Schlagwort: Arno Holz

Arno Holz ¦ Hinter hohen Mauern

Foto: Rico Löb
Foto: Rico Löb

Arno Holz ¦ Hinter hohen Mauern

Hinter hohen Mauern
hinter mir
liegt ein Paradies.

Grüne, glitzernde Stachelbeersträucher,
eine Strohbude
und Bäume mit Glaskirschen.

Niemand weiss von ihm.

An einem Halm
klettert ein Marienkäferchen,
plumps, und fällt in goldgelbe Butterblumen.

Hilfreich neigen sich Tausendschönchen,
Stiefmütterchen machen ein böses Gesicht.

Verschollen
glänzen die Beete!

Arno Holz, „Phantasus“

Arno Holz – Rote Dächer!

Rote Dächer!

Aus den Schornsteinen, hier und da, Rauch,
oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu Tauben.
Es ist Nachmittag.
Aus Mohdrickers Gartern her gackert eine Henne,
die ganze Stadt riecht nach Kaffee.

Ich bin ein kleiner, achtjähriger Junge
und liege, das Kinn in beide Fäuste,
platt auf dem Bauch
und kucke durch die Bodenluke.
Unter mir, steil, der Hof,
hinter mir, weggeworfen, ein Buch.
Franz Hoffmann. Die Sklavenjäger.

Wie still das ist!

Nur drüben in Knorrs Regenrinne
zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,
ein Mann, der sägt,
und dazwischen, deutlich von der Kirche her,
in kurzen Pausen, regelmäßig, hämmernd,
der Kupferschmied Thiel.

Wenn ich unten runtersehe,
sehe ich grade auf Mutters Blumenbrett:
ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkoyen, eine Geranie
und mittendrin, zierlich in einem Zigarrenkistchen,
ein Hümpelchen Reseda.

Wie das riecht? Bis zu mir rauf!

Und die Farben!
Jetzt! Wie der Wind drüber weht!
Die wunder, wunderschönen Farben!

Ich schließe die Augen. Ich sehe sie noch immer.

Arno Holz | Das Einleitungsgedicht zu Phantasus

Phantasustrennlinie2»Ihr Dach stiess fast bis an die Sterne,
Vom Hof her stampfte die Fabrik,
Es war die richtge Miethskaserne
Mit Flur- und Leiermannsmusik.
Im Keller nistete die Ratte,
Parterre gab’s Branntwein, Grogk und Bier,
Und bis ins fünfte Stockwerk hatte
Das Vorstadtelend sein Quartier.

Dort sass er nachts vor seinem Lichte,
– Duck nieder, nieder, wilder Hohn! –
Und fieberte und schrieb Gedichte,
Ein Träumer, ein verlorner Sohn.
Sein Stübchen konnte grade fassen
Ein Tischchen und ein schmales Bett;
Er war so arm und so verlassen
Wie jener Gott aus Nazareth!

Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
Die Welt, ihn aus: »Er ist verrückt!«:
Ihm hatte leuchtend auf die Stirne
Der Genius seinen Kuss gedrückt.
Und wenn, vom holden Wahnsinn trunken,
Er zitternd Vers an Vers gereiht,
Dann schien auf ewig ihm versunken
Die Welt und ihre Nüchternheit.

In Fetzen hing ihm seine Bluse,
Sein Nachbar lieh ihm trocknes Brod,
Er aber stammelte: »O Muse!«
Und wusste nichts von seiner Noth.
Er sass nur still vor seinem Lichte
Allnächtlich, wenn der Tag entflohn,
Und fieberte und schrieb Gedichte,
Ein Träumer, ein verlorner Sohn!«

trennlinie2Phantasus ist ein Lyrikzyklus von Arno Holz und gilt als das Hauptwerk dieses Dichters.

Erstmals erschien Phantasus 1898/99 in zwei Heften zu jeweils 50 kurzen Gedichten. Nach Vollendung seines großen Dramas Ignorabimus (1913) begann Holz seinen Gedichtband umzuarbeiten und stark zu erweitern. Das vorläufige Ergebnis dieses Arbeitsprozesses kam 1916 in den Druck (336 Seiten). Bis zu seinem Tod 1929 schrieb Holz weiter am Phantasus. Die letzte noch von ihm selbst publizierte Fassung von 1924/25 ist 1345 Seiten, eine 1961/62 besorgte Nachlass-Ausgabe sogar 1584 Seiten stark.

Einen großen Teil der Gedichte des ursprünglichen Phantasus-Zyklus hatte Holz bereits in verschiedenen repräsentativen Zeitschriften und Anthologien der Jahrhundertwende publiziert.

Der auf eine romantische Tradition zurückweisende Titel des Werkes ist der Name einer Gestalt der antiken Mythologie. Bei Holz wird Phantasus (griech. Phantasos), ein Sohn des Schlafes, der durch seine vielfältigen Verwandlungskünste die menschlichen Träume erzeugt, zur Allegorie der dichterischen Existenz stilisiert. Thema des Phantasus ist das phantasiegelenkte Bewusstsein des Dichters, das sich durch eine Fülle von Metamorphosen aller Erscheinungen bemächtigt. Zu dieser poetischen Selbstdarstellung erklärt Holz: „Das letzte ‚Geheimnis‘ der… Phantasuskomposition besteht im wesentlichen darin, daß ich mich unaufhörlich in die heterogensten Dinge und Gestalten zerlege.“

Der naturwissenschaftliche Hintergrund des Phantasus ist vor allem durch die biogenetischen Theorien Ernst Haeckels bestimmt; das lyrische Ich durchwandert alle Entwicklungsstadien der lebenden Substanz, indem es sie in Metamorphosen nachvollzieht. In einer Selbstinterpretation heißt es bei Holz: „Wie ich vor meiner Geburt die ganze physische Entwicklung meiner Spezies durchgemacht habe, wenigstens in ihren Hauptstadien, so seit meiner Geburt ihre psychische. Ich war ‚alles‘, und die Relikte davon liegen ebenso zahlreich wie kunderbunt in mir aufgespeichert.“

Der lyrische Stil des Phantasus ist ein Pendant zur Technik des von Arno Holz und Johannes Schlaf (1862–1941) gemeinsam für Drama (vgl. Die Familie Selicke) und Prosa (vgl. Papa Hamlet) entwickelten naturalistischen „Sekundenstils“.

Phantasus, 1898/99

Arno Holz – So einer war auch er! Lyrik

Matatma Ganditrennlinie2Liegt ein Dörflein mitten im Walde,
überdeckt vom Sonnenschein,
und vor dem letzten Haus an der Halde
sitzt ein steinalt Mütterlein.
        Sie läßt den Faden gleiten
        und Spinnrad Spinnrad sein
        und denkt an die alten Zeiten
        und nickt und schlummert ein.

Heimlich schleicht die Mittagsstille
durch das flimmernde grüne Revier.
Alles schläft; selbst Drossel und Grille
und vorm Pflug der müde Stier.
        Da plötzlich kommt es gezogen
        blitzend den Wald entlang
        und vor ihm hergeflogen
        Trommel- und Pfeifenklang.

Und in das Lied vom alten Blücher
jauchzen die Dörfler: »Sie sind da!«
Und die Mädels schwenken die Tücher
und die Jungens rufen:»Hurra!«
        Gott schütze die goldenen Saaten,
        dazu die weite Welt;
        des Kaisers junge Soldaten
        ziehn wieder ins grüne Feld!

Sieh, schon schwenken sie um die Halde,
wo das letzte der Häuschen lacht.
Schon verschwinden die ersten im Walde,
und das Mütterchen ist erwacht.
        Versunken in tiefes Sinnen,
        wird ihr das Herz so schwer,
        und ihre Tränen rinnen:
        »So einer war auch Er!«