Vergessene Künstler | August Babberger & sein Expressionismus

Durchblättert man die Skizzenbücher Babbergers, so ist man geblendet vom Leuchten der Hochgebirgssonne; aus den Füllfederzeichnungen spricht eine starke sinnliche Anschauung, ein unmittelbares Verhältnis zu den Bergen, Wolken, rauschenden Bergbächen und Alpenblumen, zur körperlich spürbaren Materie aller Naturwesen. Der Natureindruck ist jeweils mit einer strahlenden Freude, die sich spontan dem Betrachter mitteilt, festgehalten und bestätigt, in einer zeichnerischen Handschrift, die zugleich etwas spontan Dynamisches und kalligrafisch Arabeskenhaftes hat. Sie kann auf den ersten Blick befremden, man gewöhnt sich aber rasch daran, und dann zeigt sich, dass diese Stilisierung nur die Handschrift der Wiedergabe, nicht den Eindruck selbst betrifft, der nicht weiter übersetzt, sondern in seiner Frische erhalten bleiben soll.
Babberger hat immer wieder versucht, diese Welt der Freude und des Glanzes, die ihm das Hochgebirge vermittelte, auch in monumentalen Kompositionen festzuhalten, und hier zeigt sich die ganze Problematik des Strebens nach Monumentalität in einer Zeit, die dem Maler nicht von sich aus, also vom kollektiven Zeitgeschmack her eine Formel zur Verfügung stellt, deren er sich bedienen könnte, um sein spontanes Erlebnis in die Tonart des Übernaturalistischen, Dauernden, Monumentalen zu übersetzen. Babberger ist sich bewusst, dass im Wandgemälde die naturalistische Tiefenwirkung überwunden werden muss; er überträgt den Natureindruck ins Flache, Teppichmässige, und diese Art Stilisierung liegt seiner Begabung so nahe, dass schon die Naturstudien Ansätze in dieser Richtung zeigen; er weiß, dass er zur festgefügten Komposition vordringen müsste, dass er von den Zufälligkeiten des Natureindrucks abstrahieren musste — aber in welcher Richtung und zugunsten wovon? In Ermangelung einer Formenkonvention, wie sie den großen Wandmalern der Vergangenheit stets zur Verfügung stand, bleibt dem Wandmaler der Gegenwart nichts anderes übrig, als von sich aus eine Formensprache zu erfinden. Aber gerade dies widerspricht der Absicht jeder Wandmalerei, über das Subjektive hinauszukommen. Babberger wählt den Ausweg, seine persönliche Handschrift zur Grundlage auch der monumentalen Stilisierung zu machen, aber das ist ein ebenso fragwürdiges Unternehmen, wie wenn jemand seine persönliche Handschrift für Monumentalinschriften in Stein zurechtstilisieren wollte. Was in der Skizze als Ausdruck eines lebendigen Temperamentes wirkt, wird nun zum überlegt gehandhabten Kunstmittel, es droht im fatalen Sinne «kunstgewerblich» und anspruchsvoll zu wirken, denn die privaten Eigentümlichkeiten eines ein¬ zelnen noch so hochbegabten Künstlers sind eine zu schmale Grundlage für einen «Stil», der immer etwas Kollektives, von der in Geschmacksdingen führenden Schicht der Allgemeinheit Anerkanntes ist.
Die menschlichen Figuren und Gesichter und die Berge verharren in Babbergers Wandbild-Kompositionen in ihrer unübersetzten, zufällig-naturalistischen Erscheinung, stilisiert erscheint nur die Art ihrer Niederschrift. Wenn wir uns also vielleicht eingestehen müssen, dass Babbergers Monumentalgemälde zu jenen heroischen Anläufen nach einer neuen Monumentalität zu zählen sind, denen durch die Ungunst der Zeit die überzeugende Lösung versagt blieb, so wird man diesen Leistungen den Respekt nicht versagen und vor allem sich die Freude an den herrlich frischen Blumenstücken und Berglandschaften nicht trüben lassen, in denen ein starker und positiver Charakter seine Freude an der schweizerischen Alpenwelt auf neue und überzeugende Art ausgesprochen hat.

August Babberger (* 8. Dezember 1885 in Hausen im Wiesental; † 3. September 1936 in Altdorf UR, Schweiz) war ein deutscher Maler. Er zählt zu den Protagonisten des Expressionismus und zu den bedeutenden Künstlerpersönlichkeiten der Klassischen Moderne im deutschen Südwesten. Dennoch gehört er zu den fast vergessenen Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts.


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