Textfragmente: DAS PHANTASTISCHE BINOM

DER STEIN IM TEICH

Ein Stein, der in einen Teich geworfen wird, erzeugt konzentrische Wellen, die sich auf der Oberfläche ausbreiten und je nach Entfernungen, die Seerosen, das Schilf am Ufer und ein Papierschiffchen unterschiedlich stark in Bewegung setzen. Der Stein sinkt ab, verstört ein paar Fische und wirbelt schließlich den Schlamm am Boden auf. Nicht anders erzeugt ein zufällig ins Bewusstsein geworfenes Wort Wellen an der Oberfläche und in der Tiefe. Nehmen wir das Wort „Stein“. Wenn es in das Bewusstsein eintaucht, zieht es Wörter nach sich, stößt mit Wörtern zusammen oder weicht ihnen aus. Es löst Assoziationen und Bilder aus. Zum Beispiel Mit allen Wörtern, die mit ’s‘ beginnen. Mit allen Wörtern, die sich auf Stein reimen. Mit allen Wörtern, die ihm bedeutungsmäßig nahe stehen. Ein Wort stößt aus Trägheit auf ein anderes. Das ist nicht viel. Aber es kann schon helfen, sich an ein „Damals“ zu erinnern. Aber die Erforschung des Wortes Stein ist noch nicht abgeschlossen. Wir zerlegen das Wort in seine Buchstaben und legen sie untereinander.

S
T
E
I
N

Jetzt kann ich neben jeden Buchstaben das erstbeste Wort schreiben, dass mir einfällt.

Sardine
Tomate
Esel
Imker
Nelke

Oder ich kann, was vergnüglicher ist, fünf Wörter neben die Buchstaben schreiben, die einen logischen Satz ergeben.

Sieben
Taranteln
Erobern
Ihr
Nest.

Aus diesem Nonsens lässt sich schon ein Gedicht machen.

Sieben Taranteln erobern ihr Nest
Feiern ein fröhliches Erntefest.

Ein phantastisches Thema entsteht aber erst dann, wenn zwei Worte aufeinander stoßen, wenn es zu ungewöhnlichen Paarungen kommt, wenn eine unvorhergesehene Verwandtschaft zwischen den Worten aufleuchtet. Gianni Rodari nennt dies…

DAS PHANTASTISCHE BINOM

Kategorien Über das Schreiben
Janosz Rehbaum

Janosz Rehbaum wurde in Breslau geboren, wuchs aber in München auf. Er studierte Germanistik & Philosophie in Heidelberg und Tel Aviv und war lange Jahre zu Forschungszwecken für das Goethe-Institut in diversen Ländern unterwegs. Seit 2009 lebt er in Bern, Schweiz. Janosz Rehbaum betreibt dort ein kleines Antiquariat und arbeitet als Sachverständiger. Einer seiner Lieblingsfilme ist "Die neun Pforten" und wünscht sich immer mal wieder auch ein solches Leben zu führen. Allerdings ohne die Unmengen von Alkohol. In seiner Freizeit widmet er sich dem Paragliding. Ab 2016 wird er seine Aktivitäten im Magazin ausbauen und betreut das Buchprojekt Weltenschöpfer.

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