Schlagwort: Symbolismus

Die nachdenkliche Frau | Léon Spilliaert trifft Lou Andreas-Salomé

Des Nachts bisweilen, wenn der Sturm sich erhob, oder wenn oben im Giebelraum das Brustkind weinte und die Fischersfrau es in den Schlaf sang, vielleicht an den Mann denkend, dessen Boot im Sturm schaukelte – dann kam über Anneliese sehr stark das Gefühl von dieser sie umkreisenden, eigentlichen Wirklichkeit, und dann wollten ihr die beiden kleinen Stuben unten mit ihrem Muschelkram und den fremden Betten vorkommen wie ein bloß geliehenes Glück – Glücksobdach für kurze, ganz kurze Ferienwochen.

[Aus: Lou Andreas-Salomé: Das Haus von 1921 | Kapitel 15]

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Titelbild: Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

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Vissersvrouw nadenkend | Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

 

Ferdinand Hodler & Stefan George | Die Nacht(wachen)

Sieben Schlafende sind um einen aufgewachten, aufgeschreckten, nackten Mann platziert. Auf diesem wiederum kniet eine von einem Tuch verhüllte Figur. Die Personen verteilen sich auf die gesamte Bildfläche und sind umgeben von einer kargen und steinigen Landschaft. Die Nacht scheint wie ausgeleuchtet,einige Figuren sind heller als andere; einen Schatten wirft jedoch keine von ihnen. Der Schweizer Maler hat sich selbst zwischen seiner Frau Bertha Stucki und seiner Geliebten Augustine Dupin dargestellt. Es ist neben „Der Tag“ eines der bekanntesten Bilder Hodlers in der Sammlung. | Im Original zu sehen ist es das 1889/90 entstandene Werk im Kunstmuseum Bern.
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Ferdinand Hodler | Der Tag | 1. Fassung 1900
Ferdinand Hodler | Die Nacht 1898/90

Stefan George | Nachtwachen I-V

Deine stirne verborgen halb durch die beiden
Wölkchen von haaren (sie sind blond und seiden)
Deine stirne spricht mir von jugendlichem leide.

Deine lippen (sie sind stumm) erzählen die geschichte
Der seelen verurteilt in gottes gerichte.
Erregender spiegel (dein auge) spiel damit nicht!

Wenn du lächelst (endlich flog über dir der Schlummer her)
Dein lächeln gleicht dem weinen sehr
Und du neigst ein wenig dein haupt von kummer schwer.

Nicht nahm ich acht auf dich in meiner bahn
In zeiten feucht und falb worin der wahn
Des suchens fragens sich verlor.

Kann jemand in den zeiten feucht und falb
Am dunklen tore harren meinethalb ?
Nun denk ich dein weil unterm dunklen tor

Wo ängstend säule und gemäuer knarrt
Du meinethalben mein geharrt
Als niemand ging und als es schweigsam fror.

Welche beiden mitternächte
Als der selber schmerzdurchbohrte
An der dulderin sich rächte !

Dass dein blick sich weich umflorte
Dass dein wink ihr mildrung brächte !
Eines sah des andren wunden

Durch des dunkels dichte mahne
Zucken rieseln unverbunden . .
Und nicht wort nicht träne.

Erwachen aus dem tiefsten traumes-schoosse
Als ich von langer Spiegelung betroffen
Mich neigte auf die lippen die erblichen

– Ertragen sollet ihr nur mitleidgrosse !
Seid nur aus dank den euch geweihten offen –
Und die berührten dann in solchen gluten

Die antwort gaben wider höchstes hoffen
Dass dem noch zweifelnden die sinne wichen .
O rinnen der glückseligen minuten !

Wenn solch ein sausen in den wipfeln wühlt
Ist es nicht mehr als dass ein sehnen drohe
Durch blaue blicke · blumen blonde frohe ?

Wenn solch ein branden um die festen spült
Dass du verlassen irrend an dem Strand
Die rettung suchst in leerer himmel brand ?

Dass ich wie nie dich blass und bebend finde ·
Kaum mehr noch als am wegesrand die blinde
Die unbeachtet ruft im lauten winde . .

Aus: Stefan George | Das jahr der Seele

Das Jahr der Seele ist der Titel eines 1897 erschienenen zyklischen Gedichtbandes von Stefan George. Die Sammlung gilt als das bedeutendste Werk seiner ersten Schaffensperiode und als Versuch, die Naturpoesie unter den Bedingungen der Moderne zu erneuern.

Künstler und Fabelwesen — Jacek Malczewski

Artist and Chimera — Jacek Malczewski
Artist and Chimera — Jacek Malczewski

Jacek Malczewski (* 15. Juli 1854 in Radom; † 8. Oktober 1929 in Krakau) war ein polnischer Maler des Modernismus und Symbolismus. Malczewski malte zunächst ländliche Genrebilder und realistische Historiengemälde im Stil der Romantik in überwiegend dunklen Farben unter dem Einfluss Arthur Grottgers. Um 1890 begann er sich dem Symbolismus zuzuwenden, blieb inhaltlich jedoch den historischen Themen treu. Zu seinen berühmtesten Bildern gehören Śmierć Ellenai (Der Tod Helenas, 1883), Wigilia na Syberii (Heiligabend in Sibirien, 1892), Melancholia (Melancholie, 1890–1894) und Błędne koło (Der Teufelskreis, 1895–1897). Außerdem malte er eine Reihe von Selbstporträts.

Trotz seiner zahlreichen Auslandsaufenthalte (Frankreich, Deutschland, Österreich, Italien, Griechenland, Türkei) beeinflussten ihn am stärksten die polnische Kunst und Folklore. Durch sein Werk wurde er um die Jahrhundertwende zu einer zentralen Figur der Bewegung Junges Polen. – Quelle: wikipedia

Mannsbilder: Portrait des Stanislaw Bryniarski – Jacek Malczewski

 Jacek Malczewski
Jacek Malczewski

Jacek Malczewski (* 15. Juli 1854 in Radom; † 8. Oktober 1929 in Krakau) war ein polnischer Maler des Modernismus und Symbolismus. Malczewski malte zunächst ländliche Genrebilder und realistische Historiengemälde im Stil der Romantik in überwiegend dunklen Farben unter dem Einfluss Arthur Grottgers. Um 1890 begann er sich dem Symbolismus zuzuwenden, blieb inhaltlich jedoch den historischen Themen treu. Zu seinen berühmtesten Bildern gehören Śmierć Ellenai (Der Tod Helenas, 1883), Wigilia na Syberii (Heiligabend in Sibirien, 1892), Melancholia (Melancholie, 1890–1894) und Błędne koło (Der Teufelskreis, 1895–1897). Außerdem malte er eine Reihe von Selbstporträts.

Trotz seiner zahlreichen Auslandsaufenthalte (Frankreich, Deutschland, Österreich, Italien, Griechenland, Türkei) beeinflussten ihn am stärksten die polnische Kunst und Folklore. Durch sein Werk wurde er um die Jahrhundertwende zu einer zentralen Figur der Bewegung Junges Polen. – Quelle: wikipedia

Hans Balluschek – Der Tod – 1895

Hans Baluschek - Der Tod - 1895
Hans Baluschek – Der Tod – 1895

Hans Baluschek (* 9. Mai 1870 in Breslau; † 28. September 1935 in Berlin) war ein deutscher Maler, Grafiker und Schriftsteller. Er gehörte zur Berliner Secession und war nach 1920 aktives Mitglied der SPD.
Baluschek war ein Hauptvertreter des deutschen kritischen Realismus, wobei Baluschek selbst jede Form des „-ismus“ für seine Kunst ablehnte, und stellte anklagend das Leben des Proletariats dar. Seine Bilder beschäftigten sich entsprechend vor allem mit den Menschen des Arbeiterstandes in Berlin.
Bekannt wurde er vor allem durch seine Gemälde und Illustrationen von Büchern wie Peterchens Mondfahrt und verschiedenen Zeitschriften. – Quelle_ Wikipedia

 

Edgar Allan Poe – Vier Tiere in einem – Der Homo-Kamelopard

Der Homo-Kamelopard
Chacun a ses vertus.
Crébillon’s Xerxes

 Der geflügelte Löwe des Evangelisten Markus ist seit Jahrhunderten das Wahr- und Hoheitszeichen Venedigs (Ausschnitt aus einem Gemälde von Vittore Carpaccio, 1516)

Der geflügelte Löwe des Evangelisten Markus ist seit Jahrhunderten das Wahr- und Hoheitszeichen Venedigs (Ausschnitt aus einem Gemälde von Vittore Carpaccio, 1516)

Antiochus Epiphanes wird im allgemeinen als der Gog des Propheten Ezechiel betrachtet. Eigentlich gebührt aber dem Kambyses, dem Sohne des Cyrus, diese Ehre. Und in der Tat hat das Charakterbild des syrischen Monarchen in keiner Hinsicht irgendwelche fremden Verschönerungen notwendig. Seine Thronbesteigung oder, besser gesagt, der Gewaltakt, mit dem er, hunderteinundsiebzig Jahre vor Christi Geburt, die Herrschaft an sich riß, sein Versuch, den Tempel der Diana in Ephesus zu plündern, seine unnachsichtige Feindschaft gegen die Juden, seine Entweihung des heiligsten Heiligtums, sein elender Tod zu Taba nach einer wildbewegten Herrschaft von elf Jahren: all das sind so stark in die Augen fallende Umstände, daß sie von den Geschichtsschreibern seiner Zeit mehr in Betracht gezogen wurden als die gottlosen, feigen, grausamen, albernen und phantastischen Taten, die bei einer klaren Darstellung seines Privatlebens und deines Rufes nicht fehlen dürfen.

* * *

Stellen wir uns nun, teuerster Leser, vor, daß wir uns im Jahre Dreitausendachthundertdreißig befinden. Stellen wir uns für kurze Zeit weiter vor, daß wir uns in der allertollsten Stadt menschlichen Wohnens, im großen Antiochien befinden. Zwar gab es in Syrien und in andern Ländern sechzehn Städte desselben Namens, außer dem Antiochien, von dem wir hier sprechen. Aber unsrer Stadt ward allgemein der Name Antiochia Epidaphne beigelegt, da sie in der Nähe des kleinen Dorfes Daphne lag, wo der Tempel dieser Gottheit stand. Der Erbauer war Seleukus Nikator (obwohl allerdings darüber Meinungsverschiedenheiten bestehen), der erste König des Landes nach Alexander dem Großen; die Gründung wurde zum Gedächtnis seines Vaters Antiochus so genannt und wurde sogleich die Residenzstadt der syrischen Könige. In den blühenden Zeiten des römischen Kaiserreichs war sie gewohnheitsmäßig der Aufenthaltsort der Präfekten der orientalischen Provinzen. Viele von den Kaisern der weltbeherrschenden Stadt (unter denen wir ganz besonders Verus und Valens nennen wollen) verbrachten hier den größten Teil ihres Lebens. Aber siehe, wir sind ja schon in der Stadt selbst. Wir besteigen die Zinne dort und werfen einen Blick auf die Stadt und ihre Umgebung.

»Welch breiter und schnell dahinschießender Fluß bahnt sich vor unserm Auge in unzähligen Wasserfällen seinen Weg durch die Bergwildnis und zum Schluß durch das Chaos der Gebäudemassen?«

»Das ist der Orontes, außer dem Mittelmeer die einzige in Sicht liegende Wasserfläche, die gleich einem ungeheuren Spiegel sich etwa zwölf Meilen südwärts erstreckt. Jedermann hat wohl das Mittelmeer schon gesehen, aber wenige haben noch einen Blick auf Antiochia geworfen. Wenn ich von wenigen spreche, so meine ich, wenige von denen, die, gleich dir und mir, die Vorteile moderner Erziehung genossen haben. Höre also auf, nach jenem Meer hinzublicken, und wende deine ungeteilte Aufmerksamkeit dem Häusermeere zu, das sich uns zu Füßen ausbreitet. Aber vergiß bitte nicht, daß wir jetzt das Jahr Dreitausendachthundertdreißig schreiben. Wäre es später (ständen wir zum Beispiel im Jahre Achtzehnhundertfünfundvierzig), so würden wir auf den Genuß dieses außerordentlichen Anblickes verzichten müssen. Im neunzehnten Jahrhundert befindet sich Antiochia – das heißt, Antiochia wird sich befinden – in einem Zustand jammervollen Verfalles. Wir würden es durch drei, zu verschiedenen Zeiten stattgehabte Erdbeben vollständig zerstört finden. Das Wenige, was von der früheren Stadt noch übrig geblieben wäre, würde so zerstört und verwahrlost sein, daß der Patriarch seine Residenz nach Damaskus verlegt hätte. Also gut. Ich sehe, daß Sie meinen Rat befolgen und Ihre Zeit gut benützen, indem Sie sich gründlich umsehen und

… über die Reliquien

Und Ruhmeszeichen, die dort jene Stadt auszeichnen,

Die Augen schweifen lassen.

Ich bitte um Entschuldigung, ich hatte vollkommen vergessen, daß Shakespeare erst in siebenhundert Jahren leben wird. Aber habe ich nicht recht, wenn ich behaupte, daß Epidaphne grotesk sei?«

»Es ist wohl befestigt; Kunst und Natur wetteifern darin, es zu beschützen.«

»Das stimmt.«

»Eine überraschend große Anzahl stolzer Paläste zieren es.«

»Jawohl.«

»Und die zahlreichen prunkvollen und glänzenden Tempel können sich wohl mit den hervorragendsten des Altertums messen.«

»Auch dies muß ich zugeben. Immerhin gibt es hier eine Menge Lehmhütten und unsauberer Schuppen. In jedem Loch und in jeder Ecke bemerken wir Unrat, und wenn nicht die überall schwebenden Weihrauchwolken wären, so zweifle ich nicht, daß wir unter einem unausstehlichen Gestank zu leiden hätten. Haben sie jemals so unausstehlich enge Straßen, so unglaublich hohe Häuser gesehen? In welche Düsterkeit hüllen ihre Schatten alles! Man tut wohl daran, die Hängelampen in den endlosen Kolonnaden den ganzen Tag über brennen zu lassen, sonst würden wir hier die ägyptische Finsternis in ihrem schlimmsten Stadium haben.«

»Ein merkwürdiger Ort. Was soll jenes erstaunliche Gebäude dort drüben bedeuten? Sehen sie nur. Es überragt alle andern und liegt östlich jenes Bauwerks dort, das ich für den königlichen Palast halten möchte.«

»Das ist der neue Tempel der Sonne. Sie wird in Syrien unter dem Namen Elah Gabalah angebetet. Später wird ein sehr berühmter römischer Kaiser diesen Sonnendienst nach Rom bringen und daher seinen Beinamen Heliogabalus führen. Ich glaube, daß Sie gern einen Blick auf die in diesem Tempel herrschende Gottheit werfen würden. Sie brauchen Ihre Augen nicht zum Himmel zu erheben. Die Sonnenmajestät, wenigstens die von den Syriern verehrte, ist nicht dort. Diese Gottheit finden wir im Innern des Gebäudes. Sie wird in der Gestalt eines großen Steinpfeilers angebetet, der an seiner Spitze konisch oder als Pyramide endet, wodurch ›Feuer‹ angedeutet werden soll.«

»Hören Sie! – Sehen Sie! – Was können das für lächerliche Wesen sein, die dort halbnackt mit bemalten Gesichtern dem Pöbel zurufen und gestikulieren?«

»Einige von ihnen sind Charlatane, andre Philosophen. Die meisten jedoch und besonders diejenigen, die die Volksmenge mit Knüttelschlägen traktieren, sind die hervorragendsten Höflinge, die, wie es ihre Pflicht ist, irgendeinen lobenswerten Ulk, den sich der König ausgedacht hat, ausführen.«

»Aber was ist denn dort? Du lieber Gott! Die Stadt ist ja von wilden Tieren durchschwärmt. Welch fürchterliches Schauspiel. Welch eine gefährliche Sonderbarkeit.«

»Fürchterlich, wenn Sie so wollen, aber durchaus nicht gefährlich. Wenn Sie sich der Mühe unterziehen, den Vorgang genau zu beobachten, so werden Sie bemerken, daß jedes Tier sehr ruhig unter der Aufsicht seines Herrn daherschreitet. Allerdings werden einige von den Tieren an der Leine geführt, aber das sind durchschnittlich die kleineren oder schüchternen Arten. Der Löwe, der Tiger und der Leopard sind vollkommen ungefesselt. Ohne Schwierigkeit sind sie zur Ausfüllung ihres gegenwärtigen Standes dressiert worden und dienen ihren Eigentümern sozusagen als Kammerdiener. Es ist wahr, mitunter bricht bei ihnen die unterdrückte Natur wieder durch – aber, du lieber Gott, das Verschlingen eines Kriegers, das Erwürgen eines geweihten Stieres sind Dinge von zu geringer Wichtigkeit, als daß man sich in Epidaphne besonders darum kümmern würde.«

»Aber was höre ich dort für einen unglaublichen Lärm? Das ist doch sogar für Antiochia ein überlautes Geräusch! Dort muß doch etwas Besonderes vorgehen.«

»Ja, sicherlich. Der König hat ein neues Schauspiel angeordnet, wohl irgendeinen Gladiatorenkampf im Hippodrom oder vielleicht die Abschlachtung der szythischen Gefangenen oder die Niederbrennung seines neuen Palastes oder die Niederreißung eines schönen Tempels oder schließlich ein mit einigen Judenleibern geschürtes Freudenfeuer. Immer größer wird der Lärm. Lachsalven steigen zum Himmel. Die Luft ertönt vom Schalle der Blasinstrumente und erschallt vom Geschrei aus hunderten von Kehlen. Wir wollen doch zu unserm Vergnügen ein wenig herabsteigen und sehen, was vorgeht. Hier hinüber bitte. Vorsicht. Wir sind hier in der Hauptstraße, die den Namen Timarchusstraße führt. Der Menschenstrom kommt von dieser Seite, und es würde uns schwer fallen, der Flut Widerstand zu leisten. Die Menge drängt sich durch die Heraklidenallee, die vom Palast hierher führt; daraus können wir schließen, daß der König wohl unter den Unruhestiftern ist. Freilich, ich höre die Rufe des Herolds, der sein Nahen in der blumenreichen Sprache des Orients verkündigt. Wir werden einen flüchtigen Blick auf ihn werfen können, wenn er am Ashi mahtempel vorüberkommt. Wir wollen die Vorhalle dieses Gebäudes betreten, um dort einen sicheren Platz zu haben. Der König wird gleich hier sein. Inzwischen betrachten wir diese Statue. Gott Ashimah ist es selbst. Sehen Sie, er ist weder als Lamm noch als Ziege noch als Satyr dargestellt. Und dem Pan der Arkadier gleicht er auch nicht. Trotzdem haben die Gelehrten späterer Zeiten sich den syrischen Ashimah in diesen Gestalten vorgestellt – das heißt: sie werden ihn sich so vorstellen. Augen auf! Wie stellt er sich Ihnen dar?«

»Hilf, Himmel! Das ist ein Affe!«

»Stimmt, ein Pavian; sein Name hängt mit dem lateinischen simia zusammen – was für Toren doch die Altertumsforscher sind. Doch sehen Sie, dort – dort eilt ein kleiner zerlumpter Schelm dahin. Wohin läuft er? Was ruft er aus? O! Er verkündet, daß der König festlich einherzieht, daß er sein Staatskleid angezogen hat, daß er eben mit eigener Hand tausend gefesselte israelitische Gefangene getötet hat. Für diese heroische Tat erhebt das Lumpenkerlchen ihn bis zum Himmel. Horch! Dort kommt eine Gruppe von Leuten derselben Sorte. Sie haben eine lateinische Hymne auf die Heldenhaftigkeit des Königs verfaßt und singen sie beim Dahinschreiten:

Mille, mille, mille,

Mille, mille, mille

Decollavimus, unus homo!

Mille, mille, mille, mille decollavimus!

Mille, mille, mille!

Vivat qui mille, mille occidit !

Tantum vini habet nemo,

Quantum fudit sanguinisi! [Fußnote]

Was etwa folgendermaßen zu übersehen ist:

Tausend, tausend, tausend,

Tausend, tausend, tausend

Von uns, durch einen Krieger, vernichtet!

Tausend, tausend, tausend, tausend,

Verkündet, daß tausend der Starke gerichtet!

Der König soll leben!

Die Feinde erbeben!

Ihm, der tausend kalt gemacht,

Ein Hoch dem Königssproß,

Der des Blutes mehr vergoß,

Als Syrien je an Wein gebracht!«

»Hören Sie die Trompetenfanfaren?«

»Ja, der König kommt. Sehen Sie! Das Volk ist außer sich vor Begeisterung, sie erheben ihre Augen verzückt gen Himmel. Er kommt, er naht! Da ist er!«

»Wer? Wo? Der König? Ich kann ihn nicht erblicken, – kann wirklich nicht behaupten, daß ich ihn sehe.«

»Dann müssen Sie blind sein.«

»Wohl möglich. Ich sehe aber wirklich nichts als eine tumultuarische Menge von Idioten und Irrsinnigen, die sich vor einer riesigen Giraffe in den Staub werfen und sich um eine Berührung ihrer Hufe bemühen. Sehen Sie. Eben hat die Bestie einen aus dem Schwarm niedergetreten – noch einen – und noch und noch einen. Ich muß das Tier tatsächlich wegen des geschickten Gebrauchs bewundern, den es von seinen Füßen macht.«

»Dieser Pöbelhaufe. Aber das sind ja die edlen, freien Bürger von Epidaphne! Bestie, sagten Sie? Nehmen Sie sich in acht, daß niemand dies Wort vernimmt. Sehen Sie nicht, daß das Tier ein Menschenantlitz trägt? Mein Lieber, dieser ›Kamelopard‹ ist niemand anders als Antiochus Epiphanes – Antiochus der Große, König von Syrien, der mächtigste aller orientalischen Autokraten. Es ist nicht zu leugnen, daß man ihn auch manchmal Antiochus Epimanes (Antiochus den Tollen) nennt, aber das liegt nur daran, daß nicht alle Menschen fähig sind, seinen Verdiensten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Man muß auch zugestehen, daß er sich augenblicklich in einer Tierhaut verbirgt und sich alle Mühe gibt, die Rolle eines Kameloparden zu spielen; aber das tut er nur, um seine Königswürde mehr zu betonen. Im übrigen ist der König von riesenhafter Gestalt, und darum ist für ihn diese Tracht weder zu groß noch unvorteilhaft. So können wir uns also darauf verlassen, daß er sie nur angenommen hat, um bei einer besonderen Gelegenheit außergewöhnlich prunkvoll aufzutreten. Sie werden doch zugeben, daß die Niedermetzelung von tausend Juden ein würdiger Anlaß dazu ist. Wie hoheitsvoll und würdig wandelt der Monarch auf allen vieren dahin! Sie bemerken, daß seine zwei Lieblingskonkubinen, Elline und Argelais, seinen Schwanz hoch halten. Seine ganze Erscheinung wäre unendlich einnehmend, wenn nicht die Augen so aus dem Kopfe hervorquellen würden und das Gesicht nicht eine so unbeschreiblich widerliche Farbe zeigte – eine Folge des im Übermaß genossenen Weines. Wir wollen ihm zum Hippodrom folgen und dem Triumphgesang lauschen, den er anstimmt:

Wer herrscht außer Epiphanes?

Sagt es mir doch.

Wer herrscht außer Epiphanes?

Hurra! Hoch!

Keiner außer Epiphanes

Im Weltenhaus!

So reißt die Tempel nieder,

Und löscht die Sonne aus!

Schön und wacker gesungen. Die Volksmenge ruft ihm ›Fürst der Dichter‹ ›Ruhm des Ostens‹, ›Wonne des Weltalls‹, ›wunderherrlichster Kamelopard‹ zu. Sie haben nach einer Wiederholung seines Gesanges verlangt, und – hören Sie? er singt ihn noch einmal. Sobald er am Hippodrom angelangt sein wird, wird man ihn mit dem Dichterkranz schmücken, dem Vorläufer des Kranzes, der ihn nach seinem Siege bei den nächsten olympischen Spielen schmücken wird.«

»Aber, beim Zeus, was ist denn in der Menge hinter uns für eine Bewegung?«

»Hinter uns, sagten Sie? O ja! Ich sehe. Es ist gut, mein Freund, daß Sie mich beizeiten darauf aufmerksam machten. Lassen Sie uns schnell ein Planchen gewinnen, wo wir uns in Sicherheit befinden. Verstecken wir uns hier im Bogen dieses Aquädukts, und ich will Sie dort gleich über die Ursache dieser Verwirrung aufklären. Es ist genau so gekommen, wie ich voraussah. Die seltsame Erscheinung der Giraffe mit dem Menschenkopf hat, wie es scheint, das Anstandsgefühl der in der Stadt gezähmten wilden Tiere beleidigt. Die Folge ist ein Aufruhr; und, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ist Menschenmacht nicht imstande, die aufständische Menge zu beruhigen. Schon sind mehrere Syrier zerrissen, aber die allgemeine Stimmung scheint bei den vierfüßigen Patrioten dahin zu gehen, die Giraffe aufzuspeisen. Der ›Fürst der Dichter‹ hat sich daher, um sein Leben zu retten, auf seine Hinterfüße erhoben. Seine Höflinge haben ihn im Stiche gelassen, seine Konkubinen sind diesem edlen Beispiele gefolgt. Dein Zustand ist traurig, ›Wonne des Weltalls‹. Du bist in Gefahr, zerfleischt zu werden, ›Ruhm des Ostens‹. Darum sieh nicht so jammervoll nach deinem Schwanze, er wird ja doch unzweifelhaft durch den Kot gezogen werden, dagegen gibt es nun kein Mittel. Sieh dich nicht um und bekümmere dich nicht um seine unvermeidbare Erniedrigung. Faß dir ein Herz, setze kräftig deine Beine in Bewegung, und fort zum Hippodrom. Vergiß nicht, daß du Antiochus Epiphanes – Antiochus der Große bist und außerdem ›Fürst der Dichter‹, ›Ruhm des Ostens‹, ›Wonne des Weltalls‹, ›der wunderherrlichste Kamelopard‹. Himmel, welche Schnelligkeit du entwickelst. Welche Vollendung in der Kunst des Ausreißens. Gib Fersengeld, Fürst! – Bravo, Epiphanes! – Herrlich hinausgeführt, Giraffe! – Ruhmvoller Antiochus. Er rennt, er springt, er fliegt! Gleich einem vom Katapult geschleuderten Pfeile saust er dem Hippodrom zu! Ein letzter Satz! Ein Schrei! Es ist erreicht! Ein Glück für dich,d^enn hättest du, o ›Ruhm des Ostens‹, auch nur eine halbe Sekunde später die Pforten des Amphitheaters erreicht, so wäre in ganz Epidaphne auch nicht ein Bärenbengel gewesen, der sich nicht ein Mäulchen voll von deinem Kadaver geleistet hätte. Nun aber vorwärts! Wir wollen das Feld räumen, denn unsere empfindlichen modernen Ohren sind außerstande, das lärmende Tosen zu ertragen, das sogleich die Jubelfeier der Königsbefreiung einleiten wird! Horch! Schon beginnt der Lärm. Sehen Sie, die ganze Stadt ist drüber und drunter.«

»Epidaphne scheint wahrlich die volksreichste Stadt des Ostens zu sein! Welch ein Menschengewimmel! Welch ein Wirrwarr von allen Ständen und Altersklassen! Welche unzähligen Völker und Sekten! Welche Verschiedenheit in den Trachten! Was für ein babylonisches Sprachgewirr! Und dies Tiergebrüll! Dies Durcheinanderklingen von Instrumenten! Welch ein Haufe von Philosophen!«

»Nun aber fort!«

»Noch einen kurzen Augenblick! Ich höre dort im Hippodrom wilden Lärm, was kann denn dies schon wieder bedeuten?«

»Nichts Besonderes! Die edlen und freien Bürger Epidaphnes, die, wie sie behaupten, so sehr mit der Treue, dem Mut, der Weisheit, der Göttlichkeit ihres Königs zufrieden sind und überdies soeben Augenzeugen seiner übermenschlichen Behendigkeit waren, halten es für ihre Pflicht, zum mindesten die königliche Stirn des Herrschers neben der Dichterkrone auch noch mit dem Siegeskranz, dem Preis im Wettlauf, zu schmücken. Diese Auszeichnung muß ihm ja doch bei den nächsten olympischen Spielen zufallen, und so wird sie ihm schon heute in sicherer Voraussicht zukünftigen Sieges überreicht.«

Jan Toorop – Niederländischer Maler & Zeichner

Jan-Toorop - Die Begierde und ihre Besänftigung - 1893 - Musée d'Orsay
Jan-Toorop – Die Begierde und ihre Besänftigung – 1893 – Musée d’Orsay

Johannes Theodor Toorop  – * 20. Dezember 1858 in Poerworedjo, (Java) – † 3. März 1928 in Den Haag) niederländischer Maler des Jugendstils und Symbolismus. Toorop war außergewöhnlich vielseitig, wechselte im Lauf seines Lebens mehrfach seine künstlerische Ausrichtung und schuf Werke in einer Reihe ganz unterschiedlicher Stilarten.

Hier einige Beispiele:Weiterlesen

Valerij Brjussow – Rea Silvia – Eine Erzählung des Russischen Symbolismus

I

Francesco Salviati - Portrait vonTotila, von 1549
Francesco Salviati – Portrait vonTotila, von 1549

Maria war die Tochter Rufius‘, des Kalligraphen. Sie war auch noch keine zehn Jahre alt, als Rom am 17. Dezember 546 vom König der Goten, Totila, erobert wurde. Der großmütige Sieger ließ die ganze Nacht Buccinen blasen, damit die Römer die Gefahr erkennen und aus ihrer Stadt fliehen konnten. Totila kannte die Wildheit seiner Krieger und wollte die Bevölkerung der ältesten Hauptstadt der Welt nicht den Schwertern der Goten überliefern. Auch Rufius floh mit seinem Weibe Florentia und seinem Töchterchen Maria. Große Scharen von Flüchtlingen zogen aus Rom die ganze Nacht hindurch die Appische Straße entlang; Hunderte von ihnen brachen unterwegs vor Erschöpfung zusammen. Der Mehrzahl, darunter auch Rufius und seiner Familie, gelang es dennoch, nach Bovillae zu kommen, wo aber viele kein Obdach fanden. Die Römer mußten ein Lager im freien Feld aufschlagen und verzogen sich später auf der Suche nach Unterkunft nach allen Seiten. Die einen gingen in die Campagna, wo sie von den Goten gefangengenommen wurden; die anderen erreichten das Meer und fanden sogar die Möglichkeit, nach Sizilien zu kommen; andere wieder schlugen sich als Bettler in der Umgebung von Bovillae durch oder zogen nach Samnium.

Waleri Jakowlewitsch Brjussow - * 1873 in Moskau; † 9. Oktober 1924 in Moskau - russischer Schriftsteller und Dichter des Symbolismus.
Waleri Jakowlewitsch Brjussow – * 1873 – † 1924 in Moskau – russischer Schriftsteller und Dichter des Symbolismus.

Rufius hatte einen Freund in der Nähe von Corbium. Zu diesem armen Menschen namens Anthimius, der auf seinem kleinen Grundstück die Schweinezucht betrieb, brachte Rufius seine Familie. Anthimius nahm die Flüchtlinge bei sich auf und teilte mit ihnen seine kargen Vorräte. Während seines Aufenthaltes in der ärmlichen Hütte des Schweinehirten erfuhr Rufius von allem Unheil, das Rom betroffen. Totila drohte eine Zeitlang, die Ewige Stadt bis auf die Grundfesten zu schleifen und in eine Viehweide zu verwandeln. Der König der Goten erbarmte sich aber schließlich der Stadt und begnügte sich mit der Verbrennung einiger Stadtviertel und der Plünderung dessen, was die Gier und Wut von Alarich, Geiserich und Ricimer übriggelassen hatten. Im Frühjahr 547 verließ Totila Rom, führte aber alle noch zurückgebliebenen Bewohner mit sich fort. Vierzig Tage war die Hauptstadt der Welt leer: kein einziger Mensch war geblieben, und in den Straßen irrten nur wilde Tiere und verwilderte Haustiere herum. Dann fingen aber die Römer an, schüchtern, einer nach dem anderen, in ihre Stadt zurückzukehren. Nach einigen Tagen wurde Rom von Belisar besetzt und mit den Gebieten des östlichen Reiches wieder vereinigt.

Nun kehrte auch Rufius mit den Seinen nach Rom zurück. Sie fanden auf dem Remurium ihr Häuschen wieder, das die Plünderer wegen seiner Kleinheit verschont hatten. Fast das ganze ärmliche Eigentum der Rufier war noch vorhanden, darunter auch die Bibliothek mit den für den Kalligraphen wertvollen Schriftrollen. Man glaubte schon, die durchgemachten Leiden als einen schweren Traum betrachten zu dürfen und das alte Leben wieder aufnehmen zu können. Alle diese Hoffnungen erwiesen sich aber bald als trügerisch. Der Krieg war noch lange nicht zu Ende. Die Römer mußten auch noch die zweite Belagerung durch Totila durchmachen, und die Bewohner starben wieder zu Hunderten vor Hunger und Mangel an Wasser. Nachdem die Goten die erfolglose Belagerung aufgegeben hatten, verließ auch Belisar die Stadt, und Rom kam unter die Herrschaft des raubgierigen Byzantiners Konon, den die Römer gleichfalls wie einen Feind flohen. Und dann gelang es den Goten, durch einen Verrat der Wachen, Rom zum zweitenmal zu besetzen. Totila ließ diesmal die Stadt nicht nur nicht plündern, sondern versuchte sogar, eine gewisse Ordnung einzuführen und auch die zerstörten Gebäude aufzurichten. Nach dem Tode Totilas wurde Rom schließlich von Narses erobert. Dies war im Jahre 552.

Wie die Rufier diese unglücklichen sechs Jahre überstanden haben, ist schwer festzustellen. In den Jahren des Krieges und der Belagerungen brauchte niemand die Kunst eines Kalligraphen. Niemand ließ sich von Rufius Werke der alten Dichter oder Kirchenväter abschreiben. In der Stadt waren auch keine Behörden mehr, an die man kalligraphisch geschriebene Gesuche hätte einreichen können. Es gab wenig Einwohner, noch weniger Geld und am wenigsten Lebensmittel. Man mußte sich seinen Lebensunterhalt durch allerlei Gelegenheitsarbeit im Dienste der Goten wie der Byzantiner erwerben und mitunter auch als Maurer bei der Instandsetzung der Stadtmauern und als Gepäckträger beim Heere arbeiten. Und trotzdem mußte die Familie nicht nur tage-, sondern auch wochenlang hungern. An Wein durfte man gar nicht denken: man trank das schlechte Wasser aus den Zisternen und aus dem Tiber, da alle Wasserleitungen von den Goten zerstört waren. Diese Entbehrungen ließen sich nur darum ertragen, weil sie alle ohne Ausnahme trafen. Die Nachkommen von Senatoren und Patriziern, die Angehörigen der reichsten und vornehmsten Geschlechter mußten auf den Straßen um ein Stück Brot betteln. Rusticiana, die Tochter des Symmachus und die Witwe des Boëtius, mußte ihre Hand nach Almosen ausstrecken.

Es ist nicht zu verwundern, daß die kleine Maria in diesen Jahren sich selbst überlassen blieb. Ihr Vater hatte sie in ihrer frühesten Kindheit Griechisch und Lateinisch lesen gelehrt. Aber nach der Rückkehr in die Stadt hatte er keine Zeit mehr, sich um ihre weitere Bildung zu kümmern. Tagelang machte sie alles, was ihr nur einfiel. Die Mutter zwang das Mädchen nicht, ihr in der Wirtschaft zu helfen, denn es gab fast keine Wirtschaft, die zu versehen gewesen wäre. Maria verkürzte sich die Zeit mit dem Lesen der Bücher, die im Hause geblieben waren, weil sich für sie keine Käufer fanden. Meistens trieb sie sich aber wie ein kleines wildes Tier in den verödeten Straßen, Foren und Plätzen umher, die für die zusammengeschmolzene Bevölkerung viel zu groß waren. Die wenigen Menschen, die durch die Straßen gingen, gewöhnten sich bald an das schmächtige, schwarzäugige, abgerissene Mädchen, das sich überall wie eine Maus herumtrieb, und schenkten ihr gar keine Beachtung. Rom war zu einem riesengroßen Hause für Maria geworden. Sie kannte es besser als alle Verfasser von Beschreibungen seiner Sehenswürdigkeiten der vergangenen Zeiten. Maria hatte in einer Reihe von Tagen die ganze unermeßliche Stadt, die einst über eine Million Einwohner beherbergt hatte, durchwandert und die einen Winkel lieben, die anderen aber hassen gelernt. Oft kehrte sie erst am späten Abend unter das traurige väterliche Obdach zurück, wo sie mehr als einmal ohne Abendessen zu Bett gehen mußte.

Maria kam auf ihren Wanderungen auch in die entferntesten Stadtteile diesseits und jenseits des Tibers, wo leere, zum Teil abgebrannte Häuser standen, und träumte dort von der vergangenen Größe Roms. Sie betrachtete die wenigen auf den Plätzen erhalten gebliebenen Statuen: den riesengroßen Stier auf dem Forum Boacium, die bronzenen Elefanten auf der Heiligen Straße, die Denkmäler Domitians, Marc Aurels und anderer berühmter Männer des Altertums, die Säulen, Obelisken und Reliefs und rief sich in Erinnerung, was sie über alle diese Dinge gelesen hatte; und wo ihre Kenntnisse nicht ausreichten, ergänzte sie das Gelesene durch Phantasie. Sie drang in die verlassenen Paläste der einstigen Reichen ein, bewunderte die kläglichen Überreste der prunkvollen Ausstattung, die Mosaikfußböden, die Wände aus farbigem Marmor und die hie und da erhalten gebliebenen prunkvollen Tische, Sessel und Leuchter. Maria besuchte auch die riesengroßen Thermen, die Städte für sich bildeten; nun waren sie zu jeder Zeit leer, da es kein Wasser gab, um ihre unersättlichen Röhren zu speisen; in einzelnen Thermen waren noch herrliche marmorne Wasserbehälter zu sehen, Mosaikböden, Badesessel und Wannen aus kostbarem Alabaster und Porphyr, hie und da auch halbzerschlagene Statuen, die weder die Goten noch die Byzantiner als Wurfgeschosse für ihre Ballisten verwendet hatten. In der Stille der großen Säle glaubte Maria den Widerhall eines sorglosen und reichen Lebens zu hören, das alltäglich Tausende und aber Tausende von Besuchern hierher lockte, die hier Freunde trafen, über Literatur und Philosophie disputierten oder die verzärtelten Körper vor einem Festgelage salben ließen. Im Großen Zirkus, der von Gras und Disteln überwuchert war und wie ein wilder Graben aussah, träumte Maria von den festlichen Wettkämpfen, denen Zehntausende von Zuschauern beiwohnten, die glücklichen Sieger mit betäubendem Beifall belohnend. Maria mußte von diesen Festen wissen, da das letzte von ihnen (o trauriger Schatten einstiger Größe!) zu ihrer Zeit von Totila bei seiner zweiten Anwesenheit in Rom veranstaltet worden war. Manchmal ging aber Maria einfach an das Ufer des Tibers, setzte sich an einem versteckten Plätzchen im Schutze einer halb eingefallenen Wand ins Gras, blickte auf das gelbe Wasser des von Dichtern und Künstlern verherrlichten Stromes und gab sich in der menschenleeren Stille ihren Träumen hin.

Maria gewöhnte sich, in ihren Träumen zu leben. Die halb zerstörte und halb verlassene Stadt gab ihrer Einbildungskraft reichliche Nahrung. Alles, was sie von den Erwachsenen gehört, was sie in den Büchern ihres Vaters gelesen, vermengte sich in ihrem Kopf zu einem seltsamen, chaotischen, aber unendlich reizvollen Bild der großen alten Stadt. Sie war fest davon überzeugt, daß das einstige Rom, wie es die Dichter behaupteten, der Mittelpunkt aller Schönheit, eine wunderbare Stadt voller Zauber gewesen, wo das Leben als ein ununterbrochenes Fest dahingeflossen sei. Das arme Kind brachte alle Jahrhunderte und Zeitalter durcheinander: die Zeit des Orestes erschien ihr ebenso fern wie die Regierung Trajans, und die Herrschaft des weisen Numa Pompilius ebenso nahe wie die des Odoaker. Alles, was vor den Goten gewesen, erschien ihr als Altertum; die Regierung Theodorichs des Großen – als ferne und noch glückliche Vergangenheit; die neue Zeit begann für Maria mit ihrer Geburt, mit der ersten Belagerung Roms durch Belisar. Im Altertum erschien ihr alles herrlich, schön und wunderbar; in der Vergangenheit alles anziehend und glücklich; in der neuen Zeit unheilvoll und schrecklich. Und Maria bemühte sich, die grausame Gegenwart: nicht zu sehen, und lebte in dem von ihr geliebten Altertum, zwischen ihren Lieblingshelden, dem Gott Bacchus, dem zweiten Begründer der Stadt Camillus, Cäsar, der nun als Stern am Himmel strahlte, dem Weisesten aller Menschen Diocletian und dem Unglücklichsten unter den Großen, Romulus Augustulus. Alle diese und auch viele andere, deren Namen Maria hörte, waren die Lieblinge ihrer Träume und die gewohnten Helden ihrer kindlichen Visionen.

Maria schuf in ihren Gedanken allmählich eine eigene Geschichte Roms, die mit der, die einst der beredsame Livius und nach ihm andere Historiker und Annalisten so schön geschildert, nicht das geringste zu tun hatte. Wenn Maria die erhalten gebliebenen Statuen bewunderte und die halb verwischten Inschriften entzifferte, gab sie allem ihre eigene Auslegung und fand überall eine Bestätigung für ihre schrankenlose Phantasie. Sie sagte sich, daß die eine oder andere Statue den jugendlichen Augustus darstelle, und niemand hätte das Kind zu überzeugen vermocht, daß es nur ein schlechtes Bildnis irgendeines Halbbarbaren war, der vor nur fünfzig Jahren gelebt und einen schlechten Steinmetzen beauftragt hatte, seine Züge in einem Stück billigen Marmors zu verewigen. Oder wenn sie ein Relief sah, das eine Szene aus der Odyssee darstellte, dichtete sie eine lange Geschichte, in der ihre Lieblingshelden – Mars, Brutus oder der Kaiser Honorius – mitwirkten, und war hinterher überzeugt, daß sie diese Geschichte in einem der Bücher ihres Vaters gelesen habe. So schuf sie Legende auf Legende, Mythos auf Mythos und lebte darin wie in einer Welt, die viel wirklicher war als die in den Büchern beschriebene, um so mehr aber als die elende Welt, die sie umgab.

Wenn Maria von ihren Träumen und vom Gehen ermüdet war und Hunger spürte, kehrte sie ins Elternhaus zurück. Hier empfing sie die mürrische Mutter, die nach allen Leiden, die sie zu ertragen gehabt, erbittert war; sie gab ihr lieblos ein Stück Brot mit Käse oder Knoblauch, wenn sie diese Sachen in der Küche hatte, und fügte manchmal dem kargen Mahl einige Scheltworte hinzu. Maria drückte sich so scheu wie ein gefangener Vogel in eine Ecke, verschlang hastig, was ihr die Mutter gegeben, und eilte in ihre Kammer auf das harte Lager, um in der Zeit vor dem Einschlafen und auch im Schlafe von den seligen, blendenden Zeiten des Altertums zu träumen. An besonders glücklichen Tagen, wenn der Vater zu Hause und gut aufgelegt war, unterhielt er sich manchmal mit Maria. Ihr Gespräch kam aber immer auf das Altertum, das die beiden so zärtlich liebten. Maria fragte ihren Vater nach der Vergangenheit Roms aus und lauschte mit verhaltenem Atem dem alten Kalligraphen, wenn er mit Begeisterung von der Größe des Reiches unter Theodosius sprach oder die Verse der alten Dichter Vergil, Ausonius und Claudianus rezitierte. Und das Chaos im armen Köpfchen Marias wurde noch verworrener, und zuweilen kam es ihr vor, daß das wirkliche Leben nur ein Traum sei und daß sie in Wirklichkeit in den seligen Zeiten des Äneas, Augustus und Gracianus lebe.

II

Nach der Besetzung Roms durch Narses kam das Leben in der Stadt einigermaßen ins alte Geleis. Der Regent ließ sich auf dem Palatin nieder; man setzte für ihn einen Teil der verwüsteten Gemächer des kaiserlichen Palastes instand, und abends waren die Fenster hell erleuchtet. Die Byzantiner hatten Geld mitgebracht, und der Handel lebte wieder auf. Der Verkehr auf den Landstraßen war fast gefahrlos, und die verarmten Bewohner der verwüsteten Campagna begannen ihre Vorräte nach Rom zum Verkauf zu bringen. Hie und da wurden Tabernen eröffnet. Es machte sich sogar eine Nachfrage nach Luxusgegenständen bemerkbar; diese wurden hauptsächlich von Frauen liederlichen Lebenswandels gekauft, die wie ein Schwarm von Raben dem aus vielen Völkern bunt zusammengewürfelten Heer des großen Eunuchen folgten. Durch alle Straßen huschten Mönche, an denen man gleichfalls etwas verdienen konnte. Die dreißig- oder vierzigtausend Einwohner, die Soldaten mit inbegriffen, die sich nun in Rom angesammelt hatten, verliehen der Stadt, besonders ihrem Zentrum, das Aussehen eines gutbevölkerten und selbst belebten Platzes.

Endlich fand sich auch geeignete Arbeit für Rufius. Narses und auch sein Nachfolger, der byzantinische Dux, nahmen allerlei Beschwerden und Gesuche entgegen, und man bedurfte eines geschickten Kalligraphen, um solche zu schreiben. Die Edikte Justinians, durch die Beschlüsse der gotischen Könige zum Teil bestätigt und zum Teil außer Kraft gesetzt wurden, führten zu unendlichen Gerichtsprozessen. Manchmal gab es auch Akten abzuschreiben, die unmittelbar an Seine Heiligkeit den Kaiser nach Byzanz gingen, und solche Arbeit wurde verhältnismäßig gut bezahlt. Es kamen auch bedeutende Aufträge vor. Ein neu gegründetes Kloster ließ sich ein kalligraphisches Exemplar der liturgischen Bücher anfertigen. Irgendein Sonderling bestellte sich eine Abschrift der Gedichte des trefflichen Rutilius. Im Hause der Rufier machte sich wieder einiger Wohlstand bemerkbar. Die Familie konnte jeden Tag zu Mittag essen und brauchte nicht für den nächsten Tag zu zittern.

Alles hätte gut werden können, wenn der Kalligraph, der in den letzten Jahren der Entbehrungen sehr gealtert war, nicht zu trinken angefangen hätte. Oft ließ er seinen ganzen Verdienst in einer Taberne oder Campona zurück. Für Florentia war das ein harter Schlag. Sie kämpfte auf jede Weise gegen die unglückliche Leidenschaft ihres Mannes, nahm ihm oft das verdiente Geld ab, aber Rufius fand immer noch die Möglichkeit, sich irgendwie zu betrinken. Maria liebte dagegen die Tage, an denen der Vater betrunken war. An solchen Tagen kam er in heiterster Stimmung nach Hause, achtete nicht auf die Tränen und Vorwürfe Florentias, rief aber gerne Maria, wenn sie zu Hause war, zu sich, erzählte ihr wieder ohne Ende von der vergangenen Größe der Ewigen Stadt und rezitierte Verse alter Dichter und auch solche, die er selbst verfaßt hatte. Das halbwahnsinnige Mädchen und der betrunkene Vater verstanden sich gut und blieben oft bis in die späte Nacht zusammen auf, nachdem die erzürnte Florencia sie verlassen und allein zu Bett gegangen war.

Maria selbst hatte aber ihre Lebensweise nicht geändert. Vergebens zwang sie der Vater, wenn er nüchtern war, ihm in seiner Arbeit zu helfen. Vergebens zürnte ihr die Mutter, daß sie ihr nicht in der Wirtschaft helfe. Wenn man Maria dazu zwang, schrieb sie ungern und verbissen einige Zeilen ab oder putzte einige Zwiebeln, lief aber bei der ersten Gelegenheit aus dem Hause, um wieder einen ganzen Tag in den von ihr geliebten Winkeln der Stadt zu verbringen. Wenn sie heimkam, überschüttete man sie mit Scheltworten, Maria hörte aber alle Vorwürfe schweigend an und entgegnete kein Wort. Was kümmerten sie die Scheltworte, wenn in ihren Gedanken alle die prächtigen Bilder noch glänzten, mit denen sie ihre Einbildungskraft nährte, vor einer Porphyrwanne in den Thermen Caracallas hockend oder im dichten Grase am Ufer des alten Tibers versteckt? Sie würde auch Schläge und jede Pein gerne ertragen, wenn man ihr nur nicht ihre Visionen nähme. In diesen Visionen war aber das ganze Leben Marias.

Im Herbst des Jahres 554 sah Maria in den Straßen Roms den Triumphzug des Narses, den letzten Triumph, der in der Ewigen Stadt gefeiert wurde. Das bunt zusammengewürfelte Heer des Eunuchen, alle die Griechen, Hunnen, Heruler, Gepiden und Perser zogen als unordentliche Horde durch die Heilige Straße mit der reichen Beute, die sie den Goten abgenommen hatten. Die Soldaten sangen lustige Lieder in allen möglichen Sprachen, und ihre Stimmen vermengten sich zu einem wilden, ohrenbetäubenden Geheul. Der lorbeerbekränzte Feldherr fuhr in einem mit weißen Rossen bespannten Wagen. Vor den Toren Roms wurde er von einigen Männern in weißen Togen empfangen, die sich für Senatoren ausgaben. Narses zog durch das halbzerstörte Rom, durch Straßen, wo zwischen mächtigen Steinplatten Gras wucherte, zum Kapitol. Hier legte er seinen Kranz vor der Statue Justinians nieder, die man zu diesem Zweck irgendwo aufgetrieben hatte, und begab sich von da zu Fuß durch ganz Rom zu der Basilika von St. Peter, wo ihn der Papst und die ganze Geistlichkeit in festlichen Ornaten empfingen. Die Römer, die sich in den Straßen drängten, sahen diesem Aufzug, dem die Mitwirkenden große Pracht zu verleihen bestrebt waren, ohne sonderliche Begeisterung zu. Der Triumph der Byzantiner war für die Römer eine fremde Angelegenheit, beinahe ein Triumph der Feinde ihrer Heimat.

Auch auf Maria hatte der Triumph gar keinen Eindruck gemacht. Gleichgültig blickte sie auf die bunten Gewänder der Soldaten, auf die Triumphtoga des Eunuchen, eines bartlosen Männchens mit lebhaften Augen, und auf die prunkvollen Ornate der Geistlichkeit. Die Lieder und das Kriegsgeschrei des Heeres machten ihr nur Angst. Das Ganze erschien ihr so unähnlich jenen Aufzügen, die sie so oft in ihren einsamen Träumen gesehen – den Triumphen Augustus‘, Vespasians und Valentinians! Hier erschien ihr alles entsetzlich und häßlich; dort war aber alles Prunk und Schönheit. Ohne das Ende des Triumphes abzuwarten, lief Maria von der Basilika von St. Peter auf die Appische Straße zu den Trümmern der Thermen Caracallas, die sie so liebte, um in der Stille der Marmorsäle nach Herzenslust über die unwiederbringliche Vergangenheit zu weinen und in ihren Träumen alles wieder so lebendig und so schön zu sehen, wie es in Wirklichkeit nur hatte sein können. An diesem Tage kam Maria spät nach Hause und gab keine Antwort auf die Frage, ob sie den Triumph gesehen hätte.

Maria war um diese Zeit beinahe achtzehn Jahre alt. Sie war nicht schön. Hager, mit unentwickeltem Busen, krankhaftem Rot der Wangen und wilden schwarzen Augen, wirkte sie eher abschreckend als anziehend. Sie hatte gar keine Freundinnen. Wenn die Mädchen aus der Nachbarschaft sie ansprachen, antwortete sie ihnen einsilbig und kurz und beeilte sich, jedes Gespräch so schnell als möglich abzubrechen. Was konnten auch alle die anderen Mädchen von ihren geheimen Gedanken, von ihren kostbaren Visionen verstehen! Worüber hätte Maria mit ihnen sprechen können! Man hielt sie halb für eine Närrin, halb für eine Wahnsinnige. Außerdem ging sie niemals zur Kirche. Es traf sich manchmal in einer menschenleeren Straße, daß irgendein Mann Maria nachsetzte und sie am Ellenbogen zu fassen oder zu umarmen versuchte. Maria wehrte sich wie eine Wildkatze, kratzte, biß und schlug mit den Fäusten um sich, so daß der Kecke sie in Ruhe lassen mußte. Und doch fand sich in der Nachbarschaft ein Jüngling, der Sohn eines Kupferschmiedes, der um Maria freite. Als die Mutter es ihr mitteilte, nahm Maria die Nachricht mit dem größten Entsetzen auf. Als aber die Mutter in sie drang und sagte, daß sie einen besseren Mann heutzutage unmöglich finden würde, fing Maria so verzweifelt zu weinen an, daß Florentia sie in Ruhe ließ und sich sagte, daß ihre Tochter entweder noch zu jung fürs Heiraten oder wirklich nicht bei vollem Verstand sei. So ließ man Maria ihre Freiheit, und sie durfte treiben, was sie wollte.

Es vergingen Tage, Wochen und Monate. Rufius arbeitete und trank. Florentia besorgte die Wirtschaft und fluchte. Beide hielten sich für unglücklich und verwünschten ihr Geschick. Nur Maria allein war glücklich in der Welt ihrer Träume. Immer weniger sah sie die verhaßte Wirklichkeit, die sie umgab. Immer tiefer und tiefer drang sie in das Reich ihrer Visionen ein. Sie sprach bereits mit den von ihrer Phantasie geschaffenen Gestalten wie mit lebendigen Menschen. Sie ging nach Hause, von der Überzeugung erfüllt, daß sie heute der Göttin Vesta oder dem Diktator Sulla begegnet wäre. Sie erinnerte sich der Dinge, die sie im Traume gesehen, wie wirklicher Erlebnisse. Bei den nächtlichen Gesprächen mit dem betrunkenen Vater tischte sie ihm oft ihre Erinnerungen auf, und der alte Rufius wunderte sich darüber nicht: für jede Erzählung hatte er schon irgendein Gedicht bereit, und so ergänzte er die wahnsinnigen Träume seiner Tochter und spann sie weiter aus. Wenn Florentia im Halbschlummer ihre Gespräche hörte, spuckte sie aus und fluchte oder bekreuzigte sich und flüsterte ein Gebet zu der heiligen Jungfrau.

III

Im Frühling des dem Triumph des Narses folgenden Jahres stieß Maria bei einem Rundgange um die einfallenden Mauern der Thermen Trajans, an einer Stelle, wo offenbar schon der Esquilinische Hügel begann, auf eine seltsame Öffnung im Boden, die wie ein Eingang aussah. Die Gegend war öde. Ringsherum standen nur unbewohnte, verlassene Häuser; das Pflaster war schadhaft und der steile Hügelabhang mit wildem Gras bewachsen. Nach einiger Mühe gelang es Maria, zu der Öffnung zu gelangen, die in einen dunklen, engen Gang führte. Maria drang ohne zu zögern ein. Sie mußte in völliger Dunkelheit, in stickiger Luft auf allen vieren kriechen. Der Gang brach plötzlich ab. Als Marias Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie beim schwachen Schein, der durch den Eingang hereindrang, erkennen, daß sie den großen Saal eines unbekannten Palastes vor sich hatte. Maria sagte sich nach einiger Überlegung, daß sie hier ohne Licht nichts sehen würde. Vorsichtig kam sie wieder heraus und irrte diesen ganzen Tag nachdenklich durch die Straßen. Sie hielt Rom für ihren Besitz, und der Gedanke, daß es in dieser Stadt etwas ihr Unbekanntes geben könne, war ihr unerträglich.

Am folgenden Tag begab sich Maria mit einer Fackel, die sie sich selbst gemacht hatte, wieder an diese Stelle. Nicht ohne Gefahr stieg sie in den von ihr entdeckten Saal hinab und entzündete die Fackel. Sie sah vor sich ein herrliches Gemach. Die Wände bestanden bis zur Mitte aus Marmor und waren darüber mit wunderbaren Malereien geschmückt. In den Nischen standen Bronzestatuen von wunderbarer Arbeit, die wie lebendige Menschen aussahen. Auf dem von Schutt und Erde bedeckten Fußboden konnte man die Mosaiken erkennen. Nachdem Maria all das Neue eine Weile bewundert hatte, ging sie tapfer weiter. Durch eine riesengroße Tür gelangte sie in ein ganzes Labyrinth von Gängen, das sie in einen neuen Saal, noch herrlicher als der erste, führte. Weiter folgte eine lange Reihe von Gemächern, die mit Marmor und Gold, Wandmalereien und Statuen geschmückt waren; an vielen Stellen standen noch kostbare Möbel und allerlei Hausrat feinster Arbeit. Überall liefen und krochen Eidechsen, Spinnen und Asseln umher und flatterten Fledermäuse; Maria war aber von dem einzigartigen Anblick so sehr hingerissen, daß sie sie nicht sah. Vor ihr lag das Leben des alten Roms, das echte und lebendige Leben, das sie nun endlich gefunden hatte!

Wie lange Maria sich an diesem Tage an ihrer Entdeckung berauschte, wußte sie selbst nicht. Vor großer Erregung oder von der stickigen Luft verlor sie plötzlich das Bewußtsein. Als sie auf dem steinernen feuchten Boden wieder zu sich kam, sah sie, daß ihre Fackel schon zu Ende gebrannt war. Maria begann nun in der völligen Dunkelheit tastend den Weg zum Ausgang zu suchen. Sie irrte lange, viele Stunden herum, konnte aber aus den zahllosen Gängen und Gemächern nicht herauskommen. In ihrem benebelten Bewußtsein tauchte schon der Gedanke auf, daß es ihr beschieden sei, in diesem unbekannten, unter der Erde begrabenen Palaste zu sterben. Maria erschrak vor diesem Gedanken nicht: es erschien ihr vielmehr schön und begehrenswert, ihr Leben inmitten des prunkvollen alten Lebens, in einem Marmorsaal, zu Füßen irgendeiner herrlichen Statue zu beschließen. Nur das eine tat ihr leid: daß ringsum Dunkelheit herrschte und daß es ihr nicht beschieden sei, die Schönheit zu sehen, in der sie sterben würde … Plötzlich leuchtete vor ihr ein Lichtschein auf. Maria nahm alle ihre Kräfte zusammen und ging auf das Licht zu. Es war Mondlicht, das durch eine Spalte hereindrang, die derjenigen glich, durch die Maria in den Palast gekommen war. Diese Spalte befand sich aber in einem ganz anderen Saale. Mit großer Mühe an den Mauervorsprüngen emporkletternd, erreichte Maria die Spalte und kam ins Freie, zu einer Stunde, wo die ganze Stadt schon schlief und der Mond allein über die Trümmerhaufen herrschte. An den Mauern entlangschleichend, um von niemand gesehen zu werden, kehrte sie erschöpft, kaum noch atmend, nach Hause zurück. Der Vater war nicht zu Hause – er war für die ganze Nacht verschwunden –, und die Mutter beschränkte sich auf einige Scheltworte.

Nun besuchte Maria alltäglich den von ihr entdeckten unterirdischen Palast. Allmählich lernte sie alle seine Gänge und Säle so gut kennen, daß sie in ihnen in völliger Dunkelheit herumirren konnte, ohne Gefahr zu laufen, den Weg zu verlieren. Übrigens hatte sie immer eine kleine Lampe oder eine Pechfackel bei sich, um die prunkvolle Ausstattung der Gemächer nach Herzenslust bewundern zu können. Maria kannte sie alle. Sie kannte die Zimmer, die ganz mit Rot geschmückt waren; andere, wo die gelbe Farbe vorherrschte; solche, die grün ausgemalt waren und an frische Wiesen und Gärten gemahnten; auch die ganz weißen Säle mit Verzierungen aus schwarzem Ebenholz; sie kannte alle Wandmalereien, die Szenen aus dem Leben der Götter und Heroen, berühmte Schlachten des Altertums, Bildnisse großer Männer und komische Abenteuer von Faunen und Liebesgöttern darstellten; sie kannte alle im Palaste erhalten gebliebenen Statuen aus Bronze und Marmor, die kleinen Büsten in den Nischen, die feierlichen lebensgroßen Bildwerke und die kolossale Gruppe, die drei Menschen – einen Mann und zwei Jünglinge – darstellte, welche von riesengroßen Schlangen umstrickt, sich vergebens aus dem todbringenden Ringen zu befreien mühten.

Von allen Schätzen des unterirdischen Palastes gefiel Maria ein Relief am besten. Es stellte ein hageres, schlankes Mädchen dar, das in tiefem Schlaf in irgendeiner Grotte ruhte; vor dem Mädchen stand ein Jüngling in Kriegsrüstung mit edlem Gesicht von wunderbarer Schönheit; über ihnen war wie in Wolken ein auf einem Flusse schwimmender Korb mit zwei Säuglingen dargestellt. Maria glaubte, daß die Züge des Mädchens den ihrigen ähnlich seien. In der schmächtigen schlafenden Prinzessin erkannte sie sich selbst und wurde nicht müde, sie stundenlang zu bewundern und sich an ihre Stelle zu denken. Zuweilen glaubte Maria beinahe, irgendein Künstler des Altertums hätte durch ein Wunder vorausgeahnt, daß einst das Mädchen Maria in die Welt kommen würde, und ihr Bildnis im Relief des geheimnisvollen, verzauberten Palastes festgebannt, damit es unter der Erde durch die Jahrhunderte unversehrt erhalten bleibe. Der Sinn der anderen Figuren des Reliefs blieb für Maria lange Zeit dunkel.

Eines Abends sprach Maria wieder mit ihrem Vater, der lustig und betrunken nach Hause gekommen war. Sie waren allein, denn Florentia hatte sie wie immer mit ihren närrischen Gesprächen allein gelassen und war schlafen gegangen. Maria erzählte dem Vater von dem unterirdischen Palast, den sie entdeckt, und von seinen Schätzen. Der alte Rufius nahm den Bericht der Tochter ebenso auf wie alle ihre anderen Hirngespinste. Wenn sie ihm berichtete, daß sie heute auf der Straße Konstantin dem Großen begegnet und daß er sich mit ihr gnädig unterhalten habe, so wunderte sich Rufius nicht, begann aber von Konstantin zu erzählen. Und als Maria ihm jetzt von den Schätzen des unbekannten Palastes erzählte, kam der alte Kalligraph sofort auf diesen Palast zu sprechen.

»Ja, ja, Tochter!« sagte er. »Zwischen dem Palatin und dem Esquilin muß es liegen. Es ist das Goldene Haus des Kaisers Nero, der Herrlichste der Paläste, die hier jemals standen! Dem Kaiser reichte der Raum dazu nicht aus, und er verbrannte die Stadt. Rom ging in Flammen auf, und Nero deklamierte Verse vom Brande Trojas. Auf dem so gewonnenen Platze errichtete er sein Goldenes Haus. Ja, ja, zwischen dem Palatin und dem Esquilin, du hast recht. In der Stadt hat es nichts Herrlicheres gegeben. Nach dem Tode Neros haben die anderen Kaiser diesen Palast aus Neid zerstört und mit Erde verschüttet: er ist nicht mehr. An seiner Stelle haben sie Häuser und Thermen erbaut. Er war aber der schönste aller Paläste!«

Maria wurde kühner und erzählte dem Vater vom Relief, das ihr so gut gefallen. Und der alte Kalligraph wunderte sich wieder nicht und erklärte der Tochter, was der Künstler hatte darstellen wollen.

»Töchterchen, es ist Rea Silvia, die Vestalin, die Tochter des Königs Numitor. Der Jüngling aber ist Gott Mars, der in Liebe zu dem Mädchen entbrannte und es in der heiligen Grotte fand. Sie gebar ihm die Zwillinge Romulus und Remus. Rea Silvia wurde im Tiber ertränkt, die Kinder aber wurden von einer Wölfin großgezogen und gründeten die Stadt. Ja, so war es, Tochter.«

Rufius erzählte Maria das rührende Märchen von der pflichtvergessenen Vestalin Ilia oder Rea Silvia und begann gleich darauf die Verse aus den Metamorphosen des alten Naso zu rezitieren:

Proximus Ausonias injusci miles Amuli
Rexit opes …

Maria hörte aber dem Vater nicht mehr zu; leise sprach sie vor sich hin: »Es ist Rea Silvia! Rea Silvia!«

IV

Von nun an verweilte Maria immer länger vor dem herrlichen Relief. Sie brachte immer außer der Fackel auch ihren kargen Imbiß mit, um möglichst lange im unterirdischen Palast bleiben zu können, in dem sie sich mehr zu Hause fühlte, als im Hause ihres Vaters. Maria legte sich auf den kalten, feuchten Fußboden vor dem Bild der Tochter des Königs Numitor hin und betrachtete beim schwachen Schein der Pechfackel stundenlang die Gesichtszüge des in der heiligen Grotte schlafenden schlanken Mädchens. Mit jedem neuen Tage glaubte Maria mehr daran, daß sie jener Vestalin ähnlich sähe, und bald konnte sie in ihren Gedanken die arme Maria, die Tochter Rufius‘, des Kalligraphen, von der unglücklichen Ilia, der Tochter des Königs von Alba Longa, nicht mehr auseinanderhalten. Sich selbst nannte Maria nicht anders als Rea Silvia. Vor dem Relief liegend, malte sie sich aus, daß auch zu ihr, in dieser neuen heiligen Grotte, Gott Mars kommen und daß sie aus diesen göttlichen Umarmungen die Zwillinge Romulus und Remus, die Begründer der Ewigen Stadt, gebären werde. Sie würde es allerdings mit dem Leben bezahlen und in den trüben Wellen des Tibers umkommen müssen; aber was kümmerte Maria der Tod?! Oft schlief Maria mit solchen Gedanken vor dem Relief ein und träumte von Gott Mars mit dem schönen edlen Gesicht und von seinen göttlichen, sengenden Umarmungen. Und wenn sie erwachte, wußte sie nicht, ob sie es im Traume oder im Wachen erlebt.

Es herrschte schon die sengende Julihitze, und die Straßen Roms lagen zur Mittagsstunde ebenso öde da wie nach dem grausamen Befehl des Königs Totila; im unterirdischen Palast war es aber kühl und feucht, und Maria kam alltäglich hierher, um vor dem Bild Ilias vom göttlichen Gemahl zu träumen. Und als sie sich wieder einmal im Halbschlummer den sengenden Umarmungen des Gottes hingab, wurde sie von einem Geräusch geweckt. Maria öffnete erstaunt die Augen und sah sich um. Beim Schein der kleinen Fackel, die sie in einen Spalt zwischen den Steinen gesteckt hatte, erblickte sie vor sich einen Jüngling. Er hatte keine Rüstung an, sondern eine Kleidung, wie sie damals die ärmeren Römer trugen; aber das Gesicht des Jünglings war voller Adel und schien Maria in wunderbarer Schönheit zu strahlen. Eine Weile blickte Maria erstaunt die unerwartete Erscheinung an, den Menschen, der in diesen verzauberten Palast eingedrungen war. In den Palast, von dem sie glaubte, daß er nur ihr allein bekannt sei. Dann setzte sie sich auf und fragte einfach:

»Bist du zu mir gekommen?«

Der Jüngling lächelte still und bezaubernd und antwortete mit einer Frage:

»Und wer bist du, Mädchen? Der Genius dieses Ortes?«

Maria erwiderte:

»Ich bin Rea Silvia, die Vestalin, Tochter des Königs Numitor. Bist du nicht Gott Mars, der mich sucht?«

Der Jüngling entgegnete darauf:

»Nein, ich bin kein Gott, ich bin ein Sterblicher und heiße Agapitus; auch suche ich dich nicht. Es ist aber ganz gleich, und ich bin froh, daß ich dich hier gefunden habe. Sei gegrüßt, Rea Silvia, Tochter des Königs Numitor!«

Maria forderte den Jüngling auf, sich an ihre Seite zu setzen, was er auch sofort tat. So saßen die beiden nebeneinander, das Mädchen und der Jüngling, auf dem feuchten Boden im Prunkgemach des verschütteten Goldenen Hauses Neros, blickten einander in die Augen und wußten anfangs nicht, was zu sagen. Dann zeigte Maria dem Jüngling das Relief und erzählte ihm die Legende von der unglücklichen Vestalin. Der Jüngling unterbrach sie aber:

»Ich kenne es, Rea«, sagte er, »aber wie seltsam: das Gesicht des Mädchens auf dem Relief gleicht tatsächlich dem deinigen.«

»Das bin ich!« entgegnete Maria.

In ihren Worten lag eine so tiefe Überzeugung, daß der Jüngling sie bestürzt ansah und gar nicht wußte, was er sich denken sollte. Maria aber legte ihm ihre Hand zärtlich auf die Schulter und begann einschmeichelnd, beinahe schüchtern:

»Leugne es nicht: du bist Gott Mars, der die Gestalt eines Sterblichen angenommen hat. Ich habe dich aber erkannt. Ich habe lange auf dich gewartet. Ich wußte, daß du kommen wirst. Und ich fürchte den Tod nicht. Sollen sie mich nur im Tiber ertränken.«

Lange hörte der Jüngling den verworrenen Worten des Mädchens zu. Alles ringsum war so seltsam. Dieser unterirdische, unbekannte Palast mit seinen herrlichen Räumen, in denen nur Eidechsen und Fledermäuse hausten. Das Halbdunkel des großen Saales, das nur vom schwachen Schein zweier Fackeln erhellt war. Dieses unbekannte Mädchen, das der Rea Silvia auf dem alten Relief so ähnlich sah und auf eine wunderbare Weise in das begrabene Goldene Haus Neros geraten war, und ihre unverständlichen Worte. Der Jüngling fühlte, wie die rohe Wirklichkeit, in der er eben erst, bevor er in die unterirdischen Räume eingedrungen war, gelebt hatte, verschwand und zerschmolz wie ein Traumgebilde beim Erwachen. Noch ein Augenblick, und der Jüngling hätte selbst geglaubt, daß er Gott Mars sei und hier die von ihm geliebte Tochter Numitors, die Vestalin Ilia, getroffen habe. Der Jüngling nahm alle seine Kräfte zusammen und unterbrach Maria.

»Liebes Mädchen«, sagte er, »hör mich an. Du täuschst dich in mir. Ich bin nicht der, für den du mich hältst. Ich will dir die Wahrheit eröffnen. Agapitus ist nicht mein echter Name. Ich bin ein Gote und heiße Theodatus. Ich muß aber meine Herkunft verheimlichen, denn sonst töten sie mich. Hörst du es denn auch meiner Aussprache nicht an, daß ich kein Römer bin? Als meine Stammesgenossen eure Stadt verließen, folgte ich ihnen nicht. Ich liebe Rom, ich liebe seine Geschichte und seine Überlieferungen und will in der Ewigen Stadt, die eine Zeitlang die unsrige war, leben und sterben. Unter dem Namen Agapitus bin ich nun bei einem Waffenschmied im Dienst; bei Tage arbeite ich, am Abend irre ich aber durch die Stadt und bewundere ihre erhalten gebliebenen Denkmäler. Ich wußte, daß an dieser Stelle das Goldene Haus Neros gestanden hat, und drang in die unterirdischen Gemächer ein, um die Überreste der einstigen Pracht zu sehen. Das ist alles. Ich habe dir die Wahrheit gesagt und vertraue dir, daß du mich nicht verraten wirst, denn ein Wort von dir würde genügen, um mich dem Tode zu überliefern.«

Maria hörte die Worte des Theodatus mißtrauisch und unzufrieden an. Sie dachte eine Weile nach und sagte:

»Warum betrügst du mich? Warum willst du die Gestalt eines Goten annehmen? Sehe ich denn nicht den Nimbus um dein Haupt? Mars Gradivus, für die anderen bist du ein Gott, für mich aber der Geliebte! Spotte nicht über deine arme Braut Rea Silvia!«

Theodatus sah das Mädchen, das die wahnsinnigen Worte sprach, lange an, und er begriff allmählich, daß sie nicht bei vollem Verstand war. Und als dem Jüngling dieser Gedanke kam, sagte er zu sich selbst: Armes Mädchen! Nein, ich werde deine Schutzlosigkeit nicht mißbrauchen! Dies wäre eines Goten unwürdig. – Und er umarmte Maria und begann mit ihr sanft wie mit einem kleinen Kind zu sprechen; er widersprach ihren Hirngespinsten nicht und gestand, Gott Mars zu sein. Und lange saßen sie im Halbdunkel Seite an Seite, ohne auch nur einen Kuß zu tauschen, und sprachen vom zukünftigen Rom, das dereinst von den Zwillingen Romulus und Remus, ihren Kindern, begründet werden wird. Als die Fackeln niedergebrannt waren, sagte Theodatus zu Maria:

»Liebe Rea Silvia, es ist schon spät. Wir müssen von hier fort.«

»Wirst du morgen wiederkommen?« fragte Maria.

Theodatus sah das Mädchen an. Es erschien ihm mit seinem schmächtigen, halb kindlichen Körper, dem krankhaften Rot auf den Wangen und den tiefen schwarzen Augen ungemein anziehend. Ein unbegreiflicher Reiz war für ihn auch in dieser Zusammenkunft im halbfinsteren Saal des begrabenen Palastes, vor dem herrlichen Relief eines unbekannten Künstlers. Theodatus wollte gerne noch einmal mit der armen Wahnsinnigen sprechen und antwortete:

»Ja, Mädchen, morgen um die gleiche Stunde will ich nach meinem Tagewerk wieder zu dir herkommen.«

Hand in Hand gingen sie zum Ausgang. Theodatus hatte eine Strickleiter bei sich. Er half Maria zur Spalte emporsteigen, die ihnen als Eingang in den Palast diente. In den Straßen dunkelte es schon.

Beim Abschied sagte Theodatus, Maria gerade in die Augen blickend, noch einmal:

»Merke es dir, Mädchen, du darfst niemand sagen, daß du mir begegnet bist. Dies würde mich das Leben kosten. Lebe wohl bis morgen.«

Er stieg als erster auf die Erde herab und verschwand schnell hinter einer Straßenbiegung. Maria ging langsam nach Hause. Wenn sie an diesem Abend mit ihrem Vater gesprochen hätte, so hätte sie ihm nichts von Mars Gradivus, der endlich zu ihr gekommen war, erzählt.

V

Der Jüngling betrog Maria nicht. Am nächsten Tage kam er wirklich ins Goldene Haus, vor das Relief, das Mars und Rea Silvia darstellte, wo ihn Maria schon erwartete. Der Jüngling brachte Brot, Käse und Wein mit. Sie aßen im prunkvollen Saale Kaiser Neros zusammen zu Abend. Maria sprach wieder von der Schönheit des einstigen Lebens, von den Göttern, Heroen und Kaisern und vermengte tatsächlich Erlebtes mit den Ausgeburten ihrer Phantasie. Theodatus hielt aber das Mädchen umschlungen, streichelte leise ihre Hände und Schultern und bewunderte die schwarze Tiefe ihrer Augen. Dann wanderten sie zu zweit durch die leeren unterirdischen Gemächer und bewunderten beim Schein ihrer Fackeln die großen Werke des hellenischen und römischen Genius. Beim Abschied versprachen sie einander, sich auch am folgenden Tage hier zu treffen.

Von nun ab begab sich Theodatus jeden Tag, sobald er mit der langweiligen Arbeit in der Waffenschmiede fertig war, wo Helme, Speere und Panzer für die byzantinischen Truppen, die Rom bewachten, ausgebessert und angefertigt wurden, zum Stelldichein mit dem seltsamen Mädchen, daß sich für die wiedererstandene Vestalin Ilia hielt. Eine unüberwindliche Anziehungskraft lag für den Jüngling im gebrechlichen Körper des Mädchens und in ihren wahnsinnigen Reden, denen er stundenlang zuhören konnte. Sie besahen sich alle Säle, Gänge und Kammern des Palastes, in die sie nur eindringen konnten, freuten sich zusammen über jede neu entdeckte Statue, über jedes Relief, und es gab keinen Tag, an dem nicht irgendeine neue Entdeckung ihre Seelen mit neuer Freude erfüllte. Tag für Tag lebten sie in unveränderlichem Glück dahin – im Genießen der Kunstwerke –, und Jüngling und Mädchen fielen sich in den Augenblicken der Rührung vor einem neuen Marmor, der vielleicht vom Meißel des Praxiteles herrührte, in die Arme und vereinigten sich in einem seligen und keuschen Kuß.

Das Goldene Haus Neros wurde auch für Theodatus, ehe er es merkte, zum Heimathaus und Maria zum verwandtesten und liebsten Geschöpf auf Erden. Wie das gekommen war, wußte Theodatus selber nicht. Aber alle die anderen Stunden, die er auf der Erdoberfläche verbrachte, erschienen ihm als eine schwere und verhaßte Pflicht; und nur die Zeit, die er mit Rea Silvia unter der Erde, im vergessenen Palast des alten Kaisers, verweilen durfte, als das wahre Leben. Der Jüngling wartete den ganzen Tag in qualvoller Ungeduld auf den Augenblick, wo er sich von den kupfernen Helmen, Zangen und Hämmern trennen konnte, um mit der im Gewand versteckten Strickleiter zum Abhang des Esquilinischen Hügels zum ersehnten Stelldichein zu laufen. Nach diesen Zusammenkünften rechnete Theodatus seine Tage. Wenn man ihn fragte, was ihm an Maria so gefiele, würde er wohl keine Antwort geben können. Doch ohne sie, ohne ihre wahnsinnigen Reden, ohne ihre seltsamen Augen würde ihm das ganze Leben leer und überflüssig erscheinen.

Oben auf der Erde, in der Waffenschmiede oder in seiner ärmlichen Kammer, die er bei einem Priester mietete, konnte Theodatus vernünftig urteilen. Er sagte sich da, daß seine Rea Silvia ein armes verrücktes Mädchen sei und daß er vielleicht sündige, wenn er ihre verderblichen Hirngespinste unterstütze. Sobald er aber in das kühle und feuchte Halbdunkel des Goldenen Hauses hinabstieg, wurde er ein neuer Mensch mit neuer Seele und neuen Gedanken. Er war nicht mehr derselbe, der er in der Glut des römischen Tages oder in der dumpfen Luft der Waffenschmiede gewesen war. Er fühlte sich in eine andere Welt versetzt, wo man tatsächlich der Vestalin Ilia, der Tochter des Königs Numitor, und dem Gotte Mars, der die Gestalt eines jungen Goten angenommen habe, begegnen könnte. In dieser Welt war alles möglich und jedes Wunder natürlich. In dieser Welt war das Vergangene lebendig, und die Erfindungen der Dichter wurden auf Schritt und Tritt zur Wirklichkeit.

Man kann nicht sagen, daß Theodatus ganz an die Hirngespinste Marias glaubte. Wenn sie ihm aber vor der Statue irgendeines alten Kaisers erzählte, daß sie diesem einst auf dem Forum begegnet wäre und mit ihm gesprochen hätte, so kam es Theodatus vor, als ob sich etwas Ähnliches wirklich ereignet hätte. Wenn Maria ihm von den Reichtümern ihres Vaters, des Königs Numitor, erzählte, glaubte Theodatus beinahe, daß sie die Wahrheit spreche. Und wenn Maria von der Pracht des zukünftigen Roms schwärmte, das von den neuen Romulus und Remus begründet werden würde, kam auch Theodatus ins Feuer: er spann die gleichen Gedanken aus und sprach von den neuen Siegen der neuen Ewigen Stadt, von der neuen Eroberung der Welt und vom neuen Ruhm … Und sie erfanden zusammen Namen für die zukünftigen Kaiser, die einst in der Stadt ihrer Kinder herrschen würden … Maria nannte sich selbst nicht anders als Rea Silvia und den Jüngling nicht anders als Mars, und er gewöhnte sich so sehr an diesen Namen, daß er sich selbst zuweilen in seinen Gedanken mit dem Namen des alten römischen Kriegsgottes nannte. Und wenn sie beide, der Jüngling und das Mädchen, von der Dunkelheit, von den herrlichen Kunstwerken, von der gegenseitigen Nähe und von den seltsamen, halb wahnsinnigen Träumen berauscht waren, fühlte Theodatus in seinen Adern beinahe den göttlichen Ichor des Olympiers.

Und so verging ein Tag nach dem anderen. Zu Beginn seiner Bekanntschaft mit Maria hatte Theodatus sich das Versprechen gegeben, das wahnsinnige Mädchen zu schonen und ihre geistige Umnachtung und Wehrlosigkeit nicht zu mißbrauchen. Mit jeder neuen Begegnung fiel es ihm aber immer schwerer, Wort zu halten. Mit jedem neuen Tag, an dem er das Madchen sah, das er mit der ganzen Glut seiner jugendlichen Leidenschaft liebte, wenn er mit ihr lange Stunden in Einsamkeit und Halbdunkel verbrachte, ihre Arme und Schultern berührte, mußte Theodatus sich immer mehr zusammennehmen, um Maria nicht in seine starken Arme zu ziehen, wie es Gott Mars einst mit der ersten Vestalin getan. Maria wich aber solchen Liebkosungen nicht nur nicht aus, sondern schien sie zu suchen und zu erwarten, sich mit ihrem ganzen Wesen nach ihnen zu sehnen. Sie zögerte in den Armen des jungen Goten, wenn er sie küßte, schmiegte sich selbst an seine Brust, und wenn sie die Statuen und Bilder betrachteten, und ihre großen schwarzen Augen sagten gleichsam dem Jüngling: »Wann denn? Bald? Ich bin müde zu warten!« Und Theodatus fragte sich: »Ist es denn wahr, daß sie wahnsinnig ist? Dann bin auch ich wahnsinnig! Und ist unser Wahnsinn nicht besser als das vernünftige Leben der anderen Menschen? Warum entsagen wir dem vollen Genuß der Liebe?«

Und so kam es, was unvermeidlich hatte kommen müssen. Einer der herrlichsten Säle im Goldenen Hause Neros wurde zu ihrem Hochzeitsgemach. Harzige Äste, die sie in die alten Bronzeleuchter mit den Darstellungen von Liebesgöttern gesteckt und entzündet hatten, waren die Hochzeitsfackeln. Den Bund des jungen Paares segneten von Praxiteles gemeißelte Marmorgötter, die mit überirdischem Lächeln aus ihren Porphyrnischen blickten. Die große Stille des begrabenen Palastes nahm die ersten leidenschaftlichen Seufzer der Neuvermählten auf, und das geheimnisvolle Halbdunkel umhüllte ihre blaß gewordenen Gesichter. Es gab weder Hochzeitsgesänge noch ein festliches Mahl, aber lange Jahrhunderte des Ruhmes und der Macht beschatteten ihr Hochzeitsbett aus Staub und Erde, das den Verliebten weicher und ersehnter erschien als die Daunen der pontischen Schwäne in den byzantinischen Schlafgemächern.

Von diesem Abend an war jede Begegnung zwischen Maria und Theodatus ein Stelldichein von Liebenden. Endlose Liebkosungen traten an Stelle ihrer Gespräche, leidenschaftliche Geständnisse und leidenschaftliche Schwüre an Stelle der halb wahnsinnigen Worte. Sie irrten wieder durch die leeren Gemächer des Goldenen Hauses, es lockte sie aber weniger die Pracht der Bilder, Statuen, Marmorwände und Mosaiken, als die Möglichkeit, in jedem neuen Zimmer sich wieder in die Arme zu fallen. Sie träumten noch vom künftigen Rom, das von ihren Kindern gegründet werden sollte, aber diese strahlende Vision wurde schon von der Seligkeit der Küsse verdunkelt, in deren Flammenschein nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch jeder Wahn verschwand. Sie nannten sich Rea Silvia und Gott Mars, waren aber schon arme irdische Liebhaber, ein glückliches Paar, wie aber Tausende andere, die auf Erden vor tausend Jahrhunderten gelebt hatten …

 VI

Theodatus versuchte niemals, Maria irgendwo außerhalb des unterirdischen Palastes zu begegnen, ebenso Maria dem Jüngling. Sie existierten füreinander nur im Goldenen Hause Neros. Vielleicht würden sie sich auf Erden gar nicht erkannt haben. Theodatus würde aufhören, für Maria Gott Mars zu sein, und Maria würde ihm niemals so schön und wunderbar erscheinen. Der ehrliche Gote sagte sich zwar oft, daß er die wahren Eltern des Mädchens aufsuchen, daß er es heiraten und offen vor allen Menschen zu seinem Weibe erklären müsse. Theodatus schob aber diesen Entschluß von Tag zu Tag auf: es tat ihm leid, den märchenhaften Zauber, in dem er lebte, zu zerstören, er fürchtete, die unaussprechliche Wirklichkeit der unterirdischen Säle mit dem gewöhnlichen Alltag zu vertauschen. Vielleicht erklärte sich Theodatus seine Unschlüssigkeit gar nicht so; aber er beeilte sich nicht, das brennende Glück der geheimen Zusammenkünfte zu unterbrechen, und sooft er von Maria Abschied nahm, schwor er ihr wieder, auch am nächsten Tage zu kommen. Sie erwartete und verlangte nichts mehr: ihr genügte schon die vermeintliche Seligkeit, von einem Gott geliebt zu werden …

»Wirst du mich immer lieben?« fragte Theodatus, Marias zarten Körper in seinen starken Armen zusammenpressend.

Sie schüttelte den Kopf und antwortete:

»Ich werde dich bis in den Tod lieben. Du bist unsterblich, ich aber muß bald sterben. Man wird mich in den Tiber werfen.«

»Nein! Nein!« sagte Theodatus. »Das wird nicht sein! Wir werden zusammen leben und auch zusammen sterben. Ohne dich will ich keine Unsterblichkeit. Auch nach unserem Tode werden wir uns dort, auf unserem Olymp, ebenso lieben!«

Maria aber blickte ihn ungläubig an. Sie erwartete den Tod und war auf den Tod gefaßt. Sie hatte nur den einen Wunsch: das Glück so lange als möglich auszudehnen.

Der Jüngling sagte sich, daß er Maria einmal heimlich folgen müsse, um zu erfahren, wo sie wohne; er müsse zu ihr ins Haus, zu ihrem wahren Vater kommen und ihm sagen, daß er, Agapitus, dieses Mädchen liebe und es zum Weibe nehmen wolle. Sooft aber der Augenblick der Trennung kam und Maria, nachdem sie Theodatus den Eid abgenommen, auch morgen ins Goldene Haus zu kommen, als leichter Schatten in die dunkelnde Ferne entglitt, gab sich der Jüngling einen neuen Aufschub: »Mag es morgen geschehen! Wir wollen uns nur noch ein einziges Mal als Rea Silvia und Gott Mars treffen! Soll dieses Märchen noch eine Weile dauern!« Und Theodatus ging zu sich in seine Kammer, die er bei einem Priester hatte, um die ganze Nacht von seiner Geliebten zu träumen und das neue Glück – das der Erinnerungen – zu genießen. Und Theodatus erkundigte sich bei niemand nach dem seltsamen Mädchen mit den schwarzen Augen, obwohl fast alle Menschen in Rom Maria kannten. Theodatus wollte eigentlich von ihr auch nichts anderes wissen, als daß sie die Vestalin Ilia sei und ihn täglich im unterirdischen Saal des Palastes Neros in Liebe erwarte.

Einmal mußte Maria den ganzen Tag bis zum Abend auf Theodatus warten: der Jüngling kam nicht. Betrübt und erschrocken kehrte Maria heim. Das Dunkel, das ihren Kopf füllte, hatte sich seit dem Tage, an dem sie sich dem Jüngling hingegeben, ein wenig geklärt, und Maria tröstete sich mit dem Gedanken, daß ihr Geliebter durch irgend etwas aufgehalten worden sei. Der Jüngling kam aber auch am zweiten und dritten Tage nicht. Er war plötzlich verschwunden, und Maria wartete vergebens Stunde auf Stunde, Tag auf Tag, sie sehnte sich, verzweifelte, schluchzte, betete zu den alten Göttern und sprach auch solche Gebete, die sie die Mutter gelehrt hatte: aber sie bekam keine Antwort auf die Tränen und auf die Gebete. Die Marmorgötter lächelten in ihren Nischen unverändert ihr überirdisches Lächeln, noch immer prangten die Gemächer des alten Palastes in Mosaik und Malerei, aber das Goldene Haus war für Maria plötzlich leer und schrecklich geworden. Aus dem seligen Paradies, aus dem Lande der elysäischen Gefilde war es zu einer Hölle grausamer Leiden, zu einem schwarzen Tartarus geworden, wo nur Grauen, Einsamkeit, unerträgliches Leid und unerträglicher Schmerz wohnten. Von wahnsinniger Hoffnung beseelt, ging Maria jeden Tag in die unterirdischen Säle; sie wurden aber für sie zu einer Stätte der Folter. Bittere Stunden betrogener Erwartung, schreckliche Erinnerungen an das kurz genossene Glück und neue, endlose, untröstliche Tränen erwarteten sie dort.

Die größten Schmerzen litt aber Maria vor dem Relief, das die in der heiligen Grotte schlafende Vestalin Rea Silvia und den sich ihr nähernden Gott Mars darstellte. Alle Erinnerungen zogen sie zu diesem Relief hin, aber der unerträglichste Gram bemächtigte sich ihrer Seele, sobald sie davor stand. Maria fiel zu Boden und schlug mit dem Kopf gegen die Mosaikfliesen und schloß die Augen, um das strahlende Antlitz des Gottes nicht zu sehen. »Kehre wieder, kehre wieder!« wiederholte sie in ihrem Wahnsinn. »Komm noch einmal, nur noch einmal! Göttlicher, Unsterblicher, erbarme dich meiner! Laß mich dich nur noch einmal sehen! Ich habe dir noch nicht alles gesagt, ich habe dich noch nicht ganz mit meinen Küssen bedeckt! Ich muß, ich muß dich noch einmal in meinem Leben sehen! Dann mag der Tod kommen, dann mag man mich in den Tiber werfen, ich werde nicht widerstreben. Erbarme dich, Göttlicher!« Und Maria öffnete wieder ihre Augen, sah beim schwachen Schein der Fackel wieder das leidenschaftslose Gesicht des marmornen Gottes, und die Erinnerung an die plötzlich entschwundene Seligkeit ließ sie von neuem mit neuen Tränen und neuen Klagen zu Boden fallen. Und sie wußte selbst nicht mehr, ob Gott Mars zu ihr gekommen war, ob jene Tage des vollkommenen Glückes wirklich in ihrem Leben gewesen oder ihr nur unter den Tausenden anderer Visionen erschienen waren.

Die Erwartungen Marias wurden von Tag zu Tag hoffnungsloser. Mit jedem neuen Tag kehrte sie immer gequälter und erschütterter nach Hause zurück. In den Stunden, wo in ihr ein Schimmer des Bewußtseins flackerte, erinnerte sie sich dunkel an alles, was Theodatus ihr einst erzählt. Dann irrte sie durch die Straßen Roms und blickte unter allen möglichen Vorwänden in alle Waffenschmieden hinein, fand aber nirgends, den sie suchte. Von ihrem Kummer und vom entschwundenen Glück jemand auch nur ein Wort zu sagen, war für sie unmöglich; niemand würde auch der Erzählung des armen wahnsinnigen Mädchens Glauben schenken, ein jeder würde alles für die Ausgeburt ihrer kranken Phantasie halten. So lebte Maria allein mit ihrem Kummer, mit ihrer Verzweiflung, und die Mutter schüttelte nur traurig den Kopf, als sie sah, wie Maria von Tag zu Tag magerer wurde, wie ihr die Wangen einfielen und die Augen in seltsamem Feuer brannten.

Die Tage zogen aber gleich unermüdlich dahin wie über dem armen wahnsinnigen Mädchen, so auch über der entweihten Ewigen Stadt und der ganzen Welt, in der langsam ein neues Leben keimte. Die Tage zogen dahin, Justinian feierte seine letzten Siege über die letzten Reste der Goten, die Langobarden planten einen neuen Feldzug gegen Italien, die Päpste schmiedeten heimlich neue Glieder für die Kette, die in der Zukunft Rom und die ganze Welt fesseln sollte, die Römer lebten ihr ärmliches, bedrücktes Leben, und Maria begriff an einem dieser Tage, daß sie Mutter werden sollte. Die Vestalin Rea Silvia, zu der Gott Mars von seinem Olymp herabgestiegen war, fühlte, daß sich in ihr ein neues Leben regte: waren es nicht die Zwillinge, die neuen Romulus und Remus, die ein neues Rom gründen sollten?

Niemandem, weder dem Vater noch der Mutter, sagte Maria, was sie fühlte. Dies war ihr Geheimnis. Aber sie wurde nach der Entdeckung seltsam ruhig. Ihr Traum ging in Erfüllung. Es galt, den Gründern der Stadt das Leben zu schenken und dann auf den Tod in den trüben Wellen des gelben Tibers zu warten.

VII

Im Hause des alten Rufius versammelten sich manchmal Gäste: ein Nachbar, der auf dem Forum Handel mit billigem Frauenschmuck trieb, der Sohn des Kupferschmiedes, der einst um Maria gefreit hatte, ein alter Rhetor, der für seine Kenntnisse keine Verwendung mehr fand, und einige andere verarmte Menschen, die ihre Tage in Trauer beschlossen und nur zum Zweck zusammenkamen, um über ihr unseliges Schicksal zu klagen. Sie tranken schlechten Wein, aßen Knoblauch dazu und ließen zwischen den gewohnten Klagen manches bittere Wort über die Herrschaft der Byzantiner fallen und über die grausamen Steuern des neuen Dux, der sich statt des fortgezogenen Eunuchen Narses auf dem Palatin niedergelassen hatte. Florentia bediente die Gäste, schenkte ihnen Wein ein und bekreuzigte sich heimlich, sooft der alte Rhetor im Gespräch die Namen der verdammten Götter erwähnte.

Bei einer solchen Versammlung saß in einer Ecke der Stube Maria, die an diesem Tage früher als sonst von ihren Wanderungen heimgekehrt war. Niemand beachtete sie. Alle waren schon gewohnt, das schweigsame Mädchen, das man schon längst für wahnsinnig hielt, in ihrem Kreise zu sehen. Sie mischte sich niemals in die Gespräche ein, und niemand sprach sie an. Traurig, mit gesenktem Kopf saß sie unbeweglich da und schien nichts von den Worten der angeheiterten Gäste zu hören.

An diesem Tage sprach man besonders viel vom strengen Regiment des neuen Dux. Der Sohn des Kupferschmiedes nahm ihn aber in Schutz.

»Man muß doch bedenken«, sagte er, »daß man heutzutage gar nicht streng genug sein kann. In der Stadt laufen überall Kundschafter herum. Jeden Tag können irgendwelche neue Barbaren einbrechen. Vielleicht winkt uns gar eine neue Belagerung. Und dann diese verdammten Goten! Als sie aus der Stadt fortzogen, versteckten sie an verschiedenen Stellen ihre Schätze. Und nun kommt bald der eine, bald der andere verkleidet nach Rom zurück, um das Versteckte auszugraben und fortzuschleppen. Solche Menschen muß man einfangen und schonungslos aburteilen: ihre Schätze haben sie doch bei uns Römern gestohlen.«

Die Worte des Sohnes des Kupferschmiedes erregten Aufmerksamkeit. Man begann ihn auszufragen. Er erzählte bereitwillig alles, was er von den Schätzen, die die Goten an verschiedenen Stellen von Rom vergraben hatten, wußte, und wie die Goten, die die Niederlage überlebt hatten, ihre Schätze wieder ausgruben und fortschafften. Er berichtete:

»Da hat man neulich wieder so einen gefangen. Er versuchte mit einer Strickleiter auf den Esquilin zu gelangen, wo es im Boden Sprünge gibt. Er wurde ergriffen und vor den Dux gebracht. Der Dux versprach ihm Begnadigung, wenn er angeben würde, wo die Schätze vergraben seien. Der Verdammte wollte aber nichts sagen, und man konnte aus ihm nichts herausbekommen. Man folterte ihn, er hielt aber jeder Folter stand. Schließlich starb er in der Folter.«

Jemand fragte:

»Ist er tot?«

»Gewiß«, antwortete der Sohn des Kupferschmiedes.

Der getrübte Verstand Marias wurde von einer plötzlichen Erkenntnis erleuchtet. Sie richtete sich auf. Ihre großen Augen wurden noch größer. Beide Hände an die Brust gepreßt, fragte sie mit bebender Stimme:

»Und wie hieß er, jener Gote?«

Der Sohn des Kupferschmiedes wußte es genau und gab sofort Antwort:

»Er nannte sich Agapitus und arbeitete hier in der Nähe in der Werkstatt eines Waffenschmiedes.«

Maria stieß einen Schrei aus und fiel zu Boden.

Maria lag viele Wochen lang krank. Gleich am ersten Tage ihrer Krankheit brachte sie eine Frühgeburt von drei Monaten zur Welt: ein elendes Klümpchen Fleisch, von dem man nicht einmal wußte, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war. Florentia war bei all ihrer Strenge der Tochter herzlich zugetan. Solange Maria bewußtlos darniederlag, pflegte sie sie und wich nicht von ihrem Lager. Man berief zu der Kranken Zauberer und auch einen Priester. Als Maria endlich zu sich kam, fand Florentia für sie kein Wort des Vorwurfs: sie weinte nur untröstlich an der Brust der Tochter. Das mütterliche Herz hatte wohl alles erraten. Und später, als Maria sich ein wenig erholte, erzählte ihr die Mutter ohne Vorwürfe alles, was mit ihr geschehen war.

Maria aber hörte den Bericht der Mutter mit seltsamem Mißtrauen an. Wie konnte auch Rea Silvia, die nach dem Willen der Götter die Zwillinge Romulus und Remus gebären sollte, daran glauben? Hatte sich der Verstand des armen Mädchens nun gänzlich verdunkelt, oder vertraute sie ihrem Wahn mehr als der Wirklichkeit – jedenfalls beantwortete sie die Worte der Mutter nur mit einem schwachen Kopfschütteln. Sie glaubte, daß die Mutter sie betrüge, daß sie während ihrer Krankheit die göttlichen Zwillinge geboren, daß man sie ihr genommen und in einem Korbe in den Tiber geworfen habe. Maria wußte aber, daß eine Wölfin sie finden und großziehen würde, weil sie ein neues Rom begründen müßten.

Solange Maria noch so schwach war, daß sie den Kopf nicht heben konnte, wunderte sich niemand, daß sie keine Frage beantwortete, daß sie tagelang schwieg, weder zu essen noch zu trinken verlangte und nur hie und da ein Wort hinwarf. Aber auch, als sie sich soweit erholt hatte, daß sie langsam durch das Haus gehen konnte, schwieg Maria noch immer, wie von einem einzigen geheimen Gedanken gefangengenommen. Selbst mit dem Vater wollte sie nicht mehr sprechen und freute sich nicht mehr, wenn er die Verse alter Dichter rezitierte.

Eines Morgens, als der Vater in Geschäften aus dem Hause gegangen und die Mutter auf dem Markt war, verschwand Maria unerwartet aus dem Hause. Niemand hatte gesehen, wie sie fortgegangen war. Und niemand sah sie lebend wieder. Nach einigen Tagen spülten aber die trüben Wellen des Tibers den leblosen Körper Marias auf den Ufersand.

Armes Mädchen! Arme Vestalin, die ihr Gelübde verletzte! Man möchte glauben, du wärest, als du dich in den kalten Schoß des Wassers stürztest, überzeugt gewesen, daß deine Kinder, die Zwillinge Romulus und Remus, im gleichen Augenblick die warme Milch der Wölfin einsogen, um später einmal den ersten Grund zu der künftigen Ewigen Stadt zu legen. Wenn du im Augenblick des Sterbens daran nicht zweifeltest, warst du vielleicht glücklicher als alle in diesem unglücklichen, halb zerstörten Rom, gegen das von den Alpen her schon die Horden der wilden Langobarden zogen.