Schlagwort: Franziska Gräfin zu Reventlow

Franziska zu Reventlow | Christus Interview

Franziska zu Reventlow | Christus
Ein Interview

Die Amerikaner sind bekanntlich sehr neugierig.
Seit Jahren schreibe ich für ein Kunstblatt jenseits des Ozeans Ausstellungsberichte, Kunstbriefe und alles, was sonst dazu gehört, die wissensdurstige Seele des »gebildeten Laien«, der sich für Kunst interessiert, einmal im Monat zu sättigen.
Jetzt ist das nicht mehr sensationell genug. Man will mehr – anderes.
Die Redaktion verlangte zuerst »Intimes aus dem Leben der großen Künstler« – modern Intimes natürlich – und neuerdings soll ich auch noch interessante Details aus dem Leben der Modelle und ihrem Verhältnis zur Künstlerwelt bringen.
Mir ist alles recht. Ich bin ein zufriedener Mensch und möchte auch andere zufrieden stellen. Nach längerem Bemühen ist es mir geglückt, das Notizbuch eines »vielversprechenden Genies« in die Hände zu bekommen. Die darin verzeichnete Modelliste sollte mir als Richtschnur meiner demnächstigen Recherchen dienen.
Aber nun die richtige Auswahl zu treffen:
1. Walburga Stümpfl, als Giftmischerin beliebt, sehr grün im Ton.
2. Crescenz – Nachname fehlt im Notizbuch – stilvoller Rokokoakt.
3. Anna Huber, sehnsüchtiges Profil, sehr geeignet zum Stilisieren.
4. Adalbert Apfelkammer, Athlet und Ringkämpfer, kolossaler Bizeps, unglaubliche Deltamuskeln.
5. Marie Mayr, famose Zierleiste für die »Jugend«.
6. Clemens Brückner, hinterlistiger Priester etc.

Du lieber Gott, die Auswahl ist einfach überwältigend reich, da kann’s nicht fehlen.
Tagelang stieg ich treppauf, treppab. Modelle interviewen ist keine Kleinigkeit, sie sind nie zu Hause. Ich begab mich also auf den Rat eines erfahrenen Freundes zu einer Vormittagsstunde an die Stufen der Akademie. Aber ich hatte wieder Pech. Die Stunde war entschieden unglücklich gewählt. Es war nur ein schwerhöriger alter Mann da und einige zerlumpte Italienerweiber. Den letzteren schien es sehr am Herzen zu liegen, von mir interviewt zu werden, aber da sich meine Kenntnisse der italienischen Sprache auf: »Si Signora« und »Non capisco« beschränken, konnten wir zu keinem befriedigenden Resultat gelangen.
Schon wollte ich verzagt und um eine Illusion ärmer dem Tempel der Kunst den Rücken wenden, als ich auf einen großen, hageren Mann aufmerksam wurde, der in einen flatternden Havelock eingehüllt mit majestätischem Schritt die Treppe herauf kam.
Ich hielt ihn erst für einen Königlichen Professor, so gebieterisch war sein Auftreten, so lang und wallend sein Haupthaar.
Als er sich aber schließlich neben den Italienerinnen auf die Balustrade niederließ, faßte ich Mut. »Sie stehen Modell?«
»Jawohl, jewiss, ich bin der Christus – braucht der Herr –«
»Wie heißen Sie?«
»Friedrich Wilhelm Köppke – wenn der Herr mit Kostüm wünscht« –
Er machte mich auf eine große Pappschachtel aufmerksam, die er unter dem Arm trug – »brauner Mantel, dunkelrotes Unterkleid« –
»Sie sind nicht von hier?«
»Ne, ich bin aus Berlin, mit Spreewasser jetauft, aber ich bin schon lange hier.«
Er zerrte wieder an der Schachtel.
»Lassen Sie nur, lassen Sie nur – wo haben Sie das Kostüm denn her?«
»Das hab‘ ich mir auf der Auer Dult jekauft, sechs Mark hat es jekostet, aber schön ist es auch.« –
Er riß die Schachtel auf und wollte den Havelock abwerfen.
»Warten Sie, warten Sie, es pressiert nicht. – Wie lange sind Sie schon Modell?«
»So an die sechs, sieben Jahre.« –
»Und was trieben Sie vordem?« –
»Da hab ich ’ne Jeschäft jehabt –«
»Was denn für ein Geschäft«, das Vorleben meines Christus war doch jedenfalls nicht ohne Interesse.
»Na, wissen Sie, ich bin so in die Wirtshäuser rumjegangen und hab‘ mit wollne Hemden hausiert, aber das bringt –«
»Und wie kam es, daß Sie Modell wurden?«
»Das Jeschäft ist nich mehr recht jejangen und dann mit die langen Haare hab‘ ich mir jedacht –«
»Trugen Sie denn das Haar früher schon so lang?« Mit Bewunderung betrachtete ich seine Mähne.
»Ja, wissen Sie, ich hab‘ das Reissen jekriegt von den vielen Zug und da hab‘ ich mir das Haar wachsen jelassen und dann haben mir die Freunde jesagt: laß dich doch malen, Fritze, du hast ja den schönsten Christuskopp, daß der Herrgott seine Freude dran haben könnte. So was suchen die Herrn Kunstmaler jrade.«
»Und da wurden Sie Christusmodell?«
»Ja, da hab‘ ich die wollnen Hemden Hemden sein jelassen und bin in die Ateliers rumjejangen und bin ein sehr beliebter Christuskopf jeworden.«
»Sind Sie denn hier das einzige Christusmodell?«
»O ne, jewiss nicht. Seit der Uhde anjefangen hat, seine biblischen Bilder zu malen, da haben se noch einen modernen Christus uffjeangelt, der hat so langes straffes Haar und so ein schlichtes Jesicht. Das ist der Aois Brüllmayr, der hat mir ne janz jefährliche Konkurrenz jemacht. Überall muß Konkurrenz sein heutzutage.«
»Das Modellstehen muß doch recht anstrengend sein, was?«
»Na, davon könnte ich Sie ein Lied singen. Anstrengend ist die Jeschichte, aber es rentiert sich. Da hab‘ ich zuweilen ans Kreuz müssen, mit so ’n Jerüst, wissen Sie. Mit ausjebreiteten Armen und die Ojen verdrehen, jehört allens dazu von wegen den schmerzlichen Ausdruck. Aber jetzt bin ich zu alt und zu steif dazu. Es jeht nich mehr so. Da steh ich nur Kopp und es wird ein anderer jekreuzigt.«
»Haben Sie denn immer Beschäftigung? Es wird doch nicht alle Tage ein Christus gemalt.«
»Na, da kennt sich der Herr aber schlecht aus, da sind Sie jewiss kein Kunstmaler. Heutzutage muß doch jeder ’n Christus jemalt haben. Das is jetzt jrade die neuste Mode, mit das Biblische. Ne Zeit lang, so vor ’n paar Jahren, da war’s schlimm, da hat niemand mehr ’nen Christus jemalt. Da haben sie alle Ölein-Air jemacht. Da war nischt zu haben für unsereinen. Lauter jrüne Wiesen und lila Bäume und die Menschen dadrin alle nackich. Das war ’ne schlimme Zeit, da hab‘ ich nur Kopp jestanden in die Schulen und mit ’n Christus war jarnischt.« »Na, und jetzt? Die moderne Richtung?« – »O jetzt is viel besser jeworden. Symbolistisch muß sin, sagen die Herren. Das is Mode. Und Mode is in der Kunst jrad‘ so gut wie sonst im Leben. Jetzt machen sie Ihnen ’nen altdeutschen Christus, wie ’n die alten Meister jemalt haben, denn das sind doch immer die jrößten jewesen, sagen sie. Da machen sie Ihnen die Haare janz lang und jrad‘ wie Schlangen und die Dornenkrone janz spitz und was die janz Neusten sind in der Malerei, die machen ’nen stilisierten Christus, da ziehen sie Ihnen det Jesicht in die Länge und die Dornenkrone kommt vom Kopp und auf beiden Seiten wird auch in die Länge jezogen und –«
Mich befiel eine stille Furcht, Christus möchte mich auch noch über das Wesen der Renaissance oder des Rokoko belehren, und ich unterbrach ihn:
»Sind Sie denn schon oft zu großen Bildern gestanden?«
»Na und ob – det will ich meinen. Ich häng‘ Ihnen schon in alle möglichen Jalerien und Pinakotheken. Einmal am Kreuz mit die beiden Schächer. Das is sehr schön jewesen. Was die beiden Schächer waren, das sind ein paar Athleten jewesen. Die haben Sie gehangen, det es eine Freude war. Und dann mit der Magdalene. ›Christus und die jroße Sünderin‹ hat’s geheißen.«
»Wer war denn die Magdalena?«
»Das is die Josephine Zimmerer jewesen, oder wie sie heißt. Das is ein Mädel jewesen. Immer hat sie ihre Jeschichten mit den Malern jehabt. So janz rotes Haar hat sie. Ich kann ’s nich so schön finden, aber den Herren hat ’s jefallen und über Jeschmack läßt sich nicht streiten. ›Der reine Tizian‹ haben sie immer jesagt.« Allen Respekt. Christus imponierte mir immer mehr.
»Sie verstehen wohl bald ebensoviel von der Kunst wie die Maler selbst, Christus?« »Ja, wenn ich die Kunst nich hätt‘. Ich schwärme für alles, was Kunst ist. Das is meine jrößte Freude. Und Jeld bringt’s auch ein.«
»Was verdienen Sie denn so im Durchschnitt am Tage?«
»Na, sehen Sie, das schwankt so hin und her. Was die jroßen Meister sind, die berühmten, die zahlen mehr. Und dann kommt’s auf die Stellung an, fürs Kreuzigen hat’s eine Mark jejeben die Stunde. Jott Strambach, das sind schöne Zeiten jewesen! Aber für jewöhnlich jiebt’s nur 50 Pfennige für die Stunde, wenn man bloß Kopp steht.« Du mein Gott, dacht‘ ich, während Christus sich noch des Näheren über seine Lohnverhältnisse verbreitete, viel, viel »Interessantes« ist aus dem Manne nicht herauszukriegen. Was soll ich nur in meinen Artikel hineinschreiben? Und dazu macht mich sein Dialekt nervös – ich hatt‘ auf irgendeinen biederen Bajuwaren gehofft, dafür interessiert man sich doch heutzutage viel mehr. Es klingt viel origineller. – Ich mußte entschieden noch etwas »Intimes« herausbringen.
»Christus«, sagte ich deshalb eindringlich, »Sie wissen wohl recht viel von dem Leben der Künstler, so von dem Privatleben. – Als Modell müssen Sie doch recht oft Gelegenheit haben, hinter die Kulisse zu schauen.«
»Na«, sagt Christus mit großem Nachdruck, »wir Modelle, wir sehen alles, wir hören alles, wir sind bei allem dabei, aber wissen tun wir jarnischt, wir sind diskret. Ich könnt‘ Ihnen da Jeschichten erzählen – aber wir Modelle müssen diskret sein, sonst is jarnischt mehr, sonst werden wir abjeschafft.«
»Na ja, aber wissen Sie, Christus, ich bin fremd hier. Ich gehe in ein paar Tagen wieder fort. Mir können Sie schon etwas erzählen. Ich bin Journalist, da muß man auch oft diskret sein. – – Es muß doch oft recht fidel hergehen unter den Künstlern, was?«
»Na ja, fidel, det will ich Sie jlauben. Da liebt man sich und wird jeliebt, det is die reine Wonne und Herrlichkeit.«
Mein Christus machte ein ganz pfiffiges Gesicht und zwinkert mit den Augen. Mich ärgerte nur, daß er so zugeknöpft war. Ich hätte so gerne etwas Pikantes erfahren.
Noch einen Versuch wollt‘ ich machen. So ein Liebesroman zwischen einem weltbekannten Genie und der rothaarigen Tizian- Magdalena – famoser Mittelpunkt für meinen Artikel: ›Modelle und Künstler, Interieurs aus der Münchner Moderne.‹ Das Herz wurde mir ganz groß.
»Na sagen Sie mal, Christus – Sie haben mir vorhin von der Magdalena erzählt, die den Malern so gefällt, die wird wohl viel geliebt haben, was?«
Ich schlug meinen jovialsten Ton an, aber Christus blieb ungerührt. –
»Det hab‘ ich Sie doch schon jesagt. Jetzt hab‘ ich sie schon lange nicht mehr jesehen, aber früher, als ich mal mit ihr jestanden bin. Da hab‘ ich alle ihre Jeheimnisse jewußt.« – Er zwinkerte wieder verständnisvoll – und fuhr fort:
»Ich hab‘ ihr damals noch sozusagen zum moralischen Halt jedient. Manchesmal hab‘ ich ihr ins Jewissen jeredt‘. Magdalena, hab‘ ich ihr jesagt, Jugend hat keine Tugend, des weess ich auch. Ich bin auch mal jung jewesen und habe keine Tugend jehabt, aber jetzt bin ich Familienvater und kenne die Welt. Mach’s nicht zu schlimm, Magdalena, sonst kommste noch unter den Leierkasten. Aber sie hat es immer sehr leicht jenommen. ›Schaugt’s den Christus an‹, hat sie jesagt und dann haben sie alle jelacht. Na, ich sage Ihnen.« –
»Mit wem hat sie denn?«
»Na, mit allen hat sie Jeschichten jemacht. Sie hat eben für ’ne Schönheit jejolten, aber was die Herren waren, ›Christus‹, haben sie jesagt, ›wir wissen, daß Sie diskret sind‹. – Na, diskret muß man sein.« –
Er lächelte bedeutungsvoll und zog seine Visitenkarte hervor, die er mir feierlich überreichte: »Friedrich Wilhelm Köppke, Katzmaierstraße 16, IV«, darunter stand geschrieben: »Im Besitz eines neuen Christus- Kostüms, dunkelrotes Unterkleid, brauner Mantel, Sandalen etc. empfehle mich den Herren Kunstmalern als Christusmodell.« »Eine schöne Handschrift haben Sie, Christus«, sagte ich bewundernd.
»Das hat meine Jette geschrieben, was meine Älteste is«, sagte er, »die steht auch schon Modell, aber ich laß sie nur Kopp stehen, ›wenn man Familienvater ist‹ –.«
Ich sah auf meine Uhr und verabschiedete mich von Christus, indem ich ihm einen Zwanziger in die Hand drückte. Er steckte denselben voll Würde dankend ein und hüllte sich fester in seinen Havelock, denn es war kalt.
Ich entfernte mich langsam und einigermaßen deprimiert. Mein Artikel war an der starren Moral und unbeugsamen Diskretion des Christus gescheitert.

Quelle: Franziska zu Reventlow | Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel
Herausgeber | Else Reventlow

Titelbild:  Edward Okuń | Dornenkrone

Franziska Gräfin zu Reventlow – Moment-Aufnahmenaus dem Leben

L e b e n

Fanny Gräfin zu Reventlow um 1900
Fanny Gräfin zu Reventlow um 1900

Die Mutter meines Freundes war Morphinistin. Sie ließ mich einmal zu sich rufen, als es sehr schlecht mit ihr stand. Es war mitten im Sommer.
Im ganzen Hause eine stille, eingeschlossene Kühle. Alle Fensterläden und Türen ängstlich gegen die Hitze von draußen abgesperrt.
Der alte Haushund lag von Fliegen umsummt auf einer sonnenbeschienenen Treppenstufe und knurrte verschlafen.
Drinnen ging alles auf Zehenspitzen. Jedem leisen Schritt hörte man die Angst vor dem Geräusch an, das die Kranke stören könnte.Weiterlesen

Franziska Gräfin zu Reventlow – Das polierte Männchen

Franziska Gräfin zu Reventlow - Auf Samos
Franziska Gräfin zu Reventlow – Auf Samos

Das polierte Männchen war eines Tages in unseren Kreis geraten, wir konnten uns später alle nicht mehr recht besinnen, wann und bei welcher Gelegenheit. Wir saßen in einer kleinen orientalischen Stadt und langweilten uns tödlich. Jeder von uns war aus einem anderen Grunde hergekommen und konnte aus einem anderen Grunde nicht wieder fort. Man brachte die Zeit damit zu, sich ungeheuer zu langweilen und immer neue Zufallsbekanntschaften zu schließen, die wir aber bald wieder verwarfen, weil sie lästig wurden und noch langweiliger waren wie wir selbst. Das konnten wir nicht aushalten. Unser Kreis kam also immer wieder auf die ursprüngliche Zahl von Fünfen zurück, und wir schlossen uns aus lauter Stumpfheit immer enger zusammen, wurden immer unzertrennlicher. Es kam uns allmählich vor, als ob wir uns nie wieder von einander trennen könnten. Wir vergaßen auch mit der Zeit, daß wir eigentlich darauf brannten, aus diesem Nest wieder fortzukommen, vergaßen, was wir hier wollten, und beschäftigten uns nicht mehr damit.

Das Hotel, in dem wir wohnten, war uns zur Heimat geworden, und wir dachten manchmal ernstlich daran, unsere Tage hier gemeinsam zu beschließen. Wären wir noch etwas lebensfähiger gewesen, so hätten wir das polierte Männchen sicher nicht so lange geduldet, sondern es längst hinausgeworfen. Aber es brachte wohl irgendeine Nuance in die Sache, die uns unentbehrlich geworden war. Vielleicht brauchten wir auch Publikum. Oder wir hatten ein dunkles Gefühl, daß, wenn überhaupt noch etwas geschehen könnte, es nur von dem polierten Männchen ausgehen würde. Eigentlich irritierte es uns über die Maßen, denn es hüpfte beständig bei uns aus und ein, überraschte uns zu den unwahrscheinlichsten Zeiten und den ungelegensten Stunden, war stets von einer unerträglichen Munterkeit, die ganz über unsere Kräfte ging, hatte eine schrille Fistelstimme, die sich gerne überschlug, kicherte unaufhörlich, mit oder ohne Grund – kurz, es war mit einem Wort absolut unausstehlich. Vielleicht reizte uns gerade das. Wir fingen auch erst an, es zu ästimieren und unentbehrlich zu finden, als es seinen Namen bekommen hatte. Anfangs war es nur da – es hypnotisierte uns wohl vom ersten Moment an durch seine Poliertheit, aber wir hatten uns nie darüber geeinigt, hatten es noch nicht in unser Gesamtbewußtsein aufgenommen. Aber dann kam der große Tag. Doktor König fehlte noch, wir anderen saßen schon lange im Café, malten aus den Zeitungen türkische Buchstaben nach und überlegten, ob man sich nicht selbst einen türkischen Paß ausstellen könnte. Aus diesen Buchstaben wurde ja doch niemand klug, auch wenn er Türke war und türkisch konnte. Dann kam König, er war alleine spazieren gegangen und vielleicht deshalb ungewöhnlich munter. So kam es, daß er die bedeutungsschwere Frage tat: »Warum ist denn das polierte Männchen noch nicht da?«
Wir atmeten auf – es war schon so lange her, daß wir keine Witze mehr machen konnten. Und der unsympathische kleine Herr war uns schon über gewesen, wir hatten ihn bald abschaffen wollen wie all unsere anderen Beziehungen, aber jetzt fühlten wir, daß wir ihn brauchten, ihn eben erst entdeckt hatten. König hatte ihn entdeckt, als er ihn das polierte Männchen nannte. Es war wie ein Geschenk – wir fühlten uns bereichert und angeregt. Eine halbe Stunde später kam das polierte Männchen selbst, und wir sahen es jetzt eigentlich zum erstenmal. Es war ziemlich klein und hatte Säbelbeine – das heißt, nur eins davon war ein ausgesprochenes Säbelbein, das andere war bloß krumm. Das polierte Männchen wußte es auch sehr gut zu kaschieren, indem es zuerst mit dem nur krummen auftrat und das ausgesprochene Säbelbein ganz rasch nachschwang. Dabei kam eine eigentümliche, muntere und hüpfende Gangart heraus, man sah, daß er selbst überzeugt war, es sei alles in bester Ordnung. Im übrigen war an dem ganzen Männchen alles blank und glänzend. Seine Wäsche schimmerte, die Stiefelspitzen blitzten, seine rosige Haut sah aus, als würde sie jeden Tag neu überzogen und jede Rundung wie Stirn, Nase, Backenknochen, Kinn, Handgelenke und jedes einzelne Fingergelenk frisch aufpoliert. Es trug eine goldene Brille, die es behutsam und sicher hinter den blanken Ohren festhakte, und seine hellblauen Augen blickten glänzend durch die ovalen Glasscheibchen.
Als es jetzt unter dem Zeltdach des Cafés auftauchte, konnten wir bei aller Schläfrigkeit ein mattes Lächeln nicht unterdrücken. Frau von B., die meist ganz tiefsinnig war und wenig lachte, ließ sogar ein helles Quietschen vernehmen. Es war schwer zu sagen, ob das polierte Männchen unsere Heiterkeit bemerkte, aber die Wahrscheinlichkeit sprach dafür, denn es war etwas zu Ungewohntes, daß wir lachten. Es war geradezu ein unheimlicher Moment, etwa wie wenn die Toten in der Morgue plötzlich einmütig lächeln und einer sogar laut aufquietscht. Aber das Männchen nahm jedenfalls keine Notiz davon, und das war auch wieder unheimlich. Jeder andere hätte doch eine Bemerkung über unseren anormalen Frohsinn gemacht. Uns allen lief ein Schauder über den Leib, das polierte Männchen mußte uns ganz und gar durchschauen, es behandelte uns wirklich schon wie Tote, wußte, daß wir tatsächlich nicht mehr lachen konnten, daß es nur noch irgendeine überflüssige Reflexbewegung war. Es war auch sicher nichts anderes, wir waren gleich wieder ernst, und man ging zur Tagesordnung über. Wir spielten im Hotelgarten Tennis. Außer den Spielrufen wurde kein Wort gesprochen. Das polierte Männchen hüpfte und kommandierte wie immer – wir spielten alle sehr schlecht und ohne Hingabe. – Nachher an der Abendtafel saß es wie immer am anderen Ende zwischen den Fremden, mit denen wir nicht verkehrten und die häufig wechselten, und erzählte, wie immer mit gedämpfter Diplomatenstimme und mit vielem Takt, Anekdoten von exotischen Fürstlichkeiten und hochstehenden Personen. Die Anekdoten waren wie immer schrecklich langweilig, und wir kannten sie alle schon, hörten aber wie jeden Abend mit großer Aufmerksamkeit zu.
Als wir dann auf die Straße traten, um unseren gewohnten Abendspaziergang zu machen und ins Café zu gehen, ging gerade ein Mann mit einer langen, zitternden Eisenstange auf der Schulter vorbei. Wir erschraken heftig und prallten zurück. Nur Frau von B., die einen Schritt voraus war, rannte mit dem Kopf gegen die Stange und verletzte sich an der Stirn. Sie schien gar nichts gesehen zu haben. Die Verletzung war nur geringfügig, aber sie wurde leichenblaß und fiel in Ohnmacht. Man trug sie in ihr Zimmer, und wir gingen alle mit. Das polierte Männchen war auch mitgekommen und hüpfte dienstfertig und beflissen an den Waschtisch, um eine Kompresse zu machen. In diesem Moment sahen wir zu unserem Staunen, wie der Rittmeister mit einer heftigen Bewegung nach seiner Brusttasche fuhr, wo er, wie wir alle wußten, immer einen Dolch bei sich trug. Aber er schien sich gleich wieder zu besinnen, machte kehrt und ging mit schweren Schritten zur Tür hinaus. Die Verletzung war wie gesagt unbedeutend, Frau von B. blieb nur einen Tag auf ihrem Zimmer. Dann ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Sie behauptete, das polierte Männchen sei schuld an ihrem Unfall. Wir hielten es für unwahrscheinlich, nur der Rittmeister nickte ein paarmal nachdenklich, äußerte sich aber nicht weiter darüber. Frau von B. war überhaupt erstaunlich abergläubisch. Noch nie seit sie hier war, habe sie einen Mann Eisenstangen schleppen sehen. Der Mann sei auch unwahrscheinlich groß gewesen und die Eisenstange so unendlich lang, daß man sie unmöglich durch diese Stadt mit ihren schmalen, winkligen Gassen tragen könne.
Wir mußten zugeben, daß wir auch noch nie einen Mann mit Eisenstangen gesehen hatten, und begannen nach ihm zu suchen. Dabei lebten wir förmlich auf – wir lagen nicht mehr bis mittags im Bett, spielten nicht mehr Tennis, die Kellner wußten nicht mehr, was sie von uns denken sollten: wir waren sonst den ganzen Tag von einem Café in das andere gegangen, hatten unter den Zeltdächern und Lorbeerbäumen gesessen und Vischinada getrunken – das war ein Eisgetränk mit Kirschsaft – bis es endlich Zeit zur Table d’hôte war. Jetzt kamen wir schon um neun zum Frühstück herunter, erkundigten uns nach allen möglichen Wegen und stürzten fort, oder wir saßen stundenlang in der Halle des Hotels auf den Bambusstühlen und unterhielten uns im Flüsterton. Wir gingen auch zeitig schlafen, um morgens wieder frisch zu sein. Uns beseelte nur ein Gedanke: den Mann mit der Eisenstange zu finden. Das polierte Männchen ließ uns gewähren. Unser Treiben mußte ihm wohl auffallen, auch wenn wir nie davon sprachen.
Aber es fragte nie, spielte mit einer anderen Gesellschaft Tennis, kommandierte, hüpfte, kicherte, wie es bei uns getan hatte, und abends, wenn wir verstört und müde zu Tisch kamen, saß es schon an seinem Platz und erzählte mit gedämpfter Diplomatenstimme seine Anekdoten. Auf unseren Wanderungen ruhten wir manchmal in unbekannten kleinen Cafés aus, die wir zufällig am Wege fanden, und regelmäßig tauchte dann auch das polierte Männchen auf, war plötzlich da, setzte sich zu uns, verschwand aber immer eben, ehe wir aufbrechen wollten. An einem Donnerstagabend kam der Rittmeister auf den Gedanken, er wolle morgen einmal zu Pferde die Umgegend durchstreifen. Wir wußten, daß er sich Hoffnung machte, in einem der benachbarten Dörfer den Mann mit der Eisenstange zu finden. Darüber kam das Gespräch auf Pferde und das polierte Männchen mischte sich lebhaft hinein. Es schien auch etwas von Pferden zu verstehen, dämpfte dann die Stimme und erzählte von einem Sohn des persischen Schah, mit dem es öfters ausgeritten war. Währenddem sagte Frau von B. zum Rittmeister: »Aber morgen ist Freitag, ich bitte Sie um Gottes willen, reiten Sie nicht auf einem schwarzen Pferd aus.« – Sie hatte halblaut gesprochen, nur für uns berechnet, aber trotzdem hatte man es auf der anderen Tischseite gehört. Das Männchen unterbrach seine Geschichte und erhob ein ganz unbändiges Gekicher, die anderen Gäste stimmten mit ein, und es wurde eine jener schrecklichen sinnlosen Lachstimmungen, die kein Ende nehmen wollen, schließlich zu einer Art Krampf werden und bei allen Beteiligten ein peinliches Gefühl von gegenseitiger Blamage hinterlassen.
Frau von B. stand endlich auf und ging fort, und wir begleiteten den Rittmeister, um ein Pferd zu bestellen. Er ritt dann am nächsten Morgen ganz früh fort. Gott weiß, ob es nur Zufall war, oder wollte der Rittmeister zeigen, daß er ein Mann sei und sich vor nichts fürchte, aber man brachte ihm wirklich ein kohlschwarzes Pferd. Und gegen Mittag wurde er von ein paar Leuten bewußtlos heimgebracht. Das Pferd war mit ihm gestürzt. Wir saßen gerade in der Halle und sprachen von dem Mann mit der Eisenstange, wir sahen uns an und wurden alle blaß. Frau von B. war Gott sei Dank nicht da. Das polierte Männchen sah aus, als wolle es wieder unbändig kichern, tat es aber nicht, sondern sprang auf, war dienstfertig, nützlich und umsichtig, während wir völlig apathisch sitzen blieben und weiter Eislimonade tranken. Der Rittmeister hatte sich nur eine Rippe zerbrochen und ein paar Quetschungen davongetragen, aber das schien uns im Moment beinah unheimlicher, als wenn er tot gewesen wäre. Das Schicksal erlaubte sich nur unverschämte Spielereien mit uns, aber es nahm uns nicht ernst. Beim Abendessen wurde natürlich von dem Unfall gesprochen, aber alles war verlegen und niemand wagte eine Anspielung auf den vorigen Abend. Auf Frau von B.’s dringende Bitten gaben wir den Mann mit der Eisenstange jetzt auf. Der Rittmeister war nach ein paar Tagen wieder unter uns und mußte sich nur noch etwas schonen.
Wir führten wieder unser früheres Leben mit späten Nächten und resignierter Bummelei. Aber es war doch etwas anders geworden. Unser schöner, tröstlicher Dämmerzustand, an den wir uns so gewöhnt, den wir geliebt, kultiviert und gegen alle beunruhigenden Einwirkungen von außen her verteidigt hatten, der überhaupt das Band war, das uns zusammenhielt, und der uns so viel stummes, intensives Glück gebracht – er war gestört, wir waren jetzt halbwach und gequält und waren so nervös geworden, daß wir uns stundenlang unterhielten. Und immer nur über das polierte Männchen. Es beschäftigte uns so, daß wir an nichts anderes mehr dachten. Wir sprachen viel über sein Äußeres, stellten jeden kleinsten Zug fest, den wir an ihm kannten, und entdeckten immer neue, die uns bisher entgangen waren. Es beschäftigte uns lebhaft, wenn es eine andere Krawatte trug, und die verschiedenartigen kunstvollen Schwingungen, die es mit seinem Säbelbein vollführte, regten uns förmlich auf. Wir achteten auch mehr auf das, was es sprach, und grübelten darüber, ob es wohl wirklich Diplomat sei. Seine Kenntnisse in bezug auf exotische Fürsten und hochstehende Persönlichkeiten waren tatsächlich eminent. Doktor König, der gern alles ins Triviale zog, warf einmal die Frage auf, ob es nicht vielleicht ein Schwindler sei.
Die Möglichkeit wurde gründlich beleuchtet, aber wieder verworfen. Wozu sollte ein Schwindler sich so lange gerade in dieser unbedeutenden Stadt aufhalten und wozu unsere Gesellschaft so auffallend kultivieren? Wir boten so gar keine Handhabe für Schwindeleien. An uns konnte man höchstens psychologisches Interesse nehmen, aber auch das lag dem polierten Männchen sicher gänzlich fern. So rieten und grübelten wir hoffnungslos weiter. In dieser Zeit lernten wir den schönen Armenier kennen. Er war türkischer Beamter, schien eine bedeutende Stellung einzunehmen, hieß Vayanni Bey und inspizierte den Ackerbau in unserer Gegend – ein äußerst gebildeter und liebenswürdiger Mensch. Wir waren ganz glücklich über ihn, bis das polierte Männchen dazu kam und ihn vertraut begrüßte. Sie hatten sich in Ägypten getroffen und beim Khedive zusammen Tee getrunken. Wir sahen uns an und fühlten, daß wir anfingen, dem polierten Männchen Tod und Verderben zu wünschen. Es ging indessen bald seiner Wege, und wir wunderten uns, daß Vayanni Bey im weiteren Gespräch mit keiner Silbe darauf zurückkam. Es war uns auch sonst schon aufgefallen, daß außer in unserem intimen Kreis niemals von dem Männchen gesprochen wurde. Mit dem Moment, wo es verschwand, schien es vergessen und ausgelöscht zu sein, als ob es nie dagewesen wäre. Frau von B. verliebte sich in den schönen Armenier. – Zwischen uns Fünfen bestand ein stillschweigendes Übereinkommen, daß wir uns nie untereinander verliebten.
Es wäre viel zu anstrengend gewesen und hätte alle Harmonie zerstört. Darüber waren wir uns vollkommen einig. Es wurde höchstens ganz mechanisch geflirtet. Ihren Liebeshandel mit dem Armenier betrachteten wir daher gewissermaßen als gemeinsame Sache. Es gab keine Eifersucht und keine Störungen, wir machten einfach mit, liebten ihn alle, litten darunter, wenn er kalt war, und glühten mit, wenn er seine dunklen Augen zu ihr hinüberrollte, und sie mit seinen weißen Zähnen anblitzte. Er benahm sich auch so diskret und erwiderte unsere Gefühle so anerkennend, daß wir sehr zufrieden mit ihm waren. Es war unsere schönste Zeit. Nur das polierte Männchen fiel manchmal aus der Rolle, die es sich bis dahin auferlegt, oder zu der wir es durch unser Verhalten gezwungen hatten. Es vergaß dann seinen Diplomatentakt, machte anzügliche Bemerkungen, kicherte, wo es durchaus nicht am Platz war, und neckte Frau von B. mit dem Armenier. So warf es eines Tages die Bemerkung hin, warum sie ihn nicht heirate, um ihn ganz für sich zu haben.
Diesmal wurde sie nervös, gab dem Männchen einen Klaps mit dem Fächer und sagte: »Lassen Sie mich in Ruhe – es gefällt mir so viel besser.« – Das Polierte sah sie mit einem gekränkten und giftigen Blick an und kicherte in sich hinein. Dann ging es fort und schien so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß es vergaß, das Säbelbein zu schwingen und beinah hinkte. Ein paar Tage später bekam Frau von B. einen Ausschlag auf der rechten Hand, der bis zum Ellenbogen hinauflief und längere Zeit nicht weichen wollte. Sie trug die Hand verbunden, aber das Männchen fragte nicht ein einziges Mal, was ihr fehle. Frau von B. war an diesem Tage ganz verstört und erzählte uns, sie habe geträumt, sie müsse das polierte Männchen heiraten. Es habe gekichert und ihr die Hand geben wollen, aber sie schlug danach, und dann merkte sie, daß das ganze Männchen aus Glas war, und in demselben Augenblick sei es klirrend zersprungen. Wir waren schon soweit, daß wir uns von ihr anstecken ließen. Sie durfte nicht mehr neben ihm sitzen, vielleicht hätte sie sonst wieder einmal nach ihm geschlagen, und das Männchen ging wirklich vor unser aller Augen in Scherben oder ließ ihr zur Strafe die Hand verdorren.
Der Armenier war auch dafür, daß sie einen anderen Platz bekam. Wir betrachteten das Männchen noch argwöhnischer als vorher und grübelten heftiger über seine Beschaffenheit. Wir hatten einen Porträtmaler unter uns – er hieß Schmidt und kam auf den Gedanken, das Männchen zu einer Sitzung zu bewegen, er würde dabei schon eine Gelegenheit finden festzustellen, ob es aus demselben Material sei wie andere Menschen. Wir waren sehr gespannt auf das Resultat, aber als Schmidt wieder zu uns kam, war er ganz vernichtet und sagte, das Männchen möge malen, wer da wolle, er habe beinah den Verstand darüber verloren. Er hätte es mit den verschiedensten Stellungen und Beleuchtungen versucht, aber das Männchen habe so geglänzt, geblinkt, ja phosphoresziert, daß selbst, wenn er es ganz in den Schatten stellte, keine Möglichkeit war, auch nur eine Linie festzuhalten. Er – Schmidt – wußte nicht, was er sagen sollte, um sich aus der Affäre zu ziehen und stammelte nur ganz verwirrte Entschuldigungen. Und das Männchen habe ihn tückisch angesehen, dann sein Taschentuch hervorgelangt und sei sich damit über die blanke Stirn gefahren. Wozu – wußte Schmidt nicht, aber er glaubte in diesem Augenblick, es würde plötzlich aufhören zu glänzen und war auf den schauderhaftesten Spuk gefaßt. Aber statt dessen hüpfte es nur von dem Podium herunter, griff nach seinem Hut und sagte beflissen ein Mal über das andere: »Also dann ein anderes Mal, Herr Schmidt – ein anderes Mal, Herr Schmidt.« – Schließlich verschwand es mit einem so furchtbaren Gekicher, daß es ihm immer noch in den Ohren klang.

Fanny Gräfin zu Reventlow um 1905 mit Matrosenbluse
Fanny Gräfin zu Reventlow um 1905 mit Matrosenbluse

Schmidt war ganz außer sich, wir hatten ihn noch nie so gesehen, und als dann das polierte Männchen in das Café trat, riß er seinen Hut von der Wand und rannte fort. Wir konnten alle nicht mehr. Den Armenier hatten wir in das Geheimnis gezogen, er gehörte jetzt ganz zu uns und machte alles mit durch. Manchmal saß er stundenlang schweigend da und spielte mit einem kleinen Rosenkranz aus dicken gelben Bernsteinperlen, den er immer bei sich hatte, und eines Tages hob er seine dunklen Augen auf und meinte, das Säbelbein habe einen Pferdefuß, er sei neulich ein Stück hinter dem polierten Männchen hergegangen und habe sich über die sonderbaren Fußspuren gewundert, die es hinterlassen. Wir konnten uns nicht recht entschließen, daran zu glauben, aber darin waren wir uns einig: irgend etwas mußte geschehen, um der Sache ein Ende zu machen und das polierte Männchen loszuwerden. Aber ob das überhaupt noch möglich war? Es war allmählich, ohne daß wir es wollten, der Sammelpunkt all unserer Gedanken geworden, bestimmte unser ganzes Leben. Gingen wir aus, so war unser einziger Gedanke, ob wir es treffen würden, und saß es bei uns, so beschäftigte es uns ausschließlich. Frau von B. litt unter den abscheulichsten Träumen. Sie war manchmal in momentaner Geldverlegenheit, und bei einem solchen Anlaß zitierte das polierte Männchen verschiedene Möglichkeiten, wie man sich Geld beschaffen könne. Zum Schluß sagte es scherzend: »Wenden Sie sich doch an den jungen Engländer, der über Ihnen wohnt – der hat genug.« – Der junge Engländer war übrigens ein reizender Mensch, wir hatten ein paarmal mit ihm Tennis gespielt. Wie immer, wenn das Männchen dabei war, warf man sich aus Nervosität förmlich in die Unterhaltung hinein, dehnte sie, reckte sie und spann sie nach allen Seiten aus, bis man sich ganz zerrieben und zerfasert vorkam. So gerieten wir auch diesmal in ein endloses Geldgespräch, sprachen über Wucher, Wechselfälschungen, Hochstapelei, Spielbanken und so weiter. Am nächsten Morgen erzählte uns Frau von B., daß sie geträumt habe, der schöne Armenier läge schlafend auf einer Bank, und sie wußte, daß er eine Brieftasche mit Banknoten in der Brusttasche trug. Plötzlich stand das polierte Männchen neben ihr und rief mit gellender Stimme: »Aber so fleddern Sie doch – fleddern Sie doch!« Ihr graute jetzt geradezu vor dem Männchen, und sie konnte es nicht lassen, immer wieder vor sich hinzumurmeln: »Fleddern Sie doch – fleddern Sie doch,« und dann das schrille Kichern nachzuahmen. Dabei schien sie ganz abwesend und sah starr in die Kaffeetasse hinein.
Wir saßen beim ersten Frühstück, es war ungewöhnlich still, nur in der Halle unter dem Personal schien Unruhe zu herrschen. Die Kellner liefen hin und her, der Liftboy sah verweint aus – wir nannten ihn übrigens nur so, denn es gab keinen Lift in unserem Hotel – und der Portier sprach leise und angelegentlich mit dem Wirt. Wir erfuhren dann, während wir noch am Tisch saßen, daß der junge Engländer sich heute nacht erschossen habe. Frau von B. stellte ihre Tasse hin, daß es klirrte und der Löffel auf die Erde fiel: »Um Gottes willen – das polierte Männchen ist sicher ein Leichenfledderer!« – Sie schwieg einen Augenblick und sagte dann sehr nachdenklich: »Was ist eigentlich ein Leichenfledderer? – Ich kenne nur das Wort, und als Kind habe ich mir immer eine Art von schauerlichen Fledermäusen darunter vorgestellt.« – Uns allen schwirrte es im Kopf – der junge Engländer, der gestern noch mit uns am Tisch gesessen und sich dann erschossen hatte, kein Mensch wußte warum – das Geldgespräch nachts im Café – Frau von B.’s Traum – Leichenfledderer – Fledermäuse – das polierte Männchen. – Jeder sagte irgend etwas, und jeder sagte absoluten Unsinn – keiner verstand, was der andere meinte.
Es war, als ob irgendein rächender Gott plötzlich unsere Sinne verwirrt hätte. Der Anblick des polierten Männchens, das sich geschäftig und behende durch die Halle auf uns zuschwang, wirkte wohl zum erstenmal beinah erlösend auf uns. Es war sorgfältig und elegant in tiefes Schwarz gekleidet und hatte einen Trauerflor um den Zylinder. – Darin erinnerte es geradezu an den Teufel im Peter Schlehmil; es gab keine noch so unerwartete Gelegenheit, wo es nicht mit allem Erforderlichen ausgerüstet war. Sicher führte es auch beständig einen Trauerflor bei sich; denn unmöglich konnte es ihn heute schon gekauft haben – vor knapp dreiviertel Stunden hatte man den Engländer tot gefunden – und wo sollte man hier überhaupt einen Trauerflor kaufen? Wir waren sonst nie sehr höflich gegen das Männchen und blieben ruhig sitzen, wenn es sich zu uns gesellte, aber heute erhoben wir uns alle wie auf Kommando von unseren Plätzen, als wollten wir ihm eine Ovation bereiten.
Wir empfanden auch sicher etwas Ähnliches, erkannten ihn als unseren Herrn und Meister an und unterwarfen uns. Er war stärker als wir. Aber nun geschah etwas Merkwürdiges. Das polierte Männchen verlor zum erstenmal, seit wir es kannten, die Fassung, sah ratlos von einem zum andern, tat mit dem nur krummen Bein einen Schritt vorwärts, vergaß aber die Schwingungen mit dem Säbelbein, hakte die goldene Brille fester hinter die Ohren, fuhr dann blitzschnell mit der Hand in die Tasche und mit einem langen seidenen Taschentuch wieder heraus und über die spiegelblanke Stirn. Schmidt schrie laut auf und starrte ihn mit einem brechenden Blick an, dann stürzte er aus dem Zimmer wie von einer Tarantel gestochen. Und jetzt erst fingen wir an zu begreifen, was geschehen war: daß der junge Engländer sich erschossen, daß Frau von B. uns einen abscheulichen Traum erzählt hatte, und daß Schmidt am Rande des Wahnsinns war; begriffen, daß wir hier in einer kleinen orientalischen Stadt saßen und dieses polierte Männchen da uns völlig beherrschte und in seiner Gewalt hatte.
Frau von B. war die erste, die sich wieder setzte: »Fleddern Sie doch, fleddern Sie doch,« murmelte sie vor sich hin. Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht, senkte den Kopf bis auf den Tisch nieder, richtete sich wieder auf, warf sich hintenüber und brach in ein unerhörtes, schallendes, höhnisches und verzweifeltes Gelächter aus. Und wir andern stimmten mit ein, fanden denselben Ton wie sie und hielten ihn fest, lachten laut, schallend – höhnisch und verzweifelt. Als wir wieder zur Besinnung kamen, standen der Wirt, der Portier, der verweinte Liftboy und die Kellner in der Tür und schienen uns aufmerksam zu beobachten. Das polierte Männchen war verschwunden. Unsere Phantasie war so erhitzt, daß einige von uns gesehen haben wollten, es habe sich am Säbelbein gepackt und in der Mitte durchgerissen wie Rumpelstilzchen. Aber abends, als wir schon am Tisch saßen, ging die Tür auf und das polierte Männchen kam herein, genau wie sonst. Wir waren höchst erstaunt, daß es noch ganz war, und achteten besonders auf das Säbelbein, aber es beschrieb genau die vorschriftsmäßige Wendung. Das Männchen schoß einen leeren flüchtigen Blick zu uns herüber, kicherte leise und grausig und begann dann mit gedämpfter Stimme von einem englischen Minister zu erzählen. Von dem Selbstmord war nicht mehr die Rede. Man hatte sich wohl geeinigt, nicht darüber zu sprechen. Der Oberkellner hielt sich auffallend viel in unserer Nähe auf. Uns war alles gleichgültig, wir fürchteten höchstens, daß Frau von B. wieder vom Fleddern anfangen würde.
Aber sie sprach kein Wort und war sehr bleich. Einen Tag später wurde der Engländer begraben, er hatte keine nachweisbaren Angehörigen gehabt und niemand war gekommen, so gingen wir alle mit. Nur das polierte Männchen fehlte. Wir hatten es inzwischen nicht gesehen und nahmen an, daß es sich vielleicht doch noch selbst durchgerissen habe. Man begrub ihn – den Engländer – auf dem armenischen Friedhofe. Vayanni Bey hatte alles in die Hand genommen. Da der Geistliche nicht englisch konnte, hielt Vayanni eine kleine Ansprache auf französisch. Wir legten Kränze aus Lorbeer und Granatblüten auf das Grab, und da wir nicht wußten, was man sonst noch tun könnte, ließen wir es dabei bewenden. Dann saßen wir die ganze Nacht zusammen auf. Eigentlich warteten wir nur darauf, daß das polierte Männchen kommen und sich wieder zu uns setzen würde. Und wenn es jetzt hereintrat, glatt, rosig und spiegelblank – was würde dann wohl geschehen? Der Rittmeister fühlte nach seiner Brusttasche, und wir hätten uns nicht gewundert, wenn er es dann niedergestochen hätte, ohne jeden Grund, denn eigentlich lag ja gar nichts gegen das Männchen vor. So saßen wir in dumpfer Spannung, warteten und sehnten uns nach einer Katastrophe. Aber das polierte Männchen ließ sich nicht sehen. Wir blieben die ganze Nacht zusammen, aber es kam nicht.
Dann schliefen wir bis zum Abend. Einer nach dem anderen kam in die Halle hinunter, übernächtig und als ob er jetzt den letzten Zusammenhang mit der Welt und seinem Dasein verloren habe. Frau von B. ließ sich nicht sehen. Wir wollten sie nicht stören und gingen ohne sie fort. Am nächsten Morgen teilte man uns mit, daß sie verschwunden sei. Kein Mensch wußte oder ahnte etwas Näheres. War sie abgereist, ohne uns ein Wort zu sagen – – – war sie verunglückt? Hatte sie sich am Ende selbst das Leben genommen, wie der kleine Engländer, oder was war geschehen? Wir suchten ganz betäubt, die banalsten Lösungen zu finden und für wahrscheinlich zu halten – – aber dann sahen wir uns wieder in kaltem Entsetzen an und dachten an das polierte Männchen. Der Rittmeister reckte sich in seiner ganzen Höhe empor und schwur, es solle ihm Rede stehn, und habe es irgendwie seine Hand im Spiel, so wolle er es kalt machen, einerlei, was für Folgen daraus entständen. Der schöne Armenier, den es doch am nächsten anging, war wie versteinert, er ging mit verschränkten Armen auf und ab und sah uns aus seinen dunklen Augen so völlig ratlos an, daß wir nicht wußten, was wir mit ihm anfangen sollten. Er wußte offenbar, ebenso wie wir, nicht den leisesten Anhaltspunkt zu finden. Es kam uns jetzt erst zum Bewußtsein, daß wir das Männchen in den letzten Tagen gar nicht mehr gesehen hatten. Auch an der Abendtafel hatte es gefehlt, aber niemand von den anderen Leuten schien darauf geachtet zu haben. Es war ja immer nur vorhanden, wenn man es sah und hörte, seine Existenz erlosch mit seiner Abwesenheit.
Wir gingen und suchten genau so, wie wir damals gegangen waren und den Mann mit der Eisenstange gesucht hatten. Den hatten wir nicht gefunden, und wir fanden auch das polierte Männchen nicht. Niemand konnte uns etwas darüber sagen, wo es geblieben sei. Vayanni Bey wollte sich nicht daran beteiligen – er schien von vornherein überzeugt, daß es zwecklos sei – und saß in stummem Brüten vor den kleinen Kaffeehäusern und spielte mit seinem Rosenkranz. So verging Tag auf Tag. Wir suchten und suchten. Immer wieder meinten wir, das polierte Männchen müsse auf einmal wieder zur Tür hereinkommen, und manchmal fuhren wir zusammen und meinten sein grauenhaftes Kichern zu hören. Aber Frau von B. war und blieb verschwunden, und auch das polierte Männchen kam nie wieder zum Vorschein.

Franziska Gräfin zu Reventlow Das Männerphantom der Frau (1898)

Fanny Gräfin zu Reventlow um 1900
Fanny Gräfin zu Reventlow um 1900 – diese Augen….1

Der Mann! – Einmal muss der Moment ja doch schließlich kommen – trotz der strengsten Mutter und der wachsamsten Tante – der Moment, wo «der Mann» nicht mehr hinwegzuleugnen ist und wo das junge Mädchen anfängt, etwas zu fühlen und zu begreifen, etwas – ja, wie soll man es definieren, dieses geheimnisvolle Etwas, die Vorempfindung des andern Geschlechts im eignen Blute?Weiterlesen