Walt Whitman – Der große amerikanische Lyriker im Porträt

EINFÜHRUNG – Wer ist Walt Whitman?

Walt Whitman
Walt Whitman

Der erste große eigentümlich amerikanische Dichter im 19. Jahrhundert. So könnte man ihn bezeiclmen und hätte damit doch nur die Hälfte seiner Bedeutung erkannt. Man könnte ihn auch den ersten stolzen Bekenner der jugendlichen Kultur Amerikas nennen, obwohl er zugleich einer der schärfsten Kritiker der Gefahren des „Amerikanismus“ war, des Übermaßes von Wohlstand, von „Geschäft“, Weltlichkeit und Materialismus. Er war der begeisterte Künder der Freiheit, der Technik, der Großstädte, obwohl er niclit weniger leidenschaftlich auch die Flucht aus Industrie und Weltstadt, die vollkommene Hingabe an Natur und Einsamkeit besingt und ein glühender Verfechter der Erhöhung des Einzelmenschen ist. Man könnte noch einige andere scheinbare Gegensätze in dem weitgespannten Rahmen seiner Dichtung aufzeigen: sie enthält hinreißende Preislieder auf die Schönheit, die Kraft, die Lebensäußerungen des Menschen und zugleich ergreifende Bekenntnisse zu den Tiefen der Seele; sie feiert die unendlichen Wunder des Lebens wie das Jasagen zum Tode, die beglückend oder erschreckend sinnfälligen Erscheinungen, Freuden und Genüsse des Diesseits wie die jenseitigen Geheimnisse der Religion; sie bezeugen eine tiefempfundene Liebe zur Heimat, zum Vaterland und rufen doch darüber hinaus zur Einheit und Brüderschaft aller Völker und Nationen auf. Aber diese scheinbaren Gegensätze entspringen einer im Grunde einheitlichen Auffassung von den Lebensformen des Menschen einer späteren Zeit, eines Zeitalters, von dem Walt Whitman annahm, daß es ivesentlich vom amerikanischen Geiste geprägt sein ivürde. Und so versteht man diesen Dichter, dessen Verse in Form und Inhalt ganz urwüchsig sind und an kaum etwas Vergangenes anklingen, wohl am besten, wenn man aus seinen Werken herausfühlt, daß sich in ihnen zum erstenmal das eigene Lebensgefühl Amerikas bemerkbar macht. Man spürt, daß es sich vom europäischen Einfluß, der vierhundert Jahre lang mit den Einwanderern in diesen Erdteil geströmt war, selbstbewußt löst und das Gefühl gewinnt, künftig selbständig das Leben einer neuen Zeit gestalten zu müssen. Viele der Dichter, die Whitman später gefolgt sind, haben diese Überzeugung iveiterverkündet, andere haben seine Kritik am „Amerikanismus“ noch schärfer und gründlicher fortgesetzt, und heute hat Nordamerika schon eine reiche junge Literatur, deren Eigenart sicli von der europäischen deutlich abhebt. Ihr Vorkämpfer, derjenige, der gleichsam die Grundmelodie angab, war Walt Whitman. Und es ist bezeichnend, daß er aus den unteren Schichten des Volkes aus eigener Kraft aufstieg und sich in vielerlei Berufen und Aufgaben versuchte, bis er zu seiner eigentlichen Berufung fand. So war auch sein Lebensweg typisch amerikanisch.

A U F  L O N G  I S L A N D …

Walt Whitman 1887 - Foto: George Collins Cox
Walt Whitman 1887 – Foto: George Collins Cox

Zu West Hills, auf dein zum Staate New York gehörenden Teil der Insel Long Island, wurde Walt Whitman am 31. Mai 1819 geboren. Sein Vater, Walter Whitman, war Zimmermann und bewirtschaftete eine eigene kleine iFarm, ein hochgewachsener, kräftiger Mann, rechtlich denkend und fleißig, aber rauh und schroff in seinem Wesen. Seine Mutter, Louise van Velsor, stammte von holländischen Einwanderern ab. Walt war ihr zweiter Sohn. Mit dem Bruder blieb er bis zu seinem Tode im engsten Einvernehmen. In der Landschaft seiner frühen Kindesheimat ist er zeitlebens immer wieder gern eingekehrt, hat in manchen Gedichten ihr Lob gesungen und hat ihr in seinen Tagebüchern liebevolle Naturschilderungen gewidmet. Als Walt vier Jahre alt war, gab der Vater seine Farm auf, folgte dem Zuge zur Stadt und ließ sich in Brooklyn, einem auf Long Island liegenden Stadtteil von New York, als Zimmermann nieder. Hier also wuchs der junge Walt auf, erregt und bezaubert vom geschäftigen Getriebe der rasch wachsenden Welt- und Hafenstadt, und doch auch immer wieder entzückt vom majestätischen Rauschen der See, von Feld und Wald, vom Pflanzen- und Tierleben in den ländlichen Gegenden auf Long Island, wo er gewöhnlich den Sommer zubrachte. Wie oft schwärmt er in seinen späteren Gedichten von seiner Heimatinsel, der er den indianischen Namen „Paumanok“ gegeben hat, oder von dem urkräftig pulsierenden Leben in Manhattan, wie die Indianer New York nannten! Vom sechsten Lebensjahre an besuchte er als gelehriger Schüler die Volksschule und die kirchliche Sonntagsschule in Brooklyn. Aber schon nach knapp sechsjährigem Schulbesuch tat er als Elfjähriger den ersten selbständigen Schritt ins Leben: er wurde Bürogehilfe und Laufbursche, zuerst bei einem Rechtsanwalt, dann bei einem Arzt, und gewann so auf zwei verschiedenen Lebensgebieten schon früh Einblick in die verwirrenden Nöte, Streitfälle und Leiden des Alltags. Ein Jahr später wurde er Setzerlehrling in einer kleinen Zeitungsdruckerei. Und hier fand er nun willkommene Gelegenheit, sich in mannigfacher Weise weiterzubilden. Er kam mit den verschiedensten Menschen, hoch und niedrig, in Berührung, nahm Anteil an den großen und kleinen Ereignissen des Stadtlebens und studierte die Anfangsgründe des Handels, der Industrie, des Geldwesens und der Politik. Vor allem las er viel, besuchte die Theater — so wurde ihm eine Aufführung von Shakespeares „Richard III.“, die er als Dreizehnjähriger erlebte, unvergeßlich; er vervollkommnete ständig seine Sprachkenntnisse und sein Sprachgefühl. So durfte er schon mit sechzehn und siebzehn Jahren mit eigenen kleinen Zeitungsskizzen an die Öffentlichkeit treten. Mit dem so gewonnenen, verhältnismäßig reichen Schatz an Wissen und praktischer Bildung konnte es Walt Whitman im Jahre 1836
wagen, sich um eine Stelle als Dorfschullehrer in einem kleinen ländlichen Ort von Long Island zu bewerben. Er war des gehetzten und aufreibenden Treibens in der Großstadt überdrüssig geworden und sehnte sich nach Sammlung und ungestörtem Ausreifen seines Geistes in der Natur. Dieser Wechsel hat sich oft in seinem Leben wiederholt: aus der ruhigen Geborgenheit des Landlebens drängte es ihn auf die großen Straßen der Welt, in die Gesellschaft, die Versammlungen, das emsige und erregende Getümmel der Großstädte; aus den tausend Verflechtungen, den politischen und geistigen Kämpfen, der Unruhe und dem Getriebe riß er sich dann plötzlich wieder los, erholte und erfrischte sich durch freie und völlige Hingabe an die Natur. In all diesem Wandel der Verhältnisse und Umgebungen stand ihm seine Mutter, sowohl zu Lebzeiten wie auch nach dem Tode des Vaters, treu und verständnisvoll zur Seite. Whitman wurde trotz seiner Jugend als Lehrer angenommen und bewährte sich. Seltsamerweise traf er auch kaum auf Widerstand mit einer ungewöhnlichen, ja für die damalige Zeit revolutionären Unterrichtsweise; blieb er doch nicht mit den Kindern in der Schulstube, sondern setzte sich im Sommer mit ihnen in die Dünen, in Wind und Sonne, erzählte ihnen von den Ländern und Menschen hinter dem großen Meer, das in die Lehrstunde rauschte, oder vom Handel und Wandel in den großen Städten, von der Beschaffenheit, den Ureinwohnern und der Geschichte ihres Vaterlandes. Und hernach spielte er mit ihnen am Strand, badete und schwamm mit ihnen in der See. Gerade weil er als Lehrender selbst immerfort lernte, lernten seine Schüler bei ihm viel, und weil er ihnen ein guter und frischer Kamerad war, .gewann er ihre Herzen und ein allgemeines Ansehen. Nachmittags aber saß er einsam am Strand und vertiefte sich in Homers „Ilias“ und „Odyssee“ und andere große Dichtungen der Weltliteratur. Auch verfaßte er in dieser Zeit weitere Aufsätze und Erzählungen für Zeitungen.

D E R  W E G  I N  D I E  Ö F F E N T L I C H K E I T

Eines Tages übermannte Walt Whitman die Sehnsucht nach Freiheit und Selbständigkeit und vor allem nach einer Wirksamkeit in weiteren Kreisen des Volkes. Er kündigte kurz entschlossen den Schuldienst und gründete am gleichen Ort, auf sein Ansehen bei der Bevölkerung vertrauend, auf eigene Faust eine Wochenzeitung. Die Arbeitslast, die er sich damit auflud, war nicht leicht. Er verlegte nicht nur die Zeitung ohne fremde Hilfe, sondern druckte sie auch eigenhändig, wählte die Beiträge aus oder schrieb sie selbst und scheute sich auch nicht, die fertigen Exemplare auszutragen und die Gelder einzukassieren. Aber er hatte sich zuviel zugemutet und zu sehr auf die Hilfe der Mitbürger gebaut. Nach einem Jahr mußte er die Herausgabe des Blattes einstellen und kehrte nun in die Stadt Brooklyn zurück. Hier betätigte er sich zunächst als Wahlredner für die Demokratische Partei und setzte sich leidenschaftlich für die Abschaffung der Sklaverei ein. Er verkehrte nach 1840 häufig in Tammany Hall, dem Versammlungshaus einer politischen Vereinigung in New York, die es sich zum Ziel setzte, die Massen der Einwanderer für die freiheitlichen Gedanken des Landes zu gewinnen, und kam hier mit einflußreichen Politikern und namhaften Schriftstellern zusammen. Sein Brot verdiente er zunächst als Drucker, später als Mitarbeiter an einer demokratischen Zeitung. In diesen Jahren schrieb er auch den ersten und einzigen Roman seines Lebens, einen Tendenzroman gegen die Trunksucht, ein Werk, das sich ganz im Rahmen des Herkömmlichen hielt und über das er später selbst gutmütig zu spotten pflegte. Dagegen zeigten sich in manchen kleineren Arbeiten und einzelnen Gedichten schon Ansätze zu seiher großen dichterischen Begabung, die freilich erst langsam reifte. Im Jahre 1846 wurde er der Herausgeber einer großen Tageszeitung: „Brooklyn Daily Eagle“. Seine frischen, freimütigen und mitreißenden Aufsätze über die demokratische Idee und die politischen Tagesfragen erregten Aufsehen. Als er jedoch eines Tages in einem Gedicht „Blutgeld“ seinem tiefen Abscheu gegen den Sklavenhandel Ausdruck gab, machte ihm der Besitzer der Zeitung, der die Feindschaft der mächtigen Führer des Sklavenhandels fürchtete, Schwierigkeiten. Whitman gab daraufhin sofort seine Stellung auf ohne Rücksicht auf die unsichere Lage, in die er geriet; hatte er. doch in dieser Zeit keine andere Möglichkeit, sein Brot zu verdienen, als durch journalistische Arbeit. Auf gut Glück reiste er nun 1847 nach New Orleans, der aufstrebenden Großstadt im Süden der Vereinigten Staaten, im Mündungsgebiet des Mississippi. Die Stadt mit ihren reichen Erinnerungen an die spanische und französische Zeit und mit ihrer ungeheuer regen Industrie machte auf ihn einen starken Eindruck. Hier gelang es ihm in kurzer Zeit, Mitherausgeber einer Zeitschrift zu werden. In dieser Stadt wurde ihm auch das wahrscheinlich größte Liebeserlebnis seines Lebens zuteil. Aber Walt Whitman hat die Geliebte dieser Jahre nicht geheiratet. Vielleicht reichten seine Einnahmen nicht aus, einen Hausstand zu gründen; vielleicht hinderte ihn auch die stete Sorge für die eigenen Angehörigen, die ihn zeitlebens nicht los ließ — ihnen ein Heim zu schaffen, war bis zuletzt sein Bemühen —; vielleicht war es auch sein leidenschaftlicher Freiheitsdrang, der ihn allein bleiben ließ. Immer aber hat er Ehe und Familie als den Idealzustand für Männer und Frauen verteidigt. NachdemWalt Whitman noch einmal vorübergehend nach New York zurückgekehrt war und hier eine Zeitschrift herausgegeben hatte, ergriff ihn eine neue innere Unruhe. Er brach au einer großen Reise auf, die ihn als freien Journalisten in die verschiedenen Städte und Landschaften des Südens und des mittleren Westens der Vereinigten Staaten führte. Während dieser Reise ging ihm auf, daß sich in seinem landschaftlich so reichen und mannigfaltigen Vaterland aus wertvollen Bestandteilen verschiedener Völker und Rassen ein junges, eigenartiges, schaffensfrohes und zukunftsgewisses Volk zu bilden im Begriff war, dem nur das Bewußtsein seiner besonderen Aufgabe noch fehlte. Aber wie war ihm dieses Bewußtsein zu erwecken? Das Bewußtsein eines demokratischen Volkes, in dem jeder einzelne, welcher Herkunft, welcher Rasse und welchen Standes er auch sei, sich persönlich frei und ungezwungen entfalten sollte zum Besten einer gleichwohl oder vielmehr gerade darum eng verschmelzenden Gemeinschaft. Das Nachgrübeln über dieses Ziel erhöhte die innere Unruhe Whitmans auf dieser Reise noch. So kehrte er denn, um sich über sich selbst klar zu werden, 1849 — als Dreißigjähriger also — in das Haus seines Vaters zurück und arbeitete bei ihm sechs Jahre lang als Zimmermann, zum Verwundern all derer, die Größeres von ihm erwartet hatten. Freilich war der Vater durchaus nicht immer zufrieden mit ihm. Er beklagte sich über die Eigenwilligkeit, mit der sich der Sohn sein Leben gestaltete. Aber in diesen Jahren wurde sich Walt Whitman über seine hohe Berufung klar. In der Stille reifte er zum Dichter, wuchsen seine hymnischen, langzeiligen Gesänge zum Preise seines jugendlichen Volkes, seiner urwüchsigen Landschaft und seiner arbeitsamen Städte, die Hymnen einer neuen Menschheit und eines demokratischen Zeitalters beglückender Liebe und Kameradschaft zwischen den Einzelnen und zwischen den Völkern. In einem dieser Gesänge, „Ausgehend von Paumanok“, blickt er auf seinen bisherigen Weg zurück, den er in dichterischer Beleuchtung und im Hinblick auf das nun erreichte Ziel folgendermaßen betrachtet:
„Ausgehend vom fischförmigen Paumanok, wo ich geboren bin, Geboren und erzogen von einer vollendeten Mutter, Wandrer bisher in vielen Ländern, Freund des Pflasters und Volksgedrämgs; Siedler in meiner Stadt Manhattan oder auf Savannen des Südens, Oder Soldat im Lager oder mit Ranzen und Flinte, oder Gräber in Kalifornien, Oder ruppig daheim in Dakotas Wäldern, Wildbret zur Nahrung, der Trunk aus dem Quell; Oder zurückgezogen zu Sinnen und Grübeln in tiefer Verborgenheit, Fern vom Gerassel der Menge, Pausen der Ruhe einlegend, Vertraut mit dem frischfreien Spender Missouri, dem Strömenden, vertraut dem gewaltigen Niagara, Vertraut mit den Büffelherden, die dort in den Ebenen grasen, dem zottig breitbrüstigen Stier, Mit Erde, Felsen, Maiblumen bekannt, Sterne, Regen, Schnee mein Staunen, Fertig mit dem Lauschen auf Spottdrosselweisen und der Ergründung des Bergfalkenflugs, Im Ohr noch den unvergleichlichen Ruf der Einsiedlerdrossel auf Sumpfzedern im Morgengraun, Rühr ich, einsamer Sänger des Westens, die Trommel für eine neue Welt.“

A U F B R U C H  D E S  D I C H T E R S

Im Frühjahr 1855 gab sich Walt Whitman daran, seine Verse eigenhändig in Brooklyn zu drucken. Es wurde ein nicht sehr umfangreiches Buch von großem, schmalem Format, mit meergrünem Einband und goldenem Aufdruck des Titels: „Leaves of grass“ („Grashalme“). Whitman hat später noch mehrere Gedichtsammlungen herausgegeben: im Jahre 1865 „Drum-taps“ („Trommelschläge“), 1870 „Passage to India“ („Überfahrt nach Indien“) und 1891 „Good-bye, my fancy“ („Lebwohl, meine Phantasie“). Aber er hat sie alle schließlich mit den früheren unter dem ersten Titel vereinigt, so daß die „Grashalme“ neben einigen Prosaschriften sein Lebenswerk darstellen. Was besagt der Titel „Grashalme“? Grashalme bedeuten dem Dichter Duft und Sinnbild der Erde, die er mit allen ihren Erscheinungen, den großen und den geringen, liebt und verherrlicht; er will mit dem Titel sagen, daß ihm das Unscheinbarste als ein nicht minder wertvoller und preiswürdige Teil des allumfassenden Lebens dünkt wie das Mächtigste und Augenfälligste. Diese Überzeugung, auf das menschliche Leben übertragen, ist denn auch der (Grundgehalt der berühmten Prosa-Vorrede zu den „Grashalmen“, in der Walt Whitman das amerikanische Volk auffordert, sich des Werts seiner großen Freiheitsideen für die Welt bewußt zu werden und sich eine selbständige, von europäischen Vorbildern unabhängige Literatur zu schaffen, in der alle die Ideale zum Ausdruck koimmen, die für eine glücklichere Zukunft der Menschheit richtunggebend sein müßten. Die Voraussetzung dazu sei, daß Dichtung und Leben eine Einheit bilden, daß der Dichter die tiefste und reinste Sehnsucht der Menschen ausspricht, und daß die Menschen sich selbst diese Sehnsucht durch ein echtes und wahres Leben erfüllen. Denn tatsächlich, meint Whitman, ist das, was der Dichter an hohen Erkenntnissen von der inneren Schönheit des Lebens, von der Würde und Unverletzlichkeit jeder Einzelseele, von der innigen Verbundenheit mit Gott, dem reinen Einklang mit der Natur, der Harmonie von Leib und Seele und den Segnungen der Liebe kündet, keimhaft in jedem Menschen enthalten, und es bedarf nur der Entfaltung dieser Keime durch ein ganzes Verstehen der Dichtung, um das Leben glücklich und friedlich zu gestalten. Der Dichter ist also nicht „größer“ als jeder andere Mensch, er ist nur die Stimme, das Sprachrohr der innersten Sehnsucht aller anderen, mit ihm Gleichberechtigten. Whitman sagt: „Die Botschaft großer Dichtungen an alle Menschen ist die: Kommt als Gleichberechtigte zu uns, nur dann könnt ihr uns verstehen! Wir sind nicht besser als ihr; was uns erfüllt, erfüllt auch euch; was wir genießen, könnt ihr genießen. Habt ihr gemeint, es körine nur einen Befehlenden geben? Wir behaupten, daß ein einziger Befehlender die Verantwortung der übrigen ebensowenig ersetzt wie ein Auge das andere, und daß die Menschen nur durch das Bewußtsein ihrer eigenen Hoheit gut und groß sein, können.“ Whitman betont immer wieder seine Auffassung vom unbedingten Eigenwert jedes einzelnen Menschen, wobei er auch die Heruntergekommenen und Entrechteten nicht ausschließt, und er meint, daß jeder die Pflicht und den berechtigten Drang habe, diesen inneren Eigenwert (nicht freilich das anmaßende und räuberische Ich) gegen die Gewalten und Unbilden der Natur, die einengenden Forderungen der Gesellschaft und die Schläge des Schicksals zu behaupten. Er tadelt an der europäischen Literatur, daß sie noch zu viele Überreste einer bevorrechtigten Gesellschaftsordnung in sich trage, in der die äußeren Rangstufen der Menschen gesetzlich vorbestimimt seien. Sein demokratisches Ideal ist die freie Entfaltungsmöglichkeit jedes Menschen, rein auf Grund der Kräfte seiner Persönlichkeit, ohne Bevorzugung von Stand, gesellschaftlicher Herkunft, Geschlecht, Macht und Reichtum. Die Grundbedingung für die Entfaltung von Persönlichkeiten sieht er in der politischen Freiheit: „Für das Werden großer Meister ist die Idee der politischen Freiheit unerläßlich. Freiheit findet Helden als Anhänger, wo immer Männer und Frauen leben, aber sie findet keine treueren Anhänger und kein freudigereis Willkommen als bei den Dichtern. Sie sind die Stimme und die Verkörperung der Freiheit.“ Schon in dieser Vorrede zu den „Grashalmen“ warnt Walt Whitman vor den Schattenseiten der Zivilisation, deren gesunde Erscheinungsformen in Technik, Industrie, Welthandel, Verkehr, Hygiene und andere Lebenserleichterungen er an sich bejaht, und vor den Gefahren des „Amerikanisimus“: vor der Überbewertung des Gelderwerbs, der rein äußerlichen Bequemlichkeit, der Naturentfremdung, der unbefriedigenden Hast und seelischen Unausgefülltheit des Arbeitstages. Aus allem, was Wbitman preist und erhebt, was er ersehnt und fordert, was er ablehnt und wovor er warnt, spricht im Grunde jene tiefste und reinste Macht, jener schöpferischste, friedstiftende Drang, der die Menschen bewegt und in idem alle Weisen das Heil sehen: die Liebe. „Im ganzen bekannten Universum“, so heißt es in der Vorrede, „lebt als wahrhaft Liebender der Dichter. Er brennt in ewiger Leidenschaft, ist unbekümmert darum, was ihm das Schicksal bringt, Zufall, Glück oder Unglück, und empfängt täglich und stündlich seinen schönsten Lohn.“ Der erste Widerhall dieses Aufrufs und der ungewöhnlichen Gedichte in der amerikanischen Öffentlichkeit war so gering und enttäuschend, daß ein ‚weniger starker und selbstbewußter Geist als Walt Whitman den Mut hätte verlieren können. Viele Kritiker betrachteten diese langzeiligen, unregelmäßigen Verse, deren Rhythmus wie die Grashalme der endlosen Prärien wogten, in denen aber auch das Stampfen der jungen Maschinen, die dumpfen und kreischenden Geräusche in den Häfen, der Lärm in den Straßen der Städte und die Axtschläge der Pioniere in den Urwäldern des Westens vernehmbar wurden, als ein form- und sinnloses Gestammel und nahmen sie nicht ernst. Andere lehnten sie als überspannt und allzu neuerungssüchtig ab, und wieder andere entrüsteten sich über den Freimut und die Tnicksichtslose Deutlichkeit der Ausdrucksweise. Vor allem auch warf man dem Dichter Mangel an religiösem Empfinden vor. Aber wie unrecht man ihm tat, geht aus Versen wie den folgenden hervor: „Was hier singt, ist unbedingter Glaube . . . Kein Ding ist für sich selber da, Ich sage, die ganze Erde und alle Sterne am Himmel sind um der Religion willen da. Ich sage, keiner ist noch je halb fromm genug gewesen, Keiner hat noch je halb genug verehrt und angebetet, Keiner hat angefangen zu denken, wie gottgegeben sein Dasein und wie sicher die Zukunft ist. Ich sage, die wirkliche und dauernde Größe dieser Staaten muß ihre Religion sein, Sonst gibt es keine wirkliche und dauernde Größe; Charakter noch Leben sind ihres Namens wert ohne Religion, Kein Land, kein Mann oder Weib ohne Religion.“ Der einzige, der Whitmans Größe und Bedeutung sofort erkannte, war der amerikanische Philosoph und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson. Er schrieb dem Dichter einen begeisterten Brief, in dem es heißt: „Ich halte die „Grashalme“ für die außerordentlichste Probe von Geist und Weisheit, die Amerika noch je hervorgebracht hat . . . Ich beglückwünsche Sie zu Ihren freien und tapferen Gedanken. Ich habe große Freude daran. Ich finde unvergleichliche Dinge unvergleichlich gut gesagt, gerade so, wie es richtig ist. Ich finde jene Kühnheit der Gedanken darin, die uns so entzückt und zu der nur eine starke Empfindung begeistern kann . . . Der gediegene Geist des Buches gibt uns beglückende Gewißheit. Es hat das Beste, was ein Buch haben kann, nämlich es stärkt und ermutigt.“ Später kam Whitman mit Emerson auch persönlich zusammen, und die beiden kühnen Geister des jungen Amerika schlössen eine Freundschaft, die ihr Leben hindurch währte.

D I E „ G R A S H A L M E „

In den folgenden Jahren leibte Walt Whitman mit seiner Mutter auf Long Island und arbeitete in eingeschränkten Verhältnissen weiter an seinem Lebenswerk. Sein Zimmer war äußerst schlicht eingerichtet. Es enthielt nichts als das Bett, Tisch, Stühle, Waschtisch und Spiegel. An den Wänden hingen zwei alte Stiche, von denen der eine den Weingott Bacchus und der andere einen griechischen Waldgott darstellte. Wenn Freunde ihn besuchten, trafen sie ihn meistens im Freien an. Da lag er denn auf einem Hügel im Gras und ließ sich von der Sonne bräunen, ein kräftiger, breitschultriger Mann mit vollem braunem, stellenweise früh ergrautem Haar und Bart, mit hellem Anzug und offenem hellblauem Hemd. Oder er badete, ein’Bild strahlender Gesundheit, mit wahrer Wonne im Meer. Wenn wir das große, so oft erweiterte Hauptwerk Walt Whitmans, „Die Grashalme“, zum erstenmal in die Hand nehmen, so muten auch uns, auch in der Übersetzung, die langzeiligen, ungereimten, in unregelmäßigem Rhythmus daherwogenden Verse zunächst fremdartig an, obwohl in späterer Zeit manche, gerade auch deutsche Dichter — vielleicht unter dem Eindruck von Whitman, vielleicht auch aus einer verwandten Seelenstimmung heraus — Gedichte ähnlicher Art geschrieben haben. Einige davon mögen uns bekannt sein, wie Richard Dehmel, Otto zur Linde, Ernst Stadler, Gerrit Engelke oder Heinrich Lersch. Auch befremden uns zunächst die langen Aufzählungen, die zahlreichen Ausrufe, die bei aller Zartheit mitunter derbe, oft geradezu drastische Sprache. Aber wenn wir uns tiefer in die Gedichte versenken, geht uns auf, daß hier eine ganz neue äußere und innere Welt auf ihre Weise zur Dichtung geworden ist. Walt Whitman feiert das Hochgefühl, einem jungen Volk anzugehören, das im vollen Besitz seiner wachsenden Kräfte in die Weltgeschichte eintritt und seine von Gott aufgetragene Sendung darin sieht, das künftige Menschenleben, für alle Völker vorbildlich und in Eintracht mit allen Völkern, so zu gestalten, daß es „frei von Furcht und Not“ ist. Ein solches Leben lebt Whitman in seinen „Grashalmen“ vor. Aus dem Gefühl unendlicher Freiheit und Daseinsfreude, die es gewährt, schwingen sich seine Gedichte zu allumfassender, stolzer und jubelnder Weltbejahung auf. Dazu bekennt sich deutlich genug schon sein erstes Gedicht:

„Das Ich sing ich, schlechtweg den Einzelmenschen .. . Die ganze Erscheinung, vom Scheitel zur Zehe, sing ich, Nicht das Gesieht allein noch das Hirn allein ist der Muße würdig, ihrer am würdigsten ist die vollkommene Form, Vom Weihe so wie vom Manne sing ich Vom unendlichen Leiben mit Gluten, Pulsen und Kraft, Vom fröhlichen Leben, der reinsten Tat, aus Gottesgesetzen entspringend, Den modernen Menschen sing ich.“

Alles, was die Welt an gewaltigen Kräften, an Wundern und Schönheiten der Natur und des Geistes, an Leben und tieferer Bedeutung je enthielt, enthält und enthalten wird, glaubt der Dichter in seiner Seele zu umschließen und bringt es den Mitmenschen, in denen die gleiche Fülle des Lebens dämmert oder schläft, in seinen weitgespannten und aufrüttelnden Versen dar: „Walt Whitman, ein Kosmos, Manhattans Sohn, Kein Empfindsamer, keiner, der über Männern und Frauen steht oder abseits von ihnen, Nicht mehr bescheiden als unbescheiden — Wer einen andern erniedrigt, der erniedrigt mich, Was immer getan oder gesagt wird, fällt zuletzt auf mich, Durch mich wogt und wogt begeisternder Hauch, durch mich der Strom und der Zeiger. Ich spreche die urerste Losung aus, ich gebe das Zeichen der Volksfreiheit, Bei Gott! Ich wende nichts annehmen, woran nicht ein jeder andere auch sein Gleichteil hat unter denselben Bedingungen.“ In diesem Sinne sieht Walt Whitman das Ziel der demokratischen Freiheit darin, aus der Masse lauter hoihe, freie, selbstbewußte, friedlich schaffende Menschen zu machen, die einander achten; sie trachten zwar nach einem auch materiell unabhängigen Dasein, sehen aber nicht den Zweck des Lebens im Geld- und Besitzerwerb; sie ducken sich vor keiner knechtenden Gewalt, auch nicht vor dem Staat und dem „Übermut der Ämter“, über den schon Shakespeares klagt. — „Ich bin der Sänger des Stolzes und der Freude“, sagt Whitman, „wir haben Bitten und Ducken genug gehabt.“ Und er sieht in der Freiheit des Eimzelmenschen die Grundbedingung für den Bestand eines gesunden Zusammenlebens. „Den Staaten oder einem von ihnen oder jeglicher Stadt in den Staaten widerstrebt viel, gehorcht wenig. Einmal knechtiger Gehorsam; soviel wie völlig geknechtet, Einmal völlig geknechtet, erlangt kein Volk oder Staat, keine Stadt dieser Ende je ihre Freiheit wieder.“ Noch in einer anderen Hinsicht macht sich der hohe, im neuen Sinne adlige Mensch, der Whitman vorschwebt, von überkommenen Vorurteilen, von Engherzigkeit, Heuchelei und abergläubischer Furcht frei: in der Bejahung des menschliches Leibes und einer gesunden Sinnenfreude. Diese Forderung hat dem Dichter zu seiner Zeit manchmal den Vorwurf der Hemmungslosigkeit eingetragen.
Die allgemeine Anschauung hat sich aber seit jener Zeit weitgehend gewandelt. Wir wissen heute wieder, daß die Freude am menschlichen Leibe, der ein Schöpfungswunder und Gottesgeschenk wie alle andern ist, an sich nicht unedel ist, daß der Sinnenfreunde keine anderen Gefahren innewohnen als allen anderen menschlichen Lebensäußerungen. Es trifft auch auf sie zu, was Whitman im „Sang von der rollenden Erde“ sagt: „Die Ende wird dem vollkommen erscheinen, der selbst vollkommen ist; die Erde ist nur für den verzerrt und gebrochen, der selbst verzerrt und gebrochen ist.“ Wir wissen heute, wie unberechtigt jener Vorwurf gegen den Dichter war, der in seiner Umgebung kein zweideutiges, anstößiges oder gar schlüpfriges Wort duldete. Und wir nehmen Verse wie die folgenden in ihrer reinen Bedeutung auf: „Wenn irgendein Ding auf Erden geheiligt ist, so ist der menschliche Leib geheiligt, Und der Ruhm und die Anmut des Mannes ist das Zeichen unbefleckter Mannheit, Und am Manne wie am Weibe ist ein reiner, starker, Festsehniger Leib herrlicher als das schönste Gesicht.“ Und wir verstehen auch andere Gedichte, in denen Whitman den menschlichen Leib gewissermaßen als Gleichnis der Seele betrachtet. Aus dieser Auffassung wird uns schließlich verständlich, daß ein Dichter, den weder die Veränderungen des Raumes schrecken (er findet die modernen Städte genau so großartig wie den Urwald, die Steppe und das Meer), noch die Veränderungen der Zeit beunruhigen, auch den Tod in seine große Liebe einbezieht und die Furcht vor ihm überwindet. In demselben Gedicht, in dem er verkündet, er wolle kein Gedicht schreiben, das nicht Bezug auf die Seele habe, „weil ich die Gegenstände der Welt beschaut habe und finde, es gibt keinen und nicht das geringste Stückchen von einem, das nicht Bezug auf die Seele hat“, und in dem er erklärt: „Ich will einen Faden durch meine Gedichte spinnen, daß Zeit und Begeben heiten ein Ganzes sind“, steht auch der Satz: „Ich will zeigen, daß nichts Schöneres zustoßen kann als der Tod“.

K R I E G  U N D  S T A A T S D I E N S T

Als im November 1860 Abraham Lincoln, einer der Führer der Republikanischen Partei, der als scharfer Gegner des Sklavenhandels bekannt war, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, erklärten die elf südlichen Staaten von Nordamerika, in denen der Sklavenhandel als besonders einträgliches Geschäft galt, ihren Austritt aus der Union der nordamerikanischen Staaten (die sogenannte „iSezession“) und schlössen sich zu einem eigenen Staatenbund zusammen. Lincoln versuchte vergebens, den Streit friedlich beizulegen. Im April 1861 brach der blutige und für beide Teile verlustreiche Sezessionskrieg aus, ider sich vier Jahre lang hinzog und mit der Unterwerfung der Südstaaten endete. Walt Whitmans Bruder machte den Krieg als Offizier eines New Yorker Freiwilligenregiments mit. Als er in der Schlacht von Fredericksburg im Dezember 1862 verwundet wurde, reiste der Dichter ins Lazarett, um ihn zu pflegen. Bald schon erkannte er seine Aufgabe darin, auch anderen Verwundeten zu helfen und den Sterbenden seelisch beizustehen; so blieb er bis über das Kriegsende hinaus als Krankenpfleger im Felde. Seiner Mutter schrieb er: „Ich weiß nicht, ob ich diesen Verwundeten und Sterbenden viel helfe; aber ich kann sie nicht verlassen. Dann und wann hält sich ein junger Mensch krampfhaft an mir fest, und ich tue für ihn, was ich kann. Auf jeden Fall bleibe ich bei ihm und sitze stundenlang neben ihm, wenn er es haben will.“ Und ein halbes Jahr später: „Mutter, ich bin wirklich stolz darauf, dir zu sagen, daß ich mir bewußt bin, einer ganzen Anzahl das Leben zu retten dadurch, daß ich sie davor bewahre, sich selber aufzugeben, und daß ich so viel wie möglich bei ihnen bin. Die Leute sagen, es sei so, und die Ärzte sagen, es sei so, und ich kann mit gutem Gewissen bestätigen, daß es wahr ist, obwohl ich es von mir selber sage.“ Dieser rastlose Dienst, in deim Whitman oft Tag und Nacht an einem Krankenlager zubringen mußte, und der tägliche Anblick von Blut und Schmerzen und Elend stellten selbst an seine urkräftige Gesundheit übermäßige Anforderungen. „Es ist seltsam“, so schrieb er in sein Tagebuch, „solange ich bei den. entsetzlichsten Szenen zugegen bin, bei Sterbenden, Operationen, ekelhaften Wunden, bleibe ich ruhig und fest und energisch, wenn auch mein Mitgefühl sehr erregt ist; aber oft, stundenlang nachher, vielleicht wenn ich zu Hause bin oder allein spazieren gehe, wird es mir schlecht, und ich zittere buchstäblich, wenn ich mich an den bestimmten Fall erinnere.“ Schließlich brach er zusammen und wurde von einem Hospitalfieber ergriffen, an dessen Folgen er sein ganzes ferneres Leben hindurch zu tragen hatte. Die dichterische Frucht dieser Jahre war die schon erwähnte Sammlung „Trommelschläge“. In ihr spiegelt sich die tiefe Erregung, das fürchterliche Geschehen, das Erlebnis der heißen Tage und der schauervollen, von Stöhnen und Schreien und unvergeßlichen Gesprächen erfüllten Nächte, die innige Kameradschaft des Älteren mit den Jüngeren, des Tröstenden mit den Leidenden, die Bewunderung des Heldenmuts und derStandhaftigkeit der jungen Soldaten, aber auch die Abneigung gegen den Krieg, der nie einer gesegneten Schöpfung, sondern immer nur der Zerstörung (auch der Persönlichkeit und der Seele des Menschen) dient. Und als der Krieg zu Ende war, machte sich Whitman den Rat alter Weisheit zu eigen, daß der Sieger nur über das Ende des Blutvergießens jauchzen, im übrigen aber mehr noch trauern möge als der Besiegte, und er rief den Siegern zu, sich nun friedlichen Aufgaben zuzuwenden:

„Jauchzt, o Lande, siegreiche Lande Nicht eurem Sieg dort auf den roten schaudernden Feldern! Jauchzt eurem Sieg hier und von nun an. Schmelzt, ihre Heere, schmelzt fort — zergeht, Soldaten in Waffen, Löst euch endgültig auf, legt die tödlichen Schwerter nieder, Andre Waffen und Felder wählt nun für euch, ob Süden, ob Norden; Heilsamere Kriege, friedliche Kriege, lebenspendende Kriege.“
Tief erschütterte es den Dichter, daß Abraham Lincoln kurz nach Beendigung des Sezessionskrieges, als er sich eben zu einem Werk des Friedens und der Versöhnung anschickte, von einem fanatischen Anhänger der Südstaaten ermordet wurde (14. April 1865). Er hatte den Präsidenten kennen und schätzen gelernt und ihn in seinem Tagebuch als die „eigenartigste, künstlerischste und moralischste Persönlichkeit unseres Landes“ bezeichnet. Jetzt widmete er ihm mehrere packende Trauergedichte und die schlichte „Grabinschrift“: „Staub ist nun dieser Mann, Der einfach, milde, gerecht und entschlossen mit vorsichtiger Hand Gegen das schändlichste Verbrechen, das je auf Erden begangen worden, Die Einheit dieser Staaten rettete.“ Im weiteren Verlauf des Jahres 1865 wurde Whitman für seinen aufopfernden Lazarettdienst belohnt durch eine Anstellung im „Indianischen Büro“ des Ministeriums des Innern zu Washington. Er war erst kurze Zeit im Amt, als der Minister Harlan, der die „Grashalme“ gelesen hatte und sie für den Beweis eines verderblichen Charakters hielt, seine Entlassung anordnete. Dieses Vorgehen erregte großes Aufsehen, und zahlreiche einflußreiche Freunde setzten sich für den Dichter ein. Einer von ihnen, William D. O’Connor, verfaßte eine beredte, warmherzige Verteidigungsschrift, die 1866 unter dem Titel „The good gray poet“ („Der gute grauköpfige Dichter“) veröffentlicht wurde. Sie beginnt mit der folgenden Schilderung, nach der wir uns ein deutliches Bild von der äußeren Erscheinung und der starken persönlichen Wirkung Walt Whitmans machen können: „Durch Jahre haben Tausende von Menschen in New York, in Brooklyn, in Boston, in New Orleans und neuerdings auch in Washington einen Mann durch die Straßen unserer amerikanischen Städte schlendern sehen, von auffallender männlicher Schönheit — einen Dichter —, machtvoll und e’hrfurchtgebietend von Ansehen, breit, ruhevoll, herrlich gebaut, fast immer in die nachlässige, rauhe, aber stets malerische Tracht des gewöhnlichen Volkes gekleidet; von (Fremden für einen Handwerker oder Seemann oder sonst irgendeinen gewaltigen Arbeiter gehalten, wie er so mit nachlässigem und stolzem Schritt über das Pflaster schreitet, während Sonnenlicht und Schatten ihn geleiten. Den dunklen Strohhut, den er meistens trug, hielt er, als ich ihn sah, da der Tag warm war, in der Hand; ein Maler hätte sich der Lichter gefreut, die die Sonne auf seinem unbedeckten Haupt spielen ließ, das majestätisch auf seinen starken Schultern thront, mächtig wie in einem antiken Bildwerk. Ich sah das Antlitz, heiter, stolz, von blühender Farbe und von freudigem Ernst im Ausdruck, die Stirn von feinen Furchen durchzogen, die Züge massig und schön, die klaren blauen Augen, die mächtigen Bogen der Brauen, d>as flutende Haar und den weichen Bart, beide sehr grau, und mit einem seltsamen Hauch von Alter das jugendliche Aussehen des Fünfundvierzi.gjährigen mildernd. Auffällig war wie immer die Einfachheit und Reinheit seiner Kleidung, aus billigem und gewöhnlichem Stoff, aber stets duftig und fleckenlos, vom schneeweißen weichen Kragen bis zu dem glänzenden Schuh: die ganze Erscheinung, wie von einem Hauch von Männlichkeit umwoben, strömt in ihrer vollkommenen Gesundheit und Lebensfülle den erhabenen Zauber der Kraft aus. Wir, die ‚wir diesen Menschen gesehen und dieser klaren, frohen, vibrierenden Stimme gelauscht, wir erbeben in dem Gedanken, daß wir einen der größten Menschensöhne geschaut. Freilich, heute weiß das kaum schon einer. Aber auch Cervantes hat nur Mißachtung erregt, wenn er, eben aus dem Gefängnis entlassen, durch die Straßen von Madrid ging; und doch war es dieser unansehnliche, einarmige Soldat, der den ,Don Quichote‘ schrieb. Für einen verschrobenen Narren hielt Athen den Mann, den es mit Gelächter in die Verbannung trieb und der die Jahrhunderte mit dem Namen Aeschylus erschütterte. Ein Phantast, auf den niemand achtete, war Shakespeare im 17. Jahrhundert.“ Diese leidenschaftliche öffentliche Anteilnahme an den Geschicken des Dichters veranlaßte den Minister, seine Entscheidung rückgängig zu machen und Whitman nur in ein anderes Amt zu versetzen, bei der Oberstaatsanwaltschaft der Vereinigten Staaten. In diesen Jahren wurde man mehr und mehr auch außerhalb Amerikas auf den Dichter aufmerksam. 1868 erschien in der Münchener Allgemeinen Zeitung die erste deutsche Würdigung seines Schaffens aus der Feder des Dichters Ferdinand Freiligrath, der wie Walt Whitman ein glutvoller Kämpfer der Freiheit war.

A U S B L I C K  I N  D I E  F E R N E

Die unmittelbaren Einblicke in die Regierungsgeschäfte, die Volksseele und die Entwicklung des öffentlichen Lebens in Nordamerika, die Walt Whitman während seines Staatsdienstes gewann, veranlaßten ihn zu tieferem Ergründen des Wesens der Demokratie, die nach sieiner sich noch festigenden Überzeugung nicht nur die geeignete Staatsform, sondern auch die notwendige und einzig fruchtbringende Lebensform der künftigen Menschheit sein würde. Freilich erkannte er auch schärfer als früher, wo es an der Verwirklichung einer echten Demokratie, gerade auch in Amerika, noch fehlte, wo ihr aus der Engherzigkeit, dem Egoismus, der rücksichtslosen Gewinnsucht und nichts als geschäftigen Veräußerlichung der menschlichen Lebensfreuden izähe Hindernisse erwuchsen. Die Frucht dieses Nachdenkens war eine Schrift, die er 1870 unter dem Titel „Democratic vistas“ („Demokratische Ausblicke“) herausgab. Sie erneuert und vertieft im wesentlichen die Erkenntnisse, zu denen er sich schon in der Vorrede zu den „Grashalmen“ durchgerungen hatte. Es sprechen daraus die klaren, gründlichen, teilweise auch enttäuschenden Erfahrungen des gereifteren Alters, die seine jugendliche Begeisterung zwar gedämpft, aber nicht zum Erlöschen gebracht hatten. Der Spiegel, den Walt Whitman in den „Demokratischen Ausblicken“ dem allzu betriebsam aufstrebenden, allzu sehr auf materielle Macht bedachten „Amerikanismus“ jener Tage vorhielt, war freilich deutlich und schonungslos genug. Ihn bedrückte die zunehmende Entseelung des Industrie- und Gesellschaftshetriebes,
die schamlose Jagd nach dem Dollar, die hemmungslosen Konkurrenzmethoden und die Herabwürdigung des Mitmenschen zum bloßen Geschäftspartner, Handlanger oder Geschäftsgegner, den man mit allen Mitteln auszuschalten versucht. „Es ist“, so schreibt er, „als wären wir mit einem riesigen, immer vollständiger sich auswachsenden Körper ausgestattet, und es bliebe uns nur eine kleine oder gar keine Seele“. Und noch einmal ruft er zu einer neuen, eigentümlich amerikanischen Literatur auf, von der er den stärksten Anstoß zur Reform des Gemeinschaftslebens erwartet: „Unser Grundbedürfnis in den Vereinigten Staaten von heute ist eine Literatur, ganz anders und viel höher geartet als alle bisher bekannten: priesterlich, modern, fähig, sich zu messen mit den Möglichkeiten unserer Länder, die ganze Fülle amerikanischen Denkens, amerikanischen Geschmacks und Glaubens durchdringend und ihr einen neuen Odem einhauchend.“ Gerade von den Dichtern erhofft Whitiman die Verteidigung und Förderung eines der wesentlichsten Bestandteile der Demokratie: des kräftigen Individuums, der freien, schöpferischen, durch Selbstentfaltung der Gemeinschaft dienenden Persönlichkeit. Nach seiner Überzeugung ist es „in der Tat die Idee der vollkommenen Persönlichkeitsentwicklung, die der Idee, der Gemeinschaft am tiefsten Charakter und Farbe gibt“. Und er begründet und erklärt diese Auffassung folgendermaßen: „Die Lehre, um derentwillen, auf moralisch-geistigeim Gebiet, Christus für die Menschheit erschien, nämlich die Lehre, daß in der absoluten Seele, die jedem Menschen zu eigen ist, etwas so Überragendes, so über alle Abstufungen Erhabenes liegt, daß in dieser Hinsicht alle Wesen auf der gleichen Höhe stehen und alle Unterschiede von Intellekt, Tugend, Stellung oder überhaupt irgendwelchen höheren oder niedrigeren Stufen völlig belanglos sind, — diese Lehre hat ihr Seitenstück in dem Grundsatz der Demokratie, daß die Nation, als eine Gemeinschaft lebendiger Einzelexistenzen, jedem ihrer Angehörigen den Anspruch auf Freiheit, auf irdische« Gedeihen und Glück, auf Förderung seines Wachstums und bürgerlichen Schutz gewähren muß.“ Auch dem Gedanken, daß die recht verstandene Demokratie früher oder später zum Bündnis, zur Einigung aller Nationen führen werde, ging Whitman in den „Demokratischen Ausblicken“ weiter nach. Nur dann freilich ist diese Einigung, die endlich den Frieden unter den Völkern verbürgen würde, fruchtbar und dauerhaft zu gestalten, wenn genau so, wie den Einzelmenschen im demokratischen Staate, auch den Einzelvölkern in der demokratischen Völkerfamilie die freie, ungestörte, friedliche Entfaltung ihrer individuellen Eigenheiten und Leistungen gewahrt bleibt. Unter solchen Gesichtspunkten hält es Whitman für „das Höchste und die Krönung der Demokratie, daß sie allein alle Nationen, alle Menschen noch so verschiedener und entfernter Länder <zu einer Brüderschaft, einer Familie vereinen kann und immer zu vereinen bestrebt ist. Dies ist der alte, immer wieder neue Traum der Erde, der Traum ihrer ältesten und jüngsten Völker und ihrer größten Philosophen und Dichter.“ Auch in seinen „Grashalmen“ hat der Dichter diesem Traum, dieser Vision — hundert Jahre vor unserer Zeit — mehrmals mitreißenden Ausdruck gegeben, am schönsten in dein Gedicht „Salut au monde“ („Gruß an die Welt“): „Du, wer du auch bist! Du Tochter oder Sohn Englands! Du aus den gewaltigen slawischen Stämmen und Reichen! Du Russe in Rußland! Du Dunkelsproß, schwarzer Afrikaner mit göttlicher Seele, Breiter, Schmalköpfiger, edel Gebauter, Von stolzer Bestimmung, auf gleichem Fuß mit mir! Du Norweger! Schwede! Däne! Isländer! Deutscher du! Du Spanier aus Spanien! Du Portugiese! Du französische Frau und Franzose aus Frankreich! . ..“ So ruft er alle Völker der Erde in begeisterter Aufzählung an und reicht ihnen die Bruderhand: „All ihr Festlandbewohner in Asien, Afrika, Europa, Australien, wo eure Stätte sei! All ihr auf den zahllosen Eilanden der Inselmeere! Und ihr in den fernen Jahrhunderten, wo ihr mich hört! Und du jeglicher und allenthalben, den ich nicht bezeichne und doch mit einschließe! Grüß euch! Willkommen euch allen: Jeder von uns unentbehrlich, Jeder von uns grenzenlos — jeder mit seinem Recht auf der Erde, Jeder von uns mit dem Anspruch auf das bleibende Erbe der Erde, Jeder hienieden so göttlich wie irgendeiner hienieden.“ Zur Verwirklichung dieser Völkereinheit, meint Whitman schließlich, sollten sich die Besten und Edelsten aus allen Völkern zu einem Bunde zusammenfinden, ähnlich den Ritter- und Mönchsorden des Mittelalters, die mit so viel Idealismus und hochherziger Tatkraft der abendländischen Welt jahrhundertelange Dauer und unvergänglichen Ruhm gesichert haben. Aber dieser Bund müßte dennoch ganz anders aussehen, müßte dem Geiste einer neuen Zeit entsprechend durch äußere Formen, aber durch um so tiefere innere Bindungen über Raum und Zeit (zusammenhalten, müßte mit keinem anderen als geistigem Rüstzeug, das sich von Generation zu Generation vererbt, angehen gegen die Gefabren und .Nöte der Zeit, ein Bund erleuchteter VolLbringer des Worts, der Literatur und jeder anderen Kunst, die man überall und immer an ihren Wahrzeichen erkennen könnte. Und diese Wahrzeichen seien keine anderen als ein hellwaches Gewissen und ein inniges Gottesbewußtsein. Whitman hat später noch eine andere Prosaschrift und zwei dichterisch gestaltete Briefsammlungen veröffentlicht, aber sie haben nicht mehr die Bedeutung erlangt wie die „Demokratischen Ausblicke“, die als sein philosophisch-politisches Vermächtnis gelten. Noch mehrere Jahre blieb der Dichter im Staatsdienst, doch fiel ihm die regelmäßige Bürotätigkeit mit der Zeit immer schwerer. Die Beeinträchtigung seiner Gesundheit durch die Strapazen der Kriegsjahre machte sich immer offensichtlicher bemerkbar. Er litt häufig an Schwächezuständen. Als dann am 23. Januar 1873 die geliebte Mutter starb, warf ihn dieser Schlag vollends nieder. „Mutters Tod“, so schrieb er einem seiner Freunde, „ist die große Wolke meines Lebens; nichts, was je vorher geschah, hat mich so getroffen“. Wie sehr der Dichter seine Mutter verehrt und geliebt hat, bezeugen seine zahlreichen Gesänge zum Preise der Mütter überhaupt und seine in vielen Abwandlungen wiederholten Aufforderungen zur Achtung vor der Frau. „Nur aus dem gütigsten Weib der Erde“, versichert er einmal, „wird der gütigste Mann sich entfalten; nur aus den unnachahmlichen Gedichten des Weibes können die Gedichte des Mannes kommen, und nur daher kommen meine Gedichte“. Und sicherlich hat ihm das Bild seiner alten Mutter vorgeschwebt bei den schlichten Versen: „Frauen sitzen oder schreiten —.einige alt, einige jung, Schön sind die jungen — aber die .alten sind schöner noch!“ Anderthalb J-aihre hindurch kränkelte Whitman und konnte seinen Dienst kaum versehen, und als man ihm infolgedessen 1874 den Abschied gab, befiel ihn eine tiefe Niedergeschlagenheit, ein Zustand, den die Freunde sonst nur selten im Leben an ihm wahrgenommen haben. Gewöhnlich nahm er Unglück und Schicksalsschläge ruhig und gelassen hin, und kaum je einmal hat man ihn unzufrieden, enttäuscht, erschrocken oder zornig gesehen.

A L T E R S L E I D E N  U N D  A L T E R S F R E U D E N

Mit schweren Sorgen sah sich Walt Whitnian als Fünfundfünfzigjähriger noch einmal vor einen neuen Anfang gestellt. Als beinahe mittelloser Mann zog er sich aufs Land nach Long Island zurück. Aber schon bald schöpfte er wieder frischen Lebensmut, und die frühere Gelassenheit und Lebenszuversieht kehrten ihm wieder. Über die erste Not halfen ihm Zuwendungen der Freunde hinweg. Er dankte ihnen mit dem stolzen Gedicht „Reichen Spendern“: „Was ihr mir gebt, nehme ich fröhlich an, Ein wenig Unterhalt, Hütte und Garten, ein wenig Geld, da ich mich mit meinen Gedichten einstelle, Eines Reisenden Lager und Frühstück, wenn ich durch die Staaten ziehe. Warum sollte ich mich schämen, solche Gaben einzugestehen und sie zu erheischen? Denn ich selber bin nicht einer, der nichts spendet, der nichts bringt für Mann und Weib, Denn ich weise jeglichem Manne und Weibe auf Erden den Weg zu allen Gaben der Welt.“
Und bald darauf schon besserte sich seine Lage durch erhöhte Einkünfte aus Neuauflagen der „Grashalme“ und seiner anderen Schriften, deren Leser gerade in dieser Zeit immer zahlreicher wurden. Whitman leibte wieder auf. Er fand in der Abgeschiedenheit, der Ausspannung, der völligen Hingabe an .die Heilkräfte der Natur zu sich selbst zurück und gewann damit sein körperliches und seielisches Wohlbefinden wieder. Seine Tagebuchaufzeichuungen aus dieser Zeit sind voll des Danks und Glücks über die innere Genesung und geben in begeisterten Schilderungen die Fülle der Naturfreuden wieder. Früher einmal hatte er geschrieben: „Behaltet euer idyllisches Hüttchen am Waldessaum, gebt mir die Straßen Manhattans und laßt mich den Menschen ins Antlitz sehen!“ Jetzt bekennt er sich ebenso entschieden zum Segen der ländlichen Einsamkeit, zur Freude über die Entfernung von Stadthaus, Gesellschaft, Luxus, Geschäften, Maschinen, Büros und Straßenlärm. Und seine dichterische Schöpferkraft erfrischt sich durch tief bereichernde Beobachtungen und Streifzüge in der Natur. „Monat Mai“, so lautet eine bezeichnende Stelle des Tagebuchs, „— der Monat der schwärmenden, singenden, paarenden Vögel — der Monat der Hummeln —• Fliedermonat — (und auch mein eigener Geburtsmonat). Diesen Abschnitt kritzle ich im Freien, kurz nach Sonnenaufgang, auf dem Wege zum Bach. Die Lichter, Düfte, Melodien, die Blaumeisen, Grasmücken und Rotkehlchen in jeder Richtung, dies schallende, vielstimmige Naturkonzert! Als Untertöne das Klopfen eines nahen Spechtes auf seinem Baum und ferner Hahnenschrei. Und dann der frische Erdgeruch — die Farben, das zarte Graugelb und dünne Blau des Horizonts. Das leuchtende Grün des Grases ist noch leuchtender geworden durch die Milde und Feuchtigkeit der letzten awei Tage. Wie steigt die Sonne schweigend in den weiten klaren Himmel auf ihrem Tagesweg! Wie baden die warmen Strahlen alles — und kommen hauchend und beinahe heiß über mein Gesicht geströmt!“ Nachdem eor sich von einem ersten Zusammenbruch im Jahre 1879 erholt hatte, unternahm Walt Whitman mit einigen Freunden noch einmal eine große Reise in den Westen der Vereinigten Staaten und ließ sich aufs neue von den Fluten des fortschreitenden industriellen Lebens umspülen. Als unermüdlicher Beobachter und Zuhörer sah er sieh in allen Gesellschaftskreisen um und verkehrte zumal unter Arbeitern. Er ging in die Kirchen, die Versammlungsräume, die Vergnüigungslokale, nahm an den Veranstaltungen von Gesangvereinen und Schaustellern, an den Zusammenkünften von Religionsgemeinschaften und politischen Gruppen teil. Mehr als bisher beschäftigten ihn jetzt die sozialen Verhältnisse. Die Behandlung der Arbeiter durch die Fabrikanten, Farmer und andere Unternehmer schien ihm ein Prüfstein der Demokratie zu sein. Er forderte nicht nur ‚angemessene Entlohnung, sondern Anerkennung als Gleichberechtigte, die Anerkennung der Würde, der persönlichen Eigenheit und der Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeit jedes Einzelmenschen. Und im Geiste der „Demokratischen Ausblicke“ betonte er abermals, daß nicht die Anhäufung des Wohlstandes, sondern seine Verbreitung und sinnvolle Anwendung das Ziel einer Gemeinschaft sein müsse. Im Jahre 1881 verbrachte Whitman mehrere Monate in Boston und kam in dieser Zeit häufig mit Emerson zusammen, der im Jahr darauf starb. Emerson, der als Philosoph eine weise Lebensführung gelehrt und sein Werk in den Dienst ähnlicher Ziele wie Whitman gestellt hatte, war dem Dichter ein treuer und nützlicher Freund geblieben; er hatte ihm durch sachlich gerechte, tiefgründige, mitunter auch ablehnende Kritik viele Anregungen gegeben und hatte bei seinen Freunden und in der öffentlichekit immer wieder auf Whitmans Bedeutung aufmerksam gemacht. Auch Emerson war wie Walt Whitman ein Herold der Menschenwürde. Wenig später konnte sich der Dichter einen alten bescheidenen Lebenstraum erfüllen durch den Erwerb eines kleinen Landhauses, in dem er für die letzten zehn Jahre seines Lebens im Kreise weniger vertrauter Freunde Ruhe fand und sein Werk vollenden durfte. Jetzt beeinträchtigte es sein seelisches Wohlbefinden nicht mehr, daß sein Körper hinfällig und gelähmt wurde, daß seine Einkünfte wieder geringer wurden und nur knapp zum Leben ausreichten. Seine Altersgedichte sind womöglich noch von tieferer Lebensfreude, Heiterkeit und Zuversicht überglänzt als die früheren, und nur hin und wieder mischt sich ein wehmütiger Aibschiedston darein. Stolz und zufrieden, erinnerungsfroh, fern von Gram und Enttäuschung, blickt er in dem Gedicht „Dank in hohem Alter“ auf sein Leben zurück: „Dank im Alter, Dank, eh ich gehe, Für Gesundheit, Mittagssonne, zarte Luft — fürs Leihen, das bloße Leben, Für köstliches, nie vergehendes Gedenken (an dich, lieb Mutter mein, Vater, an dich, Brüder, Schwestern, Freunde), Für all meine Tage — nicht bloß des Friedens — für die Tage des Kriegs desgleichen, Für holde Worte, Güte, Gaben aus fremden Ländern, Für Obdach, Wein und Brot, für süßes Verstehen und Grüßen, (Ihr fernen, verschwimmenden, unbekannten, jungen oder alten, ihr zahllosen, geliebten Leser, Wir sahn uns nie und werden ’s nie — doch unsere Seelen lieben einander, lang, fest und lang); Für Geschöpfe, Freundschaft, Liebe, Taten, Worte, Bücher — für Farben, Formen, Für all die tapfern, starken, hingegebenen, herzhaften Männer, die vorwärts sprangen, der Freiheit zu helfen, allerorten, allerzeiten!“ An seinem 70. Geburtstag im Mai 1889 bereiteten ihm die Freunde ein stilles, beglückendes Fest der Liebe und Hingabe; aus allen Teilen Amerikas und Europas trafen Glückwünsche ein, und neue Würdigungen seines Werks zeugten von zunehmendem Verstehen. Walt Whitman war für viele bereits eine verehrungswürdige Persönlichkeit geworden, in der sich die erneuernde Kraft, die verbrüdernde Liebe und der unbedingte Lebensglaube eines jungen Volkes un.d einer nach einer neuen Seelenheimat suchenden Menschheit verkörperte. Doch der im Leiben sonst so selbstbewußte Dichter schraubte das Übermaß der Lobsprüche auf das zurück, was er selber als bleibend und gültig an seinem Werk betrachtete: „Keine arbeitsparende Maschine. Keine Entdeckung hab ich gemacht,. Noch werd‘ ich imstande sein, irgendeine reiche Stiftung zu hinterlassen zur Gründung eines Hospitals oder einer Bibliothek, Noch die Erinnerung an irgendeine Heldentat für Amerika, Noch literarischen Erfolg, noch Intellekt, noch Buch für das Bücherbrett. Doch ein paar Lieder, zitternd durch die Luft, laß ich zurück Für Liebende und Kameraden.“ Eine eindrucksvolle Aufnahme aus den letzten Lebensjahren zeigt sein sprechendes Altersantlitz mit den gleichen entrückten Augen unter dem breitkrempigen Strohhut, mit wallendem weißem Bart und Haupthaar. Und aus derselben Zeit stammt ein geistiges Bild seiner Persönlichkeit, das ein englischer Gelehrter, Dr. Johnston, nach einem Besuch bei ihm aufzeichnete und in dem es heißt: „Sein Zauber lag nicht so sehr in .den Einzelzügen als in seinem Gesamtwesen und in .dem unwiderstehlichen Magnetismus seiner milden Gegenwart, die Gesundheit, Reinheit und Natürlichkeit auszuströmen schien. Sie übte eine Anziehung auf mich aus, die mich wahrhaft in Erstaunen setzte und eine Erregtheit von Geist und Seele in mir wachrief wie keines Menschen Erscheinung je zuvor. Ich fühlte, ‚daß ich hier der lebendigen Verkörperung alles dessen gegenüberstand, was gut, edel und liebenswert an der Menschheit ist.“ Das Leiben Walt Whitmans neigte sich schmerzensreich dem Ende zu. Das „Gebet des Columbus“ mochte Ausdruck für den Seelenzustand des Dichters in dieser Zeit sein. „Ein geschlagener, gebrochener, alter Mann, An diesen wilden Strand geworfen, fern, fern der Heimat . . . Wund, von mancher Pein gequält und krank und nah dem Tode, . .. Vielleicht erleb ich nicht den nächsten Tag; Ich finde keine Ruhe, lieber Gott, ich kann nicht essen, trinken, schlafen, ; Bis ich mich Dir, bis mein Gebet sich „wieder nähert Dir . . . Du kennst alle meine Jahre, kennst mein Leben,  Mein langes, arbeitsreiches Leben, das nicht nur der Anbetung galt .. . Was ich gewollt, ersehnt, erstrebt, es galt im Endergebnis Dir. 0, ich weiß genau, daß sie in Wirklichkeit von Dir herkamen: Das Drängen, die Glut, der übermenschliche Wille, Der stark gefühlte innere Befehl, der stärker ist als jedes Wort. . . Alt, arm, gelähmt, ich danke Dir!“
Nachdem Walt Wihitman noch die neunte Auflage seiner „Grashalme“ erlebt hatte, erlitt er im Frühjahr 1892 einen neuen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Betreut von seinem Bruder und den Freunden, starb er am 26. März 1892 zu Camden, einer Vorstadt von Philadelphia in New Jersey.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!
%d Bloggern gefällt das: