Walt Whitman: Grashalme ⊕ Idole

Walt Whitman: Grashalme ⊕ Idoletrennlinie2

Ich traf einen Seher;
Er schritt durch Braus und Schau der Welt,
Der Kunst und Wissenschaft Gebiete, der Freuden und der Sinne
Idole zu sammeln.
Nimm in dein Lied, sprach er,
Nicht so die kunterbunte Stunde und den Tag, noch Ausschnitte, noch Teile;
Vielmehr vor allem andren nimm als Licht für alles und als Anfangslied
Das von Idolen.
Ewig Beginn aus Dunkel
Wachstum ewig und des Zirkels Rundung,
Ewig Gipfelhöhe und Versinken schließlich (sicher nur zu Neubeginn);
Idole! Idole!
Ewig Veränderung,
Ewig Wechsel der Stoffe, ihr Zerfall und ihre neue Einheit;
Ewige Werkstätten und göttliche Fabriken,
Die Idole ausströmen;
Sieh! Sei’s ich, sei’s du,
Sei’s Mann, sei’s Weib, Zustand, Bekannt oder Unbekannt:
Wir alle, scheinbar fester Reichtum, Kraft, Gebild der Schönheit:
In Wirklichkeit gestaltete Idole.
Vergängliches Gebild,
Substanz für eines Bildners Stimmung oder eines Weisen mühevollen Fleiß,
Des Kriegers, Märtyrers, des Helden Arbeit hat
Zum Vorbild sein Idol.
Und jeglich Menschenlebens,
(Die Einzelteile genommen und hingestellt, kein einziger Gedanke ausgenommen, kein Gefühl und keine Handlung)
Weit oder knapp gefaßte und aufaddierte Summe
Ist in ihrem Idol.
Der alte, alte Trieb,
Sieh! errichtet auf den früheren Gipfeln neue, höhere Gipfel
Von Wissenschaft und Neuzeit stets getrieben,
Der alte, alte Trieb: Idole.
Und allerjüngste Gegenwart,
Amerikas Betriebsamkeit, ihr trächtiger und verzwickter Strudel,
Von vereinten wie getrennten Stoffen für immer nunmehr tief entbindend,
Jüngste Idole.
Dazu Vergangenheit:
Von verschwundnen Ländern, alten Königreichen, jenseits der See,
Erobern der Vorzeit, Feldzügen und Meerfahrten:
Eine Reihe von Idolen.
Dichtheit, Wachstum, Oberfläche,
Gebirgszug und Gelände, Fels und Riesenbaum,
Urzeitgeboren und in ferner Zukunft sterbend, langlebig, dann mal aufzuhören:
Ewige Idole.
Exaltation, Entrücktheit und Ekstase;
Das Sinnfällige ihr Geburtsschoß doch,
Das Rund mit seinem Triebe zu gestalten, gestalten und gestalten,
Das ungeheure Erd-Idol.
All‘ Raum und alle Zeit,
(Die Sterne, die furchtbaren Sonnenrevolutionen;
Sie schwellen auf und sinken, enden, erfüllen ihren längeren oder kürzeren Zweck):
Einzig gefüllt sie von Idolen.
Die stillen Myriaden,
Die unendlichen Ozeane, in die alle Ströme münden,
Die abgesonderten, zahllosen freien Identitäten, wie das Sichtbare,
Die wahren Realitäten: Idole.
Nicht dies die Welt,
Noch diese die Weltalls, noch sie alle Weltalls:
Sinn und Ende und des Lebens ew’ges Leben,
Idole! Idole!
Über deine Vorlesung hinaus, gelehrter Lektor,
Über alle deine Teleskope, deine Spektroskope, scharfsichtiger Beobachter, und über alle Mathematik,
Über des Arztes Chirurgie und Anatomie hinaus und aller Chemiker Chemie
Des Seienden Sein: Idole.
Unstetes oder Stetes:
Immer werden sein, immer sind gewesen, immer sind
Und schwingen Gegenwärtiges in Zukunft endlos
Idole! Idole! Idole!
Der Seher und der Sänger,
Soll sie noch wahren und in höhere Stufen leiten jetzt,
Vermitteln jetzt der Demokratie und Neuzeit und soll ihnen deuten:
Gott und die Idole.
Und meine Seele, du!
Deine Wonnen, unablässigen Betätigungen und Begeisterungen,
Dein unersättlich Sehnen, schließlich doch gestillt, geschaffen um gestillt zu werden,
Sind deine Weggeleiter: Idole!
Dein ewiger Leib,
Dein in diesem Leib verborgener Leib,
Der einzige Sinn der Kunstform und das wahre Ich und Selbst:
Ein Bild und ein Idol.
Deine wahren Lieder, die nicht deine Lieder sind,
Und nicht besondre Singweisen und nicht um ihrer selber willen sind,
Sondern aus dem Ganzen kommen und steigen bis zum Höchsten und fluten:
Ein volles und gerundetes Idol.

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