Schlagwort: Deutschland

Was zur Wahl steht oder auch nicht

Wie stolz waren wir auf unsere Individualität. Ein jeder fläzte sich in seine Ecke hinein und war eine Welt für sich, die nur von ihm selbst verstanden wurde, die eigensinnig ihre eigene Bahn ging, den Andern fern und jedenfalls anders als die Andern.

Eduard Graf von Keyserling, | Gemälde von Lovis Corinth | Neue Pinakothek, München | 1900

Wir schlossen uns voneinander ab. Was wusste der Handwerker von dem Akademiker, der Landwirt vom Beamten, der Künstler vom Bundeswehrsoldaten? Sie lebten alle auf ihrer eigenen Insel, von der nur schmale Brücken zu den Inseln der Andern führten. Dass wir eine Gemeinschaft waren, wussten wir, zuweilen war der eine oder der andere stolz darauf. Den Meisten jedoch war die Bundesrepublik Deutschland ein politischer Begriff oder lediglich Ordnungsmaschine für all die Individualinteressen der deutschen Allgemeinheit.

Und jetzt in diesem Augenblick, jetzt plötzlich denken viele von uns einen Gedanken, fühlen eine Leidenschaft, haben einen Willen. In dem differenziertesten wie in dem einfachsten Menschen erwacht etwas, das sie einander gleich macht, sie nah zueinander führt, mühelos verstehen sie einander, als hätten sie die gemeinsame Muttersprache vergessen und fänden sie nun wieder.
Wir fühlen uns als ein Volk. Und der Deutsche entdeckt, dass dieses Gefühl eine unwiderstehliche, mystische Kraft ist, etwas ganz Heißes und Lebendiges, etwas, das stark und einfach macht.

Dieses Gefühl, wie ein Wunder in großer Unruhe geboren, ist zwingend wie die Liebe, aber eine Liebe, die den Einzelnen über sich selbst erhebt, damit er sich Eins wisse mit seinem Mitmenschen. | Was zur Wahl steht oder Traum bleibt.

Gedanken, inspiriert durch Eduard Graf Keyserling

Hans Paasche: Brief 9 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Neunter Brief

Birkhain, den 15. Oktober 1913.

Hans Paasche-ReiseMukama, Herr der Rinder!

Seit drei Monden bin ich wieder in einer Einsamkeit und lebe auf einem Berge und in einem Walde. Hier traf mich beides: Regen und Sonne; beides: Kälte und Wärme; beides: Leid und Freude, bis endlich die Freude größer war, und das war in den letzten Tagen. Es kamen da die, welche mich lehrten, daß es eine große Hoffnung gibt in dem Volke der Wasungu. Von ihnen will ich Dir jetzt erzählen.

Als ich zum Bergwald zog, war die Zeit der Kornernte, dann begann der Gras- und Kräuterschnitt, und als der Mond wiederkehrte, gruben die Bauern die Knollen aus der Erde und pflückten die Früchte. Da war es eines Morgens. Ich hatte die wilden Horntiere belauscht, die in dem Wald brüllten, weil die Zeit ihrer Zeugung war, und ich hatte an Weisheit zugenommen, denn auch in diesem Lande sind die Tiere die einzigen Lehrmeister des Menschen. Nun legte ich mich in meiner Grashütte am Bergbache zur Ruhe. Da hörte ich unten am Wege Stimmen und erkannte in einem Rudel junger Wasungu einen Bekannten, den Mann vom Stamme der Korongo. Ich schnürte mein Bündel und eilte den Wanderern nach. Ich ergriff die Hand des Korongo. Er freute sich, und alle waren gut zu mir, die Knaben und die Mädchen. Denn auch Mädchen waren darunter, und ich sah, daß diese schön waren. Gehen konnten sie und springen; sprechen, lachen und singen. Sie hatten kein Leibgerüst und keine Zwangsschuhe. Sie trugen keine Steißfedern wilder Tiere auf dem Kopfe. Ihr eigenes Haar hing in goldenen Flechten über den Rücken, und Kränze roter Beeren schmückten die Köpfe. Als Lukanga das alles sah, war er froh und folgte ihnen, wohin sie gingen: den Berg hinab und wieder auf einen andern Berg hinauf, wo ein alter Häuptlingssitz emporragte.Weiterlesen

Hans Paasche: Brief 8 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Achter Brief

Hans Paasche-ReiseMukama!

Das Buch Hiob schildert den Leviathan im 41. Kapitel: Aus seinem Munde fahren Fackeln, und feurige Funken schießen heraus. Aus seiner Nase geht Rauch, wie von heißen Töpfen und Kesseln. Sein Herz ist so hart wie ein Stein (verkalkt!).

Mukama!

In Ibrahimus Brief lese ich, Du fragst nach der Sitte des Rauchstinkens. Er schreibt: »Der König ließ die trockenen Stinkblätter, die Du sandtest, in eine leere Hütte bringen und anzünden. Der ganze Hof war zugegen; alle rochen den Rauch und husteten. Es ist unbegreiflich, wie Menschen den Rauch ertragen können. Es war aber ein Mann von Karagwe da, der kannte die Blätter; er sagte, man müsse sie in der Hand zerreiben, in die Nase einatmen und die Nasenlöcher durch eine Klammer verschließen. Solchen Brauch habe er bei einem Volke kennengelernt.« Das schreibt Ibrahimu. Anders aber ist die Sitte der Wasangu.Weiterlesen

Hans Paasche: Brief 7 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Siebenter Brief
Wie die Deutschen den Geburtstag ihres Königs feiern.

Hans Paasche-ReiseMukama, Du Schlanker, wärmendes Licht!

Du bist der größte der Könige. Aber auch der König der Wasungu ist stolz und mächtig. Unzählbar sind seine Krieger, blinkend ihre Waffen, groß ist ihr Mut. Sie lieben ihren König und ehren ihn, weil er edel gesinnt ist seinem Volke. Dein Knecht Lukanga kann dir Großes und Schönes berichten, wie Tausende junger Männer in Kraft und Schönheit dahergehen und Waffen zu tragen wissen. Das eine aber sähe Dein Auge, auch wenn es trübe wäre, und seine Sinn wüßten es, auch wenn Staub auf ihnen läge: die Wasungu ehren ihren König auf ihre Weise, die Wakintu Dich auf andere Weise. So mächtig auch der König der Wasungu ist, die niedrigen Gebräuche seines Volkes vermag er nicht zu hindern. Und wisse:

Die Wakintu feiern den Tag Deiner Geburt durch Fasten; die Wasungu den Geburtstag ihres Königs, indem sie viel in ihren Bauch hineintun.Weiterlesen

Hans Paasche: Brief 6 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Sechster Brief

Hans Paasche-ReiseMukama! Freund der Stiere!

Die Berge und Täler Kitaras sind durch schmale Steige verbunden, auf denen Rinder, Schafe und Menschen gehen. Wo der Boden von Quellen erweicht ist, treten die Rinder in ihre alten Spuren und lassen Erdschollen wie Schwellen zwischen ihren Tritten. Über die Papyrussümpfe der Talsohlen legen Deine Wahutu Rohrbündel, und am Strom wartet ein ausgehöhlter Baumstamm, der als Fähre dient. An den Strohhütten unterm Felsen stehen Bananen: das Korn lagert in geflochtenen Körben, die auf Pfählen stehen, und in einer hohlen Kürbisschale reicht ein Mädchen dem Wanderer den Honigtrunk. Die Häuptlinge der Vulkane Karissimbi, Sabinjo, Niragongo grüßen herüber. Die Wolken, die über ihnen lagern, ergießen ihre Tropfen auf die Täler, und das Wasser fließt in lieblichen Bächen zur Ebene des Kagara. Und jetzt wende Deinen Blick von dieser erhabenen Ruhe und Schönheit in das Land der Wasungu. Es ist, als wenn Du auf einen Schwarm von Termiten sähest, die der Steppenbrand in Todesangst versetzte. Die einen tragen hier, die anderen dorthin Steinchen, Eier, Blätter. Du kannst nicht von Wanderern sprechen, auch nicht von Fußwegen und von der Ruhe der Täler. Die Wasungu rasen durch ihr Land hin und her. Sie ebnen die Wege, legen glatte Eisenbalken darauf und lassen Wagen darauf entlang toben, in die sie sich setzen. Du glaubst, sie hätten sehr Wichtiges am andern Ort zu tun. Ich habe das noch nie erfahren. Sie haben wie wir Eltern, Geschwister und Kinder, die krank werden oder sterben, sie haben Sorgen und Änste. Deshalb, sagen sie, rasen sie durch das Land; also in all den Fällen, in denen wir in Kitara gehen oder zu Hause bleiben. Aber noch merkwürdiger ist, was sie mit den Sachen anstellen, die sie überall zusammenkratzen. Auch die packen sie auf Wagen und lassen sie völlig sinnlos so schnell durch das Land fahren, daß man nicht nebenher laufen kann. Sinnlos sage ich; denn ich sah es oft, daß Wagen aneinander vorbeifahren, die mit derselben Ware beladen sind. Überall an diesen Eisenbalkenstraßen stehen Männer, die aufpassen, pfeifen, b asen und winken, klingeln und nach den Zeitzeigern sehen, die aufgestellt sind oder die sie an einer Kette am Leibe tragen. Diese Narrheit nennen sie Verkehr und halten den Unfug für so wichtig, daß sie nachts nicht schlafen, sondern Fackeln anstecken und bunte Lichter schwenken. Die Menschen, die in den Wagen fahren, haben Bücher, in denen geschrieben steht, wie schnell die Wagen hin und her rasen. Sie sehen immerzu in diese Bücher und auf die Zeitzeiger in ihren Kleidertaschen. Die ältesten Leute noch freuen sich kindisch über diese Verrücktheiten.Weiterlesen

Hans Paasche: Brief 5 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Fünfter Brief

Hans Paasche-ReiseDein königliches Herz erzürnt sich, weil ich Dir noch nicht schrieb, was die Wasungu essen?

Großer und mächtiger Herr! Gebiete Deinem Volke zwei Tage Schweigen, damit das Furchtbare, was ich Dir jetzt erzählen werde, in Deinem Verstande Platz finde: Die Wasungu sind Seelenesser, sind Kannibalen.

Sie vermischen die Nahrung, die die Erde spendet, mit Teilen verschiedener Tiere. Besonders Schweine, Rinder und Pferde werden getötet und in viele Teile zerschnitten und zerhackt [Fußnote].

Hunde werden in einer Stadt mit Namen Halle geschlachtet und gegessen. Katzenfleisch wird nur heimlich unter die Nahrung gemischt. Niemand würde es kaufen, wenn jemand es anböte, deshalb wird es kleingeschnitten und mit anderen Fleischstücken in Tonnen gesammelt, dann wird es in Därme von Rindern hineingetan und verkauft. An einigen Orten vermischen sie es auch mit Mehl und Fett und essen es aus Muschelschalen. Nur Menschen dürfen nicht geschlachtet und gegessen werden.Weiterlesen

Hans Paasche: Brief 4 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Vierter Brief

Hans Paasche-ReiseMukama!

Du fragst, wozu die Wasungu Wagen gebrauchen und weshalb sie ohne Unterschied hin und her fahren? So denke an den Weg von Niansa nach Rubengera. Jetzt geht dort ein Träger vier Tage, ein Bote zwei. Der Sungu würde einen Eisenbalkenweg bauen, damit dieser Bote in einem Tage hinkommt. Um den Weg zu bauen, müssen viele Tausende von Menschen dorthin gehen und arbeiten und zurückgehen. Andere müssen diesen Nahrung und Brennholz bringen. Die Arbeiter bekommen Lohn. Den wollen sie ausgeben. Deshalb muß ein Inder mit vielen Lasten Stoffen, Mützen, Perlen und Schnaps kommen. Dann ein Sungu, der dabei steht, schreit und aufschreibt. Dann Waren für den Sungu. Dann Träger, die Holz und Steine für ein Haus für die Waren des Sungu bringen. Dann ein Sungu, der diese Waren zählt und aufschreibt und eine Abgabe dafür einnimmt. Auch für den muß ein Haus gebaut werden und ein zweites für den, der aufpaßt, daß der Geldeinnehmer das Geld nicht für sich behält. So sind wir schon mitten in einem »gesunden« Wirtschaftsleben oder in einer »gesunden wirtschaftlichen Entwicklung«. Es kommt dann schon ein Sungu, der von dem Betrieb Bilder macht und ein Buch darüber schreibt. Es wird ein Haus gebaut, in dem die Wagen der Eisenbahn repariert werden. In dem Hause arbeiten Menschen, die mit den Wagen geholt werden. Dazu braucht man Kohle und Holz, die holt man mit den Wagen und heizt die Maschine des Wagens mit Kohlen. Man baut also die Wagen, um Kohlen zu holen und holt Kohlen, um die Wagen zu bauen. Betrieb, Verkehr, Rauch, Lärm und Fortschritt, also das, was die Wasungu Kultur nennen, ist dann im Gange. Auch siedeln sich Kaufleute, Schnapsverkäufer und käufliche Mädchen an, um den Arbeitern das Geld wieder abzunehmen. Weil dann durch die Begehrlichkeit, die in den Arbeitern geweckt wurde, und durch den Schnaps Unordnung entsteht, müssen bewaffnete Aufseher mit den Wagen gebracht werden und andere Männer, die aufschreiben, welcher Art die Unordnung ist und wie das heißt, was die Arbeiter Unordentliches getan haben. Für diese Schreiber aber mu wieder ein Haus gebaut werden, und damit die Arbeiter, die Unordentliches getan haben, nicht nach Hause gehen, bevor alles fertig aufgeschrieben ist, müssen Käfige gebaut werden, in die man die Arbeiter einsperrt, füttert und bewacht. Es muß aber wieder mit den Wagen Kohle und Eisen geholt werden, um die Gitterstäbe der Käfige zu machen. Dann muß Wasser in die Häuser bei Schreiber und Aufseher geleitet werden und künstliches Licht, damit auch nachts geschrieben werden kann, wenn die Natur es verbietet. Dann muß ein Haus gebaut werden für den Mann, der aufschreibt, welche von den Schreibern »Herr Ober« heißen und ein anderes, in dem ausgedacht wird, wieviel jedes Haus bezahlen soll, um die Aufseher und die Schreiber zu bezahlen. Dieses alles nennen sie die »Regierung«. So entsteht eine große Stadt, eine Kulturzentrale, wie die Wasungu sagen, und alles nur, weil ein Bote den Weg von Niansa nach Rubengera schneller zurücklegen sollte. Diese Stadt vergrößert sich und dann müssen mehr Wagen fahren und immer mehr. Dann braucht man Häuser, in denen die Wagen untergestellt werden und wieder Menschen, die diese Häuser bauen, bewachen, zählen und darüber schreiben. Weil aber die Menschen in solcher Stadt und bei solcher Beschäftigung verrückt werden, muß man große Häuser außerhalb der Städte bauen, in die man die Verrückten einsperrt. Dadurch entsteht wieder Arbeit und neues wirtschaftliches Leben. Die aber, die noch nicht ganz verrückt sind, müssen, um nicht völlig verrückt zu werden, sehr oft aus der Stadt hinausfahren, um in der Steppe und im Urwald zu schreien, Blumen abzureißen, Tiere aufzuspießen oder zu verscheuchen. Deshalb fahren wieder sehr viele Wagen mit Menschen hin und her. Außerdem aber müssen in der Steppe und im Urwald Häuser gebaut werden, in denen diese Halbverrückten Schnaps und Rauchrollen kaufen können, und es müssen Kästen aufgestellt werden mit Maschinen, die Radau machen, was die Wasungu lieben. Sie machen dazu viel Rauch, gießen Flüssigkeit in ihren Hals und brüllen sich gegenseitig an. Dann lass n sie Bilder von sich machen mit Trinkgefäßen in der Hand. Damit man aber in der Steppe weiß, wo die Schnapshäuser liegen, müssen an den Wegeecken Schilder aufgestellt werden, auf denen der Name der nächsten Schnapsstelle angeschrieben steht und wie weit es ist. Diese Schilder wieder müssen bewacht werden, damit sie keiner mitnimmt. Dazu werden bewaffnete Wächter angestellt. Für die werden wiederum Häuser gebaut. Weil die Schilder Geld kosten, wird der Weg durch einen Baum versperrt, der nur geöffnet wird, wenn der Wanderer Geld bezahlt. Es muß dann bei dem Baum ein Haus gebaut werden, worin der wohnt, der das Geld einsammelt, und in der Stadt ein zweites, worin der wohnt, der aufpaßt, daß der, der das Geld einsammelt, es nicht für sich behält. Außerdem müssen Wächter aufpassen, daß niemand, anstatt zu bezahlen, um den Baum herumgeht, und wenn viele Halbverrückte kommen, daß sie auf der Seite des Weges gehen, wo die rechte Hand ist. Damit aber die Halbverrückten lesen können, was auf den Schildern steht und wie weit es zu der nächsten Schnapsbude ist, müssen Häuser gebaut werden, in denen ein Mann die Kinder haut, bis sie lesen und zählen können. Das dauert acht Jahre. Auch für den Mann muß ein Haus gebaut werden und ein anderes für den, der aufpaßt, wann dieser Mann soviel gehauen hat, daß er »Herr Ober« heißen darf. Dann eins für den, der auf diejenigen aufpaßt, die sich »Herr Ober« nennen, ohne Erlaubnis zu haben oder Metallplättchen über der Brustwarze tragen, bevor sie das dazugehörige Alter erreicht haben. Damit man aber weiß, wann jemand so alt ist, daß er Metallplättchen tragen darf, müssen die Lebensjahre gezählt werden und Bücher geschrieben, in denen man sehen kann, an welchem Tage jeder einzelne aus dem Leibe seiner Mutter gekommen ist. Deshalb müssen Häuser gebaut werden und müssen Wagen hin- und herfahren, bei Tage und bei Nacht.Weiterlesen

Hans Paasche: Brief 3 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Dritter Brief

Hans Paasche-ReiseKamerere Rugawa, Vater der Rinder!

Dies ist das dritte Mal, daß ich Dir schreibe, und Du wirst schon sagen: Lukanga soll doch heimkommen und soll uns erzählen, anstatt Boten zu senden mit dem beschriebenen Papier. Werde nicht ungeduldig! Komme ich bald, dann sah ich nicht viel, bleibe ich aber lange, dann kannst Du von mir erwarten, daß ich das Land der Wasungu genau kenne und so vieles in mich aufgenommen habe, daß ich jahrelang erzählen und Du jahrelang zuhören kannst.

Was nun gerade das Handwerk des Schreibens angeht, so ist es rein unbegreiflich, daß mir in diesem Lande kein Sungu begegnet, der nicht schreiben gelernt hätte. Auch die Kinder der Bauern wissen mit Farbsaft und Federspalt umzugehen und können die Zeichen anderer lesen. Und die, welche sie das Handwerk des Schreibens lehren, glauben, daß die Bauern dadurch längere Ähren ernten und mehr Vieh besitzen.Weiterlesen

Hans Paasche: Brief 2 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Zweiter Brief

Hans Paasche-ReiseLeuchtender Kigeri!

Ich bin an einem Platze, der einsam ist. Hügel mit Büschen umgeben mich. Ein See liegt zwischen hohen Bäumen, im Schilf seiner Ufer schwimmen Enten. Im flachen Wasser stehen Kraniche, und hoch in der Luft fliegen zwei Störche, die jetzt gerade aus Kitara herübergekommen sind, wo sie die Zeit zubrachten, in der es hier bitter kalt ist und Schnee und Eis mannshoch auf dem Lande liegen, wie Du es kennst von dem Gipfel des Karissimbi. Das wilde Getriebe der Städte dringt nicht hierher, und ich könnte mir denken, ich sei in Kitara, am Ufer des Ruhiga, an den weiten Buchten des Urigi, wo der Schrei der Kronenkraniche weithin ertönt, wenn sie mit langsamem Flügelschlage über die reifen Kornfelder dahinfliegen. Es ist derselbe Schrei, den ich hier höre. Der Vogel aber sieht anders aus: ihm fehlt die buschige Krone, fehlt die weiße Brust. Bronzerot schimmert dennoch sein Hinterhaupt. Hierher bin ich gegangen, weil ich wirr wurde im Kopfe über das Neue und Widersprechende, was ich in diesem fremden Lande sah, und weil ich Ruhe haben wollte vor dem Lärm.Weiterlesen

Hans Paasche: Brief 1 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Erster Brief

Hans Paasche-ReiseOmukama! Großer und einziger König!

Ich schreibe Dir als Dein gehorsamer Diener, den du aussandtest, zu sehen, ob es einen König gebe, der Dir gleiche und ob ein Land sei, das, von Menschen bewohnt, den Menschen mehr zu bieten habe als Dein Land, Kitara, das Land der langhörnigen Rinder.

Laß mich die Antwort auf diese Fragen gleich vorwegnehmen: es gibt kein solches Land, es gibt keinen solchen König.

Was ich auf meiner weiten Reise sah, ist aber wert, daß Du es wissest, und wenn ich gesund heimkehre, kann ich es Dir auch selbst erzählen, und du erfährst es dann genauer, als wenn Dir Ibrahimu, der Mann von der Küste, meinen Brief alleine, und, wenn es Dein Wille ist, noch öfter im Kreise Deiner Wakungu (= zum Hofdienst befohlene Adlige) vorliest.Weiterlesen

Hans Paasche: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland – 1921

Hans Paasche-Reise

Inhalt – Übersicht

Einleitung des Autors & Editorial
Brief 1
– Von Münzen, deutscher „Kultur“ & Briefen

Brief 2 – Vom Rauch, von der Arbeit und der Unsitte des Bekleidens
Brief 3 – Das Handwerk des Schreibens und Lesens / Reiche und Arme / Die Wasungu sind keine Menschen / Die Frauen
Brief 4 – Weshalb die Wasungu hin und her laufen und fahren
Brief 5 – Was und wie die Wasungu essen
Brief 6 – Über die Narrheit, die die Wasungu „Volkswirtschaft“ nennen
Brief 7 – Wie die Deutschen ihren König feiern
Brief 8 – Über das Rauchstinken der Wasungu
Brief 9 – Lukanga auf dem Hohen Meißner

Einleitung

Ein Neger, den ich am Hofe des Königs Ruoma traf, ist meiner Anregung gefolgt und hat sich von dem Herrscher des Landes Kitara den Auftrag geben lassen, Deutschland zu bereisen. Lukanga Mukara ist, wie sein Name sagt, ein Mann, der von der Insel Ukara im Viktoriasee stammt. Er ist frühzeitig von der übervölkerten Insel nach der Nachbarinsel Ukerewe ausgewandert und hat dort bei den »weißen Vätern« lesen und schreiben gelernt. Dann ist er auf einer Reise dem Pater, den er begleitete, entlaufen und bei Ruoma, dem König von Kitara, geblieben, wo er als Dolmetscher, Erzähler und Gerichtsberater seine reichen Kenntnisse verwertete. Dort lernte ich ihn kennen.

Die Briefe des Lukanga haben einen besonderen Wert. Der fremde Mann legt an die Zustände in Deutschland seinen Maßstab. Was uns gewohnt erscheint, fällt ihm auf. Seine Beobachtungsgabe und die Nacktheit seines Urteils bringen es mit sich, daß er bedeutend über Dinge sprechen kann, denen wir selbst gar nicht einmal unbefangen gegenüberstehen können.

Hans Paasche – 1921