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Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre

Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre • Gedichte in Prosa

Unter einem großen grauen Himmel, in einer großen staubigen Ebene ohne Wege, ohne Rasen, ohne eine Distel, ohne eine Brennnessel, traf ich eine Schar Menschen, die gebückt dahinschritten.
Ein jeder von ihnen trug eine riesige Chimäre auf dem Rücken, so schwer wie ein Sack Mehl oder Kohle, oder wie die Rüstung eines römischen Fußsoldaten.
Aber das entsetzliche Ungeheuer war nicht eine träge Last; im Gegenteil, es umklammerte und presste den Menschen mit seinen elastischen und mächtigen Muskeln; es hängte sich mit den langen Krallen an seine Brust, und sein fabelhaftes Haupt überragte die Stirn des Menschen wie einer jener furchtbaren Helme, mit denen die alten Krieger den Schrecken des Feindes zu vermehren hofften.
Ich fragte einen dieser Menschen, wohin sie also gingen. Er antwortete mir, dass er dies nicht wisse, weder er noch die andern; dass sie aber offenbar irgendwohin gingen, da sie von einem unwiderstehlichen Drange getrieben würden.
Etwas Seltsames ist zu bemerken: keiner dieser Wanderer schien dem wilden Scheusal, das sich ihm an den Nacken hängte und ihm am Rücken klebte, zu zürnen; es schien, dass er es als einen Teil seiner selbst ansah. Alle die müden und ernsten Gesichter zeugten von keinerlei Verzweiflung; unter der blendenden Himmelskuppel, die Füße in dem Staub der Erde begrabend, die ebenso trostlos wie der Himmel war, wanderten sie mit dem ergebenen Ausdruck jener dahin, die immer zu hoffen verurteilt sind.
Und der Zug schritt an mir vorüber und tauchte in die Atmosphäre des Horizontes, dort wo die gewölbte Oberfläche des Planeten sich der Neugierde des menschlichen Blickes entzieht.
Und einige Augenblicke lang wollte ich entschieden dies Geheimnis verstehen; aber bald überfiel mich die unwiderstehliche Gleichgültigkeit, die mich noch tiefer beugte, als selbst jene es waren, die von ihrer Chimäre erdrückt wurden.

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Der Autor | Charles-Pierre Baudelaire (* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda) war ein französischer Schriftsteller. Er gilt heute als einer der bedeutendsten französischen Lyriker und als wichtiger Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa. Für die direkten Zeitgenossen, das heißt, für die nicht allzu vielen Leser, die seinen Namen kannten, war Baudelaire vor allem ein kompetenter Verfasser von Berichten über Kunstausstellungen, ein guter Literaturkritiker, ein fleißiger Übersetzer Poes sowie ein Wagner-Enthusiast und -Promotor. Doch schon der nachfolgenden Lyriker-Generation, den Symbolisten (z. B. Verlaine, Mallarmé oder Rimbaud), galt er als epochemachendes Vorbild. Diese Anerkennung hat Baudelaire selbst nicht mehr erlebt.
Seit längerem ist Baudelaire in Anthologien und Schullesebüchern der am besten vertretene französische Lyriker. Auch in andere Länder wirkte seine Dichtung hinüber. In Deutschland beeinflusste sie unter anderem Stefan George, von dem die erste deutsche Übertragung der Fleurs du Mal stammt.

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Der Künstler | Edward Okuń (* 1872 in Wólka Zerzeńska bei Warschau; † 1945 in Skierniewice) war ein polnischer Maler des Jugendstils, Mitglied von verschiedenen Freimaurerlogen.
Er entstammte einer Adelsfamilie, wurde früh Vollwaise. Er wurde von den Großeltern erzogen.
Edward Okuń blieb dem Jugendstil sein ganzes Leben treu. Er beschäftigte sich mit der Malerei, Buchgrafik, schuf auch Fresken auf der Fassade seines Wohnhauses auf dem Warschauer Altstadtmarkt. Er entwarf Umschläge für die Münchener Zeitschrift „Jugend“ und für die Warschauer „Chimera“.

 

Geplante Reiseroute START: dieser kleine Ort in der Elbtalaue ⇒ …..
 Altstadtmarkt | Warschau • urban sketching: die Fresken auf der Fassade des Wohnhauses Edward Okuńs
 Der Platz Chimaira bei Olympos im kleinasischen Lykien • Dort lebte die Chimaira aus der griechischen Mythologieeine Fackel mit dem „ewigen Feuer der feuerspeienden Chimaira“ entzünden und bei Nacht unter freiem Himmel aus Hesiods Theogonie lesen. [Das obere Feuerfeld erklimmen.] ⇒…..

Charles Baudelaire • Das Bekenntnis des Künstlers • Gedichte in Prosa

Charles Baudelaire • Das Bekenntnis des Künstlers • Gedichte in Prosa

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Wie die sich neigenden Herbsttage ergreifend sind! Ach, ergreifend bis zum Schmerz! Denn es gibt gewisse köstliche Stimmungen, deren Unbestimmtheit die Heftigkeit nicht ausschließt; und es gibt keinen schärferen Stachel, als den des Grenzenlosen.
Welches Entzücken, seinen Blick in die Unendlichkeit des Himmels und des Meeres zu tauchen! Einsamkeit, Schweigen, die unvergleichliche Reinheit des Azurs, ein kleines Segel, das am Horizont erschauert und in seiner Winzigkeit und seiner Vereinsamung das Abbild meines unheilbaren Daseins ist, das eintönige Lied des Wellenschlages, alle sie denken durch mich oder ich denke durch sie (denn in der Größe der Träumerei verliert sich bald das Ich!); sie denken, sage ich, aber melodisch und farbenbunt, ohne Spitzfindigkeit, ohne Schlüsse, ohne Absichten.
Gleichwohl ob diese Gedanken von mir ausgehen oder von den Dingen – bald überwältigen sie mich; die Stärke der Lust erzeugt ein Unbehagen und ein wirkliches Leiden. Meine überspannten Nerven beben nur noch schrill und schmerzhaft. Und jetzt bestürzt mich die Tiefe des Himmels; seine Klarheit entsetzt mich. Die Gefühllosigkeit des Meeres, die Unwandelbarkeit des Schauspiels empört mich … Ah! muss mau ewig leiden oder ewig die Schönheit fliehen? Natur, du Zauberin ohne Erbarmen, immer siegende Gegnerin, lass ab von mir! Lass ab davon, meine Sehnsucht und meinen Stolz zu erproben! Das Suchen nach Schönheit ist ein Zweikampf, bei dem der Künstler aus Bangigkeit schreit, bevor er noch besiegt wird.

Charles Baudelaire – Die Blumen des Bösen

Sappho and Erinna iin einem Garden in der Hafenstadt Mytilene - 1864 - Simeon Solomon 1840-1905
Sappho and Erinna iin einem Garden in der Hafenstadt Mytilene – 1864 – Simeon Solomon 1840-1905

Lesbos

Mutter lateinischer Spiele und griechischer Wonnen,
Lesbos, wo Küsse schmachtend und feurig und zag,
Frisch wie die reifende Frucht und heiss wie die Sonnen
Die Nächte geschmückt und den fröhlich leuchtenden Tag;
Mutter lateinischer Spiele und griechischer Wonnen,

Lesbos, wo Küsse sind wie die stürzenden Fluten,
Die ohne Zagen sich werfen in grundlose Schlucht
Und seufzend verrinnen und schluchzend verbluten,
Stürmische Küsse, geheim und voll brennender Sucht;
Lesbos, wo Küsse sind wie die stürzenden Fluten!Weiterlesen