt. Mit Selbstgefühl wirbt der Mann: »Freud‘ und Leid teil‘ ich mit dir: solang ich lebe, sollst du mir lieb bleiben; denn daß du einen Schlechten liebtest, das wünsch‘ ich dir nicht.« Ein anderer versagt sich einer Frau, die seine Liebe begehrte. Ein dritter mahnt die heimlich Geliebte, sich vor der Welt zu bergen, wie ein Stern in den Wolken, und ihre Augen zum Schein auf anderen ruhen zu lassen. Ein vierter rühmt sich seiner Triumphe: Frauen seien leicht zu zähmen wie die Falken.

Die Damen ihrerseits werden zuweilen episch eingeführt: »Es stand eine Frau allein und schaute über die Heide und schaute nach dem Liebsten aus; da sah sie einen Falken fliegen.« Den Falken preist sie selig, weil er sich den Baum wählen kann, der ihm gefällt. So hat auch sie getan und einen Mann erwählt, aber andere Frauen wollen ihn ihr rauben … Auch ohne epische Einführung sprechen Frauen ihr Gefühl aus. Eine Dame erzählt, sie habe einen Falken gezähmt; der sei ihr fortgeflogen und trage jetzt andere Fesseln. Naturgefühl und Liebesgefühl verketten sich: erst der Geliebte macht die Sommerwonne voll, seine Liebe dünkt sie der Rose gleich. Ist der Vogelsang verschwunden und das Laub der Linde, so trüben sich die Augen der verlassenen Frau; sie erinnert den Ungetreuen daran, wie er sie einst bewundert. »Unser zweier Scheiden mög‘ ich nicht erleben!« ruft die Liebende aus. Und eine andere weint, weil sie mit ihrem Freund entzweit ist. Schüchtern klagt ein Mädchen: »Wenn ich steh‘ allein in meinem Hemde und ich an dich denke, so erblühet meine Farbe, wie die Ros‘ am Dorne tut; und gewinnt mein Herz gar manchen traurigen Mut.« Nur die Frauen sind empfindungsvoll, hingebend, besorgt. Nur sie kennen den Liebesschmerz und die Liebestränen.

Aber diese Verhältnisse änderten sich mit dem Vordringen französischer Mode im Leben und in der Poesie. Schon tauchen in jenen österreichischen Liedern die Aufpasser, die »Merker«, als die Feinde der Liebenden auf; schon wird die heimliche Liebe als die wahre gepriesen; immer deutlicher wirken Tristan und Isolde als das vorbildliche Liebespaar ein; und bald wird das Verhältnis der Frauen zu den Männern in sein Gegenteil verkehrt. Die Frauen werden spröde, die Männer müssen schmachten; jene bleiben unbewegt, diese müssen das Trauern lernen; jene versagen, diese klagen. Die Frauen sind die Gebieterinnen; der Liebende verhält sich zu seiner Dame wie ein Vasall zu seinem Lehnsherrn: er muß ihr dienen; für diesen Dienst erwartet er Lohn: und selten wird ihm nur die kleinste Gunst zuteil. Was die Liebe an sittlicher Reinheit gewann, das verlor der Liebessang an Leben und Frische; er wurde eintönig und affektiert, wie bei Reinmar von Hagenau. Aber Bayern und Österreich folgten nie ganz der Mode; da hielten sich widerstrebende Elemente, die ihre Kraft aus der volkstümlichen Tradition schöpften. Wolfram von Eschenbach ergriff in den Tageliedern eine poetische Gattung, die schon durch ihren epischen und dramatischen Gehalt, durch ihren balladenartigen Charakter sich an gewisse populäre Liedformen anschloß. Der Österreicher Dietmar von Aist wirbt wenigstens um eine Dame, die er besingt, als ihr Diener; er ist ihr Untertan wie das Schiff dem Steuermann; er hat weichere Empfindung oder gibt sie wenigstens vor; des Nachts kann er nicht schlafen und glaubt sterben zu müssen vor Liebe; aber sein Werben bleibt nie unbelohnt; die Frauen sehnen sich nach ihm, mißgönnen ihn einander, und er scheint ein Don Juan zu sein, der von einer Eroberung zur anderen eilt.

800px-Codex_Manesse_Walther_von_der_VogelweideUm die Zeit, als dieser Dietmar blühte, muß Walther von der Vogelweide zu dichten begonnen haben und Reinmar von Hagenau nach Österreich gekommen sein. Reinmar fand am Hofe zu Wien freundliche Aufnahme und besang den Tod Herzog Leopolds des Fünften (Silvester 1194), indem er seiner Witwe eine schöne Klage um ihn in den Mund legte. Er hat sichtlichen Einfluß auf Walther geübt; in der geistreichen Konversationspoesie ist dieser sein Schüler. Aber neben der Verwandtschaft ist auch der Gegensatz deutlich. Übertreibungen finden in Österreich nur selten Anklang; gesunder Menschenverstand und munterer Witz dulden keinen phantastischen Zug. Wenn Reinmar seinen »langen süßen« Liebeskummer wie ein zartes Pflänzlein hegte, so ward er gewiß bald ausgelacht. Und folgt Walther in manchen Dingen dem Beispiele Reinmars, wird auch er in langem, vergeblichem Werben nicht müde, nennt auch er die Liebe eine süße Mühsal und einen Hort aller Tugenden: so wird es ihm doch nicht einfallen, Liebeskummer als seinen schönsten Ruhm zu betrachten. Sagt Reinmar: »Ich werb‘ um alles, was ein Mann an Freuden dieser Welt je haben kann, das ist ein Weib«: so geht Walther im Frauendienste nicht auf, für ihn hat die Welt noch andere Freuden und Pflichten. Er hat sich einmal direkt über Reinmar lustig gemacht, die Übertreibungen seines Gefühls wie die Übertreibungen seiner geistreichen Manier verspottet und die verspotteten Motive selbst anders angewendet. Reinmar will seine Dame über alle anderen setzen, Walther sagt der Geliebten unbefangen: »Vielleicht sind andere besser, du bist gut«; er will seine erwählte Dame niemand aufdringen, mag jeder die Seine loben mit des Dichters Wort und Weise: »Lob‘ ich hier, so lob‘ er dort.«

Reinmars Lieder sind ohne Naturgefühl; er begrüßt nie den Frühling und trauert nie über den Winter. »Ich habe mehr zu tun, als Blumen zu beklagen«, sagt er. Walther dagegen hat, ohne je Natur und Liebe auf konventionelle Weise zu verbinden, die Jahreszeiten wiederholt besungen und dem allbekannten Stoffe neue Seiten abgewonnen. In das Bild des Frühlings zeichnet er eine Szene hinein: Mädchen, die auf der Straße den Ball werfen. Oder eine Landschaft tut sich auf: der Dichter sitzt auf einem Hügel, vor ihm Blumen und Klee und dahinter ein See. Der Mai kleidet die Bäume so schön und die Wiese noch schöner: »du bist kürzer, ich bin länger«, also streiten auf dem Anger Blumen und der Klee. Die Blumen dringen aus dem Grase und lächeln am Sommermorgen der Sonne zu. Schöner als alle Frühlingspracht aber ist eine schöne Frau.

Reinmar gehört zu den Dichtern, welche durch einseitigen Geschmack die Poesie ärmer machen. Bei Walther ist sie so reich wie bei keinem anderen mittelhochdeutschen Lyriker. Er verhält sich zu Reinmar wie Wolfram von Eschenbach zu Gottfried von Straßburg. Auch Gottfried beschränkte sich willkürlich auf die epische Fülle, die sein Stoff ihm darbot. Walther und Wolfram nehmen den ganzen Schatz, das Erbteil der Väter, in ihre Pflege; sie wissen das alte Gold wieder umzuprägen oder neu zu fassen. Wie Gottfried gegen Wolfram polemisierte, so hat nach Walthers eigenem Zeugnis Reinmar ihn nicht leiden können. Und wie Wolfram seinen Tadler durch Lob beschämte, so hielt Walther dem Reinmar eine Grabrede, welche durch Wahrhaftigkeit, Offenheit, Gerechtigkeit und ernstes Gefühl zu dem Großartigsten gehört, was er gedichtet hat.

Wie nahe sich Walther und Wolfram standen, wissen wir nicht. Jedenfalls haben sie sich gekannt und anerkannt. Sie zitieren einander, und Walther hat in Wolframs Stil ein Tagelied verfaßt. Walther ist, wie Wolfram, voll Selbstgefühl im Leben und in der Liebe; er spricht ganz unbefangen von seiner »reichen Kunst«; er hebt immer hervor, daß er anderen mit seinem Gesange Freude mache, daß niemand eine Dame so gut zu loben verstehe wie er, und daß auf seinem Lob ihr Ruhm beruhe. Aber Walthers Stil ist bescheidener als Wolframs kühn individuelle Manier. Er hat nicht die Pracht, den Bilderreichtum, das immer und überall Originelle seines bajuvarischen Stammesgenossen. In seinen Liebesgedichten finden sich viele Gedanken und Motive, die auch bei Friedrich von Hausen, Reinmar und anderen begegnen; auch er ist mittelbar ein Schüler der Troubadours; und selten oder nie kann man mit Sicherheit sagen, wo die Überlieferung aufhört und die Weiterbildung anfängt.

Auch Walther liebt heimlich, fürchtet Aufpasser, weist indiskrete Fragen ab, dient, erwartet Lohn. Er dient, weil er bewundert, und er bewundert bis »Stetigkeit« seiner Dame, ihre maßvolle Heiterkeit, ihren freundlichen Blick, ihren lieblich redenden Mund, ihre Schönheit und Güte, wozu er ihr aber auch Barmherzigkeit wünscht. Er ist in ihrer Gegenwart befangen und an ihrer Seite stumm. In seinem poetischen Liebeswerben bringt er hübsche Wortspiele an. Seine Reflexion bewegt sich in bekannten Gegensätzen, wie Inneres und Äußeres, Herz und Leib, Freude und Trauer, Glück und Unglück, Vorteil und Nachteil, Hoffnung und Enttäuschung, rechte Liebe und falsche Liebe, Leid verhehlen und offen sagen. Er bedauert, daß graue Haare ein Hindernis der Liebe, daß 24 Jahre der Minne lieber als 40 seien. Die Minne erscheint personifiziert, er klagt vor ihrem Thron und ist von ihrem Pfeile getroffen. Auch andere sittliche Begriffe werden zu Personen gemacht, und wieder andere werden als greifbare Sachen aufgefaßt: Haß und Neid ziehen als Späher aus; Freude kann man borgen, eine Rede mitten entzweischlagen; Schönheit und Ehre sind Zaubermittel der Dame gegen den Dichter; das Herz ist ein Raum, in den man eindringt, zu klein, um die Liebe allein zu fassen, diese muß daher auf zwei Herzen verteilt werden.

In alledem ist keine hervorragende Eigentümlichkeit: aber Walthers besonders Art zeigt sich gleich, wenn er etwa den Dialog zwischen Ritter und Dame mehr dramatisch ausbildet, so daß ein kleiner Wortkampf mit Angriff und Abwehr entsteht. Oder wenn er Personifikationen sinnlich ausführt, wenn er z.B. Fortuna darstellt, wie sie Gaben verteilt und ihm beharrlich den Rücken zukehrt: auch wenn er um sie herumläuft, immer ist er hinter ihr, sie will ihn nicht ansehen: »Ei, so möcht‘ ich, daß ihr die Augen im Nacken säßen: dann müßte sie es wider Willen tun.«

Die alte Vorstellung, daß der Leib ein Kleid des Menschen sei, wird vom Dichter ergriffen, um die Schönheit seiner Dame zu rühmen. Er hat nie ein schöneres Kleid gesehen, Verstand und Glück sind dreingesteppt. Und nun fährt er witzig fort, indem er auf die gewöhnliche Belohnung der fahrenden Spielleute durch alte Kleider anspielt: »Getragene Kleider hab‘ ich sonst nie genommen; dieses nahm‘ ich für mein Leben gern, um dieses könnt‘ ein Kaiser Spielmann werden. Da, Kaiser, spiele! Nein, Herr Kaiser, anderswo!« Das festgehaltene Bild, die dramatische Anrede, die Zurücknahme und dies alles zusammengedrängt am Schluß eines längeren Gedichtes, ist höchst charakteristisch.

In schweren, dunklen Zeiten ruht der Gesang. Leicht bietet sich die Vergleichung dar: auch die Vögel singen nicht bei Nacht. Aber wie lebhaft drückt das Walther aus! Er tröstet die Zweifler, die Zeit werde wieder kommen, wo die Sangeskunst sich von neuem bewähre, und schließt: »Ich hört‘ ein kleines Vögelein dasselbe klagen, das versteckte sich und sprach: Ich singe nicht, erst muß es tagen.«

Schon Friedrich von Hausen in seinem ältesten und kürzesten Liede erzählt von Liebesglück, das er im Traum genossen, und zürnt den erwachenden Augen, die es ihm genommen. Walther tritt im Traum einem Mädchen entgegen, die zum Tanze geht, und überreicht ihr einen Kranz. Sie nimmt ihn wie ein schamhaftes Kind, mit errötenden Wangen, gesenkten Augen, zierlichem Neigen. Und weiter wirbt er, und sie gibt ihm Glück – doch alles war nur geträumt. Aber jetzt sucht er sie unter den Mädchen, er sucht sie beim Tanze. »O, bitte, rückt auf eure Hüte!« ruft er den Mädchen zu. Aber vergeblich, er findet sie nicht. Das Ganze offenbar ein Lied, das zum Tanze gesungen werden sollte.

Daß ein Mädchen von einem Stelldichein erzählt, war auch schon dagewesen. Aber Walthers Lied »Unter der Linde an der Heide« ist einzig an Naivität, Grazie, Schalkhaftigkeit. Und man wäre geneigt, es für das schönste Lied des ganzen Minnesanges zu erklären, so voll von Leben und überraschendem Reichtum ist es – wenn nicht die Grundvoraussetzung eine konventionelle wäre: denn ein Mädchen, so beschaffen, wie dieses gedacht ist, wird ein solches Erlebnis überhaupt nicht oder nicht so erzählen.

Lebhaft preist Walther die Stunde, da er sie kennengelernt, die ihm das Herz und den Mut hat bezwungen. Er kann sich von ihr nicht mehr trennen: das hat ihre Schönheit und Güte gemachet und ihr roter Mund, der so minniglich lachet. Er wünscht der Geliebten, die ihn hinhält, so nahe zu sein, daß er sich in ihren Augen spiegeln könne. Dann werde er sie fragen: Willst du das nicht wieder tun? mich nicht mehr quälen? Und sie gibt nur ein Lächeln zur Antwort… Überall Szene und Handlung! Wieviel Mühe hat sich Petrarca gegeben, um die Schönheit seiner Laura der Nachwelt zu verkünden! Aber er gelangt über das Aufzählen einzelner Vollkommenheiten nie hinaus; die Häufung wird gegenseitige Störung; und man erhält nirgends ein Bild. Der »rote Mund, der so minniglich lachet«, schwebt uns gleich reizend im Geiste vor. Walther ist sparsam mit Angaben über die körperliche Beschaffenheit der Frauen, die er besingt; er zeigt sie uns lieber in Bewegung, in bestimmter Situation: aus dem Bade steigend; oder in die Kirche gehend, ungeschminkt, in einfacher Tracht, mit blondem, aufgebundenem Haar; oder eine vornehme Dame in voller Toilette, die sich mit ihrem Gefolg in Gesellschaft begibt und nur von Zeit zu Zeit bescheiden um sich blickt. Walther weiß in solche Schilderungen die Anmut hineinzulegen, die er höher als die Schönheit preist. Er führt auch, um nur Handlung statt Beschreibung zu gewinnen, Gott als Schöpfer ein: der hat an ihre Wangen teure Farben gestrichen, so reines Rot, so reines Weiß, hier Rosenrot, da Lilienweiß; oder Gott ist Bildgießer, der Schönheit und Reinheit als Metalle für den Guß einer Frau genommen hat.

Durchweg fesselt Walther durch Anschaulichkeit, Leben, Bewegung. Aber phantasievolle Betrachtung ist sein eigentliches Gebiet. Die sinnliche Welt macht er wundervoll deutlich und weiß sie mit Liebreiz zu übergießen. In die Erscheinungen der sinnlichen Welt kleidet er auch seelische Verhältnisse und gibt dadurch der Reflexion einen dichterisch greifbaren Körper. Aber das Seelenleben selbst erfaßt er nur durch das Medium der Reflexion. Die Welt der Empfindung steht unerreichbar über der Poesie des Mittelalters: sie wird nur aus der Ferne beschrieben. Innere Zustände und Vorgänge finden sich in der Lyrik wie im Epos analysiert, und das Epos erlangt herrliche Ausdrucksmittel, um sie in Handlung umzusetzen: einige Nibelungenlieder, die »Gudrun«, Wolfram von Eschenbach leisten darin das Höchste; und auch Walther verfügt über die epischen Mittel. Aber uns in das Leben seines Herzens unmittelbar hineinzuziehen, ist er selten imstande. Ergreift er uns einmal mit schlichtem Wort, wie jene alten österreichischen Improvisationen, so geht er bald wieder zu Betrachtungen über, die mehr den Verstand angenehm beschäftigen als die Seele bewegen.

Gleichwohl hat Deutschland vor Goethe keinen Lyriker gehabt, der sich mit Walther vergleichen ließe. Und auch unter den Lyrikern des außerdeutschen Mittelalters weicht er keinem. Die Lyrik des Mittelalters ist für die Folgezeit hauptsächlich durch Petrarca vertreten worden; Petrarca hat die Troubadours beerbt: das Ansehen, das sie einst genossen, ist in den Augen der Renaissance auf den gelehrten Dichter übergegangen. Um wieviel mehr aber hätte Walther von der Vogelweide verdient, auf die Nachwelt zu wirken und in ihr fortzuleben! Wie mannigfaltig ist das, was er zu bieten hat, verglichen mit der Eintönigkeit Petrarcas! Petrarca sammelt den kostbarsten Schmuck aus der Mythologie, aus der antiken und aus der mittelalterlichen Liebespoesie und setzt ihn vorsichtig wie Mosaik zu immer neuen Bildern zusammen. Aber dieser Schmuck ist mit der Mode vergänglich. Walther dagegen tritt fast so einfach auf wie die mittelhochdeutschen Volksepen; keinen Schmuck verwendet er, als was die Natur an allen Orten bietet: bunte Blüten und grünen Zweig: was nie veraltet. Und das Beste, was er darstellt, ist er selbst: ein Mensch, wie man ihn zum Freunde wünscht, so hell in seinem ganzen Wesen, so mild, so ernst und fest in seinem Innern bei leichter, liebenswürdiger Form; fröhlich mit den Fröhlichen, traurig mit den Traurigen, von Kindheit an geneigt zu hoffen und unverzagt in hohem Streben; frisch und heiter selbst in der Not, dankbar im Glücke, nur verdüstert im Alter, dies aber mit Recht: denn des Minnesangs Frühling und Sommer war dahin; Walther spürte den Herbst.

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