Schlagwort: Lou Andreas-Salomé

Die nachdenkliche Frau | Léon Spilliaert trifft Lou Andreas-Salomé

Des Nachts bisweilen, wenn der Sturm sich erhob, oder wenn oben im Giebelraum das Brustkind weinte und die Fischersfrau es in den Schlaf sang, vielleicht an den Mann denkend, dessen Boot im Sturm schaukelte – dann kam über Anneliese sehr stark das Gefühl von dieser sie umkreisenden, eigentlichen Wirklichkeit, und dann wollten ihr die beiden kleinen Stuben unten mit ihrem Muschelkram und den fremden Betten vorkommen wie ein bloß geliehenes Glück – Glücksobdach für kurze, ganz kurze Ferienwochen.

[Aus: Lou Andreas-Salomé: Das Haus von 1921 | Kapitel 15]

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Titelbild: Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

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Vissersvrouw nadenkend | Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

 

Lou Andreas-Salomé – Liebeserleben – Aus: Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé

In jedem Leben geschieht es noch einmal, daß es sich müht, wiederzubeginnen wie mit Neugeburt: mit Recht nennt das vielzitierte Wort die Pubertät eine zweite Geburt. Nach etlichen Jahren bereits geleisteter Anpassung an das uns umgebende Daseinsgeschehen, an dessen Ordnungen und Urteilsweisen, die unser kleines Hirn ohne weiteres überwältigten, springt, mit herannahender Körperreife, auf einmal eine Urwüchsigkeit in uns so vehement dawider an, als habe sich nun erst die Welt zu formen, in die das Kind herniederkam, – unbelehrt, unbelehrbar im Ansturm seiner Wunschvoraussetzungen.
Auch dem nüchternsten Erleben ersteht irgendwo diese Verzauberung: das Gefühl, als erstehe die Welt als eine ganz andere, neue, und als sei, was dem widerspricht, ein unfaßliches Mißverständnis gewesen. Weil wir aber bei dieser tollkühnen Behauptung nicht beharren dürfen und weil wir der Welt, wie sie ist, dann doch unterliegen, so umspinnt sich uns später alle solche »Romantik« mit Schleiern wehmütigen Rückblicks – wie auf mondbeglänzten Waldsee oder geisterhaft winkende Ruine. Uns verwechselt sich dann, was uns im Innersten pulst, mit Gefühlsüberschüssen, die sich an irgendeinen zeitlichen Ablauf, unproportioniert und unproduktiv, verhängten. Aber faktisch stammt das zu Unrecht »romantisch« Benannte aus dem Unzerfallbarsten in uns, dem Robustesten, Urhaftesten, der Kraft des Lebens selber, die allein es mit dem Dasein draußen aufnehmen kann, weil sie dessen inne bleibt, daß zutiefst Draußen und Drinnen denselben Boden unter sich haben.Weiterlesen

Lou Andreas-Salomé – Erinnertes an Sigmund Freud (1936) – Aus: Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé

Als ich, aus einem Aufenthalt in Schweden heimwärts reisend, auf dem Weimarer psychoanalytischen Kongreß im Herbst 1911 vor Freud stand, lachte er mich für meine Vehemenz, seine Psychoanalyse lernen zu wollen, sehr aus, denn noch dachte niemand an Lehrinstitute, wie sie später des Nachwuchses halber in Berlin und Wien geplant wurden. Als ich dann, nach halbjährigem autodidaktischem Vorstudium, bei Freud in Wien anlangte, da lachte er mich, die Ahnungslose, noch herzlicher aus, da ich ihm mitteilte, außer mit ihm auch mit Alfred Adler, dem ihm inzwischen spinnefeind Gewordenen, arbeiten zu wollen. Gutmütig gab er das zu unter der Bedingung, daß weder von ihm dorthin, noch von dort in seinen Umkreis geredet würde. Diese Bedingung erfüllte sich so sehr, daß Freud erst nach Monaten meine Trennung von Adlers Arbeitskreis in Erfahrung brachte. Aber wovon ich berichten möchte, bezieht sich nicht auf irgendwelche Theorienbildung, denn auch die fesselndste würde mich nicht haben ablenken können von dem, was Freuds Funde enthielten. Eine Ablenkung davon hätte – wenn man sich sein »Finden« vorstellt weder ein blendendster Theoretisierer dieser Funde bewerkstelligen können, noch auch würde es geschmälert worden sein durch eine verunglückte oder unvollendete Theorie Freuds selber darüber, Theorien – und damals gab es noch im Werden begriffene – galten ihm als das unumgängliche Verständigungsmittel unter den Mitarbeitenden, und wo sie sich ihm bildeten, da zeigten sie selbstverständlich den Charakter seiner wissenschaftlich und personell auf exakteste Nüchternheit eingeschworenen Denkungsart.Weiterlesen

Lou Andreas-Salomé -Das Erlebnis Sigmund Freud – Aus: Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé

Zwei einander sehr entgegengesetzte Lebenseindrücke sind es gewesen, die mich für die Begegnung mit Freuds Tiefenpsychologie besonders empfänglich machten: das Miterleben der Außerordentlichkeit und Seltenheit des Seelenschicksals eines Einzelnen – und das Aufwachsen unter einer Volksart von ohne weiteres sich gebender Innerlichkeit. Auf das Eine soll hier nicht zurückgegriffen werden. Das Andere war Rußland.
In Bezug auf den Russen hat man oft gesagt – und Freud selber tat es in der Zeit vermehrter Russenkundschaft, vor dem Kriege –, daß bei diesem »Material«, krankem wie gesundem, zweierlei aufeinandertreffe, was sich sonst weniger häufig gesellt: eine Simplizität der Struktur – und eine Befähigung, im einzelnen Fall redselig eindringend auch noch Kompliziertes aufzuschließen, seelisch Schwierigem Äußerung zu finden. Ganz ähnlich wirkte ja von jeher russische Literatur, und nicht nur bei ihren Großen, sondern noch hinabreichend bis in ihre Mittellage (die daran formlos wurde): letzte Grundaufrichtigkeiten reden fast kindhaft unmittelbar von Letztlichkeiten der Entwicklung, als wüchse diese hier direkter, unvermittelter aus Urhaftem empor zu Bewußtwerdungen. Denke ich an den Menschen, wie er mir in Rußland aufging, so begreife ich gut, was ihn solcher Weise für uns heute leichter »analysierbar« macht und was ihn zugleich sich selbst gegenüber aufrichtiger erhält: die Verdrängungsschichten bleiben dünner, lockerer, die sich bei ältern Kulturvölkern hemmend zwischen die Grunderlebnisse und deren Reflex im bewußten Nacherleben einschieben. Hieran läßt sich etwas leichter erklären, was der praktischen Analyse Haupt- und Kernproblem bildet: nämlich, wieviel vom infantilen Untergrund unser Aller das natürliche Wachstum dauernd bedinge und wieviel davon statt dessen krankhaftem Zurückrutsch diene, der von schon erreichtem Bewußtseinsniveau abfällt in unüberwundene Frühstadien.Weiterlesen

Lou Andreas-Salomé über das Leben

Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé

»Menschenleben – ach! Leben überhaupt – ist Dichtung. Uns selber unbewußt leben wir es, Tag um Tag wie Stück um Stück, – in seiner unantastbaren Ganzheit aber lebt es, dichtet es uns. Weit, weitab von der alten Phrase vom ›Sich-das-Leben-zum-Kunstwerk-machen‹; wir sind nicht unser Kunstwerk.«

Lou Andreas-Salomé

Lou Andreas-Salomé – Fenitschka – Eine Erzählung

Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé

Es war im September, der stillsten Zeit des Pariser Lebens. Die vornehme Welt steckte in den Seebädern, die Fremden wurden scharenweise von der drückenden Hitze vertrieben. Trotzdem drängte sich an den schwülen Abenden auf den Boulevards eine so vielköpfige Menge, daß sie der Hochsaison jeder andern Stadt immer noch genügt hätte.
Max Werner flanierte nach Mitternacht über den Boulevard St. Michel, als er in eine kleine Gesellschaft ihm bekannter Familien hineingeriet. Sie hatten mit durchreisenden Freunden ein Theater besucht und wollten nun diesen Herren und Damen ein wenig »Paris bei Nacht« zeigen, – nämlich erst in einem charakteristischen Nachtcafé des Quartier Latin einkehren und dann, im Morgengrauen, um die Stunde, wo die Stadt schläft, den interessanten Trubel bei den Hallen betrachten, wenn der verödete Platz sich mit den Marktleuten belebt, die ihre Waren vom Lande einfahren und sie ausbreiten.
Nach einigem Zögern und Schwanken von Seiten der Damen entschied man sich für das Café Darcourt, das um diese Stunde schon überfüllt war mit den Grisetten und Studenten des Quartier, und besetzte ein paar der kleinen Marmortische draußen, die auf dem Trottoir, mitten unter den Passanten, an den weitgeöffneten, hellerleuchteten Fenstern entlang standen.Weiterlesen

Lou Andreas-Salomé – Eine Ausschweifung

Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé

Hier in meinem lichten Atelier ist es endlich zur Aussprache zwischen uns gekommen, und nirgends anders durfte es auch sein, – denn von sämtlichen Männern, die ich gekannt, gehörst du am engsten und intimsten in alles das hinein, was mich als Künstlerin angeht: mehr vielleicht noch, wie wenn du selbst ausübender Künstler wärst. Wenigstens kommt es mir immer vor, als übte ich mit Kunstmitteln das ein wenig aus, was du mit dem ganzen Leben lebst, in deiner reichen Art, die Dinge voll und ganz zu nehmen und ihnen zu lebendiger Schönheit zu verhelfen. Für solch ein volles, ganzes Ding nahmst du auch mich, und liebtest darum mich vor allen andern, – ich weiß es wohl. In meinen Bildern und Skizzen, denen niemand so fein nachgegangen ist wie du, schien dir mein ganzes Ich enthalten zu sein, und dahinter – ach dahinter lag nur eine alte Jugendschwärmerei, die kaum von der Wirklichkeit berührt worden ist. Du hast darin ja auch recht. Und doch – und doch –? Warum trennten wir uns dann bis auf weiteres, warum gehst du jetzt umher mit zögernder, halb schon versagender Hoffnung auf unsre Zukunft, – und ich, anstatt in fröhlicher Arbeit vor meiner Staffelei zu stehn, warum sitze ich hier am Tisch gebückt, tief gebückt, und schreibe und schreibe, in allen Nerven gebannt vom Rückblick in meine Vergangenheit? Oder warum dann dein Argwohn, und mein Eingeständnis, daß ich nicht mehr kann, was ich so heiß möchte, – nicht mehr mit voller Kraft und Hingebung lieben kann, grade als ob ich ein aufgegebener, erschöpfter Mensch wäre?Weiterlesen