Schlagwort: Wahljahr

Was zur Wahl steht oder auch nicht

Wie stolz waren wir auf unsere Individualität. Ein jeder fläzte sich in seine Ecke hinein und war eine Welt für sich, die nur von ihm selbst verstanden wurde, die eigensinnig ihre eigene Bahn ging, den Andern fern und jedenfalls anders als die Andern.

Eduard Graf von Keyserling, | Gemälde von Lovis Corinth | Neue Pinakothek, München | 1900

Wir schlossen uns voneinander ab. Was wusste der Handwerker von dem Akademiker, der Landwirt vom Beamten, der Künstler vom Bundeswehrsoldaten? Sie lebten alle auf ihrer eigenen Insel, von der nur schmale Brücken zu den Inseln der Andern führten. Dass wir eine Gemeinschaft waren, wussten wir, zuweilen war der eine oder der andere stolz darauf. Den Meisten jedoch war die Bundesrepublik Deutschland ein politischer Begriff oder lediglich Ordnungsmaschine für all die Individualinteressen der deutschen Allgemeinheit.

Und jetzt in diesem Augenblick, jetzt plötzlich denken viele von uns einen Gedanken, fühlen eine Leidenschaft, haben einen Willen. In dem differenziertesten wie in dem einfachsten Menschen erwacht etwas, das sie einander gleich macht, sie nah zueinander führt, mühelos verstehen sie einander, als hätten sie die gemeinsame Muttersprache vergessen und fänden sie nun wieder.
Wir fühlen uns als ein Volk. Und der Deutsche entdeckt, dass dieses Gefühl eine unwiderstehliche, mystische Kraft ist, etwas ganz Heißes und Lebendiges, etwas, das stark und einfach macht.

Dieses Gefühl, wie ein Wunder in großer Unruhe geboren, ist zwingend wie die Liebe, aber eine Liebe, die den Einzelnen über sich selbst erhebt, damit er sich Eins wisse mit seinem Mitmenschen. | Was zur Wahl steht oder Traum bleibt.

Gedanken, inspiriert durch Eduard Graf Keyserling