Wassily Kandinsky – Malerei als reine Kunst (aus: essays ueber kunst und kuenstler – 1963)

Malerei als reine Kunst

1918 erschien im Verlag Der Sturm (Berlin) eine Schrift «Expressionismus, die Kunstwende», herausgegeben von Herwart Walden, zum Gedächtnis an Franz Marc, August Macke, August Stramm und Umberto Boccioni. In dieser Veröffentlichung findet sich dieser Text von Wassily Kandinsky. Sicher ist, daß er nach der letzten Ausgabe des «Blauen Reiters» entstand und nach «Rück- blicke» (1913, Der Sturm, Berlin). Es ist wahrscheinlich, daß die- ser Essay um 1916 geschrieben und aus Schweden von Kandinsky an Herwart Walden gesandt wurde. Aus der gleichen Zeit stammt auch das in Moskau kürzlich aufgefundene Skizzenbuch von Kan- dinsky, dem nebenstehende Zeichnung entnommen ist.

Komposition VIII, 1923, Solomon R. Guggenheim Museum, New York
Komposition VIII, 1923, Solomon R. Guggenheim Museum, New York

Inhalt und Form

Das Kunstwerk besteht aus zwei Elementen: aus dem Innern und aus dem äußern. Das innere Element, einzeln genommen, ist die Emotion der Seele des Künstlers. Diese Emotion hat die Fähigkeit, eine im Grun- de entsprechende Emotion in der Seele des Beschauers hervorzurufen. Solange die Seele mit dem Körper verbunden ist, kann sie in der Regel Vibrationen nur durch die Vermittlung des Gefühls empfangen. Das Gefühl ist also eine Brücke vom Unmateriellen zum Materiellen (Künstler) und vom Materiellen zum Unmateriellen (Beschauer). Emotion – Gefühl – Werk – Gefühl – Emotion. Das innere Element des Werkes ist sein Inhalt. So muß die Seelenvibration vorhanden sein. Wenn es nicht der Fall ist, so kann kein Werk entste- hen. Das heißt, es kann nur ein Schein entstehen. Das innere Element, von der Seelen Vibration geschaffen, ist der Inhalt des Werkes. Ohne inneren Inhalt kann kein Werk existieren. Damit der Inhalt, der erst «abstrakt» lebt, zu einem Werk wird, muß das zweite Element – das äußere – der Verkörperung dienen. Deshalb sucht der Inhalt nach einem Ausdrucksmittel, nach einer «materiellen» Form. So ist das Werk eine unzertrennbare Zusammenschmelzung des inne- ren und des äußeren Elements, des Inhaltes und der Form. Das bestimmende Element ist das des Inhalts. Die Form ist der mate- rielle Ausdruck des abstrakten Inhaltes. Die Wahl der Form wird also durch die innere Notwendigkeit bestimmt, die wesentlich das einzige un- veränderliche Gesetz der Kunst ist. Ein in der bezeichneten Weise entstandenes Werk ist «schön». So ist ein schönes Werk eine gesetzmäßige Verbindung der zwei Elemente der inne- ren und der äußeren. Diese Verbindung verleiht dem Werk die Einheit- lichkeit. Das Werk wird zum Subjekt. Als Malerei ist es ein geistiger Organismus, der, wie jeder materielle Organismus, aus vielen einzel- nen Teilen besteht. Diese einzelnen Teile sind isoliert genommen leblos, wie ein abgehaue- ner Finger. Das Leben des Fingers und seine zweckmäßige Wirkung ist durch gesetzmäßige Zusammenstellung mit den übrigen Körper- teilen bedingt. Diese gesetzmäßige Zusammenstellung ist die Konstruktion. Dem Naturwerk gleich unterliegt auch das Kunstwerk demselben Ge- setze: der Konstruktion. Die einzelnen Teile werden nur durch das Ganze lebendig. Die unendliche Zahl der einzelnen Teile in der Malerei zerfällt in zwei Gruppen: die zeichnerische Form und die malerische Form. Das planmäßige und zweckmäßige Kombinieren der einzelnen Teile aus beiden Gruppen hat zur Folge das Bild.

Natur

Wenn wir diese beiden Definierungen (Bestandteile des Werkes und speziell des Bildes) an einzelnen Werken anwenden, so stoßen wir auf eine scheinbar zufällige Anwesenheit fremder Bestandteile des Bildes. Das ist die sogenannte Natur. Die Natur hat in unseren bei- den Definierungen keinen Platz bekommen. Woher kommt sie in das Bild? Der Ursprung der Malerei ist der jeder anderen Kunst gewesen und der jeder menschlichen Handlung. Er war rein praktisch. Wenn ein wilder Jäger tagelang ein Wild verfolgt, so bewegt ihn dazu der Hunger. Wenn heute ein fürstlicher Jäger ein Wild verfolgt, so bewegt ihn dazu das Vergnügen. Wie der Hunger ein körperlicher Wert ist, so ist hier das Vergnügen ein ästhetischer Wert. Wenn ein Wilder zu seinem Tanz künstliche Geräusche braucht, so bewegt ihn dazu der sexuelle Trieb. Wenn der heutige Mensch ins Konzert geht, so sucht er in der Musik kein praktisches Hilfsmittel, sondern das Vergnügen. Auch hier ist der ursprüngliche körperlich-praktische Trieb zum ästhe- tischen geworden. Das heißt, auch hier ist aus dem ursprünglichen Bedürfnis des Körpers das der Seele geworden. Bei dieser Verfeinerung (oder Vergeistigung) der einfachsten praktischen (oder körperlichen) Bedürfnisse lassen sich durchwegs zwei Folgen bemerken: das Absondern des geistigen Elementes vom körperlichen und seine weitere selbständige Entwicklung, durch die verschiedene Künste entstehen.
Hier greifen allmählich und immer präziser die oben erwähnten Ge- setze (des Inhaltes und der Form) ein, die schließlich aus jeder Übergangs- kunst eine reine Kunst schaffen. Das ist ein ruhiges, naturgemäßes Wachsen, wie das Wachsen eines Baumes.

Malerei

Derselbe Vorgang ist in der Malerei zu bemerken. Erste Periode Ursprung: praktischer Wunsch, das vergängliche Körperliche festzuhalten. Zweite Periode Entwicklung: das allmähliche Absondern von diesem praktischen Zweck und das allmähliche Überwiegen des geistigen Ele-  mentes. Dritte Periode Ziel: das Erreichen der höheren Stufe der reinen Kunst;  in ihr sind die Überreste des praktischen Wunsches vollkommen  abgesondert. Sie redet in künstlerischer Sprache von Geist zu Geist  und ist ein Reich malerisch-geistiger Wesen (Subjekte). In der heutigen Lage der Malerei können wir in verschiedener Zusam- menstellung und in verschiedenen Maßen alle diese drei Kennzei- chen feststellen. Dabei ist das Kennzeichen der Entwicklung (der zweiten Periode) das maßgebende, und zwar: Erste Periode: Realistische Malerei (der Realismus versteht sich hier so, wie er bis in das 19. Jahrhundert traditionell sich entwickelte): Über- wiegen des Kennzeichens des Ursprunges – der praktische Wunsch, das vergängliche Körperliche festzustellen (Porträt-, Landschafts-, Historienmalerei in direktem Sinne).

Zweite Periode: Naturalistische Malerei (in der Form des Impressionis- mus, des Neu-Impressionismus und des Futurismus) das Absondern vom praktischen Zweck und das allmähliche Überwiegen des geistigen Elementes (vom Impressionismus durch Neu-Impressionismus zum Futurismus immer stärkere Absonderung und immer größeres Über- wiegen). In dieser Periode ist der innere Wunsch, dem Geistigen ausschließliche Bedeutung einzuräumen, so intensiv, daß schon das impressionistische «Credo» lautet: «Das Wesentliche in der Kunst ist nicht das ‚was‘ (worunter nicht der künstlerische Gehalt, sondern die Natur verstan- den wird), sondern das ‚wie‘». Scheinbar wird dem Überrest der ersten Periode (Ursprung) so wenig Bedeutung beigemessen, daß die Natur als solche vollkommen nicht mehr in Betracht kommt. Scheinbar wird die Natur ausschließlich als Ausgang angesehen, als ein Vorwand, dem geistigen Inhalt Ausdruck zu geben. Jedenfalls werden diese Standpunkte als Bestandteile des «Credo» schon von dem Impressionisten anerkannt und proklamiert. Nun ist aber in Wirklichkeit dieses «Credo» nur ein «pium desiderium» der Malerei der zweiten Periode. Wenn die Wahl des Gegenstandes (Natur) dieser Malerei gleichgültig wäre, so würde sie nach keinen «Motiven» suchen müssen. Hier be- dingt der Gegenstand die Behandlung, die Formwahl bleibt nicht frei, sondern ist vom Gegenstand abhängig. Wenn wir aus einem Bilde dieser Periode das Gegenständliche (Natur) ausschalten und das Rein-künstlerische dadurch allein im Bilde lassen, so bemerken wir sofort, daß dieses Gegenständliche (Natur) eine Art Stütze bildet, ohne die das rein-künstlerische Gebäude (Konstruk- tion) an Formarmut zusammenbricht. Oder es stellt sich heraus, daß nach dieser Ausschaltung nur vollkommen unbestimmte, zufällige und existenzunfähige künstlerische Formen (im embryonalen Zustand) auf der Leinwand bleiben. So ist in dieser Malerei die Natur (das «was» im Sinne dieser Malerei) nicht nebensächlich, sondern wesentlich. Dieses Ausschalten des praktischen Elementes, des Gegenständlichen (der Natur), ist nur in dem Falle möglich, wenn dieser wesentliche Bestandteil durch einen anderen ebenso wesentlichen Bestandteil er- setzt wird. Und das ist die rein-künstlerische Form, die dem Bilde die Kraft des selbständigen Lebens verleihen kann und das Bild zum gei- stigen Subjekt zu erheben imstande ist. Es ist klar, daß dieser wesentliche Bestandteil die oben beschriebene und definierte Konstruktion ist. Dieses Ersetzen finden wir in der heute beginnenden dritten Periode: Kompositionelle Malerei. Nach dem oben angegebenen Schema der drei Perioden sind wir also an die dritte angelangt, die als Ziel bezeichnet wurde. In der kompositionellen Malerei, die sich heute vor unseren Augen ent- wickelt, sehen wir sofort: die Kennzeichen des Erreichens der höhe- ren Stufe der reinen Kunst, in der die Überreste des praktischen Wun- sches vollkommen abgesondert werden können, die in rein-künstleri- scher Sprache von Geist zu Geist reden kann und die ein Reich male- risch-geistiger Wesen (Subjekte) ist. Daß ein Bild dieser dritten Periode, das keine Stütze im praktischen Zweck (der ersten Periode) oder in dem gegenständlich unterstützten geistigen Inhalt (der zweiten Periode) hat, nur als konstruktives Wesen existieren kann, soll jedem ohne weiteres klar und unverrückbar er- scheinen. Das heute stark (und immer stärker) sich zeigende bewußte oder auch noch oft unbewußte Streben, das Gegenständliche durch das Kon- struktive zu ersetzen, ist die erste Stufe der beginnenden reinen Kunst, zu der die vergangenen Kunstperioden unvermeidlich und gesetz- mäßig waren. In dieser Kürze versuchte ich, die gesamte Entwicklung und die heu- tige Lage ganz besonders in großen Zügen schematisch zu behandeln. Daher die vielen Lücken, die offen bleiben müssen. Daher das Ver- schweigen der Seitengänge und Sprünge, die in jeder Entwicklung so unvermeidlich sind, wie die Seitenäste am Baum, trotz seinem Streben nach oben. Auch die weitere Entwicklung, die der Malerei bevorsteht, wird noch viele scheinbare Widersprüche, Ablenkungen erdulden, so wie es in der Musik war, die wir heute schon als reine Kunst kennen. Die Vergangenheit lehrt uns, daß die Entwicklung der Menschheit in der Vergeistigung vieler Werte besteht. Unter diesen Werten nimmt die Kunst den ersten Platz ein. Unter den Künsten geht die Malerei den Weg, der sie vom Praktisch- Zweckmäßigen zum Geistig-Zweckgemäßen führt. Vom Gegenständ- lichen zum Kompositionellen.

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