Bücher als des Menschen Schicksal

Heinrich Schlieman und das erregende Bild des brennenden Troja. Ein einziges Buch wurde entscheidend für den Lebensweg der Pfarrerssohnes Heinrich Schliemann; eine Lektüre, die er als Achtjähriger von seinem Vater zu Weihnachten erhielt. Es war eine illustrierte Weltgeschichte mit vielen Bildern, von denen eines den Knaben so fesselte, dass es sein Schicksal entschied: das erregende Bild des brennenden Troja.

Adam Elsheimer | Der Brand von Troja | Um 1600 | Alte Pinakothek
Adam Elsheimer | Der Brand von Troja | Um 1600 | Alte Pinakothek

Schliemanns abenteuerlichen Aufstieg zu Reichtum, Macht und Forscherruhm als treffendes Beispiel für die Erkenntnis, dass Bücher nicht nur ihre Schicksale haben, sondern auch zum Schicksal werden können.

Heinrich Schliemann: Trojanische Alterthümer, Titelblatt der Erstausgabe von 1874
Heinrich Schliemann: Trojanische Alterthümer, Titelblatt der Erstausgabe von 1874

Viele Bücher der großen Religionen: die Bibel, der Koran und der Talmud sowie die Schriften der griechischen Philosophen, die Bücher des heiligen Augustinus und des Thomas von Aquin haben den Gang der Menschheitsgeschichte bestimmt. Am Beginn des Marxismus und Leninismus stand das Buch von Karl Marx „Das Kapital“. Die Bücher Einsteins leiteten das Atomzeitalter ein, und die Schriften von Darwin und Freud führten in neue Reiche wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Das Buch des vierundzwanzigjährigen Goethe: „Die Leiden des jungen Werther“ wurde für eine ganze Generation das Ideal Heilender Empfindsamkeit, aber auch des Weltschmerzes. Werthers Selbstmord löste eine wahre Selbstmordepidemie aus, Werthers Kleidung, Haartracht und Gebärden wurden für die Jugend so vorbildlich wie für unsere Jugend das Gehabe mancher Filmhelden, und viele Leser — darunter Napoleon — zitierten ganze Teile des Buches auswendig, so dass Goethe selbst mit Recht von der Wirkung seines Buches sagen konnte: „Jeder Jüngling sehnt sich, so zu lieben — jedes dt, Mädchen, so geliebt zu sein …“

Illustration zur Originalausgabe Onkel Toms Hütte von Hammatt Billings [Erstausgabe: Boston - John P. Jewett and Company, 1852]. Es werden die Charaktere Chloe, Mose, Pete, Baby & Tom dargestellt.
Illustration zur Originalausgabe Onkel Toms Hütte von Hammatt Billings [Erstausgabe: Boston – John P. Jewett and Company, 1852]. Es werden die Charaktere Chloe, Mose, Pete, Baby & Tom dargestellt.
Das Rassenproblem, das auch in unseren Tagen in den USA um entscheidende Lösungen ringt, wurde zum ersten Mal erkennbar durch ein Buch: „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe. Zehn Jahre nach dem Erscheinen des Buches — in diesem Zeitraum wurden davon über eine Million Exemplare verkauft — proklamierte Präsident Abraham Lincoln die Freiheit der Negersklaven in ganz Nordamerika; das war der Auftakt zum amerikanischen Bürgerkrieg, nach dessen für die Nordstaaten siegreichem Ende Lincoln die Verfasserin im Weißen Hause empfing und mit den Worten begrüßte: „Sie sind also die kleine Frau, die den großen Krieg gemacht hat…“

Titelblatt Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte von Alfred Thayer Mahan.
Titelblatt Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte von Alfred Thayer Mahan.

Vor dem Ersten Weltkrieg erschien ein Buch des Admirals T. Mahans mit dem Titel „Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte“. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. bekannte, dass er dieses Buch nicht „lese, sondern verschlinge“, und fügte hinzu: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser!“ Das Werk, das kaum in die breitere Öffentlichkeit gedrungen ist, wurde auch von Engländern, Amerikanern und Japanern fleißig studiert und bewirkte schließlich ein allgemeines Wettrüsten zur See, eine Zusammenballung riesiger Kriegsflotten, die im Atlantik und im Pazifik bedeutsame militärische Entscheidungen herbeigeführt haben.

In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen erschien in Paris eine kleine Schrift über die „Tanks“, wie man damals noch die Panzerwaffe nannte. Geschrieben von einem völlig unbekannten französischen Offizier, fand das Büchlein in Frankreich wenig Beachtung, aber dafür studierten es die Generalstäbler der neuen deutschen Wehrmacht umso gründlicher: Es wurde — so bekannten führende Generäle wie Heinz-Wilhelm Guderian und Erich von Manstein später — zur Grundlage der deutschen „Blitzsiege“ von 1939 und 1940. Der Verfasser gelangte später — allerdings nicht wegen seines Buches — zu Weltruhm. Er hieß Charles de Gaulle und wurde Staatsoberhaupt Frankreichs.

Briefmarke Stalin Mao 1950
Briefmarke Stalin Mao 1950

Politische Bücher teilen meist das Schicksal der von ihnen vertretenen Ideenwelt: Stalins Werke zum Beispiel, die in der Zeit seiner Diktatur eine Auflage von über fünfzig Millionen erreichten, und jetzt schon zum großen Teil wieder eingestampft. Hitlers Buch „Mein Kampf“, das bis 1943 eine Auflage von acht Millionen hatte — es wurde jedem Brautpaar auf dem Standesamt überreicht — hat heute eher Bedeutung als Schlüssel zur Erkenntnis einer der dunkelsten Epochen deutscher Geschichte. Immer noch gilt das weise Wort des Philosophen Lichtenberg:

„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert — und mehr als das Blei in der Flinte das im Setzkasten der Buchdrucker.“

Und in den letzten Jahrzehnten? Gibt es Bücher mit vergleichbarer Wirkung?


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