Schlagwort: Porträt

Joachim Ringelnatz & Hermann Fenner-Behmer | Der Bücherfreund

Ob ich Biblio- was bin?
phile?»Freund von Büchern« meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den andern Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein, und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher – – – wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: Viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben – – –
Hei! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie? – ich jemals auch in Büchern lese??
Oh, Sie unerhörter Ese – – –
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hoch verehren.

Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren.

***

Hermann Fenner-Behmer war ein deutscher Maler. Lebensdaten: * 8. Juni 1866 in Berlin; † 3. Februar 1913 ebenda.
Fenner-Behmer studierte an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin und bildete sich während eines Studienaufenthaltes in Paris bei Gustave Boulanger und Jules-Joseph Lefebvre weiter. Nach seinem Studium reiste er durch Europa. 1908 erhielt er für sein Gemälde Dame in Braun die Goldene Medaille der Akademie der Künste. Ebenfalls 1908 erhielt er auf der Großen Berliner Kunstausstellung eine kleine Goldmedaille.

Fenner-Behmer spezialisierte sich – im Laufe der Jahre – auf elegante Bildnisse von Frauen sowie erotische Szenen. Viele seiner Werke wurden als Drucke reproduziert. Als Beispiel für die s.g. erotischen Szenen:

Hermann Fenner-Behmer |  Reclining Odalisque  | 1900.
Hermann Fenner-Behmer | Reclining Odalisque | 1900.

***

Das Poem ist erschienen in: Joachim Ringelnatz | Allerdings
Ernst Rowohlt Verlag, Berlin | 1928

Zum Titelbild: Das Original wurde 1906 geschaffen. Die Abbildung entstammt einem Farbenlichtdruck um 1910.

Hermann Fenner-Behmer | Der Bücherwurm | 1906

Ernst Barlach über Max Liebermann

Max Liebermann - 1925
Max Liebermann – 1925

Liebermann malt am Meer, es beginnt zu regnen.

Ein Herr (tritt hinzu): Sehen Sie, Herr Professor, der Regen ist die Folge davon, daß es vorher gutes Wetter war – ich helfe Ihnen tragen.

Liebermann: Ebensogut können Sie sagen, ich bin, weil ich nicht schon gewesen bin – hab ich recht?

Herr: Wie Sie Ihre Bilder nur malen können, weil sie nicht schon gemalt sind. – (Sie gehen.)

Liebermann: Verblüffende Zusammenhänge, wat? Is so ’ne Mystik schon dajewesen? Unheimlich!

Herr: Und doch, Meister – na, man weiß doch allerlei!

Liebermann: Wenn man man nich zu viel weiß, wissen Sie!

Herr: Doch wohl nicht – Ihre strenge und statiöse Kurve – ich meine, es ist eben alles gesetzmäßig, selbst meine ungeübten Augen – sehen Sie, Sie malen und malen und werden beim Malen alt und doch nicht alt, ob jung, ob alt, Sie kreisen immer in derselben Ordnung wie um eine in Zusammenhängen begreifliche Gegebenheit, da fällt mir das Wort aus dem Munde: Ihre strenge und statiöse Kurve.Weiterlesen

Alois Senefelder – AUF DASS DIE STEINE REDEN – Ein Porträt

Alois Senefelder
Alois Senefelder (1771 — 1834) ist der Erfinder der Lithografie. Außerdem war er Theaterschriftsteller, Sänger, Musiker und Komponist.

„Leutein, nehmt’s die Wasch von der Leine — die Komödianten kommen…!“ So wenig schmeichelhaft wie überall damals in der Welt begrüßt man in der Altstadt von Prag auch die wandernde Schauspielertruppe, der Herr Senefelder aus München angehört. Der „Jugendliche Liebhaber“ aber freut sich über den ersten Sohn, Alois, den die Gattin ihm während des Prager Gastspiels schenkt, und zu dritt kehrt die Familie in die bayerische Heimat zurück. Der kunstsinnige Kurfürst beruft Senefelder als Hofschauspieler an sein Münchner Residenztheater; auch Alois zieht’s zum Theater, jedoch der Vater will seinem Ältesten die bitteren Erfahrungen der eigenen Jugend ersparen und bestimmt den Hochbegabten zum Juristen. Fleißig, aber ohne große Begeisterung, studiert der Junge an der Universität zu Ingolstadt Rechtswissenschaft, bis der allzufrühe Tod des Vaters alle Pläne zunichte macht. Mutter Senefelder eröffnet eine kleine Wäscherei, mit der sie ihre neun Kinder zu ernähren hofft, während Alois, der ehemalige Rechtsstudent, sich als Schauspieler und Lustspieldichter versucht. Nicht ohne Erfolg übrigens, seine Theaterstücke werden freundlich aufgenommen, aber es fehlt das Geld, sie drucken zu lassen. Selber drucken müßte man können!

Steindruckschnellpresse von Hugo Koch, um 1880 - Quelle: wikipedia.org
Steindruckschnellpresse von Hugo Koch, um 1880 – Quelle: wikipedia.org

Einmal will es der Zufall — so wird er später in seinem „Lehrbuch des Steindrucks“ berichten —, daß er für die Mutter eine eilige Wäscherechnung schreiben soll, doch in dem ärmlichen Haushalt sind weder Papier noch- Tinte zu finden. Da schreibt er in der Eile die Rechnung mit Wachstinte auf eine Solnhofener Steinplatte, die er sonst zum Farbeanreiben benützt. Eine flüchtige Laune läßt ihn — mal sehn, was daraus wird! — die Platte mit Scheidewasser ätzen, und als die von der Wachstinte geschriebenen Worte erhaben im Stein stehen bleiben, da fühlt er sich als glücklicher Erfinder eines funkelnagelneuen Druckverfahrens. Als er erfahren muß, daß die Steinhochätzung eine altbekannte Sache ist, versucht der Enttäuschte sein Glück als Soldat in der bayerischen Armee, bis man auf der Schreibstube dahinterkommt, daß der Alois Senefelder ja in Prag geboren ist, und den „Ausländer“ schleunigst nach Hause schickt. Hier bastelt und bosselt er weiter; er verbessert seine „Steintinte“ und seine kleine Druckpresse, er schreibt Musiknoten auf Papier, druckt sie auf Stein über und kommt so zum ersten Umdruckverfahren von Papier auf Stein, das er unermüdlich fortsetzt. Seine beiden Brüder, die der Arbeit gern aus dem Weg gehen, weiht der Gutmütige in sein Erfindergeheimnis ein, auf das ihm ein bayerisches Privileg für vorläufig fünfzehn Jahre erteilt wird.

Nun winken Ehre, Ruhm und Reichtum —• es kommen die verlockendsten Angebote, und ein namhafter Offenbacher Musikverleger läßt den jungen Mann auf eigene Kosten nach London reisen, damit er dort mit englischen Privilegien eine Steindruckerei eröffnen kann. An der Themse aber siegt wieder Senefelders Phantasie über Alltag und Wirklichkeit, er läßt Geschäft Geschäft sein und macht sich an die Erfindung eines lenkbaren Luftschiffes und eines Perpetuum mobile. Die Mühen enden mit Enttäuschung und ruhmloser Heimkehr. Inzwischen haben seine nichtsnutzigen Brüder in München die Erfindung des Steindrucks weiterverkauft an den bayerischen Staat, der unter Mißachtung des von ihm an Senefelder erteilten Privilegs eigene „Lithographische Anstalten“ errichtet. Erst als der Heimgekehrte vor Gericht seine Ansprüche vertritt, erfährt der Kurfürst, nun König von Napoleons Gnaden, von dem begangenen Unrecht; er befiehlt schleunigste Wiedergutmachung und ernennt Alois zum Inspektor an der Königlichen Vermessungsdruckerei. Der Senefelder aber ist für ein ruhiges, sorgenfreies Beamtendasein nicht geschaffen, er verkauft seine so hart umkämpften Erfinderrechte wieder, verkauft sie — was man ihm übelnimmt — gleich zweimal. Seine hochfliegenden Pläne einer Staatsdruckerei in Paris verwirklichen sich ebensowenig wie seine Träume von eigenen großen Fabriken in England. Mit seiner an Leichtsinn grenzenden Sorglosigkeit in Geldsachen schiebt er ein glänzendes Angebot aus Wien achtlos beiseite und stürzt sich mit Feuereifer in neue, phantastische Projekte. Während er sich mit diesen Erfindungen erfolglos abmüht, tritt sein „Flachdruckverfahren“, das ihm eine Sternstunde seiner Jugend geschenkt, den Siegeszug durch die Welt an, fast so bedeutend wie Gutenbergs Tat für die Verbreitung des Wissens und die Erweiterung der Bildungsmöglichkeiten. Die „Steingravur“, die der achtundzwanzigjährige Senefelder „so nebenbei“ erfunden hatte, begründet den Weltruf der deutschen Anstalten für Landkartendruck, und mit seinem Verfahren der Steinzeichnung schaffen Menzel, Daumier, Gericault und andere die ersten Spitzenleistungen der Künstlerlithographie. Zu neuer Blüte gelangt sie später durch die Bildwerke Manets, Renoirs, Toulouse-Lautrecs, Munchs, Liebermanns, Corinths, Kokoschkas, Barlachs und der Käthe Kollwitz. „Ich bin und bleib‘ ein armer Lump .. .“

Aber allen Rückschlägen und Enttäuschungen zum Trotz nennt sich der rastlos Tätige einen „glücklichen Erfinder“. Wer weiß — vielleicht hätte der gute alte Gänsekiel als Schreibinstrument sich noch hinübergerettet ins technische Zeitalter, wenn Senefelder nicht auf den Gedanken gekommen wäre, breite, stählerne Uhrfedern zu „Schreibfedern“ zu zerschneiden und durch Ausglühen und blitzschnelles Abkühlen zu härten. So entstand die Stahlfeder, über ein Jahrhundert lang das bevorzugte Schreibwerkzeug der zivilisierten Welt — die Stahlfeder, die noch in den Goldfedern unserer Füllhalter fortlebt. Die Engländer entwickelten diese Erfindung Senefelders — für die er nie einen Groschen erhalten hat — zu einem Industriezweig, der Millionengewinne erbrachte. Noch am Ende seines reichen und bewegten Lebens erinnert sich der Sohn des fahrenden Komödianten an das fehlende Stückchen Papier in der Waschküche seiner Mutter: „Hätte ich damals das nötige’Geld gehabt, so würde ich mir Lettern, eine Buckdruckpresse und Papier gekauft haben zum Druck meiner Theaterstücke, und die Steindruckerei wäre wahrscheinlich so bald nicht erfunden worden. Ich habe den Wunsch, daß meine Erfindung der Menschheit durch vortreffliche Erzeugnisse vielfältigen Nutzen bringen und zu ihrer größten Veredelung gereichen, niemals aber zu einem bösen Zweck mißbraucht werden möge . . .“

Ralph Waldo Emerson – Ein Porträt von Dr. Karl Federn

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882
Ralph Waldo Emerson – 1803 bis 1882

Am 27. April 1882 starb zu Concord bei Boston im achtzigsten Jahre seines Lebens Ralph Waldo Emerson, der letzte große Vertreter und Lehrer der idealistischen Philosophie. Die philosophische Schule, die im vorigen Jahrhundert durch Kant in Deutschland begründet wurde, sollte auf der entgegengesetzten Hemisphäre ihren spätesten, eigentümlichsten und poesievollsten Vertreter finden.

Ein amerikanischer Idealist – schon diese beiden Worte scheinen einen Widerspruch zu enthalten. Aber Emerson hat im Geistesleben der Vereinigten Staaten eine mächtige Wandlung hervorgerufen; Thomas Carlyle konnte ihm schreiben: »Sie sind eine neue Ära, mein Freund, in Ihrem neuen gewaltigen Lande.«

Obgleich sein Geist auch in Deutschland in immer weiteren Wellenkreisen zu wirken begonnen hat und man die Spuren seines Einflusses bereits vielfach verfolgen kann, ist diese Wirkung doch eine weit langsamere, als man nach der Bedeutung Emersons und bei der sonst so willigen Art, mit der gerade das deutsche Volk die großen Männer des Auslandes aufzunehmen pflegt, erwarten sollte.Weiterlesen