Weil Ibrahim nie mehr schlafen wollte…

In der Stadt Bagdad, im Lande des Kalifen, lebte vor langer Zeit ein junger Pantoffelflicker namens Ibrahim. Er war überaus geschickt in seinem Handwerk und hatte stets alle Hände voll zu tun. Aber wenn er so vor seinem Gewölbe im Bazar saß und der Berg zerrissener Pantoffeln an seiner Seite kleiner und kleiner wurde, schweiften seine Gedanken in die Ferne. „Da muss ich nun Tag für Tag alte Pantoffeln flicken,“ dachte er, „und ich würde doch so gern ein einziges Mal ein Paar neue sticken. Aber immer, wenn ich mit meiner Arbeit fertig werde, kommt der Abend, und ich vergeude viele Stunden mit dem Schlafen. Ach, brauchte ich doch nicht mehr zu schlafen!“
Und der Wunsch nie mehr müde zu werden ihm nicht mehr aus dem Kopf. Nun war Ibrahim aber ein Sternenkind; denn er war genau im gleichen Augenblick zu Welt gekommen, in dem ein neuer Stern am Himmel erschien.  Allen Sternenkindern aber wird der größte Wunsch ihres Lebens erfüllt, sie müssen nur ein volles Jahr unverändert daran denken. Und so merkte Ibrahim eines Abends, dass ihm nicht wie sonst die Augen zufielen. Zitternd vor Glück holte er sich eine neue Nadel und Seidenfäden herbei und stickte ein Paar Pantoffeln, in denen der silberne Mondschein am dunklen Nachthimmel eingefangen zu sein schien.
Als er sie am nächsten Morgen im Bazar feilbot, eilten alle herbei, um sie zu bestaunen; denn noch nie hatte man etwas so Wunderschönes gesehen. Jeder wollte solche Pantoffeln besitzen. Bald brauchte Ibrahim keine Flickarbeiten mehr anzunehmen, sondern konnte auch am Tage sticken, und jetzt glänzten seine Pantoffeln im strahlenden Sonnengold und machten jeden froh, der sie an den Füßen trug.
Bald war Ibrahim der reichste Mann im ganzen Bazar und fand viele Freunde, die am Abend mit ihm vor der Wasserpfeife saßen. Doch sobald die Nacht kam, schliefen sie alle ein. Nur Ibrahim saß einsam da und wachte. Dann dachte er sich allerlei Geschichten aus, die er am nächsten Tag seinen Freunden erzählte. Und bald war er als Märchenerzähler genauso berühmt wie als Pantoffelflicker.
Sein Ruhm drang bis zum Kalifen, der Ibrahim zu sich befahl. „Ich möchte eine Probe deiner Kunst hören,“ sagte der Herrscher, „denn ich habe alle meine Erzähler einkerkern lassen weil sie bereits schnarchten, bevor ich selbst Schlaf fand. Vielleicht gelingt es Dir, länger wach zu bleiben als sie.“ Ibrahim erzählte die ganze Nacht hindurch. Und der Kalif lauschte so gespannt, dass der Morgen hereinbrach, ehe er auch nur ein Auge zugetan hatte. Da ergrimmte er sehr und ließ Ibrahim kurzerhand ebenfalls in den finsteren, nasskalten Kerker werfen.
Wie froh wäre Ibrahim jetzt  um etwas Schlaf gewesen, der ihm die trostlosen Tage und Nächte ein wenig verkürzt hätte. Aber er fand keinen mehr. Eines Tages jedoch brachte ihm die Tochter des Kerkermeisters, Aisha, sein Essen. Ihr tat der traurige Gefangene leid, und sie fragte ihn nach dem Grund seines Kummers. Da erzählte Ibrahim ihr von seinem unglückseligen Wunsch. „Ich glaube, ich kann Dir helfen,“ sagte Aisha, „denn ich bin auch ein Sternenkind und habe mir noch niemals etwas gewünscht. Hab Geduld und vertraue mir.“
Und von nun an dachte sie nur noch daran, das Ibrahim wieder Schlaf finden könne. Und als ein Jahr verstrichen was, merkte er, dass ihm die Augen zufielen und er einschlief. Das Mädchen aber ging zum Kalifen und bat ihn um Gnade.  Und da der Zorn des Herrschers längst verraucht war, ließ er Ibrahim frei.
Bald heiratete dieser seine Retterin und stickte wieder von früh bis spät Pantoffeln. Nachts aber schlief er und liebte seinen Schlaf wie einen wiedergefundenen Freund.

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