Schlagwort: Stefan George

Ferdinand Hodler & Stefan George | Die Nacht(wachen)

Sieben Schlafende sind um einen aufgewachten, aufgeschreckten, nackten Mann platziert. Auf diesem wiederum kniet eine von einem Tuch verhüllte Figur. Die Personen verteilen sich auf die gesamte Bildfläche und sind umgeben von einer kargen und steinigen Landschaft. Die Nacht scheint wie ausgeleuchtet,einige Figuren sind heller als andere; einen Schatten wirft jedoch keine von ihnen. Der Schweizer Maler hat sich selbst zwischen seiner Frau Bertha Stucki und seiner Geliebten Augustine Dupin dargestellt. Es ist neben „Der Tag“ eines der bekanntesten Bilder Hodlers in der Sammlung. | Im Original zu sehen ist es das 1889/90 entstandene Werk im Kunstmuseum Bern.
***
Ferdinand Hodler | Der Tag | 1. Fassung 1900
Ferdinand Hodler | Die Nacht 1898/90

Stefan George | Nachtwachen I-V

Deine stirne verborgen halb durch die beiden
Wölkchen von haaren (sie sind blond und seiden)
Deine stirne spricht mir von jugendlichem leide.

Deine lippen (sie sind stumm) erzählen die geschichte
Der seelen verurteilt in gottes gerichte.
Erregender spiegel (dein auge) spiel damit nicht!

Wenn du lächelst (endlich flog über dir der Schlummer her)
Dein lächeln gleicht dem weinen sehr
Und du neigst ein wenig dein haupt von kummer schwer.

Nicht nahm ich acht auf dich in meiner bahn
In zeiten feucht und falb worin der wahn
Des suchens fragens sich verlor.

Kann jemand in den zeiten feucht und falb
Am dunklen tore harren meinethalb ?
Nun denk ich dein weil unterm dunklen tor

Wo ängstend säule und gemäuer knarrt
Du meinethalben mein geharrt
Als niemand ging und als es schweigsam fror.

Welche beiden mitternächte
Als der selber schmerzdurchbohrte
An der dulderin sich rächte !

Dass dein blick sich weich umflorte
Dass dein wink ihr mildrung brächte !
Eines sah des andren wunden

Durch des dunkels dichte mahne
Zucken rieseln unverbunden . .
Und nicht wort nicht träne.

Erwachen aus dem tiefsten traumes-schoosse
Als ich von langer Spiegelung betroffen
Mich neigte auf die lippen die erblichen

– Ertragen sollet ihr nur mitleidgrosse !
Seid nur aus dank den euch geweihten offen –
Und die berührten dann in solchen gluten

Die antwort gaben wider höchstes hoffen
Dass dem noch zweifelnden die sinne wichen .
O rinnen der glückseligen minuten !

Wenn solch ein sausen in den wipfeln wühlt
Ist es nicht mehr als dass ein sehnen drohe
Durch blaue blicke · blumen blonde frohe ?

Wenn solch ein branden um die festen spült
Dass du verlassen irrend an dem Strand
Die rettung suchst in leerer himmel brand ?

Dass ich wie nie dich blass und bebend finde ·
Kaum mehr noch als am wegesrand die blinde
Die unbeachtet ruft im lauten winde . .

Aus: Stefan George | Das jahr der Seele

Das Jahr der Seele ist der Titel eines 1897 erschienenen zyklischen Gedichtbandes von Stefan George. Die Sammlung gilt als das bedeutendste Werk seiner ersten Schaffensperiode und als Versuch, die Naturpoesie unter den Bedingungen der Moderne zu erneuern.

Stefan George • Unstern

Unstern

Um solche lasten zu heben
Braucht es des Sisyphus mut ·
Und wär unser wille auch gut:
Lang ist die kunst · kurz das leben.

Fern von ruhmreichen malen
Nach einsamem totenwall
Zieht meine seele in qualen
Zu trauernder trommel schall ..

Mancher edelstein ruht
Verscharrt in der finsternis hut
Und weit von stichel und brille ·

Manche blume spart
Ihren duft wie geheimnis so zart
Vergebens in einsamer stille.

Stefan George – Sieg des Sommers

Wassily Kandinsky - Farbstudie -  Quadrate Mit Konzentrischen Ringen - 1913
Wassily Kandinsky – Farbstudie – Quadrate Mit Konzentrischen Ringen – 1913

Der lüfte schaukeln wie von neuen dingen
Aus grauem himmel brechend milde feuer
Und rauschen heimatwärts gewandter schwingen
Entbietet mir ein neues abenteuer.

Du all die jahre hin mir glanz und glaube
Bei dir · und wo die stummen zeugen waren
Von hoffen und von angst · bei diesem laube.
Denn wird das glück sich je uns offenbarenWeiterlesen

Stefan George – Für Schaffende – Tage und Taten. Aufzeichnungen und Skizzen

 Qui si parrà la tua nobilitate.

Dante


Karl Blossfeldt, Delphinium, 1928
Karl Blossfeldt, Delphinium, 1928

Warum die schönheitwidrigen gebräuchlichen formeln: ›Ja sagte X‹ ›Nein versetzte Y› ›es war an …‹ usw. anwenden um dein inneres auszugiessen? denn das ist es ja nur was du willst? kannst du nicht all dein leises sehnen in das lispeln der blumen legen oder in einen feinen mairegen? nicht all deine unbezähmbaren wünsche in eine stürmende nacht ein brandendes seerauschen ein gellendes heulen aus ungelichteten wäldern? das ringen nach unmöglichem auf schwindel-verursachende berggipfel tragen die von den wolken immer noch weit genug sind? das vergebliche des seins und zeugens in jene ziellose graue nebelstrasse und die stolzen unvermeidlichen verzweiflungen in blut und purpur eines sonnenniederganges? Stefan George


Stefan George: Tage und Taten. Aufzeichnungen und Skizzen, Gesamt-Ausgabe der Werke, Endgültige Fassung, Band 17, Berlin: Georg Bondi, 1933.