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Johannes Pfeiffer | Über die Verantwortung dem literarischen Text gegenüber

Ein kleiner Denkanstoß, der den interpretierenden Leser zur höchsten Verantwortung dem Kunstwerk, dem Gedicht gegenüber animieren soll:

„Es ist eine weit verbreitete Unsitte: dass man sich nacherzählend im Dichterisch-Dargestellten wie in einem realen Erlebnis ergeht. An eine verwaschene Inhaltsangabe, die das vom Dichter Gesagte in pseudo-poetischer Umschreibung eben noch einmal sagt, schließen sich ein paar Wendungen von unbestimmter Allgemeinheit, in denen der Zauber des betreffenden Werkes (in „verschwommenem Gerede”) gefühlig gepriesen wird.
Solchem Nachdichten gegenüber ist die eigentliche Aufgabe gerade umgekehrt die: dass wir die dichterische Aussage in ihrer besonderen Geformtheit und damit in ihrem Zeichenwert erfassen, und dass wir unsere Ergriffenheit statt durch allgemeine Redensarten vielmehr beweisen in der Zucht einer liebevollen Versenkung und in der Hingabe an die gestalthaft-entäußerte Vision…
Wie man etwas Transrationales in begrifflich-disziplinierter Form erfassen und erhellen soll, ohne ohne es durch Rationalisierung zu verfälschen: das ist allerdings immer wieder das Problem.

Aus dem Vorwort „Wege zur Dichtung“ von Johannes Pfeiffer, Hamburg 1960.
Johannes Pfeiffer (1902 – 1970) hat als Schriftsteller über germanistische, dichterische und philosophische Fragen Bekanntheit erlangt, die er in wissenschaftlicher Weise bearbeitet hat. Seine Dissertation lautete „Das lyrische Gedicht als ästhetisches Gebilde, ein phänomenologischer Versuch“.

Romano Guardini | Über das Interpretieren von Texten

In seinem Buch „Gegenwart und Geheimnis – eine Auslegung von fünf Gedichten Eduard Mörikes” fasst Romano Guardini seine Bemerkungen über Sinn und Weise des Interpretierens dahin zusammen:

Wer interpretiert, sucht in eigener Weise zu klären, was ein Anderer in der seinen gestaltet hat… Das Gedicht ist Aussage und Ausdruck; so hat der Interpret zu zeigen, was da ausgesagt und ausgedrückt wird… In einer Dichtung aber ist das, was sie sagt, und die Weise, wie sie es sagt, ganz eins. Das Wie, die Form, gehört in das Was, den Inhalt mit hinein, und der Inhalt liegt schon in der Weise, wie er zum Ausdruck gelangt. Ja, die Form ist der Inhalt . . .
Wer interpretiert, holt etwas früher Geschaffenes in die eigene Gegenwart herein. Er stellt etwas, das sich aus sich selbst heraus gestaltet und so dem Wandel enthoben hat, wieder in die Zeit, indem er es – wie das gar nicht anders möglich ist – von den Voraussetzungen seiner eigenen Gegenwart heraus versteht . . .

Romano Guardini, Taufname Romano Michele Antonio Maria Guardini (1885 – 1968 ) war ein katholischer Priester, Jugendseelsorger, Förderer der Quickborn-Jugend, Religionsphilosoph und Theologe.