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Oskar Loerke | Der Silberdistelwald

[distelicht] Eine literarische Reise.
Oskar Loerke führt uns nach Berlin-Frohnau und Świecie [Schwetz an der Weichsel]


 

Der Silberdistelwald
Mein Haus, es steht nun mitten
Im Silberdistelwald.
Pan ist vorbeigeschritten.
Was stritt, hat ausgestritten
In seiner Nachtgestalt.

Die bleichen Disteln starren
Im Schwarz, ein wilder Putz.
Verborgne Wurzeln knarren:
Wenn wir Pans Schlaf verscharren,
Nimmt niemand ihn in Schutz.

Vielleicht, dass eine Blüte
Zu tiefer Kommunion
Ihm nachfiel und verglühte:
Mein Vater du, ich hüte,
Ich hüte dich, mein Sohn.

Der Ort liegt waldinmitten,
Von stillstem Licht gefleckt.
Mein Herz – nichts kam geritten,
Kein Einhorn kam geschritten –
Mein Herz nur schlug erweckt.

***

Gedenktafel  für Oskar Loerke – Kreuzritterstr 8 | Urheber: OTFW, Berlin

Oskar Loerke (* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz/ Wiąg in Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin) war ein deutscher Dichter des Expressionismus und des Magischen Realismus. Das Gedicht erschien 1934 im gleichnamigen Gedichtband.
Seine ausgeprägte Liebe zur Musik fand u.a. Ausdruck  in veröffentlichten Texten zu Johann Sebastian Bach und 1938 zu Anton Bruckner:
1922 Wandlungen eines Gedankens über die Musik und ihren Gegenstand bei Johann Sebastian Bach
1935 Das unsichtbare Reich. Johann Sebastian Bach, S. Fischer
1938 Anton Bruckner. Ein Charakterbild

Unsere ausgewählte Reiseetappe:
Berlin-Frohnau  |  Der „Silberdistelwald“ des Oskar Loerke am Hubertussee, geschaffen  im Zusammenhang mit dem Bau der Gartenstadt Frohnau aus einem verlandeten Tümpel. Im späten 19. Jahrhundert wurde hier Ton für die nahegelegene Ziegelei gegraben. [Loerkes Vater war übigens Ziegeleibesitzer] Vorschlag: Zeichnen Sie eine Silberdistel mit einem Porträt von Oskar Loerke im urban-sketching-stil. Wenn Sie uns Ihr Werk zusenden, veröffentlichen wir dieses gern im Magazin.
⇒ Świecie [Schwetz an der Weichsel]  an der Einmündung des Schwarzwassers in die Weichsel, etwa 40 km nördlich der Stadt Bromberg (Bydgoszcz) und 105 km südlich der Stadt Danzig. Sehenswürdigkeiten sind u.a.:
Ein Deutschordensschloss aus dem 14. Jahrhundert | Die Pfarrkirche | einige erhaltende Befestigungsanlagen | das ehemalige Bernhardiner-Kloster | die neogotische St.-Andrzej-Bobola-Kirche | das Rathaus von 1879 und diverse Bürgerhäuser. Das Schloss wird für zahlreiche kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Das Rathaus von Świeciu | Foto: Tomisław in der Wikipedia auf Polnisch


 Musik im Player | Johann Sebastian Bach „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde (BWV 201)“ –  eine weltliche Kantate. Im Autograph trägt sie den Titel „Der Streit zwischen Phoebus und Pan“]

Mehr über die distelicht-Reise erfahren Sie hier.

Titelfoto: Der Hubertussee in Berlin-Frohnau, Jahr 2008. | Saxo – via wikipedia

Oskar Loerke Φ Die Kindermurmel Φ Lyrik

Die Kindermurmel

1
Sie ruht sich aus in einer Hand voll Narben.
Das Glas durchscheinen Güsse vieler Farben.

Der gelbe hier gleicht einem Höhlenstollen,
Versteinter Schwefelqualm hat ihn verquollen.

Wie Ströme winden sich die blauen Strähnen.
Wohin wohl führen wir? auf welchen Kähnen?

Die grauen Adern mögen hart beginnen
In diesem Tag, doch hängen sie nach innen

Und wenden sich vom Grübeln und Ergründen
Gleich Gletschern, die in süßem Süden münden.

2
Der gelbe Strang gleicht einem Höhlenstollen,
Versteinter Schwefelqualm hat ihn verquollen.
Darunter schläft ein März mit seinem Weben,
Behorcht von einem Knaben, der mir ähnelt.
Ein Feuer singt in weißer Bretter Kiene,
Von Regenweite spricht der Mund der Röhren,
Und ihre Tropfen schlägt der Wind zu Schnee.
Und Hoffnung war. Das ist nun abgeschlossen,
Als wäre es im Spiegelglas geblieben,
Doch außen vor dem Spiegel ist nichts mehr.

3
Wie Ströme winden sich die blauen Strähnen.
Wohin wohl fahren wir? auf welchen Kähnen?
Am Quellenende träumt der Knabe wieder;
Umgeben von den schmalen Widerscheinen
Der lotrecht aufgeschoßnen Erlen, geht er
Im Honigduft Grausilbervlies der Raupen
Zum Wasserspiel vom roten Baste lösen.
Nun kühlt er seine Hand im Blütenbaume,
Des Schnee mitunter leise trauernd klang.

4
Die grauen Adern mögen hart beginnen
In diesem Tag, doch hängen sie nach innen
Und wenden sich vom Grübeln und Ergründen
Gleich Gletschern, die in süßem Süden münden.
Der blüht nun eine Ewigkeit entlegen.
In ihren Gärten sucht sich selbst der Knabe.
Der Junimond geht wie ein Wohlgefallen,
Dann fahren auch die letzten Vogelnester
Zum Bausch des Dunkels ein, doch er bleibt wachen,
Muß immer wiederkehren zu dem Takte,
Der immer wiederkehrt in einem Leben.


Oskar Loerke: Atem der Erde – Poesie – 1930