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Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Schauspieler • Dichter • Sänger • Prosa-Schriftsteller

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Ein Porträt

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki (am 25.01.1938 in Moskau geboren, am 25.07.1980 in Moskau verstorben) war ein sowjetischer Schauspieler, Dichter, Sänger, Prosa-Schriftsteller und Gewinner des „UdSSR – Staatspreises“.

Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor. By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 - Foto: Igor Palmin - http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ - CC BY-SA 2.0
15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 – Foto: Igor Palmin – CC BY-SA 2.0 – http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/

Seine Mutter, Nina, hat die Moskauer Universität der Fremdsprachen absolviert und arbeitete als  Übersetzerin / Dolmetscherin der deutschen Sprache in der Auslandsabteilung der „Zentralen Gewerkschaften“, später war sie als Reiseleiterin bei „Intourist“ tätig. In den frühen Jahren des Krieges arbeitete sie im Büro der Transkription von der Hauptabteilung für Geodäsie und Kartographie des Innenministeriums der UdSSR.Sie schloss ihre Karriere schließlich als Leiterin des Büros für Technische Dokumentation ab.

Sein Vater, Semjen Wyssozki, war Veteran, Inhaber von mehr als 20 Auszeichnungen und Medaillen, Ehrenbürger der Städte Kladno und Prag.

Der Großvater väterlicherseits, nach dem er benannt wurde (Wladimir Semjonowitsch Wyssozki, geboren in Brest, später nach Kiew gezogen), wuchs in der Familie von Russischlehrern auf und bekam drei Universitätsabschlüsse. Er war Jurist, Betriebswirt und Chemiker.

Nach der Trennung der Eltern im Jahr 1947 zog Wyssozki zu seinem Vater und seiner zweiten Ehefrau Eugenia, die er sehr schätzte und sogar „Mutter“ nannte. 1949 lebte die Familie aufgrund vom Dienst des Vaters in Deutschland, Eberswalde, wo Wyssozki Klavier spielen lernte.

1949 kehrten sie nach Moskau zurück. Im Jahr 1953 fing Wyssozki an,  zu dichten. 1955 beendete er die Schule und begann daraufhin, in der Schauspielschule des Moskauer Kunsttheaters zu lernen, wo er seine erste Frau Isa Schukowa kennenlernte.

Bereits zu seiner Lehrzeit im Jahr 1959 fiel er durch sein Talent im theatralischen Schauspiel sowie einer Rolle in einem Kinofilm auf. 1960 absolvierte er die Schule und wurde gleichzeitig zum ersten Mal namentlich in einer Kulturzeitschrift erwähnt. Es erschienen seine ersten Lieder.

1961 führte er bereits ein Lied vor. In dieser Zeit lernte er seine zweite Frau Ljudmila Abramowa kennen. Er schrieb ebenfalls Lieder zu Filmen. Leider wurde die „Diebesthematik“ in der Schaffung des talentierten Dichters zu seinem Verhängnis.  Bereits 1968 entstand eine heftige Kritik in den Zeitungen  an seinen jungen Liedern, die ihn später sein Leben kosteten. Nichtsdestotrotz erschien im selben Jahr seine erste Platte mit den Liedern aus dem Film „Vertikal“.

Iris ‚Vladimir Vysotsky‘. From the collection of the Botanical Garden of Moscow State University (main area on the Sparrow Hills). – Foto: Andrey Korzun – CC BY-SA 3.0

Er arbeitete im Moskauer Dramen – Theater „Puschkin“, spielte in Märchen mit, später  in vielen weiteren Theaterstücken. Seine bekanntesten Rollen waren Shakespeares „Hamlet“, „Galilei“ im Stück „Das Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht und „der ehemalige Leibeigene“ sowie „Kaufmann Lopachin“ aus dem „Kirschgarten“ von Tchechov. Doch man erinnert sich an ihn vor allem als Sänger seiner eigenen Lieder, die er begleitend von der Gitarre vorführte. Wyssozki gab mehr als 1000 Konzerte und das nicht nur in der UdSSR, sondern auch im Ausland. Auch in Deutschland genießt er einen gewissen Bekanntheitsgrad. Das DKP veröffentlichte in den 1980ern und 1990ern einige LPs mit seinen Liedern.

Das große Talent half ihm jedoch nicht wegen seiner kritischen Einstellung zur sowjetischen  Macht, am Leben zu bleiben. So erging es vielen Anderen talentierten Menschen auch, die ihre Meinung laut äußerten. Wyssozki fiel  immer weiter in Ungnade des Regimes. Man versuchte ihn, heimlich aus dem Weg zu räumen.

Am 18. Juli 1980 fand sein letzter öffentlicher Auftritt in der Rolle von Hamlet statt.  Einige Tage später, am 25. Juni, starb der Dichter (man sagt an Herzleiden) in seiner Moskauer Wohnung.  Seinen Tod erwähnten die sowjetischen Medien nicht. Die Nachricht verbreitete sich unter der Bevölkerung jedoch schnell, am Tag seiner Beerdigung brach die größte, nicht staatlich verordnete Demonstration aus, die es in Moskau jemals gegeben hat.  Zu sehr wurde er geliebt und geschätzt. Begraben wurde im Kostüm von Hamlet.

Als öffentlichen Todesursache nannte man später zu viel Alkohol und das Rauchen, welche die Gesundheit des Dichters nach und nach überbeanspruchten.

Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.
Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.

In Vergessenheit wird Wyssozki nie geraten. Im Jahr 2010 belegte er nach einer Umfrage den zweiten Platz (nach Juri Alexejewitsch Gagarin)  in der Liste der Idole des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Name war 98% der russischen Bevölkerung bekannt. 70% der Russen hielten sein Schaffen für eine wichtige kulturelle Erscheinung des zwanzigsten Jahrhunderts.

Er war nicht nur ein Dichter, sondern ein fabelhafter Philosoph. Er schrieb Lieder über die einzig wahren menschlichen Qualitäten wie die Fähigkeit dazu, den wahren Freund zu erkennen, er schrieb und sang über das Lästern und die Liebe. Er kritisierte den Antisemitismus. Das Lied darüber, wie viele andere von ihm auch, enthält sehr viel Ironie, sodass man trotz der Melancholie, über die Parodie auf bestimmte Menschen nur lachen kann.

In seinem Lied und dem gleichnamigen Gedichtband „Ich mag nicht…“ öffnet Wyssozki seine Seele und zeigt, wie viele Arten der menschlichen Niederträchtigkeiten und damit charakterlichen Schwächen es gibt, die einem vielleicht gar nicht bewusst sind.

Gern möchte ich das oben erwähnte Lied  “Ich mag nicht…“ mit einer sehr gelungenen Übersetzung, wie ich finde, von Frank Viehweg vorstellen. Einige Passagen wurden von mir etwas verändert.

• • • •

Ich mag nicht…
Wladimir Semjonowitsch Wyssozki
(übersetzt von Frank Viehweg)

Ich mag nicht dieses schicksalhafte Ende. Noch immer fängt das Leben gerade erst an.
Ich mag auch keine Jahreszeitenwende, wenn ich hier keine Lieder singen kann.
Ich mag nicht diese kalten Sticheleien. Glaub keinem, der im Lobgesang zerfließt.
Ich mag nicht dieses Drängeln in den Reihen und wenn ein Fremder meine Briefe liest.
Ich mag nicht diese ewig halben Seiten und wenn man plötzlich nicht mit mir spricht.
Ich mag auch keine Hinterhältigkeit und gleichfalls keine Schläge ins Gesicht.
Ich hasse die Gerüchte und Gewehre, die Ordensgrade nur vom falschen Spaß.
Dass immer nur gegen das Fell gestrichen wäre und das Geräusch vom Eisen überm Glas.
Ich mag nicht dieses satte Wohlbehagen, schon besser, wenn die Bremse mal nicht greift.
Ach, Ehre ist ein Wort aus fernen Tagen, worauf die Lüge unverhohlen pfeift.
Wenn sich verrückte Ehren  – Flügel brechen, scheint mir das alles höchst lächerlich.
Ich mag Gewalt nicht und auch keine Schwächen. Nur Jesus am Kreuz bedaure ich.
Ich mag mich selbst in meiner Angst nicht leiden. Es kränkt mich, wenn ein Unrecht keinen juckt.
Wenn andere sich an meinen Schmerzen weiden und wenn mir jemand in die Seele spuckt.
Ich mag den Zirkus nicht und die Arenen, wo ein Idiot dir sonst etwas verspricht.
Das immer nur nach besseren Zukunft Sehnen. Das mag ich heute und bis ans Ende nicht.

Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas - CC-BY-SA 4.0 - http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg
Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas – CC-BY-SA 4.0 – http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg

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 Mehr Informationen finden Sie hier:

Webseite des Moskauer Wyssozki-Museums

Viele Lieder in deutscher Übersetzung zum Anhören

Deutsche Website mit sehr guten Übersetzungen und Audiodateien

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Randbemerkungen

Wyssozkis Sohn ist der Drehbuchautor Nikita Wyssozki (* 8. August 1964)

Literatur: Wladimir Wyssotzkij: Wolfsjagd. Gedichte und Lieder / russisch und deutsch. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main, 1998, ISBN 3-8015-0210-4 (herausgegeben und eingeleitet von Brigitte van Kann)

Ein Zitat: 
„Hamlet hasst Rache und Gemeinheit, aber er kommt davon nicht los, er macht alles, wie die Menschen, gegen die er kämpft, obwohl er glücklich wäre, es nicht zu tun. Er möchte nicht töten, aber er wird töten und weiß das. Er kann diesen Kreis nicht verlassen, kommt nicht los von den Gesetzen und Konventionen, die seine Umgebung anbietet. Deshalb ist er verzweifelt, deshalb verliert er den Verstand!“

– Wladimir Semjonowitsch Wyssozki: Über Hamlet, Programmheft des Hamlet im Burgtheater, Wien 2013

„Unsere Gehirne sind aus Watte“. – Zur Lage der UdSSR

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Die Filmdoku:
Regisseur Pjotr Buslow entwickelte mit dem Nikita Wyssozki eine Filmbiografie: Wyssozki – Danke, für mein Leben. Die Doku kam im Winter 2011 in die deutschen Kinos. Zu sehen ist der Film in voller Länge dort: https://www.youtube.com/watch?v=XPu1lcHgkiI

Maria Aronov | Eine göttliche Tragöde ¦ Über Gut und Böse

Eine göttliche Tragödie
Über Gut und Böse, Himmel und Hölle 

Oftmals stellt sich die Frage, wie das Leben nach dem Tod wohl aussähe. Wir sprechen dann von Orten wie der Hölle und dem Paradies; zudem haben sich bereits abertausende Schriften über die Vorstellung des Lebens im Jenseits ausgelassen.

Dante und Vergil

Auch Dante Alighieri (* Mai oder Juni 1265 in Florenz; † 14. September 1321 in Ravenna) beschäftigte sich in der „Göttlichen Komödie“, seinem theologisch-philosophischen Hauptwerk, mit der Frage nach dem Dasein im Jenseits. Sein Weltbild baute dabei auf dem geozentrischen Ptolemäischen System auf.

[Das geozentrische Weltbild ist eine historisch überaus bedeutsame Auffassung vom Aufbau des Weltalls, die von dem griechischen Philosophen CLAUDIUS PTOLEMÄUS (ca. 100 – ca. 170) begründet wurde. Es wurde angenommen, dass sich die Erde im Mittelpunkt des Weltalls befindet und alle Planeten sowie die Sonne sich auf kreisförmigen Bahnen um die Erde bewegen.
Mit diesem Weltbild konnten viele astronomische Erscheinungen erklärt werden. Ab dem 16. Jahrhundert wurde das geozentrische Weltbild allmählich vom heliozentrischen Weltbild abgelöst.]

An der Seite des römischen Dichters Vergil wandert Dante durch verschiedene Reiche des Jenseits. Ihre Wanderung beginnt zunächst in der Hölle (L´Inferno): der Gang des Menschen durch Sünde, Pein und Verzweiflung. Die Hölle ist unterteilt in Jenseitsbezirke,  die im Text  als  neun Kreise beschrieben werden. Je tiefer man gelangt, umso mehr verstärken sich die Qualen. Ängste und Verzweiflung wachsen, die Seele verliert ihre innere Ruhe. Der angsteinflößende Cerberus und das Unwetter erwarten sehnsüchtig die verdammten Seelen. Sie dursten regelrecht nach ihnen.

Nach dem Besuch des letzten Höllenkreises, wo sich auch Luzifer befindet, gelangt der Dichter schließlich – allerdings ohne seinen Begleiter Vergil – zum Fegefeuer. Dort reinigt sich Dante an der Seite büßender Seelen von seinen Sünden. Er trifft dort auf seine ehemalige Geliebte Beatrice, die ihn durch das nächste Reich, das Paradies, begleitet. Dabei offenbart sie ihm den Himmel: das Gefühl, Gott nahe sein zu können und dem damit verbundenen Glück.

Dante und Vergil treffen die Sodomiten in der Hölle (Manuskript-Illustration, etwa 1345)
Dante und Vergil treffen die Sodomiten in der Hölle (Manuskript-Illustration, etwa 1345)

Das Jenseits im mittelalterlichen Glauben

Geht man von dem christlichen Glauben im Mittelalter aus, ist die Struktur des Jenseits eindeutig gegliedert. Zwischen Hölle und Paradies liegt das Fegefeuer; Ein Ort, an dem reuenden Seelen Hoffnung auf eine weitere Existenz im Himmel schöpfen.

Im Fegefeuer verweilen die Seelen der milden Sünden: dort landen Geizhälse, die Neidischen und die Zornigen. Alle verbindet die durch Reue in Aussicht gestellte Existenz im Himmel.

Die Hölle ist somit der schlimmste Ort, an den man nach seinem Tod gelangen kann. Dante spricht, wie bereits oben erwähnt, von quälenden, die Seele durchbohrenden Ängsten und Verzweiflung. Im Inferno befindet sich neben Judas, dem Verräter auch Satan.

Sowohl in Dantes Weltbild, in seiner Interpretation des Jenseits als auch im dunklen Mittelalter:  Hierarchien waren ein fixer Wert.  „Das Leben danach“ wurde in Stufen unterteilt und es herrschen Stereotype wie „Gut“ und „Böse“.

Das „Gut und Böse“ seit Nietzsche

Der Begriff des Guten wird seit der Moderne neu interpretiert. Altertümliche Tugendlehren verloren mit der Zeit immer mehr an Bedeutung. Seit Nietzsche werden Fragen nach dem Guten kritisch unter die Lupe genommen. Für den Dichter und Philosoph war die Differenzierung zwischen Gut und Böse eine christliche Erfindung:

»Die hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille zum Alleinstehn, die große Vernunft schon werden als Gefahr empfunden; alles, was den einzelnen über die Herde hinaushebt und dem Nächsten Furcht macht, heißt von nun an böse; die billige, bescheidene, sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittelmaß der Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren.« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 201)

Wie bereits in meinem Essay über Meister und Margarita „Ein teuflisch guter Pakt“ erwähnt, bin ich der Überzeugung, dass  die Begriffe „Gut“ und „Böse“ relativ sind. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Die Abwesenheit der Hölle würde das Paradies sonst mit all seiner Schönheit entbehrlich machen.

Lukas Cranach d.Ä., Das Paradies, 1530, Wien
Lukas Cranach d.Ä., Das Paradies, 1530, Wien

Das  Paradies gilt als wundervoller, sorgloser Ort. Alles interpretiert jede(r) den Himmel anders – für den einen ist er bereits auf der Erde, für Anderen stellt die Hölle selbst den Himmel dar. Nehmen wir mal als Beispiel einen Melancholiker: Würde er sich in seiner seelischen Sehnsucht nach Trauer im Paradies, wie man es aus den Büchern kennt, glücklich fühlen? Vermutlich nicht.

Würde ein Philosoph oder Dichter nicht lieber die Hölle erkunden, durch die ewige Dunkelheit spazieren und seine Erkenntnisse der Welt kundtun?
Als ein Gefangener der ewigen Verdammnis erleidet man in der Unterwelt unerträgliche Qualen. Doch was soll das Ganze überhaupt? Ein Todesurteil ist das Leid an sich nicht, denn es gibt keine sterblichen Seelen. Und ewige Qualen könnten wir auch im Paradies erleiden, würde es nicht unserer inneren Welt, unserer Vorstellung entsprechen.

„All diese geistigen Beschränkungen will Nietzsche überwinden – und sie müssen überwunden werden. Aber die »hohe unabhängige Geistigkeit« ist ohne Abhängigkeit vom höchsten“ Unabhängigen (»Gott«) nicht möglich. Weil damals und schon seit langer Zeit die Buch- und Angst-Religionen einen Monopolanspruch auf Gott erhoben hatten, rannte Nietzsche auch gegen die Bastionen »Religion« und »Gott« an. – aus info.kopp – verlag.de

(M)ein Herz für die Unterwelt

Hätte ich die Wahl, ich nähme die Unterwelt. Voller Mut würde ich Hades und Cerberus begegnen, ich spazierte durch brennende Feuer, Gewitter und heißen Sand, redete mit gefangenen Seelen über ihre Qualen und beseitigte ihre größten Ängste. Ich erzählte ihnen, dass die Höllenqualen nichts als eine Art Gefühl der Selbstverschuldung wären, dass die Angst vor dem dreiköpfigen Hund unbegründet sei, da die Hölle kein Ort des Todes sei, sondern auch des ewigen Lebens. Seelen sind eine Quelle nie erlöschender Energie. Das, was uns eine große Furcht einjagt, sind wir selbst, unser Bewusstsein, unsere Gedanken und unsere unverarbeiteten Erfahrungen.

Luzifer quält die drei Verräter Judas, Brutus und Cassius. (Codex Altonensis, ex Bibliotheca Gymnasii Altonani, Hamburg)
Luzifer quält die drei Verräter Judas, Brutus und Cassius. (Codex Altonensis, ex Bibliotheca Gymnasii Altonani, Hamburg)

In der Hölle begegnete ich dem kleinen Prinzen, der in ihr auf der Suche nach sich selbst landete. Ich begegnete in ihren kalt ermordeten Poeten wie Jessenin, Lermontov und Puschkin. Auch sie gingen diesen Weg und sie hätten keinen anderen wählen wollen. Ja, die Hölle begegnet uns bereits auf der Erde und macht uns zu geistig höheren Wesen. Durch sie wachsen wir, streben nach oben und bleiben unvergessen.

Mit den Poeten redete ich dort über Ungerechtigkeit und der Suche nach der einzigen Wahrheit. Wir setzten uns um das brennende Feuer herum und genössen die Mystik der unaufhörlichen Blitze und des lauten Donners. Dies motivierte uns zum Philosophieren, zum Nachdenken über die Schwere und die gleichzeitige Leichtigkeit des Seins.

Zu uns, den Dichtern, käme Platon und erzählte uns vom Höhlengleichnis. Darin spricht er davon, dass das Licht der Erde die Höhlenbewohner blenden würde, denn sie wären nicht daran gewöhnt. Wie kann dann ein Philosoph, der in seinen Gedanken ständig durch die Dunkelheit wandert, zum Paradies hinaufsehen?

Wären sie meine Gesellschaft, würde ich die Hölle dem Himmel stets vorziehen.

Jede Existenz ohne Entwicklung des Geistes ist sinnlos, denn der Geist kann nur durch Herausforderungen wachsen. Auch im Leben durchlaufen wir verschiedene Stadien – gute und schlechte Phasen. Durch sie entwickeln wir uns, werden weiser. Würde stets „das Gute“ existieren, gäbe es keine Möglichkeit für die Philosophie und ihre Umsetzung. Das Sein verlöre seinen besonderen Charme und seine Anziehung.

Grafische Darstellung von Dantes Weltbild nach Paul Pochhammer - 1922
Grafische Darstellung von Dantes Weltbild nach Paul Pochhammer – 1922

Wer auf der Erde in der Hölle war, wird sie später nicht missen wollen.

Maria Aronov: Die Spiele des Bösen & Lermontovs Widmung an Puschkin

Die Spiele des Bösen &
Lermontovs Widmung an Puschkin

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Puschkins Leben blühte in seinen Werken und verwelkte durch die Einflüsse von außen. Nach der Begnadigung durch den Zaren Nikolaus I stand Puschkin trotzdem unter permanenter Überwachung der Geheimpolizei. Er wurde seiner Freiheit beraubt, da für ihn ab diesem Moment sehr viele Einschränkungen galten. Puschkins Freundschaft mit den Teilnehmern des Dekabristenaufstands machten den Hof und die Regierung sehr misstrauisch.

Seine Werke wurden durch den Zaren persönlich zensiert, seine Briefe geöffnet und seine Reisen mussten bewilligt werden. So gibt es viele Mutmaßungen, was Puschkins Tod angeht. Einige Theoretiker sehen in dem Duell Puschkins gesuchte Erlösung von dem qualvollen Leben. Die Anderen gehen davon aus, dass es sich bei dem Duell um eine Hofintrige handelte, bei der d’Anthès als Gehilfe benutzt wurde, um den Dichter als politischen Gegner loszuwerden.

Mikhail Lermontov
Mikhail Lermontov

Bereits wenige Tage nach Puschkins Tod beim Duell am 10. Februar 1837 (nach gregorianischem Kalender), widmete ihm Lermontov ein Gedicht, das er „Der Tod des Dichters“ nannte. Nach der Verbreitung seiner Handschriften wurde er zu einem Militärregiment in den Kaukasus verbannt.

Die bitteren Seiten der Hof- Gesellschaft kennend, erzählt Lermontov in seinem Gedicht, wie falsch und grausam unsere Welt ist. Dabei bezieht er sich vor allem auf die Hofgesellschaft, die nicht in den Schatten eines Poeten gestellt werden wollte. Nach und nach wurde die zarte und gerechte Seele Puschkins zerstört. Er wurde zum Opfer von grausamen Intrigen und Verleumdungen.

In Lermontovs Augen gibt es nur ein wahres Gericht, nämlich das des Gottes, denn nur Gott allein ist in der Lage, gerecht zu entscheiden. In unserer Welt ist dagegen alles lügnerisch, nichts ist so, wie es zu sein scheint. Aus den Zeilen des Gedichts wird auch sichtbar, dass Lermontov anti Monarchen war. Diese stellten nämlich eine Gefahr für die Freiheit und dem mit ihr unwiderruflich verbundenen Genie dar. Wie Geier warten sie auf das Aas, um auf den Thron zu fliegen, treiben heimtückische Machenschaften und erkaufen sich ein schönes Leben gar vor dem Gericht.

Puschkins Untergang schien unausweichlich. Auch wenn er aus dem Duell als Sieger hervorgegangen wäre, hätte man sich früher oder später seiner entledigt.

Für Lermontov bleibt jedoch der wahre Sieger des Duells der Poet. Schon in den ersten Zeilen des Gedichts schreibt er mit Stolz darüber, dass die Bösen und ihre Nachkommenschaft später sehen werden, wer der eigentliche Verlierer ist.

Handschrift Lermontovs zu einem Textentwurf.
Handschrift Lermontovs zu einem Textentwurf.

Hier einige Fragmente aus Lermontovs Widmung an Puschkin.

Der Tod des Dichters
von Michail Jurjewitsch Lermontov

Aus Rache, Fürst, aus Rache …

Sei gerecht und bestrafe den Mörder, damit seine Hinrichtung in den späten Jahrhunderten dein gerechtes Gericht und die Nachricht des Sieges den Nachkommen überbringt.

So können die Bösen in ihr ein Beispiel sehen.

Der Poet, der Sklave der Ehre, ist ums Leben gekommen. Er ist gefallen durch verleumderische Gerüchte. Mit Blei im Herzen, dem Durst nach Rache und dem sinkenden Haupt ist er zugrunde gegangen. Die Seele des Poeten hat die Schande der kleinlichen Vergehen nicht ertragen. Er trat alleine den Meinungen der Gesellschaft entgegen und ist auch alleine getötet worden.

Wozu jetzt das Heulen und des Lobs unnötiger Chor? Wozu noch das Geklapper der Rechtfertigung? Das Urteil des Schicksals hat sich erfüllt.

Ihr habt ihn und seine freie, tapfere Gabe gehetzt und habt zur Belustigung jedes erzählte Detail über ihn zu einer Flamme aufgeblasen.

Nun, erfreut euch! Er konnte die letzten Qualen nicht ertragen und das wunderbare Genie ist wie eine Lichtquelle erlischt. Verwelkt ist der feierliche Kranz. Sein Mörder hat den Todesschlag kaltblütig ausgeführt. Es gibt keine Rettung!

Lachend hat er der Erde fremde Sitten und Sprache verachtet. Er konnte unseren Ruhm nicht schonen. Er konnte in dem blutigen Augenblick nicht verstehen, wogegen er überhaupt die Hand erhob.

Wozu hat er seine Hand wertlosen Verleumdern gereicht? Warum hat er falschen Worten und Liebkosungen geglaubt? Er, der bereits in den jungen Jahren eine hervorragende Menschenkenntnis hatte.

Vergiftet sind seine letzten Augenblicke durch heimtückisches Flüstern der Unwissenden. Gestorben ist er mit vergeblichem Durst nach Rache und der Enttäuschung der heimlich betrogenen Hoffnungen.

Der Schall der wunderbaren Lieder wurde zum Schweigen gebracht. Nie wieder werden sie erklingen. Die Bequemlichkeit des Sängers ist düster und eng. Auf seinen Lippen ist ein Siegel. Und ihr, arrogante Nachkommen der durch Gemeinheiten bekannt gewordenen Väter, steht Schlange wartend auf den Thron, ihr seid nichts als Henker der Freiheit, des Rums und des Genies! Ihr beruft euch immer auf die Gesetze, doch vor euch schweigen das Gericht und die Wahrheit.

Aber eines habt ihr vergessen:

Es gibt noch das Gericht Gottes, das Ehrfurcht erregende Gericht. Gott kennt die Gedanken und die Taten schon im Voraus.

Ihr werdet es alle nicht schaffen, mit eurem schwarzen Blut das gerechte Blut des Poeten wegzuwischen.

Übersetzt von Maria Aronov

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Weitere Beiträge zu Mikhail Lermontov im Magazin.

Maria Aronov: Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

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Das Leben im herrschenden Osmanischen Reich unterschied sich in vielerlei Hinsicht von der Lebensart in Europa. Auch, wenn es nur den einen Gebieter gab, dem alle Untertan waren, existierte dennoch eine Frau, die als zweitmächtigste Person neben ihm stand. Die Königsmutter, Valide Sultan, war zu ihren Lebzeiten die höchste Herrscherin des Harems.

Hafsa (Hafize) Sultan
Hafsa (Hafize) Sultan

Die Mutter von Sultan Süleyman des Prächtigen war Hafsa (Hafize) Sultan. Sie war die Tochter von Krim Khan I Mengli Giray. Später heiratete sie Selim I (10. Oktober 1470 in Amasya; † 21. September 1520 bei Çorlu), einen rücksichtslosen, doch intelligenten Herrscher. Hafsa wurde zur mächtigsten Frau des Osmanischen Reichs. Durch ihre Weisheit und Liebe zum Sohn, gab sie ihm viele nützliche Ratschläge.

Die Zeit im Osmanischen Reich zwischen dem späten 16. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde aufgrund der indirekten Regentschaft der Frauen als Weiberherrschaft bezeichnet. Diesen Begriff führte der Historiker Ahmed Refik (1881–1937) ein und macht ihn für den Niedergang des Osmanischen Reichs verantwortlich. An erster Stelle stand bei den Frauen die Manipulierung der Sehzade, der männlichen Nachkommen des Sultans für die Umsetzung eigener Zwecke. Weitere Gründe dafür waren die Fortsetzung der Blutslinie durch eigene Kinder sowie eine höhere Position durch ihre Regentschaft.

Als erste mächtige politikinteressierte Haremsbewohnerin gilt Roxelane, später Hürrem (ca. 1506 – 1558), die nicht nur zur Favoritin, sondern auch zur Hauptfrau, Haseki, des Sultans wurde. Mit ihrer ausgesprochenen Intelligenz und ihrem Aussehen schaffte sie, den Sultan ihr gehörig zu machen. Er verfiel ihr voll und ganz, sodass es ihr gelang, neben Süleyman I das Osmanische Reich zu regieren. Letztlich brachte sie durch einen eiskalten Weg einen ihrer Söhne, Selim II, an die Macht, der in ihren Augen als einziger zum echten Nachfolger von Süleyman I werden konnte. Dabei schaltete sie nicht nur den ersten Thronfolger Mustafa, dem ältesten Sohn von Sultan Süleyman I mit Mahidevran, aus, sondern beseitigte gar zwei eigene Söhne. Insgesamt hatten Hürrem und Süleyman fünf Kinder. Am Leben blieben lediglich ihre Tochter Mihirmah sowie der kleinste Giangir, der aufgrund seiner Behinderung keinen Anspruch auf den Thron hatte.

Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)
Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)

Selim II wurde später wegen seiner Alkohol – Leidenschaft als der „Trunkene“ bezeichnet. Acht Jahre nach seiner Regenschaft soll er im betrunkenen Zustand im Bad auf dem Marmorboden ausgerutscht sein und sich den Schädel gebrochen haben.

Das Verhalten Süleymans und die Liebe zu Hürrem blieben dem Volk bis heute unerklärlich. Eine einmalige Geschichte, wie eine in den Harem gebrachte Sklavin es schaffte, an die Macht und die Regentschaft des Osmanischen Reichs zu kommen. Jeden Gegner räumte sie skrupellos aus dem Weg. Das Leben im Osmanischen Reich sowie das des Harems wurden durch sie nicht mehr das, was sie einmal unter der Herrschaft von Valide, der geliebten Mutter von Süleyman waren. Eine lange Zeit konnte der Sultan seine Valide nicht vergessen und widmete auch ihr neben vielen Gedichten und Briefen an Hürrem folgendes Abschiedsgedicht.

In Süleymans Gedichten, doch auch in vielen anderen der Osmanischen Poesie taucht oft das Motiv des Mondes auf, das in seiner Philosophie wohl auf die Zierlichkeit und Eleganz einer Person deutet. So vergleicht der Sultan nicht nur das Gesicht seiner Tochter mit dem Antlitz des Mondes, sondern auch das von Valide. Im Gedicht vergleicht er sogar ihr Sein mit dem Aufgang des Mondes.

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Du gehst nun, ganz ruhig ohne mich… Oh du Seele meiner Seele…

Du, die auch meinen Freunden die Seele gibt.

Geh bitte nicht in den Rosengarten, so ganz ohne mich. Ich will das nicht…

Ich will das nicht… Oh Himmel, bitte dreh dich nicht ohne mich.

Ich will das nicht… Oh Mond, geh ohne mich nicht auf…

Ich will das nicht… Oh Erde, sei nicht ohne mich.

Und du, Zeit, vergeh nicht ohne mich. Ich will das nicht…

Wenn du bei mir bist, ist diese Welt so wundervoll für mich.

Auch das Jenseits soll wunderbar sein. Ich will es aber nicht.

Bleib bitte nicht ohne mich in der anderen Welt und geh auch nicht hin. Ich will das nicht.

Ich will nicht, oh du Zaum, dass du das Pferd ohne mich geleitest.

Du Zunge, sprich nicht ohne mich. Ich will das nicht… Und auch ihr Augen, seht nicht ohne mich zu sehen.

Flieg nicht weg ohne mich, du Seele. Ich will das nicht.

Dein Licht erleuchtet mit dem Licht des Monds die Nacht.

Oh steige nicht in den Himmel ohne mich hinauf. Ich will das nicht…

(Übersetzt von Maria Aronov)

Die Poesie des Osmanischen Reichs  • Ibrahim Pascha • Der Kuss des Wassers an die Erde

Die Poesie des Osmanischen Reichs
– Der Kuss des Wassers an die Erde –

Foto: Emre Sevener
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Die Poesie der Osmanen war wohl eines der größten Reichtümer des Imperiums. Sie enthielt neben klaren Vorstellungen der Gefühlsausbrüche viele Weisheiten. Faszinierend sind die Metaphern, die das Leben und gar den Tod in ihrer ganzen Tiefe beschreiben und die Verhältnisse in der Natur mit der Existenz des Unsichtbaren, unserer Gefühle, vergleichen. Als Beispiel dessen möchte ich folgend eines der Gedichte des talentierten Pargali Ibrahim Paschas an seine geliebte Hatice Sultan vorstellen, dessen Leben und Herkunft dem unten aufgeführten Porträt zu entnehmen sind.

***

Hallo, geheimer Schatz, aufbewahrt in der Tiefe meiner Seele.

Eine Perle, sich auf dem Grund meines gebrochenen Herzens befindend, wie es sie kein zweites Mal gibt. Ein geheimer Flügel ohne den Flügel eines Vogels.

Hallo, meine Hoffnung und Stütze. Die Freude meiner Augen und meines Herzens. Der Sinn meines Lebens.

Hallo, Geliebte, hallo, meine Dame, meine Liebe. Die Liebe erzählend, wünsche ich mir, mich aufzulösen, mit dir in ein Ganzes zusammenzufließen. Mein Herz ist gebrochen. Meine Flügel sind gebrochen, doch ich fliege mit der grenzenlosen Weite des Meeres.

Ich sehe nichts und höre nichts. Nur eines weiß ich – mein Weg geht der Liebe entgegen. Ist es nicht die Liebe, die den Regen herbeiruft? Sie verwandelt das Wasser in eine Wolke und die Wolke ins Wasser, gibt der Erde etwas zu trinken und hilft dem Leben aus dem Samen zu sprießen. Ist das irrsinnige Leuchten nicht vereinigt? Ist das Leuchten der Erde und des Wassers nicht das Leuchten zweier Liebender?

Hallo, Geliebte, hallo, meine Dame, wie sehr ich Sie doch liebe und mich nach Ihnen sehne! Genauso liebt die Erde das Wasser und sehnt sich nach ihm. Sie erträgt nicht die Qualen der furchtbaren Hitze und durstet nach der leidenschaftlichen Vereinigung. Und wenn das Wasser verdunstet und zum Himmel emporsteigt, weiß es, dass die Zeit der Wiederkehr kommen wird. Es wartet ungeduldig. Es wird der Wind wehen und der Blitz funkeln. Es werden die Wolken weinen und das Wasser wird sich wieder mit seiner einzigen Geliebten vereinen und das Universum wird die Vereinigung der Liebenden begleiten.

(übersetzt von Maria Aronov)

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Das Porträt des Paschas

Bildnis des Großwesirs Ibrahim Pascha (Sebald Beham, gedruckt von Hans Guldenmund, Wien um 1530)
Bildnis des Großwesirs Ibrahim Pascha
(Sebald Beham, gedruckt von Hans Guldenmund, Wien um 1530)

Ibrahim Pascha, geboren um 1493 im Dorf Epirus bei Parga, war der Sohn eines griechischen Fischers. Als Kind wurde Ibrahim versklavt und kam später an den Osmanischen Hof, an dem zu dem Zeitpunkt Selim I regierte und Süleyman erst der Thronfolger, Sehzade war. Der junge Sehzade und Ibrahim, der ihm nicht mehr von der Seite wich, verstanden sich gut. Sie wurden nicht nur zu Freunden, sondern zu Herzensbrüdern. Ibrahim war dazu bereit, seinem Herrn und Freund sein Leben zu Füßen zu legen. Dies stellte er unter Beweis, als er bei einem Attentat auf seinen Freund sein Leben riskierte, um das des Thronfolgers zu retten.

Nach dem Tod seines Vaters, bestieg Sehzade Süleyman den Thron und wurde zum Sultan. Seinen besten Freund und Vertrauten, Ibrahim, ernannte er zum Vorsteher seiner Kammer. In der Zeit seines Dienstes am Hof, verliebte sich Ibrahim in Hatice, die Schwester von Sultan. Sie erwiderte seine Liebe, sodass die beiden, trotz ihrer Angst aufgrund der Standesunterschiede heiraten konnten. In dem Palast, wo die Beiden mit ihren zwei Kindern wohnten, befindet sich heute das Museum für türkische und islamische Kunst.

Seiner Geliebten spielte Ibrahim oft etwas auf der Geige vor, die ihn an die Zeit zu Hause in Griechenland erinnerte, wo er und sein Zwillingsbruder ihrer Mutter, einer begnadeten Geigenspielerin, lauschten. Ibrahim war nicht nur musikalisch talentiert, er schrieb auch wunderschöne Gedichte und förderte einen weiteren Dichter, Hayali am Hof. Die finanzielle Möglichkeit dazu, gab ihm seine Beförderung zum Großwesir des Osmanischen Reiches. Aufgrund seiner Intelligenz, die dem Sultan viele Siege einbrachte und auch der Freundschaft zu ihm, genoss er eine besondere Stellung am Hof und erhielt außergewöhnliche Vollmachten. Leider stiegen ihm diese im Laufe der Zeit zu Kopf. Der bescheidene griechische Junge war in ihm gestorben. Er protzte vor Hochmut, worauf ihn der Sultan einige Male hinwies und ihm gar viele übermütige Äußerungen verziehen hat. Eines Tages jedoch bekam Süleyman einen Brief von Ibrahim Pascha zu Gesicht, der ihm die Augen vor der bitteren Wahrheit öffnete und zeigte, dass sein Busenfreund nicht mehr der war, den er kennengelernt hatte. In diesem Brief erklärte er nämlich, weit über dem Sultan zu stehen und ihn dressieren zu können.

Draft of the 1536 Treaty negotiated between Jean de La Forest and Ibrahim Pacha expanding to the whole Ottoman Empire the privileges received in Egypt from the Mamluks before 1518
Draft of the 1536 Treaty negotiated between Jean de La Forest and Ibrahim Pacha expanding to the whole Ottoman Empire the privileges received in Egypt from the Mamluks before 1518 – CC BY-SA 3.0 – Uploadalt – Eigenes Werk, photographed at Musee Ecouen

Süleyman sah in Ibrahim auf einmal eine ganz andere Person. Es war nicht mehr sein Bruder und Freund, der sich an seiner Seite befand. Nach langen Zweifeln und Überlegungen, was er nun tut sollte, wandte er sich an einen Kadi, einen angesehenen und weisen Richter. Er fragte ihn, wie er denjenigen hinrichten könnte, den er immer sehr geliebt hat und trotz seines Vergehens immer noch liebt. Der Kadi riet dem Sultan dazu, den Schlaf über den Tod seines Herzensbruders entscheiden zu lassen. Er bezog sich dabei auf den Koran, denn dort sei beschrieben, dass alles, was während des Schlafes geschieht, nichts mehr mit dem realen Leben zu tun habe. Der Schlaf sei der Tod und alles, was passiert, während wir uns im Zustand des Schlafes befinden, sei nicht auf unsere Verantwortung zurückzuführen. Süleyman lud daraufhin den Pascha zu sich ein, hörte ein letztes Mal seiner rührenden Geigenmelodie zu und bat ihn später, im Palast zu übernachten. In der Nacht kämpfte Süleyman gegen den Schlaf, doch dieser bezwang ihn. Ibrahim wurde währenddessen erdrosselt. Dies geschah am 15 März 1536 in Istanbul.

Miniaturmalerei des Nakkaş Osman aus dem Surname-i Hümayun, 16. Jh.: Parade auf dem Hippodrom mit berittenen Gazi (Veteranen aus Rumelien) vor Sultan Murad III., sitzend auf dem Balkon des Ibrahim-Pascha-Palastes
Miniaturmalerei des Nakkaş Osman aus dem Surname-i Hümayun, 16. Jh.: Parade auf dem Hippodrom mit berittenen Gazi (Veteranen aus Rumelien) vor Sultan Murad III., sitzend auf dem Balkon des Ibrahim-Pascha-Palastes

Maria Aronov • Platon • Die kulturelle Macht des starken Ringkämpfers

Platon • Die kulturelle Macht des starken Ringkämpfers

[avatar user=“MariaAronov“ size=“thumbnail“ align=“left“ link=“http://derblaueritter.de/author/mariaaronov/“ target=“_blank“]Maria Aronov – Autorin, Lyriker, Dozentin[/avatar]

Platon (altgriechisch Πλάτων Plátōn, latinisiert Plato; * 427 v. Chr. in Athen oder Aigina; † 347 v. Chr. in Athen) war ein antiker griechischer Philosoph. Platon (altgriechisch = breit) war der Spitzname von Aristokles. Diesen bekam er wohl wegen seiner breiten Schultern.

Platon gehörte dem ältesten Adel von Athen an. Sein Vater Ariston soll ein Nachkomme der früheren Könige von Athen gewesen sein. Die Mutter von Platon, Periktione, war mit einem bekannten Athener Staatsmann des 6. Jahrhundert vor Christus verwandt. Nach dem Tod von Ariston heiratete sie zum zweiten Mal. Zu ihrem Mann wurde Pyrilampes. Er war ein Freund von Perikles, ein berühmter Staatsmann von Athen. Als junger Mann ähnelte Platons Verhalten den anderen Jungen seiner Zeit. Er bevorzugte eher die leichtfertige Lebensform mit Spaß und Spiel. Später dichtete er, aber den philosophischen Geist in ihm erweckte sein Lehrmeister Sokrates. Es interessierten ihn aber auch Ringkämpfe. Den Überlieferungen nach soll er zweimal die Isthmischen Spiele gewonnen haben. Diese stellten Wettkämpfe im antiken Griechenland dar, ähnlich den späteren olympischen Spielen. Den Namen erhielten sie nach dem Isthmos (einer Landenge) von Korinth.

Platon

Als Platon 20 wurde, wollte er sich der Politik widmen, bis er feststellte, dass die damalige Politik Athens überhaupt nicht dem entsprach, was er sich vorstellte. Er entschied sich also dazu, sich dem Kreis der Sokratiker anzuschließen. Platon studierte im griechischen Megara, wo er Logik bei Euklid studierte, dann begab er sich nach Ägypten und Nordafrika.

Auf seiner Reise nach Italien und Sizilien, wo er im Jahre 389vor Christus war, studierte er die Lehre von Pythagoros, dessen Grundgedanke war, dass das ganze Dasein einer genauen mathematischen Ordnung unterläge.

Maria Aronov - Platons Akademie4Als Platon 40 wurde, wurde er von Dionysios gerufen. Platon Aufenthalt bei ihm endete jedoch damit, dass er als Sklave verkauft wurde. Der Grund dafür war, dass Platon den Tyrannen Dionysios umerziehen wollte. Zum Glück konnte Platon von einem Freund freigekauft werden und nach Athen zurückkehren. Durch Unterstützung einiger Gönner, konnte Platon außerhalb der Stadt eine Schule eröffnen, die zur ersten Universität Europas wurde. Er nannte sie Akademia. Der Name beruhte auf dem örtlichen Halbgott Akademus.

Die Schule war sowohl für Frauen als auch Männer offen. Unter ihnen befand sich auch Aristoteles. Die Fächer waren politische Theorie, Gymnastik, Philosophie, Biologie, Mathematik und Astronomie. Der Unterricht war kostenlos.

Die Lehre Platons reichte von der abendländischen Philosophie über das Christentum und die islamische Weltvorstellung des Mittelalters, über die Renaissance bis hin zum 21. Jahrhundert. Die Akademia wurde jedoch im Jahr 529 nach Christus durch den byzantnischen Kaiser Justinian I geschlossen. Laut dem Werk des alexandrinischen Philosophen Philo Judaeus hatte Platon eine große Wirkung auf die jüdische Gedankenwelt des ersten Jahrhunderts. Im dritten Jahrhundert wurde durch Plotin der Neuplatonismus gegründet.

Bei Florenz wurde im 15. Jahrhundert Academica Platonica gegründet. Dort wurden den Akademie-Besuchern die Werke Platons im griechischen Original vermittelt.

Trotz seines Erfolgs, Talents und der Anerkennung musste Platon seinen Traum, mithilfe der Philosophie das Leben eines idealen Staates zu realisieren, aufgeben. Einen großen Einfluss darauf hatte seine Flucht aus dem Gefängnis, als er zum zweiten Mal versucht hat, den Herrscher Dionyses umzuerziehen.

Archäologische Fotos von Platons Akademie – Aufnahmen von Maria Aronov

In der Zeit des peloponnesischen Krieges (zwischen dem von Athen geführten Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund unter seiner Führungsmacht Sparta dauerte, unterbrochen von einigen Waffenstillständen, von 431 v. Chr. bis 404 v. Chr. und endete mit dem Sieg der Spartaner) träumte Platon davon, den Idealismus zu finden. Dieser sollte bruchfest sein und für alle Lebenslagen gelten. Platons Idealismus sollte auf dem Geist beruhen. Nur unsere Vorstellung davon, was wir sehen, macht seiner Ansicht nach die Erkenntnis möglich. Die einzig wahre Welt war für Platon die Welt der Ideen. In seiner Ideenlehre geht es um die Wichtigkeit der Wahrnehmung und des Wissens. Die Ideen selbst lassen sich nur durch ihre Wirkung erkennen. Um die Ideenwelt zu beschreiben, nimmt Platon die Sonne und vergleicht sie mit der Idee des Guten. So, wie die Sonne die Welt beleuchtet, bringt die Idee des Guten in das Unsichtbare die Wahrheit. Das Gute steht nach Platon über allem, wozu auch unser Sein gehört. In seinem Höllengleichnis kritisiert er die Bequemlichkeit des Menschen in einer Scheinwelt. Das bedeutet, dass die Wahrheit lieber verschwiegen wird. Dies war auch gegen die Vorstellung von Sokrates, der bis zu seiner Hinrichtung die Wahrheit so weit wie möglich verbreiten wollte.

In den zahlreich ideal verfassten Schriften Platons wird seine Suche nach der ewigen Wahrheit erläutert und berührt bis heute die Herzen und Seelen seiner Leser.

Weitere Texte zu Platon und seine Zeit finden Sie hier.

Der Schierlingsbecher & Sokrates

Jacques-Louis David - Sokrates bei Gericht - 1787
Jacques-Louis David – Sokrates bei Gericht – 1787

Schierlingsbecher ist die Bezeichnung für den Becher, in dem sich in der Antike ein Getränk aus dem Saft des Gefleckten Schierlings befand, das bei Hinrichtungen und freiwilligen Selbsttötungen zur Vergiftung verwendet wurde. Der Verurteilte leerte den Becher und führte damit selbst seinen Tod herbei. Mit dem Begriff „Schierlingsbecher“ wird hauptsächlich die Hinrichtung des Sokrates 399 v. Chr. verbunden. Er heißt auf Griechisch kōneion (κώνειον).

Bei einer Vergiftung bewirkt das enthaltene Coniin eine von den Füßen her aufsteigende Lähmung des Rückenmarks, welche schließlich zum Tod durch Atemlähmung führen kann. Der Vergiftete erstickt bei vollem Bewusstsein. Nur wenn der Verurteilte schnell und schmerzlos aus dem Wege geräumt werden sollte – und das war meistens bei politischen Gegnern der Fall –, wurde dem Schierlingsbecher betäubender Mohnextrakt beigegeben. Die erste bekannte Mischung dieser Art stammt von Thrasyas aus Mantinea um 370 v. Chr. Coniin blockiert reversibel nikotinerge Acetylcholinrezeptoren und verhindert die Signalweiterleitung zwischen Zellen. – Quelle: wikipedia

Hier lesen Sie Maria Aronovs Essay zu Sokrates Tod.

Franz Eugen Köhler, Köhler's Medizinal-Pflanzen - 1897 Gefleckter Schierling. A blühender und fruchtender Zweig, nat. Gr.; 1 Döldchen von der Rückseite, vergrössert; 2 Blüthe, desgl.; 3 Staubgefässe, desgl.; 4 Pollen, desgl.; 5 Stempel, desgl.; 6 derselbe im Längsschnitt, desgl.; 7 derselbe im Querschnitt, desgl.; 8 Frucht, desgl.; 9 Theilfrüchtchen mit Fruchtträger, desgl.; 10 Frucht im Querschnitt, desgl.; 11 Theilfrüchtchen im Längsschnitt, desgl.
Schierling: Franz Eugen Köhler, Köhler’s Medizinal-Pflanzen – 1897
Gefleckter Schierling. A blühender und fruchtender Zweig, nat. Gr.; 1 Döldchen von der Rückseite, vergrössert; 2 Blüthe, desgl.; 3 Staubgefässe, desgl.; 4 Pollen, desgl.; 5 Stempel, desgl.; 6 derselbe im Längsschnitt, desgl.; 7 derselbe im Querschnitt, desgl.; 8 Frucht, desgl.; 9 Theilfrüchtchen mit Fruchtträger, desgl.; 10 Frucht im Querschnitt, desgl.; 11 Theilfrüchtchen im Längsschnitt, desgl.

 

Maria Aronov • Der ungerechte Tod des gerechten Sokrates

Ein Gift zum Wohle des Staates 

– Der ungerechte Tod des gerechten Sokrates –

Sokrates (*469 vor Christus in Athen; † 399 vor Christus in Athen) wirkte in Athen als grundlegender Philosoph. Er befasste sich mit unterschiedlichen Themen wie der Menschenkenntnis, ethischen Grundsätzen und dem Verständnis der Welt. Laut Marcus Tullius Cicero (* 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum; † 7. Dezember 43 v. Chr. bei Formiae; ein römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph, der berühmteste Redner Roms und Konsul im Jahr 63 v. Chr.) soll er die Menschen dazu gebracht haben, über das Gute und Schlechte nachzudenken. Sokrates entwickelte den philosophischen Dialog, die er als Mäeutik (Hebammenkunst) bezeichnete. Diese beruht darauf, seinem Gesprächspartner durch Fragen zu einer eigenständigen Erkenntnis zu verhelfen. Der Lernende soll selbst zur Lösung des Problems, zur Einsicht kommen, die er mithilfe der Hebamme, des Lehrenden, gebärt. Dies stellt einen Gegensatz zum normalen Schulsystem dar, wo dem Schüler der ganze Stoff vom Lehrer vermittelt wird und oft niemand zu seiner eigenen Einsicht kommt. Auf die Idee der Umsetzung von der Mäeutik brachte Sokrates der Beruf seiner Mutter, die Hebamme war.

Agora - Athen
Agora – Athen

Seine Schüler bezeichneten ihn als den, zu ihrer Zeit, weisesten und gerechtesten Philosophen. Er wurde sogar auf eine Stufe mit den Religionsgründern Jesus, Buddha und Konfuzius gestellt. Man wusste nicht nur seine Denkweise, sondern auch seine Persönlichkeit, sein Leben und gar seinen Tod zu schätzen. Philosophie war für Sokrates eine Lebensform. Er lebte Philosophie. Von seinem Vater erlernte er den Beruf Steinmetz, übte ihn aber nie aus. Täglich trat Sokrates auf dem Rednerplatz, der Agora von Athen, auf. Er konzentrierte sich auf die Gespräche mit seinen Mitbürgern. Dabei beschäftigte er sich mit der „Was ist… – Frage“, denn seiner Meinung nach konnte man nur entsprechend handeln, wenn man die Tugenden richtig verstünde. Was ist zum Beispiel Gerechtigkeit, Tapferkeit und Besonnenheit? Jeder, der dies wüsste, würde ein guter und edler Mensch, was sich Sokrates als Ziel setzte. Dafür brauchte man aber eine tiefe Analyse der Begriffe, womit sich Sokrates ausgiebig beschäftigte.

Sokrates versuchte nicht zu dozieren, obwohl er als der Weiseste seiner Zeit galt. Er wollte nicht lehren, sondern selbst etwas Neues lernen. Dies war sein Verständnis von Philosophie. Laut Sokrates sollte der Philosoph nach der Weisheit suchen und streben. Er sollte versuchen, sie zu entdecken und zu gewinnen. Niemand ist seiner Meinung nach weise geboren. Nicht umsonst vergleicht er die Philosophie mit dem griechischen Gott der Liebe, Eros. Für Eros hat der Begriff der Liebe nichts mit dem Besitz dessen zu tun, was schön oder geliebt ist. Es geht in der Liebe vielmehr ums Streben und die Begierde danach. So sieht es auch mit dem Philosophen und seiner Liebe zur Weisheit aus. Er sieht oder spürt sie in der Ferne, verliebt sich und macht sich auf den Weg, um zu ihr zu gelangen, zum Beispiel auf dem Marktplatz von Athen. Aus diesem Grund stellte Sokrates immer viele Fragen. Er suchte auf diese Weise nach der Erkenntnis.

Delphi - Orakel - Zentralgriechenland
Delphi – Orakel – Zentralgriechenland

Meistens suchte sich Sokrates Experten für das jeweilige Thema aus – über die Frömmigkeit sprach er mit einem Priester, über Gerechtigkeit mit dem Staatsmann und über Tapferkeit mit einem Feldherrn. Seine Fragen förderten Nichtwissen über die jeweilige Tugend. Dadurch, dass Sokrates während der Gespräche immer sehr viel nachfragte, gerieten die Gesprächspartner in Argumentationsnöte. Schließlich mussten sie dazu stehen, doch keine Antwort auf die Fragen zu haben. Da Sokrates sich nicht für klüger als die Anderen hielt, endeten die Dialoge lösungslos. Seine Hebammenkunst scheiterte demnach. Sokrates akzeptierte dies jedoch. Er stand dazu, selbst keine Lösung zu haben. Auch die Nichtergebnisse betrachtete er als eine Art Gewinn. Dieser Hintergrund diente seinem berühmten Zitat: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Genau aus diesem Grund bezeichnete das Orakel von Delphi Sokrates als den weisesten Mann Griechenlands. In seinen Augen war er nicht der Weiseste, weil er mehr als die Anderen wusste, sondern sagte, er wüsste, dass er nichts wüsste.

Durch Sokrates entstand auch der Begriff der Elenktik (Die Entlarvung des Scheinwissens), mit deren Hilfe er schaffte, das wahre Wissen zu sichern und den Weg für die Philosophen zu bereiten, die nach ihm kamen.

esel_santorini-673110_640Viele der Mitbürger Sokrates` empfanden ihn und die Philosophie als lästig. Viele fühlten sich durch die Entlarvung ihres Nichtwissens bloßgestellt und waren Sokrates keineswegs dankbar für die Erkenntnis. Sokrates wurde für seine vielen Fragen ausgelacht, beschimpft oder gar körperlich angegriffen. Ihm machte es jedoch nichts aus. Er ließ sich vieles gefallen und als ihn jemand darauf ansprach, warum er sich nicht verteidigen würde, erwiderte Sokrates, er würde ja auch nicht zurückschlagen, falls ihn ein Esel angriffe.

In den führenden Kreisen von Athen entwickelte sich eine schlechte Stimmung. Man sah in Sokrates ein Problem und war gegen ihn. Er musste schließlich vors Gericht, denn er hätte nicht das Recht dazu gehabt, das gesicherte und überlieferte Wissen sowie einige traditionellen Überzeugungen infrage zu stellen. Der Grund für die Anklage war, die Erschaffung neuer göttlicher Wesen und die Ableugnung derer, die vom Staat anerkannt waren. Beim Prozess spielte auch die Verführung der Jugend eine große Rolle. Sokrates hätte angeblich einen schlechten Einfluss auf sie gehabt. Der Antrag ging letztendlich auf Todesstrafe.

In der Verteidigungsrede, die vom Platon überliefert wurde, widersprach Sokrates den Anklagepunkten. Darin äußerte er, er hätte die Götter nicht verleugnet und habe die Jugend lediglich auf einen besseren Lebensweg bringen wollen. Seine Rede verlief jedoch ohne Erfolg. Er sollte durch den Schierlingsbecher hingerichtet werden. Im antiken Athen war Gift nämlich eine gängige Hinrichtungsform.

Während seines ganzen Lebens soll sich Sokrates an alle Gesetze gehalten haben und obwohl es unrecht war, widersetzte er sich nicht der Todesstrafe. Seiner Meinung nach war Unrecht zu leiden besser, als Unrecht zu tun. Sokrates starb im Kreis seiner Freunde im Alter von 71 Jahren. Er verendete in großer Gelassenheit, denn die Philosophie war für ihn die Vorbereitung auf den Tod, in dem sich die Seele von dem Körper trennt. Sokrates fühlte sich also auf den Tod gerüstet. Sogar in seinen letzten Minuten des Lebens philosophierte er und verlor nicht den Sinn für Humor. Als seine Frau ihm kurz vor dem Tod sagte, er würde ungerechterweise sterben, fragte er sie: „Wäre es dir lieber, wenn ich gerechterweise stürbe?“

Auch die Schlussaussage in seinem Prozess war ironisch und voller Humor:“ Es ist nun Zeit, dass wir gehen. Ich, um zu sterben und ihr, um zu leben. Wer aber von uns beiden zu dem besseren Geschäfte hingehe, ist alles verborgen, außer nur Gott.“

Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511
Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511

Sokrates führte ein sehr bescheidenes Leben. Für seinen Lebensunterhalt sorgten gute Freunde durch ihre Gastfreundschaft und Geschenke. Alles nahm er aber nur in engen Grenzen an. Die Armut wählte er als Lebensweise selbst aus, distanzierte sich von den materiellen Dingen des Lebens. Seine Frau war damit jedoch nicht einverstanden war. Sie vertrat nämlich die Meinung, er hätte weniger auf der Agora auftreten, sondern stattdessen arbeiten gehen sollen. Einmal goss sie ihm, als er sich auf den Weg zum Rednerplatz machte, einen Eimer Wasser über den Kopf und beschimpfte ihn laut.

Von Sokrates sind leider keine Schriften überliefert worden. Von seinen Ideen und der Philosophie weiß man durch die Schriften seiner Freunde und Schüler. Dabei stellen Platons Dialoge die Hauptquelle dar. Auch von seinem Schüler Xenophon gibt es einige Überlieferungen, in denen er stets weiterleben wird.

 

Maria Aronov • Hypatia ••• Das Leben einer Frau für die Philosophie und Wissenschaft

Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) - 1901 Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm
Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) – 1901 – Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm

Hypatia (um 355 in Alexandria; † März 415 in Alexandria) war eine griechische spätantike Philosophin, Mathematikerin und Astronomin. Ihr Leben verbrachte sie in Alexandria, einer damals griechischen Stadt, die Ende des vierten Jahrhunderts dem römischen Imperium gehörte.

Hypatia stammte aus einer gebildeten und wohlhabenden Familie. Diese gehört zur griechischen Minderheit. Ihr Vater, Theon von Alexandria (* ca. 335; †ca. 405), lehrte als Philosoph und Mathematiker am Mouseion (Alexandrinische Schule mit wissenschaftlichen Bestrebungen) der Stadt. Theon ist der letzte namentlich überlieferte Wissenschaftler der großen Bibliothek von Alexandria im Mouseion. Das Interesse für die Philosophie und Wissenschaft vererbte er seiner Tochter, was ihr jedoch ein schweres Leben bescherte. In erster Linie ging sie in die Geschichte nicht aufgrund ihres Wissens und der Lehre ein, sondern wegen ihres traurigen Schicksals.

Das Leben war für Hypatia nicht einfach, denn die Tatsache dass sie keine Christin war und sich für die Philosophie und Wissenschaft als Frau interessierte, brachte ihr viele Probleme.

Der griechische Historiker Thukydides (um 455 – 396 v. Chr.) sagte folgendes: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“. Zu der damaligen Zeit war die Frau, vor allem, wenn sie wohlhabend war, für das Haus und das Wohlergehen der Familie zuständig. Rausgehen durfte sie nur in Begleitung ihres Mannes. Ohne seine Erlaubnis durfte sie das Haus nicht verlassen. In der Philosophie und Wissenschaft hatte man als Frau überhaupt keine Position. Hypatia dagegen unterrichtete im Mouseion jeden, der sich das wünschte, in allen Wissensgebieten. Sie war mutig, trat auch den Behörden entschlossen entgegen und hatte keine Furcht davor, sich in der Gesellschaft der Männer zu präsentieren. Ihre Lehrtätigkeit brachte sie sogar an die Spitze der platonischen Schule. Mit ihrer Bildung überflügelte sie alle anderen Denker ihrer Zeit.

In ihren philosophischen Werken, von denen leider nichts erhalten geblieben ist, befasste sie sich mit Kynismus (altgriechisch, wörtlich „Hundigkeit“). Diese war eine Strömung der antiken Philosophie und konzertierte sich auf Skeptizismus und Bedürfnislosigkeit.

Jeder der ihr begegnete, war von ihrer Charakterstärke und Intelligenz fasziniert. Im Mouseion, wo sie lehrte, hatte sie sogar eine leitende Stellung. Durch ihren Vater, der dort auch arbeitete, hatte sie die Möglichkeit dem Wissen näher zu kommen, was den anderen Frauen verborgen blieb. Sie wurde wegen ihres Wissens auch in reine Männerkreise aufgenommen und spielte dort ebenfalls eine wichtige Rolle.

Die Themen, mit denen sich Hypatia beschäftigte, waren folgende: sie befasste sich mit dem Mathematiker Diophantos († zwischen 100 v. Chr. und 350 n. Chr.). Er gilt als der bedeutendste Algebraiker der Antike und als Vater der Algebra. Des Weiteren setzte sie sich mit dem astronomischen System und den Kegelschnitten von Apollonius von Perge auseinander, (auch: Apollonius Pergaeus; * ca. 262 v. Chr. in Perge; † ca. 190 v. Chr. in Alexandria), einem griechischen Mathematiker, der unter anderem zur Mond- und Planetenbewegung beitrug, die später Ptolemäus in sein Lehrbuch übernahm.

Laut Sokrates Scholastikos (um 380 in Konstantinopel; † um 440; war ein spätantiker Kirchengeschichtsschreiber), dem wir heute die Informationen über Hypatia zu verdanken haben, gibt es von Hypatia Schriften zu den unterschiedlichen Gebieten, doch leider sind davon keine erhalten geblieben. Es heißt, es könnten 13 Bücher von ihr gewesen sein, doch womöglich hat sie ihre Ausführungen nicht niedergeschrieben. In der Antike war nämlich das Gespräch in der Philosophie wichtiger als das niedergeschriebene Wort. Das Denken lebte sich in Gesprächen aus.

Zu der Zeit, wo die Philosophie sich immer mehr mit einer anderen Welterklärung entwickelte, war das Christentum vor allem für die niedere Gesellschaft der Rechtlosen und Unterdrückten ein Zufluchtsort. Es galt lange Zeit als Religion der armen Leute. Die Herrscher wehrten sich mit aller Macht gegen die neue Art der Religion. Sie bezeichneten die Philosophen als eine vulgäre Sekte.

Eine erste durchgreifende Veränderung fand unter dem römischen Kaiser Konstantin statt. Am Ende des vierten Jahrhunderts wurde von ihm ein Gesetz erlassen, dass die Religionsfreiheit garantierte. Dies galt für alle Religionsgruppen. Das Christentum breitete sich immer weiter aus, sodass es vom römischen Kaiser Theososius I zur Staatsreligion und damit der einzig anerkannten Religion im römischen Reich erklärt wurde. Alle anderen Glaubensrichtungen wurden verboten. Man bezeichnete sogar die Olympischen Spiele als heidnisch und untersagte sie.

Zwischen den Christen und Andersgläubigen entstanden in Alexandria Spannungen. Nicht christliche Heiligtürmer wurden zerstört. Die Gewalt zwischen den verschiedenen Religionen nahm zu. Dabei darf man nicht vergessen, dass die christliche Kirche selbst vor 100 Jahren verfolgt wurde und beging nun selbst die gleichen Verbrechen.

Durch die Etablierung des Christentums verlor die Philosophie ihre Bedeutung. Sie wurde als heidnisch, ketzerisch und letztendlich als Irrlehre bezeichnet. Die alte Weltanschauung ist zunichte geworden.

Hypatia wurde den Herrschern ein Dorn im Auge, denn sie war nicht nur Philosophin, sondern verstieß auch gegen das christliche Frauenbild. Die Meinung von Thukydides: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“, hat das Christentum gänzlich übernommen. Eine Frau sollte dem Mann untergeordnet und still sein. Hypatia dagegen lebte ganz für die Wissenschaft. Sie war zwar attraktiv, hatte aber keine Beziehungen.

Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle
Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle

Schließlich wurde Hypatia direkt in der Kirche beseitigt. Ihre brutale Ermordung wurde von christlichen Fanatikern vollzogen. Das Ganze hatte jedoch politische Gründe, man unterstellte ihr die Beeinflussung des römischen Statthalters von Alexandria, der im Streit mit dem Bischof war. Hypatia soll den Statthalter am Kontakt zu Kyrill, dem Bischof von Alexandria gehindert haben. Diesem gelang es jedoch, die Macht des Staates immer mehr für sich zu gewinnen. Damit keine Komplikationen auftraten, hat man sich von Hypatia schnellstmöglich befreit. Nach ihrer Ermordung im März 415 existierte das Mouseion noch zwei Jahrhunderte, bevor sie als heidnische Lehranstalt geschlossen wurde. Alle anderen Philosophenschulen, auch die von Athen waren schon längst geschlossen.

Hypatia war die letzte Philosophin, die sich auf die antike Lehre bezog. Die nachfolgenden Philosophinnen widmeten sich ausschließlich dem Christentum.

Mit Hypatia ist eine große Persönlichkeit verstorben, die den Mut dazu hatte, ihre Meinung und Ansichten zu vertreten, die selbstbewusst war und niemals der Wissenschaft und der Philosophie den Rücken kehrte. Sie war insofern außergewöhnlich, dass sie durch ihre Liebe zur Philosophie und Wissenschaft den Tod in Kauf nahm und keine Scheu davor hatte, bis zu ihrem letzten Atemzug daran zu glauben.

Maria Aronov – Der alte Glockenturm – Ein Märchen

Der alte Glockenturm
England Jahr 1780

Das Herz voller Liebe verleiht keinen Ton,
die Wangen verblassen,
es verwelkt der Mohn.
Der Schnee ist umhüllt von dem dunklen Haar.
Der Wind weht ein wenig,
doch kein Leben ist da.
Der Kampf um das Leben wurde zu schwer,
die Kraft gab es leider dafür nicht mehr.

***

Es war ein sehr kalter Herbstmorgen. Die Sonne war hinter den Wolken versteckt und es wehte ein eiskalter Wind. Ein kleines Mädchen eilte über die Straßen. Es hatte ein sehr altes graues Kleidchen an und seine Schuhe waren zerfetzt. In seinen Händchen hielt es einen großen Eimer mit einem Waschlappen und viel Wasser darin. Das Mädchen ging gebückt über die nassen Wege und mit jedem seiner Schritte näherte es sich dem Turm. Als es in den riesigen Turm hineinging, schlug die Uhr fünfmal. Es bedeutete, dass es arbeiten musste und gleichzeitig war es eine Begrüßung. Das arme Mädchen stellte sich auf die Knie und wusch mit seinen kleinen Händchen den ewigen Boden. Kein einziger Mensch war dort außer ihm, nur die Uhr leistete ihm und dem riesigen Saal Gesellschaft.

Als es mit der Arbeit fertig war, gab es draußen schon finsteres Zwielicht. Die Kleine hatte kein Zuhause, sie ging mit tanzenden goldenen Blättern um sie herum in eine kleine Hütte, die ganz verlassen am Rande der Stadt stand. Die Hütte hat das Mädchen zufällig eines Tages gefunden, vielleicht würde sogar jemand zurückkehren und ihm die Hütte wegnehmen wollen. Als es bei der Hütte ankam, war es sehr müde nach der harten Arbeit, aber es hatte nicht einmal ein warmes Bett. Mit knurrendem Magen und seinen kleinen, von der harten Arbeit und Kälte roten und blutenden Händen legte es sich in eine Ecke auf den Boden und schlief fest ein. Es träumte von einem Kamin und von warmen Küchlein, die seine Großmutter immer so gerne für ihre kleine Enkelin gemacht hat. Sie waren immer so weich und rochen nach frischem Kohl. Das Beste war an ihnen natürlich, dass seine Großmutter sie gemacht hat. Sie stand in der Küche, erzählte dem Mädchen schöne Geschichten und knetete den Teig. Ihre Schürze war voller Mehl, genauso wie ihre alten liebevollen Hände. Nie mehr würde die Kleine solche Küchlein essen, die mit voller Liebe nur für sie gemacht waren. Damals, als die Großmutter starb, nahm man dem kleinen Mädchen das Haus weg. Doch als die Kleine an dem alten Haus vorbeiging, erschien wieder dieser nahe Duft der Wärme, der alle Erinnerungen erwachen ließ und die alte Zeit belebte.

Es vergingen ein paar Monate und der Winter stand vor der Tür. Das kleine Mädchen musste wieder zur Arbeit. Es schneite draußen, doch es machte ihm nichts aus, denn es wusste, dass es heute sein Geld für die Arbeit bekommen sollte, die Summe würde ihm sogar für mehrere Pfannkuchen reichen. Heute hatte es etwas mehr Arbeit und wurde später damit fertig. Danach musste es noch draußen auf den Herren mit dem ihm zustehenden Geld warten. Es schneite so sehr, dass die Schneeflocken ihm die ganze Sicht nahmen. Es verging viel Zeit, doch der Herr erschien nicht. Traurig ging es in die alte Hütte. Man hörte überall die Uhr schlagen. Sie klang traurig, als ob sie dieses Mädchen trösten würde. Sie war genauso einsam und verlassen wie dieses Kind.

Am nächsten Morgen konnte es kaum laufen. Es blieben nur noch ein paar Schritte bis zum Turm. Die Uhr schlug wie jeden Morgen fünfmal, doch die Kleine kam nicht. Sie lag draußen im Schnee neben ihrem Eimer. Die Kutschen fuhren an ihr vorbei. Auf einmal schrie jemand: „Aus dem Weg!“ Aber sie konnte nicht mehr aufstehen. Der Kutscher bremste und ein alter Herr stieg aus der Kutsche aus, um zu sehen, was das arme Mädchen hatte. Aber es war tot. Es vermisste das kleine Mädchen niemand außer den Glocken. Sie schlugen wie immer einmal, zweimal, dreimal,… . Ihr Läuten war sehr tief, sie weinten um seinen Tod.

Es ging niemand mehr in den riesigen Turm hinein, wenn die Uhr fünfmal schlug, niemand verbrachte mehr etwas Zeit mit ihr.

Nun sind die Alte und das Kind beisammen, endlich haben sie Ruhe und Wärme gefunden. Sie sitzen auf einer riesigen Wolke, weit draußen im blauen Himmel und unterhalten sich, schließlich haben sie einander so lange nicht gesehen. Doch jetzt können sie ewig bei einander sein und nichts wird sie jemals trennen.

Das Schlagen der Uhr hallte bis in die weite Ferne, so sehr vermisste sie das Kind.

Und wenn Ihr still seid und genau zuhört, dann merkt Ihr, dass die Uhr weint. Sie schlägt mehrmals hintereinander, dann beruhigt sie sich für eine Weile und trauert weiter. Sie wird dieses kleine Mädchen mit den langen dunklen Haaren und den alten Kleidern nie vergessen und sie wird auch Euch helfen, sich an dieses Märchen zu erinnern.

An Eure Herzen

Im grauen Kleidchen und uraltem Schuh
strebt sie zur Arbeit in eiskalter Früh.

Ohne Brot, ohne Geld, die Hände ganz rot,
wischt sie den Boden im riesigen Ort.

Im Zwielicht versteckt geht die Kleine zurück,
von Sternen begleitet und ganz
ohne Glück.

Mit knurrendem Magen legt sie sich hin
und schmilzt in dem Traum ganz leicht dahin.

Es wird wieder hell,
die Glocken schlagen fünfmal,
doch niemand geht rein
in den ewigen Saal.

Der Schnee nahm das warme und liebe Gemüt,
nun kann sie schlafen,
denn sie war so müd‘.

Eine Reise durch das Jenseits • Über den Roman „Hinter dem Horizont“ von Richard Matheson

„Das Ende ist nur der Anfang“ heißt es im Roman „Hinter dem Horizont“ von Richard Matheson.

This is the front cover art for the book What Dreams May Come written by Richard Matheson. The book cover art copyright is believed to belong to the publisher, G. P. Putnam's Sons, or the cover artist.
This is the front cover art (1978) for the book „What Dreams May Come“ by Richard Matheson. The book cover art copyright is believed to belong to the publisher, G. P. Putnam’s Sons, or the cover artist.

Chris Nielsen, ein angesehener Arzt, lernt seine Seelenverwandte, die Künstlerin Annie Collins kennen. Beide verlieben sich unsterblich ineinander, heiraten und gründen eine Familie. Nach einigen Jahren des wunderbaren Zusammenlebens steht ihrem Glück jedoch der Tod im Wege. Sowohl ihre beiden Kinder als auch Chris kommen ums Leben. Annie, die Künstlerin farbenfroher Bilder, sieht keinen Ausweg aus ihrem Kummer, als sich das Leben zu nehmen. Dafür landet sie in der Hölle. Interessant ist, dass Matheson die Hölle nicht als solche darstellt, wie man sie aus vielen Beschreibungen kennt. Die Hölle ist für ihn ein Ort, den man sich selbst mit eigenen Gedanken erschafft. Es ist ein Ort voller Finsternis und Kummer, aus dem man nicht herauskommen kann, solange man sich den Problemen nicht stellt und versucht gegen die eigenen Dämonen anzukämpfen. Man hält sich selbst in der Dunkelheit gefangen. Außer Annie existieren in der Hölle keine weiteren Gestalten. Das weist darauf hin, dass die Hölle dem eigenen Kopf entspricht, in dem sich das Unterweltszenarium abspielt. Tot ist man, wenn man für nichts mehr lebt.

In dem Roman wird häufig auf die eigene Gedankenwelt und Fantasie angespielt. Als Chris stirbt, erklärt ihm im Jenseits sein Sohn in Gestalt einer anderen Person, dass man sich sein Fortleben mit Fantasie selbst gestalten kann. So erschafft sich Chris das Paradies in den Farben, die Annie so gern für ihre Bilder benutzte, bunt und fröhlich. Damit ist er ihr auch nahe. Die Fantasie ermöglicht ihm auch zu fliegen und mit Annie, zu ihren Lebzeiten,  durch einen von ihr gezeichneten Baum zu kommunizieren. Auch seine Tochter trifft Chris im Himmel. Sie hat sich wie auch ihr Bruder einen anderen Körper für die weitere Existenz ausgesucht. An diese Stelle stellt der Autor ebenfalls dar, wie unsere Gedanken das Dasein steuern. Ihnen und auch der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Das Paradies und auch die Hölle schaffen wir uns selbst, sei es auf der Erde oder nach dem Tod.

Where is God in all of this? Foto: Raul - La busqueda del angel... Buscando unos ojos de mujer, de mirada profunda como el mar.CC BY 2.0 - Quelle: https://en.wikiquote.org/wiki/What_Dreams_May_Come_(film)
Where is God in all of this? Foto: Raul – La busqueda del angel… – Buscando unos ojos de mujer, de mirada profunda como el mar.- CC BY 2.0 – Quelle: en.wikiquote.org/wiki/What_Dreams_May_Come_(film)

Als Chris erfährt, dass Annie nicht mehr lebt, steht er unter Schock. Er erfährt, dass sie aufgrund ihres Selbstmordes in die Hölle kam. Unter allen Umständen will er zu ihr. Dies ist jedoch alles Andere als einfach, denn Annie ist durch ihre tiefe Trauer dazu verdammt, das Gute nicht mehr erkennen zu können. Aus der Hölle käme außerdem niemand mehr heraus. Trotz allen Warnungen, beschließt Chris für seine Liebe in die Unterwelt zu reisen. Auf dem Weg dahin begleitet ihn sein Sohn, der zu seinem weisen Fremdenführer im Jenseits geworden ist. Auf dem Weg zur Hölle erlebt ihr Schiff einen Sturm im unruhigen Gewässer, wo viele Seelen gefangen sind. Sie heulen, suchen nach der einzigen Rettung, strecken ihre Arme aus, um aus dem Sumpf des Kummers herausgeholt zu werden. Sie ertrinken quasi in ihrem Schmerz. Doch es gibt keinen Ausweg aus der Gefangenschaft für sie. Um in die Welt von Annie zu gelangen, muss Chris über die ertrinkenden Seelen laufen, unter denen er seinen Vater findet. Trotz all den Schmerzen verliert Chris sein Ziel nicht aus den Augen und betritt letztendlich den düsteren Raum, in dem sich Annie befindet. Er setzt sich zu ihr, spricht ihr Mut zu, doch leider kann sie ihn nicht erkennen. Er ist ihr fremd geworden. Er beschließt Annie nie mehr zu verlassen und für immer in ihrer Nähe zu bleiben. Damit verschreibt er sich der Hölle. Als letzten Versuch, seine Liebste aus der Unterwelt zu befreien, setzt er jedoch auf die Seelenverwandtschaft und berührt mit ihren gemeinsamen Erinnerungen Annies Innere. Er dankt ihr dabei für ihre Güte, ihr Äußeres, sodass er sie immer berühren wollte. Er dankt ihr für ihre Kinder und die gemeinsame Zeit, für die Bücher, die sie gemeinsam gelesen haben und ihre Liebe. Dies zeigt, dass es keinen anderen Reichtum als den der seelischen Erinnerungen und der Liebe gibt. Uns bleibt nach dem Tod nichts als die Seele und die Erinnerung an uns als guten oder schlechten Menschen seitens Anderer. So verhilft Annie das Licht und die Liebe, die sie zu ihren Lebzeiten hinterlassen hat, zur Errettung ihrer Seele. Dank Chris schafft sie es, sich von ihrem Kummer zu lösen und weiter für ihn und die Kinder in einer anderen Welt zu existieren.

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Am Ende bekommen die beiden jedoch die Möglichkeit eines Neuanfangs auf der Erde – wahrscheinlich als Dank für ihren Mut und Kampfgeist. Schließlich lernen sie sich auf der Erde neu kennen.

Durch den Tod und das damit verbundene Ende des Lebens auf der Erde entsteht die Möglichkeit eines Neuanfangs. Die Reise durch die Zeit und das Jenseits bot dem Liebespaar sowie ihren Kindern die Möglichkeit der Erkenntnis. Dabei ging es vor allem darum, sich mithilfe der eigenen Gedanken und Fantasie eine schöne, bessere Realität zu verschaffen, die einem alles bieten kann, was man im Leben nicht hatte. Auf der Reise durch das eigene Paradies und die Hölle steht die freie Entfaltung der eigenen inneren Welt, der im Leben so oft viele Grenzen gesetzt werden. Auf der Erde und auch im Jenseits kann man jedoch ohne Liebe nichts Gutem begegnen. Dabei ist jede Form der geistigen Liebe gemeint. Sie ist der Schlüssel zu jeder Art des Glücks, Daseins und der Freiheit.

So wird die Erkenntnis dessen der Anfang für einen Neubeginn, für den es nie zu spät ist.

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Richard Matheson (2008) – Foto: JaSunni at PicasaWeb – Cropped from http://picasaweb.google.com/5chiaroscuro/JaSunni1#5286474707387070834 – CC BY-SA 3.0

Richard Burton Matheson (* 20. Februar 1926 in Allendale, New Jersey; † 23. Juni 2013 in Calabasas, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Science-Fiction- und Drehbuchautor. Er veröffentlichte auch unter dem Pseudonym Logan Swanson.

Matheson ist aus der Science-Fiction der fünfziger Jahre nicht wegzudenken. Obwohl aus Richtung Horror zum Genre stoßend entschloss er sich, den aufkommenden Science-Fiction-Boom zu nutzen und verstand es, sich abzeichnenden Trends anzuschließen und diese auch kommerziell für sich zu nutzen.

Seine andauernde Verbindung zum phantastischen Genre bewies er durch zahlreiche Drehbucharbeiten, vor allem mit seinen Edgar-Allan-Poe-Adaptionen für Roger Corman.

Sein Roman Das Ende ist nur der Anfang, Hinter dem Horizont. Matheson ist das Ergebnis intensiver Recherche über die Jenseitsvorstellungen verschiedener Religionen und Kulturen. Unter anderem beruft er sich hierbei auf den Theosophen Emanuel Swedenborg. Der Roman wurde 1998 mit Robin Williams verfilmt. Der Film Hinter dem Horizont bietet ausdrucksstarke Bilder, hat aber nur wenig von der Tiefe des Romans.

Für seinen Roman Bid Time Return (1975) erhielt den World Fantasy Award. Mathesons Roman Ich bin Legende wurde 2012 beim Bram Stoker Award mit dem Sonderpreis Vampire Novel of the Century Award ausgezeichnet.

Matheson starb 87-jährig im Juni 2013 in seinem Haus im kalifornischen Calabasas. – Quelle: wikipedia

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Randbemerkungen:

„I think Dreams May Come> is the most important (read effective) book I’ve written. It has caused a number of readers to lose their fear of death — the finest tribute any writer could receive. … Somewhere In Time is my favorite novel.“
„Ed Gorman Calling: We Talk to Richard Matheson“ (2004).

What Dreams May Come ist ein Spielfilm aus dem Jahre 1998. Er handelt von einem Mann der stirbt und sich in einem Himmel wiederfindet, der beeindruckender ist, als er sich das jemals erträumt hatte. Allerdings ohne seine Frau, die nach seinem Tod Selbstmord beging. Er entscheidet sich, sie zu suchen um sie zu sich in den Himmel zu holen. Dabei riskiert er, für immer in der Hölle zu schmoren.
Regie führte Vincent Ward. Drehbuch: Ronald Bass, basierend auf dem Roman von Richard Matheson.

After life there is more. The end is just the beginning. Taglines

Maria Aronov • Die Seele • Lyrik

G. Caillebotte - oarsmen -  1877
G. Caillebotte – oarsmen – 1877

Maria Aronov • Die Seele 

Ohne dich wär` jeder Körper leblos. Jede Zelle ergäbe keinen Sinn.
Du bist da und schenkst uns Leben, du ermöglichst erst des Glücks Beginn.
Wärst du weg, so wären wir gefangen, in der Dunkelheit der bösen Residenz,
du bist unsichtbar, doch heilig, bist vom Gott gegeben, hohe Eminenz.

Du allein kennst das Gute, Freude, Liebe und die Welt.
Der Körper ist dein Diener, den du hast für dich gewählt.
Du bist ihm ein Gebieter, denn du weist ihm des Lebens Gänge.
Er folgt dir überallhin, durch die ganze Lebenslänge.
Unterwegs durch Raum und Zeit lässt du uns so viel erkennen,
welche Menschen uns nicht mögen, welche sich zu uns bekennen.
Du lässt spüren uns das Gute, weckst in uns die Energie,
hilfst uns leben, machst uns heiter und bezwingst die Lethargie.

Eines Tages wird dein Diener zu `nem echten Herzensbruder.
Ihr sitzt in einem Boot, der Körper hält das Ruder.
Hand in Hand geht ihr durchs Leben. Helft euch da, wo es nur geht,
um so trauriger ist das Ende, weil die Zeit zu schnell verweht.
Irgendwann wird der Körper müde, du erkennst, das eure Trennung naht,
langsam fährt das Boot zum Ufer. Drumherum wird alles matt.

Schwer wird der Abschied sein, doch dein Kumpane ist zu alt.
Er kann dich nicht begleiten, bis zum Tor, dem nächsten Halt.
Wie schmerzhaft dieser Abschied ist, wie süß die Freundschaft war, wie weise!
Doch dein Freund hat ausgedient, allein machst du die nächste Reise.

Maria Aronov @ 2016

Maria Aronov • Freund oder Feind? • Über die Freundschaft

Freund oder Feind? 

Wir unterliegen einem ständigen Wandel. Vieles verändert sich, doch manche Dinge werden im Kern ihres Wesens niemals eine Neuerung durchleben. Dazu gehört einer der ältesten Begriffe der Welt, nämlich der der Freundschaft. Diese besteht aus zwei Seiten, der  wahren und falschen Freundschaft. Die letztere  birgt in sich den Egoismus.  Dieser ist ihr Nährboden, aus ihm wächst sie. Der Mensch dreht sich zu oft um seine eigene Achse. Er sucht nach Gewinn und Vorteilen, verliert sich dabei in Nichtigkeiten. Er  verwechselt oft den Begriff der Zeit mit dem des Geldes. Er will in nichts investieren, was ihm selbst keinen Nutzen bringen würde.

In „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupery spricht der Fuchs davon, dass die Menschen für die Freundschaft zu wenig Zeit hätten. Sie wollen zwar Freunde haben, aber bemühen sich nicht um die Entwicklung der Freundschaft:

»Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich! «

Die wahre Freundschaft hat den Begriff der Zeit als Basis. Hierbei handelt es sich nicht um eine Art Investition. Vielmehr geht es darum, dass die Zeit uns die Möglichkeit gibt, jemanden kennenzulernen, zu sehen, ob der Mensch überhaupt zu einem als „Freund“ passt.

Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor. By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 - Foto: Igor Palmin - http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ - CC BY-SA 2.0
Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor.
By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 – Foto: Igor Palmin – http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ – CC BY-SA 2.0

George Washington verglich die wahre Freundschaft mit einer „sehr langsam wachsenden Pflanze“. Außerdem kann die wahre Freundschaft nur dann zustande kommen, wenn beide Seiten dazu bereit sind, in einem schweren Moment die eigenen Bedürfnisse zurückzuschrauben und für den anderen da zu sein. Die Zeit, die Bereitschaft dazu, die Bedürfnisse eines anderen Menschen vor seine eigenen zu stellen sowie das Teilen von Kummer und Freude sind die Grundvoraussetzungen der Freundschaft, wie man sie seit Anfängen der Menschheit kennt. Auf diese Aspekte geht Wladimir Wyssozki in seinem Lied „Vom Freunde“ ein:

Wenn du nicht genau weißt, ob neben dir ein Freund oder doch ein Feind ist,
zieh mit ihm in die Berge! Riskiere es!

In der Seilschaft wirst du erkennen, wie er wirklich ist.

Ist dein Kumpan am Berg nicht zäh, will er sofort aufgeben und wieder nach unten? Stolpert er unterwegs und schreit dabei? Dann läuft neben dir ein Fremder!

Ärgere dich nicht über ihn! Schick ihn fort!

Solche Menschen nimmt man nicht hier hinauf
und man singt erst gar nicht von ihnen!

War dein Kumpan mürrisch, lief aber mit dir weiter und hielt dich fest, auch wenn jammernd, als du vom Felsen fielst?

Zog er mit dir wie in die Schlacht und stand dann mit dir trunken auf dem Gipfel?

Dann kannst du dich auf ihn wie auf dich selbst verlassen.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Das Lied von Wladimir Semjonowitsch Wyssozki [Hier gelangen Sie zum Porträt des Künstler – verfasst von Maria Aronov] verdeutlicht, dass der wahren Freundschaft jegliche Vorwürfe unbekannt sind. Entweder ist man füreinander da oder nicht. Fängt man an zu zweifeln und überlegt, ob der Freund zu einem steht oder doch etwas vorspielt, ist die Freundschaft nichts mehr wert.

Maria Aronov • Aufs Neue!

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Aufs Neue!

Wir sagen „Tschüß“ zum alten Jahr,

denken daran, was es brachte –

wie viel Gutes in ihm war

und wie man vor Freude lachte.

Wir erinnern uns an Glück und Schmerz,

doch sind auch schwere Zeiten wichtig.

Denn, was spürt unser Herz,

ist auf seine Weise richtig.

Lasst uns öffnen unsere Pforte, für das neue Lebensjahr.

Jeder Tag, den wir verleben, ist an sich doch wunderbar!

Jeder Schritt ist ein Ziel,

jedes Ziel birgt sehr viel Frohmut.

Und all das, was man erreicht,

tut der Seele einfach gut.

Wir sollten weiser werden,

für die Anderen mehr schaffen,

wie es Tiere tun in ihren Herden,

denn es ist das Jahr des Affen.

© Maria Aronov 2015

Maria Aronov • Eine konsumorientierte Welt – so ein Humbug!

Eine konsumorientierte Welt – so ein Humbug! 

Es ist kein Geheimnis, dass wir in einer konsumorientierten Gesellschaft leben. Der Mensch entfremdet sich immer mehr sich selbst. Man wird von ständig erneuerten Waren überhäuft, der Verstand des Menschen wird ausgeschaltet. Er muss nämlich mit der neuesten Technik, Kleidung, Spielzeugen Schritt halten können. Andernfalls wird er zum Außenseiter. Man verliert dadurch die Fähigkeit, die Dinge zu erhalten. Die Sachen dienen einem so lange, wie sie brauchbar sind. Das Verhalten wird auch auf die Mitmenschen übertragen. Es zerfallen immer mehr Beziehungen und Freundschaften, weil der Mensch der Meinung ist, alles leicht ersetzen zu können. Man ist zu bequem geworden, will sich um den Anderen nicht kümmern. Vielmehr will man konsumieren. Der Mensch und die Sachen dienen einem solange sie intakt sind. Es entwickelt sich der Egoismus – die Fixierung auf sich selbst und seine Vorteile. Man will in nichts und niemanden investieren. Zum Beispiel in Personen, die krank sind oder Hilfe brauchen. Solche Menschen werden abgestoßen. Dieses Phänomen ist sicherlich nicht neu in der Welt, aber es prägt sich leider immer weiter aus.  Viele Werte wie Liebe, gegenseitiges Geben und Nehmen, Fürsorge gehen verloren. Aus dem Wunsch nach Konsum entsteht Geiz, alles haben und nichts geben zu wollen. Der Mensch wird geblendet. Wie in meinem Text „Das große Herz des kleinen Prinzen“ möchte ich auch hier betonen, dass der Mensch mehr hinter die Dinge schauen sollte. Die Größe des Menschen darf nicht an seinem Äußeren und Geldbeutel gemessen werden. Man würde sonst eines Tages merken, dass man nichts hat, was wirklich etwas wert wäre.

Am Beispiel von Charles Dickens` „A Cristmas Carol“ möchte ich auf die oben genannte Problematik tiefer eingehen und darüber diskutieren, ob der Konsum und der damit verbundene Geiz die menschliche Existenz wirklich lebenswert machen.

Ebenezer Scrooge visited by the ghost of Jacob Marley.
Ebenezer Scrooge bekommt Besuch vom Geist Jacob Marleys.

Die sozialkritische Geschichte Dickens` beginnt damit, dass der Tod von Jacob Marley, der vor sieben Jahren an Weihnachten verstarb, verkündet wird. Jacob war der ehemalige Geschäftskollege und der einzige Freund des habgierigen Protagonisten Ebenezer Scrooge.

Für Scrooge hat sich seit dieser Zeit nichts geändert. Er lehnt Weihnachten immer noch völlig ab, vertreibt seinen Neffen an dem Fest der Liebe, gibt den Armen keine Spenden, weil er der Meinung sei, ihnen mit seinen Steuern bereits genug geholfen zu haben.

Die Geschichte muss nun eine Wendung nehmen, damit der Leser erkennen kann, worauf es im Leben wirklich ankommt. So belehrt uns Dickens mit seiner Weihnachtsgeschichte auf folgende Weise:

unerwartet taucht bei Scrooge zu Hause am Weihnachtsabend der Geist des verstorbenen Jacob Marleys auf. Scrooge ist schockiert, denn der Geist ist mit einer Kette behangen, an der sich Geldkassetten und Brieftaschen befinden. Diese stellen die Laster seines ehemaligen Geschäftslebens dar. Der Geist sagt dazu, dass er sich die Kette im Laufe des Lebens selbst geschmiedet habe und dass die Kette von Scrooge noch viel länger würde. Die Kette sei die Strafe dafür, dass Jacob sich zu seinen Lebzeiten nicht unter die Menschen begab, sondern nur für Geld lebte, um seinen Geiz zu stillen. Da er im Leben das Wesentliche nicht erkannte, muss er nun jetzt unter die Menschen als Geist gehen.

Charles Dickens
Charles Dickens

Mitten in der Nacht erscheint Scrooge ein weiterer Geist. Es ist „Der Geist der vergangenen Weihnacht“. Dieser entführt ihn in die Vergangenheit und zeigt ihm, dass er Weihnachten schon als Kind ablehnte, keine Freunde hatte und immer allein war. Anschließend führt der Geist seinen Lehrling in seine Jugendzeit, wo Scrooge eine Weihnachtsfeier in einem Betrieb sieht und merkt, dass man auch mit sehr wenig Geld glücklich sein kann. Auf dem letzten Halt durch die Vergangenheit sieht Scrooge, wie er seine große Liebe gegen die Liebe fürs Geld eintauschte.

Nun besuchen Scrooge zwei weitere Geister. Einer zeigt ihm die Gegenwart, in der Scrooge von seiner Familie als immer Grunzender und Grummelnder  dargestellt wird, der andere zeigt ihm die „zukünftige Weihnacht“, in der Scrooge nicht mehr lebt und von niemandem vermisst und beweint wird. Dies öffnet ihm die Augen und er ist dazu bereit sein Leben von nun an zu ändern, sich seiner Familie zu nähern, zu spenden und sogar zu lachen.

Was bedeutet der Besuch der Geister? Warum suchen sie ausgerechnet Scrooge auf? Die Geister wollten dem grimmigen alten Mann mithilfe der Zeitreise zu verstehen geben, wie sich sein Leben aufgrund seiner Haltung entwickelt hat. Er hat in seinem Leben nichts erreicht und auch sein Reichtum macht ihn nicht glücklich. Im Gegenteil, er hat alles verloren, was wirklich wichtig war – seine Familie und sogar die große Liebe.

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Die Geschichte zeigt uns, wie wertvoll Dinge sind, die man nicht kaufen kann. Das Geld gibt die Möglichkeit, zu existieren, aber nicht zu leben. Das, was das wirkliche Leben ausmacht, muss geistig erarbeitet werden. Das Leben ist die Freiheit des Geistes, seine Entfaltung und die Erkenntnis des Unsichtbaren. Der Konsumwahn verhindert dies. Er legt uns Ketten an, macht uns zu seinem Sklaven. Warum? Weil wir unsere Identität verlieren, blind werden und nur seine Befehle befolgen. Die Habgier erniedrigt den Menschen, sie nimmt ihm seine Freiheit und übt Macht an ihm aus, indem sie ihn alles kostet, was das Leben wirklich lebenswert macht – das von Herzen kommende Lachen, die Familie, Freunde und das Dasein für die Anderen, die das eigene Herz erfreuen können. In etwas oder jemanden von Herzen zu investieren, verschafft eine geistige Bindung, die unbezahlbar ist. Wirklich arm dagegen ist jemand, der sich eigenhändig mit seinem Egoismus und auch Geiz, Laster schmiedet, die ihn in Form eines Buckels runterziehen.

Der Mensch ist auf der Erde bloß ein Gast, doch sein Aufenthalt, auch wie bei Menschen, die man besucht, sollte Freude und Glückseligkeit hinterlassen. Wer nur für Geld lebt, wird gehen und niemand wird nach einiger Zeit von seiner vergangenen Existenz etwas wissen. Er wird gehen, wie ein schlechter Tag es tut, den man schnellstmöglich vergessen möchte. Die Erinnerungen an das Gute werden jedoch niemals sterben. Sie leben weiter in den Herzen der geliebten Menschen sowie in vielen anderen Formen, die in sich, manchmal auch unsichtbar, das Gute bergen.

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Maria Aronov über das Lesen und Schreiben

Foto: Privat
Foto: Privat

Welches Buch hat Ihr Partner / Eltern besonders beeindruckt?
Den Medicus von Noah Gordon findet mein Ehemann faszinierend.

Meine Eltern haben mehr als ein Buch, von dem sie beeindruckt sind. Dazu gehören bei meinem Vater die Romantrilogie „Die Forsyte – Saga“ des britischen Literaturnobelpreisträgers John Galsworthy sowie Lob und Rum“ des polnischen Schriftstellers Jarosław Leon Iwaszkiewicz. Mein Vater mag nämlich Bücher, die einen erziehen und Tipps auf den Lebensweg mitgeben.

Meine Mutter findet historische Romane verschiedener Autoren gut, besonders mag sie Lion Feuchtwanger. Im Moment ist ihr Lieblingsbuch „Judas von Keriath“ von dem russischen Schriftsteller Leonid Nikolajewitsch Andrejew. An dem Werk gefällt ihr die neue Interpretation des Autors, die kein anderer bisher bot.

Wahr oder falsch: “Ich blogge verfasse Texte fürs Internet vor allem, weil ich mich zu bestimmten Themen austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”
Leider wahr. In meinem Umfeld habe ich Gott sei dank zumindest einige Menschen, dazu zählt meine Familie, mit der ich mich über bestimmte Themen in den Gebieten der Philosophie, Literatur und Kunst austauschen kann. Ich hätte aber äußerst gern um mich herum ein weiteres Spektrum an Hobby – Lesern, mit denen man intensive Gespräche über bestimmte Themen führen kann. Dazu muss ich leider folgendes sagen:
Früher gehörten zu einem gesellschaftlichen Abend Gespräche über Literatur und Philosophie. Heute findet man immer seltener Menschen, die sich für die oben genannten Gebiete interessieren. Das empfinde ich als sehr traurig. Da ich ein großer Fan der antiken Philosophie bin, tut es mir umso mehr weh, wenn ich Äußerungen wie „Philosophie? Damit kann ich nichts anfangen“ oder „Die Philosophen waren doch alle bescheuert“ / „Wer braucht überhaupt Philosophie?“ höre. Dabei haben die Menschen keine Ahnung davon, dass es zwischen der abstrakten und theoretischen Philosophie riesen Unterschiede gibt. Sie haben sich nie damit auseinandergesetzt, aber Stereotype gebildet. Um es einfacher auszudrücken: der Mensch interessiert sich immer weniger für geistige Werte. Die Kultur gerät in Vergessenheit. Man kann sich mit seinen Mitmenschen immer weniger über Kultur unterhalten.

Obwohl ich kein großer Fan der sich immer schneller verbreiteten technischen Entwicklungen bin, muss ich sagen, dass das Internet eine großartige Erfindung ist. Einer der Gründe sind eben Blogs, Foren und Online-Zeitschriften, die einem ermöglichen, mehr Kultur – Interessenten für gute Unterhaltungen zu finden, auch wenn es nur eine Elite ist.

Ihre Lieblingswörter / Ausdrücke
„In erster Linie“. Warum? Weil ich gern meine Ansichten beziehungsweise die eines anderen Autors akzentuieren möchte.
„Des Weiteren“, weil ich bei einigen Interpretationen ungern bei einer Begründung bleibe.

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen?
Ich mag wie auch mein Vater, Bücher, die einen zum Nachdenken bringen, die einen belehren und Ratschläge fürs Leben geben. Natürlich lese ich auch ab und zu illustrierte Zeitschriften, aber das sind Texte, die man schnell wieder vergisst, über die man nicht nachdenkt. Ich mag Texte, die in Erinnerung bleiben und bestimmte Gefühle hervorrufen.

Habe ich Vorbilder fürs Schreiben?
Ich habe Lieblingsschriftsteller und auch Dichter. Das Wort „Vorbild“ bedeutet für mich, dass ich so sein will, wie jemand anderer es ist. Man kann durchaus vieles von seinen Lieblingsautoren lernen, aber das Schöne am Schreiben ist, dass jeder seine Individualität zum Vorschein bringen kann. Man kann und sollte sich für andere Autoren begeistern, muss sich aber im Klaren darüber sein, dass diese Begeisterung auf der Individualität des Autors basiert. Denn sie ist es, die ihn von allen anderen Verfassern unterscheidet. Wenn diese verloren ginge, wäre auch der Reiz des Autos weg. Es ist wichtig, auch beim Schreiben immer man selbst zu sein, seinen Stil zu finden und ihm treu zu bleiben.

Wer soll mich lesen?
Lesen sollten mich Personen jeden Alters und Geschlechts, die sich für Philosophie, Kultur und Literatur interessieren und diese auch zu schätzen wissen. Ich mag es, wenn man über das Geschriebene nachdenkt und dazu seine Gefühle beziehungsweise Gedanken äußert. Für oberflächliche Menschen wären meine Texte eine unverständliche Quelle.

Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?
Damit man ein Buch richtig aussucht, ist es erst einmal wichtig, das Genre / die Genres zu kennen, das / die man mag. Dazu gehört natürlich auch, Bücher zu lesen, die man vielleicht nicht so gut findet. Nur durch das Probieren kann man das Richtige für sich finden. Dann ist es natürlich wichtig, zwischen den Autoren zu unterscheiden – welchen Autor / welche Autoren mag ich / mag ich nicht. So kann man sich dem Ziel nähern, Bücher besser aussuchen zu können. Entdecken kann man ein gutes Buch durch Kritiken im Internet, durch Personen, die es einem empfohlen haben oder eben ganz zufällig in einer Buchhandlung durch einen anziehenden Buchtitel.

Damit man die Literatur genießen kann, braucht man ein spannendes Buch, ein leckeres Getränk und Ruhe, um sich voll und ganz auf den Inhalt konzentrieren zu können und alles um sich herum zu vergessen.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:
Dazu gehören wohl die Werke von Kafka, die gleichzeitig über ihn selbst geschrieben sind, da sie sehr viel seiner Autobiographie enthalten. Mich fasziniert zum Beispiel u.a. „Die Verwandlung“. Es gibt keinen andren Autor, der sich so sehr von mir unterscheidet und mich trotzdem mit der Tiefgründigkeit seiner Werke rührt.

Ein Buch, dessen Gestaltung/Cover/Design Sie besonders beeindruckt hat:
Mich beeindrucken Hard-Covers im alten klassischen Stil, wenn man eben das Gefühl hat, ein Buch in die Hand zu nehmen und etwas Vernünftiges zu lesen. Heute werden die Covers immer billiger, leider auch bei guten Büchern. Auf manchen ist zu viel gemalt für meinen Geschmack. Es fehlt die schlichte Eleganz, bei der der Titel und die gute Qualität im Vordergrund stehen.

Natürlich geht es bei einem Buch mehr um den Inhalt als um seine Aufmachung. Nichtsdestotrotz kann das Cover die Schönheit des Inhalts betonen. Ich mag die alte klassische Ausgabe der Werke von Goethe – ein schlichtes braunes Cover mit einer eleganten goldenen Umrandung.

Meine Lieblingskritiker:
Werner Keller, Albrecht Schöne, Hans Arens, Dorothea Lohmeyer und Ulrich Gaier.

„Was macht Literatur mit Dir, mit Deinem Leben?“
Die Literatur gibt mir die Möglichkeit, mich in andere Welten versetzt zu fühlen, etwas zu erleben, was unvergessen bleibt: ich reiste mit Robert Cole im 11. Jahrhundert von England nach Isfahan, erkundete mit dem kleinen Prinzen andere Planeten, tanzte mit Natascha Rostowa auf ihrem ersten Ball und kämpfte in der königlichen Garde an der Seite von D’Artagnan.

Meinem Leben gibt die Literatur einen tieferen Sinn. Ich lerne interessante Autoren kennen sowie ihre Hauptfiguren, die lebendig erscheinen und mich durch das Leben begleiten. Manche dieser Figuren werden zu echten Freunden, deren Stimmen man hört, wenn man mal einen guten Rat brauchen sollte.

Maria Aronov | Das große Herz des kleinen Prinzen

Das große Herz des kleinen Prinzen

„Mit der wahren Liebe verhält es sich wie mit Geisteserscheinungen: alle Welt redet davon, aber nur wenige haben sie gesehen.“

Francois de La Rochefoucauld (*15. September 1613 in Paris; † 17. März 1680).

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Titel der US-amerikanischen Originalausgabe von "Der kleine Prinz" - 1943
Titel der US-amerikanischen Originalausgabe von „Der kleine Prinz“ – 1943

Wir wissen also von der Existenz der wahren Liebe, aber nicht jeder ist in der Lage, diese auch zu sehen. So möchte ich das Zitat der französischen Literaten und Moralisten interpretieren. Folglich möchte ich erläutern, was der Grund für diese Misere sein könnte.

Es ist in unserer Kultur alles andere als einfach, hinter die Dinge zu sehen: das zu erkennen, was wirklich wahr, aufrichtig und einzigartig ist. Wir sind abgelenkt von Äußerlichkeiten, teilen die Welt in Kategorien auf; wie zum Beispiel schön und hässlich. Der Mensch grenzt sich ein, schafft Stereotype und übersieht dabei das Wichtigste. Doch nicht nur das Äußere, sondern auch die Worte können vieles falsch rüberbringen. Der Schall und auch das geschriebene Wort benötigen nämlich Materie, einen speziellen Raum, ein Medium, um seinen Adressaten zu erreichen. Es entstehen oft Missverständnisse, weil wir uns durch Äußerlichkeiten und Worte irritieren lassen. Auch Antoine de Saint Exupery bezeichnet die Sprache in seiner Erzählung „Der kleine Prinz“ als „die Quelle der Missverständnisse“.

Als irdischen Wesen fällt es uns nicht leicht, das Äußere loszulassen und uns auf unser Inneres zu konzentrieren. Wenn wir vom Inneren sprechen, meinen wir die wesentliche Substanz, die jedem Menschen gegeben ist, nämlich die Seele. Der Psychokardiologe Dr. Jochen Jordan (seit 2006 Leiter der Klinik für Psychokardiologie am Kerckhoff Rehabilitationszentrum in Bad Nauheim) beweist, dass der Sitz der Seele im Herzen ist. Mit ihm könnten wir hören und sehen, doch diese Fähigkeit entwickeln wir zu selten. Wir bleiben blind, denn unsere Augen können die geistige Welt nicht wahrnehmen. Wir sehen lediglich Hüllen, nicht ihre Inhalte.

Diese Problematik beschreibt Antoine de Saint Exupery auch in „Der kleine Prinz“. Der sanfte Junge mit dem schönen goldenen Haar erkennt dank dem Tipp des Fuchses, dass er die wahre Liebe längst gefunden, doch nichts von ihrer Existenz gemerkt hat. Die Rose, die er auf seinem Planeten hatte, glich seiner Meinung nach äußerlich vielen Anderen. Sie war für ihn nicht einzigartig.

fuchs-902802_1280_Alexas_FotosDer Fuchs, dem der traurige Junge auf seiner Reise durch die Welt begegnet, offenbart ihm, dass nicht das Äußere die Liebe ausmacht, sondern Unsichtbares wie die gemeinsam verbrachte Zeit, die damit verbundenen Erinnerungen sowie Freude und Schmerz, in denen sich unvermeidbar ein Teil der Seele befindet, der die Verbindung zueinander schafft. Dasselbe gilt auch für die Freundschaft. Die in das sich gegenseitige Kennenlernen und in das gemeinsame Miteinander investierte Zeit und Geduld machen die Freundschaft so kostbar. Die Abwesenheit der beiden Faktoren verweigert die Existenz der Freundschaft. Jedes Lebewesen gleicht dem Anderen. Es gibt in ihm keine Besonderheit:

„ … Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen andern unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig. Aber du hast weizenblondes Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen.

Man kennt nur die Dinge, die man zähmt. Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich…“

Durch die Worte des Fuchses verstehtreef-984352_1280 der kleine Prinz, dass die seiner Rose gleichenden anderen Rosen „leer“ sind, dass er für sie nicht sterben könnte, weil er ihr Inneres nicht kennt. Er erwidert: „Gewiss, ein Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine Rose ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist, die ich unter den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist, die ich mit dem Wandschirm geschützt habe. Da sie es ist, deren Raupen ich getötet habe (außer den zwei oder drei um der Schmetterlinge willen). Da sie es ist, die ich klagen oder sich rühmen gehört habe oder auch manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.“

Der Fuchs offenbart dem Jungen daraufhin sein Geheimnis für eine erfolgreiche Freundschaft und Liebe: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Nachdem sich der sanftmütige Prinz mit den Worten des Fuches intensiv beschäftigt hat, beschließt er zu sterben, um sich von der trügerischen Materie zu lösen. Denn es war sie, die ihn um seine Liebe gebracht hat. Darauf deutet der Satz hin: „Es ist zu weit. Ich kann diesen Leib da nicht mitnehmen. Er ist zu schwer.“ Der Prinz will nach Hause, zu seiner einzigen Geliebten, als Geist zurückkehren. Mehr braucht er nicht, denn in seiner Seele sind Liebe und Wärme, die ihm nicht nur zu seinem Planeten, sondern auch zum Herzen der Rose den richtigen Weg zeigen.

horse-430441_1280_387310Die Philosophie in der Erzählung des kleinen Prinzen verdeutlicht, dass die wahre Liebe und auch die Freundschaft, die der ersteren als Basis dient, auf einer geistigen Ebene existieren, die keinen Tod kennt: „Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein…“ Der Körper „wird daliegen wie eine alte verlassene Hülle. Man soll nicht traurig sein um solche alten Hüllen…“

Trotz der Traurigkeit, gibt uns der kleine Prinz viel Licht mit auf den Weg. Er zeigt uns, dass alles wirklich Wichtige unsichtbar, nicht greifbar ist. Es sind Dinge, die man spüren und fühlen, aber nicht sehen kann. Man kann sie geben und nehmen, aber nicht erzwingen. Sie lassen sich erhoffen, aber nicht erwarten. Es sind Geschenke der Seele, die demjenigen, der sie erhält, leicht aus der Hand fallen und zerbrechen können, wenn er sie nicht in seinem Herzen erkennt. Es sind Begriffe wie Geduld, Zweisamkeit und Zeit, die die wahre Freundschaft und die damit verbundene Liebe ausmachen.

Maria Aronov – Der Dämon in Goethes und Bulgakows Augen

Der Dämon in Goethes und Bulgakows Augen

The first book edition of The Master and Margarita by Mikhail Bulgakov (Paris: YMCA Press, 1967) - CC-BY-SA 4.0
Die Erstausgabe von Der Meister und Margarita von Mikhail Bulgakov (Paris: YMCA Press, 1967) – CC-BY-SA 4.0

Bulgakows Roman weist einige Ähnlichkeiten mit Goethes Faust auf. Dazu gehören der Pakt mit dem Teufel, die Hexerei und dämonische Feierlichkeiten.

Goethes Faust und Bulgakows Margarita gehen beide einen Pakt mit dem Teufel ein, um darin eine Rettung zu finden. Während der Wissenschaftler danach sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält und sich als „Thor“ bezeichnet sucht Margarita nach einer Möglichkeit, ihren Meister wiedersehen zu können.

Mephisto entführt Faust in eine Welt voller Ekel, Bosheit und Schmerz. Der Teufel verkörpert das reine Böse.

Voland, der Teufel, aus „Der Meister und Margarita“ dient Bulgakow als der Schlüssel zur Philosophie des Lebens. Mit dieser Hauptfigur zeigt der Schriftsteller, dass die Bezeichnung „Teufel“ nichts weiter als ein Wort ist, dass auch in ihm, wie in jedem anderen Vernunftwesen das Gute und das Böse nebeneinander existieren. Erst mit der Hilfe von Voland wird dem Liebespaar überhaupt ermöglicht, ein ruhiges Leben zu führen, auch wenn erst nach dem Tod. Faust jedoch, der sich mit dem Bösen verbindet, zerstört das Leben Gretchens, weil der Pakt mit dem Teufel für etwas Destruktives steht.

ADN-ZB Ludwig-28.7.89 Bez. Erfurt: "Faust"-Sammlung- Aus dem Jahre 1726 datiert die Bearbeitung des "Faust"-Stoffes von einem "Christlich-Meynenden". Das Buch gehört zu den Schätzen der "Faust"-Sammlung in der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar. (siehe auch 6 und 7 N und ADN-Meldung) - CC BY-SA 3.0 de
ADN-ZB Ludwig-28.7.89 Bez. Erfurt: „Faust“-Sammlung- Aus dem Jahre 1726 datiert die Bearbeitung des „Faust“-Stoffes von einem „Christlich-Meynenden“. Das Buch gehört zu den Schätzen der „Faust“-Sammlung in der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar. (siehe auch 6 und 7 N und ADN-Meldung) – CC BY-SA 3.0 de

Goethes Faust diente als Vorlage das Volksbuch von Dr. Faust aus dem Jahr 1587, das auf einer realen Persönlichkeit basiert: (Johann) Georg Faust  – * um 1480 † um 1541.
Dr. Faust war ein Wissenschaftler, der durch Luthers verbreiteten Aberglauben der Hexerei beschuldigt, folglich als „Teufelsbündler“ bezeichnet und schließlich hingerichtet wurde.

1991_CPA_PC_221_Stamp_1028Der Bund mit dem Teufel war gegen die kirchliche Lehre und wurde daher mit zerstörerischer Macht assoziiert. Bulgakows Werk geht dagegen über den religiösen Rahmen hinaus. Er kritisiert das Regime, das den Meister dazu getrieben hat, seinen Roman über Pontius Pilatus zu verbrennen, dabei stellt er Jesus als einen Philosophen dar und zeigt, dass der Teufel nicht von Gott verstoßen ist, sondern viel mehr Weise Entscheidungen trifft. Jeder soll Volands Aussage nach, das bekommen,  was er verdient und woran er glaubt.

Des Weiteren erinnert Bulgakows Teufels-Ball, an dem tote Verbrecher teilnehmen an Goethes Walpurgisnacht, die mit dem Obszönen assoziiert wird. Während Margarita sich aufopfert und Gastgeberin auf dem Ball präsentiert, ist für Faust die Nacht des Bösen eine Art Vergnügung. Fausts Wunsch nach Sinnlichkeit und deren Erleben ist das größte Abenteuer seiner Weltfahrt.

Mit der Walpurgisnacht hängt auch die Szene in der Hexenküche zusammen, denn schon dort verabredet sich Mephisto mit der Hexe auf die Walpurgisnacht.

In beiden Szenen stellen die Hexen das Milieu triebhafter Sinnlichkeit dar, die sie zusammen mit den Teufeln ausleben.

Die Walpurgisnacht steht für etwas Inhumanes, denn in ihr herrscht eine Sexualität, die durch Unverantwortlichkeit geprägt ist. Aus diesem Grund gehört diese Nacht Hexen und Teufeln. Sie besitzen nämlich weder einen Sinn für Verantwortung noch Scham.

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AuerbachsKeller – Leipzig – Skulptur: Goethe, Schiller

Auch die Handlung im Auerbachskeller weist auf die charakterliche Schwäche Fausts hin.  Wenn der Mensch nämlich tierisch ist, so ist es damit zu erklären. Wenn man das Übermaß an Alkohol und triebhafter Sinnlichkeit überschreitet, so wird einem Tier ähnlich, da man seine Triebhaftigkeit nicht mehr im Griff hat.

An dieser Stelle lässt sich auf die Aussage Kants zurückgreifen, dass im Fokus jeder Handlung das Ziel steht. Margarita, die das Böse auf sich nimmt, will den Meister erretten. Sie vergnügt sich nicht auf dem Ball. Obwohl sie zu einer Hexe, zu einem magischen Wesen wurde, handelt sie aus ihrem Verstand und der Seele heraus. Ihr eigentliches Ziel verliert sie nicht aus den Augen, während Faust sich dem teuflischen Vergnügen  ganz und gar hingibt.

Goethes Dichtung veranschaulicht an vielen Szenen, dass man durch die Verbindung mit dem Bösen, selbst zu einem Monster wird.

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Der Teufelspakt „Faust & Mephisto“, Stahlstich von Julius Nisle (um 1840)

Schaut man sich das Verhalten von Faust und den religiösen Aspekt Goethes an, der in dem Werk  nicht außer Acht gelassen wird, lässt sich sagen, dass Bulgakow mit seinen Hauptfiguren Goethes Faust in den Schatten stellen will: erstens verliert sich der Wissenschaftler selbst  auf der Suche nach der einzigen Wahrheit. Bulgakows Hauptfigur findet sich dagegen dank dem Teufel wieder. Der Meister wird von ihm aus der Irrenanstalt befreit und kann wieder zu dem werden, den ihm das Leben nahm, nämlich zu einem an sich selbst glaubenden Künstler. Zweitens geht Fausts Verhalten aus dem Pakt mit dem Teufel hervor und wirkt automatisch dem Guten entgegen. Er lässt sich von Mephisto verführen, verbindet sich mit dem Bösen, zerstört letztendlich das Leben von Gretchen, während Bulgakows Hauptfiguren gegen das Unheil (das Regime), die Ungerechtigkeit (die Faust übrigens selbst ausübt) kämpfen. Der Teufel stellt ihnen lediglich Mittel zur Verfügung und eröffnet ihnen als anständigen Personen den Weg in die Freiheit, die sie sich verdient und sehnlichst gewünscht haben. Ihre Liebe und Achtung voreinander sorgten für einen Anfang in einer neuen, romantischen ewigen Welt.

Franciszek Zmurko - Fausts's Vision - 1890
Franciszek Zmurko – Fausts Vision – 1890

Fausts Existenz und Freiheit sehen nach dem Teufelspakt anders aus. Er merkt, dass diese in der teuflischen Welt nichts als Verführung, Alkohol, Obszönität und Ekel bedeuten. In dieser Welt lässt sich nichts finden, was kostbar wäre und was nichts wert ist, hat auf die Dauer keinen Bestand.

Maria Aronov Φ Ein teuflisch guter Pakt Φ Ein Essay zu Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

Ein teuflisch guter Pakt Φ Ein Essay zu Michail Bulgakows  „Der Meister und Margarita“

Foto: Privat
Maria Aronov – Foto: Privat

Das zur Lebenszeit Michail Bulgakows verbotene Werk „Der Meister und Margarita“ stellt auf eine ironische Weise das atheistische und bürokratische Moskau dar. Es enthält ebenfalls Züge aus Bulgakows Leben, denn die Werke des Meisters, dem Hauptdarsteller des Romans, werden ebenfalls verboten: Der Meister schreibt an einem Werk über die Religion, über Pontius Pilatus und Jesus (auf diese Thematik gehe ich im nächsten Text näher ein).
Nach der Beendigung des Romans findet sich kein Verleger, der das Werk veröffentlichen würde; es werden lediglich einzelne Passagen des Romans gedruckt, die dann zum Hass auf den Autor führen.

Zur gleichen Zeit lernt der Meister seine Geliebte – Margarita – kennen; eine verheiratete Frau, die sich jedoch unsterblich in den Meister verliebt und ihm aufgrund seines Talents zu schreiben, den Titel Meister gibt. Auch er verfällt ihr. Zwischen den Beiden entwickeln sich große Gefühle. Das Glück hält jedoch nicht lange an, denn der Meister wird verhaftet, da er „illegale Literatur“ besitzt. Nach seiner Freilassung geht er aus freien Stücken in die Psychiatrie, um am Leben bleiben zu können.

In der Stadt des Romans herrscht der Teufel Voland. Dieser bietet Margarita die Chance, ihren Meister wiederzusehen. Für ihren Geliebten tritt Margarita in den Dienst des Teufels.

Bulgakow teilt die Welt in zwei verschiedene Subwelten auf: das Gute und das Böse. Diese beiden Welten sind Bestandteile jeden menschlichen Lebens. Der Autor zeigt in seinem Werk, inwiefern beide voneinander abhängen. Er personifiziert das Gute und das Böse, maskiert sie als Leben und Tod, Gott und Teufel.

Der Schriftsteller stellt sich die Frage, ob das Gute und das Böse einen Einfluss aufeinander haben und ob sie ohne einander in ihrer Existenz gefährdet wären.

Mit der Thematik von Gute und Böse setzte sich ebenso Immanuel Kant auseinander. In seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ spricht er von dem radikal Bösen, zu dem jeder Mensch einen Hang hat. Kant will anhand seiner Philosophie deutlich machen, dass das Böse in uns verwurzelt ist. Aus diesem Grund wählt er den Begriff „radikal“ (lat. radix = Wurzel). Nach Kant ist dem Menschen die Vernunft gegeben, durch die er zwischen Gut und Böse unterscheiden kann.

In der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ spricht Kant vom guten Willen und hält fest, dass dieser das höchste Gut sei. Demnach ist der Mensch ein unvollkommenes Wesen der Vernunft. Einerseits hat er den Willen, der ihm ermöglicht, vernünftig zu handeln, anderseits wirkt der Hang zum Bösen auf den Willen ein, sodass eine Gegenwirkung zum Zweck des Willens, dem die Vernunft zugrunde liegt, entsteht.

Doch ist die Neigung zum Bösen ein solch großer Feind des guten Willens?

Führt man sich Bulgakows „Der Meister und Margarita“ vor Augen, kommt man zu dem Schluss, dass das Gute ohne das Böse nicht existieren kann: es gäbe kein Gleichgewicht in der Welt.

Wenn man die Aussage Kants betrachtet, der Wille sei das höchste Gut des Menschen, lässt sich behaupten, dass man durch die Neigung zum Bösen nicht schlecht wird, sofern man als Willen das Ziel des Guten verfolgt.

***

Michail Afanassjewitsch Bulgakow - Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren
Michail Afanassjewitsch Bulgakow – Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren

Die Hauptfigur, Margarita, geht mit dem Teufel einen Pakt ein. Sie soll für eine Nacht zur Ballkönigin werden, denn der Teufel braucht eine Gastgeberin auf dem von ihm veranstalteten Ball für tote Verbrecher. Als Gegenzug soll der Teufel ihr wieder ein Leben mit dem Meister ermöglichen, nach dem sie sich sehr sehnt. Margarita stellt sich also um der Liebe willen auf die Seite des Bösen, sie wünscht sich, ihrem Geliebten noch einmal begegnen zu können. Margarita bekommt eine Salbe, nach deren Auftragen sie sich in eine Hexe verwandelt. Nun steht der Herrin des Hauses nichts mehr im Wege, um die aus dem Sarg auferstandenen Ballgäste zu begrüßen.

Dort lernt sie die teuflische High-Society kennen, Verbrecher, Betrüger auf allen Ebenen und Mörder. Ein Fest der Unzüchtigen, Gewissenlosen und Kriminellen findet statt. Die vom Feuer umgebenen Paare tanzen und amüsieren sich auf diesem teuflischen Ball.

Unter anderem ist eine Tote dabei, für die ein Verbrechen unausweichlich war, sodass sie dieses begehen musste und dadurch psychisch krank wurde. Sie landete als Konsequenz in der Hölle. Von der Schuld des wahren Verbrechers wollte niemand etwas hören, da er die Frau quasi zum Mord zwang, ihn jedoch selbst nicht beging. Er wurde zu seinen Lebzeiten nicht bestraft und konnte damit so der Hölle entkommen – eine Anspielung darauf, dass das Gericht auch über die Existenz der Seele nach dem Tod des Menschen entscheiden kann.

An dieser Stelle kritisiert Bulgakow die Oberschicht des damaligen Russlands, indem er die Gäste des Balls namentlich und biographisch vorstellt. Er zeigt, mit welchen Mitteln man in dieser Gesellschaft hochsteigen und alles erreichen kann, sofern man seine Neigung zum Bösen auslebt und die materielle Seite des Lebens als Ziel hat. Dazu gehören Münzenfälscher, Fremdgeher, Mörder der Ehepartner und der Geliebten des Königs am königlichen Hofe sowie Hochstapler.

***

Der Gehilfe des Teufels warnte Margarita davor, niemandem auf dem Ball besondere Aufmerksamkeit zu schenken, weil sie den Leuten sonst zu Kopf stiege.

Das zeigt, dass der Teufel den Wert seiner Umgebung kennt. Margarita ist in seinen Augen eine Person, der er vertrauen kann.

Obwohl Voland das Böse verkörpert, bricht er seinen Pakt nicht. Margarita sieht schließlich den Meister wieder.

Briefmarke USSR, designer Yu. Artsimenev / Русский: Почта СССР, художник Ю. Арцименев - 1991
Briefmarke USSR, designer Yu. Artsimenev /
Русский: Почта СССР, художник Ю. Арцименев – 1991

An diesem Beispiel von Bulgakow lässt sich erkennen, dass man nur durch die Wechselwirkung von Gut und Böse existieren kann. Der Teufel braucht das Gute, er braucht Margarita, um eine Gastgeberin auf dem Ball zu haben. Margarita braucht wiederum das Böse, um ihren Geliebten wiedersehen zu können. Dies zeigt uns, dass durch den Pakt ein Gleichgewicht zwischen dem Bösen und dem Guten hergestellt werden kann, sodass beide Seiten davon einen Nutzen tragen.
Daher lässt sich sagen, dass Kants These stimmt. Wir sind insofern unvollkommen, dass wir nicht ohne das Böse existieren können. Es ist uns weder als Neigung zum Bösen entbehrlich noch als dessen Personifikation in Form des Teufels. Warum können wir uns aber davon nicht trennen? Die Antwort auf die Frage ist ganz plausibel: Ohne das Böse würden wir das Gute nicht als Solches anerkennen. Es wäre für uns eine Selbstverständlichkeit. In unserer Unvollkommenheit steckt die Philosophie des Lebens. Erst, wenn man das Böse als solches anerkennt, kann man es als eine Art Instrument zur Erlangung des guten Ziels gebrauchen. Ist der Wille stark genug, kann man das Böse einerseits für einen guten Zweck einsetzen, wie Margarita es tut, indem sie auf den Ball des Teufels geht, um ihren Meister bald wiedersehen zu können. Andererseits um es zu verhindern, damit kein Schaden entsteht. An dieser Stelle widerspreche ich Kant, denn es gibt für mich keine Gegenwirkung zum Zweck des Willens, den das Böse beeinflussen würde. Unser Wille, dem die Vernunft zugrunde liegt, kann stärker als die Neigung zum Bösen sein.

Am Ende von Bulgakows Werks befreit der Teufel den Meister und seine Margarita mit einem Gift von ihrem unglücklichen Dasein auf der Erde. Der Meister wird nämlich von der Regierung wegen seiner Schriften weiterhin verfolgt, sodass das Liebespaar keine Ruhe auf der Erde findet. Die einzige Erlösung ist der Tod.

Voland und seine Gehilfen, unter Anderem der Todesdämon Asasello, begleiten die Seelen von Meister und Margarita zu dem „ewigen Haus“, von dem die beiden träumten. Dort sollen sie Ruhe und ihr Glück finden. Margarita betonte vor ihrem Tod, wie glücklich sie darüber sei, mit dem Dämon den Pakt eingegangen zu sein, denn das war für sie der einzige Weg, ihrem Liebsten nah zu sein.

Auch der Meister bedankt sich nach seinem Tod bei dem dunklen Dämon für sein neues Leben und seine Befreiung. Er bezeichnet diese als Glück.

Als sie vor ihrem Ritt in den Himmel ihr Haus anzünden, damit des Meisters weitere verbotene Schriften nicht mehr aufzufinden sind, sagt Margarita, dass im Feuer ihr Kummer des irdischen Lebens verbrennen soll.

Als die Beiden im Himmel ankommen, spazieren sie durch einen wunderschönen idyllischen Park zu ihrem „ewigen Haus“. Margarita sagt dabei folgendes zu ihrem Seelenverwandten:

„Hör die Stille und genieß das, was du im Leben nie hattest. Dort vorne steht dein ewiges Haus, das du als Belohnung erhalten hast. Dort gibt es ein venezianisches Fenster und wellende Reben, die bis zum Dach wachsen.
Ich weiß, dass abends zu dir die kommen werden, die du liebst, für die du dich interessiert und die dich nicht beunruhigen werden. Sie werden dir vorspielen und vorsingen.
Du wirst sehen, was für Licht es im Zimmer gibt, wenn die Kerzen brennen.
Du wirst mit einem Lächeln auf den Lippen einschlafen. Der Schlaf wird dich stärken. Du wirst weise Überlegungen treffen, aber mich wirst du nicht fortjagen können. Ich werde auf deinen Schlaf aufpassen.“

Maria Aronov Φ Die Zeit Φ Lyrik

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Du verkleidest dich als Leben,

Freude, Liebe und als Lachen.

Strickend leise  deine  Pläne

lässt du Hoffnungen entfachen.

*
Mit Magie, du Geist des Seins,  hinterlässt du tiefe Spuren,

gut maskiert und doch erkennbar

an sich wandelnden Figuren.

*
Läufst mit uns durch Kindheitstage, schöne  Jugend und das Alter.

Wenn wir fort sind, gibst du weiter,

das von uns erzeugte  Glück.

Maria Aronov ♣ Lässt sich das Schicksal eines Menschen von der Epoche beeinflussen? ♣ Über Michail Afanassjewitsch Bulgakow

Lässt sich das Schicksal eines Menschen von der Epoche beeinflussen?
Über Michail Afanassjewitsch Bulgakow

Michail Afanassjewitsch Bulgakow - Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren
Michail Afanassjewitsch Bulgakow – Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren

Schriftsteller sowie gesellschaftliche und politische Bewegungen haben einen großen Einfluss auf die Begründung neuer Epochen, doch ist die Wirkung nicht auch gegenseitig? Lässt sich das Schicksal eines Menschen durch die Epoche bestimmen?

Das Leben eines der größten Satiriker der russischen Literatur ist Michail Afanassjewitsch Bulgakow veranschaulicht, inwieweit der Mensch durch die Epoche geprägt werden kann.

Geboren wurde der Schriftsteller 1891 in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Er war der Sohn eines Dozenten an der Geistlichen Akademie Kiews, Afanassij Iwanowitsch Bulgakows sowie Warwara Michajlownas.

Nach dem Abitur studierte Michail Bulgakow an einer medizinischen Universität, die er erfolgreich abschloss. Zunächst arbeitete er als Landarzt und heiratete während seiner medizinischen Tätigkeit im Jahr 1913 Tatjana Nikolajewna Lappa.

In der Zeit des russischen Bürgerkriegs wurde Bulgakow 1919 als Arzt in die Republikanische Armee der Ukraine einberufen. Nach seiner Dissertation kam er in die südrussische Weiße Garde.

1921 zog Bulgakow nach Moskau. Er beendete seine Arbeit als Arzt und widmete sich ausschließlich dem schöpferischen Leben, fing an für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben. Er publizierte auch einzelne Prosastücke. Man druckte seine Reportagen, Essays und Kolumnen.

Bulgakow soll gesagt haben, dass das Schreiben für ihn, trotz späterer Probleme aufgrund der Zensur wegen der seine Werke nicht mehr veröffentlicht werden konnten, weniger gefährlich als die Medizin sei. Als Arzt müsste man nämlich stets einsatzbereit und unterwegs sein. Diese Parallelen finden sich auch im Roman von Boris Pasternak „Doktor Schiwago“ wieder, der der Roten Garde als Feldarzt dienen muss und durch seine Tätigkeit als Arzt zum permanenten Lebensortwechsel verdammt ist.

Nach der Scheidung heiratete Bulgakow 1924 Ljubow Jewgenjewna Beloserskaja. Zu seiner dritten Ehefrau im Jahr 1932 wurde Elena Schilowskaja. Dem Scheidungsgrund für die zweite Ehe diente der Vergleich mit Dostojewski, dem er der Aussage seiner Frau nach nicht gewachsen gewesen sei. Das hat ihn ziemlich verletzt, sodass die Ehe nicht hätte weitergeführt werden können.

Er arbeitete als Assistent des Regisseurs und auch als Librettist im Moskauer Bolschoj Theater.

MichailBulgakow Für seine Berühmtheit im Ausland, die ihm leider zum Verhängnis wurde, sorgte der Roman „Die weiße Garde“. Bulgakow träumte lange davon, auszureisen, doch sein Plan im Ausland zu leben, scheiterte kläglich. Durch seine Berühmtheit machte er die kommunistische Regierung auf sich aufmerksam. Man weigerte sich eine solch talentierte Person herzugeben, sodass dem Schriftsteller der Weg in eine andere Welt versperrt wurde.

Bulgakows spätere Darstellungen des Alltagslebens in den frühen Jahren der Sowjetunion unter Stalin waren grotesk, er übte viel Kritik an der Gesellschaft und wurde dem Regime ein Dorn im Auge. Viele seiner Werke wurden verboten und erst nach seinem Tod publiziert, darunter seine Erzählung “Das Hundeherz“ sowie der Roman “Der Meister und Margarita“, der viele Motive aus seiner Biographie enthält.

Trotz des Verbots seiner Werke, wich er nicht von seinen Thematiken ab und ließ das Regime nicht über sich siegen. Er blieb bei seiner Überzeugung und schrieb weitere Satiren, ließ sich nicht verändern.

Finanziell war Bulgakow abgesichert und hätte ein schönes Leben führen können, doch er litt unter dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, dem Volk, nichts mehr geben zu können.

Der talentierte Autor blieb trotz seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein guter Arzt und war sogar in der Lage, sich selbst eine Diagnose aufzustellen, als er erkrankte. Er hatte die Fortschritte seiner Krankheit mit dem jeweiligen Datum notiert und seine Prognosen stimmten mit dem Verlauf der Krankheit, der Nephrosklerose, überein.

Seine furchtbare Erkrankung war nicht nur die Folge jahrelanger Drogensucht, wegen der er in einer Klinik war, sondern auch die Unterdrückung seiner Entfaltung durch die Zensur Stalins.

Obwohl er sich seines Talents bewusst war, gab er zu, in seinem Leben weder glücklich noch erfolgreich gewesen zu sein.

1940 ist der Schriftsteller verendet.

Michail_BulhakowDas Leben von Michail Bulgakow sowie das vieler anderer Schriftsteller, Dichter und Denker zeigt, dass die Epoche mit der in ihr wirkenden Gesellschaft das Schicksal eines Menschen insofern bestimmen kann, dass sie ihm seinen körperlichen Tod bereitet, sie kann die Psyche beeinträchtigen, innere Leere und Einsamkeit hervorrufen, aus der physische Erkrankungen resultieren. Möglich wird es für die Epoche jedoch nicht sein, die Denkweise eines geistig starken Menschen zu manipulieren, ihn so weit zu bringen, dass er aufgibt, sein geistiges Schicksal der Epoche anpasst, indem er sein Ich, seinen Standpunkt um des Überlebens willen verleugnet. Was bliebe dann dem Menschen am Ende?

Folgend lässt sich das Schicksal in zwei Stufen aufteilen, in das Körperliche und Geistige, sofern der Geist stark ist. Die höhere Stufe nimmt der Geist ein, da dieser mit dem Tod nicht endet.

Der Geist kann zwar verletzt sein, wird sich jedoch einer gesellschaftlichen Vorschrift nicht fügen. Ein durch die Epoche geprägtes Schicksal des Geistes bescherte uns ein Leben ohne jegliche Werte, Prinzipien, man verlöre sich selbst und existierte als eine Art geistlose Hülle. In diesem Fall gäbe es nur ein Schicksal, keine Trennung vom Körper und Geist. Diese Art von Schicksal wäre von vornherein bestimmt als eine Art sinnlose Existenz, die von der Epoche geprägt und beherrscht würde.

Die Offenlegung der Seele und deren Folgen – Maria Aronov

Die Offenlegung der Seele und deren Folgen

– Am Beispiel von Lermontov und Jessenin – trennlinie2

Obwohl zwischen den Dichtungen von  Lermontov und Jessenin circa 80 Jahre dazwischenliegen weisen diese viele Gemeinsamkeiten auf. Nicht nur die Machthaber des Landes als gemeinsamer Feind beider, sondern auch die Empfindung der Welt und des Lebens verbindet sie.
Ihre Dichtungen unterscheiden sich in der Wortwahl und Sprache. Beide Dichter schreiben sehr melodisch und drücken auf ihre Art und Weise ihre Gefühle und Beobachtungen aus. Der Reim in Verbindung mit einem tiefen Gefühl ist das, was einen unvergesslichen Dichter ausmacht. Diese Gabe war Jessenin und Lermontov eigen.
Der vom Land aus einer Bauernfamilie stammende Poet Jessenin schreibt nicht nur über die Natur, der er durch die dörfliche Landschaft hautnah begegnen konnte, es entwickelt sich in den Gedichten des jungen Genies eine sanfte Melancholie, die er durch eine relativ einfache Wortwahl so zum Schein bringt, dass sie die Herzen der Leser bis ins Innerste trifft.
Viele seiner Gedichte enthalten nicht nur präzise Beobachtungen der Außenwelt, sondern sind autobiografisch. Der Dichter öffnet sein Herz und erzählt weise über seine tiefe Einsamkeit, seine gescheiterten Beziehungen und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Er verwendet dabei oft die „ich-Form“ oder die direkte Anrede an die Person, der er seine Gefühle offenbart.
Eins seiner schönsten Gedichte „So erschöpft war ich noch nie“ befasst sich mit der Vergänglichkeit des Schönen und der damit verbundene Enttäuschung  im Leben. Er schreibt darüber, wie erschöpft er von seinem unglücklichen Sein ist. Seine Liebesgeschichten, die er als „die dunkle Macht“ bezeichnet, sollen ihn lediglich zum Wein verführt haben, doch seine wirklichen Sehnsüchte blieben ungestillt.
Er betont in diesem Gedicht, dass ihn in der Liebe die Leichtigkeit des Sieges nicht glücklich macht und auch der Betrug seitens seiner Partnerinnen nicht verletzt.
Auch in dem Gedicht „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, spricht er von der einen Begegnung, die niemals stattfinden wird.
Lermontov_JesseninIm  oben erwähnten Gedicht „So erschöpft war ich noch nie“ nutzt er als Metapher für die Vergänglichkeit der Zeit den Ausdruck „die goldenen Haare“, die sich nach und nach in Graue verwandeln. Obwohl die Zeit schnell verfliegt, bereut er die vergangenen Jahre nicht, er will nichts zurückholen, denn er ist müde von den Qualen des Lebens, das ihm beigebracht hat, nach Außen ein aufgesetztes Lächeln und im Inneren das stille Licht und die Ruhe eines Toten zu tragen.
Seinen Respekt erweist er der Natur und erinnert sich an die Landschaft in dem Dorf, wo er aufgewachsen ist.
Der Mensch betoniert die Natur ein, es wird ihr Quasi eine Zwangsjacke angelegt, sodass sie sich nicht frei entfalten kann und als ihr Teil wandelt Jessenin auch hin und her, weil die Verfolgung ihn dazu zwingt.
Nicht nur die Veröffentlichung seines Werks „Das Land der Schurken“, sondern auch durch die Offenlegung seiner Seele vor der Welt in seinen Dichtungen stellt Jessenin seine große Courage unter den Beweis.
Doch nicht nur seine Gedichte enthalten eine melancholische Ader. Auch Lermontov, der mystische Dichter, erzählt in seinen Gedichten von der Einsamkeit und der Finsternis der Welt.
Im Gegensatz zu Jessenin benutzt er dabei nicht die Ich-Form, seine Ausdrucksweise ist gehoben und er spricht in Bildern, präsentiert oft Gestalten, drückt in seinen Gedichten aber ebenfalls nicht nur seine Wahrnehmung der Welt aus, sondern auch sein Inneres und die ihm widerfahrenen Erfahrungen.
Zwei seiner bekanntesten Gedichte sind „Der Engel“ und der „Dämon“.  Im ersteren spricht er darüber, wie ein Engel seine Seele in den Händen auf die Erde trägt, er singt dabei über Gott und das Gute, doch die Welt voller Tränen und Trauer sorgt dafür, dass der Engel am Ende zwar noch existiert, aber seine Seele zerstört ist, denn ihr wurden die Worte genommen. Sie soll schweigen.
Diese Aussage deutet darauf hin, dass dem Menschen das Wort verboten wird, sodass er existiert, aber weder seinen Kummer noch seine Gedanken und Sorgen der Welt präsentieren kann, ohne dabei sein Leben zu verlieren. Doch ist eine solche Existenz überhaupt möglich?
Im letzteren wird erzählt, wie der aus dem Himmel vertriebene traurige Dämon über der sündigen Erde fliegt. Er fliegt durch den Nebel, überquert Wüsten, die ihm keine Gemütlichkeit bieten.
Über die Gemütlichkeit spricht Lermontov womöglich, weil diese dem Guten entspringt. Ein Heim kann nie gemütlich sein, wenn man darin nicht seine Seele hineinsteckt. Der Dämon als seelenloses Wesen kann sich also keine Gemütlichkeit schaffen und in der Wüste kann nur jemand ein Heim errichten, der in der Lage ist, dieser mit seiner Seele zu begegnen.
Auf seiner Reise als Herrscher über die Erde schafft der Dämon Böses und stößt nirgends auf Widerstand.
Über die Abwesenheit des Widerstandes gegen das Böse schreibt auch Jessenin in seinem Gedicht „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, indem er sich von seinem Freund, dem Fan, verabschiedet und gleichzeitig zeigt, wie einsam er in seiner Lage ist, da keiner mehr für ihn kämpft und den Mut dazu hat, gemeinsam mit ihm gegen das sowjetische Regime vorzugehen.
Lermontov stellt die Erde als eine Art Hölle dar, die dem Dämon dient. Die Offenheit und Reinheit der Seele werden zerstört, sobald man sie nach außen trägt. Die Welt, in der wir leben akzeptiert keine Melancholie und Güte, sie nimmt nichts an, was von der Seele kommt. Nur das Böse hat Macht über sie und gedeiht. Um ihm entgegentreten zu können, braucht man mehr Gutes in Form von wahrhaftigen Worten.
Beide Dichter wurden aufgrund ihrer Offenheit und ihres Mutes schon in ihren jungen Jahren dem Tode geweiht. Auch dies ist ein Beweis dafür, dass in den dazwischenliegenden Jahren die Welt sich nicht verändert hat, sie hat es nicht gelernt, sich dem Guten zu widmen.
Vielleicht war das kurze Sein der beiden Genies auf der Erde ein Zweck, damit wir ihre Worte beherzigen und gemeinsam gegen den Dämon kämpfen.

Maria Aronov – Lyrik, Gesellschaft & Geschichte

Foto: Privat
Foto: Privat

Maria Aronov wurde 1983 geboren und studierte in Kassel Sprach- und Literaturwissenschaften,  sowie Deutsch als Fremdsprache  und Philosophie. Im Jahr 2008 schloss sie ihr Studium erfolgreich ab und ist seitdem als Dozentin für Deutsch als Fremdsprache tätig.
Ihr größtes Hobby ist Gedichte zu schreiben, und das bereits seit ihrer Kindheit.

Maria Aronov | Der Herbst

Der Herbst

Mit deiner Herrlichkeit, du holde  Jahreszeit, verführst du lang ersehnte Blüten

und  wandelst sie in einem  Atemzug in ein goldenes Geschöpf.

Du wirst  mit deiner Liebe weite Landschaft hüten,

die von der sommerlichen Grüne ist erschöpft.

Die Vöglein verlassen warme Nester, begleitet werden sie vom rot gefärbten Laub.

Die Bäume haben  unbedeckte Äste, der herbe  Wind  bekannte sich zu jähem Raub.

Es dunkelt früh, viel kürzer werden Tage, doch deinem edlen  Antlitz droht der frühe  Abend nicht.

 Mit deinem engelsgleichen absoluten Nimbus, bekehrst du kühle  Dunkelheit zum golden sanften Licht.

 Die frische Luft vertreibt das kurze Sein des noch seit gestern warmen Sommergeists.

 In ihrer Kälte wirkt  sie klar und  rein, unendlich leicht, doch auch traurig meist.

 Die Zeit des Schlafes naht,  es werden still die Wälder.

Entweihe nicht die Welt von deiner edlen  Pracht! Verbreite sie, umflieg die kahlen Felder!

Halt auf den Gast der langen trüben Nacht!

© Maria Aronov 2014

Kann der Mensch über die Macht des Geldes siegen? € Maria Aronov

Kann der Mensch über die Macht des Geldes siegen?

Seit Anfängen der Menschheit geht es um Besitz und Macht. Oft wird Macht mit Geld gleichgesetzt, sodass sich nicht der Weise an der Spitze einer Gesellschaft befindet, sondern derjenige, der es sich leisten kann oben zu sein. Nicht umsonst sagt man, das Geld regiere die Welt. Die Betonung in diesem Satz liegt auf dem Geld, denn der Mensch wird zu seinem Sklaven. Es hat die Macht, seine Gegner die Gerechtigkeit und Wahrheit zu zerstören. Es ist in der Lage, Böses und Unruhe zu stiften, sogar in Familien.
Es wurden bereits viele Denker und Dichter beseitigt, weil sie den Reichen trotzten. Sie bezeichneten sie als oberflächlich, als ahnungslose Richter und Wahrheitsleugner.

Leider erfuhr auch der große Dichter und Schriftsteller Michail Jurjewitsch Lermontov (1814-1841) die bittere Seite des Reichtums. Der Poet wuchs bei seiner wohlhabenden Großmutter auf, die eigenes Gut besaß. Dort hatte er die Möglichkeit, Bauern kennenzulernen. Durch sie und die eigene Beobachtung merkte er, dass das Geld wichtig für das Überleben, aber nicht das Wichtigste im Leben sei. Er sah, wie schwer es für sie war, für das Überleben zu schuften, während die Reichen nichts dafür tun mussten, im Gegenteil, sie vertrieben ihre Zeit mit sinnlosen und sündigen Dingen.

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In Lermontovs Familie stritt man sich oft über den Nachlass, sodass der junge Dichter endgültig verstand, dass die Macht des Geldes eine dreckige und zugleich traurige Wahrheit unserer Welt ist.
Leider hat die Welt nie die einzig Schöne Seite des Lebens erkannt, nämlich die der Wahrheit, stattdessen wurde diese in Form von Gedichten, die sich gegen die Hof-Gesellschaft richtete und verschiedener Äußerungen zerstört. Man brachte nicht die Welt durch Genies wie Lermontov oder auch Puschkin zum Blühen, sondern durch goldene Pracht des Hofs, die im Inneren leer und düster war.
Die beiden jungen Dichter und Denker Puschkin und Lermontov werden zu Opfern der grausamen Gesellschaft. Nach Puschkins Tod im Jahr 1837 bei einem Duell , als dieser gerade mal 38 Jahre alt war, widmete Lermontov ihm ein Gedicht „der Tod des Poeten“, in dem er offenlegt, dass der Mord an Puschkin nicht unumgänglich war. Die Hof-Gesellschaft hätte ihn hingerichtet:

…Ihr, die ihr am Thron steht als gierige Schar,
Henker von Freiheit, Genie und Ruhm!
Ihr verbergt euch hinter dem schützenden Gesetz,
vor euch müssen Gericht und Wahrheit, muß alles schweigen…
Otto Hauser: Weltgeschichte der Literatur. 1910, S. 419.

Da Lermontov mit seinen (wahrheitsgemäßen) Äußerungen der Gesellschaft unbequem wurde, wurde er in ein Militärregiment in den Kaukasus verbannt, das er jedoch überlebte. Den Tod fand er später ebenfalls bei einem Duell. Der Autor war nämlich eine zu große Last für die Hof-Gesellschaft, die er als „lasterhaft“ bezeichnet.
Lermontov schreibt in seinem Gedicht, das er Puschkin widmet ebenso darüber, dass der Reiche voller Angst davor sei, dass man ihn mit dem Talent und Wissen aus dem Fokus der Gesellschaft verdrängen könnte, was für ihn die höchste Priorität sei. Ein weiterer Grund also Puschkin und Lermontov loswerden zu wollen.

Der Dichter fiel – von Schurken wähnte
Er seiner Ehre sich beraubt.
Er traf ins Herz, der ihn verhöhnte,
Und sterbend sank sein stolzes Haupt!…

…Der ihn gemordet, kalten Blutes
Hat er’s getan…Er schoß gewandt;
Sein leeres Herz war rohen Mutes,
Und nicht gezittert hat die Hand…

…Aus fernen Reichen
Kam er als Abenteurer her,
Und hundert andre so wie er,
Sich Glück und Ämter zu erschleichen;
Er schätzte unser Land gering,
Sein Recht und Brauch, sein Wort und Wissen,
Hätt gern uns Ruhm und Ehr entrissen;
Wie konnte er bei Abschuß wissen,
An wem sich seine Hand verging…
Aus „Ausgewählte Werke“ Rütten & Löning. Berlin 1987

trennlinie2Michail Jurjewitsch Lermontow (russisch Михаи́л Ю́рьевич Ле́рмонтов; wissenschaftliche Transliteration Mihail Ûr’evič Lermontov; * 3. Oktoberjul./ 15. Oktober 1814greg., Moskau; † 15. Julijul./ 27. Juli 1841greg. im Duell in Pjatigorsk), war ein russischer Dichter. Neben Alexander Puschkin und Fjodor Tjuttschew ist er einer der bedeutendsten Vertreter der romantischen Literatur in Russland. – Quelle: wikipedia

Weitere Lyrik von Michail Jurjewitsch Lermontow finden Sie im Magazin hier.

Maria Aronov – Ein Gespräch über Lyrik

Foto: Privat
Foto: Privat

Maria, Du schreibst Gedichte. Was machst Du außerdem?
Neben dem Schreiben unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache. Das ist nicht nur mein Beruf, sondern auch mein Hobby.

Was bedeutet Dir Sprache? Warum ausgerechnet Lyrik?
Ohne Sprache könnte eine Zivilisation nicht existieren. Bereits in der Bibel wird erwähnt, dass am Anfang das Wort gewesen sei.  Die Sprache ist für mich der Anfang jeder einzelnen Wissenschaft, denn ohne sie könnten wir keine einzige Idee festhalten und verwirklichen.

Warum Lyrik?
Die Sprache ist ein Werkzeug, mit dem man seine Gefühle besser zur Geltung bringen kann und genau dasselbe tut auch die Musik. Die Lyrik ist für mich eine Verbindung zwischen Sprache und Musik und kann jede Laune,  Beobachtung und jeden Traum melodisch ausdrücken.

Was würdest Du einem Menschen, der bisher nichts mit Lyrik anfangen konnte, empfehlen damit er Lust bekommt sich das Dichtwerk zu erschließen?Weiterlesen

Maria Aronov | Das Gewitter oder Sinfonia

Eine milde  Berührung des Windes, ein Hauch der irdischen Luft.

Was ereignet sich nur am Himmel, woher kommt der herrliche Duft?

Leichte Tröpfchen fallen vom Himmel, wie Tau am Morgen und  die Sonne, die kämpferisch strahlt,

weisen uns Wege nach Haus,  deren Muster die Erde bemalt.

Letzter  Wink des vergehenden Tages, erster  Gruß  der hallenden Nacht.

Ah wie prachtvoll ist diese Erscheinung der mystisch düsteren Macht!

Dunkles Königreich eröffnet  das Opus,

dessen Vorspiel  Beethovens Sinfonia gleicht –

mit den sanft – melancholischen Tönen

werden gar himmlische Wesen erreicht.

Die letzten erklingenden Lieder,  die letzten Minuten des Glücks.

Langsam nähert sich das Ende des unverhofft magischen Stücks.

Das Bühnenbild wechselt zum  farbigen Bogen, zum  helleren, weicheren Schein.

Der Vorhang fällt nieder,

die Sonne erleuchtet.

Der Himmel ist blau und  rein.

© Maria Aronov 2014

Maria Aronov ♣ Utopia ♣ Lyrik

Illustration: Mystic Art Design
Illustration: Mystic Art Design

Durch  das Fenster  der Zukunft zeigt sich sonnig grüne Wiese.

Luftig zart weht  quer  durchs Land eine leichte Meeresbrise.

Jeder Tag trägt  neue  Kleider  und  die Nacht…  – die gibt es nicht.

Poesie malt frohe Bilder, farbenfroh und  voller Licht.

Der Dichter  dichtet Farben,  der Maler setzt sie um

und  verdient sich ohne Zweifel  einen sagenhaften Ruhm.

In dem Wechsel  der Farben  scheint alles leicht und  frei.

Wie die Schmetterlinge fliegen! Und die Blumen  allerlei!

Es ist warm, es funkelt alles. Doch was ist das, das so strahlt?

Sind das uns bekannte Seelen, die der Maler dort  gemalt?

Über den des Dichters Block gleiten  geistige  Gestalten,

ihre Form ist unbeständig, doch verziert mit Diamanten.

Nie wird  hier das Böse weilen,  nur die Menschen, die man liebt.

Eine Welt, die es voller Huld irgendwo in der Ferne gibt.