Schlagwort: Gertrud Kolmar

Gertrud Kolmar | Die Dichterin

Du hältst mich in den Händen ganz und gar.

Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt
In deiner Faust.Der du dies liest, gib acht;
Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.
Doch ist es dir aus Pappe nur gemacht,

Aus Druckpapier und Leim, so bleibt es stumm
Und trifft dich nicht mit seinem großen Blick,
Der aus den schwarzen Zeichen suchend schaut,
Und ist ein Ding und hat ein Dinggeschick.

Und ward verschleiert doch gleich einer Braut,
Und ward geschmückt, daß du es lieben magst,
Und bittet schüchtern, daß du deinen Sinn
Aus Gleichmut und Gewöhnung einmal jagst,

Und bebt und weiß und flüstert vor sich hin:
„Dies wird nicht sein.“ Und nickt dir lächelnd zu.
Wer sollte hoffen, wenn nicht eine Frau?
Ihr ganzes Treiben ist ein einzig: „Du…“

Mit schwarzen Blumen, mit gemalter Brau,
Mit Silberketten, Seiden, blaubestemt.
Sie wußte manches Schönere als Kind
Und hat das schönre andre Wort verlernt. –

Der Mann ist soviel klüger, als wir sind.
In seinem Reden unterhält er sich
Mit Tod und Frühling, Eisenwerk und Zeit;
Ich sage: „Du…“ und immer: „Du und ich.“

Und dieses Buch ist eines Mädchens Kleid,
Das reich und rot sein mag und ärmlich fahl,
Und immer unter liebem Finger nur
Zerknittern dulden will, Befleckung, Mal.

So steh ich, weisend, was mir widerfuhr;
Denn harte Lauge hat es wohl gebleicht,
Doch keine hat es gänzlich ausgespült.
So ruf ich dich. Mein Ruf ist dünn und leicht.

Du hörst, was spricht. Vernimmst du auch, was fühlt?

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Otto Müller | Liebespar um 1914

Otto Mueller (* 16. Oktober 1874 in Liebau, Landkreis Landeshut, Provinz Schlesien; † 24. September 1930 in Obernigk, Landkreis Trebnitz) war ein deutscher Maler und Lithograf des Expressionismus. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Expressionisten.

Gertrud Kolmar | Das Götzenbild

Ich habe kein Gesicht.
Um meine Augen nur ist goldne Larve.
Sie wird voll Lächelns und ganz licht
Im Liede einer wilden, ungefügen Harfe.

Mein Haar ist blau und rot gebeizter Bast,
Er strähnt bestaubt, weil meine Diener nur die Zehen baden,
Die kranker Lippen Trost und Rast,
Mit Schmuckgeschenken grell und plump beladen.

Aus meinen Ohren gehen
Die erznen ungeheuren Ringe,
Zu denen große, aufgereckte Schreie flehn.
In ihren Kreisen schließen sich die Dinge.

Mit Milch ist meine Brust beschmiert;
Zwei weiße Bäche rinnen bis zur Hüfte.
Der Mondhund darf nicht sehn, was sie gebiert,
Drum streut die Schwangere mir Würzkrautdüfte.

Drum bringt sie bald das neue Kind,
Es meinen Armen hinzuheben,
Die starr und wie des Affen Arme sind.
Nun wächst es und wird lange leben.

Ich weiß doch nicht, wie das geschieht,
Was keimt und was gedeiht; ich tue keine Taten.
Die Sprüche, die ein Priester murmelnd um mich zieht,
Stehn stumpf und rauchig, ohne mir zu raten.

Ich mußte steigen in die Macht,
Ich mußte in ihr thronen wie in einem Hause;
Ich bin sie nicht: als Bild ihr eingedacht,
Füll‘ ich ihr Schweigen aus mit Menschenflüstern und
-gebrause.

Ich sandte nicht den Blitz.
Ich kann den Schmerz am Weg nicht irremachen.
Ich kenne nicht der Toten Sitz
Noch die verhüllten Drei, die ihn bewachen.

Das weinende Gebet, die Bitte ruht
Wie Spinnweb mir im bunten Haare.
Ich trage nicht mein Herz mehr – das ist gut;
Unförmig, tönern, liegt es braun auf dem Altare.

Max Slevogt | Geburt der Venus II | 1923

Der Maler und Graphiker Max Slevogt wurde 1868 in Landshut geboren; er starb 1932 in Neukastell. Neben Corinth und Liebermann war er der wichtigste deutsche Impressionist.
Bevor er sich 1901 in Berlin níederließ, hatte er an der Münchner Akademie und an der Pariser Académie Julian studiert und große Teile Europas und Ägypten kennengelernt.
1917 berief ihn die Berliner Akademie. Denkwürdiger als seine lichten, der Augenblickseingebung verhafteten Bilder sind seine zahlreichen Illustrationen („Lederstrumpf“, „Don Giovanni“, „Tausendundeine Nacht“), mit denen er nobel, treffsicher und immer von der Totalanschauung ausgehend die jeweilige Situation charakterisiert.

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