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Die Poesie des Osmanischen Reichs  • Ibrahim Pascha • Der Kuss des Wassers an die Erde

Die Poesie des Osmanischen Reichs
– Der Kuss des Wassers an die Erde –

Foto: Emre Sevener
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Die Poesie der Osmanen war wohl eines der größten Reichtümer des Imperiums. Sie enthielt neben klaren Vorstellungen der Gefühlsausbrüche viele Weisheiten. Faszinierend sind die Metaphern, die das Leben und gar den Tod in ihrer ganzen Tiefe beschreiben und die Verhältnisse in der Natur mit der Existenz des Unsichtbaren, unserer Gefühle, vergleichen. Als Beispiel dessen möchte ich folgend eines der Gedichte des talentierten Pargali Ibrahim Paschas an seine geliebte Hatice Sultan vorstellen, dessen Leben und Herkunft dem unten aufgeführten Porträt zu entnehmen sind.

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Hallo, geheimer Schatz, aufbewahrt in der Tiefe meiner Seele.

Eine Perle, sich auf dem Grund meines gebrochenen Herzens befindend, wie es sie kein zweites Mal gibt. Ein geheimer Flügel ohne den Flügel eines Vogels.

Hallo, meine Hoffnung und Stütze. Die Freude meiner Augen und meines Herzens. Der Sinn meines Lebens.

Hallo, Geliebte, hallo, meine Dame, meine Liebe. Die Liebe erzählend, wünsche ich mir, mich aufzulösen, mit dir in ein Ganzes zusammenzufließen. Mein Herz ist gebrochen. Meine Flügel sind gebrochen, doch ich fliege mit der grenzenlosen Weite des Meeres.

Ich sehe nichts und höre nichts. Nur eines weiß ich – mein Weg geht der Liebe entgegen. Ist es nicht die Liebe, die den Regen herbeiruft? Sie verwandelt das Wasser in eine Wolke und die Wolke ins Wasser, gibt der Erde etwas zu trinken und hilft dem Leben aus dem Samen zu sprießen. Ist das irrsinnige Leuchten nicht vereinigt? Ist das Leuchten der Erde und des Wassers nicht das Leuchten zweier Liebender?

Hallo, Geliebte, hallo, meine Dame, wie sehr ich Sie doch liebe und mich nach Ihnen sehne! Genauso liebt die Erde das Wasser und sehnt sich nach ihm. Sie erträgt nicht die Qualen der furchtbaren Hitze und durstet nach der leidenschaftlichen Vereinigung. Und wenn das Wasser verdunstet und zum Himmel emporsteigt, weiß es, dass die Zeit der Wiederkehr kommen wird. Es wartet ungeduldig. Es wird der Wind wehen und der Blitz funkeln. Es werden die Wolken weinen und das Wasser wird sich wieder mit seiner einzigen Geliebten vereinen und das Universum wird die Vereinigung der Liebenden begleiten.

(übersetzt von Maria Aronov)

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Das Porträt des Paschas

Bildnis des Großwesirs Ibrahim Pascha (Sebald Beham, gedruckt von Hans Guldenmund, Wien um 1530)
Bildnis des Großwesirs Ibrahim Pascha
(Sebald Beham, gedruckt von Hans Guldenmund, Wien um 1530)

Ibrahim Pascha, geboren um 1493 im Dorf Epirus bei Parga, war der Sohn eines griechischen Fischers. Als Kind wurde Ibrahim versklavt und kam später an den Osmanischen Hof, an dem zu dem Zeitpunkt Selim I regierte und Süleyman erst der Thronfolger, Sehzade war. Der junge Sehzade und Ibrahim, der ihm nicht mehr von der Seite wich, verstanden sich gut. Sie wurden nicht nur zu Freunden, sondern zu Herzensbrüdern. Ibrahim war dazu bereit, seinem Herrn und Freund sein Leben zu Füßen zu legen. Dies stellte er unter Beweis, als er bei einem Attentat auf seinen Freund sein Leben riskierte, um das des Thronfolgers zu retten.

Nach dem Tod seines Vaters, bestieg Sehzade Süleyman den Thron und wurde zum Sultan. Seinen besten Freund und Vertrauten, Ibrahim, ernannte er zum Vorsteher seiner Kammer. In der Zeit seines Dienstes am Hof, verliebte sich Ibrahim in Hatice, die Schwester von Sultan. Sie erwiderte seine Liebe, sodass die beiden, trotz ihrer Angst aufgrund der Standesunterschiede heiraten konnten. In dem Palast, wo die Beiden mit ihren zwei Kindern wohnten, befindet sich heute das Museum für türkische und islamische Kunst.

Seiner Geliebten spielte Ibrahim oft etwas auf der Geige vor, die ihn an die Zeit zu Hause in Griechenland erinnerte, wo er und sein Zwillingsbruder ihrer Mutter, einer begnadeten Geigenspielerin, lauschten. Ibrahim war nicht nur musikalisch talentiert, er schrieb auch wunderschöne Gedichte und förderte einen weiteren Dichter, Hayali am Hof. Die finanzielle Möglichkeit dazu, gab ihm seine Beförderung zum Großwesir des Osmanischen Reiches. Aufgrund seiner Intelligenz, die dem Sultan viele Siege einbrachte und auch der Freundschaft zu ihm, genoss er eine besondere Stellung am Hof und erhielt außergewöhnliche Vollmachten. Leider stiegen ihm diese im Laufe der Zeit zu Kopf. Der bescheidene griechische Junge war in ihm gestorben. Er protzte vor Hochmut, worauf ihn der Sultan einige Male hinwies und ihm gar viele übermütige Äußerungen verziehen hat. Eines Tages jedoch bekam Süleyman einen Brief von Ibrahim Pascha zu Gesicht, der ihm die Augen vor der bitteren Wahrheit öffnete und zeigte, dass sein Busenfreund nicht mehr der war, den er kennengelernt hatte. In diesem Brief erklärte er nämlich, weit über dem Sultan zu stehen und ihn dressieren zu können.

Draft of the 1536 Treaty negotiated between Jean de La Forest and Ibrahim Pacha expanding to the whole Ottoman Empire the privileges received in Egypt from the Mamluks before 1518
Draft of the 1536 Treaty negotiated between Jean de La Forest and Ibrahim Pacha expanding to the whole Ottoman Empire the privileges received in Egypt from the Mamluks before 1518 – CC BY-SA 3.0 – Uploadalt – Eigenes Werk, photographed at Musee Ecouen

Süleyman sah in Ibrahim auf einmal eine ganz andere Person. Es war nicht mehr sein Bruder und Freund, der sich an seiner Seite befand. Nach langen Zweifeln und Überlegungen, was er nun tut sollte, wandte er sich an einen Kadi, einen angesehenen und weisen Richter. Er fragte ihn, wie er denjenigen hinrichten könnte, den er immer sehr geliebt hat und trotz seines Vergehens immer noch liebt. Der Kadi riet dem Sultan dazu, den Schlaf über den Tod seines Herzensbruders entscheiden zu lassen. Er bezog sich dabei auf den Koran, denn dort sei beschrieben, dass alles, was während des Schlafes geschieht, nichts mehr mit dem realen Leben zu tun habe. Der Schlaf sei der Tod und alles, was passiert, während wir uns im Zustand des Schlafes befinden, sei nicht auf unsere Verantwortung zurückzuführen. Süleyman lud daraufhin den Pascha zu sich ein, hörte ein letztes Mal seiner rührenden Geigenmelodie zu und bat ihn später, im Palast zu übernachten. In der Nacht kämpfte Süleyman gegen den Schlaf, doch dieser bezwang ihn. Ibrahim wurde währenddessen erdrosselt. Dies geschah am 15 März 1536 in Istanbul.

Miniaturmalerei des Nakkaş Osman aus dem Surname-i Hümayun, 16. Jh.: Parade auf dem Hippodrom mit berittenen Gazi (Veteranen aus Rumelien) vor Sultan Murad III., sitzend auf dem Balkon des Ibrahim-Pascha-Palastes
Miniaturmalerei des Nakkaş Osman aus dem Surname-i Hümayun, 16. Jh.: Parade auf dem Hippodrom mit berittenen Gazi (Veteranen aus Rumelien) vor Sultan Murad III., sitzend auf dem Balkon des Ibrahim-Pascha-Palastes