Warm und kalt aus einem Mund – Märchen aus dem Unterinntal

Es war einmal ein Mann, der schlug tief im Wald Holz. Zu diesem kam ein Waldmännlein, das gar freundlich zu ihm sprach. Es war aber sehr kalt, denn es war mitten im Winter, und den Mann, der Holz hackte, fror es sehr an seinen Händen. Oft legte er die Axt beiseite und hauchte in die hohlen Hände, um sie dadurch zu erwärmen. 
Das Waldmännlein sah dies und fragte ihn, was das zu bedeuten habe. Der Holzschläger erklärte ihm, dass er durch den Hauch seines Mundes seine erfrorenen Hände erwärmen wolle; das Männlein glaubte es und war mit der Antwort zufrieden.

Holzfeller_MilletDa kam endlich Mittagszeit, und der Holzfäller schickte sich an, am Feuer sein Mittagsmahl zu bereiten, und kochte sich den fetten Schmarren. Noch immer war das Waldmännlein bei ihm und sah ihm neugierig zu. Der Holzfäller aber hatte großen Hunger und wollte nicht warten, bis die Speise abgekühlt war, sondern er aß davon vom Feuer her. Da sie aber noch recht heiß war, blies er mit seinem Mund auf jeden Löffel voll. Das Waldmännlein nahm dies wunder und sagte: „Ist der Schmarren vom Feuer her nicht warm genug, dass du noch daran bläst wie an deine erfrorenen Hände?“
Der Holzschläger aber erklärte ihm, dass er dies tue, um den heißen Bissen abzukühlen.
Das konnte das Waldmännlein aber nicht mehr fassen. Es sprach zum Holzschläger: „Du bist ein ganz unheimliches Wesen; aus deinem Mund kommt bald warm, bald kalt, bei dir mag ich nicht länger verweilen.“ Und augenblicklich ging das Waldmännlein davon.

(mündlich aus dem Unterinntal)

Quelle: Ignaz und Joseph Zingerle, Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland, Regensburg 1854

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