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Vom Lesen | Was uns selbstverständlich erscheint

Lesen und schreiben können — das ist für uns etwas so Selbstverständliches, dass wir kaum noch darüber nachdenken. Wir haben ja längst vergessen, dass wir alle auch einmal Lernende waren, mit unserem ersten Lesebuch, mit der „Fibel“, die freilich mehr Bilder als Buchstaben enthielt. Die ersten Bücher unserer Kindheit — lange noch vor der Schulzeit — waren Bilderbücher, herrlich bunt und aus guten Gründen möglichst unzerreißbar, und mit diesen Bilderbüchern ist jeder von uns den jahrtausendealten Menschheitsweg noch einmal gegangen: vom Bild zum Schriftzeichen oder Buchstaben, vom Buchstaben zum Wort, vom Wort zum Satz, zur Buchseite, zum Buch. Wunderbar, all die Bücher, aus denen man uns bisher nur vorgelesen hatte, nun selber lesen zu können — den Struwwelpeter und Max und Moritz, die Sagen und Legenden, und natürlich vor allem die Märchen, die immer so verheißungsvoll anfingen: Es war einmal…

Ja, und nun können wir also lesen und schreiben — und wir sollten froh und dankbar sein, dass wir die Möglichkeit hatten, es zu lernen! In der indischen Hauptstadt New Delhi zum Beispiel — ebenso wie in Damaskus, Istanbul, Teheran und anderen Städten des Orients — sitzen noch heute auf dem Markte die „Schriftgelehrten“, dicht umlagert von den „Analphabeten“, den des Lesens und Schreibens Unkundigen, die sich hier gegen klingende Münze ihre Briefe vorlesen und auch beantworten lassen. Und als vor wenigen Jahren in Ägypten die ersten allgemeinen politischen Wahlen stattfanden, da waren die Stimmzettel mit verschiedenen Bildsymbolen bedruckt, deren Bedeutung von Mund zu Mund verbreitet wurde; denn mit einem Stimmzettel, der nur Schrift aufwies, hätte die ägyptische Landbevölkerung wenig anfangen können. Nicht viel anders ist es im Süden Italiens, auf Sizilien etwa, wo bei der Volkszählung immernoch ein Drittel aller Erwachsenen sich als „Analphabeten“ bekennt. Kein Wunder also, dass man in den Wohnstätten der Sizilianer mehr Rundfunk- und Fernsehgeräte findet als Bücher und dass eine Unterschrift oft nur aus drei mühevoll hingemalten Kreuzchen besteht . . . Und aus den USA, deren Bevölkerung noch 3 % Analphabeten aufweist, berichtete der große deutsche Physiker Albert Einstein ein hübsches Erlebnis: Auf einer Eisenbahnfahrt bemerkte er mit Schrecken, dass er seine Brille zu Hause vergessen hatte, und bat deshalb den farbigen Zugschaffner, ihm eine Stelle aus dem Fahrplan vorzulesen. Der antwortete sehr höflich: „Tut mir schrecklich leid, mein Herr — aber ich kann a u c h nicht lesen . . .“

In Deutschland ist das Analphabetentum schon seit Ende des 19. Jahrhunderts fast vollständig ausgemerzt. Das erste deutsche „ABCBuch“ erschien 1544, also kaum ein Jahrhundert nach Erfindung der Buchdruckerkunst, und hundert Jahre später, nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, gab der Nürnberger Drucker und Verleger Comenius „zum Gebrauch der kleinsten studierenden Jugend“ ein reich illustriertes Jugendlehrbuch heraus: „Die Welt in Bildern“, dessen Titelblatt einen „aufgeweckten“ Hahn zeigte, mit dem Leitspruch : Studiere fleißig spät und früh — sei munter wie der Kikeriki… Im Wandel der Jahrhunderte haben freilich auch die Lehrmethoden des Leseunterrichts mancherlei bedeutsame Entwidmungen erfahren. Während man früher das sogenannte „synthetische“, das vom Einzelbuchstaben her aufbauende Verfahren anwandte, hat sich inzwischen das „analytische“, das ganze Wort auflösende Lehrverfahren durchgesetzt. Diese „Ganzheitsmethode“ geht nicht vom Einzelbuchstaben, sondern vom Wortganzen aus, ja eigentlich vom gesamten kindlichen Lebenskreis; sie entspricht dem — unbewussten — System, mit dem jede junge Mutter ihr Kind sprechen lehrt.

Mit dem Erkennen von Buchstaben und Wortbildern ist es allerdings noch längst nicht getan. „Die guten Leutchen wissen ja nicht, was es einen für Zeit und Mühe kostet, lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, dass ich am Ziel wäre.. .“, bekannte Goethe auf dem Gipfel seines Ruhms, und wollte damit sagen, dass „Lesen“ eben eine Kunst ist. Zur Beherrschung dieser Kunst hilft uns Goethes Wort, dass ein Blick ins Buch und zwei Blicke ins Leben erst die rechte Mischung ergeben.

Was wird aus der Literatur wenn der Wahnsinn fehlt? – Eine Kolumne von Jonas Rehbaum

Historische Fotografie - Künstler und Opfer unbekannt

Etwa 200 Jahre ist es her, da schimpfte Goethe auf die Romantiker und nannte ihre Werke „Lazarett-Poesie“. Sie sei kränklich, kraftlos und sie erschien ihm irgendwie irrsinnig.

Und in der Tat: Clemens Brentano schmuste mit seinem „Bruder“ Wahnsinn, Novalis ersann eine komplette Krankheitsphilosophie, Hölderlin schrieb im Wahn seine „Turmgedichte“, Friedrich Schiegel spielte mit seinem „Igel“ (also dem Fragment) und predigte die Ironie, und E.T.A Hoffmann stürzte sich in ein Doppelgängertum, auch „chronischer Dualismus“ genannt, und ließ die Narrheit als „wahre Geisterkönigin“ mit einem „glühenden Lockeneisen“ die Gedanken krümmen.

Was passierte da? Zu eng waren dem romantischen ICH die Konventionen des Spießbürgers, zu beschränkt die Ästhetik des Bürgerlichen, zu trocken die vernunftgesteuerte Aufklärung: und so ein phantastisches Sich-Sehnen, ein Weinen, ein Klagen, aber auch ein Lachen, der Suff, ein Tollen und Raufen ein, um Freiheit vom Korsett zu erlangen.

Der Wahnsinn
Die deutsche Romantik war zugleich die Wiege der literarischen Moderne: Charles Baudelaire verdanken wir die Ästhetik der Fäulnis; er liebte zudem die groteske Komik Hoffmanns. Der Lyriker Guillaume Apollinaire übersetzte Brentano. Auch die französischen Surrealisten beriefen sich auf die deutsche Romantik. Der romantische Wahnsinn als Statthalter der Phantasie und Improvisation war eine mächtige Kraft, die bis in dieses Jahrhundert hinein wirkte.

Dann erwachte in Deutschland ein ganz anderer, alles vernichtender Wahnsinn: der Nazi-Wahn. Nach dem Krieg war es vor allem für die Deutschen unmöglich, romantische Lieder anzustimmen. In den nachfolgenden Jahren, bis in die 1980er hinein, war Politik ein zentrales Thema der Literatur. Dann hat sich der romantische Wahnsinn zurückgemeldet. Man denke an Rainald Goetz mit deinem Werke „Irre“ oder die Werke des Österreichers Thomas Bernhard. Dort findet sich ein letztes Auflodern moderner Subjektivität; ein letzter Versuch zu schockieren und zu irritieren.

Und heute? Heute hat der Wahnsinn ausgedient und kommt wahrscheinlich auch nicht wieder. Die Perversionen, die sich im Internet finden, die Pornografie, der Horror, haben die literarischen Irritationen verschluckt. Der Irrsinn ist kein Provokateur mehr, sondern lediglich fruchtloser Bestandteil der Massenkultur.
Wo die Kunst des Wahnsinns sich noch einmal ereignet, da gehorcht sie – so scheint es zumindest – dem Gesetz des Marktes. Was auch für die stetig wachsende Zahl der Selfpublisher gilt. Zudem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der fortwährende Diskurs um Psychotherapien und die – empfundene – Normalität der Therapiebedürftigkeit der Provokation Wahnsinn das Wasser abgegraben hat.

Wenn nun mit dem Wahnsinn auch die Inspiration des modernen Subjekts ausstirbt, was wird dann überhaupt aus der Literatur? Wird sie nur noch aus „potentiellen“ Drehbuchvorlagen für die Masse und postmodernen Sprachspielen für einen kleinen Kreis bestehen? Es sieht danach aus. Leider.

Macht als Schreiber der Mächtigen

Schreibgeräte_Mesopotamien
Schreibutensilien – vermutlich Ägypten – 2.500 Jahre vor Christus

Um diesen Text in hieratischer Kursivschrift sind einige Instrumente angeordnet, deren sich die Schreiber bedienten: links ein Etui mit gespritzten Schreibrohren, unten eine Platte, die als Schreibunterlage und zum Glätten des Papyrus diente. Die beiden Näpfchen waren mit schwarzer und roter Tinte gefüllt (rot für die Götternamen).
Rechts daneben ein Messer zum Schneiden des Papyrus.