Über Leben und Werk des THOMAS VON AQUIN

Wer je ein einziges Kapitel aus irgendeinem Buch des heiligen Augustinus gelesen hat, und sei es aus seinem unanschaulichsten, spekulativsten Werk, dem über die Göttliche der hat, während er las, notwendig den Dreieinigkeit — ganz unmittelbaren Eindruck verspürt: hier denkt und  schreibt ein Mensch von Fleisch und Blut. Tut man dagegen  einen Schritt in das strenge Gefüge der Theologischen Summe des heiligen Thomas von Aquin, so möchte man sich hin und wieder fragen: sind diese Sätze wirklich von einem lebendigen Menschen geprägt worden, oder hat sich in ihnen nicht vielmehr der objektive Sachverhalt selber zu Wort gebracht, nicht berührt — weder getrübt noch erwärmt — durch den Atem eines hier und jetzt lebendig-wirklichen Denkers? Die  leibgewordenen Gebilde augustinischen Denkens lassen uns nie den lebendigen Quellgrund personhaften Lebens vergessen, dem sie, wie eine Blüte aus Wurzel und Stamm, entsprossen sind; während die Sprachgestalt der Sätze des heiligen Thomas uns ihren Ursprung aus einer lebendigen Geisteskraft so wenig bedenken lässt, wie der Kristall den Gedanken wachruft an die Mutterlauge, aus der er sich gebildet. Nur ein flacher und unkundiger Sinn aber könnte aus der ungetrübten und ausgeruhten Heiterkeit des Werkes auf ein im Inneren wie Äußeren gleichfalls unbehelligt dahinfließendes Leben des Wirkenden selbst schließen wollen — so gewiss anderseits die Theologische Summe einzig einem letztlich befriedeten Herzen gelingen und geschenkt werden konnte. Nicht in der »stillen Klosterzelle« hat Thomas von Aquin das gewaltige Ordnungsgefüge der christlichen Lehre erschaut und aufgezeichnet; nicht in einem gegen das Weltgeschehen abgegrenzten Raum der Abgeschiedenheit oder gar der Idylle hat er sein Leben gelebt. Solche ebenso ungeschichtlichen wie unerlaubt vereinfachenden Vorstellungen aber färben oder vielmehr entfärben nicht nur auf vielfältige Weise das landläufige Thomas-Bild, sondern nicht selten auch ein wenig die biographischen Darstellungen von höherem Anspruch.

Thomas.von.Aquin1Gerade die Tatsache, dass in einem so gar nicht geruhigen, sondern ganz im Kampfe sich verzehrenden Leben ein Werk von solch unbeirrter Sachlichkeit und solch tiefer und strahlender Ruhe entstehen konnte — gerade dies läßt uns einen Blick tun in di e Wesensart des Menschen Thomas von Aquin. Und Übrigens gibt es in seinem Werke auch ganz unmittelbare Spiegelungen und Zeugnisse eines durchaus kämpferischen Denkens, das freilich auch im Streite nie die Bindung an die Norm der Wahrheit und der Liebe und also nie seinen eigentlichen Frieden verloren hat. Zum Beispiel schließt des Fünfundvierzigjährigen Schrift »Über die Vollkommenheit des geistlichen Lebens« mit folgenden Worten.
»Wenn einer gegen dieses schreiben will, so wird mir das sehr willkommen sein. Denn Wahr und Falsch wird auf keine Weise besser offenbar und enthüllt als im Widerstand gegen den Widerspruch, gemäß dem Worte )Eisen wird durch Eisen geschärft«. Gott aber‘ mag richten zwischen uns und ihnen: Er sei gebenedeit in Ewigkeit. Amen.«

Der Graf Landulf von Aquin, Herr von Loretto und Belcastro, war einer der treuesten Vasallen des Hohenstaufenkaisers Friedrich des Zweiten. Dieses Vaters jüngster Sohn Thomas, der sich als Knabe, in den Jahren des schärfsten Kampfes zwischen Kaiser und Papst, in Monte Cassino — Benediktinerabtei nicht nur, sondern auch kaiserliches Kastell auf der Grenze zwischen staufischem und päpstlichem Bereich — auf das jenem Zwist ebenso fremde wie überlegene Amt priesterlicher Wahrheitsverkündung vorbereitete, konnte also nicht wohl die Bürgschaft eines vor äußerer Unruhe und Gefährdung bewahrten Lebens erwarten.
Im Jahre 1239, in dessen ersten Monaten Friedrich der Zweite dem Bann verfiel, wurde Monte Cassino unmittelbarstes Kampfgebiet.In diesem Jahre wurde die Besatzung des Kastells, das zur Hälfte von der Abtei unterhalten werden musste, um mehr als das Doppelte verstärkt; die Befestigungen wurden auf Befehl des Kaisers selbst ausgebaut, der übrigens zwanzig Jahre zuvor an dieser gleichen Stelle zum ersten Mal sein sizilisches Reich betreten hatte. In diesem Jahre 1239 mußten die Mönche ihr Kloster verlassen. Unter ihnen war der fünfzehnjährige Thomas von Aquin.
Diese Flucht führte den Knaben nach Neapel. Sie führte ihn auf den Boden seines eigentlichen Schicksals, sie nahm ihn endgültig fort aus der Stille und versetzte ihn in die glühende Zone aller geistigen Kämpfe seiner Zeit. Die Universität Neapel, gegründet im Geburtsjahr des auf solche Weise neu hinzugekommenen Studenten, war die erste »reine Staatsuniversität«, »keine Schule für angehende Kleriker, sondern eine solche für kaiserliche Staatsbeamte«. Friedrich der Zweite hatte sie geplant als ein Unternehmen gegen die Kirche. Hier also studierte Thomas, der Überlieferung gemäß, die »freien Künste«. Vor allem aber lernte er durch seinen Lehrer, den Iren Petrus von Hibernia, das Schrifttum des damals der Kirche sehr verdächtigen Aristoteles kennen. »Aristoteliker« —das war doch im Munde der Rechtgläubigen eine Art Schimpfname, der etwa soviel besagte wie Nihilist, Freigeist, Aufklärer. In Neapel schlug in das Herz des jungen Adligen auch die Flamme jener städtischen »Jugendbewegung«, von der die ersten Generationen der Bettelorden, der Franziskaner und der Dominikaner, getragen wurden.
Die Bedeutung dieser Begegnungen ermisst, wer bedenkt, daß durch die beiden Worte »Aristoteles« und »Bettelordensbewegung« die wichtigsten Streitpunkte bezeichnet sind, die in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts die Christenheit bewegten, lind dies mit einer aufwühlenden, uns kaum noch vorstellbaren Heftigkeit. Nicht nur Aristoteles, auch die beiden Bettelorden standen im Sturm von Nein und Ja. In dieser Zeit, da Thomas nach Neapel kam, kaum anderthalb Jahrzehnte also nach dem Tode des heiligen Franz von Assisi (1226), hatten die beiden Bettelorden noch keineswegs den Charakter des nun einmal Bestehenden angenommen. Im Gegenteil, alle päpstlichen Anerkennungen und Privilegien konnten es nicht hindern, dass die Vertreter des Bestehenden — also die weltlichen Herren, das erwachende Stadtbürgertum und die Weltgeistlichkeit — diese merkwürdigen neuen Armen nicht bloß für verrückt erklärten (was noch begreiflich sein konnte), sondern überdies für Häretiker, ja für Söhne des Antichrist. Das vermochte freilich die aus vielen Quellen und aus dem innersten Geschichtskern der Zeit genährte Zukunftsmächtigkeit dieser jungen Geistesbewegung nicht abzuschwächen. Wie ein gebührender Anteil fiel ihr die Jugend gerade des Adels zu. Wir wissen auch, dass die Pariser Konvente der Franziskaner wie der Dominikaner besonders starken Zuzug hatten aus der Studentenschaft; nicht anders lauten die Urkunden der Universität Bologna; und auch in Neapel, an der Universität Friedrichs des Zweiten, mag es ebenso gewesen sein. Geschehnisse wie das folgende müssen wie ein Blitz weithin geleuchtet und die Herzen der Jugend hingerissen haben: Im Jahre 1231 hält ein Professor der Universität Paris, Jean de Saint Gilles, im Dominikanerkloster Saint Jacques eine Ansprache über die evangelische Armut; während er spricht, überwältigt ihn sein Gegenstand so sehr, dass er innehält, den Prior um das Ordensgewand bittet und dann seine Ansprache, nun selbst Dominikaner geworden, zu Ende führt. Man möchte den Bericht für eine Legende halten, stände nicht fest, dass auf eben diese Weise die Dominikaner einen Lehrstuhl, den zweiten, an der Pariser Universität bekamen; ihn sollte zwanzig Jahre später Thomas von Aquin besteigen. Die innere Gewalt all dieser neuen Dinge riss den jungen Studenten der freien Künste mitten in die Auseinandersetzungen hinein und zwang auch ihn zu einer Entscheidung. Mit zwanzig Jahren trat Thomas in den Orden des heiligen Dominikus ein; in den Orden, der das Ideal der Armut mit dem der Wissenschaft verband.
Dieser Entschluss musste, da ihn der Sohn eines Vasallen Friedrichs des Zweiten fasste und verwirklichte, wohl mit einiger Notwendigkeit wie eine Herausforderung wirken. und zwar in mehrfachem Sinn. Es ist wahrscheinlich, dass -dem Grafen Landulf von Aquin — dessen Bruder Abt des mächtigen Monte Cassino war und der sich seinen Sohn Thomas eher als den Nachfolger in diesem beinahe fürstlichen Amt denken mochte denn als Bettelmönch — die ganze  Bettelordensbewegung als etwas geradezu Minderes und Anrüchiges erschien, ihm und der ganzen gräflichen Familie. Überdies: obwohl nichts so absurd wäre, wie wenn man den Schritt des jungen Thomas, dem die machtüberlegene Gewalt der Wahrheitsbejahung aufgeleuchtet war, politisch, selbst kirchenpolitisch, auslegen wollte, so konnte doch sein Eintritt in einen Bettelorden im Zerrspiegel einer rein machtpolitischen Denkweise leicht wirken wie eine Entscheidung gegen den Kaiser und für den Papst, als dessen besondere Freunde und Werkzeuge die neuen Gemeinschaften der Franziskaner und Dominikaner galten.
So ist die Eile durchaus verständlich, mit der die Predigerbrüder von Neapel ihren jungen Novizen aus dem kaiserlichen Gebiet und aus dem Bereich seiner eigenen Familie zu entfernen strebten; sie schickten ihn sogleich auf den Weg nach Paris. Doch gelangte Thomas nicht so mühelos an die Stätte seines künftigen Ruhmes. Unterwegs wurde er von seinen Brüdern abgefangen und festgesetzt. Und vieles spricht dafür, daß dies nicht ohne die Zustimmung oder gar Hilfe des Kaisers selbst geschah. Jedenfalls hat der Papst Innozenz der Vierte beim Kaiser — ohne Erfolg — Beschwerde geführt wegen dieser Gewalttat. Thomas ist über ein Jahr in der väterlichen Burg San Giovanni eingesperrt gewesen, bis es ihm mit schwesterlicher Hilfe gelang, aus seinem Gefängnis zu entkommen.
Er setzte sogleich die unterbrochene Reise nach Paris fort. Es ist merkwürdig, dass der Ordensmeister, in dessen Begleitung Thomas reiste, nicht anders als sein künftiger Lehrer, Albertus Magnus, deutschen Blutes war: Johannes Teutonicus, ein Westfale aus dem Niederstift Münster. — In diesem gleichen Jahre 1245, da Thomas nach Frankreich zog: war in Lyon das Allgemeine Konzil versammelt gewesen, das den Kaiser Friedrich den Zweiten absetzte und mit seinem ganzen Geschlecht verfluchte. Während dieses Gewitter drohend und lähmend über dem Abendlande stand, langte Thomas in Paris an, in der Stadt also, die so sehr die Metropole der theologischen Wissenschaften war, dass es, wie die Scholastikforschung behauptet, im ganzen Mittelalter keine Summa theologica gibt, die nicht auf die hohe Schule an der Notre-Dame-Kirche zurückweist. Thomas traf bei seiner Ankunft die Predigerbrüder des Klosters Saint Jacques in einer wenig erfreulichen Lage an.
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Sie konnten sich, ebenso wie die Franziskaner, kaum auf die Straße wagen, ohne beschimpft und angegriffen zu werden. Der König von Frankreich, Ludwig der Heilige, der sich später mit dem um zehn Jahre jüngeren Thomas freundschaftlich verband, hatte es für nötig gehalten, dem Kloster eine eigene königliche Wache zu geben, damit es so vor Überfällen geschützt sei. Und im ganzen Orden waren Bittgebete angeordnet worden, Gott möge diesem Unheil, vor allem in Paris, ein Ende machen. Der nur wenig mehr als zwanzigjährige Thomas, den seine Mitstudenten damals mit einem mächtigen, langsamen und schweigenden Stier zu vergleichen begannen, hat sich vermutlich von diesen Dingen nicht allzu sehr bedrücken lassen, wenngleich natürlich von einer Idylle unbehelligten Zellenfriedens nicht gut die Rede sein kann. Ein Geschehnis anderer Art wird seine ganze Aufmerksamkeit beansprucht haben: Albertus Magnus begann, im Jahre der Ankunft des jungen Thomas, seine Pariser Lehrtätigkeit. Die aus dieser Begegnung von Meister und Schüler erwachsene Freundschaft sollte, kraft der Fruchtbarkeit des gemeinsamen Werkes, das geistige Gesicht des Abendlandes verändern. — Wenige Jahre nach dem ersten Zusammentreffen, im Jahre der Grundsteinlegung des Kölner Domes (1248), zogen beide, Albert und Thomas, nach Köln. Albert sollte hier eine Hochschule für die deutschen Predigerbrüder aufbauen. Thomas scheinen in Köln einige Jahre fruchtbarer Stille und geistiger Reifung geschenkt worden zu sein. Mitten in diese Kölner Zeit fällt das Jahr der Jahrhundertmitte; und ebendieses Jahr ist für Thomas schon die Mitte des Lebens.

Die Jahre in Köln wurden beendet durch ein Schreiben des Ordensmeisters Johannes Teutonicus, durch das Thomas aufgefordert wurde, sich für einen Lehrauftrag bereitzuhalten. Dieser Lehrauftrag des Ordensmeisters führte den Achtundzwanzigjährigen 1252 nach Paris zurück. An der Pariser Universität war inzwischen der offene Kampf entbrannt zwischen den Weltgeistlichen und den Bettelmönchen, ein Kampf sowohl um Lehren wie um Lehrstühle. Er wurde nicht immer ehrenhaft geführt. Die hartnäckigen Verteidiger des Hergebrachten vor allem, an ihrer Spitze der kämpferische Wilhelm von Saint Amour, bedienten sich recht fragwürdiger Mittel; Lüge, Verleumdung, Fälschung und Verketzerung waren keineswegs ungebräuchlich. Aber auch von den Dominikanerscholaren wird berichtet, dass sie die weltgeistlichen Professoren und sogar den Rektor der Universität mit Gewalttätigkeiten terrorisierten. In diesen  Strudel also kam Thomas hinein.

Eine neue menschliche Begegnung erwartete ihn, die mit dem Franziskaner Bonaventura. Zwar ist in den alten Quellen nicht viel zu lesen von einer Freundschaft zwischen diesen beiden heiligen Lehrern der Christenheit. Aber es ist dennoch ein Gedanke von bezwingender innerer Wahrheit: dass die Großen, deren Gefolgschaften einander befehden, in persönlicher Freundschaft verbunden gewesen sind. Thomas und Bonaventura, die im gleichen Jahre in ihre Ordensgemeinschaft eingetreten waren, befanden sich damals in derselben misslichen Lage; man verweigerte beiden, als Bettelmönchen, die Erlaubnis, eine selbständige Lehrtätigkeit an der Universität zu beginnen; und auf Grund eines ausdrücklichen Machtwortes von päpstlicher Seite wurde sie schließlich beiden am gleichen Tage doch gegeben.
Es schien zunächst, als solle dem Predigermönch jene Erlaubnis nicht all zu viel nützen; denn die Universität boykottierte seine Antrittsvorlesung. Und einmal geschah es, dass, während Thomas predigte, ein Beamter der philosophischen Fakultät, ein Parteigänger des inzwischen in die Verbannung geschickten Wilhelm von Saint Amour, sich erhob und mit lauter Stimme ein Schmähgedicht gegen die Bettelmönche verlas. Solche Dinge haben es jedoch nicht verhindern können, dass Thomas einer der geliebtesten und gefeiertsten Lehrer der Pariser Universität geworden ist.  In diesen stürmischen Anfangsjahren des ersten Lehrens hat Thomas sein Erstlingswerk »Über das Dasein und das Wesen« verfasst, ein Werk von der strengen Klarheit einer Hochgebirgslandschaft; das ebenso unerfreuliche wie lärmende Gewoge von Streit und Eifersucht ringsumher hat nicht den Spiegel eines einzigen Satzes zu trüben vermocht. Die früheste, fast noch zeitgenössische Thomasbiographie von Wilhelm von Tocco, Prior des Predigerklosters in Benevent, spricht mehrere Male von dieser ungeheuren Konzentrationsfähigkeit des heiligen Thomas. Während er die Summe wider die Heiden schrieb, sei er häufig wie von Sinnen gewesen; einmal habe er beim nächtlichen Diktieren nicht bemerkt, wie die Kerze in seiner Hand niedergebrannt sei und seine Finger versengt habe.
Die Summe wider die Heiden, die übrigens trotz des Titels nichts weniger ist als ein polemisches Werk, hat Thomas in Italien abgefaßt. Nachdem er drei Jahre als eigentlicher Professor der Theologie an der Pariser Universität gelehrt hatte, wurde er an den Hof des Papstes berufen, der damals meist in Orvieto oder in Viterbo residierte. Von nun an ist Thomas — bis an sein Lebensende — nie-mehr länger als zwei oder drei Jahre am gleichen Ort und im gleichen Amt geblieben. Drei Jahre lehrte er am Hofe Urbans des Vierten. Danach ging er für zwei Jahre nach Rom mit dem Auftrag, dort eine Ordenshochschule einzurichten. In dieser Zeit entstand der Plan und auch schon der erste Teil der Theologischen Summe, des gewaltigen  Hauptwerkes, an dem Thomas über sieben Jahre gearbeitet hat, ohne es doch ganz zu vollenden. Ein neuer Papst, Clemens der Vierte, berief ihn nach den beiden römischen Jahren wiederum an den päpstlichen Hof, nach Viterbo; der zuvor noch unternommene Versuch, den Bettelmönch zum Erzbischof von Neapel zu machen, war gescheitert an dem Widerstand des bereits rechtsgültig Ernannten selbst. Auch in Viterbo blieb Thomas nur zwei Jahre. Es sind das die Jahre gewesen, in denen  die Tragödie des letzten Hohenstaufen, des Knaben Konradin, ihr Ende fand; Thomas schrieb damals seinen Traktat »Über die Herrschaft«, der unter anderem das herrliche Kapitel über den Lohn der Könige enthält. Dass der ehemalige Pariser Professor im Jahre 1269 durch die Leitung des Ordens zum zweitenrnal nach Paris gesandt wurde, war aller Gepflogenheit des dreizehnten Jahrhunderts durchaus entgegen. Aber man brauchte offenbar an der Universität dringend einen Mann von seiner Geisteskraft und vielleicht auch einen Mann von seiner unerschütterlichen Ruhe. Thomas also zog, zum dritten Mal, nach Paris. — Es sei hier vermerkt, dass er, als Bettelmönch, alle diese Fahrten, soweit er nicht zu Schiff reiste, zu Fuß gemacht hat — nicht anders als sein Lehrer Albert, der in seinem langen Leben fast das ganze Abendland durchwandert und übrigens den Spitznamen »der Bundschuh« davongetragen hat.

In Paris erwartete den Zurückgekehrten nicht nur ein Gegner, sondern deren drei. Der Kampf gegen die Bettelmönche hatte zwar aufgehört, ein Kampf um Lehrstühle zu sein; aber dafür richteten sich nun die Angriffe gegen die theologischen und religiösen Grundlagen des Ordensideals überhaupt. Die beiden anderen Gegner, beide dem Stichwort »Aristoteles« zugeordnet, waren der sogenannte Augustinismus und der lateinische Averroismus. Von diesen beiden Gegnern und von diesen Kämpfen wird noch die Rede sein. Es scheint, dass Thomas zu den Naturen gehörte, die eine um so unheimlichere Ruhe gewinnen, je lärmender der Tumult um sie her. Ein Ordensbruder, der lange mit ihm im gleichen Kloster gelebt hat, sagt, man habe nie bemerkt, dass Thomas irgendwann einmal die Fassung verloren habe.
Die Fruchtbarkeit jedenfalls dieser Jahre in Paris — es waren wiederum nur drei —ist kaum glaublich. Thomas hat in dieser kurzen und an Kämpfen reichen Zeit außer kleineren Streitschriften umfangreiche Kommentare verfaßt nicht nur zu fast allen größeren Werken des Aristoteles, sondern auch zu sämtlichen Paulusbriefen und zum Johannesevangelium; er schrieb an einer kurzen Zusammenfassung der gesamten Theologie, dem Compendium theologiae; er schrieb die großen Quaestiones disputatae über die Tugenden; er schrieb endlich mehrere Traktate der Theologischen Summe. Dabei entzog sich Thomas nicht etwa der geistigen Auseinandersetzung; die genannten Werke sind zum großen Teil Beiträge zu eben dieser Auseinandersetzung. Und als die Ordensoberen ihn 1272 plötzlich, wie es scheint, wie der von Paris abberiefen, da geschah es gerade, um den Kampf der Geister ein wenig abzumildern: der Nachfolger auf dem Lehrstuhl neigte stärker der augustinischen, das heißt, der traditionellen Richtung zu. — Es verdient übrigens noch angemerkt zu werden, dass sich unter den Pariser Schülern des heiligen Thomas auch ein Florentiner Predigermönch befan’d, der selbst wiederum ein Lehrer seines Landsmannes Dante werden sollte: Remigio de‘ Girolami.

Thomas.von.Aquin3Thomas wurde noch einmal mit der Gründung einer Ordenshochschule beauftragt. Diese Aufgabe führte ihn an den Ort seiner ersten Entscheidungen zurück, nach Neapel. Doch schon im Jahre darauf rief ihn der Papst zu einem neuen Allgemeinen Konzil. Thomas machte sich gegen Ende des Winters 1273/74 auf den Weg nach Lyon. Sein Reiseziel hat er jedoch nicht mehr erreicht. Unterwegs, in dem Zisterzienserkloster Fossa nuova, wurde er auf den Tod krank und starb nach kurzer Zeit, weniger als fünfzig Jahre alt.  Noch im gleichen Jahre starb auch Bonaventura, auf dem Konzil selbst, zu dem beide berufen worden waren. Im Heiligsprechungsprozeß sagte der Abt von Fossa nuova unter Eid aus: die Klostergemeinde habe zur Beisetzung des heiligen Thomas nicht die Totenmesse gefeiert, sondern die Messe Os justi zu Ehren eines Bekennerheiligen, deren Eingangsgesang mit den Worten beginnt: »Der Mund des Gerechten sinnet Weisheit, und seine Zunge redet Gerechtigkeit, und das Gesetz Gottes ist in seinem Herzen.«

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