Schlagwort: Essay

Karl Kraus • Der Reim • Ein Essay über das Dichten

Er ist das Ufer, wo sie landen,
sind zwei Gedanken einverstanden. 

Illustration: Idearriba
Illustration: Idearriba

Die Paarung ist vollzogen.

Zwei werden eins im Verständnis, und die Bindung, welche Gedicht heißt, ist so für alles, was noch folgen kann, zu spüren wie für alles, was vorherging; im Reim ist sie beschlossen. Landen und einverstanden: aus der Wortumgebung strömt es den zwei Gedanken zu, sie ans gemeinsame Ufer treibend. Kräfte sind es, die zu einander wollen, und münden im Reim wie im Kuß. Aber er war ihnen vorbestimmt, aus seiner eigenen Natur zog er sie an und gab ihnen das Vermögen, zu einander zu wollen, zu ihm selbst zu können. Er ist der Einklang, sie zusammenzuschließen, er bringt die Sphären, denen sie zugehören, zur vollkommenen Deckung. So wird er in Wahrheit zu dem, als was ihn der Vers definiert: zum Ziel ihrer spracherotischen Richtung, zu dem Punkt, nach dem die Lustfahrt geht. Sohin gelte als Grundsatz, daß jener Reim der dichterisch stärkste sein wird, der als Klang zugleich der Zwang ist, zwei Empfindungs- oder Vorstellungswelten zur Angleichung zu bringen, sei es, daß sie kraft ihrer Naturen, gleichgestimmt oder antithetisch, zu einander streben, sei es, daß sie nun erst einander so angemessen, angedichtet scheinen, als wären sie es schon zuvor und immer gewesen.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Ist diese Möglichkeit einmal gesetzt, so wird der Weg sichtbar, wie es gelingen mag, dem Reim eine Macht der Bindung zu verleihen, die jenseits des bisher allein genehmigten Kriteriums der »Reinheit« waltet, ja vor der solche Ansprüche überhaupt nicht geltend gemacht werden könnten. Denn nicht das Richtmaß der Form, sondern das der Gestalt bestimmt seinen Wert. Den Zwang zum Reim bringt innerhalb der Bindung des Verses nicht jede dichterische Gestaltung, die diese auferlegt, er kann sich aber, wie am Ende einer Shakespeare-Schlegel’schen Tirade gleichsam als das Fazit einer Gedankenrechnung ergeben, worin die Angleichung der dargestellten Sphären ihren gültigen Ausdruck findet. Der ganzen Darstellung förmlich entwunden, dem gegenseitigen Zwang, der zwischen der Materie und dem Schöpfer wirksam ist, lebt er in einer wesentlich anderen Region des Ausdrucks als das äußerliche Spiel, das er etwa in einer dürftigen Calderon-Übersetzung oder gar in einem Grillparzerschen Original vorstellt. Die Notwendigkeit des Reimes muß sich in der Überwindung des Widerstands fühlbar machen, den ihm noch die nächste sprachliche Umgebung entgegensetzt. Der Reim muß geboren sein, er entspringt dem Gedankenschoß; er ist ein Geschöpf, aber er ist kein Instrument, bestimmt, einen Klang hervorzubringen, der dem Hörer etwas Gefühltes oder Gemeintes einprägsam mache. Die gesellschaftliche Auffassung freilich, nach der der Dichter so etwas wie ein Lebenstapezierer ist und der Reim ein akustischer Zierat, hat an ihn keine andere theoretische Forderung als die der »Reinheit«, wiewohl dem praktischen Bedürfnis auch das notdürftigste Geklingel schon genügt. Aber selbst eine Kritik, die über den niedrigen Anspruch des Geschmackes hinausgelangt, ist noch weit genug entfernt von jener wahren Erkenntnis des Reimwesens, für die solches Niveau überhaupt nicht in Betracht kommt. Wenn man den ganzen Tiefstand der Menschheit, über den sie sich mit ihrem technischen Hochflug betrügt, auf ihre dämonische Ahnungslosigkeit vor der eigenen Sprache zurückführen darf, so möchte man sich wohl von einer kulturellen Gesetzgebung einen Fortschritt erhoffen, die den Mut hätte, die Untaten der Wortmißbraucher unter Strafsanktion zu stellen und insbesondere das Spießervergnügen an Reimereien durch die Prügelstrafe für Täter wie für Genießer gleichermaßen gefahrvoll zu machen.

Franz Seraphicus Grillparzer (1791 - 1872) war ein österreichischer Schriftsteller, der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. Aufgrund der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke, vor allem nach 1945, wird er auch als österreichischer Nationaldichter bezeichnet.
Franz Seraphicus Grillparzer (1791 – 1872) war ein österreichischer Schriftsteller, der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. Aufgrund der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke, vor allem nach 1945, wird er auch als österreichischer  Nationaldichter bezeichnet.

Entnehmen wir dem Reim »landen – einverstanden« das Reimwort »standen« als solches, wobei wir uns denken mögen, daß es als abgeschlossene Vorstellung den Sinn eines Verses erfülle. In dem Maß der Vollkommenheit, wie hier die äußere Paarung (landen – standen) in Erscheinung tritt, scheint die innere zu mangeln, die das tiefere Einverständnis der beiden Gedanken voraussetzt. Im Bereich der schöpferischen Möglichkeit – jenseits einer rationalen Aussage, die sich mit etwas Geklingel empfehlen läßt – wird kaum ein Punkt auftauchen, wo »landen« und »standen« Gemeinschaft schließen möchten. Doch nicht an der Unterschiedlichkeit der Vorstellungswelten, welche in der äußeren Übereinstimmung umso stärker hervortritt, soll die Minderwertigkeit eines Reimes dargetan sein. Vielmehr sei fühlbar gemacht, wie durch die Verkürzung des zweiten Reimworts, gerade durch eine Präzision, die den reimführenden Konsonanten mit dem Wortbeginn zusammenfallen läßt, das psychische Erlebnis, an dem der Reim Anteil hat, verkümmert wird. Widerstandslos gelangt der Reim zum Ziel der äußeren Deckung, hier, wo jede Reimhälfte isoliert schon bereitsteht, sich der anderen anzuschmiegen. Wie lieblos jedoch vollzieht sich dieser Akt! Denn es ist ein erotisches Erfordernis, daß eine der beiden Hälften sich von ihrer sprachlichen Hülle erst löse oder gelöst werde, um die Paarung zu ermöglichen, hier die zweite, die von der reimwilligen ersten angegangen und genommen wird. Dieser, der auf die Wortenergie angewiesenen, obliegt es, das Hindernis zu überwinden, das ihr jene durch eine Verknüpfung mit ihrer sprachlichen Region entgegenstellt. Man könnte gleicherweise sagen, daß die Liebe keine Kunst ist und die Kunst keine Liebe, wo nichts als ein vorübergehendes Aneinander erzielt wird. Setzen wir den Reim »landen« und »sich fanden«, so wäre schon ein Widerstand eingeschaltet, dessen Überwindung dem Vorgang eine Lebendigkeit zuführt, die das Reimwort »fanden« als solches in der Berührung mit »landen« entbehrte. Nun ermesse man erst den Zuschuß, der erfolgt, wenn die eine Reimhälfte mit einer Vorsilbe, gar mit zweien behaftet oder mit einem zweiten Wort , verbunden ist. Welch einen Anlauf hat da die andere zu nehmen, um trotz der Hemmung solcher Vorsetzungen zum Reimkörper selbst zu gelangen! Welche »Kraft« stößt, ungeachtet der Leiden, an »Leidenschaft«! Nur dort, wo die gedankliche Deckung der Sphären schon im Gleichmaß der Reimwörter vollzogen ist, wie bei »landen – stranden«, muß aus der Wortumwelt nicht jene Fördernis erwartet werden, die der Reim dem Hindernis, dem Zwang zur Eroberung verdankt, wiewohl auch hier ein »landet – gestrandet« als der stärkere Reim empfunden werden mag und es sonst erst aller rhythmischen Möglichkeit und umgebenden Wortkraft bedürfen wird, um der gefälligen Glätte entgegenzuwirken, die das Ineinander der Reimpartner gefährdet. Wem es eine Enttäuschung bereiten sollte, zu erfahren, daß Angelegenheiten, von denen er bisher geglaubt hat, sie würden von einer »Inspiration« besorgt, dem nachwägenden Bewußtsein, ja der Willensbestimmung zugänglich sind, dem sei gesagt, daß ein Gedicht im höchsten Grade etwas ist, was »gemacht« werden muß, (es kommt von »poiein«); wenngleich es natürlich nur von dem gemacht werden kann, der »es in sich hat«, es zu machen. Man mag sich sogar dazu entschließen, man braucht keiner andern Anregung ein Gedicht zu verdanken als dem Wunsch, es zu machen, und innerhalb der Arbeit können dann jedes Wort hundert Erwägungen begleiten, zu deren jeder weit mehr Nachdenken erforderlich ist als zu sämtlichen Problemen der Handelspolitik. Sollte es wirklich vorkommen, daß ein Lyriker barhaupt in die Natur stürzen muß, um seinen Scheitel ihren Einwirkungen auszusetzen und eigenhändig erst den Falter zu fangen, den er besingen will, so hätte er diesen umgaukelt, er wäre ein Schwindler, und ich würde mich außerdem verpflichten, ihm auch den Trottel in jeder Zeile nachzuweisen, die durch solche Inspiration zustandegekommen ist.

Betrachten wir weiter den Fall, von dem als einem Beispiel und Motto diese Untersuchung ausgeht – wobei wir ganz und gar den Sinngehalt des einzelnen Reimworts ausschalten wollen –, so würde also das Höchstmaß der äußeren Deckung: landen – standen den den niedrigsten Grad der dichterischen Leistung vorstellen, den höheren: landen – verstanden, den höchsten: landen – einverstanden, weil eben hier mit einem durch den Silbenwall gehemmten und mithin gesteigerten Impetus das Ziel der Paarung erreicht wird; weil der Reim einen stärkeren Anlauf nehmen mußte, um stärker vorhanden zu sein. Er mußte sich sogar den Ton der Stamm- und eigentlichen Reimsilbe erobern, der auf die erste der beiden Vorsilben abgezogen war, und es bleibt eine geringe Diskrepanz zurück, dem Ohr den Einklang reizvoll vermittelnd: nicht unähnlich dem ästhetischen Minus, das dem erotischen Vollbild zugute kommt, ja von dem allein es sich ergänzen könnte. Das Merkmal des guten Reimes ist nebst oder auch jenseits der formalen Tauglichkeit zur Paarung die Möglichkeit der Werbung. Sie ist in der wesentlichen Bedingung verankert: vom Geistigen her zum Akt zu taugen. Denn die Deckung der Sphären muß mit der der Worte so im Reim vollzogen sein, daß er auch losgelöst von der Wortreihe, die er abschließt, das Gedicht zu enthalten scheint oder die aura vitalis des Gedichtes spüren läßt. Der Reim ist nur dann einer, wenn der Vers nach ihm verlangt, ihn herbeigerufen hat, so daß er als das Echo dieses Rufes tönt. Aber dieses Echo hat es auch in sich, den Ruf hervorzurufen. Die zwei Gedanken müssen so in ihm einverstanden sein, daß sie aus ihm in den Vers zurückentwickelt werden könnten. Herz – Schmerz, Sonne – Wonne: dergleichen war ursprünglich ein großes Gedicht, als die verkürzteste Form, die noch den Gefühls- oder Anschauungsinhalt einschließen kann. Wie viel sprachliches Schwergewicht müßte nunmehr vorgesetzt sein, um dem Gedanken die Befriedigung an solchem Ziel zu gewähren! Doch eben an der Banalität des akustischen Ornaments, zu dem das ursprüngliche Gedicht herabgekommen ist, gerade am abgenützten Wort kann sich die Kraft des Künstlers bewähren: es so hinzustellen, als wäre es zum ersten Male gesagt, und so, daß der Genießer, der den Wert zum Klang erniedrigt hat, diesen nicht wiedererkennt. Die Vorstellung, daß der Reim in nichts als im Reim bestehe, ist die Grundlage aller Ansicht, die die lesende und insbesondere – trotz ihren tieferen Reimen – die deutschlesende Menschheit von der Lyrik hat. Er ist ihr in der Tat bloß das klingende Merkzeichen, das Signal, damit eine Anschauung oder Empfindung, eine Stimmung oder Meinung, die sie ohne Schwierigkeit als die ihr schon vertraute und geläufige agnosziert, wieder einmal durchs Ohr ins Gemüt eingehe oder in die Gegend, die sie an dessen Stelle besitzt. Da Kunst ihr überhaupt eine Übung bedeutet, die nicht nur nichts mit einer Notwendigkeit zu schaffen hat, sondern eine solche geradezu ausschließt – denn sie möchte dem Aufputz ihrer »freien« Stunden auch nur die Allotria seiner Herstellung glauben –, so vermag sie vor allem dort nicht über formale Ansprüche hinauszugelangen, wo hörbar und augenscheinlich die Form dargebracht ist, um ihr das, was sie ohnehin schon weiß, zu vermitteln: am Reim. Wie der Philister den letzten Lohn der erotischen Natur entehrt und entwertet hat, so hat er auch die Erfüllung des schöpferischen Aktes im Reim zu einem Zeitvertreib gemacht. Wie aber der wahrhaft Liebende immer zum ersten Male liebt, so dichtet der wahrhaft Dichtende immer zum ersten Mal, und reimte er nichts als Liebe und Triebe. Und wie der Philister in der Liebe ästhetischer wertet als der Liebende, so auch in der Dichtung ästhetischer als der Künstler, den er mit seinem Maße mißt und erledigt. Daraus ist die Forderung nach dem »reinen Reim« entstanden, die unerbittliche Vorstellung, daß das Gedicht umso besser sei, je mehr’s an den Zeilenenden klappt und klingt, und der Hofnarr des Pöbels umso tüchtiger, je mehr Schellen seine Kappe hat, bei noch so ärmlichem Inhalt dessen, was darunter ist.

Das erotische Prinzip

Illustration zu Lenore von Frank Kirchbach (1896).
Illustration zu Lenore von Frank Kirchbach (1896).

In dieser Vorstellung hat das erotische Prinzip der Überwindung des Widerstandes zum Ziel der Gedankenpaarung keinen Raum. Da gilt nur das äußere Maß und eben diesem, welches fern aller Wesenheit bloß nach dem Schall gerichtet ist, wird auch der Mißreim genügen. Umgekehrt wird die Erfassung des Reims als des Gipfels der Gedankenlandschaft zwar auch dem verpönten »unreinen Reim« solche Eignung zuerkennen, aber umso hellhöriger alles abweisen, was nur so klingt wie ein Reim, oder klingen möchte, als wäre es einer. Und solche Sachlichkeit darf auch vor den Lakunen eines Dichtwerks, und wäre es das größte, nicht haltmachen. Wie wenige deutsche Ohren werden das Geräusch vernommen haben, womit der Mephistopheles seinen dramatisch so fragwürdigen Abgang vollzieht und worin die Torheit, die seiner sich am Schluß »bemächtigt« – mit einer Kläglichkeit des Ausdrucks, die fast der Situation gerecht wird – einer Erfahrenheit antwortet, die sich »beschäftigt« hat. Wenn das teuflische Mißlingen hier nur durch einen Mißreim veranschaulicht werden konnte, so wäre solches immerhin gelungen. Doch ließe sich das Kapitel der Beiläufigkeiten, mit denen dichterische Werte besät sind und deren jede ein Kapitel der Sprachlehre rechtfertig würde, in der deutschen Literatur gar nicht ausschöpfen. Beträchtlich in diesem Zusammenhange dünkt mir die Erscheinung eines Dichters wie Gottfried August Bürger, der außer starken Gedichten eine ungereimt philiströse Reimlehre geschrieben hat – welche als literarhistorisches Monstrum dem polemischen Unfug Grabbes gegen Shakespeare an die Seite gestellt werden kann –, nebst dieser Theorie aber auch wieder Reime, die es mit seinen abschreckendsten Beispielen aufzunehmen vermögen. Von irgendwelcher gedanklichen Erfassung des Problems weit entfernt und mit einer Beckmesserei wütend, die ziemlich konsequent das Falsche für richtig und das Richtige für falsch befindet, begnügt er sich, die »echt hochdeutsche Aussprache« als das Kriterium des Reimwertes aufzustellen. Somit dürfe sich nicht nur, nein, müsse sich Tag auf sprach, Zweig auf weich, Pflug auf Buch, zog auf hoch reimen. Welcher Toleranz jedoch sein Ohr fähig war, geht daraus hervor, daß er den Mißreim des gedehnten und des geschärften Vokals zwar tadelt, aber, wo es ihm darauf ankommt die Ungleichheit der Schlußkonsonanten zu verteidigen, das Beispiel »Harz und bewahrt’s« als tadellosen Reim gelten läßt (anstatt hier etwa »Harz und starrt’s« heranzuziehen). Nachdem er aber »drang und sank« in die Reihe de »angefochtenen Reime« gestellt hat, »deren Richtigkeit zu retten« sei, erklärt er kaum eine halbe Seite später, »am unrichtigsten und widerwärtigsten« seien die Reime g auf k und umgekehrt, und nimmt da als Beispiel: »singt und winkt«. Wozu wohl gesagt werden muß, daß, wenn der grundsätzliche Abscheu vor solchen Reimen schon eine unvermutete Ausnahme der Sympathie zuläßt, diese doch weit eher dem Präsens-Fall gebührt als dem andern, weil dort die Gleichheit der Schlußkonsonanten den Unterschied von g und k deckt, während er bei »drang« und »sank« offen und vernehmbar bleibt. Wird doch vorn feineren Gehör selbst der zwischen lang (räumlich, sprich lank) und lang‘ (zeitlich, sprich lang) empfunden und eben darum, wo die Form »lange« nicht vorgezogen wird, durch den Apostroph bezeichnet: die Bank, auf die ich etwas schiebe, reimt sich also auf lang, solang‘ sie die Metapher bleibt, der die räumliche Vorstellung zugrunde liegt; sie ließe sich jedoch, in die Zeitvorstellung aufgelöst, nicht so gut auf lang‘ reimen (höchstens im Couplet, wo die Musik die Dissonanz aufhebt, oder zu rein karikaturistischer Wirkung wie bei Liliencron: »Viere lang, zum Empfang«). Auf lang reimt sich Bank, auf lang‘ bang. Ist es also schon ein Mißgriff, den Reim »drang und sank« zu empfehlen, so ist es völlig unbegreiflich, daß er als die Ausnahme von einer Unmöglichkeit gelten soll, die ein paar Zeilen weiter mit dem durchaus möglichen »dringt und sinkt« belegt wird. Das Wirrsal wird noch dadurch bunter, daß der Reimtheoretiker neben solches Beispiel als gleichgearteten Fehler das Monstrum »Menge und Schenke« setzt und neben dieses wieder den zweifellos statthaften Reim »Berg und Werk«. Dafür ergeben ihm, in anderem Zusammenhang, »Molch und Erfolg« eine tadellose Paarung zweier Vorstellungswelten, deren Harmonie ihm offenbar so prästabiliert erscheint, daß er den Schritt vom Molch zum Erfolch vielleicht auch dann guthieße,wenn die Aussprache ihm ein besonderes Opfer auferlegte. (Wiewohl mit jenem ein Dolch oder ein Strolch, im Sinne des Strengen mit dem Zarten oder des Starken und des Milden, einen bessern Klang gäbe.) Doch während er eben für das »g« auf dem echt hochdeutschen »ch« besteht und solchen phonetischen Problemen zugewendet ist, macht er sich über eine innere Disposition des Worts zum Reim, also über das worauf es ankommt, nicht die geringsten Gedanken, und wenn ich mich bei einer Methode, der nur das entscheidend ist, worauf es nicht ankommt: das nebensächlich Selbstverständliche oder das ungewichtig Unrichtige, überhaupt aufhalte, so geschieht es, um an dem Exempel eines Dichters die allgemeine Unzuständigkeit des Denkens über den Reim anschaulich zu machen. Wie dieser Bürger, so denkt jeder Bürger über die Dichtkunst, ohne doch gleich ihm ein Dichter zu sein. Er hat natürlich ganz recht mit der Meinung, daß der Reim des gedehnten und des geschärften Vokals keiner sei. Wenn aber »Harz« und »bewahrt’s«, so unbequem sie es schon von der Natur ihrer Vorstellung aus haben, zu einander finden können, dann möchte man doch fragen, warum »so unrein und widerwärtig als möglich« Fälle wie »schwer und Herr«, »kam und Lamm« sein sollen. Und vor allem, wieso denn eine Widerwärtigkeit, die sich ergibt, »wenn man geschärfte Vokale vor verdoppelten Konsonanten und gedehnte vor einfachen aufeinander klappt«, unter anderen Beispielen durch solche darzustellen wäre wie: »siech und Stich«, »Fläche und bräche«, »Sprache und Sache«. Wo ist da bei aller Unterschiedenheit im Vokal die zwischen einem verdoppelten und einem einfachen Konsonanten? Aber von diesem Wirrwarr abgesehen und von unserm guten Recht, hier die Reimmöglichkeit zu verteidigen, beweist insbesondere der Versuch, »Sprache und Sache« als einen Fall von Unreinheit und Widerwärtigkeit hinzustellen, nichts anderes als die Weltenferne, in der sich solche Doktrin vom Wesentlichen einer Sphäre hält, die sich hier schon im Material des gewählten Beispiels beziehungsvoll erschließt. Denn man dürfte wohl nicht leugnen können, daß zwischen Sprache und Sache eine engere schöpferische Verbindung obwaltet als zwischen »Harz und bewahrt’s« (Reimpartner, denen nachgerühmt wird, daß sie für jedes deutsche Ohr »vollkommen gleichtönend« seien), ja als zwischen Molch und Erfolch. Und beinahe möchte ich vermuten, daß es im Kosmos überhaupt keinen ursächlicheren Zusammenhang gibt als diesen und auch keinen anderen Fall, wo gerade die leichte vokalische Unstimmigkeit den vollen Ausdruck dessen bedeutet, was als Zwist und Erdenrest einer tiefinnersten Beziehung, eines Gegeneinander und zugleich Ineinander vorhanden bleibt und einen Reim, der von Urbeginn da ist, noch im Widerstreit der Töne beglaubigt. Die strengste Verpönung des vokalischen Mißreims wird bei nur einigermaßen gedanklicher Anschauung eben diesen Ausnahmsfall zulassen und ihn nicht mit dem Schnelligkeitsmesser in der Hand in die Reihe der Mißbildungen wie »schämen und dämmen«, »treten und beten« verweisen. Aber Bürger, der das Gesetz, daß g wie ch auszusprechen sei, als Grundlage der Reimkunst statuiert ist im Vokalischen unerbittlich und will sogar naturhafte Verbindungen wie »Tränen und sehnen«, »sehnen und stöhnen«, »Blick und Glück« höchstens als »verzeihliche Reime« gelten lassen. Warum er jedoch in dieser Reihe auch an »Meer und Speer« Anstoß nimmt, ist wieder rätselhaft. »Ein Dichter von feinem Ohr«, sagt er, werde »zumal in denjenigen lyrischen Gedichten, worin es auf höchste Korrektheit angesehen ist, sich erst nach allen Seiten hin drehen und wenden, und nur dann nach solchen Reimen greifen, wenn gar kein Ausweg mehr vorhanden zu sein scheint«. Trotz allem Anteil, den ich dem Wollen und Erwägen an der Erschaffung des Verses einräume und wiewohl ich es für die eigentliche Aufgabe des Dichters halte, sich nach allen Seiten des Wortes hin zu drehen und zu wenden, so möchte ich mir den Prozeß doch weniger mechanisch, weniger als den einer Ansehung auf höchste Korrektheit vorstellen, vielmehr glauben, daß die Formgebundenheit zwar kein Mißlingen verzeihlich und keine Relativität begreiflich macht, daß aber der scheinbar und von außen gesehn minderwertige Reim dem Gesetz der gleichen Notwendigkeit folgt wie alles andere und daß sich eben Blick auf Glück und Tränen auf sehnen selbst dann reimen müßten, wenn sie es nicht dürften und nicht an und für sich unbedenkliche Reime wären. Aber Beispiele für mangelnden Wohlklang sind diesem Onomatopoieten, Wortmaler, Dichter des »Wilden Jägers« und Vortöner Liliencrons plötzlich wieder Reime wie »ächzen und krächzen« (wo doch der Mißklang der Reimwörter keinen Mißklang des Reimes ergibt), und in derselben Kategorie »horcht und borgt« (wiewohl man ja »borcht« sagen muß und es an anderer Stelle ausdrücklich verlangt wird), und dann ein Reim – einen bessern findst du nicht – wie »nichts und Gesichts«. »Die Gesetze wenigstens des feineren Wohlklangs« erscheinen ihm beleidigt durch männliche Reime wie »lieb und schrieb«, wenn sie allzunahe beieinander vorkommen, und in ebensolchem Falle durch weibliche wie »heben und geben«, »lieben und trieben«, »loben und toben«; denn ein wichtiges Erfordernis des Wohlklanges sei »Mannigfaltigkeit der Schlußkonsonanten«. Da kann man nur die Inschrift auf dem Teller zitieren, den man in deutschen Hotelportierlogen häufig angebracht sieht: »Wie man’s macht, ist’s nicht recht«, ohne daß einem gesagt würde, wie man’s recht machen soll, insbesondere um die Mannigfaltigkeit der Schlußkonsonanten bei weiblichen Reimen herbeizuführen. Dagegen zeigt sich der Unerbittliche befriedigt von Reimen auf »bar, sam, haft, heit, keit, ung«: an ihnen – nämlich als männlichen Reimsilben, welche »voll betont sein müssen« – sei »in dieser Rücksicht nichts auszusetzen«, also wenn sich etwas auf Erfahrenheit reimt – aber nicht etwa Zerfahrenheit, was insbesondere in diesem Zusammenhang ein richtiger Reim wäre, sondern zum Beispiel: »Tapferkeit«. (Was schon fast an die französische Allreimbarkeit hinanreicht, und in Bürgers »Lenore« reimen sich sogar Verzweifelung und Vorsehung.) Weniger taugen ihm die Ableitungssilben »ig« und »ich«, noch weniger »en« (das wäre allzu französisch) : so sind ihm »Huldigen und Grazien für männliche Reime nicht tönend genug«. Eine Einsicht, die ihn freilich nicht gehindert hat, gerade diese beiden Wörter für tauglich zu halten, sich in der »Nachtfeier der Venus« auf einander männlich zu reimen.

Sie wird thronen; wir Geweihte
Werden tief ihr huldigen.
Amor thronet ihr zur Seite,
Samt den holden Grazien.

Georges Seurat - Sitzende Frau mit Regenschirm - 1884/85
Georges Seurat – Sitzende Frau mit Regenschirm – 1884/85

Wie man da überhaupt zu einem »männlichen Reim« kommen kann, ist unvorstellbar, aber Bürger hat sogar nichts dagegen, daß man »Tapferkeit und Heiterkeit« reime, und vielleicht hat er es irgendwo getan. Mit nicht geringem Selbstbewußtsein findet, er nach all dem: »es täte not, daß das meiste«, was er da vom Reim gesagt habe, »Tag für Tag durch ein Sprachrohr nach allen zweiunddreißig Winden hin sowohl den deutschen Dichtern als auch den Dichter- und Reimerlingen zugerufen würde. Wie? Auch den Dichtern? Jawohl!« Denn es ärgere weit mehr, »wenn ein so guter Dichter, als z. B. Herr Blumauer, ein so nachlässiger Reimer ist«, als wenn es sich um einen ausgemachten Dichterling handle. Von der gleichen Empfindung für einen weit größeren Dichter beseelt, hätte diesem ein kritischer Zeitgenosse eine Reimtheorie vorhalten müssen, wenngleich nicht die von Gottfried August Bürger, an die er sich leider doch zuweilen gehalten hat. Nur zu begreiflich die Bescheidenheit, mit der er sie »Kurze Theorie der Reimkunst für Dilettanten« betitelt. Es dürfte der perverseste Fall in der Literaturgeschichte sein, daß ein wirklicher Dichter wie ein Schulfuchs, dem die Trauben des Geistes zu sauer sind, von diesen redet, völlig ahnungslos, in Aussprechschrullen verbohrt (vom »Achton« und »Ichton« des ch, den das g habe) und auf allen falschen Fährten pedantisch. Ernsthaft spricht er, wenngleich ablehnend, von einem »Vorschlag«, der gemacht worden sei, »wegen unserer Armut an Reimen bloß ähnlich klingende Reimwörter gutzuheißen«, und im Allerformalsten bleibt er mit der Erkenntnis befangen, daß »dem Dichter, der seine Kunst, seine Leser und sich selbst ehrt und liebt, wie er soll, auch das Kleinste keine Kleinigkeit ist«. Nur ein Schimmer einer naiven Ahnung vom Wesentlichen taucht auf, wenn er mahnt, abgebrauchte Reime wie Liebe, Triebe, Jugend, Tugend zwar zu meiden, »ohne jedoch hierin gar zu ängstlich zu sein. Die Schönheit des Gedankens muß man darüber nicht aufopfern«. Es könne »sehr oft mit sehr alten und abgedroschenen Reimen ein sehr neuer und schöner Gedanke bestehen, und wenn dies ist, so vergißt man des abgenutzten Reimes völlig«. Hie ist immerhin an das Geheimnis gerührt, dessen Enthüllung ergeben würde, daß es auf nichts von dem ankommt, was da durch ein Sprachrohr nach allen zweiunddreißig Winden hin den Dichtern hätte beigebracht werden sollen und was hoffentlich kein Radio nachholen wird: weil das Problem eben darin liegt, daß zwar noch immer Liebe und Triebe ein Gedicht machen können, aber nicht die Grazien, denen wir huldigen.

Grazienreime

Ferdinand Max Bredt: Im Baudoir. Entblößte Grazie vor einem Paravent posierend aus unserer Rubrik: Gemälde des 19. Jahrhunderts
Ferdinand Max Bredt: Im Baudoir. Entblößte Grazie vor einem Paravent posierend aus unserer Rubrik: Gemälde des 19. Jahrhunderts

Einen Verdruß wie über Herrn Blumauer kann man, wie gesagt, Bürger nachempfinden, und selbst über noch bessere Dichter. Derartige Grazienreime sind ja die Schillerlocke einer ganzen »ersten Periode«, geradezu die Geistestracht des Stadiums, wo sich »zitterten« auf »Liebenden« reimt und »Segnungen« auf »Wiedersehn«. Daneben ist es schon ein Ohrenschmaus, wenn sich »Blüten« zu »hienieden« findet und dergleichen mehr, was Bürger auf das mißachtete, von der »echt hochdeutschen Aussprache« abweichende Schwäbisch hätte zurückführen müssen, wenn er es sich nicht selbst geleistet hätte. Dort gehen »Werke« von geringer dichterischer Höhe und »Berge« von Pathos eine Paarung ein, an der der Theoretiker Bürger freilich sogar im SinguIar Anstoß nimmt. Aber noch in der »dritten Periode« ist Fridolin – in einem der peinlichsten Gedichte, deren Ruhm jemals im Philisterium seinen Reim fand – »ergeben der Gebieterin«. Und gleich daneben finden sich doch, wieder zwischen Plattheiten, die herrlichen Verse von den dreimal dreißig Stufen, auf denen der Pilgrim nach der steilen Höhe steigt. (dessen Reim auf »erreicht« hier gar nicht stört und Bürgers Ansprüche befriedigt), und so etwas wie die Gestaltung des Drachenkampfes: »Nachbohrend bis ans Heft den Stahl«. Doch was reimt sich nicht alles im »Faust«, was sich nicht reimt! Nicht außen und, schlimmer, nicht innen. Um es darzutun, bedürfte es keineswegs einer so schwierigen Untersuchung wie der des »Faust-Zitats« (‚hohe Worte machen – Lachen‘), die ich einmal vorgenommen habe. Doch jene andere, durch die Zusammenziehung der Präposition fragwürdige Stelle, von der damals die Rede war, wird gern unvollständig zitiert, nämlich: »Vom Rechte, das mit uns geboren«. Und zwar mit dem Recht, das derjenige hat, der die Stelle nicht genau kennt und der wohl einen durchaus organischen Reim auf »verloren« angeben würde, wenn man ihn nach dem Wortlaut befragte. Der Vers lautet aber: »… das mit uns geboren ist«, und den Reim bildet nicht etwa ein voraufgehendes »verloren ist«, sondern die Vorzeile geht männlich aus:

Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist leider nie die Frage.

Nun wäre hier zwar eine Deckung der Sphären »geboren« und »Enkel« gegeben, aber sie tragen zum Reime nichts bei, welcher vielmehr im völlig äußerlichen Einklang des Hilfszeitworts mit dem leeren Zeitwort besteht. Wohl wären in einer Antithese von Wesenheiten auch »bist«und »ist« reimkräftig, hier haben jedoch die Reimpartner überhaupt keine andere Funktion als die, ihren Vers grammatisch abzuschließen. »bist« enthält noch etwas, aber im »ist« hat kein Gedanke Raum. Dichterisch entsteht ein weit größerer Defekt als durch den Mißklang der Reimlosigkeit: wenn etwa »geboren ward« stünde. Es ist einer jener unzähligen, auch bei Klassikern nicht seltenen Fälle, wo die Überflüssigkeit des Reims durch die Erkenntnis handgreiflich wird, daß er keiner Notwendigkeit entspringt, ja der trügerische Klang bereitet dem Gehör, das die Vorstellung der Wortgestalt vermittelt, ein ärgeres Mißbehagen als wenn die Stelle bloß äußerlich leer geblieben wäre. Das Recht, das eine falsche Reimtheorie auch dem »guten Dichter« gegenüber betont, darf eine, die auf das Wesen dringt, vor dem besten nicht preisgeben, und Goethe selbst, der im »Faust« wie das All auch die eigene sprachliche Welt von der untersten bis zur höchsten Region umfaßt, hätte aus dieser in die Beiläufigkeiten nicht mehr zurückgefunden, worin ein Nebeneinander von Sinn und Klang etwa das Zitat, aber nicht die Gestalt sichert. Von solchen Beispielen hätte Helena in jener bedeutenden Szene, wo der Reim als ein Vor-Euphorion der Wortbuhlschaft entspringt, ihn nimmer gelernt. Wie erschließt sich dort – »die Wechselrede lockt es, ruft’s hervor« – sein innerstes Wesen!

Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen,
Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,
Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.

Und diese Liebe macht den Vers, und dann ist auf die Frage der Helena

»So sage denn, wie sprech‘ ich auch so schön?«

auch gleich der Reim da:

»Das ist gar leicht, es muß vom Herzen gehen.
Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
Man sieht sich um und fragt –«
»Wer mitgenießt.«

Und sie lernt es, bis sich an seine Frage, wer dem »Pfand« der Gegenwart Bestätigung gibt, der unvergleichliche Ton der Liebe schmiegt: »Meine Hand«. Aber ihr Ohr ist erfüllt von dem unerhörten Erbieten des Lynkeus, der mit den Worten davonstürmt.

Vor dem Reichtum des Gesichts
Alles leer und alles nichts

also mit eben dem großartigen Reim, den Bürger als ein Beispiel in der Reihe derer anführt, die »nicht für wohlklingend geachtet werden können«, weil sie »sich zu weit von dem reinen Metallton entfernen«, indem »der Vokal durch die Menge der über ihn her stürzenden Konsonanten erstickt wird«. Solche Laryngologenkritik hat jenes Beispiel ja nicht erlebt, wo die Erstickung des Vokals durch die über ihn her stürzenden Konsonanten die Gewalt des Reims bedingt, die in dem ganzen Lynkeus-Gedicht hörbar wird als der reine Metallton der Liebespfeile,von denen Faust sagt:

Allwärts ahn‘ ich überquer
Gefiedert schwirrend sie in Burg und Raum.

Könnte es denn eine absolute Ästhetik des Reimes geben, abgezielt auf die Klangwürdigkeit dessen, was sich zwischen Rachen, Gaumen und Lippe begibt und was doch, möchte es an und für sich noch so »unrein« wirken, in die so ganz anders geartete Tonwelt des Kunstwerkes eingeht? Und ergibt sich nicht als das einzige Kriterium des Reims: daß der Gedanke in ihm seine Kraft bewährt bis zu dem Zauber, den an und für sich leeren Klang in einen vollen, den unreinen und in einen reinen zu verwandeln? So sehr, daß der Reim als die Blüte des Verses noch abgepflückt für das Element zeuge, dem er entstammt ist. In dem Sinne nämlich, daß das Gedicht auf seiner höchsten Stufe den Einklang der gedanklichen Sphären im Reim mindestens ahnen lassen wird. Ein Schulbeispiel für das Gegenteil bei vollster lautlicher Erfüllung bildet ein Reim Georges in einem auch sonst verunglückten Gedicht (»Der Stern des Bundes«):

Nachdem der kampf gekämpft das feld gewonnen
Der boden wieder schwoll für frische saat
Mit kränzen heimwärts zogen mann und maat:
Hat schon im schönsten gau das fest begonnen

Philipp Veit - Germania - 1834-1836
Philipp Veit – Germania – 1834-1836

Von allem orthographischen und interpunktionellen Hindernis abgeschen: nur lesbar und syntaktisch zugänglich, wenn man sich die Imperfekta der Mittelverse – welche unmöglich von »nachdern« abhängen könnten – als eingeschaltete Aussage zwischen Gedankenstrichen denkt. Aber welch einen Mißreim bedeutet dieses »Maat« (Schiffsmaat, Gehilfe); welche Überraschung für die Saat, die doch von Natur höchstens auf Mahd gefaßt wäre. Wie wenig sind hier die zwei Gedanken einverstanden und wie anschaulich fügt sich das Beispiel in das Kapitel der Beiläufigkeiten, »mit denen dichterische Werte besät sind«. Und wie blinkt dieser Reim doch vor Reinheit! Ein ästhetisches Gesetz wäre dem Vorgang der Schöpfung, der im poetischen Leben kein anderer ist als im erotischen – und wundersam offenbart sich diese Identität eben in der Wortpaarung zwischen Faust und Helena –, eben nicht aufzuzwingen. Etwas anderes ist es, von den Kräften auszusagen, die da am Werke sind; und ganz und gar ohne den Anspruch, sie dort, wo sie nicht vorhanden, verleihen zu können. Der Nutzen einer solchen Untersuchung kann füglich nur darin bestehen, daß den Genießern des Dichtwerks der Weg zu einer besseren Erkenntnis und damit zu einem Genuß höherer Art gewiesen wird. Und der Einblick in das, was im Gedankenraum der gebundenen Sprache das Wort zu leisten vermag, wird sich gewiß einer Betrachtung des Reimes abgewinnen lassen als der Form, die in Wahrheit den Knoten des Bandes und nicht die aufgesetzte Masche bedeutet.

Die Dichtungsart

Wenn wir Lyrik nicht dem Herkommen gemäß als die Dichtungsart auffassen, die die Empfindung des Dichters zum Ausdruck bringt – was doch jeder literarischen Kategorie vorbehalten bleibt –, sondern als die unmittelbarste Übertragung eines geistigen Inhalts, eines Gefühlten oder Gedachten, Angeschauten oder Reflektierten, in das Leben der Sprache, als die Gabe, das Erlebnis in der andern Sphäre so zu verdichten, als wäre es ihr eingeboren, so wird sie alle Gestaltung aus rein sprachlichen Mitteln vom Liebesgedicht bis zur Glosse umfassen. Einmalig und aus dem Vor-Vorhandenen geschöpft ist jede echte Zeile, die in diesem Bereich zustande kommt, aber nicht dem Rausch (welcher vielleicht die Grundstimmung ist, die den Dichter von der Welt unterscheidet), sondern dem klarsten Bewußtsein verdankt sie die Einschöpfung ins Vorhandene. Und zwar in dem Grade der Bindung, die ihr Rhythmus und Versmaß auferlegen, deren eigenste Notwendigkeit zu ergreifen doch vorweg nur dem geistigen Plan gelingt. Andere Sprünge als den einen, den die Rhodus-Möglichkeit gewährt, versagt die gebundene Marschrichtung des Verses. Je stärker die Bindung, desto größer die sprachliche Leistung, die innerhalb der gegebenen Form – und die »neue« ist immer nur der Ausweg des Unvermögens – den psychischen Inhalt bewältigt. Der Verdacht einer rein technischen Meisterung auf Kosten des sprachlichen Erlebnisses wächst mit der Kompliziertheit der Form, während die Enge des Rahmens die wahre Bindung bedeuten wird, in der sich ein originaler Inhalt entfaltet. In dieser Hinsicht kann ein »Gstanzl« kunstvoller als eine Kanzone sein. Wenn eine meiner zahlreichen Zusatzstrophen zur Offenbach’schen Tirolienne lautet:

Ungleichheit beschlossen
hat die Vorsehung wohl.
Nicht alle Genossen
hab’n a Schloß in Tirol.

so ist in die Nußschale von 24 Silben mit dem Zwang zum Doppelreim die ihm entsprechende Gegensätzlichkeit einer ganzen Sphäre eingegangen, und die große Schwierigkeit solcher Gestaltung liegt noch in dem Erfordernis, daß sie von der Leichtigkeit der Form verdeckt sei. Eine Erleichterung, die von der Musik ohneweiters verantwortet würde, wäre jene hier wie sonst übliche Beschränkung der Reimkorrespondenz auf den zweiten und den vierten Vers, welche mir aber dermaßen widerstrebt, daß ich auch die Grundstrophe mit dem typischen Text, der doch nur den Anlaß zu lustigem Geblödel und Gejodel bietet:

Mein Vater is a Schneider
A Schneider is er,
Und wann er was schneidert,
So is’s mit der Scher‘

durch die so naheliegende Wendung verbessert habe:

Und macht er die Kleider.

Ohne die musikalische Unterstützung jedoch empfinde ich den Vierzeiler, der erst in der Schlußzeile die Vergewisserung der Harmonie bringt, förmlich als die Beglaubigung jenes Dilettantismus, der von Heine ins Ohr der deutschen Menschheit gesetzt wurde, und seine satirische Leier als ein Geräusch, weit unerträglicher als der Gassenhauer, der im Hof gespielt wird, während man Musik macht. Mithin ganz als die, die hier gemeint ist:

Mißtönend schauerlich war die Musik.
Die Musikanten starrten
Vor Kälte. Wehmütig grüßten mich
Die Adler der Standarten.

Es wäre ja in den meisten dieser Fälle – besonders in »Deutschland, ein Wintermärchen« – auch kein Gedicht, wenn es durchgereimt wäre. Aber hin und wieder hinkt sogar der eine Reim, auf den diese ganze rhythmisch geförderte Witzigkeit gestellt ist, wie das von mir schon einmal hervorgehobene Beispiel dartut:

Von Köllen bis Hagen kostet die Post
Fünf Taler sechs Groschen preußisch.
Die Diligence war leider besetzt
Und ich kam in die offene Beichais‘.

Selbst wenn man also aus irgendeinem unerfindlichen dialektischen Grund »preußesch« sagen dürfte, hätte die Beischäs dermaßen geholpert, daß ihrem Passagier gar ein »preuscheß« nachklang. (Akustisch etwas plausibler wird der – nur in einer berühmten Satire mögliche – Reim: »Wohlfahrtsausschuß – Moschus«, zwar nicht durch einen Mauschus, aber immerhin durch einen Oschuß.) Wenn’s ebener geht und der Reim glückt, ist er in seiner Vereinzelung doch nur die Schelle, mit der die Post nach Deutschland läutet und zu der sich dem Reisenden, wie heute zum Geratter der Eisenbahn, eine Melodie einstellen mochte. Ich verbinde mit solchen Versen mehr noch als die akustische eine gymnastische Vorstellung, eine, die ich der Erfahrung verdanke, daß wenn man im Finstern eine Treppe hinuntergeht, die letzte Stufe immer erst die vorletzte ist. In der Heine-Strophe (deren Vorbild geschicktere Nachahmer entfesselt hat) glaubt man in der dritten Zeile auf festen Reim zu treten, tritt darum ins Leere und kann sich sehr leicht den Versfuß verstauchen. Wenn’s gut abgeht, ist man nach der vierten Zeile angenehm überrascht. Da sich jedoch immer von neuem diese Empfindung einstellt, so stellt sich auch die einer lästigen Monotonie ein, welche von der Durchreimung eines satirischen Kapitels keineswegs zu befürchten wäre, weil der Reim dann eher als Ausdrucksmittel wirkte, als Selbstverständlichkeit und nicht immer wieder als Draufgabe auf eine skandierte Prosa. So aber erweist er nicht nur seine Überflüssigkeit, sondern auch seinen Mangel. Denn was sich da vor jedem sonstigen Eindruck dem Leser aufdrängt, ist das Gefühl, daß der Verfasser sich’s noch leichter gemacht habe, als er’s ohnedies schon hatte. Ist das Reimen nur eine Handfertigkeit, dann zeigt sich dies vollends an der geringeren Leistung. Und umsomehr dann, wenn von Gnaden des Zufalls plötzlich doch ein Reim hineingerät, der das System verwirrt und den Leser erst recht auf das aufmerksam macht, was der Verfasser sonst nicht getroffen hat.

König ist der Hirtenknabe,
Grüner Hügel ist sein Thron;
Über seinem Haupt die Sonne
Ist die große, goldne Kron‘.

Mit aller Dürftigkeit im vorhandenen und im nichtvorhandenen Reim fast etwas Geschautes – das sich dann leider in die Schäkerei fortsetzt von den Kavalieren, die die Kälber sind und sich, da sie den dritten Vers füllen, nicht auf die Schafe reimen, welche bloß Schmeichler sind. Dann vollends niedlich, aber doch durchgereimt:

Hofschauspieler sind die Böcklein;
Und die Vögel und die Küh‘,
Mit den Flöten, mit den Glöcklein,
Sind die Kammermusici.

Warum geht’s denn jetzt? Gewiß, dieser Reim, der sich per Zufall gefunden hat, ist – im Gegensatz zu Küh‘ und Musici – nicht einmal unorganisch; umso organischer der Mangel, ihn nur ausnahmsweise eintreten zu lassen, da doch gerade in diesem Gedicht die Kontrastelemente des Landschaftlichen und des Höfischen, so billig die Erfindung sein mag, durchaus den Wechselreim erfordern würden und erlangen müßten. Abgesehen von der Ungerechtigkeit einer Weltordnung, in der die Kühe Kammermusiker, während die Kälber Kavaliere sind, und weggehört von einem Konzert, das die Vögel, deren Flöten doch nur eine Metapher sind, mit den Kühen aufführen müssen, die wirkliche Glöcklein haben, freut man sich, diese zu hören, denn sie sind ein unerwarteter Einklang mit den Böcklein, welche, ausgerechnet, Hofschauspieler sein dürfen. Im weiteren aber bleibt man wieder nur auf den Schlußreim angewiesen, den man umso lieber gleichfalls entbehren möchte. Ja, durch eine Entfernung dieses Aufputzes ließe sich die sprachdünne Strophe im Nu kräftigen. Man mache einmal den Versuch und setze statt des Endreims ein beliebiges Wort zur Ergänzung des Verses, selbst ohne Rücksicht darauf, ob es dem Sinn gemäß wäre, und die reimlose Strophe hat schon etwas von einem Gesicht und Gedicht. (Nur soll man es nicht gerade mit dem Kehrreim in »Deutschland« versuchen: ‚Sonne, du klagende Flamme!‘, der, wenngleich bloß »der Schlußreim des alten Lieds«, hier doch dichterisch empfunden und verbunden ist.) Wenn ich solchen Eingriff ohne Rücksicht auf den Inhalt empfehle, so spreche ich freilich als einer, der es vermag und gewohnt ist, die Sprachkraft und Echtbürtigkeit eines Verses jenseits der Erfassung des Sinns, den ich geflissentlich wegdenke, zu beurteilen, fast aus dem graphischen Bild heraus. Heines Reim schließt einen Sinn ab, kein Gedicht.

Worte in Versen

Man wird es vielleicht doch nicht als eitel auslegen, daß ich unweit von Beichais‘ und Moschus mich selbst zitiere, aber es kann sehr wohl eine Reimlosigkeit geben, die eben als solche Gestalt hat, und die drei einleitenden Gedichte des VII. Bandes der »Worte in Versen« sind Beispiele für die verschiedenartige, immer stark hervortretende Funktion einer ungereimten (letzten) Strophenzeile. In dem Gedicht »Die Nachtigall« betont und sichert sie, an den Wechsetreim anschließend, den Vorrang der Vögel vor den Menschen:

Ihr Menschenkinder, seid ihr nicht Laub,
verweht im Wald,
ihr Gebilde aus Staub,
und vergeht so bald!
Und wir sind immer.

Diese Gegenüberstellung ist durch zwei weitere Strophen (»Wir weben und wissen«, »Wir lieben Verliebte«) fortgeführt, bis, entscheidend, nur noch der Vorrang – schließlich auch vor den Göttern – zum Ausdruck gelangt, immer aber dank der Besonderheit des letzten, hinzutretenden Verses, der die Besonderheit, der Erscheinung zusammenfaßt. In »lmago« ist solche Absonderung durch den Nichtreim vom ersten zum vierten Vers bewirkt:

Bevor wir beide waren,
da haben wir uns gekannt,
es war in jenem Land,
dann schwand ich mit dem Wind.

Hier ist der Nichtreim die Gestalt dieses Schwindens: »und immer war ich fort«, »ich gab mich überall«, »die Welt hat meinen Blick«. Dann dient er dem Kontrast, die Bindung an eben diesen Verlust zu bezeichnen (welchem Wechsel auch die begleitende Melodie gerecht wird):

In einen Hund verliebt,
in jede Form vergafft,
mit jeder Leidenschaft
ist mir dein Herz verbunden.

Von da an bleibt die Isolation eben diesem Verbundensein vorbehalten: »und nennest meinen Namen«, »in deinem Dank dafür«, um endlich sein Beharren bis zur Verkündung der Schöpferkraft zu steigern:

Und reiner taucht mein Bild
aus jeglicher Verschlingung,
wie du aus der Durchdringung
der Erde steigst empor.

In »Nächtliche Stunde«, wieder absondernd, gehört die ungereimte letzte Zeile dreimal der Vogelstimme, die das Erlebnis der Arbeit über die Stufen der Nacht, des Winters und des Lebens begleitet:

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und diese Nacht geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag.

Seine Stimme ist die Eintönigkeit: widerstrebend dem Einklang. Der erlebten Monotonie ist die des Ausdrucks gemäß, die nur die bange Steigerung zuläßt: »Draußen ein Vogel sagt: es ist Frühling«, »Draußen ein Vogel sagt: es ist Tod«. Man ermesse aber die ungewollte Monotonie, den Greuel einer Ödigkeit, die entstünde,wenn in diesem Gedicht die Schlußzeile in einem Reim auf »vergeht« abwechselte. Doch vor der Möglichkeit solcher Abwechslung sichert es der durchwaltende Wille, hier nur wiederholen und nicht einklingen zu lassen; der einzige Reim, aus dem es besteht, dreimal gesetzt: »wende – Ende« gibt die ganze Trübnis des Gedankens, welcher die Dissonanz: Tag, Frühling, Tod – entspricht. Indem es dreimal dieselbe Strophe ist, an der sich nichts verändert als die einander entgegengestellten Zeitmaße von Nacht zu Tod, ist eine solche Einheit von Erlebnis und Sprache erreicht, eine solche Eintönigkeit aus dem Motiv heraus, daß nicht nur der Gedanke Form geworden scheint, sondern die Form den Gedanken selbst bedeutet.

Erlebte Eintönigkeit

Georg Trakl
Georg Trakl

Hat hier also die erlebte Eintönigkeit ihre Gestalt gefunden, so bewirkt die Reimlosigkeit innerhalb der epigrammatischen Strophe eine Monotonie, die der vorgestellten Gegensätzlichkeit alle Kraft des Eindrucks nimmt. Der Vers ist eine Welt, die ihre Gesetze hat, und die Willkür, die in ihr schaltet, hebt mit den Gesetzen die Welt auf. Mit der reimlosen dritten Zeile läßt sie sie in das Nichts vergehen. Der Dilettant ist des Zwanges ledig, dem sich der Künstler unterwirft, um ihn zu bezwingen: das Ergebnis wird hier freier und müheloser sein als dort. Ich stelle es mir ungeheuer schwer vor, schlechte Verse zu machen. Wenn ich für solche Vorstellung Heine anführe, den für seine Folgen verantwortlich gemacht zu haben, mir eben diese nicht verzeihen können, so beziehe ich mich auf sein Typisches, das die Ausnahme derjenigen (späten) Gedichte selbstverständlich macht, in denen nicht die klingende Begleitung eines Sentiments oder Ressentiments ins Gehör, sondern ein wortdichter Ausdruck des Erlebnisses ins Gefühl dringt. In der typischen und populären Heinestrophe, welche ich gegen eine Welt des journalistischen Geschmacks für die Pandorabüchse des Kunstmißverstandes und der Sprachverderbnis erkläre, ist der Reim so wenig gewachsen wie der Nichtreim, jener überflüssig und dieser nur notwendig aus Not. Er ließe sich verheimlichen durch die Zusammenlegung je zweier Verse zu einer Langzeile, in der die Cäsur den Nichtreim ersetzt: die geistige Gestalt würde sich durch solchen Eingriff, der an Organischem unmöglich wäre, kaum verändern, aber die Leier, die diese Form so geläufig macht, auch wenn’s bloß einmal dazu klingelt, ginge verloren. Wie zwischen Trochäus und Jambus, Daktylus und Anapäst nicht der Zufall entscheidet, so bestimmt er auch nicht die Vers-Einteilung. Man versuche die hier empfohlene Operation an meinen Versen »Traum«, die ich mit dem Selbstbewußtsein, das kunstkritische Untersuchungen sachlich fördert (so anstößig es, im sozialen Leben sein mag), nun der Heinestrophe entgegenstelle, weil sie das Beispiel sind für eine organische Möglichkeit, die dritte Zeile reimlos zu gestalten. Denn eben dieser Mangel ist hier Gestalt:

Stunden gibt es, wo
mich der eigne Schritt
übereilt und nimmt
meine Seele mit.

Dieser kurze Schritt übereilt den Läufer so, daß er den aufhaltenden Reim nicht brauchen könnte, er jagt jenen fiebrig in der Welt des Traums als eines vorlebendigen Lebens, durch alle Wirrsale und Seligkeiten von Kindheit und Liebe. Es ist alles jäh, unvermittelt, abgehackt, durch die Vereinigung je zweier Kurzzeilen wäre dieses Tempo aufgehoben und der Vers vernichtet; denn seine Wirksamkeit besteht darin, daß hinter ihm keine Cäsur steht, sondern ein Abgrund, über den er hinüberjagt. Dagegen wäre wieder das Gedicht »Jugend« mit einem reimlosen dritten Vers ein unvorstellbares Gerassel; eine der Schwingen wäre gebrochen, auf denen der Flug in das Erlebnis der Kindheit geht. Diese Funktion des Reims oder Nichtreims darf natürlich nicht so verstanden werden, daß sie an jeder Strophe nachweisbar sein muß. Eine Unterbrechung der Linie, ausdrucksmäßig schon gesichert, läßt nicht etwa einen plötzlichen Wechsel des Ausdrucks zu. Gerade die Hast, die im »Traum« tätig ist, gibt einem Innehalten die vollere Anschauung:

Staunend stand ich da
und ein Bergbach rinnt
und das ganze Tal
war mir wohlgesinnt.

In der langen Dehnung dieses Tals (mit allen umgebenden »a«) ist fast der Reim auf »da« bewirkt, der in anderer sprachlicher Landschaft wirklich eintreten müßte. Dann geht es wieder rapid:

Und der Wind befiehlt,
damit leichtbeschwingt
alles in der Luft
heute mir gelingt.

»Immer heißer wird’s« nun auf dieser Bahn, bis sie in den Ruhepunkt mündet:

Wär‘ mein Tag vorbei!
Wieder umgewandt
kehrt‘ ich aus der Zeit
in das lichte Land.

Noch in die Ruhe tönt es von dem eiligen Schritt.

Die Kraft des Reimes

rainer-maria-rilke-fotografiert von george bernard shaw - 1906
rainer-maria-rilke-fotografiert von george bernard shaw – 1906

Und hier ist auch ein Beispiel für die Kraft des Reimes, zu dem zwei Partner von ungleicher Quantität gepaart sind: umgewandt – Land. (»Quantität« nicht als Lautmaß: der Silbenlänge oder -kürze, sondern als Maß der Größe des Reimwortes.) Nur daß es hier der erste Partner ist, der sich von der Fessel der Vorsilben lösen muß, um die Paarung zu ermöglichen. Aber können wir uns ihn als den aktiven Teil vorstellen und daß der andere sich dem schon geschwächten Partner ergebe? Aus dem Phänomen der Einheit, das der Reim bedeutet, wird die erotische Tendenz auch in umgekehrter Richtung vorstellbar; man erkennt, daß die Eroberung immer von dem Teil ausgeht, der begrifflich stärker erfüllt ist. In dem Beispiel also, mit dem die Untersuchung einsetzt, vom ersten Gedanken: »landen«, hier aber (wo es, in der Tat »umgewandt« ist) vom zweiten: »Land«. Hier ist es die Vorzeile, die die stärkere Belastung, die Nachzeile, die das größere Gewicht hat. Selbstherrlich wirkend, hat sie so viel Atem und Widerstand zwischen den Worten, daß sich das letzte nicht so leicht ergeben würde: darum kommt, anders als im ersten Beispiel, ihr die Eroberung zu. Wie immer sich nun die Kräfte messen, um sich in den Reim zu ergeben, so wird ersichtlich, daß entweder der äußeren Quantität eine innere gegenübersteht oder daß der Unterschied auch bloß innerhalb dieser zur Geltung kommen kann. Den Widerstand, dessen Überwindung die Reimkraft nährt, wird sie nicht bloß dem Unterschied der sichtbaren, sondern auch dem der wägbaren Quantitäten verdanken. Er kann auch dem isolierten Reimkörper anhaften, vermöge der gedanklichen Stellung, die das Wort im Vers behauptet, und gemäß dem schöpferischen Element der Sprache, das nicht allein im Wort, sondern auch zwischen den Worten lebendig ist und die »sprachliche Hülle« noch aus dem Ungesprochenen webt. Echte Wortkraft wird, jenseits der äußeren Quantität, die glückliche Reimpaarung auch dort erreichen, wo sonst nur Gleichartigkeit ins Gehör dränge. Am vollkommensten aber muß die Wirkung sein, wo innere und äußere Fülle ins Treffen geraten, mag man nun hier oder dort den Angriff erkennen. Die metrische Terminologie unterscheidet in einem äußerlichen Sinn und fern von jeder Ahnung einer Erotik der Sprachwelt zwischen männlichen und weiblichen Reimen. Angewendet auf die eigentlichen Geschlechtscharaktere, die die Gedankenpaarung ergeben, würde diese Einteilung jeweils die Norm eines gleichgeschlechtlichen Verkehrs bezeichnen. Natürlicher wäre die ganz andere Bedeutung, daß ein männlicher und ein weiblicher Vers das Reimpaar bilden, jener, dem die innere, und dieser, dem die äußere Fülle eignet. Ein anschauliches Beispiel für solches Treffen – von der rückwirkenden Art wie bei »umgewandt, Land« – bietet eine jener guten, manchmal leider nur beiläufig fortgesetzten Strophen Berthold Viertels (der mit Schaukal, später mit Trakl und Janowitz zu den heimischen Lyrikern gehört, die durch Zeilen wertvoller sind, als die beliebteren durch Bücher). Es war eine schöpferische Handlung, dem Gedicht »Einsam« drei Strophen zu nehmen und nur diese erste, die das Gedicht selbst ist, in der Sammlung »Die Bahn« stehen zu lassen:

Wenn der Tag zu Ende gebrannt ist,
Ist es schwer nachhause zu gehn,
Wo viermal die starre Wand ist
Und die leeren Stühle stehn.

Wie starr steht hier, innerhalb der ganzen aus dem geringsten Inventar bezogenen Vision, viermal endlos, diese Wand: dem zu Ende gebrannten Tag entgegen! Schließlich fügen sich die Welten in den Reim wie der Heimkehrende in den Raum, wo das Grauen wartet. Wie ist hier alles Schwere des Wegs bewältigt und alles Leere am Ziel erfüllt. Die Fälle in der neueren Lyrik sind selten, wo sich die Wirkung so an den eigentlichsten Mitteln der Sprache nachweisen läßt. Hätte Nietzsche die Anfangsstrophe seines Krähengedichts von den folgenden befreit und gar von dem Einfall, den Wert durch Wiederholung zu entwerten, es wäre ein großes Gedicht stehen geblieben.

Das von einer Nährung der Reimkraft durch den Widerstand, durch die Möglichkeit von Werbung und Eroberung Gesagte wird wohl vorzüglich für die unmittelbare Paarung zu gelten haben, welche durch das äußere Gleichmaß der Reimkörper leicht zu einer glatten und schalen Lustbarkeit wird. Im Wechselreim ist dank dem Dazwischentreten des fremden Verses, der wieder auf seinen Partner wartet, diese Gefahr verringert. Gleichwohl wird auch hier und immer die Deckung der verschiedenen Quantitäten (oder Intensitäten) das stärkere Erlebnis bewirken, und auch da wird etwa die vokalische Abwegigkeit, die der Umlaut bietet, zur Lustvermehrung des Gedankens dienen, welcher nun einmal »es in sich« hat, trotz allen Normen der Sitte und Ästhetik seine Natur zu behaupten; denn wie nur ein Erotiker formt er sich das Bild der Liebe nach der Vorstellung und weil er die Vorstellung selbst ist, so hat er noch näher zu ihr. Der »unreine Reim« – die Hände ihm zu reichen, schauert‘s den Reinen – wird für die Ächtung durch den Gewinn entschädigt sein und dem »Blick«, der ihn strafend trifft, stolz sein »Glück« entgegenhalten. Der Reimphilister (unerbittlicher als der Reim-Bürger, der in glücklichen Stunden seiner eigenen Strenge vergaß) stellt Forderungen, die in der Welt der Dichtung nicht einmal gehört werden können, obgleich sie nichts als Akustisches enthalten. »Menge – enge« darf gelten, doch »Menge – Gedränge«, an und für sich schon ein Gedicht, weniger. »Sehnen und wähnen« weniger als »sehnen und dehnen«, »Ehre und Leere« eher als »Ehre und Chimäre«. Der Reimbund »zwei und treu« wird erst in der Leierei anerkannt, die eine so volle begriffliche Deckung entstellt:

Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!

Frank Wedekind
Frank Wedekind

Von der Funktion der Widerstandssilbe weiß man vollends nichts: davon, daß sich der Reim in dem Maße der Verschiedenheit dessen verstärkt, was dem Reim angegliedert ist. Diesseits aller schöpferischen Unerschöpflichkeit, diesseits dessen, was nicht ermeßbar ist, ließe sich, soweit Geistiges sich der Quantität selbst entnehmen läßt, vielleicht ein Schema aufstellen. Da wäre der Reim am stärksten, wenn das isolierte Reimwort der einen Zeile dem komplizierten der andern entspricht: Halt und Gewalt. (Oder das komplizierte dem komplizierteren: Gewalt und Vorbehalt.) Schwächer im Gleichmaß der isolierten Reimwörter: Halt und alt. Noch schwächer im Gleichmaß der komplizierten: Gehalt und Gestalt (oder: Vollgehalt und Mißgestalt). Am schwächsten, wenn sich bereits die Vorsilben reimen: behalt und Gestalt. Denn je selbständiger sich beiderseits der Klang der Vorsilbe macht, umsomehr Kraft entzieht er dem Reim. Im stärksten Fall dient die Vorsilbe dem Reimwort, dem sie alle Kraft aufspart, da sie sich selbst an kein Gegenüber zu vergeben hat. Fehlt sie, so ist der Reim auf sich allein angewiesen. Ist sie da wie dort vorhanden, so wird ihm umsomehr entzogen, je reimhafter sie selbst zu ihrem Gegenüber steht. Ein Wortspiel, das in der Prosa noch ein Witz ist, erfährt im Vers eine klangliche Abstumpfung, die den Witz aufhebt. Erzählte etwa jemand, die menschlich saubere Persönlichkeit des österreichischen Bundespräsidenten sei irgendwo beim Händedruck mit einem Finanzpiraten beobachtet worden, und würde daraus ein Epigramm, so könnte der starke Kontrast der Sphären den Reim ergeben: »Hainisch – schweinisch«, also einen Einfall, der in der Prosa gewiß keine sonderliche Kraft hätte. Dagegen würde eine Gegenüberstellung: »Hainisch – Haifisch« einen Witz als dürftigen Reim zurücklassen. Gegen das Spiel der betonten Vorsilben kann sich der Reim nicht halten. Die Verödung tritt aber auch im sogenannten männlichen Reim ein, der als solcher die Tonkraft bewahrt. »Unternimmt – überstimmt«, »übernimmt – überstimmt«: je analoger der Vorspann, auch wenn er den Ton nicht völlig abzuziehen vermag, umsomehr entwertet er den Reim. Wird die Ähnlichkeit der Vorsilbe gar zum Vorreim, so tritt eine solche Schwächung des Reims ein, daß sie zur Lähmung führen kann, indem die Reime einander aufheben. Das wird anschaulicher werden an der Entwicklung bis zu dem peinlichen Reim der zusammengesetzten Wörter, der in der Witzpoesie eine so große Rolle spielt. Am stärksten: Gestalt – Hochgewalt; schwächer: Dichtgestalt – Hochgewalt; noch schwächer: Dichtgestalt – Dichtgewalt; am schwächsten: Dichtgestalt – Richtgewalt. Oder: Gast – Sorgenlast; schwächer: Gast – Last; noch schwächer: Erdengast – Sorgenlast; am schwächsten: Morgengast – Sorgenlast. Der Zwillingsreim ist von altersher, dem Ohr und Humor widerstrebend, Element der gereimten Satire; wohl auch seit Heine, bei dem es von Monstren wie »Dunstkreis – Kunstgreis«, »Walhall-Wisch – Walfisch« wimmelt. Leider hat Wedekind, dessen Sprache der leibhaftigste Feuerbrand ist, in den Papier aufgehen konnte, diesen Reimtypus, welchen ich den siamesischen nennen möchte, wenngleich doch nicht ohne plastischere Wirkung, übernommen:

Heute mit den Fürstenkindern,
Morgen mit den Bürstenbindern.

Heinrich_Heine-Oppenheim
Heinrich Heine (Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831)

Und gar: »Viehmagd – nie plagt« (unmöglich, dem »plagt« den ihm zukommenden Ton zu retten), »niederprallt – widerhallt« (der männliche Reim macht es möglich), »weine und – Schweinehund«, »Tugendreiche – Jugendstreiche«. Besser wäre der einheitliche Viersilbenreim: Tugendreiche – Jugendreiche; nimmt man ihn als Doppelreim, so wirkt die Gefolgschaft, die jeder der zweiten Reimkörper erhält, fördernd wie sonst der Vortrab, der zu einem der beiden stößt: Reiche – Jugendstreiche. Schwächer wäre: Reiche – Streiche, noch schwächer. Tugendreiche – Mädchenstreiche, und am schwächsten ist eben die Form des Originals »Tugendreiche – Jugendstreiche«, wo der Doppelreim doppelt paralysierend wirkt. Die Teile heben einander aus den Angeln, ehe jeder zu seinem Gegenüber gelangt, und es ist in der Konkurrenz der Tonkräfte kaum möglich, auch nur einem der Paare zu seinem Recht zu verhelfen. Dieser Doppelmißreim ist nicht etwa die Zusammensetzung des Reims mit einem Binnenreim, der eine stärkende Funktion hat. Er gleicht vielmehr einer Vorstufe zu jenem »Schüttelreim«, der sein Spiel völlig außerhalb der dichterischen Zone treibt, aber als die sprachtechnische Möglichkeit, die er vorstellt, durch die deutliche Wechselbeziehung der Konsonanten den Reimklängen doch ein gewisses Gleichmaß der Wirkung sichert. Ein (nur von Musik noch tragbarer) Mißreim ist ferner der zweier Fremdwörter: kurieren – hofieren, weil sich auch in solchem Fall, der die leerste Harmonie darbietet, eine begriffliche Parallelleistung vollzieht, bevor der Reim eintritt, der dann nur in der Gleichartigkeit der Fremdwort-Endung beruht: der reimführende Konsonant hat nicht dieselbe Geltung wie im deutschen Wort. (Auch hier in abschreckendster, kneiphumoriger Ausprägung bei Heine, zumal im Namengereime wie »Horatius« auf »Lumpacius« – in einer Strophe, die sich über den Reim bei Freiligrath lustig macht – und »Maßmanus«, nämlich der lateinsprechende Maßmann, auf »Grobianus«. Anders und karikaturhafte Gestalt geworden, in der Nachbildung des Geschniegelten und Gebügelten, der Sphäre, die das Fremdwort als Schmuck trägt, bei Liliencron: »Vorne Jean, elegant«.) Umso stärker der Reim, wenn ein Fremdwort mit einem deutschen gepaart wird: führen – kurieren; in welchem Beispiel freilich noch das Mißverhältnis der Quantitäten fördernd hinzukommt wie bei regen – bewegen, eilen – verweilen. Ein Notausgang ist der sogenannte »reiche Reim«, von welchem Bürger im allgemeinen mit Recht meint, daß er eher der armselige heißen sollte, freilich nicht ohne selbst von ihm reichen Gebrauch zu machen:

Hilf Gott, hilf! Sich uns gnädig an!
Kind, bet‘ ein Vaterunser!
Was Gott tut, das ist wohlgetan.
Gott, Gott erbarmt sich unser!

Oder schlimmer, weil benachbart:

Graut Liebchen auch vor Toten?
»Ach nein! – doch laß die Toten!«

Und wieder:

Graut Liebchen auch vor Toten?
»Ach! Laß sie ruhn, die Toten !«

»Wenn es die Umstände erfordern«, sagt Bürger, wohl im Bewußtsein solcher Lücken, »daß einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen komme, so ist nichts billiger, als daß er auch mit ebendemselben Worte bezeichnet werde«. Solches dürfen aber die Umstände nie erfordern, weil sie sonst auch alles andere erfordern könnten, wie daß etwa plötzlich anderes Versmaß oder Prosa eintrete. Was die Umstände erfordern, hat freilich zu geschehen und zu entstehen, aber innerhalb der künstlerischen Gesetzlichkeit, die die Umstände erfordert. Wenn einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen kommt, so ist dies eben die Schuld der zwei Verse, und dann gewiß »nichts billiger«, als ihn mit demselben Wort zu bezeichnen. Was aber an das Ende zu stehen kommen muß, ist nicht einerlei Begriff, sondern die Kongruenz der zweierlei Begriffe. Der »reiche Reim«, der keineswegs durch ein Versagen der Gestaltungskraft gerechtfertigt wird, den aber sie selbst erfordern könnte, vermag recht wohl auch die Kongruenz zum Ausdruck zu bringen. Der Ruf an Euphotion:

Bändige! bändige,
Eltern zu Liebe,
Überlebendige
Heftige Triebe!

offenbart nicht nur die Verjüngung des ältesten, sondern auch den Reichtum desjenigen Reims, der nur ein reicher ist. Dank Umlaut und Silbenvorspann, dank der unvergleichlichen Übereinstimmung der Sphären, in denen Gewalt und Kraft leben, wird hier die Gleichheit des reimführenden Konsonanten, wird die Reimlosigkeit gar nicht gespürt. Es ist durch dichterische Macht ein Ausnahmswert der Gattung: im Lebendigen erscheint das, was zu bändigen, förmlich enthalten und entdeckt. Der »reiche Reim« wird also gerade nur dort gut sein, wo nicht einerlei Begriff dasselbe Wort verlangt, sondern zweierlei sich zu ähnlichen Wörtern finden, deren gleicher Konsonant dem vokalischen Einklang nicht die Reimkraft nimmt. Vielleicht ist Bürgers Entschuldigung eine Verwechslung mit dem sehr erlaubten Fall, wo allerdings einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen kommt, aber aus dem Grunde, weil einerlei Begriff beide ganz und gar erfüllt – mit dem Fall, wo die gewollte Gleichheit des Gedankeninhalts die Verse selbst gleichlautend oder doch gleichartig macht. Das dürfen sie sein und reimen dann stärker als mit einem Reim. Ein solcher Fall kommt gleichfalls in der »Lenore« vor:

Wie flogen rechts, wie flogen links
Gebirge, Bäum‘ und Hecken!
Wie flogen links und rechts und links
Die Dörfer, Städt‘ und Flecken!

Das ist – da es so und nicht anders weitergeht – namentlich durch die Variation »und rechts« ungemein stark, stärker als es etwa ein Reim mit »ging’s« und stärker als es ein Nichtreim (etwa: »rechts und links und rechts«) wäre. Ein Vers könnte aber zu stärkster Wirkung auch völlig gleichlautend wiederholt sein, wie etwa bei Liliencron das alle Lebensstadien begleitende Gleichnis:

Es jagt die Schwalbe weglang auf und nieder.

Hier wäre kein Reim denkbar außer dem der Identität, dem innern Reim auf »immer wieder«, dem Kehrreim einer ewigen Wiederkehr.

Doch mehr noch als Identität, mehr selbst als der Übereinklang des echten Reimes kann der eingemischte Nichtreim dem dichterischen Wert zustatten kommen. Von allen Schönheiten, die zu dem Wunder vom »Tibetteppich« verwoben sind (welches allein EIse Lasker-Schüler als den bedeutendsten Lyriker der deutschen Gegenwart hervortreten ließe), ist die schönste der Schluß:

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916
Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916

Der vorletzte Vers, dazwischentretend, hat nirgendwo in dem Gedicht, das sonst aus zweizeilig gereimten Strophen besteht, seine Entsprechung. Wie durch und durch voll Reim ist aber dieses »wohl«, angeschmiegt an das »schon«, süßes Küssen von Mund zu bunt, von lange zu Wange vermittelnd. Auf solche und andere Werte ist einst in einer verdienstvollen Analyse – von Richard Weiß in der Fackel Nr. 321/322 – hingewiesen worden, mit einer für jene Zeit (da zu neuem Aufschluß der Sprachprobleme wenig außer der Schrift »Heine und die Folgen« vorlag) gewiß ansehnlichen Erfassung der Einheit in Klang- und Bedeutungsmotiven, wenngleich vielleicht mit einer übertreibenden Ausführung der Lautbeziehungen, die im Erspüren einer Gesetzmäßigkeit wohl auch der Willkür des Betrachters Raum gab. Achtungswert aber als der Versuch, in jedem Teile den lebenden Organismus darzustellen und zu zeigen, wie »in jeder zufälligst herausgegriffenen Verbindung der mathematische Beweis höchster notwendiger Schönheit nur an der Unzulänglichkeit der Mathematik scheitern könnte«. Vielleicht auch an der Unzulänglichkeit des Kunstwerks, wenn der Autor diesen Versuch mit einem Gedicht von Rilke unternommen hätte, mit welchem er Else Lasker-Schüler verglich. Während bei ihr – in den männlichsten Augenblicken des Gelingens – zwischen Wesen und Sprache nichts unerfüllt und nichts einem irdischen Maß zugänglich bleibt, so dürfte die zeitliche Unnahbarkeit und Unantastbarkeit von Erscheinungen wie Rilke und dem größeren George – mit Niveaukünstlern und Zeitgängern wie Hofmannsthal und gar Werfel nicht zu verwechseln – doch keinem kosmischen Maß erreichbar sein. Else Lasker-Schüler, deren ganzes Dichten eigentlich in dem Reim bestand, den ein Herz aus Schmerz gesogen hatte, ist aber auch der wahre Expressionist aller in der Natur vorhandenen Formen, welche durch andere zu ersetzen jene falschen Expressionisten am Werk sind, die zum Mißlingen des Ausdrucks leider die Korrumpierung des Sprachmittels für unerläßlich halten. Trotz einer Stofflichkeit unter Sonne, Mond und Sternen (und mancher Beiläufigkeit, die solches Ausschwärmen begleitet), ist ihr Schaffen wahrhaft neue lyrische Schöpfung; als solche, trotz dem Sinnenfälligsten, völlig unwegsam dem Zeitverstand. Und wie sollte, wo ihm zwischen dem Kosmos und der Sprache keine Lücke als Unterschlupf bleibt, er anders als grinsend bestehen können? Selbst ein Publikum, das meine kunstrichterliche Weisung achtet und lyrischer Darbietung etwas abgewinnen kann, sitzt noch heute ratlos vor dieser Herrlichkeit wie eben vor dem Rätsel, das die Kunst aus der Lösung macht.

Im Wort die Welt erschaffen ist

Wie könnten aber solche Werte, wie könnte das Befassen mit ihnen den Leuten eingehen, die zu der Sprache keine andere Beziehung haben, als daß sie verunreinigt wird, weil sie in ihrem Mund ist! Sie in solchem Zustand als das höchste Gut aus einem zerstörten Leben zu retten – trotz allen greifbareren Notwendigkeiten, die es nicht mehr gäbe, hätte der Mensch zur Sprache, zum Sein zurückgefunden –, ist die schwierigste Pflicht: erleichtert durch die Hoffnung, daß der Kreis derer immer größer wird, die sich durch solche Betrachtungen angeregt, ja erregt und belebt fühlen. Es ist Segen und Fluch in einem, daß solchen Denkens, wenn es einmal begonnen, kein Ende ist, indem jedes Wort, das über die Sprache gesprochen wird, deren Unendlichkeit aufschließt, handle es nun von einem Komma oder von einem Reim. Und mehr als aus jedem anderen ihrer Gebiete wäre aus eben diesem zu schöpfen, wo die Fähigkeit der Sprache, gestaltbildend und -wandelnd, am Gedanken wirkt wie die Phantasie an der Erscheinung, bis, immer wieder zum ersten Mal, im Wort die Welt erschaffen ist. In solcher Region der Naturgewalten, denen wirkend oder betrachtend standzuhalten die höchste geistige Wachsamkeit erfordert, muß jeder Anspruch vor dem ästhetischen gelten; denn die formalen Erfordernisse, auf die es dieser absieht, betreffen beiweitem nicht den Klang, der dem Gedanken von Natur eignet und den ihm ein die Sphäre erfüllendes und noch in der Entrückung beherrschendes Gefühl zuweisen wird. Der Reim als die Übereinstimmung von Zwang und Klang ist ein Erlebnis, das sich weder der Technik einer zugänglichen Form noch dem Zufall einer vagen Inspiration erschließt. Er ist mehr »als eine Schallverstärkung des Gedächtnisses, als die phonetische Hilfe einer Äußerung, die sonst verloren wäre«; er ist »keine Zutat, ohne die noch immer die Hauptsache bliebe«. Denn »die Qualität des Reimes, der an und für sich nichts ist und als eben das den Wert der meisten Gedichte ausmacht, hängt nicht von ihm, sondern durchaus vom Gedanken ab, welcher erst wieder in ihm einer wird und ohne ihn etwas ganz anderes wäre«. Aber lebt er einmal im Gedicht, so ist es, als ob er noch losgelöst dafür zeugte. Ich könnte, was er alles vermag, was er alles ist und nicht ist, stets wieder nur mit jenen Reimen sagen, von denen man nun – um das Landen der Einverstandenen herum – alle behandelten Arten des Reims, sofern er einer ist, ablesen kann; und deren jeder man die begriffliche Deckung zugestehen wird: daß er nicht Ornament der Leere, des toten Wortes letzte Ehre, daß er so seicht ist und so tief wie jede Sehnsucht, die ihn rief, daß er so neu ist und so alt wie des Gedichtes Vollgestalt. Und daß dem Wortbekenner das Wort ein Wunder und ein Gnadenwort ist. Denn »reimen« – bekannte ich – »kann sich nur, was sich reimt; was von innen dazu angetan ist und was wie zum Siegel tieferen Einverständnisses nach jenem Einklang ruft, der sich aus der metaphysischen Notwendigkeit worthaltender Vorstellungen ergeben muß«.

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Quelle: Der Reim – Karl Kraus – Gesammelte Werke in drei Bänden – Band 3 – Verlag Volk und Welt 1971

Ralph Waldo Emerson – Warum wir Vorbilder haben – Essay

Der Wert und die Bedeutung großer Menschen

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882
Ralph Waldo Emerson – 1803 bis 1882

Der Glaube an große Menschen ist uns angeboren. Wenn die Gespielen unserer Kindheit sich plötzlich als Helden und ihr Stand sich als königlich offenbaren würden, es würde uns nicht überraschen. Alle Mythologie beginnt mit Halbgöttern, alles was sie umgiebt ist von Hoheit und Poesie erfüllt; weil alles von ihrem Genius beherrscht wird. In den Legenden der Gautama aßen die ersten Menschen die Erde und fanden sie von köstlicher Süße.

Die Natur scheint für die Vorzüglichen da zu sein. Die Welt wird durch die Wahrhaftigkeit guter Menschen erhalten: sie sind es, die die Erde gesund und heilsam machen. Alle, die mit ihnen lebten, fanden das Leben froh und nahrhaft. Nur durch unseren Glauben an die Gemeinschaft mit solchen Menschen wird das Leben süß und durch sie erträglich; und wir richten es stets so ein, daß wir wirklich oder im Geiste mit denen leben, die größer sind als wir. Wir nennen unsere Kinder und Länder nach ihren Namen. Ihre Namen sind in die Worte der Sprache verwoben, ihre Werke und Abbilder sind in unseren Häusern, und jedes Ereignis des Tages ruft eine Anekdote aus ihrem Leben ins Gedächtnis.
Die Suche nach großen Menschen ist der Traum der Jugend und die ernsteste Aufgabe des Mannesalters. Wir reisen nach fernen Landen, um ihre Werke zu finden, wenn möglich einen Blick auf sie zu erhaschen. Aber statt dessen werden wir mit gewöhnlichen Glücksgütern abgespeist. Man sagt, die Engländer seien praktisch, die Deutschen gastfreundlich; in Valencia sei das Klima zum Entzücken, und in den Bergen von Sacramento gäbe es Gold für den, der es sucht. Ja, aber ich reise nicht, um bequeme, reiche und gastfreundliche Leute, oder einen klaren Himmel, oder Barren, die mehr kosten, als sie wert sind, zu finden. Doch wenn es einen Magnet gäbe, der nach den Ländern und Häusern wiese, in denen die Menschen leben, die innerlich reich und mächtig sind, ja dann würde ich alles, was ich habe, verkaufen und mich heute noch auf den Weg machen.
Die ganze Rasse lebt vom Kredit dieser einzelnen. Der Umstand, daß der Mann in der Stadt lebt, der die Eisenbahn erfunden, hebt das Ansehen aller Bürger. Und die bevölkertsten Länder, denen solcher Reichtum fehlt, sind ekel wie belebter Käse, wie Ameisenhaufen oder Flöhe, – je mehr, desto ärger.

Unsere Religion ist nichts als die Liebe und der Kultus dieser Schutzheiligen. Die Götter der Fabel sind die leuchtenden Augenblicke aus dem Leben großer Menschen. Wir alle gießen unsere Gefäße nach einer Form. Unsere ungeheueren Gotteslehren, unser Judaismus, Christismus, Buddhismus, Mahometismus, sie sind die notwendigen Resultate der architektonischen Arbeit des Menschengeistes. Der Geschichtsforscher gleicht einem Mann, der in ein Warenhaus eintritt, um Tücher oder Fußteppiche zu kaufen. Er bildet sich ein, er habe einen neuen Artikel bekommen. Wenn er in die Werkstätte blicken würde, würde er entdecken, daß sein neuer Stoff dieselben Schnörkel und Rosetten trägt, die sich schon auf den Innenwänden der Pyramiden von Theben finden. Unser Deismus ist nur die geläuterte Idee des menschlichen Geistes selbst. Der Mensch kann nichts anderes malen, schaffen, denken, als den Menschen. Er muß glauben, daß alle die großen, materiellen Elemente aus seinem Geiste den Ursprung nehmen. Und unsere Philosophie findet stets nur ein Grundwesen, sei es geeint oder verteilt.

Edward Lear - Thebes - Google Art Project Edward Lear - ZgE4LL1pJVXz3A at Google Cultural Institute
Edward Lear – Thebes – Google Art Project – ZgE4LL1pJVXz3A at Google Cultural Institute

Wenn wir nun daran gehen, die Dienste zu untersuchen, welche wir von anderen überhaupt empfangen können, so müssen wir uns vor allem vor den Gefahren der modernen Philosophie hüten und ganz unten anfangen. Wir dürfen nicht gegen die Liebe ankämpfen und nicht die substantielle Existenz der anderen Menschen überhaupt leugnen. Ich weiß nicht, was uns sonst zustoßen könnte. Ein guter Teil unserer Stärke ist eine sociale. Unsere Neigung für andere schafft eine Art von Vorteil oder Erwerb, den nichts ersetzen kann. Ich kann manches durch einen anderen thun, was ich nicht selbst thun kann. Ich kann einem anderen Dinge sagen, die ich vorher mir selbst nicht hätte sagen können. Andere Menschen sind die Linsen, durch welche wir in unserem eigenen Geiste lesen. Jeder Mensch sucht diejenigen auf, die in der Qualität von ihm verschieden und die besten ihrer Art sind; das heißt: er sucht andere Menschen, und zwar gerade die andersten. Je stärker die Natur eines Menschen ist, desto stärker ist ihre Reaktion. Wir wollen die Qualität rein haben. Die kleinen Talente wollen wir lassen. Ein Hauptunterschied zwischen den Menschen liegt darin, ob sie ihre eigenen Aufgaben erfüllen oder nicht. Der Mensch ist die edle endogenetische Pflanze, die gleich der Palme von innen nach außen wächst. Seine eigensten Aufgaben, die allen anderen unmöglich sein mögen, löst er schnell und spielend. Es ist dem Zucker leicht, süß zu sein, und dem Salpeter leicht, salzig zu schmecken. Wir geben uns oft eine unglaubliche Mühe, mit Fallen und Gruben und Hinterhalten das zu erjagen, was ganz von selbst in unsere Hände fallen muß. Ich halte den für einen großen Mann, der eine höhere Gedankensphäre bewohnt, zu welcher andere sich nur mühsam und mit Schwierigkeiten emporheben können; er braucht nur die Augen zu öffnen, um die Dinge in ihrem wahren Lichte und in bedeutenden Beziehungen zu sehen, während sie beständig ärgerliche Korrekturen vorzunehmen und auf zahlreiche Fehlerquellen ein wachsames Auge zu halten genötigt sind. Der Dienst, den er uns erweist, ist von gleicher Natur. Einem schön gestalteten Menschen kostet es keine Mühe, sein Bild unserem Auge einzuprägen – und was für eine herrliche Wohlthat erweist er uns damit; und keine größere Mühe kostet es der weisen Seele, andere ihre Weisheit mitgenießen zu lassen. Jeder kann sein Bestes leicht thun. » Peu de moyens, beaucoup d’effet.« Der ist groß, der das, was er ist, von Natur aus ist und uns nie an andere erinnert.

Aber er muß eine uns verwandte Natur sein und unserem Leben irgend eine Aussicht auf Aufklärung eröffnen. Ich kann nicht immer sagen, was ich gerade wissen möchte; aber ich habe bemerkt, daß es Menschen giebt, die durch ihren Charakter und ihre Handlungen Fragen beantworten, die zu stellen ich nicht genug Geschick besitze. Mancher beantwortet Fragen, die keiner seiner Zeitgenossen stellte, und die Folge für ihn ist Isolierung. Die vergangenen und vergehenden Religionen und Philosophien beantworten manche andere Frage. Gewisse Leute berühren uns wie reiche Möglichkeiten, die dennoch unfähig sind, sich selbst oder ihrer Zeit zu helfen – das Spiel irgend eines Triebs vielleicht, der die Luft bewegt, entsprechen sie unserem Bedürfen nicht. Aber die Großen sind nah; und wir erkennen sie, wenn wir sie sehen. Was gut ist, ist wirksam und zeugungskräftig und schafft sich Raum, Nahrung und Bundesgenossen. Ein guter Apfel giebt Samen, ein Bastard nicht. Wenn ein Mann auf seinem Platze ist, wirkt er aufbauend, fruchtbar und magnetisch; Heere erfüllt und schwellt er mit seinen Absichten, und so werden sie vollstreckt. Der Strom schafft sich seine eigenen Ufer, und jede berechtigte Idee schafft sich ihre eigenen Kanäle, ihre Begrüßung – ihre Ernten zur Nahrung, Institutionen zu ihrem Ausdruck, Waffen zum Kämpfen und Jünger, sie zu erklären. Der wahre Künstler hat den Planeten zum Piedestal, der Abenteurer hat nach Jahren des Ringens keinen Boden, der breiter wäre als seine Schuhe.

Cicero - Rede gegen Catilina Gemälde von Cesare Maccari (1840-1919) von 1888
Cicero – Rede gegen Catilina
Gemälde von Cesare Maccari (1840-1919) von 1888

Unser gewöhnliches Reden kennt zwei Arten des Nutzens oder der Dienste, welche höherstehende Menschen uns erweisen. Unmittelbares Geben ist dem frühen Glauben der Menschen erwünscht; unmittelbares Geben materieller oder metaphysischer Hilfe, wie Gesundheit, ewige Jugend, scharfe Sinne, Heilkunst, Zauberkünste und die Gabe der Prophezeiung. Der Knabe glaubt, es gäbe Lehrer, die ihm Weisheit verkaufen können. Kirchen glauben an solche wundersame Verdienste, die dem und jenem zugeschrieben werden. Aber bei strenger Prüfung können wir nicht viel direktes Nützen entdecken. Der Mensch ist endogenetisch, und die Erziehung ist seine Entfaltung. Alle Hilfe, die wir von anderen haben können, ist eine mechanische im Vergleich zu den Entdeckungen der Natur in uns selbst. Was wir so lernen, das ist ein Entzücken beim Thun, und seine Wirkung bleibend. Alle wahre Ethik ist central und geht von der Seele nach außen. Alles Geben ist den Weltgesetzen zuwider. Anderen dienen heißt uns dienen. Ich muß mich selbst absolvieren können. »Kümmere dich um deine eigenen Sachen« sagt der Geist; »Thor, willst du dich in die Sache der Himmel mengen oder in die anderer Leute?« – So bleibt uns denn nur ein indirekter Nutzen übrig. Die Menschen haben eine bildliche oder repräsentative Natur und nützen uns auf geistigem Wege. Behmen und Swedenborg sahen, daß alle Dinge Symbole und Repräsentanten seien. Auch die Menschen sind Repräsentanten, erstens von Dingen und zweitens von Ideen.

Gleichwie Pflanzen die Mineralien in Nahrungsstoffe für Tiere umwandeln, so verwandelt jeder Mensch die Rohmaterialien der Natur zu menschlichen Zwecken. Die Entdecker des Feuers, der Elektrizität, des Magnetismus, des Eisens, des Bleies, des Glases, der Leinwand, Wolle und Seide, die Erfinder der Werkzeuge, die Schöpfer des Dezimal-Systems, der Geometer, der Ingenieur, der Musiker – bereiten jeder nach seiner Weise einen bequemen Pfad für alle durch unbekannte und unmögliche Wirrnisse. Jeder Mensch ist durch eine geheime Sympathie mit irgend einem Gebiete der Natur verwandt und wird der Agent und Dolmetsch derselben: so Linnaeus der des Pflanzenreiches, Huber der der Bienen, Fries derjenige der Flechten, Van-Mons der Birnen, Dalton der Atomgesetze, Euklides der Linien, Newton der unendlichen und veränderlichen Größen.

Distel - Botanik - >Gemeinfrei - Quelle: wikimedia
Distel – Botanik – >Gemeinfrei – Quelle: wikimedia

Jeder Mensch ist gleichsam ein Centrum für die Natur, von dem aus verbindende Fäden durch alles Feste und Flüssige, Materielle und Elementare laufen. Die Erde dreht sich, und jede Scholle und jeder Stein passiert den Meridian: so hat jedes Organ, jede Funktion, jede Säure, Krystall und Staubkorn seine Beziehung zum Menschenhirn. Oft wartet es lange, aber es kommt an die Reihe. Jede Pflanze hat ihren Parasiten, und jedes erschaffene Ding seinen Liebhaber und Dichter. Schon ist dem Dampf, dem Eisen, dem Holz, der Kohle, dem Magnet, dem Jod, dem Korn und der Wolle ihr Recht zu teil geworden; und doch wie wenig Materialien hat unsere Kraft und Kunst bisher zu verwerten gewußt! Die Mehrzahl der Geschöpfe und Eigenschaften liegen noch im Verborgenen und warten. Es ist, als ob ein jedes wie die bezauberte Prinzessin im Märchen des bestimmten menschlichen Befreiers harren würde. Jedes muß entzaubert werden und in menschlicher Gestalt ans Tageslicht treten. In der Geschichte der Entdeckungen scheint jede reife und verborgene Wahrheit sich selbst ein Hirn gemodelt zu haben. Es muß ein Magnet in einem Gilbert, Swedenborg oder Oersted Mensch geworden sein, ehe der Geist der Menschheit seine Kräfte kennen und würdigen lernt.

Wenn wir uns auf die nächstliegenden Vorteile beschränken, so finden wir eine ernste Anmut in den mineralischen und botanischen Reichen, die sich in den höchsten Augenblicken als der Reiz der Natur offenbart, – das Glitzern des Speeres, die Sicherheit der chemischen Affinität, die unfehlbare Gewißheit der Winkel. Licht und Dunkel, Hitze und Kälte, Hunger und Nahrung, Süßes und Bitteres, Festes, Flüssiges und Gase kreisen um uns in einem Kranze von Wonnen und täuschen uns in ihrem gefälligen Kampfe über den Tag hinweg. Jeden Tag wiederholt das Auge das erste Lob, das den Dingen gespendet ward: »Und Er sah, daß sie gut waren.« Wir wissen, wo sie zu finden sind, und wir schätzen ihr Spiel nur noch höher, sobald wir einige Erfahrungen mit den anspruchsvolleren Rassen gemacht haben. Aber wir haben auch ein Anrecht auf höhere Vorteile. Der Wissenschaft fehlt etwas, so lange sie nicht vermenschlicht ist. Die Logarithmentafel ist eine Errungenschaft, aber das lebendige Spiel der Logarithmen in der Botanik, Musik, Optik und Architektur ist noch ganz etwas anderes. Und es giebt Fortschritte für die Kunst der Zahlen, für Anatomie, Architektur und Astronomie, die wir uns nicht hätten träumen lassen, sobald sie zum Leben emporsteigen und uns im Gespräch, in Persönlichkeiten und Politik wieder begegnen.

Aber das kommt später. Wir sprechen vorläufig nur von dem, was wir von ihnen in ihrer eigenen Sphäre erkennen, und von der Weise, in der sie ein Genie auszusuchen, zu fascinieren und anzuziehen scheinen, sodaß es sich sein ganzes Leben lang mit einem einzigen Gegenstande beschäftigt. Die Möglichkeit einer Erklärung liegt in der Identität des Beobachters mit dem Beobachteten. Jeder materielle Gegenstand hat seine himmlische Seite; jeder wird, indem er den Weg durch die Menschheit nimmt, in die geistige und unvergängliche Sphäre emporgehoben, wo er eine ebenso unzerstörbare Rolle spielt wie alles andere. Und zu diesen ihren Endzielen steigen alle Dinge unaufhörlich empor. Die Gase verdichten sich zum festen Gewölbe, das chemische Gemenge wird zur Pflanze und wächst, wird zum Quadruped und schreitet, wird zum Menschen und denkt. Aber die Wählerschaft bestimmt auch das Votum des Repräsentanten. Er ist nicht nur ihr Repräsentant, er hat selbst teil an ihr. Nur vom Gleichen kann das Gleiche erkannt werden. Der Grund, daß er von ihnen etwas weiß, liegt darin, daß er von ihnen ist: er ist ja eben erst aus der Natur herausgetreten, er war eben erst noch ein Teil des Dinges, das er heute erforscht. Belebtes Chlor weiß vom Chlor, und Fleisch gewordenes Zink vom Zink. Ihre Qualitäten bestimmen seinen Lebenslauf; und er kann ihre Kräfte mannigfach enthüllen, weil er aus ihnen zusammengesetzt ist. Der Mensch, aus dem Staube der Welt geschaffen, vergißt seinen Ursprung nicht; und alles was heute noch leblos liegt, wird eines Tages sprechen und denken. Die unoffenbarte Natur wird noch all ihre Geheimnisse enthüllen müssen. Können wir nicht sagen, daß die Quarzfelsen zu Molekülen ungezählter Werners, von Buchs und Beaumonts zerstäuben werden; und daß das Laboratorium der Atmosphäre, ich weiß nicht was für einen Berzelius und Davys aufgelöst enthält?

Die Waldseemüller-Karte von 1507. Auf ihr ist erstmals der Name America für den neuen Kontinent angegeben. Außerdem werden vier Teile von „Indien“ benannt: India intra Gangem („Indien diesseits des Ganges“, entsprechend etwa dem heutigen Indien und Bangladesch), India extra Gangem („Indien jenseits des Ganges“, ungefähr Myanmar und Thailand), India Meridionalis („Südliches Indien“, das östliche Indochina) und India Superior („Oberes Indien“, heute der Osten Chinas). „Indien“ insgesamt reichte damals also bis nach Ostchina.
Die Waldseemüller-Karte von 1507. Auf ihr ist erstmals der Name America für den neuen Kontinent angegeben. Außerdem werden vier Teile von „Indien“ benannt: India intra Gangem („Indien diesseits des Ganges“, entsprechend etwa dem heutigen Indien und Bangladesch), India extra Gangem („Indien jenseits des Ganges“, ungefähr Myanmar und Thailand), India Meridionalis („Südliches Indien“, das östliche Indochina) und India Superior („Oberes Indien“, heute der Osten Chinas). „Indien“ insgesamt reichte damals also bis nach Ostchina.

So sitzen wir am Feuer und legen unsere Hand an die Pole der Erde. Diese Quasi-Allgegenwart leistet für die Schwäche unseres Zustandes Ersatz. An einem jener himmlischen Tage, an welchen Erde und Himmel einander begegnen und schmücken, scheint es Armut zu sein, daß wir nur ein Leben zu genießen haben, wir wünschten uns tausend Häupter und tausend Körper, um seine unendliche Schönheit an vielen Orten zugleich und in zahllosen Weisen feiern zu können. Ist dies nur ein Spiel der Phantasie? Wahrlich, in allem Ernste, unser Dasein wird vervielfacht durch diejenigen, die für uns geschafft haben. Und wie leicht wir ihre Arbeiten uns aneignen! Jedes Schiff, das nach Amerika kommt, hat seine Karte von Kolumbus erhalten. Jeder Roman ist ein Schuldner Homers. Jeder Zimmermann, der den Hobel zum Glätten benutzt, borgt vom Geiste des vergessenen Erfinders. Das Leben ist ringsumher mit einem Zodiakus von Kenntnissen umgürtet, den Beiträgen von Menschen, die gestorben, um ihren Lichtfunken an unseren Himmel zu fügen. Der Ingenieur, der Händler, der Jurist, der Arzt, der Moralphilosoph und der Theologe, und jeder, der irgend ein Maß von Kenntnissen erwirbt, wird einer von denen, welche die Längen und Breiten auf der Karte unseres Lebenszustandes ergründen und einzeichnen. Diese Pfadfinder sind es, die uns auf allen Seiten bereichern. Wir müssen das Areal des Lebens erweitern und unsere Beziehungen vermehren. Und wir gewinnen mindestens ebensoviel, wenn wir eine neue Eigenschaft der alten Erde, wie wenn wir einen neuen Planeten entdecken.

Napoleon Bonaparte auf Elba erwartet die Ankunft der L´Inconstant- Horace Vernet - 1863Wir verhalten uns zu passiv beim Hinnehmen dieser materiellen und halb-materiellen Dienste. Wir sollen nicht bloß Säcke und Magen sein. Wir brauchen nur eine Stufe emporzusteigen: – unsere Sympathie leistet uns größere Dienste. Thätigkeit wirkt ansteckend. Wenn wir dorthin schauen, wo andere hinschauen, uns mit den Dingen beschäftigen, die sie interessieren, entdecken wir den Reiz, der sie anlockte. Napoleon sagte: »Man darf nicht zu oft mit einem und demselben Feinde kämpfen, sonst lehren wir ihn unsere Kriegskunst.« Wir brauchen nur viel mit einem Manne von kraftvollem Geiste zu sprechen, und wir werden uns sehr rasch gewöhnen, die Dinge in demselben Lichte wie er zu betrachten, und werden bei jedem Ereignis seine Gedanken anticipieren.

Die Menschen erweisen sich einander hilfreich durch ihren Geist und ihre Neigungen. Alle andere Hilfe ist falscher Schein. Wenn mir einer Brot und Feuer schenken will, bemerk‘ ich bald, daß ich es voll bezahlen muß und nachher nicht besser, noch schlimmer daran bin als vorher: aber alle geistige und sittliche Kraft ist ein positives Gut. Sie geht von dir aus, du magst wollen oder nicht, und nützt mir, an den du noch nie gedacht hast. Ich kann gar nicht von persönlicher Kraft irgendwelcher Art, von großer Leistungsfähigkeit hören, ohne von frischer Entschlossenheit durchdrungen zu werden. Wir sind eifersüchtig auf alles, was Menschen imstande sind. Cecils Worte über Sir Walter Raleigh: »Ich weiß, daß er eine geradezu fürchterliche Arbeitskraft hat« wirken wie ein elektrischer schlag, so auch Clarendons Portraits, z. B. das Hampdens: »der von einer Thätigkeit und Wachsamkeit war, welche die Emsigsten nicht ermüden oder einschläfern konnten, von Fähigkeiten, welchen die Schärfsten und Schlauesten nicht überlegen waren, und einem persönlichen Mute, der seinen besten Fähigkeiten gleichkam« – oder das Falklands, »der ein so strenger Verehrer der Wahrheit war, daß er sich ebenso leicht das Stehlen hätte gestatten können wie das Heucheln.« Wir können Plutarch nicht lesen, ohne daß unsere Pulse schlagen, und ich schließe mich den Worten des Chinesen Mencius an: »Ein Weiser ist der Lehrer vieler Generationen. Wo vom Betragen Loos gehört wird, da werden die Blöden verständig und die Schwankenden entschlossen.«

Dies ist die Moral aller Biographik: doch es ist für längst Verstorbene schwer, uns so zu erregen wie unsere eigenen Gefährten, deren Namen vielleicht nicht so lange leben werden. Wer ist der, an den ich nie denke, während doch in jeder Einsamkeit uns diejenigen nahe sind, die unserm Genius Hilfe bieten und uns in wunderbarer Weise anfeuern? Die Liebe besitzt eine Kraft, das Schicksal des anderen besser vorauszuahnen, als der andere selbst es vermag, und ihn durch heroische Ermutigung bei seinen Aufgaben festzuhalten. Was besitzt die Freundschaft so Ausgezeichnetes als diese herrliche Anziehung für alles Treffliche, was in uns liegt? Nun werden wir nie wieder gering von uns selbst oder vom Leben denken. Wir sind gereizt, einem Ziel zuzustreben, und die Thätigkeit der Erdarbeiter am Bahndamm wird uns nie wieder beschämen.

The Downfall of Shakespeare Represented on a Modern Stage, 1763-1765, William Dawes Theatre & Performance Collection, © Victoria and Albert Museum, London
The Downfall of Shakespeare Represented on a Modern Stage, 1763-1765, William Dawes Theatre & Performance Collection, © Victoria and Albert Museum, London

Hierher gehört auch der huldigende Beifall, den ich für einen durchaus reinen halte, den alle Stände dem Helden des Tages zollen, von Coriolanus und Gracchus bis zu Pitt, Lafayette, Wellington, Webster und Lamartine. Hört das Jubeln in den Straßen! Die Leute können ihn gar nicht genug sehen. Ein Mann ist ihr Entzücken. Das ist ein Kopf und ein Rumpf! Welch eine Stirn! und was für Augen! Schultern gleich denen des Atlas, und die ganze Haltung heroisch, und innere Kraft genug, die große Maschine zu leiten! Diese Freude am vollen Ausdruck dessen, was sie in ihrer eigenen Erfahrung meist nur verkrüppelt und verstopft gefunden, kehrt auch in höheren Geisteskreisen wieder und ist das Geheimnis der Freude des Lesers an den Werken des schriftstellerischen Genies. Hier strömt alles ungehemmt aus, hier ist Feuer genug, um einen Berg von Erz zu schmelzen. Shakespeares Hauptverdienst läßt sich damit ausdrücken, daß er unter allen Menschen am besten die englische Sprache versteht und alles sagen kann, was er will. Und doch sind diese unverstopften Kanäle und Schleusen des Ausdrucks nichts anderes als Gesundheit und eine glückliche Konstitution. Der Name Shakespeares ruft uns andere, rein geistige Wohlthaten ins Gedächtnis.

Die Senate und Souveräne der Erde verfügen mit all ihren Orden, Medaillen, Ehrendegen und Wappenschildern über kein Kompliment, das dem gleich käme, einem menschlichen Wesen Gedanken mitzuteilen, die eine gewisse Höhe erfordern und sein Verständnis voraussetzen. Und diese Ehre, die im privaten Verkehr oft kaum zweimal im Leben möglich wird: das Genie erweist sie uns unaufhörlich, zufrieden wenn dann und wann einmal in einem Jahrhundert sein Anerbieten angenommen wird. Die Menschen, die uns sachliche Werte weisen, werden gleichsam zu Köchen und Schneidern degradiert, sobald diejenigen, die uns Ideen zeigen, erscheinen. Das Genie ist der Naturforscher und Geograph der übersinnlichen Regionen und zeichnet die Karte derselben; und indem es uns neue Felder für unsere Thätigkeit kennen lehrt, kühlt es unsere Liebe für die alten ab. Jene werden nun als die Wahrheit betrachtet, von der die Welt, in der wir uns bewegten, nur der Wiederschein war.

Wir gehen zum Ringplatz und zur Schwimmschule, um die Kraft und Schönheit des Körpers zu schauen; wir empfinden das gleiche Vergnügen und haben mehr Vorteil von der Wahrnehmung geistiger Leistungen jeder Art: Leistungen des Gedächtnisses, der mathematischen Kombination, großer Abstraktionsfähigkeiten, der wechselnden Bilder der Phantasie, von gewandtem Witz wie tiefer Konzentration, denn all diese Akte zeigen die unsichtbaren Glieder des Geistes, die, Glied für Glied, den Fähigkeiten des Leibes entsprechen. Denn nun betreten wir ein neues Gymnasion und lernen die Menschen nach ihren wahrhaftesten Kennzeichen zu wählen, belehrt von Plato, »jene zu wählen, die ohne Hilfe der Augen oder eines anderen Sinnes zur Wahrheit und zum Sein vordringen.« Zuvörderst unter diesen Thätigkeiten kommen die Purzelbäume, die Zaubereien, die Verwandlungen und Wiederauferstehungen der Phantasie. Sobald sie erwacht, scheint die Kraft eines Menschen zehnfach und tausendfach vervielfältigt. Sie entfesselt den entzückenden Sinn für unbestimmte Größen und flößt eine verwegene Haltung des Geistes ein. Wir werden elastisch und dehnbar wie die Gase im Schießpulver, und eine Sentenz in einem Buch, ein Wort, das im Gespräche fällt, entfesselt unsere Phantasie, und im nächsten Augenblick baden wir das Haupt in der Milchstraße, und unsere Füße treten den Boden des Höllenabgrunds. Und gerade dieser Vorteil ist ein wirklicher, und eine reale Wohlthat, denn wir haben ein Recht auf diese weiten Gebiete, und nie wieder können wir, wenn wir die Schranken einmal überschritten, dieselben elenden Pedanten werden, die wir vorher waren.

Die hohen Funktionen des Geistes sind so eng verbündet, daß ein gewisses Maß von Einbildungskraft fast allen hervorragenden Geistern eigen ist, sogar den Arithmetikern ersten Ranges, ganz besonders aber allen spekulativen Köpfen, deren Gedankenkraft eine intuitive ist. Diese Menschen dienen uns dadurch, daß ihnen gegeben ist, sowohl die Identität zu erkennen, als auch die Reaktion wahrzunehmen. Den Augen eines Plato, eines Shakespeare, Swedenborg oder Goethe entgingen diese Gesetze nie und nirgends. Die Wahrnehmung dieser Gesetze bildet eine Art von Maßstab für die Geister. Kleine Geister sind klein, weil sie dieselben nicht sehen können.

Aristotle_and_Phyllis
Aristoteles und Phyllis

Aber auch solch ein Festschmaus kann zur Übersättigung führen. Unser Entzücken am Geiste entartet zum Götzendienst vor seinem Herold. Besonders wenn ein Geist die Menschen belehrt hat, der in der Methode gewaltig war, begegnen wir den Zeichen der Erdrückung. Die tyrannische Herrschaft des Aristoteles, der Ptolemäischen Astronomie, das Übergewicht Luthers, Bacons, Lockes, die Geschichte der Hierarchien jeder Religion, der Heiligen, der Sekten, die sich jede nach ihrem Gründer nannten, gehören alle hierher. Ach! jeder Mensch ist solch ein Opfer. Die Schwäche der Menschen wird immer verführerisch für den Übermut der Kraft. Es ist das Entzücken gemeinen Talents, den Blick des Zuschauers zu blenden und zu täuschen. Aber das wahre Genie sucht uns vor seiner eigenen Macht zu verteidigen. Das wahre Genie will keinen arm machen, es will befreien und neue Empfindungskräfte wecken. Wenn ein weiser Mann in unserem Dorfe erschiene, würde er in denen, mit denen er spräche, das Bewußtsein neuer Reichtümer erwecken, indem er ihre Augen für Schätze öffnet, die sie bisher unbeachtet ließen; er würde in uns das Gefühl eines unerschütterlichen Gleichgewichts befestigen, uns durch die Versicherung beruhigen, daß wir nicht betrogen werden können; denn jeder würde die Garantien seiner Lage erkennen. Die Reichen würden ihre Fehler und ihre Armut, die Armen ihre Hilfsmittel und Zuflüchte erkennen.

Aber die Natur bringt in gebührender Zeit all dies ins Gleiche. Die kreisende Bewegung ist ihr Heilmittel. Der Geist duldet keine Herren und lechzt nach Wechsel. Hausfrauen sagen von einem Dienstboten, der tüchtig gewesen ist: »Sie war schon zu lange bei mir.« Wir sind alle nur Tendenzen oder besser Symptome, keiner von uns ist vollständig. Wir rühren nur aneinander und an die Dinge und schlürfen den Schaum vieler Leben. Rotation ist das Gesetz der Natur. Wenn sie einen großen Mann hinwegnimmt, späht die Menge über den Horizont nach einem Nachfolger für ihn aus, aber keiner zeigt sich, und es wird auch keiner kommen. Seine Gattung ist mit ihm erloschen. Auf einem anderen ganz verschiedenen Gebiete wird der nächste Mann erscheinen; kein Jefferson, kein Franklin, sondern jetzt ein großer Händler, dann ein Bauunternehmer, dann ein Zoolog, ein büffeljagender Forschungsreisender, oder ein halbwilder General des Westens. So bieten wir unseren rauheren Meistern die Spitze; aber gegen die besten haben wir ein feineres Mittel. Die Kraft, die sie uns mitteilen, ist nicht die ihre. Wenn sie von Ideen begeistert sind, verdanken wir das nicht Plato, sondern der Idee, deren Schuldner Plato selbst war.

Ich darf nicht zu erwähnen vergessen, daß wir einer Klasse von Menschen ganz besonders verpflichtet sind. Das Leben ist eine Stufenleiter. Zwischen Rang und Rang unserer großen Männer giebt es weite Zwischenräume. Die Menschheit hat sich zu allen Zeiten um einige Personen gesammelt, die entweder durch die Großartigkeit der Idee, welche sie verkörperten, oder durch ihre weite Receptivität zur Stellung von Führern und Gesetzgebern befähigt und berechtigt waren. Solche lehren uns die Qualitäten der ursprünglichsten Natur kennen – sie gewähren uns einen Einblick in den Bau der Welt und das Wesen der Dinge. Wir schwimmen Tag für Tag auf einem Strome von Illusionen dahin, wir ergötzen uns thatsächlich an Luftschlössern und schwebenden Städten, von denen die Menschen um uns her genarrt werden. Aber das Leben selbst ist wahrhaftig. In lichten Zwischenzeiten sagen wir: »Ich will mir ein Eingangsthor zu den Wirklichkeiten öffnen, schon zu lange trag‘ ich die Narrenkappe.« Wir wollen einmal den wahren Sinn der Ökonomie und Politik begreifen. Gebt uns den Schlüssel zu diesen Chiffern, und wenn Personen und Sachen Partituren einer himmlischen Musik sind, laßt uns die Melodien ablesen. Wir sind um unsere Vernunft betrogen worden; aber es hat doch Menschen gegeben, die sich eines reichen Lebens, das mit dem innersten Geist der Dinge in Fühlung stand, erfreuten. Was sie wissen, das wissen sie für uns. Mit jedem neuen Haupte wird ein neues Geheimnis der Natur ruchbar; und die Bibel kann nicht abgeschlossen werden, solange nicht der letzte große Mensch geboren ist. Das sind die Menschen, die das Delirium des animalischen Geistes in uns korrigieren, die uns überlegt machen und uns zu neuen Zielen und Kräften lenken. Die Ehrfurcht der Menschheit wählt sie für die höchste Stelle aus. Das wird‘, durch die Menge der Statuen, Bilder und Gedenkzeichen bezeugt, die ihren Genius in jeder Stadt, in jedem Dorf, jedem Haus und Schiff ins Gedächtnis rufen:

»Ihre Geister steigen empor uns –
Unsere herrlicher’n Brüder, doch eins im Blut –
Bei Tisch und Bett stehn sie herrschend vor uns,
In den Blicken strahlende Schönheit,
In den Worten das höchste Gut.«

Wie soll ich nur die von allem andern so ganz verschiedene Wohlthat derer erläutern, welche uns Ideen gewähren, wie den Dienst, den uns jene erweisen, welche sittliche Wahrheit dem Geiste der Allgemeinheit zuführen? – Mein ganzes Leben hindurch quält mich ein beständiger Preistarif. Wenn ich in meinem Garten arbeite und einen Apfelbaum beschneide, hab‘ ich meine Freude daran und fühle, daß ich eine ganz unbestimmbare Zeit mit der gleichen Beschäftigung fortfahren könnte. Aber auf einmal muß ich denken, daß der Tag vorüber ist, und ich habe nichts als dieses behagliche Nichts zustande gebracht. Ich fahre nach Boston oder New-York, renne auf und ab in meinen Angelegenheiten: sie werden herabgehetzt, aber der Tag desgleichen. Und mich quält der Gedanke, welchen Preis ich für einen so geringen Vorteil gezahlt. Ich muß an die » peau d’âne« denken, die jedem, der auf ihr saß, seinen Wunsch erfüllt; aber ein Stück der Haut ging mit jedem Wunsche verloren. Ich gehe in einen Philanthropen-Verein. Ich mag thun, was ich kann: ich kann meine Augen nicht von der Uhr abwenden. Aber wenn in der Gesellschaft eine feine Seele erschiene, die nichts wüßte von Personen und Parteien, von Carolina und Cuba, die aber ein Gesetz verkündigt, unter das all diese Einzelfragen fallen, und mich der großen Gerechtigkeit vergewissert, die jeden Falschspieler matt setzt, jeden Selbstsüchtigen bankrott macht, und mich meine Unabhängigkeit von Vaterland und Zeiten und von meinem menschlichen Leibe erkennen lehrt – solch ein Mann befreit mich; ich vergesse die Uhr, ich trete aus all den kranken Beziehungen zu den Personen um mich her heraus; alle meine Schäden heilen; und ich fühle mich unsterblich, indem ich meinen Schatz von unverderblichen Gütern erkenne. – In dieser Welt herrscht ein großer Wettkampf zwischen Arm und Reich. Wir leben in einem Markte, auf dem es nur ein bestimmtes Quantum Weizen oder Wolle oder Grundbesitz giebt; und wenn ich um so viel mehr davon habe, muß jeder andere um so viel weniger haben. Ja, es ist, als könnt‘ ich nichts an Gut erwerben, ohne die gute Sitte zu brechen. Niemand freut sich an der Freude des anderen, unser System ist ein System des Krieges, ein System verletzender Superiorität. Jedes Kind der sächsischen Rasse wird zu dem Wunsche erzogen, obenan zu sein. Es ist unser System, und es kommt so weit, daß jeder seine Größe nach dem Ärger, dem Neid und Haß seiner Mitstrebenden mißt. Aber in jenen neuen Gefilden ist Raum: da giebt es keine Selbstüberhebung, keine Exklusivität.

Richard Plantagenet - 3rd Duke of York - 1411 - 1460 - Wakefield, Yorkshire, England (Age 49)
Richard Plantagenet – 3rd Duke of York – 1411 – 1460 – Wakefield, Yorkshire, England (Age 49)

Ich bewundere die großen Männer jeder Art, die der That wie die der Gedanken, ich liebe die Rauhen und die Sanften, die »Gottesgeißeln« und die »Lieblinge des Menschengeschlechts.« Ich liebe den ersten Cäsar, und Karl den Fünften von Spanien, und Karl XII. von Schweden, Richard Plautagenet und Bonaparte in Frankreich. Ich applaudiere dem tüchtigen Mann, dem Beamten, der seinem Amte gewachsen ist, sei er Feldherr, Minister oder Senator. Ich liebe den Meister, der fest auf ehernen Füßen steht, wohlgeboren, reich, schön, beredt, mit glücklichen Gaben überhäuft, der alle Menschen durch einen Zauber zu Tributären und Stützen seiner Macht heranzieht. Schwert und Stab, oder vielmehr Talente des Schwertes oder des Stabes, sind es, die die Welt vorwärts bewegen. Aber ich finde den noch größer, der sich selbst und alle Helden abschaffen kann, indem er das Element der All-Vernunft einströmen läßt, die nach keiner Person fragt; der jene verfeinertste, unwiderstehlich aufwärts treibende Kraft in unser Denken führt, die allen Individualismus zerstört, jene Macht, die so groß ist, daß der Mächtige selbst in ihr zu Nichte wird. Er ist der Monarch, der seinem Volke eine Verfassung giebt, ein Hoherpriester, der die Gleichheit der Seelen predigt und seine Diener ihres barbarischen Dienstes entläßt, ein Kaiser, der sein Reich entbehren kann.

Aber meine Absicht war, zwei oder drei Punkte dieser wohlthätigen Wirkung eingehender zu specifizieren. Die Natur läßt es nie an Opium und schmerzstillenden Mitteln fehlen; sondern so oft sie eines ihrer Geschöpfe durch irgend eine Verunstaltung oder ein Gebrechen entstellt, legt sie ihren Mohnsamen reichlich auf die Wunde, und der Patient geht fröhlich durch die Welt, ohne den Schaden zu kennen und unfähig, ihn zu sehen, obgleich alle Welt tagtäglich mit dem Finger darauf weist. Die wertlosen und schädlichen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, deren Existenz eine sociale Pest ist, halten sich stets und immer für die gekränktesten Leute der Welt und können ihrer Verwunderung über die Undankbarkeit und Selbstsucht ihrer Zeitgenossen gar nicht genug Worte leihen. Unsere Erde offenbart ihre verborgenen Vorzüge nicht nur in Helden oder Erzengeln, sondern auch in Klatschbasen und Wärterinnen. Ist es nicht eine ganz außerordentliche Einrichtung, durch die in jede Kreatur eine gehöriges Maß von Trägheit gelegt wurde, die konservative Energie des Widerstands, der Ärger über alles Wecken und Wechseln? Fast völlig unabhängig von der geistigen Höhe eines jeden ist der Stolz der eigenen Meinung, die Sicherheit, daß wir recht haben. Kein noch so gebrechliches Großmütterchen, kein schiefmäuliger Idiot, die nicht die wenigen Funken von Verständnis und Geisteskraft, die ihnen übrig sind, dazu verwenden würden, über die Absurditäten aller übrigen zu kichern und sich des Triumphs ihrer Meinung zu erfreuen. »Verschiedenheit von mir,« das ist der Maßstab der Absurdität. Nicht einer hat auch nur die geringste Besorgnis, daß er am Ende unrecht haben könnte. War das nicht ein glänzender Gedanke, der die Menschenwelt durch dieses Erdpech, dieses festeste aller Cemente, zusammenkittete? Aber inmitten dieses allgemeinen Kicherns der geheimen Überlegenheit und Selbstbeglückwünschung geht plötzlich eine Gestalt vorüber, die selbst Thersites lieben und bewundern kann. Der ist es, der uns den Weg führen muß, den wir zu geben haben. Seine Hilfe ist eine unendliche. Ohne Plato würden wir beinahe unseren Glauben an die Möglichkeit eines vernünftigen Buches verlieren. Wir brauchen vielleicht nur eines, aber dieses eine brauchen wir um so notwendiger. Wir lieben es, uns den Großen und Heroischen anzuschließen, denn unsere Aufnahmsfähigkeit ist eine unbegrenzte, und leben wir einmal mit den Großen, dann werden ohne Mühe auch unsere Gedanken und Sitten groß. Wir sind alle weise in Potenzialität, obgleich nur so wenige es in lebendiger Energie sind. Aber es bedarf nur eines weisen Mannes in einer Gesellschaft, und alle werden weise, so schnell wirkt die Ansteckung.

Ralph Waldo Emerson
Ralph Waldo Emerson

So werden große Männer zu einer Art Augensalbe, die uns von der Verblendung der Ichsucht befreit und uns andere Menschen und ihre Werke sehen lehrt. Aber es giebt Laster und Thorheiten, die ganze Völker und Zeitalter befallen. Die Menschen gleichen ihren Zeitgenossen weit mehr noch als ihren Erzeugern. Man hat an alten Ehepaaren oder an Personen, die lange Jahre Hausgenossen waren, die Beobachtung gemacht, daß sie einander ähnlich werden; und wenn sie nur lange genug lebten, würden wir sie gar nicht mehr voneinander kennen. Die Natur verabscheut diese äffischen Gefälligkeiten, die die Welt zu einem Klumpen umzuschmelzen drohen, und sie beeilt sich, solche unklaren Verleimungen aufzubrechen. Die gleiche Assimilation vollzieht sich zwischen den Bewohnern einer Stadt, den Anhängern einer Sekte, einer politischen Partei; die Ideen der Zeit liegen in der Luft und infizieren jeden, der diese Luft atmet. Von irgend einem hohen Standpunkt betrachtet, würde hier die Stadt New-York, dort die Stadt London, die ganze Civilisation des Westens als ein Haufen wahnsinniger Thorheiten erscheinen. Und dabei behalten wir einer den andern im Gesicht und treiben durch unseren Wetteifer die Raserei der Zeit auf die äußerste Spitze. Ein Schild gegen alle Gewissensbisse ist die allgemeine Praxis, – die Zeitgenossen. Wiederum: es ist nichts so leicht, als so weise und gut wie unsere Kameraden zu sein. Wir lernen von unseren Zeitgenossen was sie wissen, ohne Mühe, beinahe durch die Poren der Haut. Wir erfassen es durch Sympathie, oder wie ein Weib die geistige und moralische Höhe ihres Mannes erreicht. Aber wir halten auch inne, wo sie inne halten. Schwerlich gelingt es uns, einen Schritt darüber hinaus zu machen. Die Großen, das sind jene, die mit der Natur im Zusammenhang stehen und aus allen Moden herausschreiten, sie sind die Erlöser aus diesen Föderativ-Irrtümern, sie schützen uns vor unseren Zeitgenossen. Sie sind die Ausnahmen, deren wir bedürfen, wo alles gleich wird. Eine fremdartige Größe ist das Antidot gegen diese verderbliche Geheimbündelei.

So bietet das Genie uns neue Nahrung und Erholung von allzuvielem Verkehr mit unseresgleichen, und in der Richtung schreitend, die es uns führt, lernen wir wiederum mit jubelnder Freude die wahrhaftige Natur genießen. Welche Entschädigung ist ein großer Mann für ganze Generationen von Pygmäen: Jede Mutter wünscht, daß doch einer ihrer Söhne ein Genie werde, wenn auch alle übrigen mittelmäßig bleiben sollten. Aber eine neue Gefahr erwächst im Übermaß des Einflusses, den der große Mann ausübt. Seine Anziehungskraft bugsiert uns aus unserer natürlichen Stellung heraus. Wir sind Dienstleute und geistige Selbstmörder geworden. Aber – schon zeigt sich dort am Horizonte der Retter! – andere große Männer, neue Eigenschaften, einer für den andern Gegenwicht und Hemmung. Wir übersättigen uns an dem Honig jeder eigenartigen Größe. Jeder Held wird uns zuletzt langweilig. Vielleicht war Voltaire kein schlechter Mensch, und doch sagte er sogar von dem guten Jesus: »Ich bitt‘ euch laßt mich den Namen dieses Menschen nie wieder hören.« Sie schreien die Tugenden George Washingtons aus: »Hol der Teufel George Washington!« ist des armen Jacobiners ganze Antwort und Widerlegung. Aber das ist die unvermeidliche Schutzwehr der menschlichen Natur. Die Centripetalität vermehrt zugleich die Centrifugalität. Wir setzen dem einen Mann, um des Gleichgewichtes willen, sein Gegenteil entgegen; und das Heil des Staates hängt an der Schaukel.

Übrigens erreicht die Verwertung großer Männer schnell ihre Grenze. Die Annäherung an jedes Genie wird durch Massen von Unbrauchbarkeit gehindert. Sie sind äußerst anziehend und scheinen aus der Entfernung uns ganz zu gehören; aber die Annäherung wird uns von allen Seiten verwehrt. Je mehr wir uns angezogen fühlen, desto mehr werden wir auch abgestoßen. Es liegt etwas Ungreifbares in dem Guten, das sie für uns vollbringen. Die beste Entdeckung macht der Entdecker für sich selbst. Für seinen Gefährten hat sie etwas Unreelles, so lange er sie nicht selbst substantiiert hat. Es ist, als ob die Gottheit jede Seele, die sie in die Welt sendet, mit gewissen Vorzügen und Kräften bekleidet hätte, die sich anderen nicht mitteilen lassen, und auf diese Gewande der Seele die Worte »Unübertragbar« oder »Nur für diese eine Strecke giltig« geschrieben hätte, als sie sie zu einem neuen Rundgang durch den Kreis der Wesen aussendete. Es liegt etwas Täuschendes in dem Verkehr der Geister. Die Grenzen sind unsichtbar, aber sie werden niemals überschritten. Es ist so viel guter Wille, mitzuteilen, vorhanden, und so viel guter Wille, zu empfangen, daß jeder ganz und gar Zum andern zu werden droht, aber das Gesetz der Individualität sammelt seine geheime Kraft und du bist du, und ich bin ich, und so bleiben wir auch.

Denn die Natur heischt, daß jedes Geschöpf und Ding bleibe, was es ist; und während jedes Individuum danach ringt, zu wachsen und auszuschließen, auszuschließen und zu wachsen, bis an die äußersten Grenzen des Weltalls, und das Gesetz seines Wesens jeder anderen Kreatur aufzuzwingen, ist die Natur stetig bestrebt, jedes gegen jedes andere zu schützen. Jedes ist bereits durch sich selbst geschützt. Nichts ist so auffällig wie die Macht, mit der Individuen sich gegen Individuen wehren in einer Welt, in der jeder Wohlthäter so leicht zum Schädiger wird, und zwar bereits dadurch, daß er seine Thätigkeit auf Gebiete ausdehnt, die ihm nicht zukommen; wo Kinder so sehr der Gnade und Ungnade ihrer thörichten Eltern »ausgeliefert scheinen, und wo fast alle Menschen an einem Übermaß des Geselligkeitstriebes und Interventionsdranges leiden. Wir sprechen mit Recht von einem Schutzengel der Kinder. Wie überlegen sind sie uns in ihrer Sicherheit vor den Einflüssen bösartiger Personen, vor Plattheit und Reflexion! Sie schütten ihren eigenen Überfluß an Schönheit auf die Gegenstände aus, welche sie erblicken. Und darum sind sie auch nicht so armseligen Erziehern preisgegeben, wie wir Erwachsenen es sind. Wenn wir mit ihnen poltern und schelten, kommen sie bald dahin, es nicht zu beachten, und lernen Selbständigkeit: und wenn wir sie zu Thorheiten verziehen, lernen sie die Schranken, die sie nicht überschreiten dürfen, auf anderem Wege kennen.

Wir brauchen eine excessive Beeinflussung nicht zu fürchten. Es ist uns gestattet, uns mit so viel edlerem Vertrauen hinzugeben. Diene den Großen! Schrecke vor keiner Demütigung zurück. Geize mit keinem Dienst, den du ihnen erweisen kannst. Sei das Glied ihres Leibes, der Hauch ihres Mundes. Gieb deinen Egoismus preis! Wer wird danach fragen, wenn du weit Besseres und Edleres gewinnst. Kümmere dich nicht um den Vorwurf des Boswellismus: die Hingebung kann leicht größer sein als der elende Stolz, der ängstlich seine eigenen Grenzen wahrt. Werde ein anderer: sei nicht du selbst, sondern ein Platoniker; kein selbständiger Geist, sondern ein Christ; kein Naturforscher, sondern ein Cartesianer; kein Dichter, sondern ein Shakespeareverehrer: Es wird alles vergebens sein; die Räder der Entwicklung halten nicht inne; und alle Kräfte der Trägheit, der Furcht, ja der Liebe selbst, werden dich nicht dabei festhalten können. Weiter und immer weiter! – Das Mikroskop beobachtet eine Monade oder ein Rädertierchen unter den Infusorien, die im Wasser kreisen. Da zeigt sich ein Pünktchen auf dem Tiere, das sich zu einem Spalt erweitert, und zwei vollständige Tiere bilden sich aus dem einen. Dieser unaufhörliche Spaltungs- und Ablösungsprozeß zeigt sich nicht weniger in allen Gedankensphären und in der Gesellschaft. Kinder glauben, daß sie ohne ihre Eltern nicht leben können. Aber lange, ehe sie es merken, ist das schwarze Pünktchen da, und die Ablösung hat stattgefunden. Jeder Zufall kann ihnen ihre Unabhängigkeit enthüllen.

Aber »Große Männer« – das Wort ist beleidigend. Giebt es also Kasten? Ist es das Fatum? Was wird aus dem Lohn, der der Tugend versprochen ist? Der nachdenkende Jüngling beklagt die Überfruchtung der Natur. »Euer Held ist freilich hochherzig und schön,« sagt er, »aber seht jenen armen Paddy, dessen Heimat sein Karren ist. Seht jene ganze Nation von Paddys.« Warum sind die Massen seit dem Dämmern der Geschichte nur Säbel- und Kanonenfutter? Die Idee ehrt einige wenige Führer, die Gefühl, eine selbstständige Meinung, Liebe und Selbstaufopferung besitzen, diese heiligen Krieg und Tod – aber was ist’s mit den Elenden, welche sie mieten und töten? Die Wohlfeilheit des Menschen ist die Tragödie des Alltags. Es ist für uns ein so wirklicher Verlust, daß andere niedrig stehen, als wenn wir selbst niedrig stünden, denn wir können die Gesellschaft nicht entbehren.

Johann Heinrich Pestalozzi (Gemälde, vermutlich von G. F. A. Schöner)
Johann Heinrich Pestalozzi (Gemälde, vermutlich von G. F. A. Schöner)

Als Antwort auf diese Bemerkungen können wir sagen, daß die Gesellschaft einer Schule nach dem System Pestalozzi gleicht: alle sind der Reihe nach Lehrer und Schüler. Wir gewinnen in gleicher Weise, ob wir empfangen oder ob wir geben. Menschen, die dasselbe Wissen besitzen, sind nicht lange die beste Gesellschaft für einander. Aber bringt zu jedem intelligenten Menschen einen von ungleichartiger Erfahrung, und es ist, als würdet ihr Wasser von einem See ablassen durch Ausgrabung eines niederer gelegenen Bassins. Es scheint fast ein mechanischer Vorteil und für jeden Sprecher eine große Wohlthat: jeder kann sich jetzt über seine eigenen Gedanken klar werden und ihre Konturen mit Farben füllen. Wir gehen in unseren persönlichen Stimmungen sehr rasch von Würde zu Abhängigkeit über. Und wenn wir einen sehen, der nie den Vorsitz zu übernehmen, sondern stets zu stehen und zu dienen scheint, so ist das nur deshalb, weil wir die Gesellschaft nicht durch eine hinreichend lange Periode beobachten, sodaß der ganze Rollenkreis zur Geltung kommen könnte. Und was die sogenannten Massen und gemeinen Leute betrifft: es giebt keine gemeinen Leute. Alle Menschen sind zuletzt »von einer Größe, und wahre Kunst ist nur auf Basis der Überzeugung möglich, daß jedes Talent irgendwo seine Apotheose findet. Freien Spielraum und offenes Feld und den frischesten Lorbeer für alle, die ihn gewonnen! Aber der Himmel wahrt den gleichen Spielraum für jedes seiner Geschöpfe. Jedes ist unruhig, so lange es nicht seinen eigenen Strahl auf die Spiegelfläche der Hohlkugel geworfen und auch sein Talent in seiner letzten Veredlung und Verklärung erblickt hat.

Die Helden des Tages haben eine relative Größe, einen rascheren Wuchs; oder es sind solche Leute, in welchen im Augenblick ihres Erfolges eine Eigenschaft reif war, die damals begehrt wurde. Andere Tage werden andere Eigenschaften verlangen. Es giebt Strahlen, die dem gewöhnlichen Beobachter entgehen und ein Auge von feiner Übung verlangen. Fragt den großen Mann, ob er keinen Größeren kennt. Seine Gefährten sind es, und deshalb nicht weniger groß, weil die Gesellschaft sie nicht sehen kann. Die Natur sendet niemals einen großen Mann auf den Planeten, ohne das Geheimnis einer anderen Seele anzuvertrauen. Eine erfreuliche Thatsache ergiebt sich aus diesen Untersuchungen: daß ein wahres Emporsteigen in unserer Liebe möglich ist. Die Berühmtheiten des neunzehnten Jahrhunderts werden eines Tages aufgezählt werden, um die Barbarei desselben zu beweisen. Der wirkliche Gegenstand der Geschichte ist der Genius der Menschheit, und seine Biographie wird in unseren Annalen geschrieben. Viel in dem Bericht können wir vermuten und viele Lücken müssen wir ausfüllen. Die Geschichte des Weltalls ist eine symptomatische, und das Leben beruht auf dem Gedächtnis. Kein Mensch in dem ganzen Zuge berühmter Männer ist Vernunft oder Erleuchtung, keiner ist das Elixir, nach dem wir aussehen: jeder ist nur eine Schaustellung neuer Möglichkeiten auf irgend einem Gebiete. Ja, könnten wir eines Tages die ungeheuere Gestalt vervollständigen, welche diese flammenden Punkte zusammensetzten! Die Erforschung des Wesens vieler Individuen führt uns in eine elementare Sphäre, in der das Individuum schwindet, oder in der alle mit ihren äußersten Spitzen einander berühren. Die Gedanken und Gefühle, die sich dort ergießen, lassen sich nicht mehr in die Schranken einer Persönlichkeit sperren. Dies ist der Schlüssel zur Machtfülle der größten Menschen – ihr Geist ergießt sich von selbst durch jene Ströme ins Weite. Eine neue geistige Qualität strömt bei Tag und bei Nacht in konzentrischen Kreisen von ihrem Ursprung aus und veröffentlicht sich selbst durch unbekannte Methoden: es offenbart sich, in welch inniger Verbindung alle Geister stehen: was zu dem einen Zutritt gefunden, kann von keinem anderen ausgeschlossen werden; die kleinste Errungenschaft an Wahrheit oder Energie auf irgend einem Gebiete ist ein Erwerb für die Gemeinschaft aller Seelen. Wenn die Ungleichheiten von Begabung und Stellung schon schwinden, sobald die Individuen in jener Dauer betrachtet werden, die zur Vollendung der Laufbahn eines jeden nötig ist, so verschwindet die scheinbare Ungerechtigkeit noch viel schneller, wenn wir uns zur centralen Identität aller Individuen erheben und wissen, daß sie aus der einen Substanz geschaffen sind, die da lenket und wirket.

people-312122_1280_Personal_ (2)Der Genius der Menschheit – das ist der einzige richtige Standpunkt für die Weltgeschichte. Die Qualitäten verweilen; die Menschen, an denen sie sich zeigen, haben jetzt mehr davon, jetzt weniger, und gehen vorüber: die Qualitäten bleiben auf einer neuen Stirn. Keine Erfahrung ist uns so vertraut wie diese. Einst saht ihr Phönixe: sie sind dahin – die Welt ist darum noch lange nicht entzaubert. Die Gefäße, auf denen ihr einst heilige Sinnbilder gelesen, die haben sich freilich als gemeine Töpferware herausgestellt: aber der Sinn der Bilder ist heilig geblieben, und ihr könnt sie noch heute auf die Mauern der Welt überschrieben lesen. Eine Zeitlang leisten unsere Lehrer uns einen persönlichen Dienst als Maßstäbe oder Meilensteine des Fortschritts. Einst waren sie Engel der Erkenntnis, und ihre Gestalten berührten den Himmel. Dann aber kamen wir immer näher, sahen ihre Mittel, ihren Entwicklungsgang, ihre Grenzen, und da machten sie anderen Genien Platz. Glücklich, wenn einige wenige Namen in solcher Höhe bleiben, daß wir nicht fähig wurden, sie aus der Nähe zu lesen, und Alter und Vergleichung ihnen keinen Strahl geraubt. Aber zuletzt werden wir ganz aufhören, bei den Menschen Vollständigkeit zu suchen, sondern uns mit ihrer socialen und delegierten Qualität begnügen. Alles was das Individuum angeht, ist zeitlich und nur im Hinblick auf die Zukunft gegeben und zu betrachten, sowie das Individuum selbst, das aus seiner Beschränkung empor zu einer katholischen Existenz zu steigen berufen ist. Wir haben die letzte und wahre Bedeutung eines Genies nicht erkannt, so lange wir ihm eine originale und selbständige Bedeutung zuschreiben. In dem Augenblick, wo er aufhört, uns als eine Ursache zu nützen, nützt er uns noch weit mehr als eine Folgeerscheinung. Denn nun erscheint er als ein Exponent eines gewaltigeren Geistes und Willens. Das dunkle Ich wird transparent, vom Licht des Ur-Grundes durchleuchtet.

Aber innerhalb der Schranken menschlichen Treibens und menschlicher Entwicklung können wir sagen: es giebt große Männer, damit noch größere werden mögen. Die Bestimmung der organischen Natur ist Veredlung – wer kann die Grenze der Veredlung sagen? Des Menschen Aufgabe ist, das Chaos zu zähmen, und, so lange er lebt, auf allen Seiten die Saat des Wissens und des Gesanges auszustreuen, auf daß Klima, Frucht und Getier milder werden und der Same der Liebe und des Wohlthuns sich mehre.

Kann der Mensch über die Macht des Geldes siegen? € Maria Aronov

Kann der Mensch über die Macht des Geldes siegen?

Seit Anfängen der Menschheit geht es um Besitz und Macht. Oft wird Macht mit Geld gleichgesetzt, sodass sich nicht der Weise an der Spitze einer Gesellschaft befindet, sondern derjenige, der es sich leisten kann oben zu sein. Nicht umsonst sagt man, das Geld regiere die Welt. Die Betonung in diesem Satz liegt auf dem Geld, denn der Mensch wird zu seinem Sklaven. Es hat die Macht, seine Gegner die Gerechtigkeit und Wahrheit zu zerstören. Es ist in der Lage, Böses und Unruhe zu stiften, sogar in Familien.
Es wurden bereits viele Denker und Dichter beseitigt, weil sie den Reichen trotzten. Sie bezeichneten sie als oberflächlich, als ahnungslose Richter und Wahrheitsleugner.

Leider erfuhr auch der große Dichter und Schriftsteller Michail Jurjewitsch Lermontov (1814-1841) die bittere Seite des Reichtums. Der Poet wuchs bei seiner wohlhabenden Großmutter auf, die eigenes Gut besaß. Dort hatte er die Möglichkeit, Bauern kennenzulernen. Durch sie und die eigene Beobachtung merkte er, dass das Geld wichtig für das Überleben, aber nicht das Wichtigste im Leben sei. Er sah, wie schwer es für sie war, für das Überleben zu schuften, während die Reichen nichts dafür tun mussten, im Gegenteil, sie vertrieben ihre Zeit mit sinnlosen und sündigen Dingen.

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In Lermontovs Familie stritt man sich oft über den Nachlass, sodass der junge Dichter endgültig verstand, dass die Macht des Geldes eine dreckige und zugleich traurige Wahrheit unserer Welt ist.
Leider hat die Welt nie die einzig Schöne Seite des Lebens erkannt, nämlich die der Wahrheit, stattdessen wurde diese in Form von Gedichten, die sich gegen die Hof-Gesellschaft richtete und verschiedener Äußerungen zerstört. Man brachte nicht die Welt durch Genies wie Lermontov oder auch Puschkin zum Blühen, sondern durch goldene Pracht des Hofs, die im Inneren leer und düster war.
Die beiden jungen Dichter und Denker Puschkin und Lermontov werden zu Opfern der grausamen Gesellschaft. Nach Puschkins Tod im Jahr 1837 bei einem Duell , als dieser gerade mal 38 Jahre alt war, widmete Lermontov ihm ein Gedicht „der Tod des Poeten“, in dem er offenlegt, dass der Mord an Puschkin nicht unumgänglich war. Die Hof-Gesellschaft hätte ihn hingerichtet:

…Ihr, die ihr am Thron steht als gierige Schar,
Henker von Freiheit, Genie und Ruhm!
Ihr verbergt euch hinter dem schützenden Gesetz,
vor euch müssen Gericht und Wahrheit, muß alles schweigen…
Otto Hauser: Weltgeschichte der Literatur. 1910, S. 419.

Da Lermontov mit seinen (wahrheitsgemäßen) Äußerungen der Gesellschaft unbequem wurde, wurde er in ein Militärregiment in den Kaukasus verbannt, das er jedoch überlebte. Den Tod fand er später ebenfalls bei einem Duell. Der Autor war nämlich eine zu große Last für die Hof-Gesellschaft, die er als „lasterhaft“ bezeichnet.
Lermontov schreibt in seinem Gedicht, das er Puschkin widmet ebenso darüber, dass der Reiche voller Angst davor sei, dass man ihn mit dem Talent und Wissen aus dem Fokus der Gesellschaft verdrängen könnte, was für ihn die höchste Priorität sei. Ein weiterer Grund also Puschkin und Lermontov loswerden zu wollen.

Der Dichter fiel – von Schurken wähnte
Er seiner Ehre sich beraubt.
Er traf ins Herz, der ihn verhöhnte,
Und sterbend sank sein stolzes Haupt!…

…Der ihn gemordet, kalten Blutes
Hat er’s getan…Er schoß gewandt;
Sein leeres Herz war rohen Mutes,
Und nicht gezittert hat die Hand…

…Aus fernen Reichen
Kam er als Abenteurer her,
Und hundert andre so wie er,
Sich Glück und Ämter zu erschleichen;
Er schätzte unser Land gering,
Sein Recht und Brauch, sein Wort und Wissen,
Hätt gern uns Ruhm und Ehr entrissen;
Wie konnte er bei Abschuß wissen,
An wem sich seine Hand verging…
Aus „Ausgewählte Werke“ Rütten & Löning. Berlin 1987

trennlinie2Michail Jurjewitsch Lermontow (russisch Михаи́л Ю́рьевич Ле́рмонтов; wissenschaftliche Transliteration Mihail Ûr’evič Lermontov; * 3. Oktoberjul./ 15. Oktober 1814greg., Moskau; † 15. Julijul./ 27. Juli 1841greg. im Duell in Pjatigorsk), war ein russischer Dichter. Neben Alexander Puschkin und Fjodor Tjuttschew ist er einer der bedeutendsten Vertreter der romantischen Literatur in Russland. – Quelle: wikipedia

Weitere Lyrik von Michail Jurjewitsch Lermontow finden Sie im Magazin hier.

William Butler Yeats über Lyrik & Rhythmus

Essay

EINS

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William Butler Yeats – 1933

Ich bin mir immer bewußt gewesen, daß es am Gesang etwas gab, was mir mißfiel, und ich hasse Druck und Papier von Natur aus; jetzt aber weiß ich endlich warum, denn ich habe etwas Besseres gefunden. Ich habe soeben ein Gedicht rezitieren hören, mit einem so feinen Gefühl für seinen Rhythmus und einer so vollkommenen Würdigung seines Sinnes, daß ich, wäre ich weise und könnte ich einige Leute überreden, diese Kunst zu erlernen, niemals wieder ein Buch mit Versen öffnen würde. Eine Freundin, die mich vor einigen Minuten verlassen war dagesessen, ein herrliches Saiteninstrument auf ihren Knien, ihre Finger glitten über die Saiten, und dazu rezitierte sie mir Verse aus Shelleys »Skylark«, Sir Ectors Klage über den toten Lancelot aus »Morte d’Arthur«, und einige meiner eigenen Dichtungen. Wo immer der Rhythmus am feinsten war oder die Erregung am meisten ekstatisch, da war auch die Schönheit ihrer Kunst am größten, und dennoch, obgleich sie manchmal ihre Stimme zu einer schwachen Melodie erhob, war es niemals Gesang, wie wir heutzutage singen, nie war es mehr als ein einfaches Sprechen. Eine einzige gesungene Note, ein Wort, gesungen wie in den Kirchen gesungen wird, würde alles verdorben haben. Es war auch nicht Deklamation, denn sie sprach zu einer Art Noten, die so bestimmt waren wie Gesangsnoten, und dabei gebrauchte sie das Instrument, das mit schwachem und süßem Ton zu den gesprochenen Lauten murmelte und ihr so die wechselnden Noten angab. Andere würden möglicherweise alle diese Wirkungen auch hervorgebracht haben, nur jene nicht, die von ihrer eigenen wundervollen Stimme ausgingen, die sie berühmt gemacht hätte, wenn die einzige Kunst, durch die der Sprechstimme Gelegenheit zu ihren vollkommenen Wirkungen geboten wird, unter uns so wohlbekannt wäre, wie es einst in einer fernen Vergangenheit der Fall gewesen.Weiterlesen

Hier wird deutsch gespuckt – Karl Kraus – Ein Essay

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern ist das Geschäft der besten Köpfe. Reinigung ohne Bereicherung erweist sich öfters geistlos. … Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe; der geistlose hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat. Wie sollte er fühlen, welches künstliche Surrogat er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten läßt, da ihm jenes Wort nie lebendig war, weil er nichts dabei dachte? Es gibt gar viele Arten von Reinigung und Bereicherung, die eigentlich alle zusammengreifen müssen, wenn die Sprache lebendig wachsen soll. Poesie und leidenschaftliche Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses Leben hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen, er setzt sich zu Boden und die reine Welle fließt darüber her.
Goethe

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Hugo Ball – Über Okkultismus, Hieratik und andere seltsam schöne Dinge

Hugo Ball - Hugo Ball war ein deutscher Autor und Biograf. Außerdem war er einer der Mitgründer der Dada-Bewegung und ein Pionier des Lautgedichts - 1886 - 1927
Hugo Ball – Hugo Ball war ein deutscher Autor und Biograf. Außerdem war er einer der Mitgründer der Dada-Bewegung und ein Pionier des Lautgedichts – 1886 – 1927

Vor etwa zwei Monaten fand in Ascona ein Kongreß statt, dessen Sitzungen ein seltsames Publikum vereinigten. Niemand hätte dem kleinen Fischerdorf eine so interessante Fremdenkolonie zugetraut, wie sie sich hierbei in den einfachen, aber eleganten Landhäusern auf dem Monte Verità zusammenfand. Aber Ascona ist heute ein Hauptsitz von Vertretern und Anhängern der okkulten Wissenschaften, und so brachte der Kongreß des »Ordo Templi Orientalis« im August, wenn auch viele Gäste aus England, Österreich, Deutschland und Frankreich ausgeblieben waren, desto nachhaltigeres Leben in die ortsansässigen Zirkel.Weiterlesen

Franziska Gräfin zu Reventlow Das Männerphantom der Frau (1898)

Fanny Gräfin zu Reventlow um 1900
Fanny Gräfin zu Reventlow um 1900 – diese Augen….1

Der Mann! – Einmal muss der Moment ja doch schließlich kommen – trotz der strengsten Mutter und der wachsamsten Tante – der Moment, wo «der Mann» nicht mehr hinwegzuleugnen ist und wo das junge Mädchen anfängt, etwas zu fühlen und zu begreifen, etwas – ja, wie soll man es definieren, dieses geheimnisvolle Etwas, die Vorempfindung des andern Geschlechts im eignen Blute?Weiterlesen

Otto Julius Bierbaum über Dostojewski – ein Essay

Wenn es wahr ist, daß der Deutsche den Trieb hat, Weltverständnis zu gewinnen, und daß darin seine tiefste Kraft und die Bürgschaft geistiger Weltbeherrschung liegt; eines imperium germanorum ingenii, – dann dürfen wir hoffen, daß die Werke Dostojewskis in Deutschland ein mal heimisch werden, wie die der anderen Großen fremder Zunge.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Dostojewski, 1872. Er stellte in diesem Jahr den Roman Die Dämonen fertig. Porträt von Wassili Perow
Dostojewski, 1872. Er stellte in diesem Jahr den Roman Die Dämonen fertig. Porträt von Wassili Perow

Die Größe Dostojewskis berührte mich zum erstenmale in sehr jungen, unreifen Jahren; ich hatte noch drei Klassen des Gymnasiums vor mir, bis zu der sonderbaren Reifeprüfung, die in Deutschland die Pforten der Universität öffnet. Ich las damals so viel, daß ich mich jetzt mit einigem Rechte vom Lesen dispensieren darf. Und ich las, wenn auch nicht mit vollem Verständnis, so doch mit gutem Instinkte: fast nur Bücher, die mir eine Welt auftaten, in der Ziele für mich leuchteten, und nur Bücher von persönlich künstlerischem Ausdruck. Trotzdem ist vieles davon für mich versunken und kaum noch in Erinnerung. Aber Dostojewski ist mir geblieben, und je mehr ich davon abkam, modernen Künstlern Größe zuzuerkennen (was ich nach Jugendart schnellfertig gerne tat, wenn mich ihre Kunst sympathisch berührte und mein Lebensgefühl steigerte), um so mehr fühlte ich: dieser ist wirklich groß, obwohl er mir nicht eigentlich sympathisch ist und mich öfter bedrückt, als erhebt. Ich weiß jetzt: er ist mehr als ein Gipfel, er ist ein Gebirge. Und alle modernen Gipfel, einen einzigen ausgenommen, ragen kaum zur halben Höhe seines Mittelzugs: der Eine aber, der seine Spitze überragt, Nietzsche, wirkt neben seinem ungeheuren Massiv aus gewachsenem Fels fast beängstigend als Kunstwerk: wie etwas Konstruiertes neben etwas Elementarem.Weiterlesen

Wassily Kandinsky – Malerei als reine Kunst (aus: essays ueber kunst und kuenstler – 1963)

Malerei als reine Kunst

1918 erschien im Verlag Der Sturm (Berlin) eine Schrift «Expressionismus, die Kunstwende», herausgegeben von Herwart Walden, zum Gedächtnis an Franz Marc, August Macke, August Stramm und Umberto Boccioni. In dieser Veröffentlichung findet sich dieser Text von Wassily Kandinsky. Sicher ist, daß er nach der letzten Ausgabe des «Blauen Reiters» entstand und nach «Rück- blicke» (1913, Der Sturm, Berlin). Es ist wahrscheinlich, daß die- ser Essay um 1916 geschrieben und aus Schweden von Kandinsky an Herwart Walden gesandt wurde. Aus der gleichen Zeit stammt auch das in Moskau kürzlich aufgefundene Skizzenbuch von Kan- dinsky, dem nebenstehende Zeichnung entnommen ist.

Komposition VIII, 1923, Solomon R. Guggenheim Museum, New York
Komposition VIII, 1923, Solomon R. Guggenheim Museum, New York

Inhalt und Form

Das Kunstwerk besteht aus zwei Elementen: aus dem Innern und aus dem äußern. Das innere Element, einzeln genommen, ist die Emotion der Seele des Künstlers. Diese Emotion hat die Fähigkeit, eine im Grun- de entsprechende Emotion in der Seele des Beschauers hervorzurufen. Solange die Seele mit dem Körper verbunden ist, kann sie in der Regel Vibrationen nur durch die Vermittlung des Gefühls empfangen. Das Gefühl ist also eine Brücke vom Unmateriellen zum Materiellen (Künstler) und vom Materiellen zum Unmateriellen (Beschauer). Emotion – Gefühl – Werk – Gefühl – Emotion. Das innere Element des Werkes ist sein Inhalt. So muß die Seelenvibration vorhanden sein. Wenn es nicht der Fall ist, so kann kein Werk entste- hen. Das heißt, es kann nur ein Schein entstehen. Das innere Element, von der Seelen Vibration geschaffen, ist der Inhalt des Werkes. Ohne inneren Inhalt kann kein Werk existieren. Damit der Inhalt, der erst «abstrakt» lebt, zu einem Werk wird, muß das zweite Element – das äußere – der Verkörperung dienen. Deshalb sucht der Inhalt nach einem Ausdrucksmittel, nach einer «materiellen» Form. So ist das Werk eine unzertrennbare Zusammenschmelzung des inne- ren und des äußeren Elements, des Inhaltes und der Form. Das bestimmende Element ist das des Inhalts. Die Form ist der mate- rielle Ausdruck des abstrakten Inhaltes. Die Wahl der Form wird also durch die innere Notwendigkeit bestimmt, die wesentlich das einzige un- veränderliche Gesetz der Kunst ist. Ein in der bezeichneten Weise entstandenes Werk ist «schön». So ist ein schönes Werk eine gesetzmäßige Verbindung der zwei Elemente der inne- ren und der äußeren. Diese Verbindung verleiht dem Werk die Einheit- lichkeit. Das Werk wird zum Subjekt. Als Malerei ist es ein geistiger Organismus, der, wie jeder materielle Organismus, aus vielen einzel- nen Teilen besteht. Diese einzelnen Teile sind isoliert genommen leblos, wie ein abgehaue- ner Finger. Das Leben des Fingers und seine zweckmäßige Wirkung ist durch gesetzmäßige Zusammenstellung mit den übrigen Körper- teilen bedingt. Diese gesetzmäßige Zusammenstellung ist die Konstruktion. Dem Naturwerk gleich unterliegt auch das Kunstwerk demselben Ge- setze: der Konstruktion. Die einzelnen Teile werden nur durch das Ganze lebendig. Die unendliche Zahl der einzelnen Teile in der Malerei zerfällt in zwei Gruppen: die zeichnerische Form und die malerische Form. Das planmäßige und zweckmäßige Kombinieren der einzelnen Teile aus beiden Gruppen hat zur Folge das Bild.

Natur

Wenn wir diese beiden Definierungen (Bestandteile des Werkes und speziell des Bildes) an einzelnen Werken anwenden, so stoßen wir auf eine scheinbar zufällige Anwesenheit fremder Bestandteile des Bildes. Das ist die sogenannte Natur. Die Natur hat in unseren bei- den Definierungen keinen Platz bekommen. Woher kommt sie in das Bild? Der Ursprung der Malerei ist der jeder anderen Kunst gewesen und der jeder menschlichen Handlung. Er war rein praktisch. Wenn ein wilder Jäger tagelang ein Wild verfolgt, so bewegt ihn dazu der Hunger. Wenn heute ein fürstlicher Jäger ein Wild verfolgt, so bewegt ihn dazu das Vergnügen. Wie der Hunger ein körperlicher Wert ist, so ist hier das Vergnügen ein ästhetischer Wert. Wenn ein Wilder zu seinem Tanz künstliche Geräusche braucht, so bewegt ihn dazu der sexuelle Trieb. Wenn der heutige Mensch ins Konzert geht, so sucht er in der Musik kein praktisches Hilfsmittel, sondern das Vergnügen. Auch hier ist der ursprüngliche körperlich-praktische Trieb zum ästhe- tischen geworden. Das heißt, auch hier ist aus dem ursprünglichen Bedürfnis des Körpers das der Seele geworden. Bei dieser Verfeinerung (oder Vergeistigung) der einfachsten praktischen (oder körperlichen) Bedürfnisse lassen sich durchwegs zwei Folgen bemerken: das Absondern des geistigen Elementes vom körperlichen und seine weitere selbständige Entwicklung, durch die verschiedene Künste entstehen.
Hier greifen allmählich und immer präziser die oben erwähnten Ge- setze (des Inhaltes und der Form) ein, die schließlich aus jeder Übergangs- kunst eine reine Kunst schaffen. Das ist ein ruhiges, naturgemäßes Wachsen, wie das Wachsen eines Baumes.

Malerei

Derselbe Vorgang ist in der Malerei zu bemerken. Erste Periode Ursprung: praktischer Wunsch, das vergängliche Körperliche festzuhalten. Zweite Periode Entwicklung: das allmähliche Absondern von diesem praktischen Zweck und das allmähliche Überwiegen des geistigen Ele-  mentes. Dritte Periode Ziel: das Erreichen der höheren Stufe der reinen Kunst;  in ihr sind die Überreste des praktischen Wunsches vollkommen  abgesondert. Sie redet in künstlerischer Sprache von Geist zu Geist  und ist ein Reich malerisch-geistiger Wesen (Subjekte). In der heutigen Lage der Malerei können wir in verschiedener Zusam- menstellung und in verschiedenen Maßen alle diese drei Kennzei- chen feststellen. Dabei ist das Kennzeichen der Entwicklung (der zweiten Periode) das maßgebende, und zwar: Erste Periode: Realistische Malerei (der Realismus versteht sich hier so, wie er bis in das 19. Jahrhundert traditionell sich entwickelte): Über- wiegen des Kennzeichens des Ursprunges – der praktische Wunsch, das vergängliche Körperliche festzustellen (Porträt-, Landschafts-, Historienmalerei in direktem Sinne).

Zweite Periode: Naturalistische Malerei (in der Form des Impressionis- mus, des Neu-Impressionismus und des Futurismus) das Absondern vom praktischen Zweck und das allmähliche Überwiegen des geistigen Elementes (vom Impressionismus durch Neu-Impressionismus zum Futurismus immer stärkere Absonderung und immer größeres Über- wiegen). In dieser Periode ist der innere Wunsch, dem Geistigen ausschließliche Bedeutung einzuräumen, so intensiv, daß schon das impressionistische «Credo» lautet: «Das Wesentliche in der Kunst ist nicht das ‚was‘ (worunter nicht der künstlerische Gehalt, sondern die Natur verstan- den wird), sondern das ‚wie‘». Scheinbar wird dem Überrest der ersten Periode (Ursprung) so wenig Bedeutung beigemessen, daß die Natur als solche vollkommen nicht mehr in Betracht kommt. Scheinbar wird die Natur ausschließlich als Ausgang angesehen, als ein Vorwand, dem geistigen Inhalt Ausdruck zu geben. Jedenfalls werden diese Standpunkte als Bestandteile des «Credo» schon von dem Impressionisten anerkannt und proklamiert. Nun ist aber in Wirklichkeit dieses «Credo» nur ein «pium desiderium» der Malerei der zweiten Periode. Wenn die Wahl des Gegenstandes (Natur) dieser Malerei gleichgültig wäre, so würde sie nach keinen «Motiven» suchen müssen. Hier be- dingt der Gegenstand die Behandlung, die Formwahl bleibt nicht frei, sondern ist vom Gegenstand abhängig. Wenn wir aus einem Bilde dieser Periode das Gegenständliche (Natur) ausschalten und das Rein-künstlerische dadurch allein im Bilde lassen, so bemerken wir sofort, daß dieses Gegenständliche (Natur) eine Art Stütze bildet, ohne die das rein-künstlerische Gebäude (Konstruk- tion) an Formarmut zusammenbricht. Oder es stellt sich heraus, daß nach dieser Ausschaltung nur vollkommen unbestimmte, zufällige und existenzunfähige künstlerische Formen (im embryonalen Zustand) auf der Leinwand bleiben. So ist in dieser Malerei die Natur (das «was» im Sinne dieser Malerei) nicht nebensächlich, sondern wesentlich. Dieses Ausschalten des praktischen Elementes, des Gegenständlichen (der Natur), ist nur in dem Falle möglich, wenn dieser wesentliche Bestandteil durch einen anderen ebenso wesentlichen Bestandteil er- setzt wird. Und das ist die rein-künstlerische Form, die dem Bilde die Kraft des selbständigen Lebens verleihen kann und das Bild zum gei- stigen Subjekt zu erheben imstande ist. Es ist klar, daß dieser wesentliche Bestandteil die oben beschriebene und definierte Konstruktion ist. Dieses Ersetzen finden wir in der heute beginnenden dritten Periode: Kompositionelle Malerei. Nach dem oben angegebenen Schema der drei Perioden sind wir also an die dritte angelangt, die als Ziel bezeichnet wurde. In der kompositionellen Malerei, die sich heute vor unseren Augen ent- wickelt, sehen wir sofort: die Kennzeichen des Erreichens der höhe- ren Stufe der reinen Kunst, in der die Überreste des praktischen Wun- sches vollkommen abgesondert werden können, die in rein-künstleri- scher Sprache von Geist zu Geist reden kann und die ein Reich male- risch-geistiger Wesen (Subjekte) ist. Daß ein Bild dieser dritten Periode, das keine Stütze im praktischen Zweck (der ersten Periode) oder in dem gegenständlich unterstützten geistigen Inhalt (der zweiten Periode) hat, nur als konstruktives Wesen existieren kann, soll jedem ohne weiteres klar und unverrückbar er- scheinen. Das heute stark (und immer stärker) sich zeigende bewußte oder auch noch oft unbewußte Streben, das Gegenständliche durch das Kon- struktive zu ersetzen, ist die erste Stufe der beginnenden reinen Kunst, zu der die vergangenen Kunstperioden unvermeidlich und gesetz- mäßig waren. In dieser Kürze versuchte ich, die gesamte Entwicklung und die heu- tige Lage ganz besonders in großen Zügen schematisch zu behandeln. Daher die vielen Lücken, die offen bleiben müssen. Daher das Ver- schweigen der Seitengänge und Sprünge, die in jeder Entwicklung so unvermeidlich sind, wie die Seitenäste am Baum, trotz seinem Streben nach oben. Auch die weitere Entwicklung, die der Malerei bevorsteht, wird noch viele scheinbare Widersprüche, Ablenkungen erdulden, so wie es in der Musik war, die wir heute schon als reine Kunst kennen. Die Vergangenheit lehrt uns, daß die Entwicklung der Menschheit in der Vergeistigung vieler Werte besteht. Unter diesen Werten nimmt die Kunst den ersten Platz ein. Unter den Künsten geht die Malerei den Weg, der sie vom Praktisch- Zweckmäßigen zum Geistig-Zweckgemäßen führt. Vom Gegenständ- lichen zum Kompositionellen.

H.P. Lovecraft – Anmerkungen zum Schreiben unheimlicher Erzählungen

Howard Phillips Lovecraft war ein amerikanischer Schriftsteller. Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horror-Literatur.
Howard Phillips Lovecraft war ein amerikanischer Schriftsteller. Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horror-Literatur.

 

Der Grund, warum ich Erzählungen schreibe, ist der, daß ich mir selbst die Befriedigung verschaffen möchte, klarer, eingehender und bleibender mir die vagen, flüchtigen und bruchstückhaften Eindrücke des Staunens, der Schönheit und der erwartungsvollen Abenteuerlichkeit vor Augen zu führen, die mir durch gewisse Anblicke (szenischer, architektonischer, stimmungsvoller Art usw.). Einfälle, Ereignisse oder Bilder vermittelt werden, auf die ich in Kunst und Literatur stoße. Auf unheimliche Erzählungen habe ich mich deswegen verlegt, weil sie meiner Neigung am ehesten entsprechen – einer meiner stärksten und nachhaltigsten Wünsche ist es, die Illusion wenigstens vorübergehend einmal zu erreichen, daß die ärgerlichen Beschränkungen von Zeit, Raum und Naturgesetz, die uns ständig einkerkern und unsere Wißbegier über die unendlichen kosmischen Räume jenseits unseres Blickfeldes und unserer analytischen Fähigkeiten zunichte machen, aufgehoben oder gesprengt sind. Geschichten betonen häufig das Element des Grauens, denn Furcht ist unser tiefstes und stärkstes Gefühl und dasjenige, mit dem sich am besten Illusionen hervorbringen lassen, die sich über die Naturgesetze hinwegsetzen. Grauen und das Unbekannte oder Seltsame sind stets eng miteinander verknüpft, so daß es schwer fällt, die Zerschlagung von Naturgesetzen oder kosmische Fremdartigkeit oder »das Außenseitige« überzeugend zu schildern, ohne das Gefühl der Furcht hervorzuheben. Weiterlesen

Die Freiheit als gesellschaftliches Prinzip – Ein Essay von Erich Mühsam

Illustration: Stefan Otte
Illustration: Stefan Otte

Die Geschichte der Menschheit mit ihren Kriegen und Revolutionen, mit ihren Bestrebungen um Änderung, Besserung, Beseitigung oder Erhaltung von Zuständen und Einrichtungen, mit all ihren politischen, wirtschaftlichen, religiösen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Kämpfen vollzieht sich in immer veränderten Forderungen dennoch immer mit derselben Begleitmusik. In allen Zeiten, in allen Völkern, wo Meinung gegen Meinung, Losung gegen Losung stand und steht, empfehlen sich die Beschützer des Alten wie die Pioniere des Neuen als die Sachverwalter der Freiheit. Es gibt keine Bewegung, hat nie eine gegeben und kann keine geben, die erfolgreich um Anhang für sich werben könnte, wenn nicht auf ihrer Standarte das Bekenntnis zur Freiheit beschworen ist. Wo Ziele erstrebt werden, die über materielle Nützlichkeit hinausreichen oder doch hinauszureichen scheinen, kann Gefolgschaft nur mit sittlichen Zwecksetzungen gewonnen werden; zum sittlichen Begriff schlechthin aber, dem alle übrigen sittlichen Werte ein- und untergeordnet sind, der die hohen seelischen Eigenschaften der menschlichen Gesellschaft wie Ehre, Ruhm, Kultur, glückliche Verbundenheit, in der natürlichen Vorstellung aller zur Gefolgschaft geeigneten Massen umfasst, wird von allen verschiedenen und entgegengesetzten Parteien und Vereinigungen die Freiheit erhoben. Denn das Wort Freiheit ist im Sprachgefühl der Menschen das einzige, das in sich die Eigenschaften der individuellen Tugend mit denen eines gesellschaftlichen Ideals verbindet.   Weiterlesen

Paul Scheerbart – Glasarchitektur – Teil 2

Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 - Fotograf unbekannt - Quelle: wikipedia.org
Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 – Fotograf unbekannt – Quelle: wikipedia.org

Zu Teil 1 – Zu Teil 3
Abschnitte XXXI – LX

XXXI

Das Glasmosaik und der Eisenbeton

Es muß betont werden, daß der Eisenbeton mit Glasmosaik bedeckt wohl das dauerhafteste Baumaterial darstellt, das wir bislang entdeckt haben.
Man hat immer so große Furcht, daß das Glas von ruchloser Hand zertrümmert werden könnte. Nun die Fälle, in denen von der Straße aus Fenster durch Steine zertrümmert werden, sind heute wahrhaftig nicht mehr zahlreich; man wirft viel eher nach einem Menschenkopf mit Steinen als nach einer Fensterscheibe.
Daß Glasmosaik aber mit Steinen beworfen wurde, ist mir gänzlich unbekannt.
Im 19. Jahrhundert, als die Drähte der Telegraphie aufkamen, wollte man diese Drähte aus Furcht vor der rohen Bevölkerung sämtlich unterirdisch anlegen. Heute aber denkt kein Mensch an die Zerstörung der oberirdischen Drähte.
Deshalb braucht man auch nicht zu fürchten, daß die Glashäuser von Steinen aus roher Hand zugrunde gerichtet werden könnten.
Doch dieses auch nur so nebenbei.

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Paul Scheerbart – Glasarchitektur

Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 - Fotograf unbekannt - Quelle: wikipedia.org
Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 – Fotograf unbekannt – Quelle: wikipedia.org

BRUNO TAUT gewidmet

Hony soit qui mal y pense


Abschnitte I – XXX

I

Das Milieu und sein Einfluß auf die Entwicklung der Kultur

Wir leben zumeist in geschlossenen Räumen. Diese bilden das Milieu, aus dem unsre Kultur herauswächst. Unsre Kultur ist gewissermaßen ein Produkt unsrer Architektur. Wollen wir unsre Kultur auf ein höheres Niveau bringen, so sind wir wohl oder übel gezwungen, unsre Architektur umzuwandeln. Und dieses wird uns nur dann möglich sein, wenn wir den Räumen, in denen wir leben, das Geschlossene nehmen. Das aber können wir nur durch Einführung der Glasarchitektur, die das Sonnenlicht und das Licht des Mondes und der Sterne nicht nur durch ein paar Fenster in die Räume läßt – sondern gleich durch möglichst viele Wände, die ganz aus Glas sind – aus farbigen Gläsern. Das neue Milieu, das wir uns dadurch schaffen, muß uns eine neue Kultur bringen.Weiterlesen

Ralph Waldo Emerson – Persönlichkeit & »Character«

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882Ich hab‘ einst gelesen, daß alle, die Lord Chatham sprechen hörten, stets das Gefühl hatten, es müsse in dem Manne etwas Feineres, Höheres sein als alles, was er aussprach. Man hat wider unseren glänzenden englischen Historiker der französischen Revolution die Klage vorgebracht, daß alle Thaten, die er von Mirabeau zu berichten weiß, die Meinung, die er von seinem Genie hat, nicht rechtfertigen. Die Gracchen, Agis, Kleomenes und andere der plutarchischen Helden können mit dem Bericht dessen, was sie gethan, ihrem eigenen Ruhm nicht die Wage halten. Sir Philip Sidney, der Graf von Essex, Sir Walter Raleigh sind lauter Männer von großer Bedeutung und wenig Thaten. Wir können kaum den kleinsten Teil vom persönlichen Gewichte Washingtons in der Geschichte seiner Leistungen finden. Die Autorität, die der Name Schillers besitzt, ist zu groß für seine Schriften. Dieses Mißverhältnis zwischen dem Ruf und den Werken oder Anekdoten läßt sich nicht mit Phrasen beseitigen wie etwa: der Wiederhall dauere stets länger als der Donner; sondern es stak etwas in diesen Männern, das eine Erwartung erzeugte, die über jede mögliche Leistung hinausging. Der größte Teil ihrer Kraft war latent. Dies ist es, was wir »Persönlichkeit« nennen, – eine aufgespeicherte Kraft, die unmittelbar und durch ihre bloße Gegenwart wirkt. Dieselbe muß als eine nicht demonstrierbare Kraft aufgefaßt werden, gleich einem spiritus familiaris oder Dämon, durch dessen Impulse der Mann geleitet wird, dessen Ratschläge er jedoch nicht mitteilen kann; der ihm Gesellschaft leistet, sodaß solche Leute meist die Einsamkeit lieben, oder wenn sie zufällig geselliger Natur sein sollten, so brauchen sie doch die Gesellschaft nicht, sondern können sich recht gut allein unterhalten. Das reinste litterarische Talent erscheint manchmal größer und manchmal geringer, aber die Persönlichkeit, der Charakter, besitzt eine sternenhafte, unveränderliche Größe. Was andere durch Talent oder Überredung erzielen, das bewirkt sie durch eine Art Magnetisierung. »Die Hälfte seiner Kraft setzte er gar nicht in Thätigkeit.« Er erficht seine Siege durch die bloße Demonstration seiner Superiorität, nicht durch das Kreuzen der Bayonette. Er gewinnt, weil durch seine Ankunft die ganze Sachlage überhaupt eine andere wird. »O Jole woher wußtest du, daß Herakles ein Gott war?« »Weil,« antwortete Jole, »ich in dem Augenblick zufrieden war, in dem meine Augen auf ihn fielen. Als ich Theseus erblickte, da wünschte ich ihn zum Kampfe vortreten oder wenigstens seine Rosse beim Wagenrennen lenken zu sehen; aber Herakles wartete nicht auf den Kampf; er siegte, ob er stand oder ging oder saß, oder was er sonst thun mochte.« Der Mensch, der gewöhnlich den Ereignissen nachhinkt, der mit der Welt, in der er lebt, nur halb, und das ungeschickt genug, verknüpft ist, scheint in solchen Exemplaren seiner Gattung das Leben der Natur zu teilen und ein Ausdruck der Gesetze zu sein, die Ebbe und Flut, die Sonne, die Zahlen und Größen regieren.
Bei unseren politischen Wahlen, bei welchen dieses Element, wenn überhaupt, nur in seiner rohesten Form auftreten kann, wissen wir dennoch seinen unvergleichlichen Wert gar wohl zu schätzen. Die Leute wissen, daß ihr Vertreter viel mehr als bloßes Talent haben muß, nämlich die Kraft, sein Talent vertrauenswürdig zu machen. Sie erreichen ihre Zwecke nicht damit, daß sie einen gelehrten, scharfen und gewandten Redner in den Kongreß entsenden, wenn er nicht zugleich ein Mensch ist, der, bevor er vom Volke erwählt ward, es zu vertreten, vom allmächtigen Gott erwählt wurde, eine Sache zu vertreten – eine Sache, von der er innerlich aufs unerschütterlichste überzeugt ist – sodaß die dreistesten und die gewaltthätigsten Leute einsehen müssen, daß sie hier einem Widerstande begegnen, an dem Unverschämtheit und Einschüchterung gleich verschwendet sind, nämlich der Überzeugung, dem Glauben an die Sache. Die Leute, die ihren Standpunkt zu behaupten wissen, brauchen ihre Wähler nicht erst zu fragen, was sie sprechen sollen, sondern sind selbst das Land, das sie vertreten; nirgends spielen sich seine Erregungen und Meinungen so augenblicklich und wahrhaft ab, wie in ihnen; nirgends treten sie so frei von jedem selbstsüchtigen Nebeninteresse auf! Die Wählerschaft lauscht daheim auf ihre Worte, beobachtet die Farbe ihrer Wangen und richtet, wie nach einem Spiegel, ihre eigene danach. Unsere öffentlichen Versammlungen sind recht gute Probeplätze männlicher Kraft. Unsere freimütigen Landsleute im Westen und Süden haben einen Spürsinn für Persönlichkeiten und lieben es zu wissen, ob der Neu-Engländer ein substantieller Mensch ist, oder ob man die Hand durch ihn hindurchstecken kann.

Dieselbe bewegende Kraft zeigt sich im Handel. Es giebt kaufmännische Genies, so gut wie kriegerische, staatsmännische oder wissenschaftliche; und der Grund, warum der eine Glück hat und der andere nicht, läßt sich nicht sagen. Es liegt im Menschen; das ist alles, was man davon sagen kann. Seht ihn an und ihr werdet seinen Erfolg begreiflich finden, wie ihr das Glück Napoleons begreifen würdet, wenn ihr ihn sähet. Auf dem neuen Gebiet bleibt es das alte Spiel, die Gewohnheit, den Dingen ins Angesicht zu schauen, und nicht aus zweiter Hand, nicht nach den Vorstellungen anderer mit ihnen zu verfahren. Von der Natur selbst scheint der Handel autorisiert, sobald wir den natürlichen Kaufmann erblicken, der kaum mehr wie ein privater Geschäftsmann, sondern als ihr Agent und Handelsminister erscheint. Seine natürliche Rechtschaffenheit, verbunden mit seiner Einsicht in den Bau der Gesellschaft, erhebt ihn über alle Kniffe, und wer mit ihm zu thun hat, dem teilt er seine Überzeugung mit, daß Verträge sich nicht zu beliebigem Vorteil auslegen lassen. Sein Geist hat die natürliche Billigkeit und den allgemeinen Nutzen zur beständigen Richtschnur; er flößt zugleich Respekt und den Wunsch, mit ihm in Verbindung zu treten, ein, und dies sowohl durch die stille Atmosphäre von Ehrenhaftigkeit, die ihn umgiebt, als auch wegen des geistigen Vergnügens, das das Schauspiel solcher vielverwendbarer Fähigkeiten gewährt. Dieser ins Ungeheuere ausgedehnte Handel, der die Vorgebirge der Südsee zu seinen Werften und den Atlantischen Ocean zum Hafen seines Hauses macht, hat sein Centrum in diesem einen Hirn, und kein Mensch in der Welt kann seinen Platz ausfüllen. Schon in seinem Sprechzimmer erkenn‘ ich, daß er heute morgen schon hart gearbeitet hat, an den Falten seiner Stirn und an seiner bestimmten Art, die all sein Wunsch, höflich zu sein, nicht abschütteln kann. Ich sehe klar, wie viel feste, sichere Akte heute schon vollzogen worden sind, wie viel tapfere »Nein« an diesem Tage ausgesprochen worden, wo andere ein verderbliches »Ja« gesprochen hätten. Ich sehe neben dem Stolz der Kunst, der Gewandtheit meisterlicher Arithmetik und der ausgedehntesten Kombinationsgabe, sein Bewußtsein, ein Diener und Spielgefährte der ursprünglichsten Weltgesetze zu sein. Auch er ist überzeugt, daß niemand ihn ersetzen kann, und daß ein Mann für den kaufmännischen Beruf geboren sein muß, oder ihn nie erlernen kann.

Diese Kraft zieht den Geist mächtiger an, wenn sie sich in Handlungen, die nicht so gemischte Ziele verfolgen, offenbart. Mit höchster Energie tritt ihre Wirkung in den kleinsten Cirkeln und in privaten Beziehungen zu Tage. In allen Fällen bildet sie ein außerordentliches und unberechenbares Agens. Die größte physische Kraft wird durch sie paralysiert. Höhere Naturen überwältigen niedrigere, indem sie sie in einen gewissen Schlaf versetzen. Die Fähigkeiten werden gleichsam abgesperrt und leisten keinen Widerstand mehr. Vielleicht ist das das allgemeine Gesetz der Welt. Wenn das Hohe das Niedrige nicht zu sich emporheben kann, dann betäubt es das Objekt, wie der Mensch den Widerstand der niedereren Tiere niederzaubert. Die Menschen üben auch aufeinander dieselbe geheime Macht aus. Wie oft hat der Einfluß eines wahren Meisters alle Geschichten, die man von Zauberei erzählt, wahr gemacht! Ein Strom der Herrschaft schien sich aus seinen Augen auf alle, die ihn schauten, zu ergießen, ein unwiderstehlicher Strom starken, ernsten Lichtes, gleich einem Ohio oder den Wassern der Donau, der die anderen mit seinen Gedanken durchtränkte und allen Ereignissen die Farbe seines Geistes verlieh. »Welche Mittel habt Ihr angewendet?« fragte man die Frau Concini’s, als man herausbringen wollte, wie sie Maria von Medici behandelt hatte, und die Antwort war: »Nur die Mittel, die jeder starke Geist über einen schwachen hat.« Kann nicht Cäsar in Ketten die Ketten abschütteln und sie Hippo oder Thraso, dem Schließer, aufzwingen? Ist eine eiserne Handschelle eine so unzerreißbare Fessel? Nehmt einmal an, ein Sklavenhändler an der Küste von Guinea nähme einen Trupp Neger an Bord, der Personen vom Schlage Toussaint L’Ouverture’s enthielte, oder stellen wir uns vor, er hätte unter diesen schwärzlichen Masken einen Trupp Washingtons in Ketten. Wird, wenn sie in Cuba eintreffen, die Ordnung und das Verhältnis der Schiffsgesellschaft noch dasselbe sein? Giebt es denn nichts als Stricke und Eisen? Giebt es keine Liebe, keine Ehrfurcht? Giebt es denn nie einen Funken von Rechtsgefühl in dem Haupt eines armen Sklavenschiffshauptmanns, und sollten diese wirklich nicht imstande sein, die Spannung von ein oder zwei Zoll eiserner Ringe zu brechen, zu lösen oder sonst wie zu überwältigen?

Persönlichkeit ist eine Naturkraft wie Licht und Wärme, und die ganze Natur arbeitet mit ihr. Der Grund weshalb wir die Gegenwart eines Menschen empfinden und die eines anderen nicht, ist so einfach wie die Schwerkraft. Wahrheit ist der Gipfel des Seins: Gerechtigkeit ist ihre Anwendung auf die Lebensverhältnisse. Alle individuellen Naturen stehen in einer Stufenleiter, geordnet nach der Reinheit, in der dieses Element sich in ihnen findet. Der Wille reiner Menschen strömt von ihnen auf Geringere herab, wie Wasser aus einem höheren Gefäß in ein tieferes hinabfließt. Dieser Naturkraft läßt sich so wenig Widerstand entgegensetzen wie irgend einer anderen. Wir können wohl einen Stein für einen Augenblick aufwärts in die Luft treiben; es bleibt dennoch wahr, daß alle Steine zuletzt zur Erde fallen, und wie viel Beispiele von unbestraftem Diebstahl, von Lügen, die Glauben gefunden, sich auch aufzählen lassen, der Gerechtigkeit muß der Sieg bleiben, und es ist das Vorrecht der Wahrheit, sich selbst Glauben zu verschaffen. Nun, Persönlichkeit ist dieses selbe moralische Gesetz, durch das Medium individueller Naturen gesehen. Jedes Individuum ist ein Gefäß. Zeit und Raum, Freiheit und Notwendigkeit, Wahrheit und Ideen sind nun nicht mehr im Freien. Die Welt wird ein Gehege, ein Pfandhaus. Das Universum steckt in dem Menschen, individuell gefärbt je nach der eigentümlichen Art seiner Seele. Mit den Qualitäten, die er besitzt, imprägniert er alles, was er erreichen kann; hat aber nicht das Bestreben, sich in die Weite zu verlieren, sondern seine Blicke kehren, wie lang die Kurve auch sein mag, die sie beschreiben, zuletzt immer wieder zu seinem eigenen Gut zurück. Er belebt alles, was er beleben kann, und sieht auch nur das, was er belebt. Er schließt die Welt ein, wie der Patriot sein Vaterland, als die materielle Basis seines Charakters, als den Schauplatz seines Thuns. Eine gesunde Seele verbindet sich mit dem Gerechten und Wahren, wie der Magnet sich nach dem Pole richtet, sodaß er für alle Beschauer gleich einem transparenten Gegenstand zwischen ihnen und der Sonne steht, und wer immer sich auf die Sonne zu bewegt, sich auch ihm zu bewegen muß. So wird er das Medium des höchsten Einflusses für alle, die nicht auf derselben Höhe stehen. Und so sind Menschen von Charakter das Gewissen der Gesellschaft, der sie angehören.

Das natürliche Maß dieser Kraft ist der Widerstand, den sie den Verhältnissen entgegensetzt. Unreine Menschen sehen das Leben nur so, wie es sich in Meinungen, Ereignissen und Personen spiegelt. Sie können eine Handlung nicht sehen, so lange sie nicht vollzogen ist. Und doch existierte das geistige Element der Handlung längst schon im Thäter, und die Qualität derselben als recht oder unrecht war leicht vorauszusagen. Alles in der Natur ist zweipolig, alles hat einen positiven und einen negativen Pol. Überall giebt es ein Männliches und ein Weibliches, die Thatsache und den ihr entsprechenden Geist, einen Norden und Süden. Der Geist ist das positive, das Ereignis das negative Bild. Der Wille stellt den Nordpol, die Handlung den Südpol dar. Vom Charakter kann man sagen, daß er seine natürliche Stelle im Norden habe. Er nimmt an den magnetischen Strömungen des ganzen Systems teil. Die schwachen Seelen werden vom südlichen, negativen Pol angezogen. Sie fragen nach dem Nutzen oder Schaden, den eine Handlung gebracht. Sie können ein Princip nicht wahrnehmen, so lang es nicht in einer Person verkörpert ist. Sie wünschen nicht, liebenswürdig zu sein, sondern geliebt zu werden. Die eine Klasse von Charakteren liebt es, von ihren Fehlern zu hören, die andere will von den eigenen Fehlern nichts wissen und betet den Erfolg an; wenn man sie einer Thatsache, einer Kette und Folge von Umständen versichert, so verlangen sie nichts weiter. Der Held erkennt, daß der Erfolg etwas Knechtisches ist und ihm folgen muß. Eine gegebene Reihenfolge von Ereignissen kann ihm nicht jene Befriedigung gewähren, welche die Phantasie damit verbindet, denn aus jeder scheinbar noch so glücklichen Lage kann der Geist des Guten fliehen; aber an manche Geister heftet sich das Glück und bringt Macht und Sieg als ihre natürlichen Früchte, welchen Lauf die Dinge auch nehmen mögen. Kein Wechsel der Verhältnisse kann einen Mangel in der Persönlichkeit ersetzen. Wir rühmen uns unserer Emancipation von manchem Aberglauben, aber wenn wir unsere Götzenbilder wirklich zerbrochen haben, so war es nur, um einen neuen Götzendienst einzuführen. Was hab‘ ich damit gewonnen, daß ich Jupiter oder Neptun keinen Stier, der Hekate keine Maus mehr opfere, daß ich nicht mehr vor den Rachegöttinnen zittere noch auch vor dem Fegefeuer der Katholiken oder dem Jüngsten Gericht der Calviner – wenn ich vor der Meinung zittere, der sogenannten »öffentlichen Meinung«, oder vor der Gefahr eines Einbruchs, eines Schimpfes, vor bösen Nachbarn oder vor der Armut, vor Verstümmlung, oder vor dem Lärm von Revolution und Mord? Wenn ich zittere, ist es nicht ganz gleichgiltig, wovor ich zittere? Unser eigenes Laster nimmt je nach dem Geschlecht, Alter oder Temperament die eine oder die andere Form an, und wenn wir für Furcht zugänglich sind, werden wir unsere Schreckgespenster leicht finden. Die Habgier und Bosheit, die mich verstimmt, und die ich der menschlichen Gesellschaft zuschreibe, ist meine eigene. Ich bin immer von mir selbst umgeben. Auf der anderen Seite ist die Gradheit ein beständiger Sieg, der nicht mit Freudengeschrei gefeiert wird, sondern durch Heiterkeit, die gleichsam fixierte, zur Gewohnheit gewordene Freude ist. Es ist unvornehm, stets nach dem Erfolg als der Bestätigung unseres Wertes und unserer Wahrheit zu fragen. Der Kapitalist läuft nicht allstündlich zum Banquier, um seinen Gewinn in gangbare Münze umzusetzen; es genügt ihm, aus den Marktberichten die Vergrößerung seiner Fonds zu entnehmen. Dasselbe Entzücken, welches das Eintreffen der glücklichsten Ereignisse in der glücklichsten Aufeinanderfolge mir bereiten würde, kann ich in einer reineren Weise durch die Erkenntnis genießen, daß meine Lage allstündlich eine bessere wird, und daß ich bereits Herr über die Ereignisse bin, welche ich wünsche. Dieses Triumphgefühl kann nur noch durch die Voraussicht eines so herrlichen Zustandes gebändigt werden, daß all unser Glück und Erfolg durch ihn in den tiefsten Schatten gestellt werden.

Das Gesicht, das die Persönlichkeit in meinen Augen annimmt, ist Selbstgenügsamkeit. Ich verehre den Menschen, der Reichtum ist, den ich mir allein oder arm oder verbannt oder unglücklich oder als Klienten gar nicht vorstellen kann, den ich mir stets nur als Patron, Wohlthäter und glückseligen Menschen denken muß. Persönlichkeit bedeutet Centralität, die Unmöglichkeit aus seiner Stelle gerückt oder gestürzt zu werden. Ein Mann muß uns den Eindruck einer Masse machen. Die Gesellschaft ist frivol und verschnitzelt ihren Tag zu Läppereien, ihre Konversation zu Ceremonien und Ausflüchten. Wenn ich aber einen genialen Menschen zu sehen bekomme, werd‘ ich mich nur ärmlich bewirtet glauben, wenn er mir nur ein flüchtiges Wohlwollen und Etiquettestückchen vorsetzt; lieber wär‘ mir, er stünde stämmig auf seinem Platz und ließe mich wenigstens seinen Widerstand fühlen und erkennen, daß ich hier einer neuen und positiven Eigenschaft gegenüberstehe – eine große Erfrischung für uns beide. Es ist schon viel wert, wenn er nur die konventionellen Ansichten und Bräuche nicht acceptiert. Seine Nonkonformität wird ein Stachel und ein Memento bleiben, und jeder neue Ankömmling wird vor allem zu ihm Stellung nehmen müssen. Es giebt nichts reales und fruchtbares, was nicht zugleich ein Kriegsschauplatz wäre. Unsere Häuser hallen von Gelächter, von persönlichem und kritischem Klatsche, aber das hilft wenig. Der ungefügige, widerspenstige Mann, der ein Problem und eine Gefahr für die Gesellschaft ist, den sie nicht mit Schweigen übergehen kann, sondern entweder hassen oder vergöttern muß – mit dem alle Parteien sich verwandt fühlen, sowohl die Führer des Tages als die Unbekannten und Originalitätssüchtigen – der hilft; er bringt Amerika und Europa ins Unrecht und zerstört den Skepticismus, der da behauptet: »der Mensch ist eine Puppe, laßt uns essen und trinken, es ist noch das beste, was wir thun können«, denn er lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf Unbekanntes und Nieversuchtes hin. Ergebenheit in den gegenwärtigen Zustand und steter Appell ans Publikum beweisen einen schwachen Glauben und einen unklaren Kopf, der ein Haus gebaut sehen muß, wenn er den Plan begreifen soll. Der Weise läßt bei seinen Gedanken nicht allein die Menge unberücksichtigt, sondern auch die Wenigen. Die Menschen, welche Quellen sind, die aus sich selbst Bewegten, in sich Versunkenen, welche gebieren, weil ihnen geboten ward, die Sicheren, die Ursprünglichen – die sind gut; denn sie verkünden die unmittelbare Gegenwart der höchsten Macht.

Unser Thun muß mit mathematischer Genauigkeit auf unserem Wesen beruhen. In der Natur giebt es keine falschen Schätzungen. Ein Pfund Wasser im Meeressturm ist nicht schwerer als im Sommerteich. Alle Dinge in der Welt wirken in genauem Verhältnis zu ihrer Qualität und Quantität; keines versucht etwas, was es nicht leisten kann, ausgenommen der Mensch: er allein in der Welt ist anmaßend, nur er wünscht und versucht Dinge, die über seine Kräfte sind. Ich las einmal in einem englischen Memoirenwerke: »Mr. Fox (nachmals Lord Holland) sagte, er müsse Schatzminister werden, er habe zu diesem Portefeuille hinauf gedient, und er werde es auch bekommen.« – Xenophon und seine Zehntausend waren dem, was sie unternahmen, völlig gewachsen und führten es auch durch; so gewachsen, daß sie gar nicht ahnten, daß sie da eine großartige und unnachahmliche Leistung vollbrachten. Und ihre That steht da, unwiederholt, ein Hochwasserzeichen in der Kriegsgeschichte. Viele haben seither das Gleiche versucht und sind der Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Nur auf Realität läßt thatkräftiges Thun sich basieren. Keine Institution kann besser sein als der, der sie geschaffen. Ich kannte einen liebenswürdigen und gebildeten Herrn, der es unternahm, eine praktische Reform durchzuführen, aber nie konnte ich das Liebeswerk, das er in seine Hände nahm, in ihm selbst entdecken. Es kam ihm durchs Ohr, er nahm’s mit dem Verstande auf, aus den Büchern, die er gelesen hatte. All sein Thun war ein Experimentieren, ein Stück Stadt ins Feld hinausgetragen, und blieb ein Stück Stadt, es war kein Novum und konnte keinen Enthusiasmus hervorrufen. Hätte in dem Manne etwas gesteckt, ein furchtbarer verborgener Geist, der sein Benehmen aufgeregt und verwirrt hätte, wir hätten seines Advents geharrt. Es genügt nicht, daß der Verstand die Übel und ihre Heilmittel erkenne. Wir werden unsere Existenz stets hinausschieben müssen und den Boden, auf den wir ein Anrecht haben, nicht betreten, so lange es nur ein Gedanke ist, der uns treibt, und nicht der Geist. Wir haben »noch nicht so weit hinaufgedient.«

Dies sind Eigentümlichkeiten des Lebens; ein anderer Zug ist ein unaufhörliches Wachstum. Die Menschen sollen klug und ernst sein, aber sie müssen auch in uns das Gefühl erwecken, daß sie eine glückliche Zukunft als eine Kontrolle ihres Wertes vor sich haben, die ihren Glanz bereits auf die fliehende Stunde wirft. Der Held wird stets mißverstanden, und immer cirkulieren falsche Gerüchte über ihn; er aber kann sich nicht damit aufhalten, die Mißgriffe der Leute zu entwirren; er ist schon wieder unterwegs und erwirbt neue Macht und neue Ehren und neue Rechte auf euer Herz, die euch bankrott machen werden, wenn ihr an den alten Geschichten herumhaspelt, und nicht durch die Vermehrung eures eigenen Reichtums mit ihm Schritt gehalten habt. Neue Thaten sind die einzigen Entschuldigungen und Erklärungen, die ein vornehmer Geist geben und annehmen kann. Wenn dein Freund dein Mißfallen erregt hat, dann setze dich nicht nieder, um darüber nachzudenken, denn er hat es schon längst völlig vergessen, hat seine Mittel, dir zu dienen, verdoppelt und wird dich, ehe du dich wieder erhebst, mit Wohlthaten überhäufen.

Ein Wohlwollen, das nur nach seinen Werken gemessen werden kann, macht uns wenig Freude. Die Liebe ist unerschöpflich und vermag noch zu trösten und zu bereichern, wenn ihr Gut verzehrt und ihre Speicher geleert sind; wenn der Mann schläft, scheint noch die Luft um ihn reiner zu werden und sein Haus die Landschaft zu schmücken und die Gesetze zu kräftigen. Das Volk erkennt diesen Unterschied immer. Wir wissen, wer wohlthätig ist, auf ganz anderem Weg als aus den Subskriptionsbeträgen der Suppengesellschaften. Es sind geringe Verdienste, die sich aufzählen lassen. Fürchte dich, wenn deine Freunde dir sagen, was du gut gemacht hast, und es dir aufzählen können! Aber wenn sie dir mit einem gewissen unsicheren Blick aus dem Wege gehen, der halb Respekt und halb Mißfallen bedeutet, wenn sie ihr endgiltiges Urteil auf Jahre hinausschieben müssen, dann magst du Hoffnung schöpfen! Diejenigen, die für die Zukunft leben, müssen denen, die für die Gegenwart leben, immer selbstsüchtig erscheinen. Es war komisch von dem guten Riemer, der Erinnerungen an Goethe herausgegeben hat, daß er ein Verzeichnis der Schenkungen und guten Werke Goethes verfaßte, wie »so viel hundert Thaler an Stilling, an Hegel, an Tischbein gegeben; ein einträglicher Posten dem Professor Voß verschafft, ein anderer beim Großherzog für Herder, eine Pension für Meyer, zwei Professoren an ausländische Universitäten empfohlen u. s. w.« Die längste Liste specificierter Wohlthaten würde sich da sehr kurz ausnehmen. Ein Mensch ist ein armes Geschöpf, wenn er sich so abmessen lassen muß. Denn das sind lauter Ausnahmshandlungen, Wohlthun aber ist für den guten Menschen Regel und tägliches Leben. Die wahre Wohlthätigkeit Goethes ist aus dem zu entnehmen, was er selbst dem Doktor Eckermann über die Verwendung seines Vermögens sagte: »Jedes Bonmot, das ich sage, kostet mir eine Börse voll Gold; eine halbe Million meines Privatvermögens ist durch meine Hände gegangen, um das zu lernen, was ich jetzt weiß, nicht allein das ganze Vermögen meines Vaters, sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes litterarisches Einkommen seit mehr als fünfzig Jahren. Außerdem habe ich etc.«

Es ist nur armseliges Geschwätz und Klatsch, Züge dieser einfachen, rapid wirkenden Kraft aufzuzählen, es ist als wollten wir den Blitz mit einer Kohle zeichnen; aber in diesen langen Nächten und öden Zeitläuften lieben wir, uns mit solchen Anekdoten zu trösten. Aber sie kann nur durch sich selbst dargestellt werden. Ein Wort, das warm vom Herzen kommt, bereichert mich. Ich ergebe mich auf Gnade und Ungnade. Wie totenkalt erscheint alles schriftstellerische Genie vor diesem Feuer des Lebens! Das sind Berührungen, die meine erschlaffte Seele neu beleben und ihr Augen verleihen, bis ins Dunkel der Natur zu schauen. Ich erkenne, daß ich dort, wo ich mich arm glaubte, am reichsten war. Und daraus entspringt eine neue geistige Erhebung, die ihrerseits wieder von einer neuen Offenbarung der Persönlichkeit verdrängt wird. Seltsamer Wechsel von Anziehung und Abstoßung! Die Persönlichkeit lehnt die geistige Begabung ab und regt sie doch an; und so setzt sich alle Persönlichkeit in Gedanken um, tritt als solche in die Öffentlichkeit, um dann wieder vor neuen Strahlen sittlichen Wertes beschämt den Platz zu räumen.

Persönlichkeit ist Natur in ihrer höchsten Form. Es ist ganz nutzlos, sie nachzuäffen oder gegen sie anzukämpfen. Es ist ihr ein Maß von Widerstandskraft, Ausdauer und schöpferischer Kraft eigen, die jeden Wettstreit unmöglich macht.

Und dieses Meisterstück ist dort am vollkommensten, wo keine anderen Hände als die der Natur daran gelegt wurden. Es ist dafür Sorge getragen, daß die zu Großem Bestimmten im Schatten ins Leben gleiten, ohne daß ein tausendäugiges Athen jeden neuen Gedanken, jede errötende Bewegung des jungen Genies bewache und ausposaune. Zwei Personen – ganz junge Kinder des höchsten Gottes – haben mir jüngst manches zu denken gegeben. Als ich der Quelle ihrer Heiligkeit und des Zaubers, den sie auf die Phantasie ausübten, nachforschte, da schien es, als ob jeder von beiden antwortete: »Das verdanke ich meiner Nonkonformität; ich habe nie auf das Gesetz der Leute, noch auf das, was sie ihr Evangelium nennen, geachtet; ich begnügte mich mit der einfachen ländlichen Armut, die mir eigen war: daher meine Anmut; mein Werk erinnert dich nicht an das eine und ist rein vom anderen.« Durch solche Menschen beweist mir die Natur, daß sie sich selbst in unserem demokratischen Amerika nicht demokratisieren läßt. Wie in einem Kloster, ängstlich behütet vor dem Markt und seinem schamlosen Treiben, zieht sie ihre Lieblinge auf! Erst heute morgen sendete ich einige Schriften fort, die wie wilde Blumen dieser Waldgötter waren. Wie trostreich erhoben sie sich aus unserer Litteratur, – diese frischen Züge aus den Quellen des Gedankens und des Gefühls, wie wenn wir in der Zeit des Schliffes und der Kritik die ersten ältesten Zeilen lesen, die in einer Nation in Vers oder Prosa niedergeschrieben werden. Wie anziehend ist ihre Verehrung für ihre Lieblingsbücher, sei es nun Aeschylus, Dante, Shakespeare oder Scott, gerade als ob sie selbst Anteil an dem Buche hätten, und wer es angreift, sie mit angreifen würde; – und vor allem ihre völlige Abgeschlossenheit von aller Kritik, das Patmos der Gedanken, von dem aus sie schreiben, in völliger Unbewußtheit und Unabhängigkeit von den Augen, die jemals ihre Bücher lesen werden. Könnten sie so weiter träumen wie Engel, ohne je zu Vergleichungen und zur Schmeichelei zu erwachen! Und doch, einige Naturen sind zu gut, als daß Lob sie verderben könnte; und wo die Ader des Gedankens bis ins Tiefe reicht, da ist von der Eitelkeit keine Gefahr zu befürchten. Feierliche Freunde werden sie vor der Gefahr warnen, sich ihre Köpfe durch die Posaunenstöße verdrehen zu lassen, aber sie können dazu lächeln. Ich erinnere mich der Empörung eines beredten Methodisten, als ein Doktor der Gottesgelehrtheit ihn gütig mahnte: »Mein Freund, ein Mann kann weder gelobt noch beschimpft werden.« Aber vergebt denen, die euch gute Ratschläge erteilen, sie sind ja so natürlich. Ich erinnere mich, daß der erste Gedanke, der mich erfaßte, als einige bedeutende ausländische Geistliche nach Amerika kamen, war: »Seid ihr wohl als Opfer hierher gebracht worden?« oder antwortet mir vielmehr erst auf die Frage: »Laßt ihr euch überhaupt als Opferlämmer behandeln?«

Wie ich es bereits gesagt, hält die Natur diese Souveränitäten in ihrer eigenen Hand, und wie gewandt und dreist unsere Predigten und Erziehungsmethoden sich einen Anteil daran zuschreiben möchten, wie oft sie auch lehren mögen, daß die Gesetze es sind, die den Bürger heranbilden, – sie geht ihren eigenen Gang und spottet der Weisesten und ihrer Lehren. Sie legt auf alle Evangelien und Propheten einen geringen Wert, wie jemand, der noch eine ganze Menge solcher vorrätig hat und auf keinen zuviel Zeit verwenden kann. Es giebt eine Klasse von Menschen, Individuen, die in langen Zeitabschnitten erscheinen und in so eminenter Weise mit Einsicht und Tugend begabt sind, daß sie einstimmig als göttlich begrüßt worden sind, und die uns gleichsam als eine Quintessenz der Kraft, von der wir sprechen, erscheinen müssen. Göttliche Personen sind geborene Persönlichkeit, oder um einen Ausdruck Napoleons zu gebrauchen, organisierter Sieg. Sie werden gewöhnlich mit Übelwollen empfangen, weil sie neu sind und weil sie der Übertreibung ein Ende machen, welche mit der Persönlichkeit der letzten göttlichen Person ins Werk gesetzt wird. Die Natur reimt ihre Kinder niemals, noch schafft sie je zwei völlig gleiche Menschen. Wenn wir einen großen Mann sehen, bilden wir uns ein, eine Ähnlichkeit mit irgend einer historischen Person zu entdecken, und prophezeien die Zukunft, die seinem Charakter und seinem Schicksal beschieden ist – eine Prophezeiung, die niemals eintrifft. Kein solcher wird je das Problem seiner Persönlichkeit nach unseren Vorurteilen lösen, sondern nur auf seinem eigenen hohen, unbetretenen Pfade. Persönlichkeit braucht Spielraum; läßt sich nicht von den Leuten umdrängen, noch nach flüchtigen im Drange der Geschäfte oder bei wenigen Gelegenheiten erhaschten Blicken beurteilen. Wie ein großes Gebäude, bedarf auch jede Persönlichkeit der Perspektive. Vielleicht, ja wahrscheinlich, bildet sie ihre Beziehungen nicht so rasch; und wir dürfen daher auch keine rasche Erklärung ihres Wirkens weder nach den Maßen der volkstümlichen Ethik noch nach unserer eigenen verlangen.

Ich betrachte die Skulptur nicht anders als die Geschichte. Ich glaube nicht, daß Zeus und Apollo in Fleisch und Blut unmöglich sind. Jeden Zug, den der Künstler im Steine überliefert, hat er im Leben gesehen und besser als auf seinem Bilde. Wir haben viel Nachahmungen gesehen, aber der Glaube an große Männer ist uns angeboren. Wie freudig lesen wir in alten Büchern, aus der Zeit, da die Menschen noch wenige waren, von den unbedeutendsten Handlungen der Patriarchen. Es freut uns, wenn ein Mensch eine so mächtige und säulenhafte Erscheinung in der Landschaft bildet, daß es der Mühe wert scheint, zu berichten, wie er sich erhob und sich die Lenden gürtete und nach diesem oder jenem Orte ausbrach. Die glaubwürdigsten Bilder sind für uns jene majestätischer Menschen, die schon bei ihrem Eintritt siegten und die Sinne überwältigten, wie es dem Magier des Ostens geschah, der ausgesandt wurde, die Verdienste Zertuschts oder Zoroasters zu prüfen. Als der Yunani-Weise in Balkh anlangte, erzählen die Perser, da bestimmte Gushtasp einen Tag, an welchem die Mobeds aus jedem Lande sich versammeln sollten, und ein goldener Stuhl wurde für den Weisen der Yunani aufgestellt. Und nun trat der geliebte Yezdam, der Prophet Zertuscht, in die Mitte der Versammlung. Als der Yunani-Weise diesen Häuptling erblickte, sagte er: »Diese Gestalt und dieser Gang können nicht lügen, und nichts als Wahrheit kann von ihnen ausgehen.« Plato sagte, es sei unmöglich, an die Kinder der Götter nicht zu glauben, »und wenn sie auch ohne wahrscheinliche oder zwingende Beweisgründe sprechen sollten.« Ich würde mich sehr unglücklich unter meinen Gefährten fühlen, wenn ich das Beste in der Weltgeschichte nicht glauben dürfte. »John Bradshaw,« sagt Milton, »gleicht einem Konsul, der die Fasces nicht am Ende des einen Jahres abgeben muß; und nicht nur auf dem Tribunal, sondern sein ganzes Leben hindurch scheint er über Königen zu Gericht zu sitzen.« Ich finde es glaublicher, insbesondere da es sich hier um ein aphoristisches Wissen handelt, daß ein Mensch, wie die Chinesen sagen, den Himmel kenne, als daß so viele die Welt kennen sollen. »Der tugendhafte Fürst tritt selbst vor die Götter ohne Bedenken. Er wartet hundert Jahre auf die Ankunft eines Weisen und zweifelt nicht. Wer aber den Göttern ohne Furcht entgegentritt, der kennt den Himmel, und wer hundert Jahre der Ankunft eines Weisen harrt, ohne zu zweifeln, der kennt die Menschen. So handelt der tugendhafte Fürst und weist der Herrschaft auf Jahrhunderte den Weg.« Aber wir brauchen nicht nach so fern liegenden Beispielen zu greifen. Der ist ein schlechter Beobachter, den seine Erfahrung noch nicht die Wirklichkeit und Gewalt dieses Zaubers so gut wie die der Chemie gelehrt hat. Der kälteste Rechner kann nicht ausgehen, ohne unerklärlichen Einflüssen zu begegnen. Es kommt ein Mensch und heftet sein Auge auf ihn, und die Gräber der Erinnerung öffnen sich und senden ihre Toten herauf; Geheimnisse, die ihn elend machen, mag er sie bewahren oder verraten, muß er kund thun; es kommt ein anderer, und er kann nicht sprechen, die Gebeine seines Körpers scheinen aus den Gelenken zu weichen; der Eintritt eines Freundes giebt ihm Grazie, Beredsamkeit und Mut; und es giebt Leute, an die er sich erinnern muß, die seinen Gedanken eine überwältigende Weite gaben und ein neues Leben in seiner Brust entfachten.

Was ist so herrlich wie eine enge Freundschaft, wenn sie aus solch tiefer Wurzel entspringt? Keine Antwort, die den Skeptiker so völlig schlägt, der die Kräfte und Begabung der Menschen in Zweifel zieht, wie die Möglichkeit dieses frohen Verkehrs mit anderen Menschen, der das Fundament des Glaubens und die glücklichste Zeitverwendung aller vernünftigen Menschen ist. Ich weiß nichts Befriedigenderes, was das Leben zu bieten hätte, als das tiefe freundliche Verständnis, das nach dem Austausch vieler guter Dienste zwischen zwei tüchtigen Menschen bestehen kann, deren jeder seiner selbst und seines Freundes sicher ist. Es ist das eine Seligkeit, hinter welcher jeder andere Genuß zurücktreten muß, neben der Politik, Handel und Kirche billig und unbedeutend erscheinen. Denn wenn Menschen einander begegnen, wie sie es sollen, jeder ein Wohlthäter, jeder ein Sternenschauer, in Gedanken, Thaten, Vorzüge wie in ein Kleid gehüllt, da sollte die ganze Natur einen Festtag feiern und allen Dingen das freudige Ereignis laut verkünden. Von solcher Freundschaft ist die Liebe der Geschlechter das höchste Symbol, sowie alle anderen Dinge Symbole der Liebe sind. Diese Beziehungen zu den besten Menschen, die wir einst für romantische Jugendschwärmereien hielten, werden für entwickelte Persönlichkeiten der ernsteste Genuß.

Wenn es doch möglich wäre, in den richtigen Beziehungen mit den Menschen zu leben! – wenn wir uns nur jeder Forderung an sie enthalten könnten, wenn wir aufhören könnten, ihr Lob, ihre Hilfe, ihr Mitleid zu verlangen, sondern uns damit begnügen würden, durch die Kraft der ältesten Gesetze auf sie zu wirken! Könnten wir nicht wenigstens mit einigen wenigen Personen, mit einer einzigen, nach den ungeschriebenen Statuten verkehren und die Wirksamkeit derselben versuchen? Könnten wir unserem Freunde nicht das Kompliment der Wahrhaftigkeit, des Schweigens und der Geduld machen? Müssen wir ihm denn so eifrig nachgehen? Wenn wir verwandt sind, werden wir einander begegnen. Es war ein Glaube der Alten, daß keine Metamorphose einen Gott vor einem Gott verbergen könne; und es giebt einen griechischen Vers, der folgenden Wortlaut hat:

»Die Götter sind einander nicht verborgen.«

Die Freundschaft folgt gleichfalls den Gesetzen göttlicher Notwendigkeit, zwei Menschen gravitieren gegeneinander, weil sie nicht anders können:

»Und, wenn sie einander meiden,
Mehren sie der Liebe Freuden.«

Ihr Verhältnis ist kein gemachtes, sondern ein gestattetes. Die Götter werden sich ohne Ceremonienmeister in unserem Olymp niederlassen und sich nach ihrer eigenen göttlichen Rangordnung einzurichten wissen. Alle Geselligkeit wird verdorben, wenn man sich um sie Mühe giebt, wenn man die Leute eine Meile weit zusammentreibt. Und wenn sich keine Geselligkeit ergiebt, dann entsteht ein ärgerliches, niedriges, entwürdigendes Geklapper, und wenn die besten zusammengekommen wären. Alle Größe eines jeden wird zurückgedrängt, und jede Schwäche der Einzelnen zur peinlichsten Aktivität gereizt, als ob die Olympier zusammengekommen wären, um einander Schnupftabak anzubieten.

Hals über Kopf geht das Leben dahin. Entweder wir jagen irgend einem fliehenden Schemen nach, oder wir werden von einer Furcht oder einem Befehle hinter uns gejagt. Aber wenn wir plötzlich einem Freunde begegnen, halten wir inne; unsere Hast und Hitze sieht nun thöricht genug aus; Ruhe und Besitz sind es jetzt, die wir uns wünschen, und die Kraft, dem Augenblick aus den Tiefen unseres Herzens Dauer zu verleihen. In allen edleren Verhältnissen ist der Augenblick alles.

Ein göttlicher Mensch ist die Prophezeiung des Geistes, ein Freund die Hoffnung des Herzens. Unsere Seligkeit wartet auf den Augenblick, wo die Erfüllung beider in ein und derselben Person eintreten wird. Und die Jahrhunderte bilden nur die Eröffnungsfeier für diese erwartete Kraft. Alle Kraft, die wir kennen, ist der Schatten oder das Symbol jener, die kommen soll. Alle Poesie hat Fröhlichkeit und Wirkung, soweit sie von daher ihre Inspiration erhält. Die Menschen schreiben ihre Namen in die Welt, nachdem sie mit ihr erfüllt sind. Die Weltgeschichte ist bisher ärmlich gewesen; unsere Nationen waren Pöbel, einen Mann haben wir noch nicht gesehen: Wir kennen diese göttliche Gestalt noch nicht, wir kennen nur Träume von ihr und Prophezeiungen; wir kennen seine majestätische Weise nicht, die jeden Beschauer beschwichtigen und erheben wird. Wir werden eines Tages sehen, daß die eigenste, intimste Energie die allgemeinste ist, daß Qualität die Quantität ersetzt, und daß Charaktergröße im Dunkeln schafft und jenen zu Hilfe kommt, die sie nie geschaut haben. Alle Größe, die uns bis jetzt erschienen, bedeutete nur Anfänge und Ermutigungen auf dem Wege dahin. Die Geschichte der Götter und Heiligen, die die Welt geschrieben und dann angebetet hat, besteht aus Dokumenten der Persönlichkeit. Die Jahrhunderte jubeln in der Erinnerung an die Weise eines Jünglings, der nichts dem Glücke verdankte, der auf dem Richtplatz seiner Nation ans Kreuz geschlagen wurde und der durch die Reinheit seines Wesens die Ereignisse, die seinen Tod begleiteten, mit einem epischen Glanze übergoß, sodaß jede Einzelheit in den Augen der Menschheit zu einem weltbedeutenden Symbol transfiguriert wurde. Aber der Geist verlangt einen Sieg über die Sinne, eine Macht der Persönlichkeit, die Richter, Geschworene, Krieger und König überwältigt, die die Kraft des Tier- und Mineralreiches beherrscht und mit dem Lauf der Pflanzensäfte, der Ströme, der Winde, der Sterne und der sittlichen Kräfte eins wird.

Wenn wir uns zu diesen Hoheiten nicht mit einemmal erheben können, so laßt uns wenigstens ihnen huldigen. In der Gesellschaft bringen sie dem, der sie besitzt, hohe Vorteile, aber auch Nachteile. Um so vorsichtiger müssen wir in unseren Urteilen sein. Ich kann es meinem Freunde nicht vergeben, wenn er eine herrliche Persönlichkeit kennt, ohne ihr mit dankbarer Gastlichkeit zu begegnen. Wenn endlich das, wonach wir uns so lange sehnten, erscheint und uns mit seinen frohen Strahlen Licht aus jenen fernen Himmeln bringt – da roh zu sein, da zu kritteln und solchem Gast mit dem Klatsche und Argwohn der Straße zu begegnen, verrät eine Gemeinheit, die die Pforten des Himmels zu verschließen scheint. Das ist Wirrnis, das ist der wahre Wahnsinn, wenn die Geister ihr Eigenstes nicht mehr erkennen und nicht wissen, wo sie ihre Huldigung, ihre Andacht darzubringen haben. Giebt es denn noch eine andere Religion als die, zu wissen, daß, wo immer in der weiten Wüste des Daseins, das heilige Gefühl, daß wir lieben, eine Blüte getrieben hat, sie für mich blüht? Wenn niemand das erkennt, ich erkenne es, ich erfasse, und wenn ich der einzige wäre, die Größe des Ereignisses. So lang‘ die Blume blüht, will ich den Sabbath feiern und die Zeit für eine heilige halten und meinen Unmut sowie meine Narrheit und meine Scherze unterbrechen. Die Natur ist befriedigt, wenn dieser Gast erscheint. Es giebt viele Augen, die die klugen und nützlichen Eigenschaften zu entdecken und zu ehren wissen, es giebt viele, die das Genie auf seiner Sternenbahn zu erkennen vermögen, obgleich der Pöbel auch dies nicht imstande ist; aber wenn jene Liebe, die alles duldet, allem entsagt und alles hofft, und die eher ein Thor und Bettler in dieser Welt sein will, als ihre weißen Hände durch die geringsten Konzessionen beflecken, in unsere Straßen und Häuser kommt, – da können nur die Hochstrebenden und Reinen ihr Antlitz erkennen, und die einzige Huldigung, die sie ihr anzubieten haben, ist, sie sich zu eigen zu machen.   – Auswahl: Peter Jensen.

Gedanken über Glück – Nur Meinereiner – Leseprobe

Gedanken über GLÜCK 

Nur Meinereiner - Essays- Moonhouse-Verlag Foto: Privat
Nur Meinereiner – Essays- Moonhouse-Verlag
Foto: Privat

Wozu taugt der Glücksbegriff nur überhaupt? Vielleicht zur Beschreibung angenehmer und überraschender Zufälle, zur Formulierung von Lebenszielen und Handlungsmaximen, zur Charakterisierung von Lebensmomenten, Lebensabschnitten oder doch ganzer Leben?Weiterlesen

„Schreiben ist für mich meist eine Art von Selbstgespräch“ – Nur Meinereiner

Der Autor "Nur Meinereiner" - Foto: Privat
Der Autor „Nur Meinereiner“ – Foto: Privat

Im Interview mit dem Autor, der unter Nur Meinereiner die Essay-Sammlung Nur Meinereiner’s Gedanken herausgebracht hat, verriet er, woher er die Inspiration seine Momentaufnahmen zieht, welche Philosophie hinter seinem Buch steckt und wie er seine Leser zum Nachdenken bringen möchte. Zur Leseprobe.

Dein Pseudonym „Nur Meinereiner“ ist zugegebenermaßen etwas ungewöhnlich, wenn man es zum ersten Mal hört. Aus welchem Grund hast du es gewählt?
Meinereiner ist ein wunderbarer altösterreichischer Ausdruck aus der K&K-Zeit und bedeutet „für einen selbst“. Er kam zum Beispiel im Film „Hallo Dienstmann“ mit Hans Moser vor und er gefiel mir sofort. Das „Nur“ davor sollte dies auch noch betonen.

Wann hast du angefangen zu schreiben und gab es einen bestimmten Auslöser dafür?
So genau kann ich das eigentlich nicht konkretisieren. Ich habe schon immer Essays für mich selbst geschrieben, um Schicksalsschläge zu verarbeiten. Einer sehr lieben Freundin und bekannten Schauspielerin gab ich diese Essays zu lesen und bat sie um ihre Meinung. Anscheinend sehr beeindruckt, riet sie mir zu publizieren. Zunächst natürlich nur im kleinen Rahmen. 

Nur Meinereiner - Essays- Moonhouse-Verlag Foto: Privat
Nur Meinereiner – Essays- Moonhouse-Verlag
Foto: Privat

Erzähle mir ein wenig von deiner neuen Buchpublikation, die es nun als e-Book und Druckversion zu kaufen gibt.
Na ja, im Grunde ist es ein Auszug meiner Gedankenwelt. Es geht um Empfindungen, um Augenblicke und das Leben.

Es ist beabsichtigt, auf originelle Weise und in einfacher Sprache die wesentlichen Aspekte des Lebens darzulegen. Denkanstöße zu liefern. Es gefällt mir, ein Bild zu liefern, ob im einzelnen richtig oder falsch, zuträglich oder verwirrend, klar oder konfliktgeladen, einfach welch Wesen wir sind. Weshalb es auch in Frage gestellt werden kann oder auch soll.

Jeder Mensch hat Hobbys – welche sind deine? Neben dem Schreiben, natürlich.
Als ehemaliger Skirennläufer natürlich das Skifahren. Aber auch an der europäischen Geschichte samt seiner Architektur bin ich sehr interessiert. Eigentlich ist es die Baukunst, die Arbeitsweise sowie die Handwerkskunst, die mich fasziniert und die ich gerne hinterfrage.

Hattest du schon eine bestimmte Zielgruppe im Kopf, als du geschrieben hast, und welche sollte das sein?
Nein, ehrlich gesagt nicht. Denn Schreiben ist für mich meist eine Art von Selbstgespräch, von der ich mir erhoffe, dass sie jemand belauschen mag. Und wenn ich gelesen werde, dann bin ich nicht mehr allein.

Wenn du dein Buch in drei Sätzen beschreiben müsstest, wie würde das klingen?
Ich möchte es mit drei Wörtern beschreiben: Herz, Hirn und Bauch.

Hast du weitere Ideen und Pläne als Autor in naher Zukunft?
Derzeit ist es so, dass ich an zwei Romanen gleichzeitig arbeite. Unterschiedliche Thematiken, an denen ich abwechselnd schreibe. Das ist sehr spannend für mich.

Außerdem halte ich kabarettistische Lesungen, oftmals verbunden mit Vernissagen. Das ist für mich sozusagen ein Ausgleich für meine Gedankenwelt. Übrigens ein neues Programm ist in Arbeit.

Self-Publishing, Verlag oder Agentur – immer eine schwere Entscheidung für einen Autoren. Warum hast du dich letztendlich für einen und deinen Verlag entschieden?
Es kam so, dass der Verlag auf mich zukam und darüber war ich sehr froh. So konnte ich mich schon auf die nächsten Projekte vorbereiten und dafür recherchieren. Außerdem waren die Leseabende sehr zahlreich im letzten Jahr. So kam es erst gar nicht zu einer Entscheidung.

Welche Ideale und Prinzipien sind dir im Leben am wichtigsten und warum?
Ideale sind Wahrheiten. Und an den Wahrheiten bin ich versucht, ihnen näher zu kommen.

Schritt für Schritt, und eines Tages, so hoffe ich, bin ich dann dort, um aus meinem Ich jedes Du sein zu können. Dies ist für mich erachtenswert.

Nur Meinereiner als Leser – welche sind deine Lieblingsbücher und Autoren, die dich eventuell sogar für dein eigenes Werk inspirieren?
Als Leser primär natürlich das eigene Geschriebene. Da geht es um meine Seelenflügel, die ich redigieren und lektorieren muss, bis zu dem Zeitpunkt, wo ich sie freigebe.

Das Leben an sich inspiriert mich so. Das sind Begebenheiten, Augenblicke und zwischenmenschliche Situationen und Menschen.
Und wenn noch Zeit bleibt, Fachliteratur, abhängig von den jeweiligen momentanen Interessen, wo ich Antworten suche.

Welche Vermarktungsstrategien nimmst du selbst in die Hand (z.B. Lesungen, soziale Medien, Flyer …) ?
Vermarktungsstrategien, die ich selbst in die Hand nehme und in meinem Einfluss stehen, sind die Lesungen, die ich abhalte, die Mundpropaganda und das soziale Netzwerk. 

Zuletzt: Wenn du selbst eine Buchfigur sein könntest, welche wäre das?
Bei einem der gerade in Arbeit befindlichen Romane, bin ich selbst eine Figur darin. Mehr sei da nicht verraten. Ansonsten, gebe es da eine Reihe von Figuren in denen die Identifikation in Moralität und Loyalität stimmig ist.

Interview: Katherina Ibeling

Weitere Informationen zu „Nur Meinereiner’s Gedanken“ unter: HYPERLINK  .

DE PROFUNDIS – Ein Essay von Walther Rathenau (aus 1920)

Ein Mensch spricht:
Ich bete.
Warum bete ich?
Ich will danken, preisen, verströmen. Ich will. Ich muss.
Ist das wahr?
Ja, es ist wahr.
Nein, es ist nicht wahr. Ich will mehr.
Was will ich?
Ich will Leidesende. Ich will Glück, ich will Seligkeit.
Also kaufen will ich, werben will ich, bitten will ich, betteln will ich.

Was heißt das? Vorteil um leichte Mühe. Vorteil vor wem? Vor anderen, die ehrlicher und stolzer sind. Vorteil von wem? Von Mächten, die sich bereden, beschwatzen, bebetteln lassen.
Also bete ich aus Neid, aus Gier, aus Unehrlichkeit. Und solches Gebet soll erhört werden — darf erhört werden?
Ach, es ist wahr: selig sind die geistig Armen. Sie kennen den Zweifel nicht. Sie sind Kinder, man fragt nicht, man erhört sie. Doch ich bin nicht geistig arm. Ich will geistig arm sein. Ich will alles Wissen und Denken abtun. Ich will vergessen.
Ach! je heißer ich will, desto kälter empfinde ich, dass ich nicht geistig arm bin. Dass ich mich immer weiter von geistiger Armut entferne, dass ich den letzten Flaum der Naivität verliere. Weil ich mich ans Heil klammere, deshalb entgleitet mir das Heil.Weiterlesen