Schlagwort: Rezension

Romano Guardini | Über das Interpretieren von Texten

In seinem Buch „Gegenwart und Geheimnis – eine Auslegung von fünf Gedichten Eduard Mörikes” fasst Romano Guardini seine Bemerkungen über Sinn und Weise des Interpretierens dahin zusammen:

Wer interpretiert, sucht in eigener Weise zu klären, was ein Anderer in der seinen gestaltet hat… Das Gedicht ist Aussage und Ausdruck; so hat der Interpret zu zeigen, was da ausgesagt und ausgedrückt wird… In einer Dichtung aber ist das, was sie sagt, und die Weise, wie sie es sagt, ganz eins. Das Wie, die Form, gehört in das Was, den Inhalt mit hinein, und der Inhalt liegt schon in der Weise, wie er zum Ausdruck gelangt. Ja, die Form ist der Inhalt . . .
Wer interpretiert, holt etwas früher Geschaffenes in die eigene Gegenwart herein. Er stellt etwas, das sich aus sich selbst heraus gestaltet und so dem Wandel enthoben hat, wieder in die Zeit, indem er es – wie das gar nicht anders möglich ist – von den Voraussetzungen seiner eigenen Gegenwart heraus versteht . . .

Romano Guardini, Taufname Romano Michele Antonio Maria Guardini (1885 – 1968 ) war ein katholischer Priester, Jugendseelsorger, Förderer der Quickborn-Jugend, Religionsphilosoph und Theologe.

Giuseppe Favas „Ehrenwerte Leute“

Cover "Ehrenwerte Leute" von Giuseppe Fava

Die junge Lehrerin Elena Vizzini tritt ihre neue Stelle an, im kleinen sizilianischen Dorf Montenero Valdemone, fünftausend gemeldete Einwohner. Die Großstädterin hatte sich einen anderen Einsatzort gewünscht, hat aber keine Wahl, will sie doch endlich als Lehrerin arbeiten. Der Rechtsanwalt Bellocampo stellt ihr die Bleibe zur Verfügung, ein kaltes, unwohnliches Zimmer, das einst seiner Schwester gehört hatte.

Das Dorf reagiert auf den Fremdkörper Elena mit Distanz und Tuschelei. Nur ein Zugereister wagt es, sie überhaupt anzusprechen, äußerst dreist obendrein. Wer auf der Straße ist, erlebt, wie sich Elena gegen das aufdringliche Großmaul zur Wehr setzt, doch niemand hilft ihr. Wütend und aufgebracht über die stumpfen Dorfbewohner verkriecht sich Elena auf ihr Zimmer. Am nächsten Morgen sitzt eben jener junge Mann tot auf einem Stuhl auf der Piazza.

„So standen die Leute ordentlich und schweigend im Kreis herum. Die älteren Herren hatten sich aus dem Vereinslokal oder einer der Bars einen Stuhl geholt und saßen dicht an dicht.“

Doch das Schweigen geht weiter. Elena wird von der Polizei vernommen, die mit der Sache ebenso wenig anfangen kann wie Elena. Immerhin, ein alter Bauer erklärt sich bereit, der Polizei das Symbol der Blume im Mund des Toten zu erklären: Er habe eine Blume beleidigt, die Blume habe ihn daraufhin getötet. Mehr dazu gibt es nicht zu sagen.

„Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, dass von vierzig Personen, die wir dazu befragt haben, nicht eine einzige die von ihnen behaupteten Ereignisse bestätigt hat. Niemand hat bemerkt, dass Calògero Villarà Ihnen nachgelaufen ist und Sie belästigt hat. Genau gesagt, hat man auch Sie nicht gesehen und weiß nicht, wer Sie sind oder wie Sie heißen. Sie existieren nicht, und es hat nichts stattgefunden.“

Cover "Ehrenwerte Leute" von Giuseppe Fava
Cover | Unionsverlag

Ab diesem Zeitpunkt wird Elena zur Respektsperson; an ihrer machtvollen Aura spinnt derweil ein Unbekannter weiter, der Elenas Ansehen offenbar nach Belieben bei den Leuten verankern kann. Wegen ihr wird ein Reporter verprügelt, zwei weitere Menschen sterben, nachdem sie Elena angegriffen haben. Das Dorf wird gespenstisch, so wortlos und stumm, wie die Leute mit den Gewalttaten umgehen. Elena kann ihr mysteriöses Podest, das sie erhöht und gleichzeitig weiter isoliert, nicht fassen, nicht begreifen und niemand wird ihr dabei helfen. Nicht einmal mit ihrem Geliebten, dem Lehrer Michele Belcore, verbindet sie mehr als die nächtliche Leidenschaft. Belcore bleibt ebenso stumm wie der Rest der Stadt. Sein Lächeln wirkt, wie all das Lächeln im Dorf, wie „ein Schatten, ein mysteriöser Schimmer“. Kaum wechseln die Liebenden mehr Worte als für die nächste Verabredung nötig sind. Einzig für eine kurze Erklärung der stumpfen Stille sagt er mehr als sonst und Elena merkt bald, dass er sich selbst mittendrin sieht:

„Du kennst die Leute nicht, sie glauben an eine Art Plan und daran, dass Gott alles leitet, sie resignieren und auf diese Weise wird das Leben wieder erträglich, sie denken alles sei unausweichlich, das Elend und die Unwissenheit sind Teil diese Fatalismus.“

Giuseppe Favas Roman beunruhigt, weil er gezielt Angst und Unwissenheit einsetzt. Elena, die Frau aus der Großstadt, kann sich nicht erklären, warum sich ein ganzes Dorf in Schach halten lässt und ihre Angst überträgt sich auf den Leser, der die gewollte Stimmlosigkeit genauso wenig verstehen wird. Elena wird die Hilfe Stück für Stück entzogen. Ihr geheimnisvoller Beschützer ahnt, wer ihr zu nahe kommt und helfen könnte: Michele, der Ortsansässige, erklärt sich ohnehin nicht; ein Augenzeuge aus dem Elena treu ergebenen Armenviertel, der trotz seiner Angst mit ihr sprechen will, wird beseitigt; der schlaue Richter Occipinti, der ein denkbares Motiv entschlüsselt, wird schnell auf einen neuen Posten versetzt.

Vieles deutet auf den einen Menschen, der diese bedrückende Kontrolle ausübt, doch Fava lässt in diesem Mikorkosmos nicht einmal beispielhaft zu, was im Makrokosmos schon nicht funktioniert: Würde der Erste den Mund aufmachen, könnte der Bann gebrochen werden. Giuseppe Fava hat den Mund aufgemacht: Der Journalist und Schriftsteller setzte oft die Mafia ins Zentrum seiner Tätigkeit und zog hart mit ihr ins Gericht. Die Mafia tat, was sie auch in Montenero Valdemone getan hätte: 1984 ließ man ihn vor seinem Theater ermorden; der Prozess gegen die Täter verschleppte sich über zehn Jahre hinweg.

Mit derart offensichtlicher Gewalt brach die „ehrenwerte Gesellschaft“, nachdem die Proteste immer lauter wurden. Dennoch steckt Favas Roman nicht fest als Zeitzeugnis vergangener Tage. Montenero Valdemone, übersetzt etwa das Dorf mit dem schwarzen Berg und dem Tal des Teufels, kann überall sein. Fava fragt nach Courage, nach Mitdenken, nach Handeln. Und da der Leser mit Elena mitdenkt und fühlt, muss er sich am Ende auch mit Elena für eine von drei Lösungen entscheiden: Weggehen? Mitmachen? Unterordnen?

„Sie hatte noch zwanzig Sekunden Zeit, sich zu entscheiden …“

Der Autor

Giuseppe Fava wurde am 15. September 1925 geboren. Nach dem Abschluss seines Jurastudiums wandte er sich dem Schreiben zu und war ab 1952 hauptberuflich als Journalist tätig. Bekannt wurde er jedoch vor allem als Autor von Theaterstücken, Romanen und Sachbüchern.

Sowohl als Journalist wie auch als Schriftsteller setzte er sich vor allem mit der mafiosen Gesellschaft seiner Heimat auseinander; sein 1975 erschienener Roman Ehrenwerte Leute war sein größter, auch internationaler Erfolg. 1983 gründete er die Monatszeitschrift I Siciliani, die für die damals gerade entstehende italienische Anti-Mafia-Bewegung sehr einflussreich war.

Am 5. Januar 1984 wurde Giuseppe Fava vor dem von ihm gegründeten Theater in Catania, in dem sein Anti-Mafia-Stück L’ultima violenza aufgeführt wurde, ermordet.


ISBN 978-3-293-30368-3
Verlag: Unionsverlag
Erstveröffentlichung Original: 1975
Erstveröffentlichung Deutsch: 1990
Originaltitel: Gente di rispetto
Übersetzung: Peter O. Chotjewitz

Bettina Schnerr | Umberto Ecos „Nullnummer“

Cover | Verlag
Cover | HANSER

Knapp fünfzig ist der Journalist Colonna, als er eine interessante Anfrage erhält. Eine, die er positiv beantwortet und damit in den Augen des Auftraggebers sich und seine Laufbahn enttarnt. „Provinzzeitungen, kulturelle Kleinarbeit, Ghostwriting“ analysiert Simei, Herausgeber einer neuen Zeitung. Simei plant „Domani“ im Auftrag des Commendatore Vimercate, eine Zeitung, die sich mit Skandalen befassen soll, aber nicht einfach nur berichten wird. Domani soll mit möglichen Hintergründen aufwarten, und zwar so, dass ausgewählte Leser angesichts der Enthüllungen und Mutmaßungen nervös werden. Das Spiel des Commendatore ist raffiniert: Die Zeitung soll eigentlich nie erscheinen, er will damit nur den gut informierten Platzhirsch markieren und Zutritt zur feinen Gesellschaft erhalten. Gleichzeitig will Simei ohne Wissen des Commendatore über das Experiment ein Buch schreiben. Dieses wiederum soll Colonna schreiben, der dafür Mitglied der Redaktion wird.

Über zwei Monate hinweg dokumentiert Colonna in „Nullnummer“ seine Arbeit in dieser merkwürdigen Redaktion, einer Redaktion, in der außer Simei und Colonna niemand weiß, dass all diese Texte niemals erscheinen werden. Da ist Romano Braggadocio, der Faktensammler, der seinen Autokauf minutiös plant, Zahlen und Vergleiche sammelt und in seiner Datenflut untergeht. Für ein Auto kann er sich jetzt erst recht nicht entscheiden. Da ist Maia Fresia, promovierte Philologin, gescheit und ambitioniert, die bisher nur bei einem Klatschblatt mit Affären hausieren gehen durfte. Cambria, der sich in Notaufnahmen und Kommissariaten um Sensationsnachrichten mühte. Die arbeitslose Korrektorin Constanza, deren Tätigkeit bei den meisten Zeitungen mangels Interesse an korrekter Schreibung einfach nicht mehr gefragt ist.

Bettina Schnerr * Rezensionen Krimi Foto:Privat
Bettina Schnerr | Foto: privat

Überhaupt die Qualität journalistischer Arbeit: Sie steht im Mittelpunkt des Romans. Eco lässt an den Machern von Domani kein gutes Haar. Ein Begriff wie Lügenpresse fällt schnell, aber das ist gar nicht das Problem. Gelogen wird nicht. Die Kunst der „Dreckschleuder“, wie Eco diese Form des Journalismus nannte, ist nicht das Erfinden von Nachrichten, sondern das manipulative Darstellen von Fakten. Den Lesern Meinungen unterjubeln, Nachrichten zu Grüppchen mit suggestiver Wirkung zusammenstellen. Das Handwerkszeug der Zeitungen sind nicht die schönen Schriften, nach denen Eco seine Protagonisten benannt hat, sie sind nur Kulisse. Da passt es völlig ins Bild, dass die Bemühungen Maias, gute und informative Rubriken zu entwickeln, grundsätzlich unter den Tisch fallen. Der paranoide Verschwörungsjäger Braggadocio geringschätzt sie deswegen sogar. Er ist die heimliche Hauptperson des Romans, nicht Colonna. Colonna ist derjenige, der durch das Abenteuer Zeitung führt und moderiert. Der mit Maia eine Affäre beginnen darf. Aber die Show gehört in diesem Roman jenem, der die Idee der Skandalfindung zur Expertise erhebt und offenbar eine Art Grundstein entdeckt für alles, was in Italien seit 1945 passiert ist.

Braggadocio geht in seinem neuen Job auf. Seine Prämisse: Es gibt ausreichend Informationen, aber meist führen die Menschen sie nicht zusammen und ihnen entgeht folglich der Blick auf das Ganze. „Ein Fakt allein sagt gar nichts, alle zusammen lassen dich begreifen, was auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist.“ Braggadocio ist also genau der Mann, der in den Berichten über die letzten Stunden Mussolinis das Detail findet, das alle anderen seiner Meinung nach nicht richtig interpretieren konnten. Er trifft Informanten, stöbert in Archiven und baut Stück für Stück eine Theorie auf, die zahlreiche Lücken in Italiens Ermittlungsakten schließen soll. Es gibt spektakuläre Attentate und Morde genug, deren Ermittlungen in Stocken gerieten oder abgewürgt wurden. Braggadocio glaubt zu wissen warum.

Eco speist seinen Roman aus vielen Versatzstücken. Die Zeitung, die nie erschien, gab es in Italien tatsächlich einmal (wobei sie im Gegensatz zu Domani groß angekündigt war und nicht im Verborgenen betrieben wurde). Der Commendatore erinnert an den aufstrebenden Berlusconi, der es mit einem Medienimperium an die Spitze der Gesellschaft gebracht hat. Vermutlich sieht ein Italiener noch mehr Anspielungen, die ausländischen Lesern entgehen.

Umberto Eco stellt ein bewusst aufgebautes Szenario zusammen, was man dem Buch auf ganzer Strecke anmerkt. Daran kränkelt der Roman aber auch. Das Konstrukt ist klug und entlarvend, aber auch blutleer. Bis zum Ende tändelt der Roman mit seinen Protagonisten durch die Tage, um am Ende mit einem Knall zu überraschen. Braggadocio lag mit irgendeiner seiner Vermutungen richtig und wird aus dem Weg geräumt – ein Ende, das sich durch einen Prolog von Beginn an erahnen ließ. Wer im Dreck wühlt, wird auch welchen finden. Was man bei Braggadocio noch für Gespinste eines Verschwörungstheoretikers hielt, bestätigen die Kollegen der BBC in einem detailliert und solide recherchierten Filmbeitrag. Während sich das Gros italienischer Sensationspresse mit Petitessen abgibt, manipuliert und suggeriert, laufen in Wirklichkeit viel krudere Geschichten hinter den Kulissen ab. Wie Colonna feststellt, werden nur leider zu wenig Menschen in Italien Interesse an der BBC zeigen.

Ecos letzter Roman erinnert den Leser an den Wert guter Information und sachkundiger Arbeit. Er zeigt auch, welche Nachrichten wirksamer sind: Schlichte Skandale, die die Leser nicht allzusehr fordern. In Ecos Romanwelt kommt das Gewichten, Einordnen und Kuratieren der bedeutenden Nachrichten zu kurz. Halt … nur in Ecos Welt?

„Die Menschen haben den Drang, ihr Scheitern anderen zuzurechnen. Schon in der Ilias wird das Schicksal Trojas als Verschwörung der Götter dargestellt. Wenn du im Stau steckst, schimpfst du über die Regierung. In Wahrheit bist du es selber, der den Stau produziert. Leute suchen Verschwörungstheorien, um sich selbst zu entlasten.“ | Umberto Eco

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Umberto Eco | 2010 | Copyright: Peter-Andreas Hassiepen

[Der Autor]
Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 in Alessandria (Piemont) geboren und starb am 19. Februar 2016 in Mailand. Er zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern und Wissenschaftlern der Gegenwart, der sich dazu als Kolumnist und Philosoph einen Namen gemacht hatte. Berühmt wurde Eco durch seine Romane, allen voran Der Name der Rose. Sein Werk erscheint im Hanser Verlag, darunter u.a. Der Friedhof in Prag (Roman, 2011) sowie Die Geschichte der legendären Länder und Städte (2013).

trennlinie2ISBN: 978-3-446-24939-4
Verlag: Hanser Literaturverlage
Erstveröffentlichung: 2015 (Original & Übersetzung)

Bettina Schnerr | Zora del Buonos Novelle G o t t h a r d

Cover
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Kaum mehr als einen halben Tag lang begleitet der Leser den Eisenbahnfan und Trainspotter Fritz Bergundthal ins Tessin. Nahe der Großbaustelle des Gotthard-Basistunnels sucht er die für ihn so perfekten Fotos, die immer dann entstehen, wenn ein Zug kurz vor ihm aus dem Tunnel auftaucht. Ein beliebter Ort für Eisenbahnfreunde und viele davon kennen, so wie Bergundtahl, all die Zahlen und Fakten, die zum Bau der Trassen durch das Gotthard-Massiv gehören. Überhaupt dieser Gotthard: Er ist der Dreh- und Angelpunkt, der die Novelle von Zora del Buono zusammenhält. Bergundthal ist nur zu Gast dort und öffnet dem Leser die Türe zu den Menschen, deren Leben der Berg bestimmt. Die Autorin setzt ihre Novelle minutiös in kleinen Stücken zusammen, jedes einzelne ist anderen Personen gewidmet. Und doch haben sie alle miteinander zu tun.

Da ist zum Beispiel Dora Polli-Müller, die mitten in einer Haarnadelkurve der Straße wohnt. Während der Straßentunnel entstand, war sie die von den Männern umschwärmte Königin der Kantine und nie um einen Flirt verlegen. Geheiratet hat sie am Ende den Tunnelbauer Aldo, der schon lange nicht mehr im Berg arbeitet und im Tal als wirrer rasender Alter mit dem Töff bekannt ist. Die einzige konstante Verbindung zu seiner Frau sind die Hunderter, die er ihr als Haushaltsgeld zusteckt. Tochter Flavia ist als Lastwagenfahrerin unterwegs und transportiert derzeit Einzelteile der Tunnelbohrmaschine zur Deponie. Doch ihr Quartier hat sie nicht daheim, sondern auf einem Campingplatz bezogen. Jenem, der auch Bergundthal als Unterkunft dient.

Im Tunnel selbst arbeitet der frühere Bäcker Robert Filz, einer junger Bursche, der nur zwei Tätigkeiten kennt. Entweder fährt er die Baustellenzüge oder er treibt sich im lokalen Puff herum. Im Stollen ist außerdem Tonino, der schon beim Straßentunnel dabei war, ein alter Kollege von Aldo und ehemaliger Verehrer von Dora. Aldo und Tonino wissen voneinander, aber seit Beginn der Bauarbeiten vermeiden sie den Kontakt. Der Tunnelbau neigt sich absehbar dem Ende zu. Der Durchbruch ist geschafft, die Tunnelbohrmaschine wird demontiert und allen, die mit dem Bau beschäftigt sind, steht ein Umzug ins Haus. Viele kamen extra deswegen her und wissen, dass sie sich neu orientieren müssen.

Nicht nur der Gotthard hält die Geschichte zusammen, der zweite Anker ist die Liebe. Die obsessive, die missverstandene, die heimliche, die fehlende. Für die Einen ist sind der Gotthard und seine Baustellen eine Liebesbeziehung, eine Befreiung, eine Flucht, für die Anderen sind es Projektionen, eine Suche. Zora del Buono beobachtet mit scharfem Auge, kümmert sich oft um scheinbare Nebensächlichkeiten. Genau mit solchen Details aber trifft sie den Kern ihrer Protagonisten, ihre Schwächen und Sehnsüchte. Mit Erklärungen hält sich ihr sauberer Stil nicht auf. Der Aufbau folgt gewissenhaft den Abläufen an diesem Morgen und baut eine intensive Spannung auf. Die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Bergbauer, ist von der Baustelle verschwunden – das wird sich rächen …

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Die Autorin
zoradelbuonoZora del Buono, geboren 1962 in Zürich, lebt in Berlin und Zürich. Sie studierte Architektur an der ETH Zürich und der HdK Berlin, arbeitete als Architektin und Bauleiterin und war Gründungsmitglied der Zeitschrift „mare“. Im mareverlag sind ihre Romane „Canitz’ Verlangen“ (2008) und „Big Sue“ (2010) erschienen sowie „Hundert Tage Amerika. Begegnungen zwischen Neufundland und Key West“ (2011), bei Matthes & Seitz in der Reihe „Naturkunden“ ihr Band „Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen“ (2015).

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ISBN: ISBN 978-3-406-68184-4
Verlag: C.H. Beck
Erstveröffentlichung: 2015
Website der Autorin: zoradelbuono.de
Bettina Schnerr erreichen Sie über ihre Website.

Jürgen Brater: Lexikon der rätselhaften Körpervorgänge • Von Alkoholrausch bis Zähneknirschen

Jürgen Brater: Lexikon der rätselhaften Körpervorgänge  
Von Alkoholrausch bis Zähneknirschen

Dr. Jürgen Brater- c  Eichborn Verlag
Dr. Jürgen Brater- c Eichborn Verlag0

Warum wir rot werden, wissen wir ja meist. Aber was genau geht da vor sich? Unser Körper gibt uns täglich viele solcher kleinen und großen Rätsel auf: Morgens haben wir »Sand in den Augen«, vormittags knurrt uns vor Hunger der Magen, nach dem Mittagessen leiden wir unter bleierner Müdigkeit, nachmittags macht uns ein Kaffee plötzlich wieder putzmunter, abends im Konzert müssen wir zwanghaft an der leisesten Stelle husten, beim Einschlafen bemerken wir ein unkontrolliertes Muskelzucken und kaum schlafen wir endlich, beschwert sich der Partner über unser Schnarchen. Das Lexikon der rätselhaften Körpervorgänge erklärt in verständlicher und lockerer Weise, aber mit medizinischer Kompetenz, was hinter den ganzen Rätseln steckt – vom peinlichen Furz bis zum angenehmen Geschmackserlebnis und vom bedrohlichen Ohnmachtsanfall bis zum aufregenden Verliebtheitsgefühl.

Rezension

Manches, was in diesem Buch aufgeführt ist, wäre genauso gut in im „Buch des nutzlosen Wissens“ besser aufgehoben. Dazu zählt die z.B. die Angabe, dass wir beim Atmen nicht beide Nasenlöcher gleichzeitig benutzen, sondern mal das linke und mal das rechte – und das ganz unbewusst. Eine solche Information ist entbehrlich, dafür wenigstens amüsant und überraschend – oder?
In seiner unterhaltsamen Mischung liegt die Stärke des Buches. Mal erklärt Autor Dr. Jürgen Brater sachlich, kurz und verständlich medizinisches Grundwissen: Was beim passiert Asthma? – oder – Haben sterilisierte Männer noch einen Samenerguss? Andere Lemma nutzt der studierte Mediziner und Zahnmediziner, um offene Rätsel aufzuzeigen: So konnte trotz umfangreicher Forschung bis heute nicht geklärt werden, warum manche Menschen bei Zugluft einen steifen Hals bekommen. Nebenbei werden Ergebnisse aktueller medizinischer Studien vorgestellt: Danach haben Ärzte einer amerikanischen Augenklinik herausgefunden, dass Babys, die nachts im Hellen schlafen, später besonders häufig kurzsichtig werden. Und: ein Team Hawaiianischen Medizinern, das 20 Jahre lang rund 3500 Männer zwischen 71 und 93 Jahren untersuchte, stellte überraschend fest: Männer mit hohem Cholesterinspiegel leben am längsten. Leider vermeidet es der Autor darauf einzugehen, wie umstritten diese Resultate sind.
Dr. Jürgen Brater klärt uns auch über folgende Fakten auf: Wir erfahren dass Bier nicht dick macht – sondern die Brezel dazu. Dass es keinen bösen Blick gibt und warum man immer denkt, man stünde in der langsameren Schlange beim Einkauf. Dass man im Konzert nur hustet, wenn es nicht gut ist, und dass Naseputzen bei Schnupfen sehr ungesund ist. Oder auch, dass weder Masturbieren noch zu nah vor dem Fernseher Sitzen schädlich ist.

Mein Fazit

Das Buch ist kein Lexikon zum Nachschlagen, dafür fehlt es an Systematik und Vollständigkeit- es fehlt z.B. ein Schlagwortregister. Aber zum vergnüglichen Konsum zwischendurch eignet es sich vorzüglich.

Der Autor

Dr. Jürgen Brater, 1948 in Ostfriesland geboren, schloss 1972 das Studium der Medizin und Zahnmedizin an der Universität Erlangen mit Promotion ab. 1976 ließ er sich in eigener Zahnarztpraxis in Aalen nieder. Seit 2003 ist er darüber hinaus als Biologielehrer an einem Abend-Gymnasium und erfolgreicher Autor zahlreicher Bücher tätig. Er lebt mit seiner Familie in Aalen.


Jürgen Brater – Lexikon der rätselhaften Körpervorgänge
Von Alkoholrausch bis Zähneknirschen
Eichborn | 2002-02-01 | ISBN: 3821839163 | 497 Seiten|

Will Wiles • Kein Leben ohne Minibar • carl’s books • v1.1

Will Wiles • Kein Leben ohne Minibar • carl’s books

Will Wiles • Kein Leben ohne Minibar • c carl's books
Will Wiles • Kein Leben ohne Minibar • c carl’s books

Kurzbeschreibung
Neil Double hat einen ungewöhnlichen Beruf: Stellvertretend für zahlungswillige Kunden besucht er Konferenzen und Messen. Dieses anonyme Leben zwischen Flughafenlounge und Hotelzimmer ist wie geschaffen für diesen eigensinnigen Einzelgänger, besonders die globale Hotelkette Way Inn hat es ihm angetan. Neils Welt gerät jedoch aus den Fugen, als er spätnachts an der Hotelbar auf die geheimnisvolle Frau trifft, der er schon einmal unter höchst bizarren Umständen begegnet ist. Bei ein paar Whiskys erzählt sie ihm von geheimnisvollen Vorgängen im Way Inn. Als die schöne Unbekannte plötzlich verschwindet, landet Neil auf der Suche nach ihr in einem aberwitzigen Alptraum, der ihn immer tiefer in die endlos labyrinthischen Flure des auf einmal gar nicht mehr so vertrauten Hotels führt.

Rezension
Neil Doubles Welt besteht aus Hotelaufenthalten und Messen; er zieht von einer Fachmesse zur nächsten, das Thema ist egal, und beschafft Informationen für Leute, die aus Zeitgründen oder mangels Lust darauf nicht selber auf die Messe kommen wollen. Double liebt dieses Leben, geprägt von den Eindrücken, die er von seinem verstorbenen Vater hat, einem Handelsreisenden, der selber ständig in Hotels gelebt hat. Ein bisschen lebt Double also seinen Kindheitstraum. Ein Hotel ist für Double die große weite Welt, ein unverbindlicher Kosmos und selbst, wenn eine Messe einmal gar nicht so weit von Daheim stattfindet, bevorzugt er das Hotelbett. Die Hotelkette seiner Wahl ist das Way Inn mit zahllosen Standorten weltweit.
Probleme gibt es erstmals im jüngst eröffneten Way Inn-Hotels nahe des neuen Messezentrum Metacentre, wo mit der Meetex eine Messe für Messeveranstalter stattfindet. Dass sein Job nicht jedem schmeckt, der sich die Mühe macht, einen Messestand zu bauen oder eine Messe zu organisieren, ist noch das kleineste Problem. Im Way Inn häufen sich merkwürdige Zwischenfälle, die sich der hotelerfahrene Double nicht mehr erklären kann. Er trifft auf den Hotelgast Dee, die ihm das Mobiltelefon stibitzt und verschwindet. Der Hotelmitarbeiter Hilbert nimmt Kontakt zu ihm auf und bietet ihm für die Suche nach Dee einen Deal an. Mit der Jagd nach dem Telefon rutscht Doubles Hotelerlebnis in eine ganz neue Sphäre. Denn das Way Inn macht mit seinem Namen nicht umsonst das Wortspiel mit „way in“; von einem „way out“ ist keine Rede.
Wer sich auf Doubles Reise begeben will, braucht ein halbes Buch Anlauf. So viel Vorgeschichte gibt uns Wiles mit auf den Weg, bevor Doble in das unheimliche Innere des Hotels abtaucht. Die beiden ersten Teile des Buchs, „Die Messe“ und „Das Hotel“, widmen sich ausführlich Doubles Ideen und Erkenntnisse über die austauschbare Hotelarchitektur der meisten Ketten; seine Überlegungen sind zweifelsohne aufschlussreich, stimmig und interessant, vor allem, wenn man selber auf Messen ist und/oder solche Hotels von Innen kennt. Wer hat sich etwa schon einmal überlegt, warum die Bilder in diesen Hotelketten zwar da sind, aber nie durch Stil oder Motiv besonders auffallen? Oder warum die Flure mit Sofas bestückt sind, die nie jemand benutzt? Die Beobachtungen zum Messegeschehen und den allgegenwärtigen, unpersönlichen Hotels für Geschäftsreisende gelingen wirklich treffsicher und verschaffen Momente des Wiedererkennens.
Es ist natürlich klar, dass all diese Ideen irgendwo hin führen müssen. Das passiert im dritten Teil, „Das innere Hotel“. Ab hier wird Doubles Rundgang durch das Way Inn rätselhaft und gespenstisch, fast wie eine halluzinierte Reise. Obwohl die erste Hälfte des Buches für den Rest die Voraussetzung bildet, wirken beide Teile aber so sehr getrennt, dass sie fast aus zwei Werken zu stammen scheinen. Die sichtbare Klammer bilden hin und wieder nur die Erinnerungen Doubles an seinen Vater, dem er mit seiner Liebe zu Hotels nacheifert.

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Gut ist, wenn am Ende des Buches die Danksagung des Autoren auffällt. Darin bedankt Wiles sich unter anderem bei dem Architekten Rem Koolhaas und dem englischen Schriftsteller James Graham Ballard. Das Recherchieren der beiden hat geholfen, um mit dem Buch etwas mehr anfangen zu können, denn dann erkennt man die Bezüge und Hinweise auf diese beiden und ihre Werke. Ballard war unter anderem Autor von Dystopien und experimenteller Literatur, von dem ich zumindest zwei Motive im Buch entdecken konnte. Koolhaas entwickelte den Begriff des Junkspace, einen Begriff für austauschbare, seelenlose Architektur, die unaufhaltsam um sich greift. In einem Essay von 2001 lässt er sich ausführlich über diese moderne Form der Architektur aus, die für ihn längst keine mehr ist. „It is always interior, so extensive that you rarely perceive limits; it promotes disorientations by any means […] Air conditioning has launched the endless building.“ Wiles hat dem Junkspace in diesem Roman ein Gesicht gegeben. Dass es ein Hotel wurde, liegt an Hilbert: Auch der ist ein Zitat, das auf den gleichnamigen Mathematiker und eines seiner Gedankenexperimente, das Hilbert-Hotel, zurück geht. Logischerweise kann nur Dee Double dabei helfen, im Hotel zurecht zu kommen, denn sie hat „Mathematik, Geometrie und Topologie“ (auch das Hilbert’sche Forschungsthemen) studiert und lange im Immobilienwesen gearbeitet.

Verschafft man sich nach der Lektüre ein paar Einblicke dieser Art, wird der Roman rückblickend wirklich interessant – voller Anspielungen und Zitate, von denen man einige finden wird. Details passen plötzlich zusammen und ergeben einen Sinn. Solange man das Buch in der Hand hält und keine Ahnung von solchen Querverweisen hat, beginnt das Buch langatmig, gerät der Bruch zum letzten Teil recht rabiat. Irgendwie fehlt da lange Zeit der Zauber. Zwar ergeben sich natürlich auch einfach durch die Lektüre Zusammenhänge, aber wirklich interessant wird das Buch erst nach ein paar Zusatzartikeln dieser Art.

WIll Wiles - Foto: Privat
WIll Wiles – Foto: Privat

Der Autor:
Will Wiles lebt als Journalist und Autor in London. Sein erster Roman „Die nachhaltige Pflege von Holzböden“ wurde für mehrere Preise nominiert und erhielt den renommierten Betty Trask Award.


ISBN: 978-3-64114-679-5
Verlag: Carl’s Books, München
Erstveröffentlichung: 2014 (Original) / 2015 (dt. Übersetzung)

Raphael M. Bonelli • Selber schuld! • Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen • PATTLOCH

Raphael M Bonelli • Selber schuld! • Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen

Raphael M. Bonelli Selber schuld! - BuchCover
Raphael M. Bonelli – Selber schuld! – BuchCover

Beschreibung
Heute verdrängen wir nicht mehr Sexualität, sondern Schuld: Klopft das Schuldgefühl an der Türe des Bewusstseins, geben wir schnell die heiße Kartoffel an andere weiter. Eltern, Lehrer, Ehepartner – alle sollen schuld sein, nur damit wir uns nicht schuldig fühlen müssen. Beim Wiener Psychiater Raphael M. Bonelli legt sich die Unschuld auf die Couch. An vielen Fällen aus seiner Praxis zeigt er: Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid machen unfrei, bitter und oft auch wirklich krank. Der korpulenten Patientin ist klar: »An meinem Gewicht ist meine Familie schuld!« Der Ehemann schiebt den Seitensprung, bei dem er ertappt wurde, seiner bigotten Umgebung in die Schuhe, denn: »Ein gesunder Mann braucht das!« Und der überführte Dopingsünder sieht sich als Opfer der Medien. Bonellis Therapievorschlag lautet: Persönliche Schuld erkennen und selbst Verantwortung für das eigene Tun übernehmen. Wer zu einem schmunzelnden „Selber schuld!“ bereit ist, kann auch leichter anderen verzeihen.

„Über Sex zu sprechen ist heute kein Problem mehr, weder in Therapien noch in Talkshows. […] Aber über eigene Fehler sprechen – das geht gar nicht. Nichts ist so intim wie die eigene Schuld. Die Abwehraggression bei dem Thema ist deutlich spürbar, besonders auffällig natürlich bei Paartherapien, bei denen jeweils “Unschuld” auf Beschuldigung prallt. […] Wir verdrängen unsere Schuld, weil sie letztlich Schmerz bedeutet und wir Angst vor Schmerz haben. Viele Menschen tun sich heute schwer, die Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, und haben sich ein entlastendes Erklärungsmuster von Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid zurechtgelegt. Fast jeder sieht sich als Opfer. Dieser Mechanismus ist aber der seelischen Gesundheit nicht förderlich … „

Rezension

[avatar user=“oliversimon“ size=“thumbnail“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/oliver-simon-herausgeber-redakteur-autor-2/“]Oliver Simon[/avatar]

Der 1968 geborene Neurowissenschaftler und Psychotherapeut setzt sich hier vor allem mit der inneren Einstellung auseinander, selbst nie an der eigenen Misere schuld sein zu wollen. Schuld sind die anderen, die Eltern, die Lehrer, der Partner, die Lebensumstände usw.
Allerdings schränkt uns die Verdrängung der eigenen Schuld und das Ausweichen in die Fremdbeschuldigung sowie das Erstarren in der Opferrolle in unserem Handlungsspielraum ein. Als Opfer könne man nichts tun, um sich aus Verstrickungen zu befreien, die man möglicherweise selbst herbeigeführt hat. Wie der Patient, der dem Therapeuten vorwirft, dass der ihn nicht verstehe. Er leide doch so sehr unter der belastenden Situation, sich nicht zwischen Ehefrau und der Geliebten entscheiden zu können.

Lösungsansätze können also nur derart sein: Selbsterkenntnis und der Mut, Fehler und Schuld einzugestehen. Deshalb kann der Autor dem Ansatz mancher Kollegen, die jegliches Schuldgefühl bei ihren Patienten eilends „wegtherapieren“ wollen, nichts abgewinnen: es blockiert den Weg zur Selbsterkenntnis.
Dr. Bonelli macht in seinem Buch immer wieder unmissverständlich klar, dass es ihm NICHT um Schuldgefühle und Belastungen geht, die beispielsweise aus Stoffwechselstörungen, Krankheiten oder aus traumatischen Erlebnissen herrühren. Er betont, er wolle keine Schuldgefühle züchten, sondern dazu ermutigen, einen einmal erkannten Fehler, eine Schuld nicht zu verleugnen, sondern an ihr zu reifen und den Handlungsspielraum zurückzugewinnen, den Verleugnung, Verdrängung, Opferstatus und Fremdbeschuldigung eingenommen hatten.

Der Verfasser beleuchtet u. a. folgende Mechanismen detailliert – Zitat:
„Es gibt eine Reihe von psychopathologischen Mechanismen, die dem normalen, fehlerhaften Menschen die Schuld nehmen und ihn in ein Unschuldslamm verwandeln: Perfektionismus, Ichhaftigkeit, Selbstwertüberhöhung, Narzissmus, Selbstempathie, Wehleidigkeit, Sentimentalität, Selbstmitleid, Abgrenzung, Lebenslügen, Selbstbetrug und innere Widersprüchlichkeit. […] Alle diese Faktoren sind verwandt miteinander, bedingen einander und überschneiden sich auch teilweise. Sie nehmen die Verantwortung und blockieren den Menschen in der Makellosigkeit. Alle diese Ingredienzien sind jedenfalls zur artgerechten Aufzucht eines makellosen Unschuldslamms hilfreich. (S. 67)“

Im letzten Teil erarbeitet er anhand der alltagstauglichen Begriffe Kopf, Herz und Bauch, wie der Mensch vermeiden kann, die oben erwähnten Mechanismen zu aktivieren.
Bonelli lenkt den Blick des Lesers auf die Auswirkungen, die der gängige Zeitgeist – alles ist einfach und ohne Pflichten – so mit sich bringen kann. Dazu bedient er sich zum einen ausführlicher Fallbeispiele, die nur auf den ersten Blick nichts mit unserem “normalen” Alltag zu tun haben, bei genauerem Hinsehen jedoch genau die Denkweisen und Denkfallen verdeutlichen, die die meisten von uns kennen.
Zum anderen leitet er die großen Abschnitte jeweils mit einer literarischen Gestalt ein, die er darauf hin untersucht, wie sie mit Schuld und Schuldgefühlen umgeht. Da findet sich Faust neben Franz Moor und Gregorius neben Richard York. Auch Michael Kohlhaas, Anton Hofmiller, Raskolnikow und Ebenezer Scrooge werden beschrieben. Jean Valjean (Autor von „Die Elenden“) bildet dann den Abschluss.

Obwohl der Autor durch und durch akademisch geprägt ist, schreibt in einer für den Laien verständlichen Sprache und setzt mit Humor und Zuspitzungen zur Verdeutlichung ein. Er zeigt, wo es notwendig ist, die Überschneidungen, aber auch die zu beachtenden Grenzen zwischen Psychologie als Wissenschaft, Therapie und Religion. Immer wieder bettet er seine Erkenntnisse in den wissenschaftlichen Kontext und die Arbeit anderer Kollegen ein und wer will, könnte danach anhand der erwähnten Literatur ein ausgedehntes Selbststudium betreiben.

Mein Fazit
Am Ende des Buches hatte ich das Gefühl, mal wieder meine „Windschutzscheibe“ geputzt zu haben.
Dr. Bonellis Buch macht deutlich, dass verschiedene therapeutische Schulen eben verschiedene Menschenbilder als Grundlage haben und man vermutlich gut damit beraten wäre, dies zu Beginn einer Therapie zu klären.
Das Buch ist zur Selbstreflexion ein Gewinn und hilft zudem die Menschen im eigenen Umfeld besser zu verstehen. Eine Einladung mit sich und anderen versöhnlicher umzugehen.

Der Autor:
Raphael Maria Bonelli (* 10. September 1968 in Schärding, Österreich) ist ein österreichischer Neurowissenschaftler an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien sowie Psychiater und systemischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Die Website des Autors: www.bonelli.info/


Raphael M. Bonelli
Selber schuld!
Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen
336 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-629-13028-0
€ (D) 19,99 / € (A) 20,60
Erscheinungstermin: 1. März 2013

Hartmut Fladt • Der Musikversteher • Was für fühlen, wenn wir hören • aufbau Verlag

Hartmut Fladt • Der Musikversteher • Was für fühlen, wenn wir hören

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BuchCover

Klappentext
Was hören wir – und wenn ja, warum?
Warum lieben wir die eine und hassen die andere Musik? Wer erschuf den mächtigsten musikalischen Orgasmus der Geschichte? Wie können wir uns vor Ohrwürmern schützen? Hartmut Fladt entschlüsselt die Magie unserer Lieblingslieder, ohne sie kaputt zu analysieren, und erzählt Geschichten über ihre Schöpfer. Ob Vivaldi, Michael Jackson oder die No Angels: Wenn Hartmut Fladt die Ohren spitzt, lüften sich die Klangschleier, und wir finden endlich bewiesen, dass E nicht besser ist als U und die Beatles künstlerisch so wertvoll sind wie Mozart. Denn Musik ist eine uralte Sprache, die wir alle verstehen können. Hartmut Fladt reicht uns das Handwerkszeug dazu – unterhaltsam, lässig, witzig.

Von Helge Schneider bis Beethoven, von Bach bis Tokio Hotel – Hartmut Fladt lehrt uns die Sprache der Musik zu verstehen.
Was Richard David Precht für die Philosophie tut, leistet Hartmut Fladt für die Musik. [Diesen Satz hätte sich der Verlag wirklich sparen können!]

Rezension
Kann man Musik genießen lernen? Warum bringt uns Musik zum Weinen, und wie nistet sich ein Ohrwurm ein? Solchen Fragen geht der Musiktheoretiker Professor Hartmut Fladt nach.Was recht spannend ist: Der Autor zeigt auf, wie die Rockband Queen Johann Sebastian Bach gecovert hat.

Mein Fazit
Als Hobbymusiker macht es Spaß,  die Analysen des Autors Fladt nachzuvollziehen. Durch die vielen Beispiele aus der Musikwelt, wirkt das Buch nicht zu theoretisch, weitgehend gut lesbar,-  die musikalischen Grundlagen –  Von Johnny Cash „I walk the Line“ bis Deep Purple „Smoke on the water“  – Statt theoretisch-abstrakter Harmonielehre berieten die vielen Beispiele auch dem Laien Vergnügen. Dieses Buch füllt eine Lücke und hat mich in meinem Spiel weitergebracht.

Prof. de:Hartmut Fladt beim Radio Eins Parkfest (2013) - Foto: Frank Guschmann  - CC BY-SA 3.0
Prof. de:Hartmut Fladt beim Radio Eins Parkfest (2013) – Foto: Frank Guschmann – CC BY-SA 3.0

Der Autor
Hartmut Fladt, geboren 1945 in Detmold, studierte Komposition, Philosophie und Musikwissenschaft. Seit 1981 ist er Professor für Musiktheorie an der Universität der Künste in Berlin. In einer wöchentlichen Sendung auf Radio Eins erklärt er seinen Fans an aktuellen Beispielen aus den Charts das Phänomen Musik. Er lebt in Berlin.

trennlinie2Gebundene Ausgabe: 329 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag; Auflage: 2 (20. August 2012)
ISBN-10: 3351027532
ISBN-13: 978-3351027537
Mehr über das Buch beim Verlag

Morten Feldmann • Der perfekte Mann • Piper Boulevard

Morten Feldmann – Der perfekte Mann

Morten Feldmann - Der perfekte Mann - Verlag Antje Kunstmann - Cover
Morten Feldmann – Der perfekte Mann – Verlag Antje Kunstmann – Cover

Wann ist ein Mann perfekt?
„Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass sogar mein Geschmack in Sachen Frauen von Frauen bestimmt ist. Jedenfalls fand ich Zeit meines Liebeslebens ausschließlich Frauen gut, die von anderen Frauen gut gefunden wurden: starke, energische Persönlichkeiten, die in allen Lebenslagen ihren Mann standen.“ Sebastian Busch ist der perfekte Mann: von Frauen erzogen, vom Machotum angewidert und zur steten Arbeit an sich selbst entschlossen. Unter dem wohlwollenden Auge seiner Chefin widersteht er als Agent für Film- und Fernsehschauspieler sämtlichen Versuchungen der Branche und lässt sich überdies mit einer B-Schauspielerin verkuppeln, von der er weiß, dass er ihr unterlegen ist. Doch ein Rest von Unbeherrschtheit regt sich in Buschs domestizierter Seele: Eifersucht. – [Verlagstext]

Rezension:
Er behauptet von sich, der perfekte Mann zu sein. Und wenn Protagonist Sebastian Busch von sich erzählt, möchte man ihm das fast glauben, wäre da nicht diese Angeberei, sein Narzissmus & diese freche Arroganz. Auf Partnersuche ist Sebastian nicht, daher trifft ihn die Liebe überraschend: beim Kaffee holen in der Kantine. Eigentlich mag er keine Kantinen. Sie sind für den Agenten für Film- und Fernsehschauspieler kein angenehmer Ort. Daher könnte man es Schicksal nennen, dass Sebastian hier seine zukünftige Frau trifft, die gerade ihre Kollegen aufs köstlichste unterhält. Beim vorher abgehaltenen Casting war sie ihm nicht aufgefallen und war dem Kommt-nicht-in-Frage-Haufen gelandet.

Cover: Piper Boulevard
Cover: Piper Boulevard

Mit der Liebe will es zunächst nicht so recht klappen. Dazu ist Sebastian viel zu zurückhaltend. Nie würde er sich aufdrängen. Erst die Kuppelversuche seiner Chefin Maibach zeigen Erfolg und so kommen Traumfrau und Traummann doch noch zusammen. Das Zusammenleben des Paares verläuft ohne Höhepunkte. Sebastian lässt seiner Frau jeden Willen und passt sich uneingeschränkt ihren Bedürfnissen an. Aber ein Mann, der nicht auf Augenhöhe spielt, mit dem keine Reibung möglich ist, wird zur Witzfigur. Das ist zwar gut für die Karriere seiner Frau – für die Beziehung jedoch nicht.
Das Buch ist sehr unterhaltsam. Zunächst glaubt man nicht, dass diesen Mann irgendetwas aus der Ruhe bringen kann. Doch ein ganz bestimmtes Gefühl kann Sebastian zulassen: die Eifersucht. Und die überfällt ihn bereits in dem Augenblick, als er seine Frau kennenlernt. Und als sie dann zusammenleben, fällt es ihm immer schwerer, den lockeren Lebenswandel seiner Frau zu tolerieren und muckt doch nicht auf. Er leidet im Stillen. Mit Spannung wartet der Leser darauf, dass der Bogen endlich überspannt wird und Sebastian über seinen eigenen Schatten springt; aufwacht und nicht mehr nur zuschaut. Es ist manchmal schwer auszuhalten: man möchte man am liebsten ins Geschehen eingreifen und Sebastian verprügeln oder zumindest wachrütteln. Genau das macht dieses Buch aus. Dazu ist der Schreibstil  angenehm zu lesen. Es flutscht quasi. Das Buch ist mit Witz und Ironie geschrieben und dennoch hat es die notwendige Ernsthaftigkeit.

Der Autor:

Morten Feldmann - c Privat
Morten Feldmann – c Privat

Morten Feldmann, geboren 1967 in Hannover, studierte Publizistik in Berlin und Köln. Er arbeitete in verschiedenen Jobs bei Film und Fernsehen, u.a. als Ton-, Regie- und Redaktionsassistent. Neben einigen Drehbüchern schrieb er vor allem Kurzprosa und arbeitete gelegentlich als Dialog- und Script-Doctor. 2001 übersiedelte er in die USA, wo er seither in der Nähe von Los Angeles lebt. „Der perfekte Mann“ ist sein erster Roman.


Morten Feldmann – Der perfekte Mann
190 Seiten
Erschienen im September 2004
Verlag Antje Kunstmann
ISBN 978-3-88897-365-9
Aktuelle Ausgabe : 01.02.2008
Verlag : Piper // Piper Boulevard
ISBN: 9783492261760
Flexibler Einband 187 Seiten

Serhij Zhadan • Anarchy in the UKR • edition suhrkamp

Cover - suhrkamp
Cover – suhrkamp

Beschreibung: 
»Vergiss die Politik, lies keine Zeitung, geh nicht ins Netz, verweigere deine Stimme« – so beginnt der »Linke Marsch«, ein Kapitel aus Serhij Zhadans zweitem Prosaband, dem ein Song der Sex Pistols, Anarchy in the UKR, als Motto dient. Zhadan ist dabei, sich zur stärksten Stimme der jungen ukrainischen Literatur zu entwickeln – und zum Antipoden von Juri Andruchowytsch. Auch Zhadans Ich-Erzähler ist ständig im Zug oder in bizarren Landschaften unterwegs. Doch es zieht ihn nicht zu den Ruinen der habsburgischen Vergangenheit, sondern in die Industriebrachen des Donbass im Südosten des Landes – an die Orte des von den Sowjets zerschlagenen Anarchokommunismus. Niemand scheint sich an Nestor Machno zu erinnern. Anarchismus, das gab es nie. Bis er im November 2004 in Charkiw, zu Füßen des »Fuck-Lenin-Denkmals«, wiederaufersteht.

Das Buch: Serhij Zhadan gilt als der populärste ukrainische Lyriker seiner Generation.Im Jahr 2006 erschien im Suhrkamp-Verlag der Gedichtband „Die Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts“. Seitdem wird Serhij Zhadan gern mit Rimbaud verglichen. Bekannt wurde er mit den Prosawerken Depeche Mode und dem von den Sex Pistols inspirierten Anarchy in the UKR. Ein postproletarischer Postpunk, der mit Rausch und Rockmusik zu den ukrainischen Industrieruinen reist, um dort die Orte des Anarchokommunismus eines Nestor Machno zu finden.
„Intim, brutal und lyrisch“, so charakterisiert Serhij Zhadan seinen Prosatext Anarchy in the UKR in eigenen Worten. Nach Juri Andruchowytsch ist der 33-Jährige der nächste ukrainische Autor, der mit seinen Texten auch im deutschsprachigen Raum für Aufsehen sorgt. Warum die Literatur seiner Heimat in Europas Westen seit einigen Jahren gefragt ist, beantwortet er ironisch: „Vielleicht geht es den Autoren in der Schengenzone nicht besonders gut?“

Serhiy Zhadan bei einer AuthoenLesung - 2015 - Wrocław / Breslau, Polen -- CC-BY-SA 4.0
Serhiy Zhadan bei einer AuthoenLesung – 2015 – Wrocław / Breslau, Polen — Foto: Rafał Komorowski – CC-BY-SA 4.0

Er selbst ist bei Erscheinen des Buches offiziell arbeitslos gemeldet und lebt zeitweise von der Hand in den Mund. Beklagen will Zhadan sich nicht: „Ich habe kein Auto, kein Haus mit Swimmingpool und kaufe kein Kokain. Ich habe jedoch ein Fahrrad und ganz gute Honorare bei meinen Verlagen.“

Seine ersten Lyrikbände veröffentlichte der im ostukrainischen Charkiw lebende Autor bereits als Teenager. Vor ein paar Jahren ist er zur Prosa übergewechselt. Ein Glücksfall, kombinieren seine Texte doch in bestechender Weise Belesenheit und Literarizität mit einem scharfen Bewusstsein für Popkultur, Rausch und Exzess, wie es sich höchst selten findet.

In seinem letzten Roman „Depeche Mode“ lässt Zhadan die Bilder der postkommunistischen Umbruchsphase Anfang der neunziger Jahre aufleben und zieht durch die verlassenen Industrieruinen, die an die russische Herrschaft im Osten der Ukraine erinnern. In „Anarchy in the UKR“ geht er noch ein Stück weiter zurück und sucht die Orte des von den Sowjets zerschlagenen Anarchokommunismus auf, die auch die Orte seiner Kindheit sind.

Auf seinen sentimentalen Reisen ist der Weg das Ziel. Die Figuren nehmen mit Vorliebe den langsamsten Zug und steigen möglichst oft um. Wer die Direktverbindung wählt, verpasst alles. Seine Schilderungen handeln von liebevoll  beschriebenen Zugbekanntschaften, die teils recht skurril sind, von endzeitlichen Nebenstrecken, von Schnapsleichen auf Bahnhöfen und gähnend leeren Wartesälen.

Zitat: „Alles, was spannend ist, spielt sich auf Bahnhöfen ab, und je kleiner der Bahnhof, um so mehr Spannendes. Es ist ein großer Fehler zu glauben, der Staat hätte Einfluss, Einfluss hat der Bahnhofsvorsteher, der in seinem Büro sitzt und den nächsten Güterzug von West nach Ost passieren lässt.“

Doch was passiert eigentlich? Zhadans Prosa lädt sich an der Sehnsucht nach Erlebnissen, nach Inhalten und Sinn auf, die ihre melancholischen Helden in sich tragen. Eine Sehnsucht, die nicht erfüllt wird. Bilder sind wichtiger als Ideologie. Sie waren es vermutlich immer schon. Der Held von Anarchy stellt wenig verblüfft fest, „dass die Farbwahl und Komposition von ,Ehre und Ruhm der Partei‘ aus den Achtzigern dem ,Always Coca Cola‘ der Neunziger gleicht.“

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Und der Wandel in der Ukraine, bläst der keinen frischen Wind in den Osten des Landes? „In Charkiw sprechen die Leute auf der Straße alle noch russisch“, sagt Zhadan. Allerdings: „Wenn man sie ukrainisch anspricht, antworten sie sehr oft auch ukrainisch. Die meisten verstehen sich heute durchaus als ukrainische Bürger und arbeiten für unsere Wirtschaft.“

Dem Autor Zhadan ist die heutige Ukraine – noch – uninteressant. Bald könnte das freilich anders aussehen: „Schon entwickeln sich die ersten Ruinen des Kapitalismus“, schmunzelt er. Vielleicht streifen seine Helden irgendwann durch die Ruinen hastig aufgezogener Flagship-Stores und Fastfood-Lokale. Big Mäc ist ein noch nicht ins Deutsche übersetztes Buch betitelt. Oder sie handeln von den aktuellen Konflikten mit Putins Schergen.

Vielleicht bleibt Zhadan dem schönen Urbild seines Schreibens treu: einem verlassenen Bahnhof. „Denn es hängt doch so wenig von uns ab“, heißt es in einem Gedicht, „das Leben hat ja weder Ende noch Anfang / und nach jeder großen Liebe / bleiben leere / Wartesäle zurück.“

Ein empfehlenswertes Buch!

Der Autor:
Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw.  Er ist Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer. (Quellen: suhrkamp/wikipedia)

Randbemerkungen:
Serhij Schadan wurde 2006 mit dem Hubert Burda Preis für junge Lyrik ausgezeichnet.
Der Schriftsteller war Aktivist der Orangen Revolution.
Er tritt als Organisator von Literatur- und Musik-Festivals in Erscheinung und verfasst MusikTexte, die er selbst zur Musik der Band Sobaky w kosmossi (übersetzt: Hunde im Kosmos) spricht.

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Serhij Zhadan
Anarchy in the UKR
Erschienen: 26.11.2007
edition suhrkamp 2522, Broschur, 216 Seiten
ISBN: 978-3-518-12522-9

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

Lady Bag ↔ Liza Cody ↔ Eine Rezension von Bettina Schnerr // v1.1

Kurzbeschreibung

Über das Buch Sie ist die Frau ohne Gesicht. Manche beleidigen sie, manche ignorieren sie. Manche geben etwas. Manche nur wegen des Hundes an ihrer Seite. Sie ist eine Pennerin, die genau weiß, wie die Straßen von London riechen. Doch Diese abgeklärte Lady Bag war nicht immer eine Baglady. Als eine ganz normale Frau geriet sie in die älteste Falle der Welt und wurde ruiniert. Jetzt will sie nichts mehr, nur die Gesellschaft ihrer Hündin und ihren gewohnten Rotweinpegel. Bis eines Tages ihr persönlicher Dämon ihren Weg kreuzt – mit finsteren Absichten, wie sie aus Erfahrung weiß. Statt sich zu verstecken, beschließt sie ihn zu beschatten: Sie möchte wissen, wo er wohnt. Eine Entscheidung, die schwerwiegende Folgen hat. Sie erwacht mit zertretenem Kopf in einem Kranken¬hausbett und wird mit einem fremden Namen angesprochen. Anscheinend hält man sie für eine gewisse Natalie Munrow, deren Handtasche sie bei sich hat. Bei erster Gelegenheit nimmt sie Reißaus und taucht ab. Was allerdings gar nicht so leicht ist, wenn man auf der Straße lebt und einem aus allen Zeitungen das eigene lädierte Gesicht entgegenblickt! Dann stellt sich heraus, dass die wahre Natalie Munrow ermordet wurde.

Rezension

Seit Jahren lebt die Lady Bag mit ihrem Hund Elektra auf Londons Straßen. Sie hat eine Vergangenheit als Bankangestellte, die sie eines Tages einholt: Der Mann, dem sie seinerzeit blind vertraut hatte, taucht vor ihr auf, begleitet von einer jungen Frau. Was das bedeutet, ahnt sie mit Unbehagen. Der Mann, den sie nur Satan nennt, hat ein neues Opfer und wird auch diese Frau ins Verderben treiben. Die Lady Bag macht sich daran, die Frau zu warnen. Leider nicht ganz nüchtern und so wird aus der Warnung ein kaum verständliches Gebrabbel. Die junge Frau sucht mit ihrer Freundin einfach nur umgehend das Weite. Ganz so einfach will Lady Bag aber nicht aufgeben und sie bemüht sich darum, den Wohnort der Frau zu finden.

Foto: Liza Cody - Die Bildunterschrift auf ihrer Website dazu: Here's me toasting the arrival of LADY BAG - paperbacks and electronic versions, all available. For this book only the whole bottle would do.
Foto: Liza Cody – Die Bildunterschrift auf ihrer Website dazu: Here’s me toasting the arrival of LADY BAG – paperbacks and electronic versions, all available. For this book only the whole bottle would do. – http://www.lizacody.com/

Satan heißt offiziell Gram Attwood und machte einst der Bankangestellten Angela May Sutherland den Hof. Die, blind vor Liebe, begann im Auftrag mit dem Abzweigen von Geldern, um sich den jüngeren Geliebten zu erhalten. Als alles aufflog, wälzte Attwood die komplette Schuld clever auf seine Gespielin ab. Während Sutherland im Gefängnis landete und danach ohne Chance auf einen Neustart zur Lady Bag wurde, machte sich Attwood das Leben weiter schön. Dass sich Attwoods an seiner neuen Geliebten ebenfalls nur bereichern will, ist für Lady Bag folglich keine Frage. Ihr Problem ist es vielmehr, dass sie das Wissen nicht weitergeben kann. Wer glaubt einer vorbestraften Obdachlosen, die die Hälfte der Zeit mit Rotwein verbringt, Tabletten schluckt und mit sich selber spricht?

Mit ihrer Suche nach Attwoods Freundin tritt Lady Bag eine verwirrende Jagd los, bei der sie, die gerne übersehen wird, plötzlich im Mittelpunkt steht. Denn es gibt eine Tote und Lady Bag war in der Nähe. Es gibt einen Wohnungsbrand und wieder ist Lady Bag dabei; dieses Mal kommt sie zu allem Überfluss auch noch ins Fernsehen. Ganz England weiß, welches Gesicht die Polizei sucht. Eine ganze Weile geht das Versteckspiel allerdings gut, denn so genau sehen sich die meisten Menschen die Obdachlosen nämlich nicht an.

Der Roman ist komplett aus der Sicht von Lady Bag geschrieben. Das macht ihn defintiv zu etwas Besonderem, denn aus dieser Perspektive bekommt man sonst keine Sicht auf das Leben auf der Straße, geschweige denn auf die Gesellschaft. Denn so Rotwein-beladen Lady Bag auch sein mag, dumm ist sie nicht. Sie kann die Menschen, die ihr begegnen, sehr gut einschätzen und profitiert von ihrem ausgezeichneten Geruchssinn. Aber sie ist unter den Beleidigungen und Erniedrigungen hart geworden. Denn sie lernt eine andere Seite der Menschen kennen, die sich ihr und anderen Randgruppen gegenüber viel zu viel herausnehmen und teils richtiggehend Spaß an Misshandlungen haben. Wohl wissend, dass selbst Polizisten mit Vergewaltigungen und Körperverletzungen davon kommen.

Dafür dreht Lady Bag den Spieß irgendwann um, wahrscheinlich, weil sie kaum etwas zu verlieren hat. In ihren Verhören taumelt sie zwischen Erinnerungslücken, Selbstgesprächen, Gestammel und mutigen Trotz. „Und hören Sie mal auf, in der Luft rumzukurbeln“, fügte ich hinzu. „Das nervt.“ – „Ach, ich nerve Sie?“, schnappte Sprague. „Anderson, übernehmen Sie, sonst muss ich sie erdrosseln.“ Diese Chuzpe hat einfach was. Lady Bags Perspektive macht das Buch absolut lesenswert, sehr glaubwürdig und durchaus nachdenklich. Mit einer der treffsicheren Analysen der Lady Bag schicke ich meine Leser zur nächsten Buchhandlung, „Lady Bag“ kaufen:

„Mein Kreis der Hölle war voll mit jungen Frauen, manche davon noch Teenager, kaum aus der Schule. Blanke Inkompetenz  hatte sie nach Holloway verschlagen – sei es nun ihre eigene, die ihrer Eltern, ihrer Lehrer oder der Jugendheime. Wie kann ein Mädchen im Alter von dreizehn Jahren eine Süchtige mit Persönlichkeitsstörung sein, die weder lesen noch schreiben kann, wenn nicht viele, viele Leute sie vorher im Stich gelassen haben, die älter waren als sie? Es ist eine Sache, wenn jemand wie ich im Leben am Bodensatz einen gewissen Trost findet – ich bin ja beinahe aus freien Stücken hier. Aber für diese Mädchen ist der Bodensatz der Gesellschaft ihr Ausgangspunkt. Niemand hat ihnen je eine Wahl gelassen.“

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Die Autorin

Liza Cody (eigentlich Liza Nassim; * 11. April 1944 in London) ist eine englische Krimiautorin.
Nach dem Kunststudium an der London Art School und der Royal Academy war sie vor allem künstlerisch tätig:  u.a. als Fotografin, Malerin und  Restauratorin von Wachsfiguren bei Madame Tussauds.

Ihren ersten Krimi  schrieb sie unter dem Pseudonym Liza Cody 1980. Hauptfigur: Anna Lee, einer Ex-Polizistin, die für eine Londoner Detektivagentur arbeitet. Dafür wurde sie mit dem John Creasey Memorial Award der britischen Crime Writers‘ Association für das beste Krimidebüt des Jahres in Großbritannien ausgezeichnet. 1992 und 1993 wurden die Romane verfilmt und liefen als Serie unter dem Titel Anna Lee mit Imogen Stubbs in der Hauptrolle im britischen Fernsehen.
Im Anschluss schrieb sie eine weitere Serie um die Detektivin Eva Wylie. Vorbild für diese Figur war die Profiwrestlerin Klondike Kate. Anders als die vielen smarten Mittelschichtsdetektivinnen der 1980er und 1990er Jahre gehört Wylie zu den Underdog-Detektiven. Neben ihren Auftritten als Wrestlerin bewacht sie einen Schrottplatz und lebt in einem Wohnwagen.

Liza Cody lebt in Bath/UK.


ISBN: 978-3-94481-856-6
Verlag: CulturBooks
Erstveröffentlichung: 2014
Die Printausgabe ist im Argument Verlag als Ariadne Krimi (ISBN 978-3- 86754-222-7) erschienen.
Die Website der Autorin: http://www.lizacody.com/

Erich Ruhl / Jens Berger ♦ Wem gehört Deutschland ♦ Audio-Auszug

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Foto: Erich Ruhl
Auszug aus dem Sachbuch von Jens Berger, erschienen im Westend Verlag Frankfurt am Main.
Berger beschreibt akribisch die aus dem Lot geratene Vermögensverteilung in Deutschland. Zitat des Autors: es gibt viele Armutsberichte. Das ist der fehlende Reichtumsbericht. Auszug aus dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages. Sprecher: Erich Ruhl

trennlinie2Das Buch: Wem gehört Deutschland? Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen – Die Mär vom Volksvermögen – Jens Berger

c Verlag
c Verlag

Wem gehören eigentlich die großen Unternehmen des Landes? Wem die Banken? Die Immobilien? Wem gehört Deutschland? Jens Berger geht diesen Fragen nach und präsentiert dem Leser einen schonungslosen Blick hinter die Statistiken. Wussten Sie schon, dass Sie über ein Vermögen von 222.200 Euro verfügen? So hoch ist nämlich das durchschnittliche Vermögen eines deutschen Privathaushalts. Doch mit dem Durchschnitt ist das so eine Sache. Während die Hälfte der Deutschen zusammengenommen gerade einmal 1,4 Prozent des Gesamtvermögens besitzt, befinden sich zwei Drittel des Vermögens im Besitz der obersten 10 Prozent der Bevölkerung. Wie konnte es zu dieser ungleichen Vermögensverteilung kommen, und welche Folgen ergeben sich daraus für unsere Gesellschaft? Und wem gehört eigentlich Daimler Benz, Siemens oder die Allianz? Jens Berger macht die Arbeit staatlicher Behörden und Journalisten und deckt auf, was dringend öffentlich diskutiert werden muss.

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Jens Berger - c Verlag
Jens Berger – c Verlag

Der Autor: Jens Berger ist freier Journalist und politischer Blogger der ersten Stunde. Er unterstützt die Herausgeber der NachDenkSeiten bei der redaktionellen Arbeit und schreibt regelmäßig für die Seite Artikel. Als Herausgeber des Blogs Spiegelfechter, der neben den NachDenkSeiten zu den bekanntesten deutschsprachigen Politblogs gehört, befasst er sich mit und kommentiert er sozial-, wirtschafts- und finanzpolitischen Themen. Sein Wunsch ist es, die alltägliche Politik für den Bürger zu durchleuchten und transparent darzustellen, um der tatsächlichen Wahrheit ein Stück näher zu kommen. – Quelle: http://www.westendverlag.de/

Richard P. Feynman – Was soll das alles? Gedanken eines Physikers

Cover- Piper
Cover- Piper – Hardcover-Ausgabe

Beschreibung:
Von einem großen Wissenschaftler kann man immer etwas lernen – und erst recht, wenn es sich dabei um den legendären Physiker und Nobelpreisträger Richard P. Feynman handelt. 1963 hielt er in Seattle drei Vorlesungen für ein allgemeines Publikum, in denen er sich Themen widmete, die alle Menschen etwas angehen. Diese Vorlesungen laden dazu ein, zusammen mit Feynman zu reflektieren und seine Denkanstöße aufzunehmen. Er wirbt um Verständnis dafür, daß wir nicht alles wissen werden, was wir wissen wollen, und diskutiert, wie Religion und Wissenschaft vereinbar sind. Außerdem hinterfragt er die beunruhigende Zunahme pseudowissenschaftlicher Ansätze und Dogmen in unserer Zeit und denkt über das gängige Misstrauen gegenüber Politikern nach. Das kluge Buch eines genialen Denkers.  

Über das Buch:
Feynmans Erkennungszeichen sind für viele eben nicht Kreide und Rechenschieber, sondern seine Bongotrommeln. Wahrscheinlich hat dieser Hauch des Unkonventionellen den Piper Verlag dazu bewogen, mit Was soll das alles? den Wortlaut dreier Vorträge, die Feynman im Jahre 1963 bestritten hat, nun auch in Deutsch zu veröffentlichen. Ich bin nicht sicher, ob man dem Vorzeigephysiker damit einen Gefallen getan hat.

Die Themen, um die Feynman seine Gedanken kreisen lässt, wecken Neugierde: das Verhältnis von Physik und Religion, Ufos, die Wissenschaftsfeindlichkeit der Menschen & die Esoterik.
In seinem ersten Vortrag bleibt Feynman auch dicht an seinem Thema (Was ist Wissenschaft, und wie wirkt sie sich auf den Alltag aus), hier macht er auf mitreißende Weise greifbar, was Forscher in ihre Laboratorien treibt. Dieses Niveau kann Feynman aber leider nicht halten. Im zweiten Kapitel wirbeln seine Ideen zunächst mit gewohnter Brillianz um den Zwiespalt zwischen Religion und Wissenschaft, bevor er beim Stichwort Ethik abschweift und leider allzu diffus wird: Er spricht lange über Moral und den Glauben, um dann festzustellen, dass sich ein Physiker hier mit einem Urteil zurückhält — und sich besser nur über Fragestellungen streitet, die man experimentell klären kann. Schade, dass hier nicht mehr herumkommt. Über die nachfolgende Kommunistenschelte sieht man gerne hinweg… immerhin war damals „kalter Krieg“.
Der dritte Vortrag ist ein Potpourri von Ansichten zu diversen Themen: etwa Kritik an der NASA, Überlegungen zum Ursprung von Ideen, zu Risiken der Atomkraft, zum Humbug Psychoanalyse — leider oft nur angedacht und nicht zu Ende geführt. Vielleicht ist ja keine schlechte Idee, dies dem Leser zu überlassen – ein Anstoß quasi…
Lohnt sich das Lesen nun?
Was soll das alles? lässt sich mit Gewinn lesen, es sind immer noch viele wertvolle Denkanstöße darin. Letztlich aber machte sich Feynman hier zu Dingen Gedanken, von denen er wenig versteht. Was man aber von diesem sympathischen Ausnahmeforscher auf jeden Fall lernen kann, ist, „ich weiß es nicht“ zu sagen, wenn man sich mit einem Punkt nicht auskennt — vielleicht macht das manche seiner Ausführungen so unbestimmt. Also: Wer ergänzend mehr über Feynmans Gedankenwelt erfahren möchte, ist mit diesem Buch gut beraten, wer ihn aber erst kennen lernen will, sollte besser zu anderen Büchern des Autors greifen.

Der Autor:
Richard P. Feynman, geboren 1918 in New York, gestorben 1988 in Los Angeles, Studium der Physik am Massachusetts Institute of Technology, ab 1942 Mitarbeiter am ManhattanProjekt in Los Alamos, 1945 bis 1950 Professor für Theoretische Physik an der Cornell University/Ithaca, seit 1950 am California Institute of Technology in Pasadena. 1965 Nobelpreis für Physik.


Taschenbuch: 160 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch; Auflage: 5., Aufl. (1. Mai 2001)
ISBN-10: 3492233163
ISBN-13: 978-3492233163
Originaltitel: The Meaning of it all

 

Anouar Brahem – The Astounding Eyes Of Rita (ECM 2075)

eyes of rita
Cover – ECM

Ein perfektes Zusammenspiel der Musiker zeichnet dieses Album in erster Linie aus; häufig eingeleitet durch die virtuos gespielte Bassklarinette von Klaus Gesing, in die Anouar Brahem sein  räumlich sehr präsentes Oud-Spiel einfließen lässt, ergänzend und nie aufdringlich.  Björn Meyers dezentes Bassspiel führt die Riege an; ergänzt durch den noch  Libanesen Khaled Yassine der mit Darbouka bzw. Bendir eine dezente musikalische Spur des Okzident einfließen lässt. Die von Anouar komponierte Musik ist dem 2008 verstorbenem palästinensischem Philosophen Mahmoud Darwisch gewidmet, auf dessen Gedicht „Rita and the Rifle“ sich Brahem mit dem Titel der CD bezieht.  (Das Gedicht finden Sie am Ende des Artikels)
Mein Fazit: Arabische Musik verbinde ich in der Regel mit hellen, für meine Ohren teils schrille Klänge. Das Anouar Brahem auf seinem Album der Bassklarinette viel Raum gibt, war der erste „ear catcher“. Die Klänge haben einen Sog, derbereits mit dem ersten Stück „The Lover Of Beirut“ Kopfkino auslöst:. Ein Bummel durch das „Paris des Nahen Ostens“ und stets in Begleitung von „Rita“ – der schönen Frau auf dem Cover.
Das funktioniert mitallen Stücken, insbesondere mit dem titelgebenden 4ten Stück: The Astounding Eyes Of Rita – unterstützt vom angedeuteten Gesang entspinnt sich ein Spaziergang an der Hafenpromenade….Wer sich entspannen und die Gedanken treiben lassen möchte ist hier gut aufgehoben. Das Album hat keinerlei Aufreger und dennoch stimmungsvoll….mit Betonung auf den leisen Tönen.

Klaus Gesing - Anouar Brahem / Photo: Przemek Wozny
Klaus Gesing – Anouar Brahem / Photo: Przemek Wozny

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Oriana Fallaci – Brief an ein nie geborenes Kind – Eine Buchkolumne von Stefan Krause

Brief an ein
Oriana Fallaci – Brief an ein nie geborenes Kind – c FISCHER Taschenbuch

Über dieses Buch
Eine junge Frau erwartet ein Kind. Sie spricht zu ihm und versucht, sich über ihre wechselnden Gefühle, ihre widersprüchliche Einstellung zu dem Kind klar zu werden. Als erfolgreiche Journalistin ist sie emanzipiert und besteht darauf, weiterhin allein zu leben, allein für ihr Kind zu sorgen. Während der ersten Monate ihrer Schwangerschaft , die sie sehr bewußt erlebt, während ihrer seelischen und geistigen Vorbereitung auf die neue Rolle als Mutter, die sie ebenso herbeisehnt, wie sie sie fürchtet, durchlebt sie alle Stadien der Freude, der zärtlichen Ungeduld, der Verzweifl ung und der Traurigkeit, der Angst und der Hoffnung.

Das Buch schlug –  es erschien 1975 im italienischen Original – wie eine Bombe ein und riss einen unüberwindlichen gesellschaftlichen Graben auf. Nun hatte „die Fallaci“ ihren Ruf weg: anmaßende, kalte Egoistin wird sie seither auf der einen Seite des Grabens genannt, schonungslos ehrliche Aufklärerin auf der anderen. Sie polarisierte, wann immer sie zur Feder griff oder „den Mund aufmachte.“ Weiterlesen

Janne Teller – Alles – worum es geht

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c Carl Hanser Verlag

Was bringt einen jungen Mann dazu, grundlos Gewalt anzuwenden? Kann man Intoleranz und Extremismus verstehen? Ist Rache ein gutes Motiv? Können gute Absichten einen Mangel an Verständnis ausgleichen? In ihrem neuen Jugendbuch stellt Janne Teller wieder unbequeme Fragen und führt unsere Vorstellungskraft dahin, wo es wehtut. Mit eindrücklicher Schärfe und Intensität, knapper Syntax und assoziativer Kraft erzählt sie acht Kurzgeschichten über Vorurteile und Intoleranz, Mord und Todesstrafe, Identität und geistige Behinderung, Integration und kulturelle Unterschiede, Träume und Irrtümer. Sie zwingt uns, Stellung zu beziehen, und fordert zum Nachdenken und Diskutieren über unsere Gesellschaft auf.

RezensionWeiterlesen

Karl Marlantes – Was es heisst, in den Krieg zu ziehn

Marlantes, Karl - Was es heißt, in den Krieg zu ziehn - arche
Marlantes, Karl – Was es heißt, in den Krieg zu ziehn – arche

Beschreibung
Kriege werden seit Menschengedenken geführt, doch nie zuvor wurden Soldaten in der westlichen Welt so gut ausgebildet wie heute. Dabei ist und bleibt der Krieg eine unvorstellbare Erfahrung – nur derjenige kann wahrhaftig Auskunft darüber geben, der ihn erlebt hat. Dreißig Jahre hat Karl Marlantes schwer an seiner eigenen Kriegserfahrung, die er in Vietnam machen musste, getragen – um sie jetzt mit seinen Lesern zu teilen.
In Was es heißt, in den Krieg zu ziehen beschönigt er nichts – und er verschweigt nichts. Ohne Rücksicht auf sich selbst und seine Leser erzählt er von Tapferkeit ebenso wie vom Töten; von der Notwendigkeit, Gewalt anzuwenden, um noch Schlimmeres zu verhindern, und von dem einzigartigen Kick, der mit einem echten Kampfeinsatz einhergehen kann.
Auf diese Weise gelingt ihm dreierlei: zukünftigen Soldaten begreiflich zu machen, wozu sie sich verpflichten; Veteranen dabei zu helfen, mit dem Gesehenen und Getanen weiterzuleben; und Politikern und Militärs mit gnadenloser Klarheit vor Augen zu führen, was sie den jungen Männern abverlangen, die sie in den Kampf schicken. Das macht Was es heißt, in den Krieg zu ziehen zu einem ebenso großen wie wichtigen Buch, das uns alle angeht.

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Alice Miller • Die Revolte des Körpers • Ein Blick ins Buch

Miller-Alice - Die Revolte des Körpers - c suhrkamp
Miller-Alice – Die Revolte des Körpers – c suhrkamp

Das vierte Gebot verlangt von uns unsere Eltern zu ehren und zu lieben, auf dass wir – so die versteckte Drohung – lange leben. Dieses Gebot der Ehr-Furcht beansprucht universelle Gültigkeit. Wer es befolgen will, obwohl er von seinen Eltern einst missachtet, misshandelt, missbraucht wurde, kann dies nur, wenn er seine wahren Emotionen verdrängt. Gegen diese seelische Verstümmelung und das Ignorieren von unbewältigten Kindheitstraumata revoltiert indes der Körper häufig mit schweren Erkrankungen. Wie diese entstehen, zeigt Alice Miller in diesem Werk:
Die Revolte des Körpers handelt von dem Konflikt zwischen dem, was wir fühlen und was unser Körper registriert hat, und dem, was wir fühlen möchten, um den moralischen Normen zu entsprechen, die wir von jeher verinnerlicht haben.

Rezension:
Alice Miller schreibt in ihrem Buch „Die Revolte des Köpers“ über die Bedeutung des vierten Gebots für die Zielsetzung in der heutigen (kassenfinanzierten) Psychotherapie.
Nach Auffassung der Autorin wird in den vorherrschenden Therapieformen davon ausgegangen, dass das oberste Ziel die Versöhnung mit den Eltern sei. War die Kindheit noch so schlimm, wurde man misshandelt oder missbraucht, so solle man in der letzten Therapiestunde dennoch dazu bereit sein, seinen Eltern zu verzeihen und Liebe oder mindestens Respekt für sie zu empfinden. Nur so könne man von einer erfolgreichen Behandlung sprechen.
Die Schweizer Psychoanalytikerin wollte damit nicht länger konform gehen und gab ihre Arbeit nach zwanzig Jahren auf, um die Öffentlichkeit mit den Ergebnissen ihrer eigenen Kindheitsforschung zu konfrontieren.
Sie stellt sich gegen die Verleugnung der Gefühle, die das Resultat leidlicher Kindheitserfahrung darstellen, und möchte misshandelte Opfer ermutigen, die wahren Empfindungen nicht länger Zugunsten einer verinnerlichten, aber unreflektierten Norm zu unterdrücken.
Alice Miller beschreibt in ihrem Buch, dass sie selbst Miller selbst vierzig Jahre benötigte, um verdrängte Erinnerungen an Misshandlungen aufzuarbeiten. Sie löste sich von der traditionellen Moral, der sie nicht entsprechen konnte, und den damit verbundenen Schuldgefühlen.

Neben den eigenen Erfahrungen bezieht sich Miller auf Briefe, Biografien und Berichte anderer Opfer, deren Geschichte mit ihrer Theorie übereinstimmen:
Dostojewski, Franz Kafka, Virginia Woolf und Marcel Proust – sie alle verbindet nicht nur die Schriftstellerei, sondern auch eine schwierige Beziehung zu ihren Eltern. So zeugen Berichte über Dostojewskis Vater von maßloser Brutalität, und Proust war ein von seiner dominierenden und beherrschenden Mutter verängstigter Junge, der immer um ihre Zuneigung bangte. Kafka litt sein ganzes Leben unter der Furcht vor seinem Vater und Woolf wurde von ihren Halbbrüdern sexuell missbraucht, ohne Hilfe von ihren Eltern zu bekommen. Sie alle teilten das gleiche Schicksal: Entweder sie starben früh an einer Krankheit oder nahmen sich selbst das Leben.
Anhand dieser (auto)biographischen Fakten verdeutlicht Miller ihre Theorie: Der unbewusste, also tief verankerte Versuch dem christlichen Gebot Folge zu leisten und damit über die Grausamkeiten in der Kindheit hinwegzusehen, hieße nichts anderes als Traumata zu ignorieren. Zwar könne man oberflächlich positive Gefühle für die Eltern entwickeln, doch der Körper könne die Erfahrungen nicht verdrängen. Er habe sie registriert, gespeichert und wehre sich. Der Mensch wird krank – die Revolte des Körpers.

Immer wieder macht sie auf die Gefahren aufmerksam, die eine Unterwerfung unter die Diktatur der Moral in sich bergen. So widmet Miller sich in einem nur vierseitigen Abschnitt dem Phänomen der Serienmörder und geht speziell auf die Biografie von Patrice Alègre ein, der mehrere Frauen vergewaltigt und erwürgt hat. Auch hier finden wir eine schlimme Kindheitsgeschichte mit einem gewalttätigen Vater und einer Prostituierten als Mutter, die mit ihrem Sohn nicht nur Inzest beging, sondern ihn auch als Wächter vor der Tür positionierte, wenn sie Kundschaft empfing. Für die Psychoanalytikerin ist der Fall klar: Die Verwirrung, die das sexuelle Verhalten der Mutter auf Alègre bewirkt, löst in dem Jungen den Wunsch aus, seine Mutter, während sie beim Verkehr stöhnt, zu töten. Da er aber den eigentlichen Hass unterdrückt und meint, sie zu lieben, ermodert er an ihrer Stelle andere Frauen.

Millers Argumentation lebt von einer plausiblen Logik, die sich auf alle ihre zahllosen Beispiele anwenden lässt. An scheinbar zu vielen Fällen lassen sich die Konsequenzen aufzeigen, die das Halten an das vierte Gebot mit sich bringt. Es ist wohl das Unkomplizierte, das Zweifel an Millers Theorie aufkommen lässt.
Gleichzeitig beweist die Analytikerin jedoch mit ihren zahlreichen Veröffentlichungen und ihrer langjährigen Forschungsarbeit ihre Unabhängigkeit von traditionellen Normen, indem sie ein altbewährtes System hinterfragt, sich mit einer klaren Begründung dagegen wendet und ihm eine nachvollziehbare und interessante Alternative entgegenstellt. Es ist lohnend, sich mit dieser neuartigen Sichtweise zu beschäftigen, zumal Miller sehr darauf bedacht ist, eine leicht verständliche Sprache zu verwenden. Denn nicht zuletzt ist es ihr Ziel, die Gesellschaft und damit auch Opfer aufzurütteln und für das Problem des vierten Gebots zu sensibilisieren.

Mein Fazit:
Dieses Buch ist eine gute Anregung zur Selbstreflexion, ein „Leitfaden“ zum Hinterfragen der eigenen Therapieverläufe.
Wenn der Körper wirklich ein Schlüssel in der Verarbeitung verschiedener Traumata ist, wundert die Frage kaum, warum unser Gesundheitssystem so starr daran festhält, den Patienten in seienr Rolle als Opfer zu bestätigen und den teils grausamen Handlungen der Patienteneltern so die Absolution erteilt.

Die Autorin:
Alice Miller wurde am 12. Januar 1923 in Polen geboren. Sie studierte in Basel Philosophie, Psychologie und Soziologie. Nach der Promotion machte sie in Zürich ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin und übte 20 Jahre lang diesen Beruf aus. 1980 gab sie ihre Praxis und Lehrtätigkeit auf, um zu schreiben. Seitdem veröffentlichte sie 13 Bücher, in denen sie die breite Öffentlichkeit mit den Ergebnissen ihrer Kindheitsforschungen bekannt machte. Sie verstand ihre Suche nach der Realität der Kindheit als einen scharfen Gegensatz zur Psychoanalyse, die in der alten Tradition das Kind beschuldigt und die Eltern schont. Alice Miller ist am 14. April 2010 im Alter von 87 Jahren verstorben.


Alice Miller – Die Revolte des Körpers – 2005
suhrkamp taschenbuch
ISBN/EAN: 9783518457436

Das Triumvirat – drei Kriminalhörspiele von Gisbert Haefs – Rezension

Das Triumvirat - drei Kriminalhörspiele. 3 CDs - c Audiobuch
Das Triumvirat – drei Kriminalhörspiele. 3 CDs – c Audiobuch

Inhalt:
Ein Pfarrer, ein Arzt und ein pensionierter Oberst spielen regelmäßig miteinander Skat. Dabei unterhalten sie sich auch über die aktuellen Ereignisse ihrer Stadt. Fast nebenbei finden die drei geniale Lösungen für die heimischen Kriminalfälle. Die Hörspiele um das Triumvirat sind Krimi-Klassiker. Die geistreichen Dialoge und Sticheleien der drei Hauptfiguren wecken dabei mindestens ebensoviel Interesse wie der zu lösende Kriminalfall.

Die Sprecher:
Heinz Trixner – Dr. Korff
Hans Korte – Oberst a. D. Albrecht
Peter Pasetti, Harald Leipnitz – Pfarrer Bargmann

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Starthilfe Finanzmathematik- Bernd Luderer

Starthilfe Finanzmathematik - Bernd Luderer c Verlag Springer Gabler
Starthilfe Finanzmathematik – Bernd Luderer c Verlag Springer Gabler

Über das Buch
Diese Starthilfe zur Finanzmathematik vermittelt die grundlegenden Formeln, Methoden und Ideen der klassischen Finanzmathematik, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen und so, dass man mit durchschnittlichen mathematischen Schulkenntnissen dem Text folgen kann.
Das Kernstück bilden Zins- und Zinseszinsrechnung, Rentenrechnung, Tilgungsrechnung und Kursrechnung. Auch verwandte Gebiete wie Abschreibungen und Investitionsrechnung werden aus mathematischer Sicht behandelt. Eine Vielzahl praktischer Beispiele macht das Buch interessant und anschaulich. Komplettiert wird der Band durch einen Ausblick auf aktuelle Fragestellungen aus Investment Banking und Portfoliomanagement.

In dieser Neuauflage wurden zu Beginn eines jeden Kapitels Lernziele formuliert und typische Problemstellungen aufgezeigt, zu denen am Kapitelende Lösungen angegeben sind. Ferner wurden mehr Abbildungen zur besseren Veranschaulichung der mathematischen Zusammenhänge aufgenommen.

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Arnold Hanslmeier | Praktische Astronomie zum Anfassen

Im Rahmen meines Studiums habe ich bereits mehrere Veröffentlichungen des Autors gelesen. Prof. Hanslmeier schreibt routiniert und nachvollziehbar. Ich freue mich bereits auf dieses neue Werk, welches am 14.Juni 2015 erscheint. Wer sich für unseren Nachthimmel interessiert, kann mit diesem Autor eigentlich nichts falsch machen. [Kleine Anmerkung: dies soll keine wahllose Lobhudelei sein; es sind „Vorschusslorbeeren“ für einen sehr guten Lehrmeister.]

Den Nachthimmel erleben: Sonne, Mond und Sterne - Praktische Astronomie zum Anfassen - c Springer Spektrum Verlag
Den Nachthimmel erleben: Sonne, Mond und Sterne – Praktische Astronomie zum Anfassen – c Springer Spektrum Verlag

Buchdarstellung des Verlages | Dieses Buch zeigt, wie spannend Astronomie sein kann. Mit einfachen Beobachtungen kann man wichtige Fragen der Menschheit erörtern: Wie ist das Universum entstanden und wo ist unser Platz darin?
Der Leser erhält praktische Informationen, um die Faszination des Nachthimmels selbst zu erleben: Welches Teleskop ist geeignet, welche Details lassen sich damit auf den Himmelskörpern erkennen u.v.m.. Der Autor beschreibt die Planetenbewegungen und wann selbige zu beobachten sind. Tipps zur Fotografie der Himmelskörper mit Digitalkameras oder Webcams werden ebenfalls gegeben. Neben Anleitungen zu eigenen Beobachtungen erhält der Leser auch astrophysikalisches Hintergrundwissen zu den Fragen „Wie entstehen Sterne und Planeten?“, „Gibt es auf den neu gefundenen Exoplaneten Leben?“ und „Was ist Dunkle Materie?“.
Mit diesem Buch werden die Wunder des Universums rasch zu einer Freude. Aber Vorsicht: Sternegucken kann süchtig machen.
Buchrückseite
In diesem Buch zeigt Professor Hanslmeier wie spannend und zugänglich die Astronomie sein kann. Bereits mit einfachen Beobachtungen kann man viele Antworten auf die Grundfragen der Menschheit gewinnen: Wie ist alles entstanden? Wo ist unser Platz im Universum?
Der Leser erhält am Anfang des Buches praktische Informationen um die Faszination des Nachthimmels selbst zu erleben:
– Worauf kommt es beim Erwerb eines Teleskops an?
– Welche Details lassen sich damit auf dem Mond erkennen?
– Und wie können wir unsere Planeten entdecken?

Der Autor beschreibt dazu, wann Planeten günstig am Himmel zu finden sind und gibt praktische Tipps zur Fotografie des Mondes und der Planeten mit handelsübliche Digitalkameras – diese sind auch gerade für Amateurastronomen sehr wertvoll. Von dort geht die Beobachtungsreise in die Welt der Sterne und Galaxien. Bereits mit einfachen Digitalkameras kann man in diesem Bereich leuchtende Gasnebel fotografieren und vieles über die Entstehung von Sternen lernen.

Neben den Anleitungen zu eigenen Beobachtungen und kleinen Berechnungen, die für angehende Sternenbeobachter aber auch für Schulen sehr nützlich sind, findet der Leser in dem Buch auch astrophysikalisches Hintergrundwissen. Professor Hanslmeier beantwortet Fragen wie
– Wie entstehen Sterne und Planeten?
– Gibt es auf den neu gefundenen Exoplaneten Leben?
– Was ist Dunkle Materie?

Mit diesem Buch wird die Beobachtung der Wunder des Universums anhand vieler wertvoller Tipps zu einem besonderen Erlebnis. Und auch wer nicht eigene Beobachtungen macht, wird viel Neues über das Universum erfahren. Aber Vorsicht: Sterngucken kann süchtig machen!

Über den Autor | Professor Arnold Hanslmeier ist Astrophysiker am Institut für Physik an der Universität Graz. Neben mehr als 400 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, mehreren Fachbüchern widmet er sich auch sehr gerne der verständlichen Verbreitung der faszinierenden Erkenntnisse der modernen Astrophysik.  Er hält Vorlesungen an der Universität Graz und ist oft Gastprofessor an den Universitäten Wien, Innsbruck, Toulouse, La Laguna, Teneriffa sowie dem Kiepenheuer Institut in Freiburg. Wegen seiner besonderen didaktischen Fähigkeiten komplizierte Dinge einfach und anschaulich darzustellen ist er ein international sehr gefragter Referent.


Gebundene Ausgabe: 270 Seiten
Verlag: Springer Spektrum; Auflage: 2015 (14. Juni 2015)
ISBN-10: 3662460319
ISBN-13: 978-3662460313
Preis: 24,99 €

Pierre Basieux – Die Architektur der Mathematik – Denken in Strukturen

Was die Mathematik im Innern zusammen hält

Die Architektur der Mathematik - Denken in Strukturen - Pierre Basieux - c Verlag: rororo
Die Architektur der Mathematik – Denken in Strukturen – Pierre Basieux – c Verlag: rororo

Ein Buch für Leute, die wissen möchten, wie das Grundgerüst der Mathematik beschaffen ist und den Mut haben, sich von der vertrauten Schulmathematik zu lösen und auf eine herausfordernde Reise ins abstrakte Denken zu gehen: In das Denken in mathematischen Strukturen. Der Autor versteht es ausgezeichnet, den Lesenden Schritt für Schritt mit komplexeren Gebilden bekannt zu machen, Verknüpfungen zu Vertrauterem zu weben und sich dennoch nicht in zu viele Details zu verlieren. Es werden Fakten aufgezeigt – wer Beweise sucht, geht leer aus. Ich halte diesen Entscheid für dreifach richtig, denn erstens hätten Beweise den Normalleser überfordert, zweitens wäre das Taschenbuchformat
unmöglich gewesen und drittens: Nur so bleibt der nötige Lesefluss erhalten.
Man ist erstaunt darüber, dass bloss drei Grundstrukturen und deren Kombinationen die ganze Mathematik im Innern zusammenzuhalten vermögen angesichts der Tatsache, dass Mathematik heute aus über 3000 Einzeldisziplinen besteht.Weiterlesen

Henriette Hell – Achtung, ich komme!: In 80 Orgasmen um die Welt​

ReiseLust neu definiert?!

Henriette Hell - Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt - c blanvalet
Henriette Hell – Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt – c blanvalet

Über das Buch:
Henriette Hell liebt Sex und ist äußerst experimentierfreudig. Dass sie beim normalen Rein-Raus keinen Orgasmus bekommt, ist für sie kein Drama. Für ihre Sexualpartner aber offenbar schon … Die sind gekränkt, wenn es nicht klappt, und machen Stress. Das ist Henriette irgendwann zu blöd.
Sie räumt ihr Konto leer und begibt sich auf eine Reise rund um die Welt. Der Plan: In jedem Land mit einem Einheimischen schlafen, um herauszufinden: Kommt man in anderen Ländern entspannter? Und ist der OrgasmusStress am Ende ein rein deutsches Problem?

Eine Bahnhofsbuchandlung kann ja durchaus eine Inspirationsquelle sein. Dank der verlässlichen Pünktlichkeit der Bahn hatte ich Gelegenheit, meine Büchersammlung um ein weiteres Exemplar zu erweitern.
Ich hatte ein Buch gesucht, in dem echter Sex vorkommt mit gelungener Rundumgeschichte und gut zu lesen fürs Kopfkino:
Eine Frau reist durch die Weltgeschichte und macht einfach, wonach ihr der Sinn steht. Auch wenn die Herren der Schöpfung das doof finden – wahrscheinlich  fühlen sie sich einfach nur in ihrer Ehre gekränkt – Henriette benimmt sich hier und da wie das Klischee eines ganzen Kerls, also ziemlich hormongesteuert und sehr selbstbewusst. Das dürfte so manchen Macho, der immer noch dachte, Erobern sei Männersache, ganz schön jucken.Auf ihrer Reise trifft sie sowohl Männer als auch Frauen. Dabei erfährt sie – und wir als LeserInnen – Interessantes und auch Schokierendes über die Kultur und Sexkultur im Besonderen der jeweiligen Länder. Und ganz nebenbei erwähnt, kann der Mann so einiges über die weibliche Sexualität lernen. Wobei Mann wohl auch akzeptieren muss, dass es mit der Weiblichkeit immer weniger wird, je mehr sich Frau dem männlichen Gebahren anpasst. Ich persönlich habe es ausprobiert und als nicht erstrebenswert abgehakt.

Fazit:  Sex macht manchmal Spaß, manchmal eben nicht – wo ist dabei völlig egal. Ob es sich um ein rein deutsches Problem handelt, wie oben erwähnt? Nein. Und irgendwie doch. Das Buch ist ein netter Zeitvertreib und hat meinem Kopfkino die ein oder andere schöne Sequenz beschert. Mehr sollten man und frau nicht erwarten.

Verblüfft! Mathematische Beweise unglaublicher Ideen – Julian Havil

“Verblüfft?! – Mathematische Beweise unglaublicher Ideen” von Julian Havil stellt in 14 Kapiteln fantastische Ideen und die dazugehörigen Beweise vor.
Havil wünscht dem Leser genauso viel Vergnügen beim Lesen wie er Genuss beim Schreiben hatte. Dieses Vergnügen stellt sich bereits beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses ein. Bereits die Überschriften lassen Grübeleien über ihren Inhalt zu.

Verblüfft?! Julian Havil - c Springer Verlag
Verblüfft?! Julian Havil – c Springer Verlag

Jedes Kapitel beginnt mit einem Bild und einem Zitat und einem „Sandbild“. Daran anschließend wird die Ursache für die Idee vorgestellt. Dieser Aufhänger kann auch ein Leserbrief in der Londoner Times sein wie beim Kapitel ““Freitag, der 13.”“ oder eine Buchreklame am Ende der Liste mit Todesurteilen im Old Bailey wie im Kapitel ““Der Aufwärtsroller”“.
Auf den Aufhänger folgt der Beweis. Dabei werden Nebenaspekte nicht vergessen, sondern einbezogen. Wo es möglich und sinnvoll ist, wird das angesprochene Problem zuerst verallgemeinert, oder nach einem Präzedenzfall die Verallgemeinerung gesucht. Gleichzeitig legt der Autor Wert darauf, die praktische Verwendung vorzustellen, wie z.B. beim Geburtstagsparadoxon.
Wer sich an die Mathematik aus Schulzeiten nicht mehr zu 100% erinnert, kann sich  eine Formelsammlung zur Seite legen. Diese ist nützlich um das Umformen der Formeln nach zu vollziehen. Grundlagen werden in diesem Buch weder erklärt, noch erhebt Havil den Anspruch das zu tun. Weiterlesen

Britta Bolt • Das Büro der einsamen Toten

Britta Bolt • Das Büro der einsamen Toten • Ein Kriminalroman

Britta Bolt: Das Büro der einsamen Toten - Copyright Hoffmann und Campe Verlag
Britta Bolt: Das Büro der einsamen Toten – Copyright Hoffmann und Campe Verlag

Kurzbeschreibung
Er ist kein Polizist, kein Privatdetektiv – und trotzdem dreht sich in seinem Leben alles um den Tod. Im „Büro der einsamen Toten“ bei der Stadt Amsterdam kümmert sich Pieter Posthumus um die einsamen Toten – Menschen ohne Angehörige, Menschen, die keiner vermisst – und richtet ihnen ein würdiges Begräbnis aus, mit Musik und Gedichten. Bei seinen Recherchen stößt er auf so manche Ungereimtheit. In der Prinsengracht ist die Leiche eines jungen Mannes gefunden worden. Die Umstände seines Todes sind mysteriös. Posthumus nimmt auf eigene Faust die Ermittlungen auf und gerät in ein Netz von Intrigen.

Rezension
Um namenlose Tote in Amsterdam kümmert sich nach uralter Tradition die Stadt; sie richtet ihnen ein würdiges Begräbnis aus, bei dem es Kaffee, Blumen und ein Gedicht gibt. Soweit die Realität. Britta Bolt hat das zuständige Büro in ihrem Roman kurzerhand „Amt für Katastrophenschutz und Bestattungen“ getauft. Dort arbeitet Pieter Posthumus als einer der drei Beamten, die sich um nicht identifizierte Tote kümmern. Eigentlich bedeutet das neben einer Wohnungsbegehung nur Papierkram, um eventuelle Verwandte ausfindig zu machen, Sterbeversicherungen zu finden und im besten Fall das Begräbnis in die Hände der Familie zu geben. Posthumus jedoch ist ein Typ, der sich oft in das Leben der Toten hineinversetzen will und sich Fragen zu ihrem Tod stellt. Bei einem Toten, der sich in einer Mansarde erhängt hat, findet er zum Beispiel Gedichte und will damit die Trauerrede gestalten. Für seine Kollegen sind solche Ideen albernes und überflüssiges Dekor, für Posthumus ein Stück der letzten Würde. Eines Tages muss er sich um die Leiche eines jungen Marokkaners kümmern, der in einer Gracht gefunden wurde. Dadurch lernt er die Familie Tahiri kennen, mit denen der Tote bekannt war. Vater Tahiri kommt der Tod ein wenig merkwürdig vor und Posthumus verspricht ihm, ein bisschen zu recherchieren.

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Parallel zu Posthumus‘ Arbeit lernt der Leser Onno Veldhuizen kennen, seines Zeichens Abteilungsleiter der Sektion Staatsschutz, sowie seine Teamleiterin Lisette Lammers. Lammers beobachtet die so genannte Amsterdamer Zelle, eine Gruppe hauptsächlich junger Marokkaner, die der Verschwörung und der Planung eines terroristischen Anschlags verdächtigt werden. Während der Staatsschutz sein übliches Programm aus Abhörtechnik und Observation auspackt, erhält Posthumus unverhofft Unterstützung von einer längst verloren geglaubten Familienbande: Seine Nichte Merel Dekkers meldet sich nach langjähriger Sendepause bei ihm. Dekkers ist Journalistin und derzeit mit vielen Artikeln über den Islam betraut.

Familie Tahiri wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, bei der Posthumus‘ Fragen und die Ermittlungen des Staatsschutzes immer wieder angreifen. Aus so einem Setting könnte man einen wahnsinnig schnellen Thriller stricken und Posthumus gegen Veldhuizen durch Amsterdam jagen. Dann wäre das Buch auch spannend, aber nur halb so gut. Denn Britta Bolt schaut ihren Protagonisten nicht nur auf die Finger, sondern auch ins Herz. Was dabei herauskommt ist ein Roman, der viele Facetten zu religiösen Strömungen aufgreift und diese unaufgeregt und gelassen thematisiert.

Es ist mehr als nur der Einblick in eine muslimische Familie. Es ist auch eine Perspektive auf Immigranten, deren Kinder die Herkunft ihrer Eltern entdecken und die eigene Präsenz inmitten von zwei Kulturen ganz anders wahrnehmen. Vater Mohammed hat der Familie in den Niederlanden ein neues und gutes Leben aufgebaut, sich so weit wie möglich integriert. Seine Kinder emanzipieren sich vom Anpassungswillen ihrer Eltern und definieren ihre Traditionen neu. Die Tochter wählt den Schleier und wirft der Mutter ein Mangel an eigener Kultur vor, der Sohn Najib trägt eine Djellaba, meidet den Kontakt zur Familie und surft stundenlang im Internet. Alleine diese Diskrepanzen sind schon genug Stoff, um zwei Generationen hart aufeinander prallen zu lassen. Najibs religiöse Interessen lassen ihn allerdings ins Licht von Veldhuizens Ermittlungen rücken.

Posthumus entdeckt während seiner Recherchen auch das Schicksal des Toten aus der Gracht, ein entfernter Cousin der Tahiris. Mit ihm und Onno Veldhuizen lässt Britta Bolt politische Hintergründe ins Spiel kommen, die auf eine ganz andere Art und Weise erschreckend sind als nur diehier bekannte Gefahr durch Jihadisten. Auch, wenn der Start der Posthumus-Trilogie sehr viel ruhiger ist als ein wütender Krimi von Dominique Manotti, steckt auch in Britta Bolts Buch ein Stück weit politische Literatur. Ließe sich das überhaupt vermeiden, wenn hinter Britta Bolt eine auf Menschenrechte, internationales Recht und politische Prozesse spezialisierte Anwältin sowie ein Schriftsteller stehen, der unter anderem ein Theaterstück gegen Apartheid auf die Bühne gebracht hat?

Posthumus findet heraus, was seine zunächst namenlosen Toten für ein Schicksal hatten. Doch er ist „Beamter, kein Detektiv“, und so liefert das Ende perfektes Futter, um die Geschichte auch bei zugeschlagenem Buch weiter arbeiten zu lassen.

© Erik Smits/Arbeiders Pers
Das Autorenduo Britta Bolt – © Erik Smits/Arbeiders Perstrennlinie2

Britta Bolt – DAS BÜRO DER EINSAMEN TOTEN
ISBN:978-3-455-40528-6
Verlagsbereich:Belletristik
Einband:Schutzumschlag
Produktart:Buch
Seiten:384
Erscheinungsdatum:11.03.2015
Übersetzung:Kathleen Mallett, Heike Schlatterer

Dominique Manotti • Roter Glamour • Ein Kriminalroman • ariadne Krimi

Dominique Manotti • Roter Glamour • Ein Kriminalroman

BuchCover
BuchCover

Kurzbeschreibung
Über der Türkei explodiert ein Flugzeug voller Waffen. In Paris wird eine Frauenleiche auf einem verlassenen Parkplatz abgeladen. Zwischen beiden Ereignissen liegen viele tausend Kilometer, und doch … Präsidentenberater François Bornand versucht eine Staatskrise zu verhindern und schickt seinen Mann fürs Grobe ins Rennen. Mord und Verrat häufen sich – im Namen der Staatsräson? Bei ihrer Ermittlung kommt Polizistin Noria Ghozali der Sphäre der Macht gefährlich nahe.

Rezension
Es gibt sie, diese Autoren, die einem Bauchgrimmen verursachen … weil man sich ärgert, dass man auf sie noch nicht früher aufmerksam geworden ist. Die Französin Dominique Manotti gehört eindeutig zu dieser Riege.

In ihrem kurz gehaltenen Erzählstil stellt Manotti die gebürtige Maghrebinerin Noria Ghozali vor, die sich mit einem gewagten Sprung vor der Wut ihres Vaters rettet. Ab diesem Zeitpunkt ist sie frei, steht allerdings völlig allein da. Ghozali beißt sich durch und wird eher zufällig Anwärterin bei der Polizei. Auf eine Maghrebinerin haben die – wie sie mit selbstgemachten rassistischen Plakaten zeigen – nicht wirklich gewartet und so darf sich die Jungpolizistin erst einmal mit Kleinkram befassen, wie explodierenden Hundehaufen zum Beispiel. Doch Hartnäckigkeit und Energie hat Ghozali nicht verloren und als eine unbekannte Tote auftaucht, hat sie die zündende Idee, wie man sie identifizieren könnte.

[avatar user=“BettinaSchnerr“ size=“medium“ align=“right“ link=“http://laubet.de“ target=“_blank“]Bettina Schnerr[/avatar]

Noria Ghozali ist eine sehr spannende Figur und ich finde, sie bekommt schon mit den wenigen Worten, die Manotti macht, ein vernünftiges Profil. Sie vertritt energisch das Recht und ist jung genug, um weder von Routine noch Ernüchterung ihre Prinzipien zerknickt bekommen zu haben. Und ausgerechnet diese kleine Polizistin legt sich durch ihre Ermittlungen mit einem Zirkel an, der seine korrumpierten Prinzipien dank jahrelanger Protektion durch Macht und Geld völlig individuell definiert. Irgendwann fällt Ghozalis Arbeit auf und bevor sie in die Schusslinie der unzimperlichen Drahtzieher gerät, sichert sich der Zentrale Nachrichtendienst RGPP ihre Dienste.

Ghozalis unbekannter Gegner ist der Präsidentenberater Bornand. Er nutzt seine Position direkt neben der Machtzentrale Frankreichs für persönliche (und selbstverständlich illegale) Geschäfte, Protektion und Ausnutzung. Ihm kann kaum keiner an den Kragen, weil er überall Leute hat, die bei einer Behörde Unterlagen einsehen können, Vorgänge gezielt lahmlegen oder jede Information beschaffen können. Abgesehen von seinen Geschäften und den Intrigen, um erstere zu sichern, steht er permanent mit verschiedenen polizeilichen und nicht-polizeilichen Organisationen auf Kriegsfuß. Die französische Vielzahl dieser Behörden und Dezernate sorgt permanent für Kompetenzgerangel und Auflösungsvorstöße der einen gegen die anderen. Manotti erklärt in einem Vorwort dankenswerterweise, wie komplex die Strukturen in den 1980er Jahren in Frankreich aufgebaut sind.

Dominique Manotti signing books at Fête de l'Humanité 2006 -- Foto: Fred.th - CC BY-SA 3.0 - Quelle: wikipedia
Dominique Manotti signing books at Fête de l’Humanité 2006 — Foto: Fred.th – CC BY-SA 3.0 – Quelle: wikipedia

Von der französischen „Elite“ zeichnet Manotti genau das erbärmliche Bild, das wir vor kurzem ansatzweise bei der Affäre rund um den IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn sehen konnten: Die Mächtigen halten die Welt für eine Spielwiese, auf der sie beliebig Geld und Menschen einsetzen, Hauptsache, Abends wartet eine Belohnung in Gestalt einer Prostituierten der gehobenen Klasse auf sie oder wahlweise eine Frau, die sich wenigstens für eine Nacht von Macht und Geld blenden lässt. Ein Nein zu akzeptieren, gelingt keinem der Mächtigen und sollte der seltene Fall eintreten, pflastert sich der Weg mit Racheopfern aller Art.

Manottis entlarvender, spannender Krimi hat mir enorm gut gefallen. Ja, es mag Fiktion sein, aber verflixt nochmal, es ist wohl näher dran an der Realität als man es wahrhaben möchte.

Die Belohnung für den kompromisslosen Stil: Der „Prix Mystère de la Critique“, der „Prix du roman noir du Festival de Cognac“ und obendrein eine Kinoverfilmung.

Randbemerkungen
Es muß doch ein Ersatz für die kommunistische Bedrohung her, die sich gerade in Luft auflöst.
Dominique Manotti, Zügellos, 1997

Politisch versteht Manotti sich als Rätekommunistin; Antonio Gramsci und Rosa Luxemburg spielen für ihre Analysen eine tragende Rolle; die Lektüre von James Ellroy hat nicht unwesentlich zur späten literarischen Arbeit beigetragen.

Ihre Enttäuschung über die Regierung Mitterrand ließ sie vom politischen Engagement zur Literatur wechseln.

Manotti ist eine promovierte Historikerin.

Auszeichnungen
1995 Prix Sang d’encre für Sombre sentier (dt. Hartes Pflaster)
2002 Prix Mystère de la critique für Nos fantastiques années fric (dt. Roter Glamour)
2008 Duncan Lawrie International Dagger für Lorraine connection (dt. Letzte Schicht)
2011 Krimi des Jahres 2010 (Platz 3) in der KrimiWelt-Bestenliste für Letzte Schicht
2011 Deutscher Krimi Preis – International 3. Platz für Letzte Schicht
2011 Grand prix de littérature policière – Kategorie National für L’Honorable Société (gemeinsam mit DOA)
2012 Krimi des Jahres 2011 (Platz 1) in der KrimiZEIT-Bestenliste für Roter Glamour

trennlinie2Dominique Manotti • Roter Glamour

Broschiert: 256 Seiten
Verlag: Argument Verlag mit Ariadne; Auflage: 4 (1. Januar 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3867541922
ISBN-13: 978-3867541923
Originaltitel: Nos fantastiques années fric
Andrea Stephani (Übersetzung)

Erstveröffentlichung: 2001 (Original) / 2011 (deutsche Übersetzung)

Die Kultur der Reparatur – Wolfgang M. Heckl – Rezension von Bettina Schnerr

Cover: Die Kultur der Reparatur - Wolfgang M. HecklKurzbeschreibung
Kaum ist die Garantie abgelaufen, gehen unsere Geräte kaputt. Das Display des mp3-Players spinnt, der Laptop überhitzt und schaltet ab. Doch wir können der Wegwerfgesellschaft entkommen: Indem wir wieder reparieren lernen. Das schont nicht nur die Ressourcen des Planeten, es macht auch Spaß! Überall in Deutschland gibt es Repair-Cafés, in denen Menschen gemeinsan an alten Plattenspielern schrauben und aus Secondhandklamotten Designermode machen. Wolfgang Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums in München, setzt sich an die Spitze der Do-it-Yourself-Bewegung. Er lehrt uns die Dinge um uns herum wieder wertzuschätzen – und zeigt uns den Weg zu mehr Autonomie von der Industrie.

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Tokyo Vice – Jake Adelstein – Rezension von Bettina Schnerr

Tokyo Vice, Cover, Riva Verlag

Kurzbeschreibung

Jake Adelstein ist der einzige westliche Journalist, der jemals als Polizeireporter in Japan arbeiten durfte. Er berichtete viele Jahre über die dunkle Seite Japans, wo Erpressung, Mord, Menschenhandel und Korruption ebenso häufig vorkommen wie Ramen-Nudeln und Sake. Doch als er seinen letzten Knüller landen wollte, stand er Japans berüchtigtstem Yakuza-Boss plötzlich persönlich gegenüber. Da ihm und seiner Familie der Tod drohte, gab er auf … vorübergehend. Dann schlug er zurück. In seinem Buch erzählt Adelstein, wie aus einem unerfahrenen Jungreporter (dessen Wing-Chun-Kampf mit einem älteren Kollegen nicht sein einziger Anfängerfehler war) ein wagemutiger Enthüllungsjournalist wurde, auf den die Yakuza ein Kopfgeld aussetzte. Mit seinen lebendigen, emotionalen Geschichten aus der Welt der modernen Yakuza, von der selbst Japaner wenig wissen, ist Tokyo Vice von der ersten bis zur letzten Zeile ein ebenso faszinierendes wie informatives Buch und ein einzigartiger, aufschlussreicher Bericht aus erster Hand über die Schattenseiten der japanischen Kultur.Weiterlesen

Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! – Jón Gnarr – Rezension von Bettina Schnerr

Cover: Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! - Jón Gnarr

Kurzbeschreibung

Jón Gnarr: Künstler, Komiker, Anarchist – und Bürgermeister einer europäischen Hauptstadt. In seiner unterhaltsamen Streitschrift beschreibt er seinen Weg vom selbsternannten Anarcho und Gründer einer Spaßpartei in die Niederungen des kommunalpolitischen Alltags. Hören Sie gut zu und schärfen Sie ihr politisches Bewusstsein!
Ein Satz im Deutschunterricht hat sich Jón Gnarr besonders eingeprägt: »Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!« Zuhören ist eine Kunst, auch wenn sie in der Politik oft nicht sehr ausgeprägt ist. Gnarr lehrt sie uns und sich. Was als künstlerisches Projekt begann, die Gründung der »Besten Partei«, entwickelte sich für den Allround-Künstler spätestens nach seiner Wahl zum Bürgermeister von Reykjavík zur Lebensaufgabe: Wie kann man in einer Gesellschaft etwas verändern, ohne sich selbst zu verändern? Mit bewundernswerter Offenheit beschreibt Jón Gnarr seinen Werdegang, seine Visionen – und die Fehler, die er bislang gemacht hat.Weiterlesen

Patricia Melo – Leichendieb – Rezension von Bettina Schnerr-Laube

Cover: Der Leichendieb - Patricia Melo

Kurzbeschreibung

Ein Päckchen Kokain liegt neben der Leiche eines jungen Mannes. Der Finder beschließt, es zu verkaufen, und verstrickt sich damit in eine Welt aus Betrug und Erpressung. Um zu überleben, muss er bald schon eine Menge Geld auftreiben. Mit einem perfiden Plan macht er sich an die schwerreichen Eltern der Leiche heran. Patricia Melos „Leichendieb“ ist ein spannender Thriller, der den Leser die moralischen Bedenken eines Mannes nachempfinden lässt, dessen kriminelle Handlungen sich wie eine Lawine steigern. Patrícia Melo bietet nicht nur ein bestechend genaues Porträt der Rauschgift-Mafia in Lateinamerika, sondern auch den Beweis, dass es manchmal nur eines winzigen Auslösers bedarf, um das Leben eines Menschen aus der Bahn zu werfen: In jedem steckt der Keim für das Böse.Weiterlesen

Wer schlafende Hunde weckt – Christopher Brookmyre – Rezension von Bettina Schnerr

Cover: Wer schlafenden Hunde weckt - Christopher Brookmyre

Kurzbeschreibung

Glasgow, Mitte des letzten Jahrzehnts. Jasmine Sharp müsste eigentlich jubeln: Endlich hat sie einen Job. Ihr Onkel Jim, Privatdetektiv, Ex-Cop und ihr einziger Verwandter, hat es nett gemeint und sie zu seiner Assistentin gemacht. Aber besonders geschickt angestellt hat sie sich bisher nicht. Wenn man ehrlich ist, muss man sogar zugeben: Als Privatdetektivin ist sie eher lausig. Doch als Jim plötzlich spurlos verschwindet, muss Jasmine über sich hinauswachsen: Auf eigene Faust und geplagt von Selbstzweifeln beginnt sie zu ermitteln. Bei ihren Nachforschungen trifft sie auf Tron Ingrams, der ihr mit seiner brutalen und verschlossenen Art Angst macht und offensichtlich mehr weiß als er sagt. Schnell muss Jasmine feststellen, dass sie es mit Gegnern zu tun hat, die vor nichts zurückschrecken. Ohne es zu wissen, ist sie dem größten Korruptionsskandal auf der Spur, den Glasgow je erlebt hat. Und sie erkennt, dass sie und Ingrams mehr verbindet, als ihr lieb ist.Weiterlesen