Theodor Storm – Ein stiller Musikant – Erzählung

Theodor Storm - Illistration: Stefan Otte
Theodor Storm – Illistration: Stefan Otte

Ja, der alte Musikmeister! – Christian Valentin hieß er. – Zuweilen in der Dämmerstunde, wenn ich vor meinem Ofenfeuer träume, wandelt auch seine hagere Gestalt in dem abgetragenen schwarzen Tuchröckchen an mir vorüber; und wenn er dann gleich all dem andern Besuch, den ich schweigend und ungesehen hier empfange, allmählich wieder meinem Blick entschwindet, zurückwandelnd in den dichten Nebel, aus dem er kurz zuvor emporgetaucht ist, so zittert oft etwas in meinem Herzen, als müßte ich die Arme nach ihm ausstrecken, um ihn zu halten und ihm ein Wort der Liebe auf seinem einsamen Wege mitzugeben. –In einer norddeutschen Stadt hatten wir beide mehrere Jahre neben- einander gelebt, und der kleine Mann mit dem dürftigen blonden Haar und den blaßblauen Augen war ebensooft gesehen als unbe- achtet an mir vorübergegangen, bis ich eines Tages in dem Laden eines Antiquars mit ihm zusammentraf. Von diesem Augenblick an begann unsere Bekanntschaft; wir waren beide Büchersammler, wenn auch jeder in seiner eigenen Art. Bei meinem Eintritt hatte ich eine illustrierte Ausgabe von Hauffs »Lichtenstein« in seiner Hand bemerkt, worin er, am Ladentische lehnend, sich mit Behagen zu vertiefen schien.
»Das ist ein liebes Buch, das Sie da haben«, sagte ich gleichsam als Erwiderung seines Grußes, mit dem er trotz seines eifrigen Blätterns mich empfangen hatte.
Er blickte mich an. »Wirklich!« sagte er mit einem Aufleuchten seiner blassen Augen, und ein wahres Kinderlächeln verklärte sein sonst wenig schönes Antlitz; »lieben Sie es auch? Das freut mich; ich kann es immer wieder lesen!«
Wir kamen nun ins Gespräch, und ich erzählte ihm, daß ich im vorigen Jahre den Ort der Dichtung besucht und zu meiner Freude die Büste des Dichters auf einem Felsenvorsprunge neben der von ihm verherrlichten Burg gesehen hätte. Aber er war keineswegs damit zufrieden. »Eine Büste nur?« sagte er. »Dem Mann hätten sie doch wohl ein ganzes Standbild setzen können! Sie lachen über mich!« setzte er gleich darauf mit derselben bescheidenen Freund- lichkeit hinzu. »Nun freilich, mein Geschmack mag wohl eben nicht der höchste sein.«
– – Ich lernte ihn später näher kennen. Sein Geschmack war keineswegs ein niedriger; aber wie er in der Musik bei seinem Haydn und seinem Mozart blieb, so waren es in der Poesie die klaren Frühlingslieder Uhlands oder auch wohl die friedhofstillen Dichtun- gen Höltys, die ich aufgeschlagen auf seinem Tische zu finden pflegte.
Wenn wir nach dieser Zeit uns wieder bei dem Antiquar oder auch nur auf der Straße trafen, so pflegten wir wohl noch ein Stückchen Weges miteinander zu verplaudern, und ich erfuhr nun, daß er hier in seiner Vaterstadt als Klavierlehrer lebe, aber nur in den Häusern des mittleren Bürgerstandes oder in mittellosen Beamtenfamilien seine Stunden gehe; auch verhehlte er mir nicht, daß sein Erwerb nur zu einer bescheidenen Wohnung ausreiche, welche er dicht vor der Stadt in dem Hause eines Bleichers schon seit Jahren innehabe. »Ei was!« sagte er, »es ist schon recht für einen alten Junggesellen; man soll sich nur keine dummen Gedanken machen! Wenn sie nicht mit Wäsche zugedeckt ist, sehe ich aus meinen Fenstern auf die schöne grüne Bleichwiese; ich hab als Knabe schon darauf gespielt, wenn ich unsern Mägden die schweren Zeugkörbe dort hinaustragen half; und auch der Apfelbaum, der damals so oft für mich geschüttelt wurde, steht noch ganz auf seiner alten Stelle.«
Und in der Tat, ich fand das Stübchen so übel nicht, als ich eines Nachmittags nach einem gemeinsamen Spaziergange mit ihm dort eintrat; die Wiese war auch eben wäschefrei und sandte ihren grünen Schein ins Fenster. An der Wand über dem Sofa hingen zwei der bekannten Lessingschen Waldlandschaften, aus dem Nachlasse seines Vaters, wie er mir erzählte; über dem offenstehenden, wohler- haltenen Klavier hing, umgeben von einem dichten Immortel- lenkranz, ein weiblicher Profilkopf in trefflicher Kreidezeichnung. Als ich betrachtend davor stehenblieb, trat er zu mir und begann fast schüchtern: »Ich muß es Ihnen wohl sagen, denn Sie würden es sonst kaum glauben, daß dieses edle Antlitz meiner lieben Mutter einst gehörte; aber es ist wirklich so.«
»Ich glaube es gern!« erwiderte ich; denn sein Antlitz stand vor mir, wie es mir nun schon oft von Freundlichkeit verklärt erschienen war.
Und als habe er meine Gedanken erraten, setzte er hinzu: »Lächeln hätten Sie sie sehen sollen; das Bild ist doch nur tot.«
Als wir später auf seine Lieblingskomponisten zu sprechen kamen, griff er gleichsam zur Erläuterung dann und wann ein paar Takte aus diesem oder jenem Satz auf den Tasten; da ich ihn dann aber ersuch- te, nun doch weiterzuspielen, wurde er fast verlegen und suchte mir auszuweichen; endlich, als ich dringender wurde, sagte er ängstlich: »Oh, bitten Sie mich nicht darum, ich spiele seit vielen Jahren schon nicht mehr.«
»Aber hier!« erwiderte ich und wies auf eine Partitur der »Jahres- zeiten«, die aufgeschlagen auf dem Pulpete lag, »das können Ihre Schüler doch nicht spielen.«
Er nickte eifrig. »Ja, ja; aber das lese ich nur; man muß so etwas haben bei dem steten Elementarunterricht; – – es ist riesig, wie ein Mensch das alles so hat schreiben können!« Und er schlug begeistert die Blätter in dem großen Notenbuche hin und her.
Als ich nach einiger Zeit fortging, sah ich draußen an seiner Zimmertür einen Zettel mit Oblaten angeklebt, worauf einige Takte aus einem Mozartschen »Ave verum« in etwas stakigen Noten hinge- schrieben waren; bei späterer Wiederholung meines Besuches bemerkte ich, daß dieser Zettel von Zeit zu Zeit erneuert wurde und entweder mit dem Spruch eines Schriftstellers oder, was meistens der Fall war, mit ein paar Takten aus irgendeinem älteren Tonwerke beschrieben war. Als ich ihn dann einmal wegen dieser Seltsamkeit befragte, sah ich wieder jenes Kinderlächeln in seinem Antlitz aufleuchten. »Ist das nicht ein guter Gruß«, sagte er herzlich, »wenn man müde in sein kleines Heim zurückkehrt!«

Wir hatten solcherweise schon längere Zeit in einem gewissen Verkehr gestanden, ohne daß ich Näheres von ihm erfahren hätte; da war es eines Herbstabends, als ich ihn beim Schein der Straßen- laterne, die eben angezündet wurde, aus dem Torweg eines großen Hauses kommen sah. Da ich nichts vorhatte, als nach angestrengter Arbeit mich durch ein weniges Straßauf-und-abgehen zu erfrischen, so rief ich ihn an, und er nickte freundlich, da er mich erkannte.
»Seit wann, lieber Freund«, fragte ich, »geben Sie denn bei Präsidentens Stunde?«
Er lachte. »Ich? Sie scherzen wohl! Nein, die Stunden hat der junge Leipziger Doktor. Sie kennen ihn doch! Ein exzellenter Musiker; er hat mir neulich wohl über eine Stunde vorgespielt; ich versichere Sie, ein herrlicher junger Mann!«
»Kennen Sie ihn schon so genau?« fragte ich lächelnd.
»O nein, nicht weiter; aber ein solcher Musiker muß auch ein guter Mensch sein!« Dagegen war nichts einzuwenden. »Können Sie ein wenig mit mir schlendern?« fragte ich.
Er nickte und ging schon die Straße mit mir hinab. »Ich gab soeben meine letzte Stunde«, sagte er; »der Tochter eines Schullehrers, der dort hinten auf dem Hofe wohnt. Das ist auch so ein goldenes Herz und ein Musikgenie dazu.«
»Aber lassen Sie die Kinder nicht in Ihre Wohnung kommen? Es ist ja nicht so weit dahin.«
Er schüttelte lachend den Kopf. »Nein, nein, das dürfte ich wohl nicht verlangen! Aber sie freilich, sie kommt auch zu mir heraus; nur ist sie eben jetzt aus einer schweren Krankheit aufgestanden. Sie fängt schon an, den Mozart zu traktieren; und eine Stimme hat sie! – Aber das ist fürs erste noch zu früh, denn sie zählt erst dreizehn Jahre.«
»Sie geben also auch Gesangunterricht?« fragte ich. »Da werden Sie der einzige hier sein, der das versteht!«
»Ei, Gott bewahre!« erwiderte er; »aber bei ihr, da der Schulmeis- terstochter die großen Meister unerschwinglich sind, möchte ich es gleichwohl doch versuchen, wenn Gott uns Leben schenkt. – Ich habe früher einmal mit einer alten ausgebrauchten Sängerin unter einem Dache gewohnt, die einst zu Mozarts Zeiten eine Rolle ge- spielt und auch ihm selber wohl zu Dank gesungen hatte. Ihre arme alte Kehle war freilich jetzt nicht viel besser als eine Türangel; ja, ein mutwilliges Mädchen – es war die Tochter meines damaligen Wirtes«, setzte er leise hinzu – , »meinte sogar, sie gleiche der unseres gesangliebenden Haustieres, und nannte die gute Alte stets ›Signora Katerina‹; aber Signora Katerina wußte gleichwohl, was Gesang war, und wir beide haben manches fürchterliche Duo miteinander ausgeführt. Sie konnte nie genug davon bekommen, ich aber lernte dabei nach und nach ihre ganze Gesangsmethode kennen. ›Merken Sie wohl auf, Monsieur Valentin!‹ pflegte sie zu sagen, hob sich dabei auf den Zehen und faßte mit den Fingerspitzen der einen Hand in ihre stets nicht eben saubere Tüllhaube: ›So wollte es der große Maestro!‹ Und dann schoß mit ungemeiner Sicherheit und oft überraschenden Akzenten eine Koloratur zu irgendeiner Mozartschen Arie aus dem alten dürren Halse. – Hatte ich nach ihrer Meinung meine Sachen gut gemacht, dann zog sie wohl ihr stets gefülltes kristallenes Naschdöschen aus der Tasche und steckte mir mit eigenen dürren Fingern eine Pfefferminzpastille in den Mund. – Gott hab sie selig, meine alte Freundin!« sagte er mit plötzlich weicher Stimme. »Wer weiß! Vielleicht kann noch ein junges Leben von diesen letzten Anstrengungen einer Greisin profitieren; denn« – und er klopfte mit dem Finger gegen seine Stirn – »hier hab ich alles wohl verwahrt, wie es einst der unsterbliche Meister von der jungen Primadonna gesungen haben wollte.«
– – »Sie haben mir«, begann ich, da mein Freund jetzt schwieg, »noch nie von Ihrer Jugendzeit gesprochen. Wurde in Ihrem Elternhause auch Musik getrieben?«
»Freilich«, erwiderte er; »weshalb wäre ich denn sonst ein Musiker geworden!«
»Nur deshalb, lieber Freund? Das glaube ich Ihnen nicht.«
»Nun, nun; es mag auch wohl mein wirklicher Beruf gewesen sein; aber eine Kopfschwäche hat mich immer sehr behindert; oh, Sie denken nicht, wie sehr! – Als ich in einer Dorfkirche zum ersten Mal die Orgel hörte, brach ich in Schluchzen aus, daß man es gar nicht stillen konnte. Das war nicht die Gewalt der Musik; denn eine Türschelle, die unversehens über mir läutete, hatte ganz dieselbe Wirkung; – es war mein armer schwacher Kopf, den ich schon als Knabe zwischen meinen Schultern trug.« – Er blieb einen Augenblick stehen, und ich hörte ihn seufzen, als wenn er eine Trauer niederkämpfe.
»Mein Vater«, fuhr er nach einer Weile fort, »wußte von solchen Dingen nichts; er war ein Mann auf den Punkt, ein angesehener, vielbeschäftigter Advokat in dieser Stadt. Meine liebe Mutter verlor ich schon in meinem zwölften Jahre; seitdem lebte ich mit ihm allein; denn meine Geschwister waren älter als ich und alle schon von Hause fort. Außer seinen Akten und einer auserwählten geschicht- lichen Büchersammlung, die ich trotz aller Ermahnung nicht zu benutzen verstand, hatte er nur eine Liebhaberei, und das war die Musik ja, ich kann wohl sagen, daß ich meinen hauptsächlichsten Unterricht von ihm erhalten habe. – Es wäre vielleicht besser von einem andern geschehen. – – Sie werden mich nicht mißverstehen! Mir fehlt nicht das dankbare Gedächtnis für seine liebevollen Mühen; aber er wurde, wenn meine Kopfschwäche mich befiel, leicht ungeduldig, heftig, was mich doch nur ganz verwirrte. Ich habe derzeit viel dadurch gelitten; jetzt weiß ich’s wohl, er konnte nicht dafür; bei seinem raschen Sinn konnte er nicht verstehen, was in mir vorging; er sah darin nichts als eine angeborene Trägheit, die nur aufgerüttelt werden müsse. Aber an einem Tage – ich stand schon vor der Konfirmation – , da kam ihm dennoch das Verständnis. Oh, mein guter Vater, ich werde das nie vergessen!« Er streckte die Arme aus und ließ sie wieder sinken; dann fuhr er fort: »Wir saßen im Wohnzimmer am Klavier und spielten eine vierhändige Sonate von Clementi. Ich hatte am vorhergehenden Abend noch spät an einem schwierigen Kapitel der Harmonielehre gesessen und hatte davon, wie meine selige Mutter zu sagen pflegte, einen ›dünnen‹ Kopf in den andern Tag hinübergenommen. Mitten im Rondo der Sonate verwirrten sich meine Gedanken, ich griff wiederholt falsch, und mein Vater rief heftig: ›Wie ist das möglich? Du hast das ja schon zwanzigmal gespielt.‹ – Er schlug die Blätter zurück, und wir begannen den Satz von neuem; aber es half nicht, ich kam über die verhängnisvolle Stelle nicht hinüber. Da sprang er auf und warf seinen Stuhl zurück. – – Ich weiß nicht, wie es in andern Familien zugeht bei all seiner Heftigkeit, ich hatte nie von meinem Vater einen Schlag erhalten. Es mag ihm wohl sonst noch etwas im Gemüt gelegen haben; denn jetzt, da ich schon fast kein Knabe mehr war, wurde er so von seinem Zorne hingerissen.
Die Noten waren vom Pulpet herab auf den Fußboden gefallen; ich hob sie schweigend auf; meine Wange brannte, und in der Brust quoll es mir auf, als solle das Blut über meine Lippen stürzen; aber ich setzte mich wieder zurecht und legte meine zitternden Hände auf die Tasten. Auch mein Vater saß wieder neben mir, und ohne daß ein Wort oder auch nur ein Blick zwischen uns gewechselt wäre, spielten wir die Sonate weiter. Ich weiß auch noch sehr wohl – und ich habe mich später oft selbst gefragt, ob wohl der große Schmerz für Augenblicke meine Kraft so wunderbar belebt habe – , aber es wurde mir plötzlich leicht, die Noten wurden wie von selbst zu Tönen, als wären gar keine weißen und schwarzen Tasten mehr dazwischen, die meine unbeholfene Hand zu treffen hatte.
›Siehst du‹, sagte mein Vater; ›wenn du nur willst!‹
Die Sonate war zu Ende; er legte, da es jetzt so ungewöhnlich glückte, gleich noch ein anderes Musikstück aufs Pulpet, das ich allein zu spielen hatte. – Ich fing auch tapfer an; aber da mein Vater nicht selbst mitspielte, sondern, mich scharf beobachtend, neben mir stand, so wurde ich verwirrt und mühte mich vergebens, die mich so plötzlich überkommene Sicherheit festzuhalten. Vielleicht auch, daß jener herbe Zauber überhaupt nicht weiter reichte! Es schwamm schon wieder wie Nebel um mich her, meine alte Angst befiel mich, und – da gingen die Gedanken hin; wie fliegende Vögel, die schon weit von mir in der grauen Luft verschwanden.
Ich spielte nicht mehr. ›Schlage mich nicht, Vater‹, rief ich und stieß mit beiden Händen gegen seine Brust; ›es fehlt mir etwas; es ist in meinem Kopf; ich kann ja nicht dafür!‹
Mein Vater, da ich so zu ihm aufblickte, sah mich heftig an; aber ich mag wohl totenblaß gewesen sein; ich hatte ohnedies nur wenig Farbe.
›Spiele es noch einmal für dich!‹ sagte er ruhig. Dann verließ er mich, und ich hörte, wie er den Gang hinauf nach seinem Zimmer ging.
Aber ich konnte nicht spielen. Eine Trostlosigkeit überfiel mich, wie ich sie nie empfunden hatte; ein Mitleid mit mir selber, als müsse es mir die Seele fortschwemmen. Über dem Klavier hing das Bildnis meiner Mutter, welches Sie neulich bei mir gesehen haben. Ich weiß noch, wie ich meine Hände dahin ausstreckte und in kindischem Unverstand einmal über das andre wiederholte: ›Ach, hilf mir, Mutter! Oh, meine liebe Mutter, hilf mir!‹ Dann legte ich den Kopf in meine Hände und weinte bitterlich.
Wie lange ich so gesessen habe, weiß ich nicht. Schon länger hatte ich es draußen auf dem Hausflur gehen hören, aber ich hatte mich nicht gerührt, obgleich ich wußte, daß hier vorne niemand außer mir im Hause war; endlich, da von draußen an die Tür geklopft wurde, stand ich auf und öffnete. Es war ein mir bekannter Handwerker, der meinen Vater in einer Geschäftssache zu sprechen wünschte. – ›Sind Sie krank, junger Herr?‹ fragte der Mann. Ich schüttelte den Kopf und sagte: ›Ich werde fragen, ob es paßt.‹
Als ich in meines Vaters Zimmer trat, stand er an einem seiner großen Bücherregale; ich hatte ihn oft so gesehen, das eine oder andere Buch hervorziehend, darin blätternd und es dann wieder an seinen Platz stellend; aber heute war es anders, er hatte den Arm auf eines der Borte gestützt und seine Augen mit der Hand bedeckt.
›Vater!‹ sagte ich leise.
– ›Was willst du, Kind?‹
›Es ist jemand da, der dich zu sprechen wünscht.‹
Er antwortete nicht darauf; er nahm die Hand von den Augen und rief leise meinen Namen.
Dann lag ich an meines Vaters Brust; zum ersten Mal in meinem Leben. Ich fühlte, daß er zu mir sprechen wollte; aber er streichelte nur mein Haar und sah mich bittend an. ›Mein armer, lieber Junge!‹ war alles, was er über seine Lippen brachte. Ich schloß die Augen; mir war, als sei ich nun vor aller Lebensnot geborgen. – Trotz meiner Mutter Tod vergaß ich immer wieder, daß alles stirbt und wechselt.
Aber es war eine glückliche Zeit, die ich von nun an noch zu Hause verlebte; mein Vater war nie wieder heftig gegen mich, eine Mutter hätte nicht zarter mit mir umgehen können; auch der Frühling brach damals in einer Schönheit an, wie ich mich dessen nicht wieder zu erinnern meine. – Hinter der Stadt zwischen Hecken und Wällen war ein wüster Platz, wo einst ein Gartenhaus gestanden hatte, um den sich aber niemand mehr zu kümmern schien. Von den Blumen, die dort einst gepflegt sein mochten, sah man nur noch die Veilchen, die hier schon in den ersten Frühlingstagen blühten. Ich ging oft dahin; auch später, wenn in der Hecke sich der Hagedorn mit seinem Blumenschnee bedeckte oder wenn alles ausgeblüht hatte und nur noch die Hänflinge und der Emmerling durch die Büsche schlüpften. Manche Stunde habe ich hier im Grase gelegen; es war so still und feierlich; nur die Blätter und die Vögel sprachen. – Aber niemals sah ich diesen Ort in solcher Schönheit wie in jenem Frühling. Gleich mir waren auch die Bienen schon ins Feld hinausgezogen; wie Musik wob und summte es über tausend Veilchenkelchen, die wie ein blauer Schein aus Gras und Moos hervorbrachen. Mein ganzes Schnupftuch pflückte ich voll; mir war wie ein Seliger in diesem Duft und Sonnenschein. Dann setzte ich mich ins Gras, nahm etwas Bindfaden, den ich immer bei mir führte, und begann gleich einem Mädchen einen Kranz zu binden; über mir im Blauen sang so herzkräftig eine Lerche. ›Du liebe, schöne Gotteswelt!‹ dachte ich; und dann geriet ich sogar ins Versemachen. Freilich, es waren nur kindische Gedanken in den hergebrachten Reimen; aber mir war sehr froh dabei zu Sinne.
– – Als ich nach Hause kam, hing ich den Kranz in meines Vaters Stube; ich weiß noch wohl, wie glücklich ich mich fühlte, daß ich mir jetzt solche Allotria bei ihm erlauben durfte.
– Noch eines muß ich sagen! Später, in seinem Nachlaß, fand ich ein Sparkassenbuch auf meinen Namen und über eine große Summe; die erste Post derselben war, wie das Datum auswies, an jenem unglücklich-glücklichen Tage von ihm belegt worden. Es hat mich sehr erschüttert, als ich das Buch bei seinem Testamente fand; zum Glück bedurfte ich der Unterstützung nicht.«
– – Wir waren eben aus entlegeneren Gassen, die wir bei unserem Gespräche unwillkürlich aufgesucht hatten, wieder in eine der Hauptstraßen eingebogen. Während ich fast verstohlen den schon alternden Mann an meiner Seite betrachtete, legte er plötzlich die Hand auf meinen Arm. »Wollen Sie es einmal ansehen!« sagte er. »Hier wohnten wir, als meine Eltern lebten; es war unser eigenes Haus; aber nach unseres Vaters Tode mußte es verkauft werden.«
Als ich aufblickte, sah ich, daß die stattliche Fensterreihe des oberen Stockwerks hell erleuchtet war.
»Ich hätte einmal ein paar schöne Unterrichtsstunden dort bekommen können«, begann er wieder; »aber ich mochte es mir nicht zuleide tun; ich fürchtete, ich könne einmal auf der Treppe drinnen einem armen blassen Jungen begegnen, einem Menschen, aus dem nicht viel geworden ist.« – –
Er schwieg.
»Sprechen Sie nicht so!« sagte ich. »Ich habe bisher geglaubt, Sie seien nicht weniger glücklich als wir andern Menschen.«
»Nun ja!« versetzte er fast verlegen und lüftete ein paarmal seinen grauen Filzhut; »ich bin’s ja auch, ich bin’s ja auch! Es war nur so ein Einfall; ich weiß sonst wohl, daß man sich keine dummen Gedanken machen soll!«
Schon längst hatte ich bemerkt, daß diese letzte Phrase ihm gleichsam als Riegel diente, um alle vergeblichen Hoffnungen und Wünsche von sich abzusperren.
– – Eine Viertelstunde später befanden wir uns auf meinem Zimmer, wohin ich ihn, mein Abendbrot zu teilen, eingeladen hatte. Während ich mich bemühte, über meiner Spiritusmaschine ein Kännchen nordischen Punsches zu brauen, stand er an meinem Bücherbrett und besichtigte mit offenbarem Vergnügen die hübsche Reihe meiner Chodowiecki-Ausgaben. »Aber eine fehlt Ihnen doch!« sagte er. »Die Bürgerschen Gedichte mit dem langen Subskribenten- verzeichnis! Es ist schon ein Spaß, unter all den alten Herrschaften die eigenen Urgroßväter aufzusuchen; von den Ihrigen würden Sie gewiß auch darunter finden.« Er sah mich mit seinem herzlichen Lächeln an. »Ich habe das Buch zufällig doppelt; wollen Sie sich das eine Exemplar gelegentlich bei mir abholen?«
Ich nahm das dankend an. Und bald saßen wir nebeneinander im Sofa, die dampfenden Gläser vor uns, er aus meiner längsten Pfeife rauchend, die er statt der vor ihm liegenden Zigarren sich erbeten hatte. – Als er den Probeschluck getan, hielt er das Glas noch in der Hand und sagte darauf hinnickend: »Das tranken wir zu Hause immer am Neujahrsabend; einmal als Knabe trank ich mir sogar einen argen Rausch darin, so daß mir viele Jahre ein Widerwille gegen dieses edle Kunstgebräu geblieben ist. Aber jetzt – jetzt schmeckt es wieder!« Er tat einen behaglichen Zug und setzte sein Glas dann auf den Tisch.
Wir rauchten, wir plauderten, und das Gespräch ging hin und her. – »Nein«, sagte er, »die Dinger, die man Konservatorien nennt, gab es derzeit wohl noch nicht in unserm Deutschland; ich ward zu einem tüchtigen Klaviermeister in die Lehre getan und habe mich dort ein paar Jahre lang mit Theorie und Technik redlich abgearbeitet. Außer mir war noch einer da, der schon nach kurzer Zeit den Hofpianistentitel in der Tasche hatte; und doch, wenn ich bisweilen so saß und seinem Spiele zuhörte, hab ich mir’s nicht ausreden können, daß ich, Christian Valentin, das alles noch viel besser machen würde, wenn – ja wenn nur die Finger und die Gedanken bei mir so fix zusammengegangen wären. Sie sehen«, setzte er hinzu, indem er mit dem Daumen und kleinen Finger ein paar weite Spannungen auf der Tischdecke machte, »daran liegt es nicht; das
sind die schulgerechten Klavizimbelschläger.«
»Vielleicht«, warf ich ein, »sind Sie gegen sich selber zu gewissenhaft gewesen; den gröberen Naturen kommt niemals etwas zwischen Finger und Gedanken.«
Er schüttelte den Kopf. »Es ist doch anders; und wenn auch – ich kann das nicht regieren. – – Bevor ich mich hier dauernd niederließ, habe ich längere Zeit in einer andern Stadt als Musiklehrer gelebt; und da man keine Konzertvorträge von mir verlangte, so habe ich dort vielleicht das Meinige geleistet. Auch war es mir trotz des damals überall nur mäßigen Honorars schon in den ersten Jahren gelungen, ein Sümmchen für die Zukunft hinzulegen; ob für ein einsames Junggesellenalter oder ob – –«
Er nahm sein Glas und leerte es auf einen Zug. »So«, sagte er, »nun habe ich mir Mut getrunken! Ihnen erzähl ich’s gern; ja, mir ist, als könnt ich Ihnen noch einmal meinen Mozart spielen!«
Er hatte meine beiden Hände ergriffen; seine blassen Wangen waren leicht gerötet. – »Ich wohnte damals bei einem Buchbinder- meister«, begann er wieder, »der nebenbei ein kleines Antiquariat betrieb; oh, manches liebe Büchlein ist damals in meine Bibliothek gewandert! Wer mich aber auslachte, wenn ich mit solch einem Scharteklein wie mit einem kostbaren Raube nach meinem Zimmer hinaufstolperte, das war die eigene Tochter meines Antiquars; sie trug den schönen Namen Anna; aber sie hielt nicht viel von Büchern. Desto lieber sang sie; Volkslieder und Opernarien – Gott weiß, woher ihre jungen Ohren das alles aufgefangen hatten! Und eine Stimme war das! Signora Katerina, die im selben Hause ein Mansardenstübchen innehatte, war in stetiger Entrüstung, daß dieser ›Kindskopf‹ sich nicht von ihr wollte in die Schule nehmen lassen. ›Monsieur Valentin!‹ rief sie einmal, als die Anna nach einer langen Ermahnung lachend vor ihr stand; ›sehen Sie dieses Mädchen! Sie hat das Glück im Hause, aber sie stößt es mit ihren kleinen Füßen von sich, und dann – ja, ja, Kindchen; unversehens kommt das Alter! Wie ich hier vor Ihnen stehe, ich hätte Fürsten und Exzellenzen heiraten können!‹
›Und ich‹, sagte der Kindskopf, ›kann noch einen Prinzen heiraten; und ich tu’s gewiß, wenn er erst in seiner goldenen Kutsche vorge- fahren kommt! Aber, Signora, können Sie mir das nachmachen?‹ – Und nun sang sie mit der unglaublichsten Zungenfertigkeit eines jener aus sinnlosen Silben zusammengefügten Reimgesätze; vor- und rückwärts, hinauf und hinunter. ›Sehen Sie, Signora, das sind Naturgaben!‹
Die alte Kunstsängerin würdigte sie auf solchen Übermut meist keiner Antwort; auch jetzt wickelte sie sich schweigend in ihren roten Schal, den sie selbst im Hause nie von ihren Schultern ließ, und stieg mit würdevoll erhobener Nase nach ihrem Mansardenstübchen hinauf.
Als sie fort war, legte Ännchen die Hände auf den Rücken, und so vor mir stehend wie ein Vogel auf dem Zweige, hub sie aufs neue an zu singen: ›Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhe!‹ Gleich einer Leuchtkugel stieg das Juchhe in die Luft! – Dann sah sie mich mit ihren braunen Augen an und fragte treuherzig: ›Das ist aber doch schön? Nicht wahr, Herr Valentin?‹
Wir befanden uns auf meiner Stube, wohin Ännchen mir immer mein Abendbrot heraufbrachte. Ich hatte mich ans Klavier gesetzt. ›Singen Sie weiter, Ännchen!‹ sagte ich; und so, während ich eine einfache Begleitung spielte, sang sie das Lied zu Ende, und dann ein zweites, ein drittes, und ich weiß nicht, wie viele ihrer hübschen und törichten Lieder noch. Ich weiß nur, mir war unsäglich wohl dabei. – ›Nein; wie ist’s nur menschenmöglich‹, rief das liebe Kind; ›kennen Sie denn alle meine Lieder? Aber wissen Sie was, Herr Valentin? Das hat durchs ganze Haus geschallt! Die Signora Katerina sitzt gewiß droben ganz in ihren Schal verwickelt!‹
– – Seit jenem Tage gab es in Ännchens Kopfe keine musikalische Unmöglichkeit mehr für mich; ja, allmählich bestrickte auch mich selbst die einfältige Bewunderung und machte mich ganz zuversichtlich; einmal, da sie eben von mir gegangen war, setzte ich mich sogar hin und berechnete eifrig meine Vermögensumstände. Was soll ich’s Ihnen lang erzählen! Das Mädchen, der Kindskopf, spukte mir plötzlich durch alle meine Gedanken. Aber – da kamen die Liedertafeln in die Mode!«
»Die Liedertafeln?« fragte ich verwundert, benutzte aber zugleich die Pause, um das Glas meines Freundes wiederum aus dem bele- benden Quell zu füllen, den ich vor uns über dem blauen Flämmchen glühend erhielt.
»Leider, die Liedertafeln!« wiederholte er, indem er heftig an seiner Pfeife sog und große Dampfringe vor sich hin stieß. »Sie sind mir niemals recht gewesen; der ewige Männergesang! Es ist, als ob ich jahraus, jahrein nur immer in den unteren Oktaven spielen wollte! Auch wer gar bald der Geruch der Bierbank von ihnen unzertrennlich. – Gleichwohl konnte ich nicht umhin, die mir angetragene Direktion der neuen Liedertafel zu übernehmen. Es war eine bunte Gesellschaft: Handwerker, Kaufleute, Beamte; sogar ein Nachtwächter, der ein ordentlicher Mann und ein außerordentlicher Bassist war, wurde aufgenommen. Und das mit Recht; denn die Kunst scheint mir so heilig, daß die Erdenunterschiede in ihr keine Geltung haben können. – –
– Ich muß sagen, daß die Übungen derzeit mit Ernst und Eifer vor sich gingen; während die eine Stimme geübt wurde, standen die andern nicht zu schwatzen, sondern hatten hübsch das Buch vor der Nase und buchstabierten in Gedanken ihre Stimme mit. Solcherweise hatten wir denn auch schon zwei unserer Winterkonzerte glücklich hinter uns; da, einige Tage vor dem dritten, erkrankte der Haupt- Tenorsänger – ein weißer Rabe mit dem hohen B – , ohne den mehrere mühsam eingeübte Nummern ganz unmöglich wurden.
Ich ging umher und sann, wie die Lücken auszufüllen seien; aber Ännchen hatte längst für mich beschlossen: ›Lassen Sie Ihr Klavier in den Saal tragen und spielen Sie selber etwas! Was wollen Sie Ihre schöne Musik immer nur an mich dummes Ding und da droben an unsere alte Kunstfigur verschwenden!‹
Ich drohte ihr zwar mit dem Finger; aber es wurde dennoch so, wie sie es wollte.
Zu meinem Vortrage hatte ich mir die Mozartsche Phantasie- Sonate gewählt, die damals noch nicht so von allen Musikschülern abgeleiert war. Morgens vor und abends nach meinen Unterrichts- stunden saß ich eifrig übend am Klavier; und wenn ich so allein mich in das Werk vertiefte, war mir mitunter, als nicke mir der große Meister zu, und ich hörte ordentlich seine Stimme: ›Schon recht, schon recht, lieber Valentin! So hab ich mir’s gedacht, ganz grade so!‹ – – Einmal, da ich eben das Adagio geschlossen hatte, stand plötzlich die Signora Katerina in der offenen Stubentür und lachte gläsern mit ihrer zerbrochenen Sopranstimme, was mir damals höchst abscheulich klang; aber sie behauptete, noch immer lachend, ich habe selber und gar laut und andachtsvoll jene ermutigenden Worte ausgerufen. Dann wieder klopfte sie mir die Wangen mit ihrer vollberingten mageren Hand. ›Nun, nun, caro amico‹, sagte sie, ›der große Meister selbst ist nicht mehr da; aber seine Schülerin ist zugegen gewesen, und die ruft: Bravo, bravissimo! Aber jetzt auch da capo! Wir werden einiges zu bemerken haben!‹
Und jetzt, während ich das Adagio wiederholte, stand sie, leise Winke und Worte gebend, hinter meinem Stuhl; Sie glauben nicht, was für Musik in dieser alten Seele steckte! – – Und dennoch hatten fast alle Mühe, das Lachen zu verbeißen, wenn einmal in anderer Gegenwart die Wut des Gesanges sie befiel. Nur mich wandelte nie dergleichen an; mich erfüllte diese Wirkung, die sie mit all ihrer Kunst nur noch allein hervorzubringen vermochte – ich kann nicht sagen, mit Erbarmen – denn dessen bedurfte sie nicht – als vielmehr mit einem unerklärlichen Gefühl des Schreckens; fast als sei ich es selber, der dadurch preisgegeben wurde. – Sie freilich ahnte nichts von alledem; stolz wie eine Königin, mit ihrem roten Kaschmirschale sich drapierend, stellte sie sich in die Mitte des Zimmers und schmetterte ihre großen Arien herunter. Ja, ich muß gestehen, wenn wir beide allein waren, so hörte auch ich, in meinem Trieb zu lernen, mehr ihre Seele als ihre Kehle singen; denn was sie ausdrücken wollte und was ich bald genug herauszuhören verstand, schien mir fast immer das Rechte.
Und so saß ich auch jetzt am Vorabend des Konzertes als ihr gehorsamer und aufmerkender Schüler am Klavier; es störte mich selbst nicht, als ich draußen kleine bekannte Tritte die Treppe heraufkommen hörte; ja, ich sah nur kaum die strenge Handbe- wegung der Signora, mit der das leise eintretende Ännchen an die Tür verwiesen wurde. – Aber wie hergezogen war sie allmählich näher gekommen, und bald, beide Arme in ihr Schürzchen gewickelt, lehnte sie neben mir auf dem Klavier, und ich fühlte, wie sie mich mit ihren großen braunen Augen unverwandt betrachtete. Ich spielte voll Begeisterung weiter. Als ich zu Ende war, stieß Ännchen einen tiefen Seufzer aus. ›Das war schön!‹ sagte sie. ›Mein Gott, Herr Valentin, was können Sie doch spielen!‹ – Die Signora legte wie segnend die beringte Hand auf meinen Kopf. ›Mein Lieber, Sie werden einen schönen Sukzeß erringen!‹ Und im selben Augenblick fühlte ich auch eine Pfefferminzpastille zwischen meinen Zähnen.
Sie hatten gut reden: ein harmloses Kind, das im Bewundern seine Freude fand, die alte musikalische Seele, die mir studieren half, dann noch Ännchens Wachtelhund, der kleine schwarzgefleckte Polly, der, wie ich jetzt bemerkte, mäuschenstill auf der Türschwelle gesessen hatte – das war ein Publikum, wie ich es brauchen konnte. – Aber später, vor all den fremden Menschen!
Freilich, eine Beruhigung hatte ich: der berühmte Orgelspieler, den man zur Prüfung der neuen Kirchenorgel herberufen hatte, sollte erst am Tage nach dem Konzert eintreffen; ja, ich will es nur gestehen, ich selber hatte eine kleine List gebraucht, um die Dinge so zu schieben.
– – Etwas beklommener als sonst betrat ich am andern Abend unsern Konzertsaal; er war so gedrängt voll, daß selbst einzelne Damen nicht zum Sitzen gelangen konnten. Aber die Gesänge, mit denen wir nun den Anfang machten, gingen bescheidenen An- sprüchen nach vortrefflich; denn war auch unser Tenor geschwächt, so besaßen wir immerhin noch Kräfte, um die mancher große Verein uns hätte beneiden können; schon der Nachtwächter und unser dicker Schulrektor waren ein paar Füllebässe, die in alle Ritzen quollen, welche die dünneren Stimmen offengelassen hatten. Es wurde lebhaft applaudiert; das singende und das hörende Städtchen waren im besten Einverständnis.
So rückte denn das Programm allmählich bis zur Phantasie-Sonate vor. Der Beifall nach Ludwig Bergers schönem Liede ›Als der Sandwirt von Passeier‹ verhallte eben, als ich mich ans Klavier setzte; und eine erwartungsvolle Stille war eingetreten. Mit ein paar tiefen Atemzügen schlug ich die Noten auf; dann warf ich darüberhin einen flüchtigen Blick in den Saal; aber die vielen Gesichter, die mich alle anstarrten, übten eine Art von Schrecken auf mich aus. Da zum Glück entdeckte ich auch Ännchens braune Augen, die groß und freudig zu mir hinblickten; und im selben Augenblicke hatte das vielköpfige Ungeheuer sich in ein mir hold geneigtes Wesen umgewandelt. Mutig schlug ich ein paar Akkordfolgen an, um den Beginn meines Spieles anzukündigen; und dann: ›O heiliger Meister, ich will sie ihnen schon ans Herz legen, deine goldenen Töne! Alle, alle sollen durch dich selig werden!‹ So flog es durch mich hin, und ich begann meinen Mozart, das Adagio zuerst. – – Ich glaube wirklich, ich habe damals gut gespielt; denn mich erfüllte nichts als die Schönheit des Werkes und der begeisterte Drang, die Freude des Verständnisses auch andern mitzuteilen; meine alte Meisterin hätte mich gelobt, so denke ich noch jetzt; aber sie besuchte niemals eine öffentliche Aufführung.
Schon war ich auf der letzten Seite des Andantino, als hie und da ein Flüstern aus dem Saale mir zwischen meine Töne drang. Ich erschrak: sie hörten nicht! Das lag an mir; am Mozart konnte es nicht liegen! – – Mit einem Gefühl von Unbehagen begann ich das Allegro der Sonate; um so mehr, da ich eine Stelle im zweiten Teile besonders hatte üben müssen. Aber ich beruhigte mich; es gab ja Menschen, denen nur Trompetenmusik verständlich war; was gingen sie mich an! Nur eines störte mich; der dicke Schulrektor war während meines Spieles mir immer näher auf den Leib gerückt. Er konnte allerlei böse Absichten hegen; er wollte vielleicht die Lichter putzen, wobei die große messingene Lichtschere auf die Tasten fallen konnte, oder gar mir die Notenblätter umwenden, was ich durchaus von keinem andern leiden konnte! Ich eilte mich, die zweite Blattseite herunterzuspielen, damit nur seine dicke Hand mir nicht zu früh in meine Noten griffe. Das half; der Rektor blieb wie gebannt auf seinem Platze stehen; schon hatte ich umgeschlagen und spielte ganz mutig auf die heikle Stelle los; – da hörte ich unten die Tür des Saales knarren und konnte nicht umhin, zu sehen, wie überall die Köpfe sich nach rückwärts wandten. Wieder wurde geflüstert, und mehr noch als zuvor: – ich wußte nicht weshalb, aber der Atem stand mir still. Da hörte ich neben mir ganz deutlich eine Stimme sagen: ›Aber ich dachte, er käme erst morgen; wie hübsch, daß er heut schon da ist!‹ – Er war also dennoch angekommen! – Es war ein betäubender Schlag, der mich getroffen hatte. – Was konnte ich dem Manne, dem großen Künstler, mit meinem Spiel noch bringen! – Wo dort unten im Saale mochte er jetzt stehen oder sitzen? – Aus all den Hunderten von Gesichtern starrten mich seine Augen an und nun – ich fühlte es – neigte er das Ohr, um jeden meiner Töne aufzufangen. Eine wahre Jagd von Angstgedanken raste durch meinen Kopf; noch ein paar Takte versuchten es meine plötzlich wie gelähmten Finger; dann überfiel mich eine ratlose Gleichgültigkeit, zugleich eine seltsame Entrückung in längst vergangene Zustände. Mir war auf einmal, als stehe das Klavier auf seinem alten Platz im elterlichen Wohnzimmer; auch mein Vater stand plötzlich neben mir; und statt in die Tasten griff ich nach seiner Schattenhand.

Was weiter geschah, weiß ich kaum. Als ich mich wieder auf mich selbst besann, saß ich auf einem Stuhl in dem hinter dem Podium des Saales befindlichen Zimmer, in dem wir unsere Überkleider abzulegen pflegten. Ich sei krank geworden – so war mir, als hätte ich drinnen noch gesagt.
Ein Licht mit langer Schnuppe brannte auf dem Tische; die matt erleuchteten Wände des Zimmers, die vielen dunkeln Kleider, die überall umherlagen: es sah recht öde aus. – So hatte ich einst als Knabe gesessen, nur nicht so ganz vernichtet; auch fühlte ich, daß jetzt meine Augen trocken waren, und niemand pochte an, der mich zu meinem Vater schicken wollte. Ich war ja jetzt ein Mann – – ›Mein armer, lieber Junge!‹ – – wie lange war er tot, der diese Worte einst gesprochen hatte!
Da drang aus dem Saale drüben ein wirres Stimmengetöse zu mir her. – Ich weiß nicht, hatte ich es vorhin nur nicht gehört, oder war es eben erst hervorgebrochen; aber wie jähes Entsetzen fiel es mich an; es jagte mich aus dem Zimmer, aus dem Hause. Barhaupt, ohne Mantel rannte ich auf die Straße hinaus und weiter, ohne umzusehen, durch das Tor ins Freie. Der Stadt zunächst standen alte Lindenalleen; dann kam die breite wüste Landstraße. Ich wanderte immer weiter, ohne Zweck, ohne Gedanken; nur die Angst vor der Welt, vor den Menschen fieberte mir im Gehirn.
Weit hinter der Stadt führte die Straße über eine Anhöhe, die nach der einen Seite jählings in die Tiefe schoß. Unten ging ein reißendes Wasser; es rauschte fortwährend neben mir dahin. Ich weiß noch wohl, im Osten stand die schmale Mondsichel; sie leuchtete nicht, aber sie zeichnete sich scharf auf dem dunkeln Nachthimmel ab; es war fast finster auf der Erde. – Als ich den höchsten Punkt erreicht hatte, bemerkte ich einen großen Feldstein, der dort oberhalb des Wassers unter einem Baume lag; ich wußte nicht weshalb, aber ich setzte mich darauf. Es war noch früh im März; die Zweige über mir waren noch nackt und schlugen im Nachtwind aneinander; dann und wann fielen Tropfen in mein Haar und rieselten kühl über mein Gesicht. Aber hinter mir in der Tiefe rauschte das Wasser, unaufhörlich, eintönig, zum Schlaf verlockend wie ein Wiegenlied.
Ich hatte den Kopf gegen den feuchten Stamm gelehnt und lauschte der verführerischen Melodie der Wellen. ›Ja‹, dachte ich, ›schlafen! Wer nur schlafen dürfte!‹- Und wie Stimmen tauchte es auf und rief zu mir empor: ›Ach, unten, da unten die kühle Ruh!‹ Immer bestrickender in Schuberts süßen, schwermütigen Tönen drang es mir ans Herz. – Da hörte ich Schritte aus der Ferne, und plötzlich, wie wach geworden, sprang ich auf. Ich war ja nicht jener lyrische Müllergesell des Schubertschen Gesanges, ich war eines tüchtigen, praktischen Mannes Sohn, an so etwas durfte ich auch jetzt nicht denken!
Und immer näher von der Gegend der Stadt her kamen die Schritte auf mich zu; daneben erkannte ich noch andere, trippelnde, wie von einem kleinen Hunde. Ich zweifelte nicht mehr, sie war es, ihr kleiner Wachtelhund begleitete sie; es gab noch eine Menschenseele, die mich nicht vergessen hatte! Das Herz schlug mir in den Hals hinauf; ich weiß nicht, war’s vor Freude, oder war’s die Angst, daß ich mich dennoch täuschen könne. Aber da kam schon aus dem Dunkel wie ein Lichtstrahl ihre liebe Stimme: ›Herr Valentin! Sind Sie es denn, Herr Valentin?‹
Und beschämt erwiderte ich: ›Ja, Ännchen, ich bin es freilich! – Wie kommen Sie hierher?‹
Sie stand schon vor mir und legte die Hand auf meinen Arm. ›Ich – ich habe in der Stadt gefragt; man hatte Sie aus dem Tore gehen sehen.‹
›Aber das ist kein Weg für Sie; so allein auf der wüsten Straße!‹
›Ich hatte solche Angst; Sie waren krank geworden. Mein Gott, warum sind Sie nicht nach Haus gegangen?‹
›Nein, Ännchen‹, sagte ich, ›ich bin nicht krank geworden; das war eine von den Lügen, welche die Not oder die Scham uns auf die Lippen treibt. Ich hatte nur etwas übernommen, wozu mir Gott die Fähigkeit versagt hat.‹
Da schlangen sich zwei junge Arme um meinen Hals, und Ännchens übermütiges Köpfchen lag schluchzend an meiner Brust. – ›Und wie Sie aussehen!‹ flüsterte sie. ›Sie haben keinen Hut auf dem Kopfe, keinen Mantel!‹
– ›Ja, Ännchen – ich habe das wohl vergessen, da ich fortging.‹
Und die kleinen Hände umschlossen mich noch fester. – Es war so still im weiten dunkeln Felde; der kleine Hund hatte sich zu unsern Füßen gelagert. Wenn eines Menschen Auge uns jetzt erblickt hätte, er würde geglaubt haben, es sei ein Bund fürs Leben hier geschlossen worden. Und es war doch nur ein Abschied.« – Der stille Mann blickte bei diesen Worten in sein Glas, das er vorhin ergriffen hatte, als könnten aus dessen Grunde die Träume seiner Jugend auferstehen. – Durch das Fenster, dessen einer Flügel offenstand, tönte aus der Luft herab der Schrei eines vorüberziehenden Vogels. – Er blickte auf. »Hörten Sie das?« sagte er. »Ein solcher Schrei von Wandervögeln trieb uns auch in jener Nacht nach Hause. Wir gingen dann den ganzen Weg noch Hand in Hand.
– – Am andern Morgen stieg auch die alte Signora Katerina aus ihrem Mansardenkäfig zu mir herab. Sie war völlig außer sich. ›Und vor diesen Kleinstädtern!‹ rief sie. ›Sie wissen nur nicht aufzutreten, Monsieur Valentin! Sehen Sie, so – so trat ich zu meinen Zeiten vor die Lampen!‹ Und sofort stand sie, mit ihrem Schal drapiert, in einer heroischen Attitüde vor mir da. ›Ich möchte den sehen, der mir die Kehle hätte zuschnüren wollen! Selbst vor dem großen Meister hab ich nur ein weniges gezittert.‹
Allein, was half das mir! – Noch am selben Tage erfuhr ich überdies, daß mein alter Lerngenosse sich ebenfalls als Musiklehrer dort niederzulassen gedachte. Es mochte ihm mit seinem Virtuosentum auf die Dauer nicht geglückt sein; aber er besaß doch, was mir fehlte. Ich wußte wohl, ich mußte gehen.
Schon nach wenigen Tagen half Ännchen mir meine kleinen Kisten packen, und manche Träne aus ihren mitleidigen Augen fiel dabei auf meine alten Bücher; ich mußte zuletzt sie gar noch selber trösten.
– Wohin ich meine Schritte richten sollte, darüber war ich nicht in Bedenken; ich besaß hier in meiner Vaterstadt zwar nicht Haus und Hof, aber eben vor dem Tor doch meiner Eltern Grab. – Als ich, hier angelangt, meine Habseligkeiten wieder aus den Kisten packte, fand ich unter meinen Noten das wohlbekannte Kristalldöschen bis zum Rande voll von Pfefferminzpastillen. – Die gute Signora Katerina – sie hatte mir doch den Ehrenpreis noch reichen wollen.
Aber es ist zu spät«, sagte er, jetzt plötzlich aufstehend, indem er eine große goldene Uhr aus seiner Tasche zog; »weit über Bürgerbettzeit! Was werden meine alten Bleichersleute denken!«
»Und Ännchen?« fragte ich. »Was ist aus der geworden?«
Er war eben beschäftigt, die lange Pfeife wieder an den Haken zu hängen, von dem ich sie vorhin für ihn herabgenommen hatte. Jetzt wandte er sich zu mir, und in seinem Antlitz stand wieder das stille, kindliche Lächeln, das ihn so sehr verschönte.
»Aus Ännchen?« wiederholte er. »Was immer aus einem übermütigen jungen Mädchen werden sollte, eine ernste Frau und Mutter. Nachdem sie unserer Signora ihren schweren Abtritt von der Erdenbühne durch treue Pflege, wie ich es hoffen will, ein wenig tröstlicher gemacht hatte, hat sie zwar keinen Prinzen, aber doch, was sie auch noch der alten Freundin demütig eingestanden, einen braven Schullehrer geheiratet. Sie wohnen seit Jahren hier am Ort; vorhin, da Sie mich trafen, kam ich just aus ihrer Wohnung.«
»So ist also Ännchen die Mutter Ihrer Lieblingsschülerin?«
Er nickte. »Nicht wahr, das Leben ist ganz leidlich mit mir umge- gangen? – Aber nun gute Nacht, vergessen Sie den Bürger nicht!« Er nahm seinen grauen Hut und ging.
Ich hatte mich ins offene Fenster gelegt und rief ihm noch eine »Gute Nacht!« zu, als er unten aus der Haustür trat, und sah ihm nach, wie er zwischen den schwach brennenden Laternen die Straße hinabeilte und endlich in der Finsternis verschwand.
Die nächtliche Stille war schon völlig eingetreten. Zwischen dem Dunkel der Erde und der dunkeln Kluft des Himmels lag das schlummernde Menschenleben mit seinem ungelösten Rätsel.

Etwa acht Tage später befand ich mich auf dem Wege nach dem Bleicherhäuschen. Schon ehe ich es erreicht hatte, hörte ich von dorther Klaviermusik. ›Ei‹, dachte ich, ›jetzt fängst du ihn in voller Begeisterung über seinem Mozart!‹ Als ich aber durch die offene Haustür eingetreten und vor dem Zimmer meines Freundes stehen- geblieben war, hörte ich, daß drinnen Schuberts moments musicals gespielt wurden; auch war es keine Männerhand, welche diese Töne hervorrief.
»Portamento, nicht staccato!« sagte jetzt die Stimme meines Freundes.
Aber eine andere, jugendliche, von besonders reinem Klange antwortete: »Ich weiß wohl, Onkel; aber klingt das Staccato hier nicht viel, viel schöner!«
»Ei, du Guckindiewelt!« hieß es wieder, »schreib erst selber so etwas, dann kannst du’s halten, wie du willst.«
Noch eine kleine Stille; dann folgte ein Portamento, ich sah es ordentlich, wie die jungen Finger den Ton von einer Taste zu der andern trugen.
»Und nun noch einmal, ob du’s sicher hast!«
Und nun kam es noch einmal, und in vollkommener Sicherheit.
Vor mir an der Tür klebte heute ein augenscheinlich neuer Zettel:

Und sie genas! Wie sollt ich Gott nicht loben;
Die Erde ist so schön,
Ist herrlich doch, wie seine Himmel oben,
Und lustig drauf zu gehn!

Der Vers war aus dem Wandsbecker Boten; ich kannte ihn wohl, aber Freund Valentin hatte sich diesmal eine kleine Änderung gestattet; denn der alte Asmus sprach in jenem Gedichte doch nur von seiner eigenen Genesung.
Als ich, solches erwägend, die Tür öffnete, sah ich neben Valentin ein noch kindliches Mädchen am Klavier sitzen, die mit großen aufmerkenden Augen zu ihm aufblickte.
Mit seinem lieben, jetzt etwas verlogenen Lächeln war er aufgestanden.
»Unsere kleine Sitzung neulich ist Ihnen doch wohl bekommen?« fragte ich, ihm die Hand reichend.
»Mir?« erwiderte er. »Oh, vortrefflich! Aber Ihnen? Ich mag recht viel erzählt haben; Sie wissen, so zu zweien und beim guten Glase!« Er sagte das fast flüsternd, und als müsse er Entschuldigung für sich erbitten, während seine blaßblauen Augen mit einem unbeschreib- lichen Ausdruck von Innigkeit auf mich gerichtet waren.
»Im Gegenteil«, sagte ich, »ich bin noch nicht zufrieden; Sie werden noch mehr erzählen müssen! Aber«, fügte ich leiser hinzu, »erst beenden Sie Ihre Stunde mit Ihrem Liebling dort! – denn sie ist es ja doch wohl! – Ich suche mir derweil den Bürger von Ihrem Bücherbrett.«
Er nickte eifrig. »Wir sind gleich zu Ende!« und ging wieder zu seiner Schülerin.
Ich suchte unter seinen kleinen Bücherschätzen und hatte bald die beiden Chodowiecki-Bürger gefunden, von denen ich auf gut Glück das eine Exemplar für mich herauszog. Während ich das Titelbild betrachtete, wo der große Balladendichter in einer Allongenperücke auf offenem Markt die Harfe schlägt, und dabei die moments musicals mir in die Ohren tönten, war eine Magd mit Kaffeegeschirr und Kuchenteller in die Stube eingetreten.
Sie spreitete eine blütenweiße Serviette über den Sofatisch und setzte alles dort zurecht; zwei blau und weiße Tassen standen bald neben der Bunzlauer Kaffeekanne; aber auf einen sehr geschickt von Valentin gegebenen Wink erschien noch eine dritte. Das hatte ich noch bemerkt, als ich auf dem vorgebundenen weißen Blatte meines Büchleins ein geschriebenes Gedicht entdeckte, das meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm; es waren nur kindliche, einfältige Verse, und dennoch, wie Frühlingsatem wehte es mich daraus an.

Du liebe schöne Gotteswelt,
Wie hast du mir das Herz erhellt!
So schaurig war’s noch kaum zuvor,
Da taucht ein blauer Schein empor;
Der Rasen hauchet süßen Duft,
Ein Vogel singt aus hoher Luft:
»Wer treuen Herzens fromm und rein,
Der stimm in meine Lieder ein!«
Da sang auch ich in frohem Mut:
Ich wußte ja, mein Herz war gut!

Ich las es wieder und wieder; das waren jene Verse von dem Veilchenplatze! Der ganze Valentin war darin; so kannte ich ihn, so mußte auch der junge einst gewesen sein.

Und da stand er selber vor mir, das schlanke, etwas blasse Mädchen mit dem glänzend braunen Haar an seiner Hand. »Ja«, sagte er, »das ist meine liebe Marie; wir feiern heut zum ersten Male wieder unsern Sonntagnachmittag; und, in der Tat, es macht mir riesig Freude, daß auch Sie dazu gekommen sind!« Dann aber, das Buch mit dem beschriebenen Blatt in meiner Hand erblickend, errötete er plötzlich wie ein Mädchen. »Nehmen Sie das andere Exemplar für sich«, sagte er, »ich bitte darum, die Stiche sind ungleich kräftiger.«
Aber ich suchte meinen Besitz zu behaupten. »Darf ich nicht dies behalten? Oder trennen Sie sich nicht davon? Ich seh, es ist aus Ihrer Knabenzeit.«
Er blickte mich fast dankbar an. »Ist das Ihr Ernst?« sagte er. »So ist es in guten – in den allerbesten Händen.«
Dann saßen wir zu dreien um den sonntäglichen Kaffeetisch; die kleine Dame machte gar anmutig die Wirtin und hörte im übrigen schweigend unsern Gesprächen zu.
»Also, Freund Valentin«, sagte ich, »noch eines müssen Sie erzählen; auch dieser braune Trank öffnet ja die Lippen der Menschen. Was ist aus Ihrem Veilchenplatz geworden? Sieht ihn die Frühlingssonne noch, oder ist er, wie so manches Schöne, in einen Kartoffelacker umgewandelt?«
Über Valentins Gesicht glitt ein frohes, fast ein wenig schlaues Lächeln. »Sie wissen wohl noch nicht«, sagte er, »daß ich ein heimlicher Verschwender bin!«
»Oho, Freund Valentin!«
»Doch, doch! Der Platz gehörte einem alten Sonderling. Ich bin sein Erbe geworden; das heißt, ich habe aus seinem Nachlaß dieses unnütze Grundstück um blankes Silbergeld erstanden. – Aber nicht wahr, Marie?« und er nickte seinem Liebling zu, »wir beide kennen seinen Wert, wir wissen auch, zu welchem Geburtstage wir notwendig dort die Veilchen pflücken müssen!«
Da legte das schlanke Mädchen den Kopf auf seine Schulter und schlang die Arme um seinen Hals. »Zu Mutters Geburtstage«, sagte sie leise; »aber Onkel, das ist jetzt noch lange hin.«
»Nun, nun, es wird ja wieder Frühling werden!«
»Das wolle Gott, Freund Valentin!« sagte ich. »Darf ich dann mitgehen und die Kränze binden helfen?«
Zwei Hände streckten sich mir entgegen: die eine war schlank und schön und jung, die andere – ich wußte es, das war eine treue Hand.

Ich bin nicht hingekommen; noch bevor der Winter zu Ende ging, hatte mich das Leben weit von dieser Stadt hinweggetrieben. Noch einmal durch einen gemeinsamen Bekannten erhielt ich einen Gruß von Valentin; noch einige Male, wenn es Frühling wurde, dachte ich an seinen Veilchenplatz, und dann nicht mehr. Andere Gestalten drängten sich herbei, hinter denen allmählich die des stillen Musikanten ganz verschwunden war.
Etwa zehn Jahre später kam ich auf einer längeren Reise durch eine der größeren mitteldeutschen Städte, deren Orchesterverein damals auch in weiteren Kreisen eines wohlverdienten Rufes genoß; nicht allein durch die eigenen tüchtigen Leistungen, sondern ebensosehr, weil die Direktion es verstand, mit ihren verhältnismäßig beschei- denen Mitteln fast für jedes Konzert auch von außen her irgendeinen bedeutenden Künstler mit heranzuziehen.
Es war im Spätherbst und schon Abend, als ich ankam. Ein dort wohnender musikliebender Freund, der mich am Bahnhof erwartet hatte, kündigte mir an, es sei Orchestervereinskonzert heute abend; ich müsse sogleich mit ihm kommen, es sei die höchste Zeit. Ich wußte aus Erfahrung, gegen diesen Enthusiasten war nicht aufzu- kommen, und so übergab ich denn meinen Gepäckschein nebst überschüssigem Reisegerät dem Diener irgendeines Hotels; gleich darauf saßen wir in einer Droschke, die uns gegen doppelten Fuhrlohn in raschem Trabe nach dem mir schon früher bekannten »Museum« brachte. Unterwegs hatte ich noch erfahren, daß für den heutigen Abend eine junge Sängerin gewonnen sei, eine Art von Unicum für klassische Musik, die außerdem die Schrulle habe, sich stets als die Schülerin eines gänzlich unbekannten Menschen aufzuführen.
Das Konzert hatte bei unserer Ankunft schon begonnen, und wir mußten an der geschlossenen Tür des Saales warten, bis die letzten Takte der Hebriden-Ouvertüre verklungen waren. Als die Türen wieder geöffnet wurden, steckte mein Freund mir ein inzwischen von ihm besorgtes Programm in die Brusttasche meines Rockes, zog mich bei der Hand in den gefüllten Saal und hatte bald, ich weiß nicht wie, zwei Plätze für uns frei gemacht. Neben mir saß ein alter weißhaariger Herr mit ein paar dunkeln Augen in dem feinge- schnittenen Gesichte. »Nun also Mozart!« sagte er vor sich hin und faltete die Hände auf dem gelbseidenen Taschentuche, das er über seine Knie gebreitet hatte.
Bald darauf, während ich bei dem hellen Licht der Gaskronen die einfach, aber mit besonderem Farbensinn dekorierten Wände des Saales betrachtete, war gegenüber auf dem Podium die Sängerin aufgetreten: ein blasses Mädchen mit ein Paar dunkeln Flechten an den Schläfen. Das Orchester intonierte die ersten Takte zu der Arie der Elvira aus dem zweiten Akte des »Don Juan«. Und nun hob sie das Notenblatt in ihrer Hand: »In quali eccessi, o numi!« Mir war, als hätte ich niemals einen zugleich so anspruchlosen und so ergreifenden Gesang gehört; der alte Herr an meiner Seite nickte immer nachdrücklicher mit dem Kopfe; das war die Kunst, die alles Erdenleid in Wohllaut löste! Aber dann – wie alles Schöne – war es schon zu Ende, als eben das Ohr am trunkensten lauschte.
Ein paar scharf akzentuierte Bravos flogen durch den Saal, ein vereinzeltes Händeklatschen; aber der Beifall war nicht allgemein. Der flott frisierte Kopf eines vor uns sitzenden jungen Mannes bog sich nach dem alten Herrn zurück. »Was sagst du, Onkel? Hübsche Stimme; aber etwas seltsam; autodidaktisch!«
Der Alte blickte ihn mit sehr feinen Augen an. »So, mein Herr Neffe«, sagte er, »hast du das herausgehört!« Und mit einer höfli- chen Bewegung sich zu mir wendend, setzte er fast feierlich hinzu: »Das war der Mozart, wie ich ihn in meiner Jugend hörte!«
Aber das Konzert ging weiter. »Nun kommen die Kunstversuche des Vereins!« flüsterte an der andern Seite mein Freund mir in die Ohren.
Und so war es in der Tat: ein Geigenquartett von einem lebenden Meister kam zur Aufführung, aber alle Sorgfalt und Sicherheit der Spielenden konnte diesen Kunstfiguren keine Seele einhauchen; ein müdes, zweckloses Umschauen ging durch die Reihen der Zuhörer. Der alte Mozartianer an meiner Seite hatte schon ein paarmal den Ansatz eines Gähnkrampfes in seinem gelbseidenen Schnupftuche verbissen; endlich war denn auch der dritte Satz, und zwar im Fünfachteltakte, glücklich an uns vorbeigehüpft.
Die Spieler traten ab, und die Pulte wurden zurückgesetzt; im Zuhörerraume aber saßen die meisten mit sehr dummen Gesichtern; sie wußten offenbar nicht, was sie aus der Sache machen sollten. – Da trat die junge Sängerin wieder auf das Podium, eine kleine Notenrolle in der Hand. Ihr Antlitz trug einen schalkhaften, fast siegesbewußten Ausdruck, und mir kam schon der Verdacht, sie wolle den modernen Geigencancan durch ein noch entschiedeneres Bravourstück der vox humana aus dem Felde schlagen. –
Ich hatte mich zum Glück geirrt. Es galt ja auch noch nicht einmal eine Orchesterbegleitung: nur der Kapellmeister saß am Flügel, der inzwischen in den Vordergrund geschoben war. Ein paar einleitende Akkorde wurden angeschlagen, und dann begann ein Vorspiel von ebenso großer Einfachheit als süßem Wohllaut; wie ein frohes Aufleuchten flog es plötzlich durch den ganzen Saal, und dann kam es, mit der stillen Gewalt der Menschenstimme:

Du liebe schöne Gotteswelt,
Wie hast du mir das Herz erhellt!

Aber was war denn das? Das kannte ich; das stand ja vorn auf dem weißen Blatt in meinem »Bürger«; das waren ja die Worte meines alten Musikmeisters Christian Valentin. Mein Gott, wie lange hatte ich nicht an ihn gedacht!
Von reinen jugendlichen Tönen getragen, klang es durch den Saal; eine unbeschreibliche Rührung befiel mich. Ob er denn auch die Melodie zu seinen Worten selbst gefunden hatte? – Die Notenrolle in der herabhängenden Hand, stand die Sängerin da; eine Begeisterung, eine hingebende Liebe sprach aus ihrem jungen Antlitz; und jetzt in unaussprechlich süßen Tönen erschollen die letzten Worte:

Da sang auch ich in frohem Mut:
Ich wußte ja, mein Herz war gut!

Eine lautlose Stille herrschte, als sie geendet hatte. Dann aber brach ein stürmischer, nicht enden wollender Beifall los; der alte Herr an meiner Seite hatte, ohne daß ich es bemerkte, meine Hand ergriffen und drückte sie jetzt aufs zärtlichste. »Das ist Seele – Seele!« sagte er und wiegte seinen grauen Kopf. Ich aber riß hastig das Programm aus meiner Tasche; und richtig, da stand der Name meines alten Freundes, zweimal stand er da: zuerst bei dem der jungen Sängerin, die sich als seine Schülerin bezeichnete, dann als Komponist des Liedes, das soeben diesen Raum belebt hatte.
Ich war aufgestanden und blickte um mich her; mir war, als müßte ich irgendwo unter den Zuhörern doch auch ihn selbst entdecken, sein altes liebes Gesicht, um dessen Mund noch immer ein Kinderlächeln spielte. – Es war eine Täuschung: mein alter Freund hatte den süßen Lerchenton seines Jugendliedes nicht gehört, aber auf dem Antlitz der Zuhörer lag es wie eine stille Freude; mir selber war, als sei ich eben nun doch noch mit dem stillen Meister auf seinem Veilchenplatz gewesen.
Von dem noch übrigen Teil des Konzertes hatte ich nicht viel vernommen. Aber auf dem verhaßten Schrägpfühl des Hotelbettes, worauf ich bald wie ein Gekreuzigter ruhte, trösteten mich bis zum endlichen Einschlummern die lieblichen Töne jenes Liedes, die zwischen dem vor den Fenstern tosenden Oktobersturm wie mit Kinderstimmen immer wieder vor meinem innern Ohre hallten. Dabei gaukelte vor den geschlossenen Augen das etwas blasse Antlitz der Sängerin. – – So hatte er es also doch erreicht! Die ganze Kunst der alten Signora Katerina sang mit Glockenstimme aus diesem jungen Menschenkind! Denn keinen Augenblick war ich in Zweifel, wen ich hatte singen hören, obgleich ich mich der Züge jenes zwiefach geliebten Kindes nicht mehr erinnerte und auch der Familienname desselben niemals mir bekannt geworden war. Ich nenne ihn auch hier nicht. Zwar machte sie damals von sich reden, ja sie stellte sogar für eine kurze Zeit die neue und die alte Musikwelt einander in hellem Streite gegenüber; bald aber tauchte sie in die große Menge derer zurück, die ihr Leid und Freud in kleinem Kreise ausleben, von denen nicht geredet wird.
Mein erster Gedanke am andern Morgen war selbstverständlich, sie aufzusuchen und Nachricht von dem fast vergessenen Freunde einzuholen; aber eine unvorhergesehene Verlängerung einiger Geschäfte hinderte mich daran. Da half der Freund, der mich gestern so entschlossen ins Konzert geführt hatte und nach Beendigung desselben ziemlich treulos von mir verlassen war. In seinem Hause traf ich abends mit ihr zusammen.
Es waren viele Gäste dort versammelt; wie ich bald bemerkte, lauter Musikfreunde reinsten Stiles; auch mit dem alten Mozartianer von gestern vollbrachte ich ein verständnisvolles Händeschütteln.
Aber dort stand sie selbst, freundlich plaudernd mit einem hübschen Töchterchen des Hauses, von dem sie, wie es schien, soeben als Gegenstand der Anbetung eingefangen war.
Als ich, nach Begrüßung der Hausfrau, ihr von meinem Freunde vorgestellt wurde, legte sie den Arm um den Nacken des Kindes und zog es zärtlich an sich. Eine Weile ruhte ihr Blick prüfend auf meinem Antlitz; dann reichte sie mir die Hand.
»Nicht wahr«, sagte ich, »Sie sind es? Wir feierten einstmals einen Sonntagnachmittag zusammen?«
Sie nickte lächelnd. »Ich habe es nicht vergessen! Mein alter Freund und Lehrer hat noch oft von Ihnen gesprochen; besonders wenn es Frühling ward; Sie wollten ja mit uns nach seinem Veilchenplatze!«
»Mir ist«, erwiderte ich leise, »als seien gestern abend wenigstens wir beide dort gewesen.«
Ein herzlicher Blick flog zu mir hinüber. »Sie waren im Konzert? Oh, das freut mich!« Dann schwiegen wir eine Weile, während sie sich zu dem Kinde hinabbeugte, das sich noch immer an sie schmiegte.
– »Sie haben sich«, begann ich wieder, »im Programm als seine Schülerin bezeichnet; es ist sonst nicht die Weise der Künstlerinnen, mit einem alten Lehrer ihren Ruhm zu teilen!«
Sie errötete tief. »Oh«, rief sie, »ich habe an so etwas nicht gedacht! Ich weiß nicht, weshalb ich es getan; es verstand sich so von selbst, mir ist, als werde ich noch immer von seiner Hand gehalten; ich danke ihm so viel!«
»Aber er selbst«, erwiderte ich, »unser Meister Valentin, was meinte er dazu?«
Sie sah mich mit ihren stillen Augen an. »Das ist es eben«, sagte sie, »er ist schon lange nicht mehr auf dieser Erde.«

Auch die junge Sängerin habe ich nicht wiedergesehen. Hoffentlich ist sie seit Jahren eine glückliche Mutter; und in der Dämmerstunde, wenn die Arbeit ruht und die heilige Stille der Nacht sich vorbereitet, dann öffnet sie wohl auch einmal den Flügel und singt ihren Kindern das süße Lerchenlied des längst verstorbenen Freundes.
Und auch das ist ein gesegnetes Angedenken.


Redaktion: Jonas Rehbaum

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