Walter Flex: Wolf Eschenlohr – Die Wunschbüblein – Ein Märchen

Fee auf einem Gemälde von John BauerDie Wunschbüblein
Ein Märchen

Eine Witwe hatte zwei schöne Knaben, ungleich an Art und Alter. Der ältere war zwölfjährig, hatte schwarzes Haar, graue Augen und eine schöne klare Stirn. Der jüngere aber zählte kaum sieben Jährlein, hatte weiches, lockiges Blondhaar und blaue Augen und lachte den ganzen Tag wie ein zwitscherndes Vöglein.

Eines Morgens, als die Frau in ihr Gärtlein trat, sah sie in Tau und Blüten ein Nestlein aus wilden Rosenblüten, ein zartes, rosa Vogelbettlein. Darin lagen zwei Eier, kaum größer als Dohleneier, eins blau wie der Himmel, eins grau wie eine Wolke.

Während die Frau noch auf ihren Knien kauerte und das holde kleine Wunder bestaunte, hörte sie ein klares, helles, singendes Tönen in den Lüften. Sie sah auf und gewahrte einen großen Vogel, der schön wie ein leuchtender Traum durch das feuchte Blau des Maimorgens zog. Er rührte seine regenbogenfarbenen Schwingen kaum sondern hielt sie ausgebreitet, und die reine, klare Sonnenluft sang in ihnen wie in den Saiten einer Windharfe.

Da erinnerte sich die Frau einer Ammenweisheit aus Kindertagen: Wer die Eier des Vogels mit den Regenbogenschwingen in seinem Garten auf einem Nest von frischen Rosenblättern finde, könne leicht sein Glück machen. Die Eier seien Wunscheier, und was einer träume, während der Vogel brüte, das schlüpfe aus den zarten Schalen, sobald sie brächen.
Während die Frau noch dem alten Märchen nachsann, befiel sie plötzlich eine tiefe Müdigkeit. Sie mußte, ob sie wollte oder nicht, die Augen schließen und sank neben dem Nestlein in Schlaf. Der Vogel aber senkte sich leis und geruhig aus den Lüften und ließ sich über den Eiern nieder.

Nach einem Stündlein oder zweien knisterte es leise in den bunten Schalen, als raschle ein Mäuschen im Stroh. Da erhob sich der Vogel in die Lüfte und flog von dannen. Zugleich aber erwachte die Frau und rieb sich die Augen.

Sie sah den Vogel entschweben und besann sich, wovon sie geträumt habe. Alsbald lächelte sie. Sie hatte von dem geträumt, was einer Mutter das liebste ist, von ihren zwei Knaben. Die aber konnte ihr kein Vöglein nehmen, noch geben. Doch als sie jetzt die Augen nach dem Nestlein wandte, wurde sie blaß vor Schrecken und Entzücken.

Aus den geborstenen Schalen waren zwei feine Knäblein hervorgeklettert, von denen das größre kaum spannlang war. Die beiden Zwerglein glichen ihren Kindern auf ein Haar, nur daß sie zierlich und zerbrechlich schienen wie Spielzeug. Eins hatte schwarzes Haar und graue Augen, eins war blauäugig und blond wie ein Küchlein. Sie glichen den Knaben der Witwe bis ins kleinste, und war einem jeden sein Alter an Gliedern und Haltung wohl anzusehen. Und, o Wunder, jedes trug Wämslein und Höslein, die in Schnitt und Farbe denen der Kinder bis auf Faden und Flicken glichen.

Da schlug die Frau lachend in die Hände, und ihre Kinder stürzten aus dem Hause. Beide standen sogleich mit Augen, die immer größer wurden, um die kleinen Männlein, sahen gleichsam von Turmeshöhe hernieder und erblickten sich selbst klein wie Spielzeug in der blumigen Tiefe. Jedes erschaute sich selbst und konnte vor Überraschung weder lachen noch atmen.

Endlich beugte sich der Ältere sacht hernieder und wollte die seinen kleinen Knäblein behutsam in seine Kinderschürze heben. Aber noch hatte er sie nicht berührt, da stürzte sich das Brüderlein in eifersüchtiger Angst auf ihn, schlug nach seinen Händen und raufte ihm das schwarze Haar.

Mitten im Prügeln aber hielten sie betreten inne. Beide hatten wahrgenommen, wie die winzigen Knäblein im Gras gleich ihnen zankten und rauften. Ja, dem kleineren klaffte alsbald ein häßlicher Riß im blauen Leinenhöslein ganz wie bei seinem Ebenbilde, dem Menschenknaben. Als sie sich selbst so als garstige und giftige Krötlein erblickten, vergaßen sie ihren Zorn und begannen zu lachen. Der Schwarze faßte des Blonden Hand und küßte ihn zur Versöhnung auf den Mund. Dabei schielten beide eifrig und schelmisch nach den winzigen Wesen im Gras, ob sie auch so täten. Und, siehe da, auch die Zwergbüblein wuselten sich empor, klopften den Staub aus den Höslein und lachten und küßten sich.

Da sprach die Frau, indem sie die Kinder an sich zog: »Steht es so, dann hat mir der Wunschvogel nichts Schlechtes beschert! Halten euch die Büblein immerdar euren Spiegel vor, so ersparen sie mir noch, dünkt mich, viel Plage und euch die Rute. Schaut nun fleißig, wie garstig die Bosheit sich ausnimmt und wie lieblich die Eintracht! Damit ihr euch immer vor Augen habt im Guten und Argen, schenke ich einem jeden sein Ebenbild.«

Da hob sich jedes der Kinder sein Büblein gelinde wie ein nestentfallenes Vöglein aus dem tauigen Gras und schloß es sanft in seine Hände. Die zierlichen Zwerglein lagen in den warmen Kinderhänden, ganz umschlossen, wie in rosigen Muscheln. Und Mutter und Kinder sahen still und gerührt auf das liebliche Wunder.

Fortan hatte die Mutter mit ihren Lieblingen wenig Not. Die Rute hinter dem Spiegel feierte und war bald ganz von Spinnengewebe durchwoben. Sprach aber doch mal eins der Kinder im Eifer ein böses Wort, so schämte es sich sogleich, wenn sein winziger Doppelgänger wie ein Echo die garstige Unart nachsprach. Und hatte gar mal eins einen verdienten Backenstreich erhalten, so schluchzte es gleich noch einmal so herzbrechend, wenn es sein Männlein gleich ihm so kläglich weinen hörte, als brannten auch ihm die Wangen.

Bald darauf wurde ihnen noch ein zweites Wunder offenbar. Als nämlich die Mutter einer Nachbarin das artige Spielzeug der Knaben zeigen wollte, stand diese lachend und verwundert dabei, und sah in die hohle Hand der Frau, ohne das Geringste von den Büblein zu sehen, deren Kribbeln die Frau doch so deutlich auf der Hand spürte, wie ihre Augen die Männlein sahen. Da merkten sie wohl, daß außer der Mutter und ihren Kindern niemand die Wunschbüblein zu sehen vermochte, und sie hütete sich wohl, davon zu irgend jemand zu sprechen.

So lebte die Frau mit ihren Kindern ein paar Jahre friedlich und fröhlich dahin. Eines Tages aber kam der Oheim der Knaben, der Gewalt über sie hatte, vom Hof des Kaisers in die Einsamkeit des Witwenhauses geritten und rief seine Neffen vor sich. Einer von ihnen war zum schönen schlanken Jüngling erblüht, der jüngere aber war noch ein Knabe.

Da sprach der herrische Mann zum Älteren: »Du hast eine hohe Stirn und eine schmale, weiße Hand. Du sollst ein Rat des Kaisers werden.«

Dann warf er einen spöttischen Blick auf den Kleinen, der an der Mutter Hals hing. Er zog ihn an sich heran und klemmte ihn zwischen seine Knie. »Du hast allzu zarte Glieder. Ich spüre das Zittern deiner Knie zwischen den meinen. Das zärtliche Blut geht bebend durch deine kleinen Hände. Du hast einen weichen Mund und Träumeraugen. Du taugst mir zu nichts. Du sollst ein Reiterjunge werden und Härte dulden, bis du hart wirst. Dann wollen wir weiter sehen.«

Der Oheim erwartete von keinem der Brudersöhne Antwort, und das Bitten der Mutter um den Jüngsten schien er nicht zu hören. Da ging die Frau mit ihren Knaben in den Garten hinters Haus und schied von ihnen unter Tränen und Küssen.

Da sprach der Jüngere an ihrem Halse: »Lieb’s Mütterlein, weine nicht! Du sollst immer wissen, wie es um uns steht, ob wir fröhlich oder traurig sind, ob wir dir Ehre oder Schande machen. Schau, wir schenken dir unsre Wunschbüblein. So ist’s, als ständest du immerdar auf dem Turm unsres Kirchleins und sähest uns in der klaren Ferne. Wir kommen dir nie aus den Augen.«

Da herzte die Frau ihre Lieblinge, als wollte sie einen nach dem andern ersticken, dankte ihnen zärtlich und schied von ihnen.

Der Oheim aber führte die Brudersöhne von dannen. Den Jüngling nahm er in seine Kutsche, der Knabe aber mußte hinten auf der Pritsche aufsitzen wie ein Dienstjunge. Doch war ihm das gerade recht: so konnte er ungesehen Kußhände nach der Mutter werfen, solang er ihr Tüchlein wehen sah.

Die Frau tröstete sich, so gut es ging, unter Tränen und Küssen mit ihren Wunschbüblein. Als sie zur Ruhe ging, hob sie die zwei Weslein auf ihr Kissen und bettete sie an ihre Wange. »Meine armen Knaben,« sprach sie, »ich sehe wohl, wie ihr traurig seid und voll Heimwehs nach mir. Eure Männlein hocken armselig wie frierende Vöglein auf meinem Kissen. Weh uns, euch und mir ist das gebrannte Herzeleid geschehen. Gott tröste euch!«

In der Nacht aber, als die Frau schlief, entliefen ihr die Wunschbüblein, wie fremde Hündlein, die ihren Herrn suchen. Die Tür war nur angelehnt, so vermochten sie zu entrinnen. Aber der Kleinere kam nur bis zur Kammerschwelle. Die Stufe vermochte er nicht zu erklettern. So mußte er zurückbleiben.

Da weinte die Frau, als sie erwachte und des Verlustes gewahr wurde, noch einmal so bitterlich und wurde erst ruhig, als nach Tagen ihr letztes Wunschbüblein zum erstenmal ein Liedlein probierte und danach sorglos lachte. »Mein Nesthäkchen,« sprach sie, »du bist hochherzig und tapfer trotz deines weichen Fellchens. Gott segne dein Lachen!«

Als die Brüder sich zum drittenmal auf ihrer Reise zu Hofe »Gute Nacht« sagten, fand sich das entlaufene Wunschmännlein bei ihnen ein. »Sieh‘ da,« lachte der Schwarzhaarige, »das ›Nesthäkchen‹ ist der Mutter lieber! Sie will es nicht von sich lassen.« Er streichelte dem kleinen Bruder die weichen Locken, der vor Rührung und Heimweh zugleich lachte und weinte.

Tags darauf kamen die Brüder in die Hauptstadt des Landes, und alsbald gab der Oheim den einen den Räten des Kaisers zur Unterweisung, aus dem andern aber machte er einen Troßbuben, der allen dienstbar war und ungestraft von allen herumgestoßen wurde.

Dem Älteren aber ging es bald seltsam mit seinem Wunschmännlein. Eines Nachts, da er sich allein und im Dunkeln wußte, gab er sich ungehemmt seinem Schmerz um Mutter und Bruder hin, kauerte auf seiner Bettstatt und weinte in seine Hände. Mit einmal zeigte ihm ein Mondstrahl sein Zwerglein, das neben ihm auf der Bettkante hockte, die Ellbogen auf die Knie gestemmt hielt und in seine Händlein schluchzte, daß ihn der Bock stieß. Sogleich versiegten dem Jüngling die Tränen. Er wurde rot vor Scham, als habe er auf hellem Markte gegreint wie ein Knäblein, und sprach zu sich selbst: »Pfui, wie lächerlich nimmt es sich aus, wenn ein so großer Bursche weint! Gut, daß mir mein Männlein den Spiegel vorhält! Ich will es nicht wieder tun.« Fortan hielt er sich den Schmerz fern wie einen Versucher.

Nicht anders erging es ihm eine Zeitlang danach mit dem Zorn. Er war über ein kaltes, höhnisches Wort seines Oheims ergrimmt, stand mit Zorntränen in den Augen vor ihm und haderte laut und leidenschaftlich mit ihm. Da gewahrte er zwischen sich und dem Oheim das Wunschbüblein, das kirschrot im Gesicht mit beiden Ärmchen durch die Luft fuchtelte und sich über die Maßen lächerlich ausnahm. Da wußte der Jüngling nicht, worüber er am meisten ergrimmt war, über den Oheim, über sich selbst, oder über das Männlein. Aber er schwieg still und zwang seine Glieder zur Ruhe. So verlernte er den Zorn.

Täglich ging der Jüngling bei dem Kleinen in die Lehre. Er mochte lachen oder toben, in Lust. oder Scham erglühen, so sah er plötzlich das Männlein, und es war ihm, als stände er vor dem Spiegel. Kann aber einer vor einem Spiegel recht aus Herzensgrunde lachen oder weinen, zornig oder begeistert sein? Versucht es selbst, so werdet ihr inne, daß der Spiegel ein Glas ist, an dem sich Lachen und Weinen zu Tode stoßen wie unbesonnene Vöglein an euren Fensterscheiben!

Immer seltener ließ sich der Jüngling durch ein rasches Gefühl übermannen. Täglich gewann er mehr Macht über sein Herz und seine Glieder. Klar und gemessen wurde Rede und Haltung. Verlor er aber doch einmal die Zügel über sich selbst, so erschrak er sogleich, als sähe er sich selbst bei einer Torheit über die Schulter. Immerdar sah er sich selbst über die Schulter wie ein Fremder. Davon wurde er still und klug. Der Ruf seiner besonnenen Weisheit drang bis zum Kaiser. Der ließ ihn vor sich kommen, er fand ihn reif und weise wie einen Greis und stellte den Jüngling über seine ältesten Räte. Er überhäufte ihn mit Gold und Gnaden, heftete ihm einen Orden an die Brust und entließ ihn vertraulich wie einen Freund.

Da fühlte der Jüngling in seinem Blute eine königliche Wallung von Stolz und Machthunger. Aber als er nach Hause kam, fand er in seinem Arbeitszimmer das Wunschmännlein, und das Blut stieg ihm bis unter die Haarwurzeln, als er es erblickte. Es stelzte gespreizt über seinen Schreibtisch und strich eitel die frischbesternte Brust.

Der neue Rat des Königs starrte lange auf sein Ebenbild, als wollte er’s für immer in sich saugen. Eitel und lächerlich sah er sich selbst in dem Kleinen. Wie das Männlein sich blähte und brüstete, wie es sich geckenhaft wiegte und streckte! Er seufzte über sich selbst, tat leise den funkelnden Stern von der Brust und die Eitelkeit aus dem Herzen.

Die Weltluft war ihm vergällt. Er hatte die Eitelkeit von Macht und Ehrsucht durchschaut und sagte ihnen Valet wie seinem Weinen und Lachen. Jeder im Lande staunte, wie kühl und weise Herz und Haupt des Jünglings waren trotz seiner Jahre. Er tat die Liebe von sich, als er sich selbst in dem Wunschmännlein trällernd vor sich hertänzeln sah wie einen verliebten Knaben, und er schenkte sein Gold an die Armen, als er eines Nachts das Männlein dicht neben den eigenen Händen in der Goldtruhe wühlen sah wie einen Narren.

Der Ruhm seiner Weisheit, seiner gelassenen Ruhe und Unbestechlichkeit scholl durch alle Lande. Er aber verschloß sich mehr und mehr, legte Ämter und Ehren nieder und vertiefte sich ganz in die Betrachtung der Steine und ewiger Dinge. Nichts anderes schien ihm mehr menschenwürdig. Aber zuweilen, wenn er über seinen Pergamenten saß, zog er den Pelzrock dichter um seine Schultern zusammen, als fröre ihn im innersten Herzen.

Währenddessen lebte der junge Bruder ahnungslos in weiter Ferne. Er war bei einem Heere des Kaisers, das täglich tiefer in Feindesland vordrang. Von seinem Leben wäre viel und wenig zu erzählen. Er hatte als Troßbube harte Tage gelitten und die Lust nur selten erschnappt wie ein Fischlein die Himmelsluft. Dabei war er ein stattlicher und hübscher Bursche geworden, in dessen sechzehnjährigem Herzen schillernde Eintagsträume und alle Torheiten junger Liebe wie Perlen im Wein stiegen.

Niemand könnte sagen, wieviel er in diesen Tagen geweint und gelacht, wieviel Hände ihn geschlagen und wieviele ihn geliebkost.

Unter den Stürmen von Zorn und Haß, Liebe und Lust, Schmerz und Sehnsucht waren Leib und Seele des Knaben geschmeidig und kühn geworden. Seine blauen Augen waren von tausend Tränen Leides und der Lust gebadet und strahlten darum jung wie neugeborene Sterne. Zahllos waren seine Knabenstreiche und zahllos die Abenteuer, von denen er erst träumte. Längst war er aus dem Hudelrock des Troßbuben in seidene Junkerkleider geschlüpft und trug singend und lachend die Fahne seines Kaisers immer tiefer in unbekannte Lande. Er wußte nicht, ob er töricht oder klug war, er trank das Leben wie einen klaren Wein und pries es dafür mit Lachen und Liedern.

Er wußte nichts von dem Leben seines Bruders.

Wohl aber hatte die Mutter davon gehört und hatte sich zur Hauptstadt aufgemacht, um mit ihm zu plaudern. Sie war stolz auf den Ruf seiner Weisheit, der bis in ihre Einsamkeit erschollen war. Sie küßte ihn auf seine hohe Stirn und sagte ihm, wie froh sie über sein Glück sei. Er aber saß nur stille bei ihr und streichelte ihr die Hand wie einem Kinde.

Endlich fragte die Frau nach ihrem Nestling.

Da lächelte der ernste Mann zum erstenmal seit Jahren und sprach: »Was fragst du nach deinem Liebling, Mutter? Hat sein Ebenbild, das Wunschbüblein, nicht jahraus, jahrein singend und jubilierend auf der Spitze deines Fußes gesessen und nachts an deiner Wange gelegen und Knabenträume geträumt? Wo er ist? Was er treibt? Ich weiß es nicht. Sei getrost, er ist glücklich und wird es immerdar sein.«

Da errötete die Greisin wie ein Kind, das sich eines gutherzigen Streiches freut, und kramte aus einem Tüchlein das Wunschbüblein ihres Jüngsten hervor. Es stak in seidenen Junkerkleidern und lachte wie ein Schalk aus beiden Augen.

»Ich glaubte, den Kleinen hier zu finden,« sagte die Mutter, »und wollte ihm eine Freude machen mit seinem singenden Büblein. Ich werde mich seiner nicht mehr lange freuen. So soll er es von mir erben bei Lebzeiten, damit ihm nichts Trauriges an dem Dinglein haftet, das ihn beglücken soll.«

Da sah ihr der Mann mit seinen grauen Augen tief ins Gesicht und sprach ernst: »Behalte, was du hast, Mutter! Und wenn du den Kleinen lieb hast, so schenke ihm nie das Wunschbüblein, das ihm gleich ist!«

Da erschrak die Mutter und ruhte nicht, bis er ihr die dunkle Warnung erklärte. »Es heißt, wer sich selbst sieht, muß sterben, Mutter,« sagte er, »das ist gewißlich wahr; doch stirbt ein jeder auf seine Art.« Als er so geredet, hob er mit müdem Lächeln sein eigenes Wunschbüblein, das ihn weise und still gemacht hatte, aus der Tasche und setzte es neben das seidene Knäblein.

»Glaubt man noch, daß sie Brüder sind,« sagte er leise, »dein blauäugiger Springinsfeld und mein graues, greises Männlein? Sieh‘ nur her, Mutter, meines ist geschrumpft und greisenhaft geworden vor der Zeit wie ich selbst.«

Da erseufzte die Frau aus der Tiefe ihres Herzens und sprach: »O, daß der Wunschvogel wiederkäme und mir das seidene Knäblein davontrüge, ehe ich sterbe!«

Kaum hatte sie das gesagt, so hörte sie ein klares, helles, singendes Tönen in den Lüften. Sie schaute auf und sah den Vogel, der schön wie ein leuchtender Traum durch das feuchte Blau des Maihimmels zog. Er rührte seine regenbogenfarbenen Schwingen kaum, sondern hielt sie ausgespreitet, und die reine, klare Sonnenluft sang in ihnen wie in den Saiten einer Windharfe.

Der Mann und die Greisin standen ganz still. Da strich der Vogel nahe am Gesims des offenen Fensters vorüber und fegte sanft und zärtlich das seidene Knäblein auf seine funkelnde Schwinge. Dann stieg er hoch und höher ins Blau. Von der goldbunten, taufeuchten Märchenschwinge herab lachte das Wunschbüblein noch einmal hell und übermütig wie ein glückliches Kind und fuhr singend und jubilierend in den blauen Duft des Maihimmels.

»Ja, ja,« sagte der Mann leise und legte den Arm um die Greisin, die tief in ihren Lehnstuhl gesunken war und versonnen in die helle Ferne sah, »er wird immerdar auf bunten Schwingen über Abgründen dahinfahren wie sein liebliches Ebenbild. Er wird ein Dichter werden oder ein fahrender Sänger, und sein Herz wird ein Knabenherz bleiben, das unter Lust und Glück der Erde bebt und zuckt und nicht altern will!«

Die Mutter aber gab keine Antwort, und als der Mann sich über sie beugte, war sie mit einem Lächeln auf den Lippen entschlafen.

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