Dann war der Arm ab – Ich bin jetzt behindert

Kriegsverletzter_by_Edward Stauch (1830 - ?)
Kriegsverletzter by Edward Stauch (1830 – ?)

Die nie abgeschickte Mail – von Markus Becher (Gastautor)

Meine liebe Paula,

ich bin’s. Du hast es sicher schon an der Mailadresse erkannt. Na, wie geht es Dir? Ich hoffe, besser als mir. Bevor ich mich an meinen Schreibtisch setzte, um Dir zu schreiben, war ich in den Weinbergen, auf meinem Lieblingshügel, und hoffte Vergessen, etwas Freude und inneren Frieden zu finden.
Ich war allein dort, ein Alleinsein, das mir diktiert wurde. Aus der Flucht in die Natur wurde aber nichts. Meine Hoffnung, dass sie sich so schnell besänftigt, wie sie aufgewallt war, erwies sich als Trugschluss.
Möchtest Du wissen, was ich von mir behaupte zu sein? Ein Rehabilitand mit Attest, ein einarmiger Kerl mit Spleen, ein Behinderter, ein Krüppel — wie manche auch sagen würden. Weißt Du außerdem, was mir das einbringt? Es brachte mir in einem halben Jahr zwei gescheiterte Beziehungen; es brachte mir ein, wovor ich die größte Angst hatte: Dass es nämlich Momente gibt, da eine Beziehung zerbricht, weil »etwas« fehlt. Ich werde nie jemanden festhalten und mit der anderen Hand streicheln, nie mit zwei Armen umfassen können, nicht ohne Prothese durch die Straßen laufen, ohne dass jemand ruft: »Der hat ja nur EINEN Arm!« Und klingt das nicht Simpel, ist das nicht primitiv, sind das Gründe, eine Liebe scheitern zu lassen oder zu betrügen?

Ein Selbstbetrug eines Gesunden mit einem anderen »normalen« Menschen Gestern war es genau zehn Jahre her, dass mein Arm amputiert wurde. Du, das waren zehn harte Jahre. Ich habe kämpfen müssen, um durch dieses Leben mit all seinen Höhen und Tiefen zu kommen, um mir aufzubauen. was ich jetzt besitze. Ja, ich weiß auch, daß Behinderte bei uns nicht der Durchschnitt sind. Ohne jede Arroganz weiß ich: Ich bin es auch nicht, und, glaub mir, ich will es nie werden. Außerdem weiß ich, daß man im Leben oft Knüppel zwischen die Beine bekommt. Mancher Knüppel ist aber ein Balken, den auch ich nicht so leicht überspringe. Denn woher soll ich immer die Kraft nehmen? Muß ich als Mensch nicht noch mehr »Mann« Oder »Kerl« sein, um als Behinderter bestehen zu können?
Zuerst müssen wir selbst unsere Behinderung überwinden, müssen stark sein, sie akzeptieren und mit ihr leben. Aber wir müssen auch die »normalen« Menschen, ohne Traurigkeit im Blick, ansehen können, versuchen zu verstehen, wenn sie mit uns nicht klarkommen. Und uns damit aber, wenn meist auch ungewollt, weh tun. Weißt Du, was für Kraft das kostet, wie oft man aufgeben will, diesem täglichen Kampf ein Ende setzen möchte? Warum verlangt man gerade von einem Behinderten, daß er alles stets mit Bravour und einem Lächeln bewältigt? Es ist manchmal ein scheußliches Image, das uns aufgestempelt wird . Jetzt habe ich zehn Jahre gekämpft glaube nicht, daß ich mich nach all diesen Jahren aufgebe. Aber ich frage mich, ob ich damals im Krankenhaus diesen Kampf überhaupt hätte beginnen soIlen. Nun rollt der Zug, und ohne Wahnsinn komme ich nicht mehr runter, dazu bin ich zu vernünftig, hänge ich viel zu Sehr am Leben. Du hast mir mal gesagt, daß das Leben ohne Liebeskummer und ohne Probleme und Ängste und Sorgen leer und verloren sei. Doch ist es nicht eher so, daß die Menschen als eine eigentümliche Art Geschöpf oft versucht sind, Dinge, Erscheinungen, Probleme und Schicksal einfach als »dazugehörig«, »normal« und »wichtig« erklären, nur weil sie sich ein Leben in vollständigem Glück und ohne Widrigkeiten nicht vorstellen können? Oh, glaube mir, ich kann mir sehr wohl ein sorgenfreies Leben vorstellen, eines, das anders ist, als es das bisherige war:
Es war einmal ein empfindsamer Träumer, der zog aus, sein Glück zu suchen.
Auf seinem Wege fiel er immer wieder. hin, stand auf, steuerte auf den nächsten Stolperstein zu, fand ihn natürlich auch, strauchelte, stand auf, fiel hin Das bezeichneten er und viele andere als »Erlebnis Leben«! — Vielleicht hältst Du mich ja nun für verrückt, vielleicht verstehst Du mich aber auch einfach nur. Ihr seid gesund — ich hasse Euch deswegen nicht. Die Schönheit der Welt ist nicht abhängig von zwei Armen, aber ein Schatten kann schon auf sie fallen. Das muß nicht sein! Ich finde es schade, dass wir so weit voneinander wohnen.

Gern säße ich Dir jetzt gegenüber. so Vieles wäre dadurch leichter für mich. Sicher kämen mir auch Tränen, doch ein Zeichen von Schwäche wären sie nicht.

Mit vielen lieben Grüßen 

Dein J. 

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