unterwegs | Auf dem Golfplatz des Teufels

Die ersten Siedler, die diese Wüste betraten, riskierten dabei ihr Leben. Heute ist die Landschaft ein Touristenmagnet. Trotzdem glaubt man sich ans Ende der Welt versetzt.

Auf dem Golfplatz des Teufels

Am Weihnachtstag des Jahres 1849 lag – nach der Legende vor den ersten weißen Siedlern, die eine Abkürzung zu den Goldfeldern Kaliforniens suchten, ,ein Tal, das sie später mit den Worten „good bye, Death Valley“ verließen. Das Tal des Todes hatte ihre gesamte Ausrüstung und fast ihr Leben gekostet. Der Treck war in mehrere Gruppen zerrissen, die getrennt versuchten, der Hölle zu entrinnen. Arcane Meadows, Manley Peak, Jayhawker Canyon und viele andere Namen im Death Valley erinnern noch heute an die Familien des Zuges.

Shoshonensiedlung, 1870 | Foto: W. H. Jackson
Shoshonensiedlung, 1870 | Foto: W. H. Jackson

„20 Meilen vom letzten Feuerholz, 20 Meilen vom Wasser, 40 Fuß bis zur Hölle. Gott sei uns gnädig“, lautet ein Spruch aus der amerikanischen Pionierzeit. Namen wie Helis Gate, Dry Bone Canyon, Grave Canyon, Furnace Creek und viele andere lassen erkennen, wie trostlos und wild sich dieses Wüstental den ersten Weißen zeigte. Am „Burned Waggon Point“ verbrannten die Jayhawkers, eine der Familien des Trecks von 1849, ihre Planwagen, um das Fleisch ihres letzten Zugochsen zu braten. Dies war kein Land zum Siedeln. Trotzdem lebten hier seit etwa 1000 Jahren Shoshone-lndianer.

Death Valley | Foto: Alexandra Raddatz
Death Valley | Foto: Alexandra Raddatz

Death Valley im Osten von Kalifornien ist heute bequem im Wagen von Las Vegas (rund 200 Kilometer) oder Los Angeles (rund 340 Kilometer) zu erreichen. An den Einfahrtstraßen stehen auf den Höhenzügen Tanks mit Kühlwasser für die Autos bereit, und Hinweiszettel liegen in Kästen aus: „How to survive in Death Valley” (wie man im Tal des Todes am Leben bleibt), ein Tribut an den modernen Massentourismus, der Menschen auch in die entlegensten Gebiete führt. Die Touristensaison beginnt im Oktober und dauert bis März. Dann findet man hier offene Hotels, Campingplätze und Tankstellen. ln der Hitze des Sommers, in der nur wenige Menschen das Tal besuchen, sind die meisten dieser Einrichtungen geschlossen.

Die Straßen – eine führt von Nord nach Süd durch das insgesamt etwa 250 Kilometer lange Tal, eine andere kreuzt in Ost-West-Richtung – werden täglich von Aufsichtsbeamten der Nationalparks nach liegengebliebenen Autos kontrolliert. Trotz aller Hilfen fordert die Natur auch heute hier noch immer regelmäßig Tote, die meist dem eigenen Leichtsinn zum Opfer fallen. Es gilt: Bei einer Autopanne im Wagen bleiben. Wer sich hier im Sommer ohne Trinkwasser längere Zeit schutzlos der Sonne aussetzt, ist verloren.

Zabriskie Point | Foto: Brigitte Werner
Zabriskie Point | Foto: Brigitte Werner

Obwohl 1922 in einer Wetterstation in Libyen, Al Aziziyah, mit 58 Grad Celsius die „Weltrekordhitze“ gemessen und damit Death Valley (56,7 Grad Celsius im Jahre 1913) „geschlagen“ wurde, ist das Tal des Todes wahrscheinlich der heißeste Landstrich der Erde. Die mittlere Juli-Temperatur beträgt hier 47 Grad, die Bodentemperaturen klettern sogar über 80 Grad Celsius. Auch die Nächte bringen – im Gegensatz zu anderen Wüstengebieten der Erde – durch die spezielle Luftzirkulation in dem tiefen Tal nur wenig Abkühlung, so dass die niedrigsten Nachttemperaturen im Juli noch über 30 Grad liegen. An etwa 100 Tagen des Jahres werden Temperaturen über 38 Grad Celsius gemessen. Hier, im Regenschatten der Sierra Nevada, fallen zudem pro Jahr nur durchschnittlich fünf Zentimeter Regen. Entsprechend niedrig ist die Luftfeuchtigkeit: Selbst wer in der größten Mittagshitze im Death Valley wandert, kommt kaum ins Schwitzen.

Noch ein Rekord: Die Salzpfanne des Bad Water ist mit 86 Metern unter Meereshöhe der tiefste Punkt Nordamerikas. Die Berge dagegen, zwischen die das nur zehn bis zwanzig Kilometer breite Tal eingebettet ist, erreichen in Death Valley ihrem höchsten Punkt, dem Telescope Peak, 3367 Meter. Death Valley liegt in einem Erdbebengürtel, der sich von Feuerland im Westen des amerikanischen Kontinents bis Alaska hinaufzieht. Regelmäßig werden hier Beben registriert. Das Tal des Todes ändert so auch in diesem Erdzeitalter noch ständig sein Gesicht, wie viele der jungen Krater vulkanischen Ursprungs zeigen. Das Gesicht des Tales ist vielgestaltig: Regionen wie von einem anderen Stern mit bizarren Erosionsformen wechseln mit trostlosen Salz- und Sandwüsten ab. Feindselig jedem Leben gegenüber erscheint die Gegend um Bad Water im Süden. Große Salzpfannen überziehen hier das Land.  Ein Aussichtspunkt in den Bergen über Bad Water heißt „Dantes View“. Sah so die Hölle des Dichters aus?

Devils Golf Course | Foto: LoggaWiggler via pixabay
Devils Golf Course | Foto: LoggaWiggler via pixabay

Unmittelbar am Rande der Pfannen, bei einem Chlorid- und Sulfatgehalt des Bodens von mehreren Prozent, findet sich bereits erstes Wachstum: Salzpflanzen. Der Artenreichtum der Flora nimmt mit dem allmählichen Anstieg der Talsohle nach Norden hin zu. So stößt man bei Furnace Creek auf die ersten Mesquite-Büsche (Prosopis strombolifera), deren Bohnen die Ernährungsgrundlage der indianischen Urbevölkerung darstellten. Mit bis zu 20 Meter tiefen Wurzeln hat sich diese Pflanze dem Wüstenklima angepasst. Nördlich von Bad Water liegt der Golfplatz des Teufels, Devils Golf Course: Flaches Land, so weit der Blick in der flimmernden Hitze nach Norden reicht. Der Boden ist zerrissen, wie umgepflügt, und die Schollen sind dick mit Salzausblühungen überkrustet. Diese bizarre Landschaft wurde durch einen flachen See geschaffen, der vor etwa 2000 Jahren austrocknete.

The mating season of the tiny Salt Creek pupfish is in springtime. | National Park Service
The mating season of the tiny Salt Creek pupfish is in springtime. | National Park Service

Vor einigen tausend Jahren, während der Eiszeiten des Pleistozäns, gab es hier mehr Wasser. Man nimmt an, dass Death Valley damals über den Amargosa River mit dem System des Colorado Rivers zusammenhing. Vermutlich dieser Tatsache verdankt Death Valley eine zoologische Attraktion, ein unscheinbares, wenige Zentimeter großes Fischchen, den Pupfisch. Die Tiere, die auch im Colorado River vorkommen, haben hier endemische Rassen entwickelt, die in der Lage sind, Wassertemperaturen bis über 35 Grad Celsius und Salzgehalte, die ein Mehrfaches über dem des Meerwassers liegen, zu ertragen. Aber auch einigen anderen Tierarten gelang es, sich auf das extreme Klima einzustellen. Ohne jedes tierische Leben sind praktisch nur die Salzpfannen im Süden des Tals. Die Flucht vor der Tageshitze mit unerträglichen Bodentemperaturen ist allen Tieren gemeinsam. Nur die Heuschrecken scheinen sich auch in der Sonne wohl zu fühlen.

Kängururatte | Piet Marsfeld
Kängururatte | Piet Marsfeld

Eidechsen, Känguruhratte und Sidewinder – eine Klapperschlangenart, die sich äußerst elegant so fortbewegt, als würde sie auf einem Luftkissen über dem heißen Boden schweben – verkriechen sich tagsüber in Höhlen oder unter Steinen. Eine kleine Leguanart, der Collared Lizard (Halsbandleguan), die hier im Südwesten der USA beheimatet ist, kann Temperaturen bis zu 45 Grad Celsius ertragen. Die Tiere gehen aufrecht auf den Hinterbeinen, wenn der Wüstenboden zu heiß geworden ist. Die wenigen Vogelarten, die im Sommer im Death Valley angetroffen werden, sowie die Coyoten und die Bighornschafe suchen, wenn die Sonne höher steigt, meist in den Bergen Zuflucht.

Halsbandleguan | Foto: Susan Aken
Halsbandleguan | Foto: Susan Aken

Nur widerwillig verlassen die Tiere den schützenden Schatten. Zwei Kolkraben, die ich in den großen Dünen in der Mitte des Tals unter Mittag antraf, hatten sich, dicht aneinandergedrückt, einen winzigen Schattenfleck ausgesucht. Die Vögel, die hier ebenso vorsichtig und scheu sind wie bei uns, flogen erst ab, als ich mich ihnen auf etwa sechs Meter genähert hatte. Wer sich jedoch früh am Morgen im Tal aufhält, kann den Coyoten, der in den Erzählungen der Indianer die Rolle unseres schlauen Fuchses einnimmt, auf seinen Beutezügen beobachten oder Bighorns zur Tränke ziehen sehen.

Zabriskie | Foto: Brigitte Werner
Zabriskie | Foto: Brigitte Werner

Heute führt – wie schon anfangs gesagt – in erster Linie der Tourismus Menschen in dieses Gebiet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier in mühsamer Arbeit das „weiße Gold der Wüste“, Borax, gefördert. Verfallene Boraxmühlen säumen noch heute die Straßen. Gerüchte von Goldfunden ließen in kürzester Zeit mehrere Städte aus dem Boden schießen. Die Ruinen von Rhyolite beziehungsweise das, was von dieser Ansiedlung nicht zum Aufbau neuer Boomstädte abtransportiert wurde, zeugen heute noch von einer Stadt, die in den Jahren 1905 bis 1908 bis zu 10 000 Einwohner zählte. Damals gab es hier ein Schwimmbad, zwei Krankenhäuser und eine Eisenbahn. Schon 1911 war Rhyolite jedoch eine Geisterstadt. Zahllose Geschichten kursieren noch aus dieser Zeit. Sie handeln von Gold- und Silberfunden, Abenteuern in der Wüste und vom „Twenty mule team“, dem „Zwanzig-Maulesel-Zug“, mit dem der geförderte Borax in zehn bis zwölf Tagen unter härtesten Bedingungen über 200 Kilometer durch die Wüste nach Mojave gebracht wurde. Eine der schillerndsten Figuren aus dieser Zeit, Death Valley Scotty, konnte sich sogar mitten im Tal selbst ein Denkmal setzen: Scotty’s Castle, ein Schlösschen, das heute von der Parkverwaltung betreut wird.

Boraxmühle Death Valley | Foto: Brigitte Werner
Boraxmühle Death Valley | Foto: Brigitte Werner

Etwa die Hälfte des Tales ist heute Nationalpark. Dieses Gebiet steht unter ständiger Aufsicht des Innenministeriums in Washington. Die staatlichen Richtlinien sind darauf abgestellt, die Landschaft in unverfälschter Form zu erhalten.

Kategorien Fauna Flora Umwelt-Natur-Technik unterwegs
Sybille Pauli

Sybille Pauli, gebürtig aus Essen, lebt seit 8 Jahren im belgischen Antwerpen. Pauli ist überzeugter Single - der Freiheit wegen - und bereist unentwegt die Welt. Ihre Brötchen verdient sie in einer belgischen Marketingagentur. Sybille Pauli betreut fortan das Ressort "unterwegs". Sie forscht nach inspirerender Reiselektüre, hebt Schätze aus Reisetagebüchern und präsentiert spannende Texte des Reisejournalismus. Zudem werden Weltenbummler vorgestellt und fremde Kulturen beleuchtet. Sonntags erscheint dann ergänzend ihre Kolumne "Paulis Welt". Wenn Sie Fragen & Anregungen haben, dann wenden Sie sich gern an Sybille Pauli über die Mailadresse "redaktion@derblaueritter.de" mit dem Betreff "unterwegs".

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