Schlagwort: Mythologie

Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre

Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre • Gedichte in Prosa

Unter einem großen grauen Himmel, in einer großen staubigen Ebene ohne Wege, ohne Rasen, ohne eine Distel, ohne eine Brennnessel, traf ich eine Schar Menschen, die gebückt dahinschritten.
Ein jeder von ihnen trug eine riesige Chimäre auf dem Rücken, so schwer wie ein Sack Mehl oder Kohle, oder wie die Rüstung eines römischen Fußsoldaten.
Aber das entsetzliche Ungeheuer war nicht eine träge Last; im Gegenteil, es umklammerte und presste den Menschen mit seinen elastischen und mächtigen Muskeln; es hängte sich mit den langen Krallen an seine Brust, und sein fabelhaftes Haupt überragte die Stirn des Menschen wie einer jener furchtbaren Helme, mit denen die alten Krieger den Schrecken des Feindes zu vermehren hofften.
Ich fragte einen dieser Menschen, wohin sie also gingen. Er antwortete mir, dass er dies nicht wisse, weder er noch die andern; dass sie aber offenbar irgendwohin gingen, da sie von einem unwiderstehlichen Drange getrieben würden.
Etwas Seltsames ist zu bemerken: keiner dieser Wanderer schien dem wilden Scheusal, das sich ihm an den Nacken hängte und ihm am Rücken klebte, zu zürnen; es schien, dass er es als einen Teil seiner selbst ansah. Alle die müden und ernsten Gesichter zeugten von keinerlei Verzweiflung; unter der blendenden Himmelskuppel, die Füße in dem Staub der Erde begrabend, die ebenso trostlos wie der Himmel war, wanderten sie mit dem ergebenen Ausdruck jener dahin, die immer zu hoffen verurteilt sind.
Und der Zug schritt an mir vorüber und tauchte in die Atmosphäre des Horizontes, dort wo die gewölbte Oberfläche des Planeten sich der Neugierde des menschlichen Blickes entzieht.
Und einige Augenblicke lang wollte ich entschieden dies Geheimnis verstehen; aber bald überfiel mich die unwiderstehliche Gleichgültigkeit, die mich noch tiefer beugte, als selbst jene es waren, die von ihrer Chimäre erdrückt wurden.

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Der Autor | Charles-Pierre Baudelaire (* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda) war ein französischer Schriftsteller. Er gilt heute als einer der bedeutendsten französischen Lyriker und als wichtiger Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa. Für die direkten Zeitgenossen, das heißt, für die nicht allzu vielen Leser, die seinen Namen kannten, war Baudelaire vor allem ein kompetenter Verfasser von Berichten über Kunstausstellungen, ein guter Literaturkritiker, ein fleißiger Übersetzer Poes sowie ein Wagner-Enthusiast und -Promotor. Doch schon der nachfolgenden Lyriker-Generation, den Symbolisten (z. B. Verlaine, Mallarmé oder Rimbaud), galt er als epochemachendes Vorbild. Diese Anerkennung hat Baudelaire selbst nicht mehr erlebt.
Seit längerem ist Baudelaire in Anthologien und Schullesebüchern der am besten vertretene französische Lyriker. Auch in andere Länder wirkte seine Dichtung hinüber. In Deutschland beeinflusste sie unter anderem Stefan George, von dem die erste deutsche Übertragung der Fleurs du Mal stammt.

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Der Künstler | Edward Okuń (* 1872 in Wólka Zerzeńska bei Warschau; † 1945 in Skierniewice) war ein polnischer Maler des Jugendstils, Mitglied von verschiedenen Freimaurerlogen.
Er entstammte einer Adelsfamilie, wurde früh Vollwaise. Er wurde von den Großeltern erzogen.
Edward Okuń blieb dem Jugendstil sein ganzes Leben treu. Er beschäftigte sich mit der Malerei, Buchgrafik, schuf auch Fresken auf der Fassade seines Wohnhauses auf dem Warschauer Altstadtmarkt. Er entwarf Umschläge für die Münchener Zeitschrift „Jugend“ und für die Warschauer „Chimera“.

 

Geplante Reiseroute START: dieser kleine Ort in der Elbtalaue ⇒ …..
 Altstadtmarkt | Warschau • urban sketching: die Fresken auf der Fassade des Wohnhauses Edward Okuńs
 Der Platz Chimaira bei Olympos im kleinasischen Lykien • Dort lebte die Chimaira aus der griechischen Mythologieeine Fackel mit dem „ewigen Feuer der feuerspeienden Chimaira“ entzünden und bei Nacht unter freiem Himmel aus Hesiods Theogonie lesen. [Das obere Feuerfeld erklimmen.] ⇒…..

Kunst | Berg Helikon mit Apollo, Pallas Athene, den Musen und Pegasus

Berg Helikon mit Apollo, Pallas Athene, den Musen und Pegasus. Zwischen 1400 bis 1415. Bibliothèque Nationale, Paris. Ms franc. 871, fol. 116 v.

Als Töchter des Zeus und der Memnosyne wurden die Musen auf dem Olymp geboren, wo sie auch wohnen. Doch werden neben dem Olymp noch andere Stätten genannt, wo sich die Musen aufhalten: vor allem der Berg Helikon in Böotien und der Parnass bei Delphi. Die Liebe zu den Bergen und den Quellen teilen die Musen mit den Nymphen, denen sie verwandt sind. So floss auf dem Parnass der Kastalische Quell, dessen Wasser zur Dichtung und Weissagung inspirierte. Auf dem Berg Helikon entsprang die Quelle Hyppokrene unter dem Hufschlag des Musenrosses Pegasus; dort befand sich auch ein Heiligtum, dessen Statuen Konstantin nach Byzanz überführte, wo sie 404 n.Chr. ein Opfer der Flammen wurden.

Gustav Schwab | Nausikaa | Griechische Mythologie

Nausikaa

Während Odysseus von Anstrengung und Schlaf überwältigt im Walde lag, war seine Beschützerin Athene liebreich für ihn bedacht. Sie eilte in das Gebiet der Phaiaken, auf dem er angekommen war, welche die Insel Scheria bewohnten und hier eine wohlgebaute Stadt gegründet hatten. Dort herrschte ein weiser König, mit Namen Alkinoos, und in seinen Palast begab sich die Göttin. Sie suchte hier das Schlafgemach Nausikaas auf, der jungfräulichen Tochter des Königs, die an Schönheit und Anmut einer Unsterblichen ähnlich war. Diese schlief, von zwei Mägden, die ihre Bettstellen an der Pforte hatten, bewacht, in einer hohen, lichten Kammer. Athene nahte sich dem Lager der Jungfrau leise wie ein Lüftchen, trat ihr zu Häupten, und in eine Gespielin verwandelt, sprach sie zu ihr im Traume: „Ei, du träges Mädchen, wie wird doch die Mutter schelten! Hast du auch gar nicht für deine schönen Gewänder gesorgt, die ungewaschen im Schranke liegen! Wenn nun einmal deine Vermählung herankommt und du etwas Schönes für dich selbst brauchst und für die Jünglinge, die deine Brautführer sein werden! Wie soll es dann werden? Schmucke Kleider empfehlen jedermann, und auch deine lieben Eltern haben an nichts eine größere Freude! Auf, erhebe dich mit der Morgenröte, sie zu waschen; ich will dich begleiten und dir helfen, damit du geschwinder fertig wirst. Du bleibst doch nicht lange mehr unvermählt, werben doch schon lange die Edelsten unter dem Volke um die schöne Königstochter!“

Der Traum verließ das Mädchen; eilig erhob sie sich vom Lager und suchte die Eltern in ihrer Kammer auf. Diese waren bereits aufgestanden; die Mutter saß am Herde mit Dienerinnen und spann purpurne Seide, der König aber begegnete ihr unter der Pforte; er hatte schon einen Rat der angesehensten Phaiaken bestellt und wollte sich eben in denselben verfügen. Da faßte ihn die ihm entgegenkommende Tochter bei der Hand und sprach schmeichelnd: „Väterchen, willst du mir nicht einen Lastwagen anspannen lassen, damit ich meine kostbaren Gewänder zur Wäsche nach dem Flusse führen kann. Sie liegen mir so schmutzig umher. Auch dir ziemt es, in reinen Kleidern im Rate dazusitzen! So wollen auch deine fünf Söhne, von welchen drei noch unvermählt sind, beständig in frisch gewaschener Kleidung umhergehen und fein schmuck beim Reigentanz erscheinen. Und am Ende liegt doch, alles auf mir!“

So sprach die Jungfrau; daß sie aber an die eigene Vermählung dabei denke, das mochte sie sich und dem Vater nicht gestehen. Dieser aber merkte es doch und sprach: „Geh, mein Kind, ein geräumiger Korbwagen und Maultiere sollen dir nicht versagt sein; befiehl den Knechten nur anzuspannen!“ Nun trug die Jungfrau die feinen Gewänder aus der Kammer und belud den Wagen; die Mutter fügte Wein in einem Schlauche, Brot und Gemüse hinzu, und als sich Nausikaainden Wagensitz geschwungen, gab sie ihr noch die Ölflasche mit, sich zugleich mit den dienenden Jungfrauen zu baden und zu salben. Die Jungfrau war eine geschickte Wagenlenkerin, sie ergriff selbst Zaum und Geißel und lenkte die Tiere mit den Dienerinnen dem anmutigen Ufer des Flusses zu. Hier lösten sie das Gespann, ließen die Maultiere im üppigen Grase weiden und trugen die Gewänder am Waschplatz in die geräumigen Behälter, die zu diesem Behufe gegraben waren. Dann wurde von den emsigen Mädchen die Wäsche mit den Füßen gestampft, gewaschen und gewalkt, und endlich wurden alle Kleider der Ordnung nach am Meeresufer ausgebreitet, wo reingespülte Kiesel eine Steinbank bildeten. Alsdann erfrischten sich die Mädchen selbst im Bade, und nachdem sie sich mit duftigem Öl gesalbt, verzehrten sie das mitgebrachte Mahl fröhlich am grünen Ufer und harrten, bis ihre Wäsche an den Sonnenstrahlen getrocknet wäre.

Nach dem Frühstück belustigten sich die Jungfrauen mit Tanz und Ballspiel auf der Wiese, nachdem sie ihre Schleier und was von Kleidern sie hindern konnte abgelegt. Nausikaa selbst stimmte zuerst den Gesang dazu an, an hohem Haupt und edlem Angesicht vor allen den reizenden Mädchen hervorragend. Die Jungfrauen taten ihr alle nach, und ihre Fröhlichkeit war groß. Wie nun die Königstochter einmal den Ball nach einer Gespielin warf, da lenkte ihn die unsichtbar gegenwärtige Göttin Athene so, daß er in die Tiefe des Flußstrudels fallen mußte und das Mädchen verfehlte. Darüber kreischten die Spielenden alle auf, und Odysseus, dessen Lager in der Nähe unter den Olivenbäumen war, erwachte. Horchend richtete er sich auf und sprach zu sich selber: „In welcher Menschen Gebiet bin ich gekommen? Bin ich unter wilde Räuberhorden geraten? Doch deucht mir, ich hörte lustige Mädchenstimmen, wie von Berg- oder Quellnymphen! Da bin ich doch wohl in der Nähe von gesitteten Menschenkindern!“

So sprach er zu sich, und indem er mit der nervigen Rechten aus dem verwachsenen Gehölz einen dichtbelaubten Zweig abbrach und seine Blöße damit bedeckte, tauchte er aus dem Dickicht hervor, und von der Not gedrängt, erschien er wie ein Berglöwe unter den zarten Jungfrauen. Er war von dem Meeresschlamm noch ganz entstellt; die Mädchen meinten ein Seeungeheuer zu sehen und flüchteten sich, die einen da-, die anderen dorthin, auf die hohen waldigen Anhöhen des Gestades. Nur die Tochter des Alkinoos blieb stehen; Athene hatte ihr Mut ins Herz eingeflößt, und sie stand gegen den Fremdling gekehrt. Odysseus besann sich, ob er die Knie der Jungfrau umfassen oder aus ehrerbietiger Ferne sie anflehen sollte, ihm ein Kleid zu schenken und den Weg nach Menschenwohnungen zu zeigen. Er hielt das letztere für ziemlicher und rief ihr daher von weitem zu: „Seiest du eine Göttin oder eine Jungfrau, schutzflehend nahe ich mich dir! Bist du eine Göttin, so achte ich dich der Artemis gleich an Gestalt und Schönheit; bist du eine Sterbliche, so preise ich deine Eltern und deine Brüder selig! Das Herz muß ihnen im Leibe beben über deine Schönheit, wenn sie sehen, wie solch ein herrlich Geschöpf zum Reigentanz einherschreitet. Und wie hochbeglückt ist der, der dich als Braut nach Hause führt! Mich aber sieh du gnädig an, denn ich bin in unaussprechlichen Jammer gestürzt. Gestern sind es zwanzig Tage, daß ich
von der Insel Ogygia abgefahren bin; vom Sturm ergriffen, wurde ich auf dem Meere umgeworfen und endlich als Schiffbrüchiger an die Küste geschleudert, die ich nicht kenne, wo mich niemand kennt! Erbarme dich mein; gib mir eine Bedeckung für meinen Leib, zeige mir die Stadt, wo du wohnest. Mögen dir die Götter dafür geben, was dein Herz begehrt, einen Gatten, ein Haus und Frieden und Eintracht dazu!“

Nausikaa erwiderte auf diese Anrede: „Fremdling, du scheinst mir kein schlechter und kein törichter Mann zu sein. Da du dich an mich und mein Land gewendet hast, soll es dir weder an Kleidung noch an sonst etwas mangeln, was der Schutzflehende erwarten kann. Ich will dir auch die Stadt zeigen und den Namen unseres Volkes sagen. Phaiaken sind es, die diese Felder und dieses Reich bewohnen; ich selbst bin die Tochter des hohen Königs Alkinoos.“ So sprach sie und rief die dienenden Mädchen, indem sie ihnen Mut einflößte und wegen des Fremdlings sie zu beruhigen suchte. Die Mägde aber standen und ermahnten eine die andere, hinzuzutreten. Endlich gehorchten sie der Fürstin, und, nachdem sich Odysseus an einem versteckten Orte gebadet, legten sie ihm Mantel und Leibrock, die sie aus den Gewändern hervorsuchten, zur Bedeckung in das Gebüsch. Als der Held sich den Schmutz vom Leibe gewaschen und sich gesalbt hatte, zog er die Kleider an, die ihm die Fürstentochter geschenkt hatte und die ihm wohl zu Leibe saßen. Dazu machte seine Beschützerin Athene, daß er schöner und völliger von Gestalt anzuschauen war; von dem Scheitel goß sie ihm schön geringeltes Haar, und Haupt und Schultern glänzten von Anmut. So in Schönheit strahlend, trat er aus dem Ufergebüsch und setzte sich seitwärts von den Jungfrauen.

Nausikaa betrachtete die herrliche Gestalt mit Staunen und begann zu ihren Begleiterinnen: „Diesen Mann verfolgen gewiß nicht alle Götter. Einer von ihnen muß mit ihm sein und hat ihn jetzt in das Land der Phaiaken gebracht. Wie unansehnlich erschien er anfangs, als wir ihn zuerst erblickten, und jetzt wahrhaftig gleicht er den Bewohnern des Himmels selbst! Wohnte doch ein solcher Mann unter unserem Volke und wäre ein solcher mir zum Gemahl vom Geschick erkoren! Aber auf, ihr Mädchen, stärket mir den Fremdling auch mit Trank und Speise!“ Dies geschah, Odysseus aß und trank und labte sich an der lang entbehrten Nahrung.

Hierauf wurde der Wagen mit den gewaschenen und getrockneten Gewändern wieder bedeckt, die Maultiere vorgespannt, und Nausikaa nahm auf dem Wagensitz ihren Platz ein. Den Fremdling aber hieß sie zu Fuße mit den Dienerinnen hinter dem Wagen folgen. „Dies tue“, sprach sie freundlich zu ihm, „so lange es durch Wiesen und Äcker geht; bald aber wirst du die Stadt gewahr werden; eine hohe Mauer umschließt sie, ihre beiden Seiten – denn sie liegt ganz am Meere – schließt ein trefflicher Hafen mit schmalem Zugange ein. Dort ist auch der Marktplatz und ein herrlicher Tempel des Meeresgottes Poseidon, wo Seile, Segeltücher, Ruder und andere Schiffsgeräte bereitet und verkauft werden. Denn mit Köcher und Bogen machen sich unsere Phaiaken nicht viel zu schaffen, aber tüchtige Seeleute, das sind sie! Wenn wir nun in der Nähe der Stadt sind, dann, guter Fremdling, vermeide ich gern das lose Geschwätz der Leute, denn dieses Volk ist übermütig; da könnte wohl ein Bauer, der uns begegnet, sagen: ‚Was folgt doch der Nausikaa für ein schöner, großer Fremdling? Wo fand sie doch den auf? Er wird sicherlich ihr Gemahl!‘ Das wäre mir ein herber Schimpf. Gefiele es mir doch an einer Freundin nicht, wenn sie sich, ohne Wissen der Eltern, zu einem Fremden gesellte, vor der öffentlichen Vermählung! Darum, wenn du an ein Pappelgehölz kommst, das der Athene heilig ist und aus dem ein Quell entspringt, der sich durch die Wiese schlängelt, kaum einen Heroldsruf von der Stadt entfernt, dort verweile ein wenig; nur so lange, bis du annehmen kannst, daß wir in der Stadt angekommen sind; dann folge uns nach, du wirst den herrlichen Palast meines Vaters leicht aus den anderen Häusern herauskennen. Dort umfasse die Knie meiner Mutter; denn wenn sie dir wohl will, so darfst du sicher sein, deiner Väter Heimat wieder zu schauen!“

So sprach Nausikaa und fuhr auf dem Wagen davon, doch langsam, daß die Mägde und Odysseus folgen konnten. Am Hain Athenes blieb dann der Held zurück und betete flehend zu Athene, seiner Beschirmerin. Sie hörte ihn auch, nur fürchtete sie die Nähe ihres Bruders Poseidon und erschien ihm deswegen nicht öffentlich in dem fremden Lande.

Beitragsbild: Pieter Lastman |  Odysseus und Nausikaa | Ölbildnis, 1619 | Alte Pinakothek, München

Textquelle: Sagen des klassischen Altertums >> Gustav Schwab | Dritter Teil

Erzählung | Friedrich Glauser | Nausikaa

Nausikaa

Frederick Leighton - Nausicaa | 1878
Frederick Leighton – Nausicaa | 1878

Wenden Sie bitte das Gesicht ein wenig von mir weg … so … jetzt ist es besser. Ihr Profil ist ein wenig hart, wie überhaupt Ihr Gesicht zwei verschiedene Ausdrücke hat … Und diese Zweiheit ist das Interessante an Ihnen … Nein, durchaus nicht, ich sage das nicht jedem Kunden, ich meine es wirklich ehrlich … Sie glauben mir nicht? … Ich weiss, ich weiss, Sie meinen, es sei eine erniedrigende Beschäftigung, sich den Kunden dieses Lokals allabendlich aufzudrängen und sie inständig zu bitten, sich abzeichnen zu lassen, der Lohn ist gering, und wenn Sie finden, dass meine Zeichnungen auch künstlerisch nichts taugen, so kann ich Ihnen nur Recht geben … Aber was wollen Sie, man muss leben, ich bekomme keine Arbeitskarte hier in Frankreich, ich muss sehen, wie ich mich durchschlagen kann … Und einen Vorteil hat ja diese Beschäftigung, ich habe die Nacht für mich, und am Tage kann ich schlafen; so vermeide ich es, gewisse Blicke zu sehen, Blicke … Ich bin nämlich verheiratet …
Wenn Sie tanzen wollen, mein Herr, bitte … Lassen Sie sich nicht abhalten, ich kann die Zeichnung auch später beenden. Und wenn ich Sie ein wenig beobachten kann, während Sie sich bewegen, so wird es dem Ausdruck, den ich Ihrer Physiognomie zu geben gedenke, nichts schaden. Es hängt doch alles zusammen. Der Gang und das rhythmische Schreiten übers Parkett, wenn Sie eine Frau im Arm halten – es sind gute Mädchen hier, geben Sie der Erwählten ein kleines Trinkgeld, und Sie werden mit Erstaunen feststellen, dass Sie plötzlich wunderbar tanzen können, auch wenn Sie in Ihrem Heimatland bei Hausbällen nie fähig gewesen sind, einen Tango zu tanzen. Es sind gute Mädchen, ich kann sie Ihnen warm empfehlen, sie werden Sie nicht ausplündern, im Gegenteil. Und wenn Sie sich ein wenig am Tanze erfreut haben, haben Sie vielleicht Zeit … Gegen drei Uhr leert sich das Lokal, und dann können wir plaudern … Ich plaudere gern … Der Patron des Lokals ist mir wohlgeneigt, und wir können dann einige Flaschen Vouvray trinken, und ich erzähle Ihnen … Lieben Sie Monologe? … Ich erzähle übrigens interessant, ohne mich rühmen zu wollen … Ich will Ihnen dann die Geschichte Nausikaas erzählen, Nausikaas, der Tochter des Phäakenkönigs, aber der Schluss wird anders sein als beim alten Homer … Mein Odysseus hatte keine Penelope daheim, die auf ihn wartete, und darum hat meine Geschichte auch eine andere »moralite«. Geschichten sind wie Fabeln, sie müssen einen belehrenden Schluss haben, finden Sie nicht? … Aber ich schwatze und schwatze, gehen Sie jetzt tanzen. Darf ich Ihnen Fräulein Berthe vorstellen? Berthe, du darfst dann mit uns eine Flasche Wein trinken, der Herr lädt dich ein. Tanze recht gut mit ihm, mein Kind, während ich an meiner Zeichnung herumstrichle und mir, mit Ihrer Erlaubnis, mein Herr, einen Cognac mit Selterswasser zu Gemüte führe. Mein Gemüt braucht derartige Stärkungen, es ist ein wenig abgestumpft und dennoch so zart, dass es leicht, sehr leicht umkippt, und dann gibt es Tränen … Das wollen wir verhüten …
Sie sehen, meine Prophezeiung war richtig. Die Musik packt ihre Instrumente zusammen, der Chasseur bringt den letzten Pärchen ihre Garderobe, manchmal, wenn die Tür sich öffnet, hören Sie das Surren eines Anlassers, müde, wie das Summen einer Hummel im Herbst … Wollen wir Wein trinken? Er ist nicht teuer … Ich will Ihnen gestehen, dass ich zehn Prozent vom Preis der Flasche bekomme, ich werde sie redlich mit Fräulein Berthe teilen; denn Berthe braucht Geld. Sie hat eine kranke Schwester daheim – früher war sie … Aber das interessiert Sie wohl nicht… Setz dich neben den Herrn, mein Kind, er wird nichts dagegen haben. Gib ihm die Geduld, die er nötig haben wird, um mir zuzuhören, und wenn du müde bist, mein Kind, leg deinen Kopf an seine Schulter, er wird nichts dagegen haben … Und er wird es auch nicht seiner Frau erzählen … Frauen brauchen nicht alles zu wissen … Übrigens, hier ist Ihr Bild. Gefällt es Ihnen? Ein wenig merkwürdig vielleicht, aber das schadet nichts. Ich kann Ihnen ein Geschäft empfehlen, dort werden Sie einen passenden Rahmen finden. Nein, haben Sie keine Angst, dort bekomme ich keine Prozente … Ein Freund von mir führt dieses Rahmengeschäft …
Nun will ich beginnen. Sie haben auch das Gymnasium besucht? Ja? … Desto besser. Ich bin in Genf in die Schule gegangen … Wir hatten einen Lehrer, sein Bart war lang und grau, er gab uns pedantische Noten und trug sie mit kleinen Ziffern in ein Büchlein ein, manche mit roter Tinte, manche mit schwarzer … »Gunumai se anassa« … »Ich knie vor dir, o Jungfrau …« Anassa! Ist das Wort nicht schön? Die drei »A«, sie klingen so weiss … Können Sie sich die Szene vorstellen? Odysseus, mit Schlamm bedeckt, nackt, sicher war sein Gesicht voll Schrammen und sein Bart verklebt und verwildert … Im Schilf hat er sich versteckt, als er den Gesang der Mädchen hörte, die zum kleinen Bach herniederstiegen, um Wäsche zu waschen. Und die Jüngste, sehr schlank war sie, und sicher trug sie einen weissen Chiton, an ein kleines, schmales Segelboot musste sie erinnern, Nausikaa, Anassa – die Jungfrau. Er hatte sie erkannt, sogleich, der göttliche Dulder Odysseus … Ja, wissen Sie, damals waren die Dulder noch göttlich. Es gab nicht viele, die das weinrote Meer befuhren und Schiffbruch erlitten, und darum …
Gewiss, auch ich trage einen Bart, einen kurzen schwarzen Bart, gelockt, und ich finde, er steht mir gut … Sie müssen mir meine Eitelkeit zugute halten … Ich besitze nur wenig, und auf etwas muss der Mensch doch stolz sein dürfen, ich bin stolz auf meinen kurzen, gelockten Bart. Gefällt er dir auch, Berthe, mein Kind? Trinken Sie, mein Herr, Sie sind heute zu Gast bei Odysseus, und Sie werden es erzählen dürfen in Ihrer Heimat, dass Sie ihn getroffen haben in einer Bar, angetan mit Smoking und Pumps, ihn, der einmal besungen worden ist in der Menschheit Jugend von einem blinden Sänger – aber der jetzt nicht einmal einen Reporter finden wird, der ihm einige Zeilen widmet in einer Tageszeitung …
Verlassen wir den pompösen Stil, er wird Sie ermüden … Ich habe nicht vor Troja gekämpft, ich bin nur vor Verdun verwundet worden. Sehr jung war ich damals. Kaum achtzehn Jahre. Aber ich war begeistert und habe mich anwerben lassen … Und dann habe ich mich nicht mehr zurechtgefunden. So liess ich mir von einem Freunde ein kleines Segelboot kaufen und beschloss, damit den Atlantik zu überqueren … Jawohl, ich war der erste, der diesen Gedanken hatte, Alain Gerbaut ist nur ein kleiner Nachahmer … Und an diesem, ich gestehe es, etwas verrückten Plan war jener Lehrer schuld, der mit uns den Homer gelesen hat, sein Bart war lang und grau – sicher hat er nie Sehnsucht gehabt nach dem weinfarbenen Meer … Der Atlantik ist nicht weinfarben, nicht einmal, wenn ihn die untergehende Sonne bescheint … Ich gebe zu, es war eine Verrücktheit, mich in einem einsamen Boot aufs Wasser hinauszuwagen, ich, der ich das Segeln auf dem Genfersee erlernt hatte. Gewiss, ein wenig hatte ich geübt, Proviant hatte ich mitgenommen für zwei Monate … Aber dann kam ein Sturm, er war schön, gewiss, er war sehr schön – aber ich wurde schwach, bekam Fieber … Ich will Ihnen nicht all meine Leiden aufzählen, ich war nach Süden abgetrieben worden, und halb bewusstlos wurde ich an eine Insel gespült. Graziosa hiess sie, wie ich später erfuhr, und sie gehört zu den Azoren. Dort traf ich Nausikaa zum ersten Male, aber ich war noch kein Odysseus … Ich war jung, sehr jung, obwohl ich älter aussah – der Bart war mir gewachsen auf meiner verrückten Reise. Ich wurde an Land gespült, mein kleines Segelboot ging in Brüche, ich lag im Sand und streckte sicher die Zunge heraus wie ein durstiger Hund. Durst hatte ich, das kann ich Ihnen restlos bestätigen, jawohl mein Herr, und der Durst war so stark, dass ich an nichts anderes denken konnte, als an Wasser und wieder Wasser …
Finden Sie diesen Vouvray nicht ausgezeichnet? Auf Ihr Wohl, mein Herr, auf dein Wohl Berthe, mein Kind … Und vergessen Sie nicht, mein Herr, dass ich zehn Prozent von jeder Flasche erhalte … Wir wollen noch eine bestellen. Es dauert noch zwei Stunden, bis die Putzfrau kommt, dann gehe ich am liebsten heim, jetzt steht der Nebel schon dick in den Strassen, ich werde das erste Métro nehmen und heimfahren und schlafen. Heimfahren zu Nausikaa, denn, um die Pointe vorwegzunehmen, später habe ich die zweite Nausikaa getroffen und sie geheiratet – eben, weil ich keine Penelope daheim hatte und keinen göttlichen Schweinehirten …
Graziosa hiess die Insel, und der mich fand, war ein kleiner Plantagenbesitzer. Er hatte Reben und Ananas, er exportierte brav und fleissig, er tyrannisierte die andern Bewohner der Insel – er hatte sich das Exportmonopol gesichert … Glauben Sie nicht auch, dass jener Vater der Nausikaa, der König der Phäaken, etwas Ähnliches gewesen ist? König? Was waren damals schon Könige? Grossbauern wahrscheinlich, schlau wie unsere Bauern … Und sie trieben Handel, verkauften ihre gemästeten Kälber, vielleicht exportierten sie Pferde und Wein nach Ithaka … Sie hatten Sklaven und Diener, sie hatten sicher auch Missernten, und ich bin überzeugt, es gab bei ihnen auch Krisenzeiten und eine soziale Frage … Aber Homer erzählt uns leider nichts davon …
Der Bauer, der mich fand, der ungekrönte König der Insel, hatte nur eine Tochter. Sie war sechzehn Jahre alt, trug lange schwarze Zöpfe, und dazu waren ihre Augen blau … Ich blieb auf der Insel zwei Monate, ich zeichnete Nausikaa, und Nausikaa liebte mich … Nein, das ist keine Eitelkeit. Zeigen Sie mir ein junges, naives Mädchen, das sich nicht in einen weitgereisten Mann verliebt … Viele sind nicht einmal so erpicht auf Tenöre, glauben Sie mir … Giganten der Landstrasse und des Meeres sind ihnen manchmal lieber … Mein Gott, eine alte Wahrheit! Junge Mädchen lieben die Liebe, und sie haben Sinn für Heldentum, auch wenn das Heldentum uns ein wenig abgeschmackt vorkommt. Schelten Sie sie darum nicht … Berthe, mein Kind, du bist müde, der Rauch brennt dir in den Augen, lass deine Lider darüber fallen und lehn den Kopf an die kräftige Schulter des Herrn, der uns diesen Abend schenkt … Aber bleib noch ein wenig bei uns. Ich brauche deine Gegenwart, und meine Worte klingen besser, wenn du auch flüchtig nur ihnen lauschest.
Ich hätte sie heiraten können, die kleine Nausikaa auf der Insel Graziosa, dann wäre ich der Nachfolger geworden des ungekrönten Königs, hätte das Exportmonopol geerbt … aber wahrscheinlich wäre ich schon lange vorher in der fruchtbaren Erde der Insel begraben worden. Am Ende der ersten Woche schon, kaum erholt, musste ich einige portugiesische Jünglinge verboxen, und ich war froh, dass ich oft die Schule geschwänzt hatte, um boxen zu lernen. Ich hatte einen guten Schlag mit der linken Hand – der ist mir oft zustatten gekommen. Aber diese Portugiesen kamen gleich mit dem Messer – das war ungemütlich. Mein rechter Unterarm war gewöhnlich verbunden. So war ich froh, dass ich mich einmal auf einem Schiff des Königs von Graziosa verstecken konnte, das nach Vigo fuhr. Nausikaa weinte nicht, als ich Abschied nahm. Übrigens, ich weiss gar nicht mehr, wie sie in Wirklichkeit hiess …
Trinken wir noch eine Flasche? Bleiben Sie ruhig sitzen, sonst stören Sie Berthe, das arme Kind. Wissen Sie, dass dieses kleine Mädchen sehr tapfer ist und dazu noch »honnete«, wie wir hier sagen? Unglaublich, aber wahr. Die Stammgäste haben sie lieb. Man kann sprechen mit ihr, sie ist klug, das Kind, und es gibt immer noch Männer, die solche Eigenschaften zu schätzen wissen. Wenn manchmal ein Mann, ein Betrunkener meistens, allzu zudringlich wird, flüchtet das Kind zu mir. Ich habe auch hier schon boxen müssen, der Patron war wütend, fast hätte er mir sein Lokal verboten, aber dann hat er es sein lassen. Ich bin so etwas wie eine Attraktion, eine bescheidene natürlich. Und manchmal kann ich Betrunkene sogar ohne Uppercut beruhigen … Das sind ganz wertvolle Kenntnisse, glauben Sie mir, in solch einer Umgebung …
Gunumai se anassa … Ich knie vor dir, o Jungfrau, seist göttlich du oder sterblich … Warum kann ich diese Hexameter nicht mehr vergessen? Neunundneunzig von Hundert lesen sie in der Griechischstunde, neunundneunzig vergessen sie, und beim Hundertsten klingen sie nach, ein Leben lang, bestimmen das Leben, biegen es ab. Mein Lehrer, sein Bart war lang und grau, nicht kurzgelockt wie der meinige, er trug kleine Ziffern in sein Büchlein ein, und mir gab er einmal eine sechs, das war die beste Note, weil ich die Stelle auswendig gelernt hatte, jene Stelle, die beginnt: Gunumai se anassa … Anassa! Wieviel schöner ist das Wort als unseres: Jungfrau! Vierge, Virgo, die Worte der anderen Sprachen, sie sind alle dumpf, sie haben nicht das Königliche, den weissschreitenden Gang wie das alte griechische »Anassa« …
Damals bin ich glücklich in Vigo angekommen. Den Magen hatte ich mir ein wenig verdorben … Zu viele Ananas, zuviel süsser Wein … Was wieder ein Beweis ist, dass sogenannte Delikatessen eigentlich verflucht langweilig und ungesund sind, so für den täglichen Gebrauch. Wie Ihnen auch dieser exzellente Vouvray verleiden würde, müssten Sie ihn jeden Tag zum Mittag- und Abendessen trinken … Wie Ihnen jede schöne Frau endgültig unerträglich wird, sobald Sie sie geheiratet haben … Eine Ehe … Wissen Sie, eine Ehe ist eine komplizierte Sache. Penelopen sind selten, aber Penelopen sind unersetzlich. Sie können stricken und nähen, sie können braten und einen Haushalt führen … Sicher war Penelope nicht schön, und wenn die Freier so zudringlich wurden, so war es wohl nur, weil sie die Frau des Odysseus für eine reiche Witwe hielten. Aber Penelope hatte ihren Mann gern, solche Frauen sind immer treu, von einer guten, warmen Treue, sie wissen zu schweigen, sie sind anspruchslos, sie wollen nicht immer Romantik und Heldentum, sie sind zufrieden mit wenigem, und vor allem, sie haben Sinn für Humor. Nausikaa, so sehr ich sie verehrt habe in meiner Phantasie, Nausikaa, mein Herr, ist Romantikerin. Und bekannt dürfte es sein, dass Romantiker weiblichen oder männlichen Geschlechts keinen Sinn für Humor haben. Sie wollen Steigerung, sie wollen das Absolute – mein Gott, das Absolute! Als ob es so etwas gäbe im menschlichen Leben! Ich habe Nausikaa geheiratet – und …
Nein, es ist keine Barphilosophie, die ich Ihnen hier auftische. Glauben Sie, ich hätte es einmal zustande gebracht, meine Frau zum Lachen zu bringen? Niemals. Und eine Frau, die nie lacht! … Sie hat damals gemeint, sie heirate ein Ideal, einen göttlichen Dulder, und ich bin nur ein einfacher Mensch, der durch den Krieg einen kleinen Knacks bekommen hat, eine gewisse Wandersucht … Ich bin ein harmloser Mensch, trotz all meinen scheinbar romantischen Erlebnissen … Ich konnte gut erzählen, und ich erzählte ihr mein Leben, so, wie sie es wünschte, dargestellt zu hören … Denn wir passen uns ja immer unwillkürlich unserem Zuhörer oder unserer Zuhörerin an. Und das ist ein Fehler, ein grosser Fehler …
Ich habe ihr vom Amazonenstrom erzählt und von einem Ameisenvolk, das alle Gesetze der Strategie kannte, besser als die Indianer – gegen die Indianer konnten wir uns wehren, aber die Ameisen haben uns gezwungen, den Rückmarsch anzutreten … Ich habe ihr erzählt von einem Flug über den Atlantik – natürlich misslang er, genau so wie meine Segelbootfahrt, ein anderer hat ihn dann ausgeführt – was wollen Sie, ich bin der Vorläufer, und Vorläufer sind die Sündenböcke der Erfolgreichen, sie nehmen das Pech auf sich, um es von den Erfolgreichen abzuwenden. Es gibt auf der Welt nur ein gewisses Quantum Pech, ist dieses verbraucht, so steht dem Erfolg nichts mehr im Wege. Zu bedauern sind die Pechvögel, aber sie sind notwendig. Gewöhnlich feiert man sie nach einigen hundert Jahren, aber was nützt es diesen armen Teufeln …
Vor diesem Flug über den Atlantik habe ich etliches unternommen, das dürfen Sie mir glauben. Ich kenne das Riff, ich kenne Borneo, ich habe versucht, die Wüste zu durchqueren, auf einem kleinen Auto, das ich selbst entworfen hatte – Citroen hat mir dann meine Erfindung gestohlen, und er ist mit einer Kolonne bis Timbuktu gekommen … Dann misslang mir der erste Flug, ich stürzte ins Wasser. Aber diesmal war keine Graziosa in der Nähe, ich war weit nach Norden abgetrieben worden, so nahm mich eine Fischerbarke auf. Wie ich das Geld aufgetrieben habe zu all diesen Unternehmungen? Ich weiss es heute selbst nicht mehr. Ich habe es immer gefunden. Freunde, die mir glaubten, Zeitungen, die Vertrauen hatten … So durfte ich den Flug zum zweiten Male wagen … Mit technischen Einzelheiten will ich Sie verschonen. Es kam wieder ein Sturm, der mich bedenklich an jenen Sturm erinnerte, der damals mein kleines Boot so schlecht behandelt und all mein Süsswasser ausgetrunken hatte … Ich fiel wieder ins Meer, und ich hatte Glück im Pech. Denn es war an einer Stelle, die auf der Route der grossen Luxusdampfer lag. Und solch ein »schwimmendes Hotel«, wie man diese Schiffe in der blumenreichen Sprache der Zeitungen nennt, fischte mich halbverhungert auf. Ich war natürlich ein Held und wurde als solcher behandelt. Wenn Sie wüssten, wie langweilig Heldenverehrung für die Helden selber ist! Ich bin ein einfacher Mensch, und ich trinke gern einen guten Tropfen Wein, ich esse mit Behagen Chateaubriand aux pommes oder Hommard á l’américaine, und wenn ich mein ganzes Leben lang versucht habe, verrückte Sachen auszuführen, so war es ganz sicher nicht um der Sensation oder des Heldentums willen, sondern einfach, weil ich keine andere Möglichkeit fand, mein Leben zu fristen. Ich fristete buchstäblich mein Leben, indem ich es aufs Spiel setzte. Und ich versichere Ihnen, dass fünfundneunzig Prozent – übrigens sehen Sie an meiner Vorliebe für Prozentrechnungen, dass ich eigentlich ein missratener Kaufmann bin –, dass fünfundneunzig Prozent aller sogenannten Helden, als da sind: Rennfahrer, Flugkünstler, Forschungsreisende, Rekordschinder – Menschen sind, die Angst vor der Arbeitslosigkeit haben – die restlichen fünf Prozent, die wirklichen Helden, die um des Ruhmes willen sich anstrengen – sind Idioten. Ich gebe zu, auch bei uns, den Arbeitsuchenden, sind Spuren dieser Renommiersucht vorhanden, dieser Romantik … Bei einem ist diese Sucht begründet in etwelchen Minderwertigkeitskomplexen, er will seinem Vater, der ihn verachtet hat, einmal zeigen, was er für ein Kerl ist, beim andern ist es etwas anderes … Bei mir war der alte Homer schuld, der alte Homer und jener Lehrer, dessen Bart lang und grau war und der mich mit »Gunumai se anassa« vergiftet hat …
Man träumt sich in eine Situation, man wünscht sich diese Situation herbei, mit allen Fasern, möchte ich sagen, wenn der Ausdruck nicht so verbraucht wäre. Aber er ist wirklich gut, insofern man ihn wörtlich nimmt: mit allen Fasern. Sie hören, ich schweife ab, nur um dem Zwang zu entfliehen, Ihnen meine traurige und groteske Geschichte zu erzählen. Traurig und grotesk ist sie nämlich, wie alles im Leben, und nur Dichter verstehen es, das Traurige und Groteske so zu komponieren, dass es schön wirkt und versöhnlich. Ich bin kein Dichter …
Ich wurde also als Held gefeiert auf jenem Schiff. Es war ein grosses deutsches Schiff, es gab viele Passagiere darauf, und ein reicher Herr zahlte meine Überfahrt. Ich erhielt eine Luxuskabine … Aber nicht das wollte ich Ihnen erzählen. Als ich aufgefischt wurde (ein Matrose war ins Wasser gesprungen, um einen Strick um mich zu schlingen, ich war so schwach, dass ich mich nicht hätte halten können – denken Sie, zwei Tage in einem Rettungsring, und das viele Salzwasser, das ich geschluckt hatte …), als ich endlich an Bord gezogen wurde, sah ich wohl nicht viel anders aus als der göttliche Dulder Odysseus. Ich war fast nackt, meine Unterhosen waren zerfetzt, mein Hemd hatte keine Ärmel mehr, ich hatte das Bewusstsein verloren … Als ich die Augen aufschlug, lag ich auf den harten Planken des Decks, und ein Matrose schien meine Arme für Brunnenschwengel zu halten. Er pumpte ununterbrochen. Es war heller Tag, eine ganz freundliche Sonne schien mir in die Augen, ich schloss sie halb, weil das Licht mich blendete. Da hörte ich Schritte, die näherkamen. Ganz deutlich das Klappern hoher Stöckelschuhe. Und als ich die Augen aufmachte, den Kopf zur Seite wandte, der Richtung zu, aus der die Schritte kamen – sah ich Nausikaa … Sie trug ein kurzes weisses Kleid, einen Chiton, ihr Haar war blond und bedeckte gerade den Nacken, ihre Beine waren sehr gerade, sie trug keine Strümpfe, nur weisse Stöckelschuhe … Diese Schuhe störten mich – Nausikaa hat sicher Sandalen getragen. Aber dies war auch das einzig Störende … »Gunumai se anassa« flüsterte ich, und ich war wieder ein Gymnasiast und ein Romantiker. Denn Romantik ist eine Pubertätserscheinung, und es gibt Menschen, die ihr Leben lang nicht aus der Pubertät herauskommen … Ich hatte gedacht, ich sei von dieser Kinderkrankheit endgültig kuriert, nach dem Erlebnis auf Graziosa … Aber wer von uns wird jemals vollständig immun sein gegen gewisse Krankheiten?
Sie hiess Dora, und schon der Name hätte mich stutzig machen sollen. Sie pflegte mich, wie sicher Nausikaa den göttlichen Dulder gepflegt hatte. Und sie hielt mich für einen Heros, für einen Übermenschen, für einen Mann, auf alle Fälle, der Übermenschliches geleistet hatte. Und ich hatte den Flug doch nur gewagt (um ganz ehrlich zu sein), weil er mir alles in allem wohl eine halbe Million Dollar eingebracht hätte, und damit hätte ich meine Schulden zahlen können … Aber versuchen Sie einmal zu widerstehen, wenn eine Frau Sie anbeten will … Sie lassen es sich gefallen, sie zitieren Homer, plötzlich sind Sie in eine ganz literarische Situation verstrickt, und wenn eine Situation einmal literarisch wird, dann sind Sie rettungslos verloren … Die Literatur macht es sich so einfach. Da gibt es wenig tägliche Sorgen, und wenn einer Schulden hat, gewinnt er das grosse Los oder begeht Selbstmord – zwei schöne, endgültige Lösungen, nach denen der Roman schliessen kann …
Mein Roman läuft weiter, und es ist kein Roman mehr. Es ist alltägliche Wirklichkeit, und die ist schwerer zu formen. Jawohl …
Und doch, beachten Sie einmal, wie klug das Leben im Grunde ist. Es hat mich gewarnt, es hat mir gezeigt, wie kitzlig im Grunde diese ganze Nausikaa-Situation war (entschuldigen Sie den Ausdruck). Das Leben, es hatte mich einmal an die Insel Graziosa gespült, hatte mir deutlich gesagt: Hier hast du das Glück, das du ersehnst, hier hast du die kleine Königstochter und den Vater, der König ist. Und zugleich hatte es mir eine Lektion erteilt – das Leben. Messerstiche, Eifersucht der Bevölkerung, so als wolle es sagen: Es ist aussichtslos, das Ganze, sobald man nicht eine Penelope daheim hat, die jede Nausikaaverführung neutralisiert. Ich hätte mich nach einer Penelope umtun sollen, aber ich war immer gehetzt. Das ist wohl meine Entschuldigung, bleibt wohl meine Entschuldigung … Ein gescheiter Kerl war Odysseus. Er beugte vor. »Nur keine Sentimentalitäten!« sagte er, und schlau wie er war, pries er den am glücklichsten – makartatos exochon allon –, der durch die Gabe reicher Brautgeschenke Nausikaa in sein Haus werde führen können … Mit reichen Brautgeschenken … Nausikaa war schon reich, aber ihr Zukünftiger musste auch Geld haben. Und Odysseus war ein Schiffbrüchiger, der nicht einmal ein Hemd hatte … Das konnte nicht gut enden …
Auch ich war ein Schiffbrüchiger, auch ich hatte kein Hemd … und Dora war reich. »Es wird für uns beide langen«, sagte sie, »mein Vater hat Geld …« Er war nicht gerade reich, er war wohlhabend, ein Weinhändler aus der Provence, der in Paris ein kleines Vermögen erworben hatte und eine Schwedin geheiratet hatte – darum waren Doras Haare blond …
Ich bin von Nausikaa geheiratet worden … Das ist ein trauriges Los. Ich werde nie mehr eine Penelope finden. Sie werden es mir ersparen, Ihnen unsere Verlobungszeit zu schildern … Ich spielte meine Rolle gut, nur allzugut. Der Vater war dagegen, die Mutter war dafür … In New York haben wir uns trauen lassen … Der Vater bezahlte meine Schulden. Dann sollte ich noch einmal versuchen, den Ozean zu überqueren. Aber ich hatte genug und drückte mich. Das war die erste Enttäuschung für Dora-Nausikaa …. Wir kehrten nach Frankreich zurück. Der Vater verlor sein Geld in einem Schwindelunternehmen. Ich sollte Arbeit suchen …
Wissen Sie, solange man allein ist und einem Traum nachjagt, ist man fähig, etliche Verrücktheiten zu begehen – um Geld zu verdienen? Um Nausikaa zu finden? … Aber wenn Sie einmal mit Nausikaa verheiratet sind, ist der Traum zu Ende. Sie kann nicht einmal ein Beefsteak ordentlich braten! Und Nausikaa konnte Wäsche waschen. Ich gebe meine Smokinghemden in eine Wäscherei. Der alte König säuft, die alte Königin ist recht lieb zu mir, sie braut mir jeden Abend einen starken Kaffee, das kann sie … Und Nausikaa? Nausikaa verwelkt und liest Alexandre Dumas, Victor Hugo und Musset. Den Grafen von Monte Christo hat sie schon dreimal gelesen … Und Blicke wirft sie mir zu! Verstehen Sie jetzt, dass ich lieber in einer Bar sitze und Fremde abkonterfeie? So geht die Nacht herum … Am Tage schlafe ich. Man kann mir daheim nicht viel vorwerfen … Ich bringe Geld, nicht viel, es langt gerade … Und dann hab‘ ich ein paar gute Kameraden, Flieger, die manchmal hierherkommen, und kleine Freundinnen, in allen Ehren natürlich, wie Berthe zum Beispiel – ich bin kein Schürzenjäger … Man arrangiert sich sein kleines Leben, es ist nicht mehr heroisch, es ist still geworden … Die Menschen sind interessant, besonders wenn sie sich zeichnen lassen oder wenn man beobachten kann, welche Mühe sie sich geben, lustig zu sein, wenn sie sich einmal vorgenommen haben, sich zu amüsieren …
Berthe, mein Kind, wach auf. Dein Kopf war sicher den starken Schultern des Herrn ein leichtes Gewicht. Aber nun will er heim … Ich werde dich bis zum Métro begleiten, und wir fahren zusammen bis Denfert-Rochereau. Dort muss ich umsteigen, und du fährst weiter.
Und Ihnen, mein Herr, danke ich für das freundliche Zuhören. Hier ist Ihr Porträt, es kostet hundert Franken, was in der Währung Ihres Landes nur wenig macht. Und morgen werde ich die zehn Prozent beim Wirt einziehen, die zehn Prozent, die ich von unseren geleerten Flaschen zugute habe … Die Putzfrau erscheint. Louis, der Herr will zahlen, er ist ein nobler Herr, du wirst zufrieden sein, Louis …
Und dann, mein Herr, vergessen Sie nicht, Berthe ein kleines Geschenk zu machen. Sie hat bei uns ausgeharrt – ein Mädchen hat an Ihrer Schulter geschlafen, diese Augenblicke werden eine schöne Erinnerung für Sie sein, Sie werden an Paris nicht als an einen Ort des Lasters denken … Glauben Sie mir, die zarten Erinnerungen sind die schönsten …
Und Sie werden zurückkehren zu Ihrer Penelope. Denn dies sehe ich Ihnen an, Sie haben eine Penelope gefunden. Halten Sie sie fest, auch wenn Sie sie manchmal langweilig finden, auch wenn Sie sich sehnen nach Abwechslung, nach einer … Nausikaa. Seien Sie dankbar, mein Herr, dankbar dem Schicksal, dankbar dem Leben. Sie haben die Sicherheit – auch wenn es Ihnen einmal schlecht geht – Jemand wird Ihnen zur Seite sein, der mit Ihnen steht und fällt … Das ist viel, mein Herr, glauben Sie mir das, und dies ist die »moralité« meiner Geschichte …
Denn, mein Herr, ich bin Moralist. Ich kenne mich ein wenig aus in den Menschen. Sie traten so unternehmungslustig in dies Lokal. Sie wollten sich eine vergnügte Nacht leisten, mein Herr, einen kleinen Seitensprung. Die Frau wird es nie erfahren, dachten Sie. Penelope sitzt daheim und hütet Telemachos. Ich bin noch jung, dachten Sie, Abwechslung muss sein. Und Sie suchten mit den Augen nach einem hübschen Gesicht …
Nun, mein Herr, ich habe mich an Sie herangemacht. Ich habe Sie gezwungen, mir zu einem Porträt zu sitzen, ich habe Sie mit Berthe, dem Kinde, tanzen lassen, denn ich kenne Berthe, sie ist lieb und gut, sie kann reden, aber sie ist ungefährlich, wie jedes Mädchen, das daheim Kummer hat … Und dann habe ich Sie festgehalten, die ganze lange Nacht … Danke, Paul. Geben Sie Paul, dem Chasseur, auch ein Trinkgeld, er ist sechzehn Jahre alt und müde; siehst du, Paul, das ist ein nobler Herr, schlaf wohl, mein Junge … Sagte ich Ihnen nicht, dass der Nebel dicht sein wird in den Strassen … Wünschen Sie ein Taxi? … Hole dem Herrn ein Taxi, Paul … die ganze lange Nacht habe ich Sie festgehalten, mit meiner Erzählung von Nausikaa, und Sie haben gut zugehört … Und glauben Sie, ich hätte dies getan, um hundert Franken für meine schlechte Zeichnung herauszuschinden? Weit gefehlt, mein Herr. Ich habe es getan, um Ihrer Penelope einen kleinen Dienst zu erweisen … Sie sind kein Odysseus, Sie sind ein seriöser Herr, Sie sollen seriös bleiben … Es klingt reichlich moralisch, ich weiss es. Aber glauben Sie, Ihre Frau hätte nichts gemerkt? Penelopen haben den Fehler, klug zu sein. Sie hätte es erraten, sie hätte nichts gesagt, aber sie hätte gelitten, mit einem kleinen Lächeln in den Mundwinkeln … Sie sass den ganzen Abend neben Ihnen, haben Sie das nicht bemerkt? Ich habe sie gesehen, Ihre Penelope, sie hat grosse Augen, sie ist nicht schön, ihre Freundinnen behaupten, sie hätte Kuhaugen, und vergessen, dass Juno, die grosse Göttin, bei Homer immer die Kuhäugige heisst, was sicher ein Kompliment war … Hier kommt Ihr Taxi, mein Herr, steigen Sie ein. Ich will dem Chauffeur noch sagen … Hören Sie, Jean, überfordern Sie den Herrn nicht, er ist ein Freund von mir … Wissen Sie, ich kenne alle Chauffeure hier in der Gegend …
Und nun schlafen Sie wohl, mein Herr, gehen Sie morgen Ihren Geschäften nach, bringen Sie Penelope das Bild, das ich von Ihnen gezeichnet habe … Und grüssen Sie Madame sehr ehrfürchtig von einem, der auf Nausikaa hereingefallen ist …

Friedrich Charles Glauser (* 4. Februar 1896 in Wien; † 8. Dezember 1938 in Nervi bei Genua) war ein Schweizer Schriftsteller. Er gilt als einer der ersten deutschsprachigen Krimiautoren und wurde vor allem durch seine fünf Wachtmeister-Studer-Romane bekannt.

Nausikaa (Mythologie)

Nausikaa (griechisch Ναυσικάα) ist in der griechischen Mythologie die Tochter des phaiakischen Königs Alkinoos und dessen Frau Arete.
Gemäß der Odyssee von Homer bricht Nausikaa, im Traum durch Athene dazu ermuntert, morgens mit ihren Dienerinnen zum Strand von Scheria auf und wäscht dort mit ihren Dienerinnen am Fluss in der Nähe des Strandes Wäsche. Danach essen sie und beginnen ein Ballspiel. Durch das Kreischen der Mädchen, als der Ball weit wegfliegt, wird ein Schiffbrüchiger geweckt, der in einem nahe gelegenen Gebüsch schlief. Die anderen Mädchen fürchten sich vor ihm, Nausikaa jedoch hat keine Angst. Sie gibt ihm zu essen und Kleidung. Danach weist Nausikaa ihm den Weg zum väterlichen Hof, wo der Fremde sich während des Gastmahls als Odysseus zu erkennen gibt und über seine Irrfahrten berichtet. Dichterisch nutzt Homer diese Geschehnisse auch dazu, subtil die aufkeimende Liebe eines jungen Mädchens darzustellen. Odysseus entscheidet sich jedoch dagegen, Nausikaa zu heiraten und ein sorgenfreies Leben bei den Phaiaken zu genießen, sondern lässt sich von den Phaiaken in seine Heimat Ithaka bringen.
Später unternimmt Odysseus’ Sohn Telemachos gemäß einiger Überlieferungen (z. B. Hellanikos von Lesbos) eine Reise zu den Phaiaken und verliebt sich in Nausikaa. Beide haben einen Sohn, der in einigen Quellen als Persepolis, in anderen als Ptoliporthos geführt wird. | Quelle: wikipedia