unterwegs | Von schwedischen Felsbildern nordischer Urzeit

In Schweden gibt es eine ganze Reihe von Felsbildern der nordischen Urzeit. Den klassischen Fundorten sind viele Publikationen und Reproduktionen gewidmet. Daher es von besonderem Reiz, weniger bekannten Darstellungen nachzuspüren.

Spuren im Stein | Von Felsbildern aus nordischer Urzeit

Dalsland – am Westufer des gewaltigen Vänern gelegen – wird mit seinen weiten Wäldern und vielen Seen von Kennern immer wieder als eine der schönsten Provinzen Schwedens gepriesen. Es gibt hier viel Einsamkeit. Für den Freund vorgeschichtlicher Felsbilder hält dieses Land einige besondere Überraschungen bereit.

Varviks Kirche | Dalsland
Vårviks Kirche | Dalsland

Abseits der großen Straßen gelegene Fundstätten sind gewöhnlich schwer zu finden. Die Felsen mit den Ritzungen, die wir hier suchten, sollten bei einem Anwesen namens Högsbyn am See Ravarp liegen. Natürlich war daheim beides nicht auf unseren Kaiten zu finden. Als Navigationshinweis diente uns lediglich die Angabe: „Halten Sie auf die beiden Scheunen zu, die zwischen den einsamen Birken am Ufer stehen. Dort ist es.“ Die beiden Scheunen waren, als wir den am See gelegenen Hof gefunden hatten, da – neben vielen anderen. Die Birken fehlten auch nicht – sie waren überall. Trotzdem fanden wir die Stelle. Und das Suchen hatte sich gelohnt.

Die Darstellungen liegen verteilt auf einer Reihe von Felsflächen, die aus dem Erdboden herausragen. Keine von ihnen ist jedoch so groß wie manche in der klassischen Felsbilderprovinz Bohuslän. Es bot sich den vorzeitlichen Steinbildhauern deshalb auch kein Raum für monumentale Darstellungen an. Ein erster Durchgang zeigte uns, dass es sich grundsätzlich auch hier um die üblichen Motive aus der Bronzezeit handelt: Schiffe und Radkreuze (darunter eins mit Doppelkreis), Schalengruben, nackte und beschuhte Fußsohlen, verschiedene menschliche und tierische Figuren und schließlich einige beachtenswerte abstrakte Zeichen. Das Ganze hat trotzdem seinen eigenen Stil. Vieles erscheint nicht ganz so meisterhaft und gekonnt wie bei einigen der bekannteren Fundorte.
Eigenartig ist jedoch eine anderswo nicht zu beobachtende Häufigkeit von Wellenlinien. Sie kehren immer wieder. Bei einer Platte legen sie sich fast zwischen alle anderen Motive. Manchmal werden sie sogar zu regelrechten Labyrinthen. Weshalb ihre Betonung? Was haben sie zu bedeuten?

Man hat sich immer wieder um die Klärung des Sinns der einzelnen Zeichen dieser Felskunst bemüht. So könnte das Radkreuz ein Symbol für die hier im Norden immer ganz besonders begehrte und daher auch verehrte Sonne gewesen sein; die Fußabdrücke deutet man als Zeichen von Gottheiten; die Schiffe werden zuweilen als Kultfahrzeuge angesprochen, die Glück und Segen bringen sollten; in den Schalengruben glaubt man, kleine Opferschälchen vor sich zu haben. Es gibt hier die verschiedensten Vermutungen, aber keine Gewissheit.

Welche Bedeutung könnte man hinter den Wellenlinien vermuten? Sollten sie Schlangen darstellen, die man neben den – bei männlichen Figuren häufig übergroß dargestellten – Phalli als Fruchtbarkeitssymbole kennt? Doch Köpfe, wie an anderen Fundstätten, tragen diese „Schlangen“ nicht. Sollte die Vermutung zutreffen, daß die Wellenlinien Symbole für das Wasser seien, für das kostbare Himmelsnass, auf das der bronzezeitliche Bauer für das Gedeihen seiner Ernte ebenso angewiesen war wie auf das Licht und die Wärme der Sonne?

Vielleicht könnte es bei der Enträtselung der Felsbildprobleme im skandinavischen Gebiet einen Schritt weiterhelfen, wenn man die Stellung der verschiedenen Motive zueinander einmal erfassen und durch einen Computer auswerten ließe. So hat der Prähistoriker André Leroi-Gourhan auf Grund von Computer-Untersuchungen nachgewiesen, dass die steinzeitlichen Bilderhöhlen im frankokantabrischen Gebiet keineswegs nach und nach durch Einzeldarstellungen ein zufälliges Gesicht erhielten, sondern daß sie planmäßig angelegte Sanktuarien waren.

Auch die schwedische Felsbildforschung hat sich seit ihrem Beginn immer wieder mit der Frage befasst, ob die Bilder auf den einzelnen Felsflächen sukzessive von Fall zu Fall eingeschlagen oder eingeschliffen wurden oder ob ihnen eine bewusste Komposition zugrunde lag und sie somit als geschlossenes Ganzes verstanden werden müssen. Einmütigkeit in der Auslegung besteht darin, dass die mit Bildern versehenen Felsplatten „heilige Flächen“ waren, die dem Anruf der Gottheiten und der überirdischen Mächte dienten; in Stein geritzte Gebete um Fruchtbarkeit für die Felder und für das Gedeihen des Viehs!

Fotos | Anton Hirschner
Fotos | Felix & Marga Pirner

Etwa 40 Kilometer südöstlich vom Ravarp-See – dort, wo der Dalbergsa in den Vänern mündet – befinden sich weitere Felsbilder; wenige nur, aber um so bedeutsamere. Es sind Darstellungen von Hirschen und Elchen, die nicht zur bronzezeitlichen Bauernkultur gehören, sondern zu „en jägar-kultur“, so dass sie also vermutlich noch der Steinzeit zuzuordnen sind. Die sogenannte „Waidmannskunst“ findet man hauptsächlich im Norden, vor allem an der norwegischen Küste. Man hat sie deshalb gelegentlich auch als „arktische Kunst” bezeichnet. Es überrascht, sie so weit südlich anzutreffen, zumal man mit ihr immer die Vorstellung von offenem Meer verbindet. Als wir über enge, raue Straßen den Hof Kvantenburg erreicht und auf einem verwachsenen Pfad ein Waldstück durchquert hatten, schauten wir von der Höhe einer schräg abfallenden Felsküste tatsächlich aufs „Meer“ hinaus – auf den gewaltigen Vänersee nämlich, der zehnmal so groß wie der Bodensee ist. Die Ritzungen hier liegen auch nicht_auf steinernen Flächen zwischen Feldern und Ackern, sondern – wie meist auch in ördlichen Gegenden – auf nacktem Felsabsturz, mehrere Meter über dem Wasserspiegel.

Von Land aus sind die Darstellungen gar nicht zu sehen. Und da die Felsen unmittelbar ins Wasser abfallen, gibt es auch keinen Strand, zu dem man hinabsteigen könnte, um von dort nach oben zu blicken. So blieb denn nichts weiter übrig, als die steile, zerklüftete Wand entlang zu klettern, jeweils in der Höhe, in der sich Griffe und Tritte für Hand und Fuß boten. Dabei fand sich zunächst ein bronzezeitliches Schiffsbild, das einst vielleicht der Seefahrt und dem Fischfang Glück und Segen bringen sollte.

Schließlich aber stießen wir doch auf die beiden Bilder von Hirschen oder Elchen. Sie messen jeweils 50 Zentimeter in der Länge. Sogleich erinnern sie an bestimmte Tierdarstellungen aus der norwegischen Bucht Vingen. Man zählt sie zu jener Gruppe, bei der die Tiere nicht mehr groß und möglichst naturgetreu wiedergegeben werden, wie vor allem im höheren Norden, sondern nur „klein, stark schematisiert” und „steif in der Linienführung“, wie Johannes Böe in seiner Monographie „Felszeichnungen im westlichen Norwegen“ es ausdrückt. Böe geht in seiner Arbeit übrigens auch auf stilkrítische Untersuchungen ein, nach denen die südlicheren und vermutlich jüngeren Bilder gewissermaßen „degeneriert“ sein könnten; oder aber es seien „weniger tüchtige“ Felsritzer am Werk gewesen.

Die norwegische Fundstätte Vingen, in der Nähe des Nordfjords, ist insofern aufschlussreich, als dort noch in historischer Zeit während des Herbstes Wildrudel von der Hochebene auf jene mit Zeichnungen versehenen Felswände zugetrieben wurden, damit sie schließlich an den Steilhängen abstürzen mussten: „Und auf der See darunter lagen wohl Leute in Booten und warteten, um sich die Beute zu sichern.“
Es lässt sich durchaus vermuten, dass schon der Steinzeitjäger diese Jagdmethode anwandte. Und so neigt denn Böe der Auffassung zu, dass diese Wilddarstellungen als „Nutzkunst“ zu betrachten seien, „als mitwirkendes Mittel, um das Wild heranzuziehen und die Richtung des Laufs nach der richtigen Stelle hinzulenken, wo die Tötung stattfinden konnte“. Der norwegische Vorgeschichtler A. W. Brögger spricht von in Stein geritzten Beschwörungen an die überirdischen Mächte:

„Schaffe uns reiche Herbstwanderung von Wild, das nach dem Meere zieht, so dass wir es hinunterstürzen können und Nahrung und Kleidung für unseren langen Winter gewinnen.“

Auch die beiden Wildbilder, hoch über dem Vänern, liegen an einem schrägen, glatten Absturz.
Auch hier wäre einem gehetzten Wild der Tod sicher gewesen. Vielleicht nützten Steinzeitmenschen also auch diese Felsen, um die zum Leben so notwendige Beute zu machen.

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