Kolumne | Über die innere Schönheit – Das Schicksal Quasimodos

Über die innere Schönheit

Quasimodo - Antoine Wiertz - 1839
Quasimodo – Antoine Wiertz – 1839

„Die weiblichen Instinkte können sich viel schneller verständigen als die männlichen Intelligenzen. […] das Auftreten einer schönen Frau genügt, um eine ganze Versammlung hübscher Frauen in eine gewisse Missstimmung zu tauchen, besonders wenn nur ein einziger Mann zur Stelle ist.“
Aus: Der Glöckner von Notre Dame von Victor Marie Hugo

Ich könnte mit dem banalen Spruch beginnen, wie wichtig doch die inneren Werte eines Menschen seien. Ein Spruch aus dem Poesie-Album, der gern zitiert wird und doch so allgemein gehalten ist, dass er nicht greifbar scheint. In der Literatur gibt es eher selten ein gutes Ende für Protagonisten mit einem eher bescheidenen Aussehen. Diese Romanfiguren scheinen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Dabei spielt ihr meist guter Charakter keine zentrale Rolle. Der Leser erwartet ihr tragisches Ende.

Wenn ich die Entwicklung in den sozialen Medien beobachte, erscheint es mir wichtig, sich so wenig wie möglich vom Rest zu unterscheiden. Das zeigt sich in den immer gleichen Zustimmungs- oder Ablehnungsbekundungen zu strittigen Themen. Die Boulevardpresse gibt uns Jahr um Jahr die selben Tipps für Aussehen und Weltbild. Vielleicht hatten Sie auch schon den Eindruck, dass sie bestimmte Artikel bereits ums ein oder andere Mal gelesen zu haben. Es fühlt sich an, als wäre man ein Ding, das bestimmten Normen entsprechen sollte. Wo bleibt die echte Vielfältigkeit, die Akzeptanz anders zu sein und anders zu sehen?

Wir Menschen tragen zu oft Scheuklappen, verstecken uns vor der Wahrheit. Zu oft bilden wir uns Meinungen über Menschen und Dinge, die uns in ihrem Inneren unbekannt und verborgen bleiben. Nur: was ist schon Wahrheit? Gibt es sie überhaupt?

Ich wage sogar zu behaupten, dass der Mensch im Grunde nicht weiß, was er will und wo er hingehört. Sei es durch die scheinbar unendliche Auswahl, fehlende Vorbilder. Statt die Freiheiten zu nutzen, wird jedes von der Norm abweichende Wesen kritisch betrachtet.

Sehen wir uns als Beispiel für die Tragik des menschlichen Seins den buckligen Quasimodo an. Er starb an unverhofftem Liebeskummer.

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Das höchste Glück des Lebens besteht in der Überzeugung, geliebt zu werden.
Victor Marie Hugo

Quasimodos schwere Last

Mit einem entstellten Gesicht und großem Buckel geboren, gelang es Quasimodo das zu erleben, was vielen Menschen nur ein Traum zu sein scheint.

Der Körper des kleinen buckligen Mannes war keineswegs eine reine Missbildung. Gerade er war es, der ihm zu innerem Glück durch gute Taten verhalf.

Doch bis es soweit kam, galt für Quaismodo: Ein Wesen mit einem Buckel? Alle lachten ihn aus und wählten ihn sogar zum Narrenpapst auf einem Volksfest. Was in hiesigen Zeiten einen „shitstorm“ bei facebook ähnelt. Ein anderes Leben als sein eigenes leidvolles, kannte Quasimodo nicht.

Esmeralda, Gemälde von Antoine Wiertz, 19. Jahrhundert
Esmeralda, Gemälde von Antoine Wiertz, 19. Jahrhundert

Eines Tages – wie aus dem Nichts – erschien ihm die Zigeunerin Esmeralda, ihm den wahren Sinn des Lebens offenbarend. Geblendet von ihrer Schönheit verliebt sich dieser „unvollständige“ Mann in sie. Quasimodo wird klar, dass die Welt, in die er hineingeboren wurde, sich nicht nur gegen Behinderte, sondern allgemein gegen vermeintlich Schwache wendet. Diese Schwäche, die von einer Mehrheit abgelehnt wird, enthält ein breites Spektrum menschlicher Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Offenheit, Treue und Liebe. Sie verrät Arme, erniedrigt Kranke, beseitigt Andersdenkende.

In diesem, wie auch in anderen seiner Werke beschäftigt sich Victor Hugo mit dem Verhältnis von stark und schwach in einer Gesellschaft. Seine These: Es sind nicht diejenigen stark, die aufrichtig und nicht diejenigen schwach, denen es an Geist fehlt. Es sei genau umgekehrt.

Der selbstlos liebende Quasimodo trug in seinem Herzen einen Edelstein, als unsichtbare Verbundenheit und Treue gegenüber der schönen Zigeunerin. Nur: dieses Juwel konnte er ihr nicht zeigen. Für ihn war es unvorstellbar, geliebt zu werden. Die Magie der Reinheit, für die der Edelstein steht, erreichte jedoch Esmeraldas Herz.
Doch es war zu spät. Zu spät für die Offenbarung der Gefühle. Es war zu spät für sanfte Liebkosungen und den Trost für den kleinen Mann. Es war zu spät für die Erkenntnis, dass die Liebe ein unsichtbarer seidener Faden ist, der die beiden miteinander verband. Er kam ihm nicht in den Sinn, dass vor allem er es war, der Liebe verdiente, zu dem sie wie ein Bumerang zurückflog und sein Inneres so zum Glänzen brachte, dass sein Äußeres in den Hintergrund träte.

Aber es war zu spät: seine Esmeralda wurde in Intrigen verwickelt. Betrug und Verrat wurden schließlich zu ihrem Henker. Den Tod „seiner“ geliebten Zigeunerin hielt der Glöckner von Notre Dame nicht aus. Das Juwel in seinem Herzen zerbrach in Tausend kleine Scherben, die wie ein Dolch sein leidendes Herz durchbohrten.

Schließlich verendete er vor Gram und Liebeskummer an ihrem Grab.

Christian Wind -  L’amour de Quasimodo Même morte dans ses oripeaux, Esméralda est Belle à croquer. Tel est l’amour de Quasimodo -  La faucheuse ne peut rien y changer. - 2015 - Lizenz: CC-BY-SA-4.0
Christian Wind – L’amour de Quasimodo – Même morte dans ses oripeaux, Esméralda est Belle à croquer. Tel est l’amour de Quasimodo – La faucheuse ne peut rien y changer. – 2015 – Lizenz: CC-BY-SA-4.0

Auch wenn das Leben für den kleinen „unvollständigen“ Menschen nicht lebenswert schien, gab er einem anderen Leben Halt und Wertschätzung. Hinter der „hässlichen“ Fassade und der scheinbaren physischen Schwäche befanden sich die Stärke und der Mut dazu, jemanden in einer Todeslage zu beschützen.

Fehlende Akzeptanz und keinerlei Erwartungen seitens der Gesellschaft brachten Quasimodo vermutlich die innere Freiheit, selbstlos zu handeln. Seine Liebe gehörte nicht ihm selbst, er schenkte sie Esmaralda und machte sie so für kleine Zeit glücklich. Er lebte und handelte lediglich mit seiner ganzen Seele, dem Herzen und seinen entfachten Willen. Dabei begleiteten ihn stets Hoffnungen und Wünsche nach dem Sieg des Guten. Erst als er sich und die ihm aufgezwungene gesellschaftliche Rolle des Narrenpapstes vergaß, fand er zu sich selbst. Leider nicht lang genug, um sich und sein Leben neu zu (er)finden.

Alles nur Schein

Die wahre Stärke zeigt sich nur durch Taten. Keine Person sollte in erster Linie nach ihrem Äußeren beurteilt werden. Gefühlswelt, Gedanken und ihre tiefsten Sehnsüchte bleiben uns zunächst verborgen und sind doch das eigentlich Spannende am Menschen.

Die äußere Schale täuscht also, sie lässt uns Dinge, Situationen und unsere Mitmenschen anders wahrnehmen als sie in Wirklichkeit sind.

Jedem von uns ist sein Schicksal auferlegt. Quasimodos Schicksal war gerade in der Schwere seines Seins, auch wenn nur für eine kurze Zeit, einen erfüllenden Sinn im Lebens zu finden.

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