Weltreise in Lichtgeschwindigkeit – über menschliche Körper, das Weltall & den ganzen Rest

Wir verdünnen ein winziges Tröpfchen Blut und betrachten es unter dem Mikroskop hei 200facher Vergrößerung. Wir sehen sonnenhafte Scheiben, die Sonnen aus der Kleinstwelt des Menschenkörpers: Zellen. Wir beginnen zu zählen, aber wir kommen nicht weit. Es sind zu viele. Wir schätzen: Es müssen fünf Millionen Scheiben in dem Tropfen enthalten sein. Da der menschliche Körper fünf Liter Blut enthält, schwimmen in ihm etwa 25 000 000 000 000 Blutzellen. Was sind 25 Billionen? Tropfte aus einer Wunde in jeder Sekunde eine Blutzelle, so dauerte es fast 800 000 Jahre, ehe der Körper ausgeblutet wäre. 800 000 Jahre sind eine lange Zeit. Hätte der Versuch bei einem Menschen begonnen, der zu Zeiten Christi gelebt hat, so hätte er bis heute noch nicht so viel Blut verloren, wie ein Blutspender für eine einzige Blutübertragung hergibt. Reihte man die heraustropfenden Zellen zu einer Perlenschnur aneinander, so reichte sie viermal um den Erdball.
Wir steigern die Vergrößerung auf das Tausendfache und färben eine der Blutzellen. Jetzt erkennen wir, dass sie von einem Netzwerk durchzogen ist, in dem ein kompliziert gebauter Kern hängt, und rings um ihn verteilen sich feinere Körner. Bei fünftausendfacher Vergrößerung enthüllen sich die Fäden als Schnüre von Perlen, und bei hunderttausendfacher Vergrößerung erscheinen in den Perlen Muster von der Art der Schneekristalle, es sind Gruppen von Molekülen. In jedem Molekül schweben etwa 1000 Atome, und in jedem Atom rasen Elektronen um den Atomkern. Lebten wir auf einem dieser Elektronen, so befänden wir uns in einer Welt, die an „Himmelskörpern“ so reich und in ihren Ausmaßen so weit wäre wie für den Erdbewohner die Sternenwelt. Die Elektronen erschienen als Planeten, und von Atom zu Atom gähnten Himmelsweiten wie zwischen den Sternen. Die Moleküle sähen wir als Sternhaufen, und die Blutzelle, in der wir uns befinden, erschiene uns als ein linsenförmiges Weltsystem von Sonnen, und wir würden sie Milchstraße nennen.
Das ist die Kleinstwelt, der Mikrokosmos

Wir fahren aus unseren Träumen auf und stehen an einem Landesteg. Menschen steigen in einen schönen weißen Dampfer, der eine Reise um die Welt antreten will. Wozu dastehen und gaffen?
Wir steigen die Schiffstreppe hinauf und fahren mit. Eine Fahrt um die Erde! Wir sehen Gibraltar und Suez, Bombay und Bali, 2wir landen in Kanton und dann auf Honolulu, kommen nach Kuba und schließlich zurück, und so haben wir den Erdball umfahren. Wenn wir diese Heise siebenmal wiederholen, haben wir jene
Strecke durchmessen, die das Licht in einer Sekunde durchläuft. Man nennt diese Strecke die Licht-Sekunde. Sie entspricht ungefähr drei Viertel der Entfernung der Erde zum Mond. Der Dampfer, gebaut für irdische Bereiche, ist natürlich für die Heise zu Himmelskörpern zu langsam. Wir setzen uns in ein Düsenflugzeug und fliegen mit der Geschwindigkeit des Schalles davon, 1090 km in der Stunde. In diesem Tempo erreicht man den Mond nach drei Wochen. Um zur Sonne zu kommen, muss man 20 Jahre fliegen und steigt, wenn man als junger, zwanzigjähriger Bursche abgefahren ist, als Mann von Vierzig aus der Kabine.
Unser weiteres Vorhaben, mit einem Düsenflugzeug das ganze Planetensystem rings um die Sonne zu durchreisen, müssen wir aufgeben. Ein Menschenleben reicht kaum aus, um einen Bericht von der Sonne zurückzubringen. Man würde Jahrhunderte brauchen, um zum Planeten Neptun zu kommen und wieder zurück.
Wir setzen uns deshalb über alle Schwierigkeiten hinweg und erdenken uns ein Fahrzeug, von dem wir erwarten dürfen, dass es geeignet sei, das Weltall zu bereisen: eine Licht-Rakete, die mit den Lichtwolken fliegt — 300 000 Kilometer in der Sekunde! In acht Minuten sind wir an der Sonne, in einer Stunde am Jupiter, in zwei Stunden am Saturn, und in acht passieren wir, wie ein Ozean-Kiese, das Feuerschiff vor der Küste, den äußersten Planeten Pluto vor der Ausfahrt in das wahre „Weltmeer“ — den Sternen zu.
Unser Raumschiff ist behaglich eingerichtet. Man lebt wie auf einem Ozeandampfer. Wir gehen schlafen und schauen am nächsten Morgen aus unserem Fenster. Es ist rabenschwarze Nacht. Die Sonne ist hinter uns zu einem hellen Stern geschrumpft — es gibt kein „Morgen“ mehr. Wir schauen aus nach einem sehr nahen Stern, der uns nun Sonne werden soll: Alpha Centauri. Da steht er, genau vor dem Bug. Aber er ist ein punktförmiger Stern wie andere. Fliegen wir denn nicht auf ihn zu? Jawohl. In jeder Sekunde 300000 km, doch er wird nicht größer für unsere Augen. 
Wir richten uns häuslich ein, stellen unsere Bücher auf, nehmen die Schreibmaschine und beginnen einen Bericht über das Planetensystem.
Wir werden zu gewohnter Stunde müde, hungrig, wir essen, schlafen, wachen wieder auf und schauen wieder aus. Alpha Centauri ist um keine Spur heller geworden. Wir sind betroffen. „Wie lange dauert es, bis wir am nächsten Stern angekommen sind?“ — „An der Proxima, dem Nachbarstern von Alpha Cen-
3tauri? Viereinhalb Jahre.“ Viereinhalb Jahre? In jeder Sekunde 300000 km — und das nennt sich Proxima, der ,nächste Stern‘ „Und wann sind wir am Sirius?“ — „In achteinhalb Jahren.“ — „Am Aldebaran?“ — „In sechzig Jahren.“ Wir fassen es nicht: 60 Jahre! In jeder Sekunde 300 000 km! Aber Rigel ist doch viel heller und wird uns näher sein. „Wann sind wir am Rigel?“ — „Rigel? Zu dem kommen Sie nicht — wir sind da in 600 Jahren“, und indem uns der Sprecher mit fremdem Ausdruck anschaut, erkennen wir: Es ist gar kein Mensch, dem wir gegenüber stehen: dieses Schiff, in dem wir fahren, ist gar kein Gebilde von Menschenhand. Wir träumen. Es ist kein Raumschiff, sondern ein Traumschiff. Zu den Sternen zu fahren, ist ein Gedanke, den wir aufgeben müssen. Es dauert Lichtjahrzehnte, um von einem Stern zum andern zu gelangen, Lichtjahrzehntausende, um die Sternenspirale, die Milchstraße, in der unsere Sonne dahintreibt, zu durchqueren, und erst jenseits von ihr beginnt das „All“. Unsere Milchstraße ist ein „Koralleneiland“ im Universum. Das nächste Eiland in diesem kalten Ozean des Raumes ist 700 000 Lichtjahre (= Lj) entfernt, und das ist der durchschnittliche Abstand aller Welteninseln im Ozean des Raumes. Zwecklos, Worte zu verschwenden, denn ein Menschenhirn kann es nicht denken, ein Menschenherz nicht fassen. Man kann Sterne sehen, kann sie zählen, messen, von ihnen schreiben, Sterne begreifen kann man nicht, so wenig man ein Molekül, ein Atom oder gar ein Elektron in seiner Wirklichkeit erfassen kann. Nur in Gedanken und bildhaften Phantasien sind wir in die Kleinstwelt der Atome hinabgestiegen, in Gedanken nur steigen wir in die unermessliche Welt der Gestirne empor. 

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